Anlerhallungsblalt des Horwürts Nr. 160. Dienstag, den 17. August. 1897. (Nachdruck verboten.) Die Schuldige. Von C. Viebig. Abseits vom Dorf liegt der Hos des Simeon Pfalzel. Wo die Berglehne eine Waldblöße zeigt und sanst abfällt in ein schönes Thal, hängt das Haus und schaut aus niedrigen, gedrückten Scheiben in die liebliche Enge nieder, durch welche das muntere Kiud der Mosel, die kleine Kyll, jetzt schäumt und rauscht wie ein Gebirgsbach, jetzt still und sittig dahinfluthet. Der Simeon Pfalzel ist kein reicher Mann. Das Dach über seinem Kopf ist nur von Stroh, die Mauer um sein Gehöft bröcklig; im Stall brüllen nur wenige Kühe, ein dürrer Hahn kräht auf dem Misthaufen, und die zwei Acker- gäule find richtige Schindmähren. Kein Wunder, daß der Bauer mißvergnügt ist und sein Weib auch; dem hängt zu allem«och ein Kropf am Halse, eine recht überflüssige Aus- geblasenheit. Heut wehen die ersten Frühlingswinde um den Pfalzelhof und rütteln mit jugendlichem Ungestüm an den schiefen Fensterläden, daß sie hin und her klappern, und das schwere Hofthor in den verrosteten Angeln kreischt. Es ist April. Wie ein lachendes Kind in schneeigen Windeln liegt Ehrang, das Dorf, zwischen Blüthenbäumen; mit schimmern- dein Weiß sind die Gärten überschüttet. Das ist ein Glänzen und Prangen. Vor dem Hof des Pfalzelbauern standen ihrer drei, zwei Männer und ein Weib, und lugten scheu durch eine Spalte im Thor. Die Männer hatten langes, straffes Haar, trugen runde Filzhüte, blaue Hemden, dazu allerhand Drahtwaaren über der Schulter— armes Slowakcngesindel— das Weib war gelb, schwarzäugig, früh verblüht und schleppte ein Kind, in eine Plane gebunden, aus dem Buckel. Sie sahen alle müde, hungrig und verkommen aus; man hatte sie ans dem Dorfe gejagt, nun versuchten sie's hier an dem einsamen Gehöft. Sie stießenZdas Thor auf, ein rauhhaariger Hund sprang ihnen mit wüihendem Gekläff entgegen, und hinter'm Stall schlug der zweite an. „Schiwrranten! Schnorrantcn!" kreischte jetzt eine gellende Weiberstimme vom Fenster her, und aus dem Haus stürzte der Bauer, einen derben Knotenstock schwingend. „Häh, Ihr doa, packt Eich! Ludervolk, Zigeiner!— Watt? Honger! Brud! Eloa komnien ech— han sälwst»eist ze fressen — schärt Eich zom Deiwel." Ohne ein Wort wichen die drei zurück, gewandt schlüpften sie zum Hofthor hinaus; die Männer liefen den Waldweg zur Kyll hinunter, uur das Weib folgte langsamer, schleppte müde die Füße und schaute oft verlangend um. Das kleine Geschöpf in der Plane erhub ein jämmerliches Winseln. Nun bockte die Mutter nieder am Weg, langte das Bündel vom Rücken, schlug ihren Rock um dasselbe und wiegte es sacht hin und her. Ihre Augen blickten mit einer stumpfen Gleich- giltigkcit vor sich nieder, der Wind blies ihr die dünnen Kleider durch und durch und zerrte das fahlrothe Kopftuch in den Nacken. „Pst! Pst!' Sie hörte nicht. „Pst! pst•" Droben an der Mauer stand eine Gestalt und winkle. Das Weib fuhr auf und blickte sich scheu um, dann schlich es behend näher. Am Thor die Winkende, eine große Dirne in bäuerischer Tracht, sah sich erst nach allen Seiten um, zog dann schnell ein derbes Stück.Brot aus der Tasche und hielt es dem Weib entgegen. „Dao, for Eich!" „Didny'i. diekuji, danke," murmelte die Fremde und grub hrißhungrig ihr blitzendes Gebiß in den Kanten. Ein Wind- stoß wehte ihr dabei die wilden Haare zwischen die Zähne. ,Hn, kalt, friert sich arme Kind, chudak!" Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck blieb der Blick der Dirne aus dem kleineu, elenden Gesicht haften. Sie erbleichte jäb, riß dann mit einer heftigen Gebärde das verhüllende große Tuch von ihrem Oberkörper und warf es über das Kind. „Ah!" Die Fremde grinste und haschte nach der Hand des Mädchens.„Gute Frau, sehr gute Frau!" wies dann erst aus sich, dann auf die andere, dabei verständnißinnig mit dem Kopfe nickend.'„Ah, gute Frau, so jung, wird haben auch bald kleine Kind— saplatsch pan, vergelt's Gott!" Ein unwillkürliches Zittern überflog die Glieder der jungen Person, sie nickte stumm und schaute dann unbeweglich dem Weibe nach, das nun hastig dem Wald zulief und bald im abendlichen Dämmer hinter den Büschen verschwand. Nur das rothe Kopftuch leuchtete noch einmal auf, das Wimmern der dünnen Kinderstimme klang zurück. „Jesses Maria?" Das Mädchen am Thor schüttelte sich wie in innerem Schauer und biß die Zähne zusammen.— Das war die Barbara Holtzer, des Pfalzelbauern Magd, die im Frühlingsbrausen am Thor stand und mit einem leeren Ausdruck in die Ferne starrte. Ihr junges Gesicht sah schmal und herb aus, keine Spur von Farbe auf den mattgebräunten Wangen, um den Mund ein Zug von Traner und Trotz, in den tiefdunklen, gespenstisch großen Augen ein düsteres, äugst- liches Fragen. Vor einem Jahr hatte die Barbe anders ausgesehen, als sie in des Simeon Pfalzel Dienst trat. Da war sie rothbackig hinter den Hühnern dreingesprungen, hatte singend die Kühe zur Weide getrieben, war hurtig mit ihren bloßen Füßen den steilen Pfad zur Kyll hinauf und hinunter gehüpft, den schweren Wasserbottich auf dem Kopf oder die vollgepackte Hotte auf dem Rücken. Ernsthaft hatte sie zwar immer drein- schauen können für ihre zwanzig Jahre, und verstockt war sie schon als Kind; aber wenn eins nicht Vater noch Mutter mehr hat und von klein auf zwischen fremden Leuten hernmgestoßen wird, kann der Ernst, schon kommen. Lachen hat sie nebenbei ja doch gekonnt. Aber mm war's aus— alles aus! Barbara schauderte und sah sich um— alles ans! Sie preßte die Hände gegen die Brust und seufzte tief. War's nicht am besten, sie lies hinunter und sprang in die Kyll? Die brauste und schäumte heut.— Wenn eins die Augen zu- machte und warf sich ans den Grund, dann war das Wasser tief genug, um drinnen zu ertrinken mit aller Roth. Aber nein, nein, das war' eine grausame Sünd'!„Du sollst nicht tödten!" sagte der Herr Kaplau— und das ist gleich, ob man's selber ist oder noch was Ungeborenes.— „Bah, war dän spricht!" Der trotzige Zug um Barbara's Mund trat stärker hervor, mit einer ungeduldigen Bewegung schleuderte sie die widerspenstige, schimmernd blonde Haarsträhne aus der Niedern Stirn. „Wann ech sterben wollt', däht dän mich net dran hinnern on kein Gebetbuch ou kein Kirch. Wat später kömmt, dat waaß mer net, on wann ech in et ewig Fegfeuer muß, dnht et lang net su brennen als dat Quälen hei!" Sie sdilug sich mit der flachen Hand auf die Brust.„Jao, hei— hei!" Große Thränen traten ihr in die Augen, sie starrte wieder eine Weile vor sich hin, dann rieselten die Tropfen langsam über ihre Wangen, und um ihre Lippen irrte es fast wie ein Lächeln. Sie faltete die Hände. „Maria, Modder Gotls! Gebenedeite unner den Weibern. verzeih mer de Sünd'! Ech duhn üwel; mitten in meiner Angst es mer't e su, als spürten ech en groß Freid; ech werden net mieh e su allein sein, e su einsam, ech werden wat Lebigs am Herz Halen, wat mein es, mier zugehert— wan hän mech net heiraoden kann, net will",— sie knirschte mit den Zähnen, und ihre Augen funkelten drohend—»soll hän et bleiwe laoffen. Ech han mei Könd, dat hau ech, dat kann mer keiner holen— on ech frein mich!" Sie warf den Kopf in den Nacken, trat ins Thor zurück und schleuderte es kräftig hinter sich ins Schloß. Mit langsamem, schwerfälligem Schritt ging sie dem Hause zu. Dort war's im Flur schon dunkel, schwach tönte vom Dorf das Bimmeln des Abendglöckleins herüber. Das Mädchen bekreuzte sich und stieß die niedrige Stubenlhür auf. »Gelobt sei Jeses Christes!" Simeon Pfalzel und sein Weib murmelten kaum hörbar den Gegengruß. Nur der junge Mensch am oberen Tisch» taube antwortete mit klingenber Stimme:„In Ewigkeit Amen!" Aber er sah die Barbara dabei nicht an, und auch sie heftete den Blick unverwandt ans den Boden. Schweigend ließ sie sich nieder und tauchte den Zinnlöffel in die irdene Schüssel mit sanrer Milch; sie aß mit Heißhunger, und die Schalen- kartoffeln, die vor ihrem Platz, auf den blanken Tisch geschüttet, lagen, verschwanden im Umsehen. Die vier Menschen redeten kein Wort. Die z�wei Alten schauten verdrossen drein: fast widerwillig sah der Bauer zu, wie rasch die weißen Zähne der Barbe die Bissen zermalmten, nnd die Bänerin ließ mit deutlich erkennbarem Mißtrauen ihre stechenden Blicke über die Gestalt der Dienstmagd gleiten. Der Sohn des Hauses, der schöne Lorenz, rückte bei jedem solchen Blick unruhig auf der Bank hin und her. Rothe und Blässe wechselten aus seinem Gesicht. Die Hand, die den Löffel führte, zitterte, daß die Milch auf dem Weg zum Mund ver- schüttet ward. Er räusperte sich, und sein Löffel stieß in der Schüssel mit dem der Magd zusammen. Was fiel der Barbe ein? Sie saß hier so dreist, so— wo hatte sie nur ihr Tuch? Das that sie sonst nie ab, wegen ihrer argen Verkältung; heut fehlte es! Sein Fuß suchte unterm Tisch den ihren, sein derber Lederschuh setzte sich mit warnendem Druck auf ihren Holzpantoffel. Sie hob den Kopf und sah ihn starr an, ohne mit der Winiper zu zucken. Ihr bleiches Gesicht leuchtete ordentlich in der Dämmerung, unter ihren Augen gruben sich blauschwarze Ringe ein. Herr Jesses, wie sah sie aus! In der Brust des jungen ManueS pochte das Herz mit Ungestüm— wenn sie nur schwieg! Mit dem Vater war kein Spaßen, und wenn's gar die Anna, des reiche» Pächters Tochter auf dem Ramstein, er- fuhr— die war zu Trier bei den lieben Rönnchen in „Peimsjohn" gewesen und erst vor kurzem heimgekehrt, die war so zimperlich, die wollte dann vielleicht nichts mehr von ihm wissen— und er brauchte doch Geld, viel Geld, er lvar die Knjoniererei satt; wofür war er denn der schöne Lorenz?— Verflucht! Scheu glitt sein Blick zu der Mutter hinüber und von dort auf das Mädchen. Es lag ein wunderbares Gemisch von Besorgniß und Haß, Furcht und Leidenschast in seinem hellen, begehrlichen Auge. Wenn die Barbe nur fort wäre, fort um jeden Preis— aber wohin? Geld hatte er keins, sie wegzuschaffen; hielt ihn doch der Vater so knapp, er mußte arbeiten wie ein Knecht und besaß doch keinen Pfennig. Das mußte anders werden. Unwirsch riß sich der hübsche Mensch an dem starken Schnurrbart und wühlte mit der Linken in seinen krausen Haaren. Wär' sie nur weg! Und doch, wenn er sie so dasitzen sah, den blonden Kopf tie geneigt, die dunkeln Wimperu wie ein Geheimniß auf den blassen Wangen, dann zerrte es an seinen» Innern und stieg ihm ver- dunkelnd in den Blick. Er hätte sie in die Arme pressen mögen, bis ihr der Athem verging, ihr den festgeschlosseueii, trotzigen Mund mit Küssen aufreißen, sie küssen, küssen in Lust und Pein, und dann— sie wegstoßen.„Aeh!" Sie war der Stein des Anstoßes, der Fleck auf seinen Weg. Sie mußte fort. Mit einem unwilligen„Kotz Donner" sprang der Bursche auf und warf den Löffel auf den Tisch. „Häh," fragte die Mutter,„woar giehsie? Has de fertig gäß." „Woar soll dän Lorenz giehn?" lachte der alte Simeon und verzog dabei das lederfarbene Gesicht in unzählige Fältchen, „sich verlusteren uf den Ramstein, hän wird de Anna ka- resseren; Zeit es et, bat hän voran micht, mer brauchen Geld in de Wirthschaft— wat?— Höh?— Has de wat ze saon, Barbe?"_(Fortsetzung folgt.) Makuvmissenfchaftliche Kundfthau. (Die Wilson'sche Erscheinung bei Sonnenflecken. Abnorme geo- thermische Tiefenstufen. Die Akkomodation der Fische und Kopffüßler.) Die Erscheinung der Sonnenflecke, die nunmehr seit fast 300 Jahren bekannt sind und anhaltend und dauernd beobachtet werden, ist trotzdem in ihren Einzelheiten durchaus noch nicht genügend auf- gehellt. Nicht einmal das steht ganz fest, ob es sich bei ihnen um Bertiefungen in der Photosphäre, der leuchtenden und glühenden Alhmosphäre der Sonne, handelt, oder ob sie in höherem Niveau ähnlich wie die Wolken uiiserer Athmospbäre liegen; ja selbst die Meinung ist vertreten worden, daß sie Er- höhungen auf dem eigentliche» Sonnenkörper bilden, von denen da? Licht in einem größeren Ranmwinkel ausgestrahlt wird, als von einer gleich großen ebenen Fläche, und die auS diesem Grunde dunkler erscheinen müssen, als ihre ebene Umgebung. Die Vor- siellung, daß die Sonnenflecke Vertiefungen in die Photosphäre dar- stellen, gründete sich besonders auf folgendes, von Wilson zuerst beobachtetes und nach ihm benanntes Phänomen: Der eigentliche dunkel erscheinende Fleck geht nicht unmittelbar in die helle Sonnenscheibe über, sondern es breitet sich um ihn ein allmälig Heller werdender Ring aus, Penumbra(Halb- schatten) oder Hos genannt, während der eigentliche Fleck der Kern genannt wird. Die Sonnenflecke bewegen sich nun über die Sonnenscheibe in ctioa 26 Tagen in der Richtung vo» Oft nach Weft. eine Bewegung, die von der Notation der Sonne selbst herrührt. Wilson beobachtete nun bei manchen Sonnenflecken, daß bei ihrem Fortrücke» gegen den westlichen Sonnenrand die Penumbra auf der Ostfeite des Fleckens rascher verschwindet, daß der Kern hier schärfer begrenzt erscheint, als auf der Westseile. Da» durch gewährt der Fleck den deutlichen Anblick einer perspektivisch gesehenen Vertiefung. Da die Zeichnungen und Photographien von Sonnenflecken in bezug auf diese Erscheinung sehr widersprechende Resultate ergaben. so hat der italienische Astronom Rieeo in neuester Zeit eine systematische Unlersuchuug über diesen Punkt augestellt. Im ganzen beobachtete und zeichnete er an 3451 Tagen 17 456 vollständige Flecke, unter denen 3324 verschiedene waren; die andere» waren nnr verschiedene Darstellungen derselbe» Flecke. Zur Entscheidnng über die Wilson'sche Annahme waren von dieser Anzahl nur die- jenigen Flecke» zu brauchen, die eine regelmäßige Gestalt des Kernes und Hofes hatten; das waren im ganzen 165. Bon diese» boten 131 ein der Wilson'schen Theorie enlsprechendes Aussehen dar. das heißt der östliche Theil ihrer Penumbra wurde kleiner und verschwand zum theil völlig(bei 23), wenn sie sich dem Westrande der Sonne näherten; 13 zeigten ein gegentheiliges Verhalten, d. h. bei ihnen wurde der westliche Theil des Halbschaltens kleiner, wenn sie sich dem Sonnenrande näherten, und bei den übrigen 36 zeigte sich kein wesentlicher Unterschied zwischen dem östlichen und westliche» Theil der Penumbra. Rieeo schließt aus seinen Beobachtimge», daß die Flecke»ade an de» Sounenrändern eine Perspektive zeigen, wie wenn sie Vertiefungen wären; aus den 23 Flecken, bei welchen der östliche Halbschatten völlig verschwunden war, berechnet er die Tiese derselben zu etwa 1000 Kilometer, also etwa gleich dem 12. bis 13. Theile des Dnrchmeffers der Erde. Trotzdem wird man ein- räumen müssen, daß die Meinung, die Flecke» seien Vertiefungen, nicht allzu sehr gestützt erscheint; die Wilson'sche Erscheinung, die ja bei dem fünften Theile der Flecken fehlt, läßt sich durchaus auch mit einer Theorie, nach welcher die Flecken wolkenartige Ge- bilde sind, in Einklang bringen, und viele» wird die Annahme von Wolken, die bei der zunehmenden Erkaltung des Sonnenkörpers auf- treten müssen, plausibler erscheinen, als die von Vertiefungen in der Atmosphäre oder dem Körper der Sonne. Wie die Sonne beständig Wärme ausstrahlt und daher dauernd kälter>verde» muß, so auch, wenn auch in geringerem Maße die Erde. Auch der Planet, auf dem wir lebe», muß einst in einem sonnenähnlichen Zustand gewesen sein; durch die all- inälige Abkühlung ist die Oberfläche schließlich so weit erstarrt, daß sie bewohnbar geworden ist. Aber von dem damaligen Zustande giebl die enorine Hitze des Erdinner» noch heute Knude. Dringt man nämlich in das Innere der Eide ein, so wird es beißer und heißer, und zwar rechnet man im allgemeinen, daß bei einem Vor- dringe» um 33 Meter eine Temperaturznnahme um je einen Grad stallfindet, so daß man in der Tiefe eines Kilometers schon eine Temperaturzunahme»m 30 Grad hätte, in der Tiefe einer Meile also bereits eine Temperatur von über 200 Grad herrschen würde. Die geoiermische Tiefenstufe, wie inan die Strecke»eniit, um die nun in das Erdinnere eindringen muß, um eine Temperaturznnahme um einen Grad zu konstatiren, beträgt aber nicht überall 33 Meter; schon vor mehr als 50 Jahren war man am Fuße der schwäbischen Alp. bei Neuffen, aus ein Bohrloch gestoßen. in welchem die geothermische Tiefenstnfe nur 11,3 Meter betrug. Da man eine so außerordentlich schnelle Zunahme der Wärme sonst nirgends auf der Erde beobachtet halte, so wurden die Unlersuchnngen bei Neuffen von de» Geologen mit großer Vorsicht aufgenommen und ihnen nicht viel Gewicht beigelegt. Neuerdings hat sich der Geologe Branco mit dieser Frage beschäftigt und ist zu dem Resultat ge- kommen, daß gar kein Grund vorliegt, an der Richtigkeit der Teinperatnrbestinimnnge» im Neuffener Bohrloche zu zweifeln. Auch ist die abnorme geothermische Tiefenstufe z» Neuffen nicht mehr so vereinzelt, wie sie früher erschien; so haben sich im Petroleuingebiete nördlich von Straßbnrg i. Eis. Tiefenstusen von 14 Meter, bei Oberstätten sogar eine von 3 Meter» gezeigt. I» den elsässischen Bohrlöchern zeigt sich außerdem ei» sehr merkwürdiges Springe» der Temperaturzunahme, so daß in einem nnd demselben Bohrloche in verschiedenen Tiefen abwechselnd große und kleine Tiefenstufen vor- kommen. Diesen abnorm geringen Tiefenstufen stehen auch sehr große gegenüber; so wird aus einer Mine an einem oberen See in Nordamerika berichtet, daß dort die Temperatur erst in einer Tiefe von 70 Metern um einen Grad gesunken ist. Man erkennt aus diesen Angaben. daß die Teinperaturverhältnifle des Erdinner» nicht nach einem ein« fachen Schema zu beHandel» sind, sondern daß an verschiedenen Orten eine ganze Reihe besonderer Einflüsse maßgebend sein müssen, die zu berücksichtigen sind, wenn man ein zutreffendes Bild er halten will. Der Physiologe Beer, der vor zwei Jahren eine merkwürdige Akkomodation bei den Augen einiger Fischarten festgestellt hatte, hat seine Versuche bei anderen im Wasser lebenden Thiere», den Kopf- süßler», zu denen die bekannten Tintenfisch« gehören, fortgesetzt und hier dieselbe Eigenthümlichkeit gefunden, wie bei den Fischen. Noch zu Anfang unseres Jahrhunderts war es eine ganz gebräuchliche Annahme, daß das Einstellen des Auges für die Ferne häufig mit einer Mnskelanstrengung verbunden sei, daß die Raubvögel z. B. ihre Augen auf weit entfernte Gegenstände einstellen. also für die Ferne akkoiuodiren könnten. Alz die Brechimgsverhällnisse im menschlichen Auge genauer unter- sucht wurden, zeigte eS sich, daß wir für die Ferne gar nicht akkomodiren können; im Ruhezustände schweift der Blick in die weitesten Fernen und ganz parallel ins Auge fallende Licht- strahlen werden auf der Netzhaut in einem Punkt vereinigt. Erst wenn wir einen näheren Gegenstand ins Auge fassen wolle». krümmen wir mittels einer Muskelanstrengnng die Krystalllinse unseres Auges, akkomodiren dasselbe, wie der Kunstausdruck lautet. Der Begriff des Akromodirens verschmolz allmälig ganz mit dem des Einstellens des Auges für die Nähe. Es erregle daher das höchste Erstaunen, als festgestellt wurde, daß die Knochenfische für die Ferne akkomodiren; sie thn» das nicht, wie u>ir, durch Aenderung der Linseukrüinmuug, sondern indem sie die Linse, die bei ihnen bekanntlich kugelförmig ist, als Ganzes ver- schiebe», sie der Netzhaut bald nähern, bald von ihr entfernen. Wie Herr Beerin dem eben erschienenen Hefte des„Archivs für Physiologie" mit- theilt, gilt für die von ihm uiitersnchle» Augen der Kopffüßler genau dasselbe, so daß also bei den im Wasser lebenden Thicren mit höher entwickelten Augen im Gegensatz zu den auf dem Lande lebenden eine Akkomodation für die Ferne festgestellt ist. Eigentlich war dies zu erwarten; denn da das Wasser doch nicht so durchsichtig ist, wie die Luft, sondern schon in verhällnißmäßig geringer Entfernung undurchsichtig wird, so sind die Wasserthiere darauf augewiesen, ihre Nahrung aus der Nähe zu gewinnen, sowie sich vor Feinden, die nicht allzuweit entfernt sind, zu schützen. Dies muß die Ausbildung Auges begünstigen, das im Ruhezustand, also unakkoinodirt, d. h. unangestrengt, die uninittel- bare Umgebung überblickt, während die Anstrengung der Akkoino- dation nöthig ist, wenn weiter befindliche Gegenstände ins Auge gefaßt werden sollen, und bei ziemlich weit entfernten Objekten versagt das Auge den Dienst völlig, da das umgebende Medium, das Wasser, nicht durchfichtig ist. Lt. Mleines Tie»encste Affiche. Der„Franks. Zlg.' schreibt man unten» 9. August ans Paris: Die blanke Fläche, die bei so zahlreichen Herren der Schöpfung das wallende Haupthaar vertritt, ist bisher »och nicht praktisch verwendet worden und diente höchstens in den äußersten Vorstadttheatern den Besuchern der obersten Gallerie» als Zielscheibe für die Orangenschalen, Wursthäute und ähnliche Ge- schösse. Auch der findigste Reklamekünstler war noch nicht auf die Kahlköpfe verfalle». Seit gestern wird nun den Bnminlern der groben Boulevards ein neuartiges Schauspiel geboten. Zehn höchst elegant gekleidete Herren mit gelben Schuhen und blendend weißem Strohhut spazieren in geschloffener Reihe die Boulevards entlang. Vor den stark besetzten Terrasse» der Cafö's oder vor einer Menschengruppe, die durch den Wagcnvcrkehr zusammengedrängt wird, lüfte» sie auf ei» gegebenes Zeiche» die Hüte und senken die Köpfe, auf denen in schöner blauer Lapidarschrift die Worte zu lesen sind: „Konzert X. Demnächst Eröffnung." Der Erfolg dieser Kahlköpfe-Reklame war am ersten Tage ein durchschlagender: auf dem ganzen Wege von der Porte Saint-Denis bis zur Rue Scribe erscholl lautes Gelächter über die neuartige Annonce, die entgegen den Gesetzesvorschriflen nicht gestempelt ist. Ein Steuerbeamter, der in der Angelegenheit bewandert ist, versicherte uns, die Stenerbehörde wäre berechtigt, die un- gestempelte Annonce zu konfisziren und den erfindnngsreicheu Unternehmer mit einer Buße von 92 Franks per beschriebene» Schädel zu belasten. Das �Eintreiben der Buße würde bei der be- kannten Gewandtheit der Steuerbehörde keine ernstlichen Schivierig- keiten bieten, desto mehr aber die Beschlagnahme der ungestempelten Ankündigung, da es geradezu barbarisch wäre, die armen Kahl- köpfigcn zu skalpiren. Falls die Steuerbeamten auS Wuth darüber, daß sie dieser neue» Reklame nichts anhaben können, sich die Haare ausraufe», so bleibt ihnen der Trost, daß sie sich dann selbst für die Schädelreklame verwenden lassen können. Man mag über die neu« Reklame denken, wie man will, man mag sie geschmacklos finden, wird aber zugeben müssen, daß sie auf keine» Fall bei den Haaren herbeigezogen ist. Dieser Umstand wird es vielleicht mit sich bringen, daß die Schädelannonce» binnen kurzem eine große Busdehnung ge- Winnen, so daß die wirklichen Kahlköpfe bald vergriffen sein würden und man zu falschen Kahlköpfigen seine Zuflucht nehmen müßte. Bei der jetzigen Bersälschungswuth muß man auf alles ge- faßt sein.— Die„Teufels- Bibel". Zu den kostbarsten Büchern der Bibliothek zu Stockholm gehört die sogenannte TeufelS-Bibel. Diese» Namen hat die Handschrift von einem Bilde erhalle», das de» Teufel mit doppelter Zunge und langen Klauen an den HSnde» und Füßen darstellt. Das Buch hat ungewöhnlichen Umfang; die 399 (ursprünglich SIS) Seite», jede von zwei Kolumnen, sind 9,9 Meter hoch und 9,5 Meter breit. Das Material besteht aus dickem schön gearbeiteten Pergament, zu dem gegen 169 ganze Eselsfelle erforder- lich waren. Die Deckel bestehen aus 4,5 Zentimeter dicke», mit starken Beschlägen versehenen Eichenbrettern. Das Gewicht des Buches ist sehr beträchtlich. Bei dem großen Schloßbrande in Stockholm im Jahre 1697 mußte die Bibel aus dem Fenster ge« warfen werden, um sie zu retten; hierbei wurden die Deckel sehr beschädigt, deren Ailsbcssernng aber erst i», Jahre 1SI0 r>orgs»ol»>iie». An den alten Beschlägen kann man noch erkennen, daß das Buch früher angekettet gewesen ist. Dies merkwürdige Buch nebst einer Menge anderer, kaum weniger seltener und kostbarer Handschriften, u. a. die in der Bibliothek zu Upsala aufbewahrte Ulfilas-Bibel, wurden im Jahre 1648 bei der Erstürmung Prags durch die Schweden unter Königsmarck„erobert" und der Königin Christin» „verehrt", Theater. — Sudermann's„Johannes" verboten. Hermann Sudermann's neuestem Bühnenwerke„Johannes", das als ein« der ersten Novitäten im„Deutschen Theater i» Szene gehen sollte, hat die Zensur die Erlaubniß zur Ausführung versagt. Die Verfügung des Polizeipräsidenten lautet:„Der Direktion eröffne ich ergedeust, daß öffentliche Darstellungen auS der biblischen Geschichte des alten und neuen Testamentes b e- st i m m u u g s g« m ä ß schlechthin unzulässig sind. Ich bin daher nicht in der Lage, die nachgesuchte Genehmigung zur Aufführung der zur Zensur vorgelegten Tragödie„Johannes" von Suderinann im„Denlschen Theater" zu crtheileu."— Die Direktiou des„Deutschen Theaters" hat gegen dieses Verbot zunächst beim Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg Beschwerde eingelegt.— Musik. — er.— Belle-Alliance-Theater. Zur Linderung deS von der heurige» Ueberschwemmungskatastrophe geschaffene» Elends wurde in diesem Theater, das sich seit dem letzten Direklions- stnrz auch äußerlich gründlich gesäubert hat, eine Wohllhätigkeits- Vorstellung veranstaltet, die in materieller Beziehung Ersolg halte. Leider schienen die künstlerischen Darbietungen des Abends die all- gemeine Empfindung zu erregen, daß selbst die von der Flagge der Wohlthätigkeil geschützte» Augriffe eines dreisten Dilettantismus nicht bis zur letzten Grenze ihrer Grausamkeit gehen sollten. Nehme» wir die Gesangsvorlräge des Herrn d'Andrade aus, deren große Wirkung mehr der feinste» technischen Beherrschung als der keineswegs unberührten Frische des Organs zuzuschreiben ist, so war alles andere von einer milleiderregeitden Minderiverthigkeit. Das regste Interesse hatte man sich für die hier neue Oper„ E n o ch A r d e n" von Robert E r o e n aufgespart, welche der musikalischen Anfnahmsfähigkeit und normalen Nerven das schlimmste zumuthete. Tennyson's berühmtes Gedicht ist wiederHoll als Opernlibretto benutzt worden, ohne seine» ninsikalischen Bearbeitern nennenswerlhen Erfolg ge- bracht zu habe». Das sentiinental Lyrische einiger Sitnalione» kann für die dramaiische Passivität der Personen und die Monotonie des Enipsindniigsmilien nicht entschädigen. Die Musik des Herr» Erben erschien uns wie eine Improvisation, welche für Gedanken tragisch pessimistische Dissonanzen, für Form die entfesselte Orchester- schrankenlvsigkeit zu biete» vermag. Man braucht kein Schwärmer für Prüderie in der Harmonielogik zu sein, um dieser Art von Musik, die stets ans krankhaft impotenter Originalitätssucht und nie ans dramatisch musikalischer Nothwendig« keil emporwächst, geradezu die Wirkung einer Realinjurie zuzumessen. Die Ansschweifiliigen dieses Opernhexensabbaths, die sich theils als urwüchsige Energie theils als interessanter Weltschmerz maskiren, werden von lyrischen Rnhepnnkten unterbrochen, die leider, möge» sie auch mehr süßlich als empfunden sei», sofort im Ozean aufgeregtester Mißklänge verschwinden. Herr Erben ivird vorerst alles hyper- genialische Gehabe» ablegen müsse», dann mag über die Persönlichkeit seines Talentes eine Entscheidung gefällt werden. Daß Herr Erben sein Werk in solch unerhörter Weise interpretiren lassen konnte, wie es a» diesem Abend geschah, bedeutet mehr als bescheidene Selbst- losigkeit. Wenn wir es Herrn M o h>v i n k e l(Arden) als Lob anrechnen müssen. daß er wenigstens seine Partie notengemäß be- herrschte, so genügt die Thatsache. daß diese Selbstverständlichkeit von den übrigen Mitwirkenden anfs grausamste verletzt wurde, um diese» küustlerisch verlorene» Abend zu charakterisire».— Kunstgewerbe. — Neue Keramik. In M ü n ch« n machen die keramischen Arbeiten. die der Kimstmaler Theodor S ch in u z- B a» d i ß gegenwärtig im Glaspalast ausgestellt hat, großes Aufsehen. Die „M. R. N." schreiben darüber: All' diese kleinen, einfach und elegant geformten vasenarlige» Gefäße sind ganz seine(des Künstlers) eigene Arbeit: vo» ihm eiitivorfen. gedreht, modellirt, geschnitten, glasirl und gebrannt. Mit dem Wort„geschnitten" ist schon auf die Eigenart der Technik hingeiviese»: Die Ornamente sind nämlich nicht gemalt, also durch die Glasur geschaffen, soiidern vor der Glasur aus zivei übereinander liegenden Thonschichten— einer weißen und einer gelbrolhen— hcraiisgeschiiitte» oder gravirt— etwa nach Art der Cameen. Die Glasuren, mit denen dann das schon zweifarbig erscheinende ornamentirte Gefäß verseben wird, sind durchscheinend, so daß mit einer einzigen Fnrbe der Glasirr bereits zwei Farben abstuf»»gen erreicht werden. indem sie ans der weißen Thouschichte Heller und kälter, auf der gelbrothen dunkler und wärmer erscheint. Aus der geschickten Ver- werthnng dieses Uuistaudes ergeben sich bei verhältnißmäßig wenig Tönen schon recht manigfache. dabei ruhige und einheitliche Farben- Wirkungen. Die Ornamente find in engster Anlehnung an die Natur gehalten, aber niemals naturalistisch: sie zeigen in feiner Stilisirnng Motive meist der einheimischen Flora und Jnsektenivelt, auch Eidechsen oder Schlangen, die manchmal in der Art Palifsys ganz oder theiliveise plastisch aufgelegt find ,md so dieProfilirung der Gefäße beleben. Anmuthige Erfindimg. glücklicher Farbensinn spricht aus all' diesen kleinen echt künstlerischen GebUden.— Geschichtliches. —® i'.i C ecil Rhades im 17. Jahrhundert. Der „Nederlandsche Epeciator- zieht ein« Parallel« zwischen dem Jameson- Ritt und einer Episode, die über 200 Jahre zurückliegt. Im Jahre 1661 lebte ein Vorbild von Eecil Rhades, der Freibeuter Holmes. Mitten im Frieden kaperte er eine Anzahl holländischer Kanffarthei- schiffe und eroberte die holländischen Besitzungen an der Westküste von Afrika, während zu gleicher Zeit ein anderer Räuber. Nicholls. iu Neu-Amsterdam(dem heutige» New-Uork) die holländische Flagge beschimpfte und die Niederlassung für England in Besitz nahm. In dem bekannten Tagebuche von Pepps findet man darüber wörtlich folgende Stelle:«Als König Karl von dem Handstreich von Holmes hörte, hatte er eine unbändige Freude; natürlich wurde Holmes in den Tower geworfen, um den äußeren Anstand zu wahren, aber ich weiß, daß dies nur zum Schein geschah." Pepys schildert diesen Holmes als eine»„schlauen, verschlagenen Kerl mit zwei Gesichtern, mit denen er seine Feinde ebenso freundlich anblickte wie seine Freunde", und dann ruft er aus:„Guter Himmel! was für Zeiten erleben wir doch! Kann denn eiu Mensch nicht ohne Heuchelei und Schurkenstreiche leben?"— Naturwissenschaftliches. — Die Elektrizität der Haare und Federn ist in neuerer Zeit von Professor Exner und Dr. Schwarze von einem biologischen Gesichtspunkte untersucht worden, der manche neue Aufschlüsse ergab. Eine durch die Luft bewegte Flügelfedcr ivird positiv elektrisch, während die Luft mit negativer Elektrizität beladen wird. Der gegen die große» Federn geriebene Flaum ivird ebenfalls negativ elektrisch. Zwei in ihrer natürlichen Lage gegen einander geriebene Schwungfeder» werden ans der Unterseite negativ, auf der Oberseite positiv. Durch diese theils gleichartige und theils ungleichartige Elektrisiruug erwachsen dem Vogel allerlei Vortheile; die durch Nässe zusammen geklebten Fiedcrchen der Feder trennen fich beim Fluge durch gegenseitige Abstoßnng von selbst, und nach dem Fluge zieht der negativ gewordene Flaum die Flügelfedern an, sodaß fich daö durch de» Flug gesträubte Gefieder von selbst znrecht- legt. Der stärkere Wind vermehrt die elektrische Spannung des Ober- und Untergcfieders, so daß er. statt es zu trennen, den Zu- sammenschluß befördert, und in demselben Sinne wirkt die durch Reibung der Schwungfedern unter einander erzeugte, entgegengesetzte Elektrizität der Ober- und Unterseiten. Aehnliche Vortheile bietet die Elektrisiruug des Pelzes der Säugethiere durch Gegeneinander- vtcibung der Haare und mit der Lust.—(„PromolhenS"). Technisches. t. Die größte Papiermaschine der Welt ist gegen- wärtig für die amerikanische Ruinford Falls Paper Company im Bau begrissen und wird im„Scientific American" beschrieben. Diese Maschine wird einen Papierstreife» von Meter Breite erzeuge«, «ine bisher noch niemals hergestellte Breite; dabei liefert die Maschine iu jeder Minute einen 1ö2 Meter langen Streifen von dieser Breite. In 24 Stunden wird die Maschine 760 Zentner Papier fertig stellen. Man rechnet, daß zu ihrer Bedienung nicht weniger als 40 bis 60 Menscheii nolhwendig sein werden.— Humoristisches. — Wie ein Stück aus den Schwanken des Nassr-ed-din liest sich die t ü r k i s ch e P r o z e ß g e s ch i ch t e, die K. v. d. Goltz in seinen„Anatolischcn Ausflügen" erzählt. Ein reicher Mann hatte einen sehr wichtigen Prozeß»m eine große Besitzung zu führen. Aber der Fall lag verwickelt und der Richter erklärte ihm eines Tages: „Gözüm(mein Auge), Deine Sache steht schlecht; ich kann sie zu Deinen Gnnste» nur entscheiden, wenn Du mir hundert unverdächtige Zeuge» stellst, die bekunden, nicht ander? zu wisse», als daß Du der rechtmäßige Herr der Güter bist, die Du beanspruchst. Der Kläger— nennen wir ihn Ali Effendi— ging, schlug sich an die Stirn und dachte nach, was der Richter wohl gemeint habe» könne; denn nach einem Hintergedanke» sucht der Orientale stets. Plötzlich ging ihn, ein Licht ans— Belram war nahe; schnell eilte er in die Küche,»m für den Kadi einen Beirams- kuchen, aber einen besonders großen, zu backen, der, wie es üblich ist,»ach Art unserer Torten in schmale dreieckige Stück- schon zerlegt war. Solcher Theile sollte» es gerade bundert sein, und in eine» jeden wurde ein funkelnagelneues Goldstück gebacken. Vergnügt eilte Ali Effendi damit zum Hanse des Richters und de- fahl dessen Diener. O-man Agha, den Kuchen sofort zn seinem Herrn hinaufzutragen. Doch Osma» Agha witterte sogleich, daß es mit dem Kuchen seine eigene Bewaudtniß haben müsse, und untersuchte heimlich eines der dreieckigen Theilchen. saud das Goldstück darin, steckte eZ in die Tasche und aß da? Kuchenstück auf; die übrigen 99 schob er zusammen, sodaß nichts zu merken war. Allein es reizte ihn, dasselbe mit einem zweiten Theilchen zu versuchen, und siehe, es ging, auch die nun übrigen 98 ließen sich noch zusammenschieben, ohne daß man etwas Verdächtiges sah. Das zweite Goldstück wanderte in Osman's Tasche und das zweite Kuchenstück in seinen Magen. Ja, es glückte noch ein drittes Mal— aber»um war's zu Ende damit. Den Kuchen mit den 97 Stücken trug er zuin Kadi hinauf. Bald darauf fand die entscheidende Gerichtssitzung statt. Eiegesgewiß ging Ali Effendi hin. Aber der Richter machte ein besorgtes Gesicht.—„Gözüm, Deine Sache steht schlecht, ich habe Dir aufgegeben, 100 Zeugen zu stellen. Du hast mir aber nur 97 bringen können."—„Wollah— — billah! Herr, ich habe 100 gebracht."—„Ich habe nur 97 gc» zählt."—„Ich habe 100 i»S Hans gebracht und Osman Agha übergebe», er solle sie zn Dir hinaufführen." Der Kadi klatschte in die Hände— Osman Agha kam.„Osman Agha", sprach der Kadi ernst, was heißt das, Ali Effendi behanplel, er habe 100 Zeugen gestellt, die Du zu mir hinaufbringe» solltest, nnd ich bade nur 97 gezählt."—„Herr", erwiderte Osman Agha demüthig,„Du hast recht, aber Ali Effendi hat auch recht. Er brachte mir hundert Zeugen, aber drei davon waren schon so alt und schwach, daß sie die Treppe nicht mehr steigen konnten."— Sprach's und Ali Effendi gewann seinen Prozeß.— Vermischtes vom Tage. — Furchtlos nnd tre»! Vor einigen Tagen bestellte die Bilchhandlimg Vorwärts im Auftrag nnserer Redaktion bei R. Kohle's Verlag in Dessau ein Exemplar: B ü t tn e r P f ä n» e r zu Thal:„Der deutsche St. Michael, Führer für Bühnen". Die Sendung wnrde durch den Kommissionär Herrn Theodor Thomas in Leipzig gegen baar erbeten. Sie kam nicht. Dafür aber flog der Bestellzettel zurück mit folgender Bemerkung ans der Rückseite:„Da wir mit Ihnen nicht i» Geschäflsverbindnng stehen, bedauern wir, Ihnen nichts liefern zu können. Hochachleud Rich. Kahle's Verlag. Inhaber: Herm. Ocsterwitz, königl. Hof- bnchhändler, Dessau." Der arme„Vorwärts"! Jetzt wird er nie den Bültner-Psänner'scheii Michel zu Gesichte bekomme»! Das ist das eine Wunder. Das zivcite scheint zn sein, daß sich, unter St. Michaei's Flügeln, endlich einmal ein Autor nnd ein Verleger zusammengefundcii haben, die vollständig zu einander passe».„Beugt vor!" sagt Miquel.— — Eisenbahn-Unglück. H a» n o v e r IS. August. Amilich wird bekannt gemacht: Am 14. d. Mls. abends gegen 9 Uhr ist auf der Bahnstrecke Lehrte— Hamburg»nd zwar ans der freien Strecke i» km S9,0 zwischen de» Stationen Celle nnd Eschede der aus 7 Wagen bestehende Zug 376 mit der Lokomotive nnd 4 Wagen entgleist. Hierbei wurden 3 Personen geiödtet: 1. Ernst Otto an? Flensburg; 2. Schner ans Gronau; 3. H. A. Henning ans Hamburg. Ferner sechszehn Personen, darunter drei schwer, verletzt. Die sofort ans Celle untk Uelzen herbeigerufenen Aerztc legten den Verletzten de» ersten Verband an und sorgte» für Ueberfnhrung nach Celle. Die Ursache des Unfalles hat noch nicht festgestellt»verde» können»»nd ivird die sofort eingeleitete Untersuchung das»vettere ergeben. Die entgleisten Wage» sperrten beide Hauptgleise, jedoch»var um 5 Uhr morgens das »veftliche Gleis»vieder fahrbar und konnte der Bahiibeirieb zwischen Celle nnd Eschede eingleisig anfgenommeii»verde»». Die Reisende» der sonstigen Züge fanden zu»» tbeil durch Umleitung der Züge, zu», iheil"durch Umsteigen an der Unsallstelle möglichst schnelle Bc- sördernng.— — Die T y p h» s e p> d e ,»» i e in Benthe»» nimmt stark zu, auch unter dem Militär. Ein Soldat ist gestorben, 21 sind er- krankt. Die Ferien des Gymnasiums sind auf»»»bestimmte Zeit ver- längcrt worden.— — Schiffsnnglück. Am Sonntag gegen Abend ist einer der kleinen Personendampfer, die in Dresden den» Verkehr zivischen der Allstadt und der Neustadt dienen, nnlergegange». Ma» sagt, er wäre bedeulend überlade» geivesen. Sieben Personen werden vermißt. — Auch der Bischof von Regensburg hat das Rad- fahren den Geistliche» und den Zöglinge» der Klerikal- nnd Knabenseininarien seines Eprengcls als„gesnudhettsgcsährlich" und „anstößig" gänzlich verböte».— — Prag, IS. August. In einem Schlafivagen des Karl?« bader Expreßznges wurden die Passagiere,»vährend sie schliefen, von einem Mitreisenden ihrer Baarschaft»>„d ihrer Schmucksachen beraubt. Der Räuber verließ»»»entdeckt den Zug. Man glaubt, daß die Passagiere erst narkolisirt und dann beraubt »vurde».— — Wien, 15. August. Eisenbahn-Unfall. Bei der Station W i t t m a n» s d o r f in Niederösterreich stieße» zwei Personenzüge zusammen, drei Reisende wurden dabei schiver und drei leicht verletzt, sechs Waggons»v»irden beschädigt.— — Das Gouvernement L n b l i»»(Rußland) ist von einem furchtbaren Orkan heimgesucht»vorden, der außerordentlichen Schaden angerichtet hat. In Ostroivo sind viele Hänser ei». gestürzt, auch»vurdei» Menschen geiödtet und verletzt. Tic tele- graphische Verbindung zivischen Warschan und Odessa»Ii genört.— Veraniworllicher Redaklenr: August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading i» Berlin.