Unterhaltungsblatt des Horwäris Nr. 158. Freiing, den 13. August. 1897. ORachdcull verbot«».) 8] Bimmen Vv. 13. Von Ernst von W o l z o g e n. Madame ivechfelte Blicke des Einverständnisses mit verschiedenen Gästen, die schon gleich ihr einige Zeit hier wohnen mochten, ehe sie, nasern mpsend mir erwiderte:»Wir glanbcn ja �natürlich auch nicht au solchen Unsinn; aber sie erzähle:» eben hier in der Pension so allerlei Geschichten— es sollen schon öfters Gäste, die eine Nacht in dem Zimmer zugebracht kattcn, an» anderen Tage fortgezogen sein, weil sie zu furchtbare Erscheinungen gehabt hatten." Tie junge Wirthin, die gerade im Saale anwesend war, mochte Unheil fürchten. Sic trat hinter den Stuhl der sächsischen Dame und bat sie, diese Gerüchte doch nicht weiter zu verbreite», die ja so ganz grundlos wären und ihrem Hause doch schaden könnten bei ängstlichen Leuten. „Nun ja, ich sage ja auch nichts," rief die Dame, ge» zwnngen lachend.„Der Herr da wird sich schon nicht vor dem Gespenst einer alten Jungfer fürchten!" Und dann, sich an mich wendend:„Es hat sich nämlich vor einiger Zeit eine englische Miß umgebracht, aus unglücklicher Liebe zu einem hiesigen schönen Steinschneider, ivie es heißt. Au einem Nagel gerade gcge»nib«r dem Bett soll sie sich aufge- hängt haben. Und seitdem spukt sie natürlich alle Nacht in Ihrem Zimmer herum. Einige Gäste, die auf Nummer 13 geschlafen haben, sollen erzählt haben, sie hätten deutlich eine Gestalt in» Nachtgewande an dem nämlichen Nagel hängen sehen, und dann»väre die Gestalt hmlntcrgehuppt und mit ausgebreiteten Armen auf das Bett zugeschivebt gekommen. 's ist ja natürlich ein krasser Unsinn, die pure Einbildung! Sie iverdcn sich durch so ivas schon nicht stören lassen, nicht »vahr? Ra, komm, Cainilla, ich imnische gesegnete Mahlzeit." Sie erhob sich, grüßte zufrieden lächelnd, und rauschte i»rit ihrer Tochter hinaus. Wir anderen folgten alsbald ihrem Beispiel. Da ich die letzte Nacht, von den weiche» Wellen des Mittclmccres sauft geschaukelt, ganz prächtig geschlafen hatte, so dachte ich vorläufig noch garnicht daran, iits Bett zu gehen. Ich betrat mein unheimliches neues Schlafziminer nur für einen Augenblick, nm mir einen ivänu ereil Rock für den Abend anzuziehen. Das Zimmer gefiel mir recht gut. Es war hoch und weit und daher auch schön luftig. Der Boden war natürlich auch mit den»mvermcidlichcn Kacheln belegt, aber kleine Teppiche vor den» Bett, vor dem Sofa und unter den» geräumigen Tisch in der Mitte milderten doch ein»venig den frostigen Eindruck. Auch hier fiel das Licht von der Straße her allein durch die hohe«ud breite Balkonthür ein, und»var von innen durch leicht bewegliche hölzerne Klapp- laden abzusperren. Vor den Laden hingen arg geflickte weiße Tüllgardine»». An Möbeln»var das Rothivendigste vorhanden — allerdings auch hier»viedcr jener abscheuliche eiserne Wasch- ständer— aber in dem hallenähnlichen Räume verloren sich die paar Stücke, ohne ihm ein»vvhnlichcs Ansehen geben zu können. Auf das, was»vir in Teutschland Gcmülhlichkeit nennen, muß man ja aber in Italien doch bald verzichten lernen. Ich mußte also schon mit diesem Quartier zufrieden sein. Der Geist der seligen Miß sollte mir die Nachtr»»he sicherlich nicht stören. Denn seit ich einmal in meine»»» Leben einer spiritistischen Sitzung in glänbigein Kreise b«igeivohi»t habe, ist mir jeglicher Respekt vor Geistern abhanden ge- kommen. Richtig, da stak ja noch der Nagel in der Wand, an den» die»inglücklich Liebende gehangen hatte. Ich»nußte ans einen Stuhl steigen und niich ans die Zehenspitzen erheben, um gerade mit den Finger»» dorai» zu reichen. Er saß noch bombenfest. Die Berewigte»miß eine hübsche Länge gehabt haben, um so hoch hinaufzukommen. Dicht unter den Nagel halte man, wohl nm die Stekk« zn entsühnen, ein Madonnen- bild mit a»ifgeklebtrn Goldflittern gehängt. Ganz beruhigt steckte ich mir eine Cigarre an und verließ, nachdem ich die Thür hilUer mir abgeschlossen hatte, daS Hans, um nun einmal Neapel bei Nacht zn studiren. Ich muß gestehen, daß Mitternacht längst vorüber war, als ich endlich mein Lager aussuchte, und daß n»ei»»e an- strengende nächtliche Studienreis«»»ich genöthigt hatte, verschiedene. Stationen zu machen, wobei ich denn dem Genüsse verschiedener mehr oder minder geistiger Getränke sowie auch zwischendurch einem kleineu Imbiß nicht hatte entgehen können. Man deute ja dieses Gestänvniß nicht so, als sei ich etwa be- trn»»tcn gewesen! O nein, wahrhaftig»»icht! Ich war nicht einmal angeheitert, sondern im Gcgcntheil ziemlich betrübt. Mit beginnende»»» Kopfweh legte ich mich zn Bett, und so- bald ich die Augen schloß, hatte ich das Gefühl, mich auf dem Schiffe zu befinden, nnd zwar bei stark bcivegter See— sehr erklärlich übrigens nach einer mehrtägigen Seereise. Ich versuchte vergeblich, mir klar zu machen, daß ich mich hier auf dem festen Laude, in dem schönen Neapel, Sal»ta Lucia Nummer so und so»nel,»tnd noch dazu in dem berüchtigten Zimmer Nummer 13 befinde. Dagegen tauchte die„Suinatra" mit allen Einzelheiten vor mir allf. Ich sah die Offiziere des Schiffes und alle meine Reisegefährten deutlich vor mir. Ja, ich sah sogar ebenso klar ivie ii» den Nächte» an Bord durch die Borhänge meiner Koje hindurch, wie der braune, spindel- beinige Italiener, der»nit mir dieKabu»« getheilt hatte, seinen Guinmikragen mittels Nagelbürste und Seife reinigte. Und dai»n durchlebte ich in nuruhigem Halbschlaf eine ganze Sturm- nacht mit allen intimen Schrecknissen einer solchen. Nicht allein, daß mir recht bcklominen nni's Herz»vurde, daß ein geheimnißvoller Feind in meine»»» Innern von Zeit zu Zeit nach mcnier Kehle tastete und sie mit inimer kräftigerem Griffe un, spannte, es wurden auch zu meinen Häupten Töne laut,»velch« lnir einen womöglich noch größeren Schrecken einjagte»». Ein langgezoge»ies Stöhnen, ein hohles, banges Röcheln ließ sich, llnheikverkündeiid, dort oben ver» nehmen. O dir hinimlische Güte! Wenn der Signorino mit de»n Gnmmikragen mn» von femein erhabenen Lager ans Erleichterung feiner Rothe suchte»»nd fand, so durfte ich Unglücklicher es»ncht mehr wagen, dem gleichen Drange folgend,»«einen Kopf ails der finsteren Zelle hervorzusttecken! Ich fühlte, daß eine Katastrophe auch»nir nahe bevorstehe, und die Berzweiflnrrg legte sich kalt ivie ein Eisbeutel ans nicin Kreuz. Da kam mir ein retteiider Gedanke: Umdrehen! den Kopf ans Fußende betten! Das»var min freilich bei der entsetzlichen Echinalheit und 9 Niedrigkeit der Koje nur dadurch zu ermögliche»», daß ich erst einmal ganz herauskroch, ehe ich mich umgekehrt wieder hineinlegte. Ader, ivas half's? Es mußt« gewagt sein! So, ein Bei»»var drauße»»,»»»»d nun schlug ich mit Anstrengung die Augen auf... Da— was »var das? Träumte ich? Rein, ich sah es ganz deutlich, ich hatte ja die Augen»veit auf---- eine graue Gestalt, die sich über mich gebeugt hatte, richtete sich plötzlich auf und huschte lautlos in die Dunkelheit zurück. Die Kälte ans der Krc>»zgcgend krabbelte mir»vie mit nassen Fingern an» Rückgrat hinaus; aber ich wachte doch gewiß und wahrhaftig! Mein linkes Bein hatte ich in der That aus dem Bett heransgestreckt. Aber ich»var mir doch klar, daß dies ein schönes breites italienisches Bett und keine Schiffskoje und dies ein hoher, luftiger Rani»» uird keine stickige Kabine sei. Das andere halte ich alles gettämnt. Dies»var die Wirklichkeit, und die graue Gestalt... hm, sottderbar! Ich zog»nein Bein wieder u»lter das Deckbett»»nd ließ mich mit geschloffeilen Augen auf das Kissen zitrücksinken. Aierkivürdigerweise hatte sich das Gefühl der Uebelkeit im Er- ftaunci» über diesen neuen Spuk plötzlich verloren; aber die Kälte im Rücken war auch recht unangenehm. Ein paar Minuten mochte ich so gelegen haben— niir begann sogar schon wieder»varin zn werden, als ein eigenthnmlich modrig duftender und dabei kalter Hauch mein Gesicht streifte. Ich fuhr in die Höhe, stützte mich auf meine Hände und riß die Augen weit auf. So»vahr ich... Da huschte »vieder die gra»»« Gestalt davon, und diesmal war ihr Ber- schwinden von e»nem leise sch»»rrend«n Geräusch begleitet, wie »venu man mit der Kante eines Papiers über eine rauhe Wand »vegivischte. Ii» größter Hast tastete ich a»lf dem Nachttisch herun» nach der Pappschachtel mit den Wachsstreichhölzchen. Ich kann nicht umhin, zu gestehen, daß meine Hand zltterte und daß es mir nicht sogleich gelang, ei» Kerzchen in Brai»d zn setzen. Ein halbes Dutzend nwchte ich wohl vergettdct haben, ehe e»»dlich mein Licht brannte. Mit gespannter Aufmerksamkeit starrte ich»nngs im Zimmer herum,»ach der Decke hinauf, auf de,» se»»cht gleißen» de» Boden hinunter, leuchtete unter das Bett— es war alles in Ordnung, nicht ein Schatten von irgend etwas Ungewöhn- lichem zu gewahren. Gerade dem Bette gegenüber stak der solide, berühmte Nagel, welchem die liebeskranke Miß ihren jungfräulichen Leib anvertraut hatte, und das Flackerlicht der Kerze spielte auf den Goldflittern des Heiligenbildes darunter.. Aus diesem Flackern der Kerze schloß ich auch wohl mit recht, daß der Zug, welcher vorhin mein Gesicht getroffen hatte, von der dem Kopfende des Bettes sehr nahen Thür herkommen niiisse, die wie alle italienischen Thüren erbärmlich schlecht schloß. Und der Moderduft? Ja, es wäre weit merkwürdiger gewesen, weun es in einem neapolitanischen Hause nicht nach etwas geduftet hätte. Ich legte also die gehabten Er- scheinungen meiner kleinen Magenverstimmung zur Last und löschte beruhigt das Licht aus. Da, in dem Augenblicke, als ich die Steppdecke herauf- ziehen und die Augen schließen wollte, sah ich... der hölzerne Laden von der Balkonthür schloß nicht ganz dicht und es drang von der Straße her ein Lichtschimmer herein, der immerhin genügte, um die Gegenstände an der gegenüberliegenden Wand einigermaßen erkennbar zu machen— ich sah in diesem schwachen Lichte ganz deutlich da drüben an dem bewußten Nagel eine lauge graue Gestalt hängen und langsam hin und herschwingen gleich dem Zweige einer Trauerweide, die ein weicher West- wind bewegt! Mit einem Ruck saß ich wieder aufrecht im Bett und starrte das Schreckniß an, am ganzen Leibe— wozu es leugnen— von kaltem Entsetzen geschüttelt. Und jetzt.... Serr des Himmels, wirklich ganz so, wie es andere äste gesehen hatten—— jetzt sprang die Gestalt geräuschlos von der Wand herab, bückte sich, lief ein paar Schritte, dicht an die Wand gedrängt und von jenem entsetz- liche» wischenden Geräusch begleitet, nach dem Kleiderschrank, in dessen Jnnerm sie zu verschwinden schien. Nein, das war keine Täuschung gewesen! Ich war meiner Sache ganz sicher und die fieberhafte Aufregung gab mir den heroischen Entschluß ein, das nichtsnutzige Gespenst dort im Kleiderschrank abzufaffen. Wieder tastete ich nach den Wachs- kerzchen— o weh! In meiner zitternden Hast warf ich die Schachtel vom Tisch— da lagen sie auf dem Lkachelboden weit zerstreut, mit uicheimlich phosphoreszirenden Köpfen. Ich konnte unmöglich Zeit mit Aufsammeln verlieren. Wie ein Wahnsinniger stürzte ich auf den Kleiderschrank zu, mit bloßen Füßen, waffenlos— mit meinen Händen wollte ich das Ding erwürgen, wenn es überhaupt etivas Greifbares war, und wenn nicht, dann sollte es mein furchtloser Blick allein schon in sein Nichts auflösen. Löwenkühn ergriff ich den Schlüssel des Kleiderschranks. (Schluß folgt.) (Nachdruck verdoren.) KUts gukev Fkttnilie. Skizze von Dorothee Göbeler. Ende Juli und Sonntag Abend; leuchtend liegt der kalte Schimmer des elektrischen Lichtes über dem Ansstellungspark in Moabit. Auf den Wegen und vor dein Orchester unabsehbare Menschen- massen, alle Lebensaller und alle Stände. Elegante Damen im »eneften Modekostttnie, einfache Bürgerfranen im aufgarnirten Bratenrock. Halbwüchsige Backfische, zierlich und tänzelnd, Griselte», Gigerln, Flaneure, junge und alt» Lebemänner. Und alles «ine Lust und ein Leben, ei» unentwirrbares Gemjsch von Lachen, Flüstern und Rufe», ein Ans und Nieder im Takt der rauschenden Militärmusik und der singende», sehnenden Zigeuuergeige». Papa, Mama und Lucie sitze» am User des Teiches und lassen bas bunte Treiben a» sich vorüber gleiten. Papa ist noch ganz Kunstgenuß,„Helllichtmalerei, Symbolismus, Farbenlech»it", alle Schlagwort«, die er in den Kritiken seiner Leib- und Magen- zeilnng zusamrnen gelesen, wirbeln mit und ohne Verständnis zivischen seinen Lippen hervor.— Maina hält es mit der Toilettenfrage: „Organdy ist jetzt das Neueste. Die Aermel werden immer»»- förmlicher! Mit solch einem Seidenlatz könnten wir Dein Roth- braunes auffrischen, Lucie." Lucie antwortet nicht. Sie hat sich hintenüber gelegt und spielt nervös mit de» Troddeln des ausgesahlten Sonnenschirms. Ein Zug lödtlicher Langerweile liegt auf ihrem hübschen Gesicht, es sieht fast auZ, als ob sie schliefe.— Aber sie schläft durch- au§ nicht. I» ihrem Innern gnhr« es, ein maßloser Groll, eine verbiuerte Unzufriedenheit. Worüber? Sie weiß es nicht. Ueber das Leben? Wahrscheinlich. Das Leben ist entsetzlich! Darbe» und einschränke», einschränken und darben. Ausgarnirte Kleider und »i>g» Stuben und»ur leinen Pfennig mehr ausgeben als Papas karges Lehrergehalt erlaubt, und jedes Vergnügen zugemessen.— Sie gräbt die spitzen weißen Zähne in die Unterlippe. Ja das Vergnügen,— das ist überhaupt das allerschlinunfte. So hinausgehen und unter de» Leuten sitzen und alles sehen müsse». Die vornehmen Damen beneidet sie nicht, aber die anderen, die Mädchen aus dem Volke, ja die— sie seufzt leicht. Ja diese kleinen Näherinnen und Ladenmamsells, die haben es gut. Wie sie da wieder alle hingehen und lachen und schwatzen, und jede hat ihren Liebhaber und kein Mensch fragt, ob es sich paßt und schickt. Sie dagegen— uh! Die kleine» Hacken stiefel bohren sich fest in den Sand. „Sagtest Du etwas, Lucie?" „Ich? Nein Mama." Und sie dagegen! Zwanzig Jahre ist sie nun und hat noch nichts vom Lebe» gehabt, nichts als die paar langweiligen Lehrer» kränzchen und die Spaziergänge mit Papa und Mama. Und immer moralisch und sittsam sein und nie hinausdürsen und sich ausleben können! Die kleinen Hände ballen sich unwillkürlich zu Fäusten.— Sie hat es so satt, als gute Tochter an Mamas Seite zu sitzen, ewig bevormundet, abgeschlossen von allem, was Lust und Leben bringt. Sie möchte frei sein, nur einmal los sein von dem Banne des„Es schickt sich nicht". Ans was soll sie denn überhaupt warten? Auf den Mann? Bah!— Ein spöttisches Lächeln kräuselt ihre Lippen— sie und Heirathen— sie, die arme Lehrertochter! Und was dann also? Verblühen, verwelken? alte Jungfer werden? Niemals erfahre» ivas L>ebe heißt? O nein— nein! Und wenn nun der Mann doch noch käme? Was für einer könnte es denn sein? Wieder ein Lehrer, wie der Papa, oder ei» Kanfmann, oder ein kleiner Beamter, und das alte Elend begänne von neuem. Enge Stuben, vier Treppen hoch, und Hausfrau spielen, und Kiuderivarten— schrecklich. Nein, sie hat noch andere Ideal«. Sie hat den Liebesrausch gelesen, Tovotes Liebesrausch, das ist das Leben, von dem sie kosten möchte. So eine» haben, mit dem man hinausfährt und dann durch die Wälder streift, oder zu zweien im schaukelnden Boot— oder in stiller Laube— und dann Champagner trinken— und dann nach Haus, und dann— und dann— Sie wagt nicht auszudenken. Wüste Bilder tanzen vor ihren Augen. Ihre Pulle fliegen. O dieses Menschengewühl— es macht sie schwindeln! Wenn sie da jetzt hinein könnte, da würde sie ihn finden! Wen? Sie ist sich nicht klar darüber. Irgend einen, ihn, der sich nie verirren wird in Papas enge Lehrerwohnung, ihn, der auch ihr das Lebe» bringt!— Mit einem unheimlich starren Blick folgen ihre großen Augen de» Proinenirenden, dann zuckt sie plötzlich zusammen. Die Musik ist entsetzlich!— Wie das singt und lockt»nd schmeichelnd durch alle Nerven zieht!— Und diese Blicke, die ans der Menge zu ihr herüberfliegen! Staunende Blicke, lüstenie Blicke, verlangende Blicke: Hier sitzi du und langweilst dich? Komm doch heraus, bei uns ist die Lust und das Lebe», komm doch, genieße, komm! Und dabei hier ans dem Stuhl sitzen müssen, sittsam nnd bescheiden, als anständiges junges Mädchen!— Es prickelt ihr in allen Gliedern, ei» zorniger Trotz flammt über ihr Gesicht, sie will nicht mehr!— Nein, sie will nicht mehr. Sie verlangt ihr Recht auf LebenS- tust nnd wen» sie zehnmal aus guter Familie ist.— „Willst Du fortgehen, Lucie?" „Noch einmal nach dem Hauptsaal, Mama!" „Aber, mein Gott, so bleib doch— Di» hast ja alles gesehen." „Ich bin ja gleich»nieder hier. Mania, nur eine Biertelstilnde, ich bin vorhin fast garuicht an die Porträts herangekominen." „So? Dann laus nur, aber bleib nicht so lauge."— Und nun ist sie frei!— Ihr ganzer Körper reckt sich im Vollgefühl des Freiseins. Es jällt ihr garnicht ein, den Weg nach den Bilderfäle» einzuschlagen. Langsam schlendert sie mit den Andern dahin. Jeder Zug von Schläfrigkeit ist ans ihrem Gesicht verschwunden. Ihre Augen sind offen und groß »ind habe» einen fordernde» Ausdruck angenonime». Sie ist in nichts mehr das sittsame Bürgermädchen. Sie ist die Dirne, die da »veiß, daß sie schön ist, das Weib,»velches sich seilbietet, um zu genießen, Eva. die erivacht ist, Eva, die ihren Ada»»» sucht. Und Adam ist da— ihre Blicke begegnen sich in jener stummen Sprache, die sich ohne Worte sofort versteht. Er hält sich dicht hinter ihr. sie kann seine» heißen Athem fühlen. Sie weiß, daß es iiur eines Zeichens, einer einzigen Be- ivegung bedarf, um ihn zu einer Annäherung zu bringe», rein instinktiv schlägt sie einen dunkleren Seitenpfad«in und richtig, da ist er an ihrer Seite: „Schöi»«r Abend. Fräitlein." „Oh— herrlich!" Ihre braunen Augen blitzen ihn an, sie weiß selbst nicht,»voher sie den Muth zu ihrer neuen Rolle nimmt. „Darf ich Sie begleiten?" „Wenn es Ihnen Vergnüge» macht— aber ich—" sie bricht ab und greift»ach einem Halt, der Boden der kleinen Brücke, auf dein sie stehen, ist naß und schlüpfrig.-- „Oh sieh— beinah wärst Du gefallen?" Sie steht»vie gelähmt, es ist»virklich Mama? Stimme, die es zn ihr spricht, nnd Mamas Hand, die sie vor de», Ausgleiten schützt. Oh»vaS nun? Sie wirst einen scheuen Blick znr Seite. Allein der Begleiter ist schon wieder verschwunden und Maina hat offenbar»ichtS gemerkt, ruhig schiebt sie den Arm unter de» der Tochter:„ES ist nur gut, daß ich Dich»och traf, Lucie, es fiel mir erst»achiier ei». Du kannst hier nicht allein gehen, es paßt sich nicht für ein Mädchen aus guter Familie!" Lncie läßt sie reden. Sie ist wieder ganz geknickt, ganz die Tochter aus anständigem Hause, sittsam und bescheiden mit schläfrig gesenkte» Lidern, aber während sie durch den erleuchteten Park den Bilversälen zuschreiten, flainnit durch ihr Hirn nur der eine Ge- danke: O, die verwünschte gute Familie!— zZeidenrÄUpen�Suchk in CTzinn. Zur Zeit des Confucius, im 5. Jahrhundert vor Christi, war die Seidenranpen-Zncht schon ein uraller Gebrauch in China, und es bestand ein Gesetz, wonach jede Familie, welche fünf Acker Landes besaß, dieses mit Maulbeerbäilinen zu bepflanzen halte, da alle Per- sonen, die ein gewisses Alter erreichten, sich in Seide kleiden mußten. Auch galt die Seide ihrer wärmenden Eigenschaft wegen als Mittel, Frostbeulen zu heilen und jede» vor Erkältung zu be- wahre». Die echte Seidenraupe geht seit uralten Zeiten mit dem Maulbeerbaum vereint durch die Welt; denn die Kultur der einen bedingt die Pflege des andere». Die Seidenraupen werden in besonderen Hänsern verpflegt, um sie vor den Wechselfällen der Witterung zu schützen. Der Wärmegrad muß genau beobachtet werden; er wird durch Sonnenwärnie oder kleine Oefen in den Ecken des Zimmers bewerkstelligt. Die Thiiren bringt man südlich, nie nach Norden hin an und hängt, um jede» kalten Luftzug zu vermeiden, noch Matten davor. Die Fenster werde» mit weißem, durchsichtige» Papier beklebt, dahinter Matten, um das Licht einzirlassen, oder abzuschließen, auch als Schutz gegen die Süv- und Ostwinde. Allen Infekten sowie den in China so häufigen Ratten und Eidechsen wird das Eindringen verwehrt. Ans Etageren und Simse werden Binsengeflechte gelegt; auf diesen krieche» die Würmer aus. Da es wichtig ist, daß alle zu gleicher Zeit das Licht erblicken, gleichzeitig fressen, wachen, schlafen und sich häuten, so tödtet man alle zn früh auskriechenden und behält nur die, welche haufenweise zugleich da sind. Tie Chinese» wähle» die Zucht sehr sorgsam nach den Hülsen(Cocons) aus; die zugespitzten, die dichte», feinen und kleinern eutballen die Männchen, die runden und gröberen die Weibchen. Die besten Cocons sind klar, etwas durchscheinend, rein und schwer. Sind die Schmetterlinge ausgekrochen, so setzt man Männchen und Weibchen paarweise auf ei» aus Maulbeer-Rinde gefertigtes Papier und deckt leichte Matte» darüber. Stach zwölf Stunden des Beisammenseins nimmt man olle Männchen fort, um den Weibchen Platz zu geben; hier lege» sie die Eier, die man vier bis fünf Tage bedeckt hält. Dann wickelt man die Papierdoge», auf welchen die Graine sich befinden, leicht zusammen und hängt sie in dem Zimmer auf. Anfangs Januar taucht mau die Grains in leichtes Salzwasser, trocknet sie und wickelt sie dichter zusammen. Einige Züchter legen sie auch eine» ganzen Tag in eine Lauge von Maulbeerbaum-Asche und tauchen sie dann schnell in Schneewasier oder hängen sie vierundzwanzig Stunden ins Freie und lassen sie gelinde beregnen oder beschneien. Mit den» Augen- blick, wo die Zweige des Maulbeerbaumes Blätter treiben, läßt man die Raupe» auskriechen, was man durch die Temperatur verzöger» oder beschleunigen kann. Die Chinesen bereiten von den Maulbeer- blättern, die sie im Herbste abnehmen und an der Sonne trocknen, ein feines Pulver, das sie in irdene Töpfe dicht verschließen; sobald die Räupchen auskrieche», streue» sie es ihnen als erste Nahrung hin, die ihnen sehr zu nmuden scheint. Man schreitet sodann zur Auswahl einer besonderen Wärterin für jedes Zimmer. Ehe sie dasselbe betritt, muß sie sich baden und rein ankleiden; sie darf durchaus keine stark riechende Speise ge- nofse» oder berührt haben, da die Raupen sehr empfindlich gegen alle Gerüche sind und leicht danach absterben. Sie muß ferner ein ganz leichtes Kleid ohne Futter tragen, damit sie gleich am eigenen Körper den Wärmegrad des Zimmers beurlheilen und ihren Pfleglingen als Thermometer dienen kau». Die Chinese» sagen: „Jeder Tag ist für die Raupe ein Jahr mit seinen vier Jahres- zeilen; der Morgen ist der Frühling, der Mitlag der Sommer, der Abend der Herbst und die Nacht der Winter." Haben die Raupen vor dem Auskriechen Kühle verlangt, so verlangen sie nach demselben groß« Wärme, die, je nach dem Stadium, in dem sie sich befinden, wechselt. Nach der großen Häutung müssen sie Kühl«, beim Spinne» große Wärme haben; bei diesem Geschäft darf sie nichts irritire» und kein Athem, der nach Wein, Salat oder gebratene» Fische» riecht, sie anhauchen; auch ist die tiefste Stille aufs strengste geboten. Die Blätter werden zwei Tage vor dem Gebrauch gesammelt und im An- fang klein geschnitten untergebreitet. In den ersten Tagen halten die Raupen stündlich zwei Mahlzeiten, nach und nach deschränkt man sie. Es ist merkwürdig, daß diese Raupen verhältnißmäßig mehr als das größte Säugethier fressen. In keinem Ort« des Orients ist die Seidenzucht bis zu solcher Kulturstufe gediehen, wie in China und Japan; selbst P-»sie», wo auch viel Seide gewonnen wird, kann mit der chinesische» nicht konkurrireil. Die Griechen nannten die Pamphilo von Kos ihre Lehrerin in der Seidenzucht. Nach einer anderen Tradition lieb der Kaiser Justiuian die Seidenraupe heimlich durch Mönche, in ausgehöhlten Pilgerstöcken bewahrt, ans Indien komme» und pflanzte selbst die gleichzeitig von Asien herüber gebrachten Samenkerne des Maulbeerbaumes in Griechenland. Von dorther verbreitete sich o.e Scidenzncht nach Italien, Frankreich und Spanien.— („Köln. VolkS-Ztg.") Vl eines Feuillekon- — Tie Natnrvcränderuugcn Californicus miter dem Einflüsse des Menschen hat. wie„Prometheus" mitlheilt, H. H. Bil.r in einer der Californischen Akademie eingereichte» Arbeit analysirt und einige merkwürdige Wechselbeziehungen dabei nachweifen können. Seit 40 Jahren— so weit reichen die Beobachtungen Behr's zurück — sind die Giftschlangen bei San Franzisko sehr selten geworden, dagegen hat sich eine nächtlich jagende Klapperschlange auf gewisse», wüst liegenden Anhöhen, wie auf dem Tamalpais und aus den Bergen hinter Oakland und Berkeley vermehrt. Der Grund ist äugen- scheinlich in der zu gunsten der Geflügelzucht der Ansiedler er- folgten Vertilgung von Adlern, Sperbern, Eulen, sowie in der AuStilgnng der Reiher zu suchen, die viele Schlangen verzehren. Anfsälligere Aenderungeu brachten einwandernde Pflanze». Sehr mißfällig ist den Bewohnern das Verschwinden eines Blüthenstrauchs ans der Familie der Rhainnee», der bis 18ök San Franzisko mit seinen schönen blauen Blüihensträuße» umgürtete und jetzt völlig den fremden Weg- und Heckenpflanzungc» Platz gemacht hat. Auf den Triften hat ihn die hier ungemein wuchernde Mariendistel aus den Mittelnieerländer» verdrängt. Einen gleichfalls erhebliche» Verlust für die Schönheit der Landschaft bedeutet das Verschwinden eines Wasscrfarus(�reoUa Carolin i-rna.), welcher die Gewässer und Sümpfe mit einer dichte», smaragdgrünen Decke versah, ähnlich aber schöner als unsere Wasserlinsen sie erzengen; ein afrikanisches Unkraut Cotula coronopifolia hat feine Stelle am Rande der Gewässer ein- genommen. Unter den Insekten ist ein früher sehr häufiger und auffälliger Schmetterling, Danais plexippus, fast ganz verschwunden, weil die Futterpflanze seiner Raupe mit der Trockenlegung der Sümpfe, in denen sie üppig wucherte, selten geworden ist. Dagegen ist der Distelfalter, der wohl unter de» Tagschnietterlingen de» vollkommensten Kosmopoliten darstellt, mit der Zunahme seiner Futterpflanzen, der Disteln, sehr häufig geworden.— Literarisches. d. S kr a m' Amalie:„K o n st a n z e Ring". Roma». Leipzig. Kollektion Wiegand. 1897.— Das alle Lied ist hier in allen Tonarten gesungen: Erst bricht die Ehe sie, und dann bricht sie die Ehe. Von Fall zu Fall wird die Geschichte komplizirter, zum Schluß sogar romanhaft-zusällig. Beschränkung sich aufzuerlegen, versteht die Dichterin nicht; mit unglaublicher Weitschweifigkeit variirt sie ihr Thema, und zeitweise bat man das Gefühl, als läse mau langathmige Sitzungsberichte einer Gesellschaft für ethische Kultur. Tie Personen sind oft unwahr in der Seelenschilderung und Charaklerzeichnung; sie sind eben nur verkörperte Prinzipien, konslruirt« Wesen ohne inneres Leben. Die Führung von Rede und Gegenrede ist so gewandt, wie in einem französische» Theaterstück, aber trotzdem ist in dem ganzen Buch auch nicht ein Abschnitt, welcher wirklich packte.— Theater. — Ans d e m S ch m i e r e n le b en. Die„Schlefische Dorf- zeilung", welche in Wohlau erscheint, lenthält folgendes Inserat: Theater-Anzeige. Hierdurch beehre ich mich, einem hochgeehrten knnstliebeuden Publikum von Wohlan und Umgegend ergebenst anzuzeigen, daß ich Freilag. den 13. August, im Saale des Herr» Thiemt, einen kurzen Zyklus von Vvrstellunge» eröffne. Mein von mir 1867 begründcies Unternehmen hat sich längst eine» vorzüglichen Ruf erworben. Strengste Decenz war mir von jeher Hauptbedingung, die Garderobe ist eine überaus elegante und das Ensemble ein abgerundetes. Die Eintrittspreise auf das Allermäßigste normirt. Von meiner Gesellschajt wird nicht der geringste Kredit be- ansprncht! Hachachtnngsvoll und ergebenst Carl Rath. Schauspiel-Direktor. Offerten betreffs Wohnungen für meine Mitglieder ersuche Herr» Thiemt übermitteln zu wollen.— Musik. — Fr. Smetana'S Oper„Dalibor" steht bereits auf dem Spielplan von mehr als zwanzig deutschen Bühne». Am 4. Oktober wird das Werk als Novität an der Wiener Oper ge- geben werde».— Erziehung und Unterricht. — lieber eine» preußischen Schulpalast wird ans den» Dorfe Schönhorst im Kreise Flatmv(Westpreußeu) berichtet: Di« Wände der mit der Inschrift„Volksschule" versehenen Lehmkai he bestehen aus rohein Lehm und zeigen vielfach tiefe, gähnende Riffe. Stroh bildet die Bedachung. In dieser Käthe sind die Schule und die L-brerwobnung. Die Schulstube ist so klein, daß 40 Kinder kaum Platz finden können Daher ist für die 80 Schüler des Dorfes Halbtageunterricht eingeführt. Die Lehrerwohnimg ist eben o klein; sie besteht aus einer Wohnstube und einer Schlaskauimer. Hier wohnt der Lehrer mit Fran und fünf Kindern. Bricht in der Lehm- knche Fener ans, so schweben die Bewohner in größter Gefahr, da .m-z Haus nur einen Ausgang hat. Heber den Ba» eines neuen C.twlhanseS wird schon seit 18 Jahren verhandelt, aber bisher immer ohne Ersolg.— Physikalisches. t. Untersuchungen von Metallarbeiten mit :!! ö n t g e n' s ch e n Strahlen hat der Franzose Radiguet in «nier Reihe von Experimenlcu angestellt und die Ergebnisse der Pariser Akademie der Wissenschaften mitgetheilt. Es wurden solgende Metallgegenstände untersucht: ein Aluminiumbarreu von Zentimetern Durchmesser,«in gewöhnliches Thürschkoß mit seinen beiden Schntzplatten, ein gußeisernes Gestell für das verkleinerte Modell einer Dampfmaschine, ein eiserner Schlüssel,»iu Zwanzig- sranksstück, ein Stück von einem Ebonitzyliuder. eine Brouce- medaille von der Ausstellung 1844, ein Fünffranks- stück, eine silberne Taschenuhr,«in Zehnzentimesstück, ein« Alnmininmmedaille. deren Rückseite vorder abgeseilt war. Die Röntgen- Photographien dieser Gegenständ« ergaben solgende interessante Thatsachen: In dein Aluminium- Barren waren genau die Luftblasen zu erkennen, die durch das Strecken des Metalles ein« längliche Form angenommen hatten. An dem eisernen Thürschloss« waren die innere» Theile zu sehen und ganz deutlich die prismatische Form des Riegels wahrzunehmen. An dem g»ß- eisernen Sockel konnte man die versckricdene Dicke der einzelnen Theile unterscheiden, sowohl an dem Gesims wie an dem konkaven Theile. das Metall war für die Strahlen genügend durchlässig, um «in unier den Sockel gelegtes Zchuiranksstück als eine» schwarzen Fleck sehr deutlich erkennen zn lassen. In dem eisernen Schlüssel sah man die Fehler des Gusses. Von dein goldenen Zwanzig- Frankstück waren Theile des Bildes auf der Photographie sichtbar. Bo» der Bronceincdaille waren Borderfeile und Rückseite gleich dentlich. Tie Taschenuhr, aus deren silberne», Gehäuse nur das Glas vorher enlsernt war, zeigt« alle inneren Theile mit großer Schärf«. Bon allen untersuchlen Gegenständen gaben nur das Ebouitstück und die Alnmimnmmedaille kein Bild. Im übrigen sind also die Metalle in de» meiste» Fälle» kein Hinderniß mehr für die Untersuchung mit den Röntgcn'sche» Strahle».-- Meteorologisches. ko. Wetterprognosen für La» dwirt he sollten, wie bereits gemeldet, in der Schweiz organisirt werden. Dieser Plan ist im Kanion Wandt zunächst für die Umgebung von Lausanne nunmehr zur Anssührniig gebracht. Jeden Abend trifft in dieser Stadt von der meteorologischen Zentralstation in Zürich ein Telegramm ei», das das wahrscheinliche Wetter sür den nächsten Tag ans grnnd der barouietrischeii Beobachtungen und der allgemeinen Witlernngs- tage an den Haiiplstatione» Enropa's angiebt, wobei die Kenntnisse von der gewöhnlichen Wirkung der allgemeinen Witterungswechsel ans das Klima der Schiveiz verwcrthet werden. Der Inhalt dieses WetterUlegramms wird telephonisch allen Gemeinde» mitgetheilt, die daraus abonnirl sind. Jede Geniemde zahlt mir 10 Franks pro Monat, anßerdc», können sich benachbarte Gemeinden zu zwei nnd drei zusammenthnn und sich die Depesche, für die sie dann nur den einfachen Betrag zu zahle» haben, untereinander mitlheilen.— Technisches. — Ein eigenartiger Versuch wird jetzt in Tervnrcn bei Brüssel angestellt. Der leitende Ingenieur der Brücken und Landstraße» der Provinz Westflandern. Bierendecl, hat i» Tervüren eine 31>/» Meter lange nielallene E i se n b a h n b r ü ck e erbaut und zwar nach einem neuen System. Bisber galt es als feststehend, daß jeder metallene Brückenbau ans einer Reihe von Dreiecken zusammen- g-setzt sei» muß. Die Brücke in Tervüren uinsaßt nur Rechtecke, und Viercndeel will jetzt praktisch beweise», daß sein System, das ans wissenschaftlichen Grundlagen und genaueste» Bcrech- nungen beruht, das alte System weit übertrifft. Zu diesem Zweck wird die»eu erbaute Brücke, die nach der Berechnnug ein Geleise und eiuen Eisenbahnzug trage» soll, also 150 000 Kilogramm, sortschreilend überladen werde», bis sie zerbricht. Eine Woche hindurch wird sie mit 150 000 Kilogramm beladen; in der solgende» Woche wird die Last verdovpeit. in der dritte» Woche wird sie verdreifacht und so fort, bis der Bruch der Brücke erfolgt. Eine ans Jngemeure» zusaminengesetzte Kommisfio» wird diese öffenlliche», vom wissenschaftliche» nnd technischen Gesichts- punkte ans bemerkenswertheu Versuche sorgsam verfolgen, die er- sorderliche» Feststellungen machen und den Werth der Brück« vom Gesichtspunkte ihrer Stärke, ihrer Festigkeit und Widerstandssähigieit ans klarstellen.— Humoristisches. — Neues von Serenissimus. An einem schönen Wnlertag sieht Serenissimus gedankenvoll durch'z Fenster: .Sage» Sie mal— äh— Kinderman», heute sehr kalt draußen?" ,Zn Befehl. Durchlaucht!" .Danke sehr, danke sehr!--- Ach— mein Lieber— wie viel Grade haben wir wohl, mein Lieber?" .Rull Grad 1" .Hm, danke! Null Grad.—(Nach einigem Sinnen) ä, lieber---- .Kinderinann. Durchlaucht"— .Kinderman», ganz richtig!—— lieber-- Kind ermann, Sie sagten Null Grad-- Roanmur oder CelsinS?!" Eerenisfiimis geht mit seinem getreuen Adjutanten aus einem seiner Güter spazieren nnd sieht, wie Leute beschäftigt sind, eine» Schntthmifen aufzuladen und wegzuführen. Er kommt ans einen der Arbeiter zn und spricht ihn leutselig an: „M— äh mein lieber, was macht Ihr denn da?"—.Wir solle» diesen Schutt hier wegführen, Durchlaucht.—" „So— ja— äh— sehr schön! Aber mein Lieber m— äh— finde ich nicht praktisch! Biel Arbeit! M— äh— viel Brbcii! Hättet Ihr neben dem Hansen— äh— ein Loch gegraben nnd das Zeug hineingeschüttet, so brauchtet Ihr— äh— nicht so weit damit zi« fahren. M— äh nicht wahr, lieber Kinderniann?"— (.Jugend.") — Herausgeredet. Im Wirthshaus eines altbaycrischcn Dorfes stellte der Pfarrer einen fremden Amisbruder als Diözesan- Bischos vor. um zn erreichen, daß der Wirth ein frisches Faßt an- zapft. Dieser durchschaut aber die Lift und bringt abgestandenes Bier. Ans Vorhalt des Pfarrers meint er trocken:.Ja wissen's, Hochwürdcn, wenn der Bischof zu uns einakimmt, macht all's große Ülug'n, sogar's Bier.— Vermischtes vom Tage. — Rmllich wird gemeldet: Der Verkehr auf der Strecke Weißwasser-Forst wurde mit dem 12. August wieder ans- genommen.— — Aus dem Znchihause in R a t i b o r wnrde vor einigen Tagen ei» Mann entlassen, der vor 27 Jahre» als Neniizehii- jäbriger die Anstalt betreten halte. Wie mag dem die Welt vor- gekommen sein?— — Schweidnitz.(.Köln. Ztg.") Beim Ausbeffern einer Pumpe wurden der Pcitschenfabrikant Hauer sowie ein Arbeiter insolge Einalbmens giftiger Grubengase getödtet; zwei Arbeiter wurden schwerkrank heraufgezogen.— — Auch ein Wohllhäter. Ei» G ö r l i tz er Hans- cigeuthümcr hatte den» Nnterstützuiigskonntee die Meldung gemacht, daß er für die lleberschwcnniiien zwei Oesen hergeben wolle. Als man die Oese» abholen wollte, schenkte der„Wohllhäler" einen Haufen aller Kacheln, die man sofort ans den Schuttabladeplatz führen ließ.— — Der Breskaner Magistrat beantragt bei der Stadt- verordnetenversammlnng 100 000 M. für die U e b e r s ch w e ni m t e n in Schlesien zn bewilligen.— — Einen heileren Zwischenfall erlebten kürzlich mehrere Landshuter Radler, welche eine Fahrt»ach Geisen- Hansen nuternahineir. Bei der Rückfahrt machte einer die unlieb- same Wahrnehmung, daß er seinen Gürtel, auf dem der Radlergruß „All Heil" eingestickt war, verloren halte. Große Aufregung und sofortiges Umkehren waren die Folge. Da kam schweißtriefend ein Bauer geraunt und rief:„Wer von Enk hoaßt denn All Heil?" Natürlich großes Halloh nnd Gelächter.— — In diesenr Jahre sind schon mehrere Bären auf Schtveizergebiet oder nahe der Grenze ans Tiroler oder italienischem Gelände gesehen nnd erlegt worden. Unter den wilden Bären der Alpen tritt feit einiger Zeit ein« auffallende Degeneration auf. Schuld daran mag, wie ein Schweizer Forsthlatt meint, zun, theil die Inzucht, in der Hanpt- fache aber das ruhelose Dasein, da- der Bär heute führt, tragen; i» die wildesten, nnwirthlichsien Hochthäler und Bcrg- Wälder zurückgedrängt, stets weggejagt, gehetzt, selten inehr zn Fleisch- Nahrung gelangend, geht er in feinem Aeußern stetig zurück nnd sinkt zur Hnhncrhundgröße herab. Es ist wohl möglich, daß der Alpenbär schließlich nicht durch Menschenhand zum Aussterben ge- bracht wird, fondern durch stete Degeneration verloren geht, indem er keine lebensfähigen Nachkommen mehr hervorbringen kann.— — Durch die Pnlverexplosion in R n st f ch n ck sind nach einer Meldung des„N. Wien. Tagebl." mehr als 250 Menschen ilmgekommen. Ans der Donau werden noch täglich Leichen heraus- gezogen, selbst auf den Feldern fand man zwei Tage nach der Explosion halbverbrannie Leichen von Arbeitern, die in wahnsinniger Flucht mit brennenden Kleidern davongestkrzl und auf den Feldern todt zusanimengebrochen waren.— ce. In Bignanelko bei Biterbo(Italien) erstach ein ans dem Gefänguiß zurückkehrender Mann seine Frau und vmmindele seine Großmutter, seine Schwiegermutter, feine Schwägerin nnd seinen Vetter in lebensgefährlicher Weife. Auf der Straße verletzte er dann noch alle Personen, die ihm das Messer entreißen wollten, und ergriff die Flucht.— — In London sind zur Zeit Haftbefehle gegen 500 Familienväter ausgestellt, die Frau und Kinder verlassen habe».— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn- tag, den IS. August._ Verantwortlicher Nrdaklenr: Slugust Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.