Ilnterhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 163. Freitag, den 20. August. 1897. (Nachdruck verböte».) *] Die Schuldige. Von C. Viebig. 5lien>and da— alles still— alles leer— keine Hilfe, kein Beistand! Mit dumpfem Stöhnen stellte sich Barbara auf die Füße, ein ungeheurer Schmerz durchfuhr sie jäh vom Kopf bis zu den Füßen und drohte ihren Leib in Stücke zn reißen. Eine namenlose Angst trieb ihr Herz zu rasendem Pochen und schnürte ihre Kehle zusammen; sie preßte die blutlosen Lippen fest ans einander, es hätte sich ihnen sonst ein Schrei der Derzweiflnng und Qual entrungen. Langsam, Schritt für Schritt ivankte sie weiter. Nun war die Torsstraße erreicht. Der Schweiß lief ihr übers Gesicht. Mit zitternder Hand tastete sie sich an den Wänden der Häuser entlang— wie endlos die Straße, wie ewig iveit das Armenhans, drin die Katrein hauste! Der Atheni der wankendeil Gestalt keuchte, es klang wie ein Aechzcn durch die Stille; nun blieb sie stehen— wieder dieser ungeheure jähe Schmerz und nun ivieder und wieder, Barbara lehnte sich an die Mauer und stöhnte. Jetzt raffte sie die letzte Kraft zusammen— noch diese Gasse— noch diese Ecke— dort am äußersten Ende des Dorfes das kleine, halb zusammengesunkene Hans, abseits von den übrigen,. das war's! Mit einem Laut, halb Wimmern, halb Erlösung, brach sie vor den Stufen nieder, auf Händen lind Füßen kroch sie hinan. Sie stieß mit der Faust gegen die Hüttenthür: „Taut, maacht nf, Taiit Katrein, um Christi willen maacht uf!" Bauge Minuten verstrichen, dann tönte von innen eine zittrige Stimme: „Wäu es eloa, bis Dan et, Barbe?" „Iao, jao," das Mädchen ächzte,„maacht— Jeffcs, maacht— rasch!" Die Tbür ivard vorsichtig geöffnet, ein rnnzliges, gebücktes Weib mit Triefaugeil und Kropf leuchtete mit einem flackernden Ocllämpchen heraus. „Jeß Marie Jusep, Jeß Marie Jusep!" Fast ließ die Alte das Lämpchen fallen.„Barbe, es et e su weid— Könner, Könner!" „Laoßt mech rin!" Barbara schob sich über die Schwelle; halb kroch sie, halb zog die Alte sie. Die Thür fiel in's Schloß, der Riegel ward vor- geschoben. Aber hinter dem verhängten Fensterchen der Hütte glomm matter Lichtschein die ganze Nacht, und als das Frühroth am Himniel flammte und unter Vogelgeschmetter der junge Tag über die Berge lugte, erklang drinnen in der elenden Stube der Armcnhäuslerin der erste wimmernde Schrei eines Kindes. Droben im Wald bei der Genofevahöhle spukte es. Das ganze Dorf iviißte es, seit Wochen ging's dorten um. Die Kinder, die nach Kräutern und Veilchen sich tief im Dickicht verloren hatten, waren entsetzt heimgekehrt. Es war nie recht geheuer um die einsame Stätte gewesen, selten betrat ein Menschenfuß den schmalen, schwer erkennbaren Pfad, der z, vischen Geröll und kaum durchdringlichcn Büschen den steilen Berghang hinaufführte. Nur der zierliche Huf des Rehs drückte sich in das weiche Moos, und in den zitternden Sonnenstrahlen, die den grünen Rasenfleck vor der Höhle vergoldeten, wärmten sich schillernde Eidechsen. Hener aber hatten die Dorfbuben, die den Wald durchstreiften, droben ein seltsames Singen ge- hört; dazwischen klang's wie Weinen einer Kinderstimme. Die stille Sommerluft trug die wunderbaren Laute an ihr Ohr, lauschend standen sie. Horch, wieder das Singen! Oder rauschten die Büsche nur so, oder murmelte der Quell, der den Hang hinunter plätscherte? Leise, gedämpft, wie aus der Tiefe der Erde kamen die Klänge! Mit aufgerissenen Augen, mit offenem Mund schlichen die Kinder näher, sich schiebend und drängend und einander beim Jackenärmel haltend. Was war's?— Alles still. In den Büschen wisperte der Wind, im Kraut raschelte eine Eidechse— huh, sie fuhren zusammen. Mit dornigem Arm langte der Brombeerstrauch nach dem Kittel des vordersten, der Fuß glitschte auf dem feuchten Moos; zögernd standen sie. Horch, horch, ntm wieder Singen! Lallen eines feinen Stimmchens!— Die heilige Genofeva wiegte ihr Kind! Zitternd vor Angst und Neugier schlichen die Buben näher— da— da— hinter dem Buschwerk, das wie ein schützender Wall den kleinen Plan umfing, an der Quelle, die dem Sandsteingeklüft entsprang, sah man sie stehen, die Genofeva! Die Heilige! Den Lauschern sträubte sich das Haar. Sie stand im Eingang der Höhle, hinter ihr gähnte das Dunkel, um ihr Haupt woben sich Sonnenstrahlen; gleich einem Mantel von gesponnenem Gold floß das Haar um ihre Schultern— und nun hob sie das Gesicht, ein über- irdischer Glanz ging von ihm aus, das Gras zu Füßen neigte sich, himmlisches Wehen säuselte durch die Bäume, ein Hallen und Tönen ging durch die Luft— � die Kinder sahen nichts mehr. Gleitend, stolpernd, sich überkugelnd, stürmten sie. den Hang hinunter. Dornenzweige schlugen ihnen ins Gesicht, Jacke und Hose rissen in Fetzen; bleich, athemlos, außer sich vor Entsetzen und Wichtigkeit kamen sie heim. „Mer haoii se gesiehn, mer haon sc gesiehn, de heilig Genofeva! Se stand owen vor ihrer Höhl, en Heiligenschein us em Kopp, de Hirschkuh lag er ze Füßen, on Engelcher wiegten bat Könd; mer könnt de himmlische Muhsik Heren—- mer haon se gesiehn!" ,„Se haon se gesiehn! De heilig Genofeva gieht om!" Wie ein Lauffeuer durchflog's das Dorf; die Kinder wurden befragt und ausgehorcht, selbst der Herr Pfarrer ließ sich herbei, die Erzählung mit anzuhören. Da war kein Haus, in dem nicht von der wunderbaren Begebenheit die Rede war; zwei, drei Leute saßen nicht bei einander, ohne sich in die Ohren zu tuscheln:„Sc gieht om, se haon se gesiehn!" Die alte Sage vom Ritler Siegfried auf Burg Ramstein ward wieder lebendig, der dem falschen Knechte sein Ohr lieh, sein unschuldiges Weib der Untreue zieh und von sich stieß, daß die arme Genofeva in der Höhle, tief im Wald, Zuflucht suchen mußte, dort ihr Kind mit Thränen herzte und mit der Milch der Hirschkuh ernährte. Sie saß viele Jahre in dem dunklen Felsenloch. Ihr Gewand zerriß, sie halte nichts zum Mantel als ihr goldenes Haar; aber zuletzt ward sie heilig und die Engel setzten ihr eine Strahlenkrone auf's Haupt. Und nun hatten die Kinder sie gesehen. „Jao, jao, ech glauwen et wohl", sprach die Katrein Holtzer, die derweilen als einzige Pfründnerin im halb- verfallenen Armenhaus hockte, und nickte geheimnißvoll, daß ihr Kropf wackelte,„lao haon ech se schuns mannigmaol singen Heren, wann ech erum gekraucht bin nach Holz on Beeren; äwer, üwer ech haon mech dao dervon gemaoch on niemand neist verzählt. Et es net wohlgedahn, et es net wohlgedahn, wann mer doadrüwer reden duht, on gaor de Heilige siehn— bat ons Gott bewaohr!" Sie schlug fromm ein Kreuz, und die Umstehenden schlugen rasch eins mit. „Mech soll et wunnern," die Alte blinzelte scheu herum und ihr zahnloser Mund flüsterte,„paßt uf, ech duhn net daofür kurantören, ob de Könner net verspillt haon; de Heilige läßt sech net ongestraft beluren— et es net wohl- gedahn, et es net wohlgedahn!" Die Katrein hatte so unrecht nicht. Fischer Matthes sein Pitter, der erste, der die Genofeva geschaut, der auch nachb�r im Dorf den größten Mund gehabt, ward einige Tage danach c nik. Was ihm fehlte, wußte man nicht; er hatte es arg im Leib, und kein Essen war ihm bekömmlich. So sehr schlimm war es eigentlich nicht, aber der Bube hatte eine Höllenangst und schrie immer: „Modder/ Modder, et sein net de onreifen Kerschen, et es de Genofeva! Ech gänn gestroft, ech haon mit de Fingren uf er gezeigt!" Und die Mutter heulte und rief die Gebenedeite und alle Nothhelfer; nur keinen Doktor. /.Wat soll hän und) hei? Dao hilft kein Medezin ein- holen, ons Pittchen muß doch stärwen!" Da war kein Mensch in ganz Ehrang, der zur Genofeva- 650— höhle gestiegen wäre. Einsam und gemieden lag sie inmitten dichten Waldes; der Kühne, der sich von Neugier getrieben ein Stück den Berghang hinauswagte, hörte kein Singen mehr; es war verstummt. Die Kinder durchstreiften andere Gegenden, nur die alte Katrein, die Armenhäuslerin, trollte tagtäglich den Weg durch die enge Schlucht, von der es zur Höhe hinaufging. Sie brauchte sich nicht zu fürchten, sie war alt und lebensmüde, hatte nichts mehr auf dieser Welt zu verlieren. Seit ihres Bruders Sohnes Tochter, die blonde Barbara, die beim Pfalzelbanern in Dienst gestanden, sich so plötzlich und über Nacht davon gemacht, hatte sie keine verwandte Seele im Dorf. Wo die Barbara nur hin war? Nian hatte freilich beim Pfalzel- dauern auch nicht viel von der Magd gesehen, der Hos lag abseits, sie war nicht ins Dorf gekommen, aber wissen wollte man doch gern, wohin sie gegangen. „Lao ronner haot se gemaach," sagte die Katrein auf alles Fragen, hob den runzligen Steckenarm und wies nach irgend einer Himmelsrichtung.„Se haot et saat gehatt, dat Hongcrlieden beim Pfalzelbauer. Wat wissen ech? Wird schon enial schreiwe laosse», dann dnhn et Eich verzählen— o— a— ha, es dat en Läiven!" (Fortsetzung folgt.) Sttdevmolun*s„Johttnurs" Im Direktionsbnreau des„Deutschen Theaters" las Heruian» Suderiiiaiin einer kleinen Anzahl von Journalisten sein neuestes Drama„Johannes" vor. Manchem der Hörer wird die Vorlesung im Grunde überflüssig vorgekommen sein. Sie sollte ein Appell an die Oeffentlichkeit sein; aber man hat sich an allerhand Verwunderliches gewöhnt, und kein Zensurverbot mag sonderlich überraschen. Der Werth einer Dichtung wird besser beurtheilt, wenn man das Gedicht still für sich liest, als wenn man es in stundenlanger Vorlesung, die zur Ermüdung führt, an sich wirken läßt. Darum wäre ein erschöpfendes Ur theil verfrüht, eh' noch das Drama„Johannes" im Druck vorliegt Was es als Bühnenkunstwerk taugt, wird nur auf der Bühne selber offenbar. Nur von ersten flüchtigen Eindrücken kann also hier die Rede sein. Sndermann soll sein Drama vor vielen Jahren bereits geplant und entworfen haben. Es stellt sich ihm als sein reifstes dichte- risches Bekenntniß dar. Ihn muß das Zensurverbot besonders hart erbittert habe». Was an dem„Johannes" selbst ein orthodox kirchliches Gemüth verletzen könnte, ist nach der Vorlesung wohl keinem der Hörer recht klar geworden. Das Drama ist zwar nicht aus tiefer Elltase geboren, eher erscheint es wie das Werk eines Rationalisten: aber es kann beim inbrünstig Gläubigen selbst nicht anstoßen. Christus selbst, der kommende Erlöser, den Johannes ahnt und erst als Sterbender begreift, wird nicht ans die Bühne gebracht; und die biblischen Gestalten werden durchaus nicht zu Trägern modern-philosophischer Ideen oder modern-sozialer Anschauungen. Keine ethische Anwendung ans die Roth und Sehn- sucht unserer Tage wird gewagt; kein kühner revoltirender Kamps ton soll die elegische Stimmung stören, in der Johannes»ach Eudermann'S Absicht getaucht ist. An große Vorgänger dachte Sndermann, an Byron, Grillparzer(Efther), Hebbel(Holofernes und Judith), als er daran ging, die eiusache, in großen Linien ent- worfeue biblische Erzählung durch reiche, mannigfach komplizirte -psychologische Entwickelung zu einem neue», dramaiischen Gedicht zu gestalte». Nach dem ersten Eindruck, den das Drama macht, ist das Können trotz mancher geistvollen Einzelheiten hinter dem Wollen weit zurückgeblieben. So wenigstens ist meine Empsindung. Wo Sudermann tiefste Entschlüsse, geheimstes Weh künde» will, da versagt seine Kraft. Er ist kein Man» der schweren psychologischen Probleme; oft gemünzte Theatererfahrung ersetzt ihm Hebbel'sche Grübelei oder Grillparzer's sensiblen Zartsinn. Das sündhafte Blut der Fürstentochter Salome begehrt nach der Liebe des Täufers Johannes; der heilige Rabbi weist die Begehrliche zurück; verschmähte Liebe führt zu tollem Haß,— ein beglaubigtes Rezept. Salome lechzt nach dem blutigen Haupt Johannis, in ihrer Gier durch die Mutter Herodias unterstützt, die von» Rabbi einst- malg öffentlich als Bnhlerin gebrandmarkt war, und das theatralische Gerüst ist zurecht gezimmert. Woran des Täufers inneres Geschick sich erfüllt, hat Snder- mann derart darzustellen versucht: Johannes, der Vorläufer, sah den Messias in anderer Gestalt, als er dem gemarterten, geknebelten Volke erschien. Ihm erschien der Erlöser ivie ei» streitbarer Held, ein König mit feurigem Schwert, der die Widersacher niederschlägt. Da muß Johannes von einem armen, einfälligen Galiläer sich be- lehren lassen, daß nicht die Könige zu den Gequälten als Erlöser kommen, daß der Nazarener das Gebot der Liebe über Gesetz und Opfer stelle und predige: Segnet, die Euch fluche». Johannes er- kennt das neue Licht, das von Galiläa kommt; das alte Gesetz ronnte er wohl den Leuten nehmen; aber ihre sehnsüchtigen Seelen konnte er Licht mit iieu«» Heil erfüllen. Er predigte einen Messias, den er zu spät erkannte. Darm» brach er in sich zusammen, als der blutschänderische Herodes mit der übermüthigen Herodias den Tempel entweihte. Seine Jünger nnd das Volk erwarteten da von ihrem Meister die grobe, rächende That; schon ergreist Johannes den Stein wider den Tempelschänder, da berührt ihn ein Hauch des Galiläers, der Stein entsinkt der Hand, die sich zu strafen nicht ver- messen soll. Das Volk aber murrt über Verrath, denn es begreift nicht, was in der Seele seines Meisters vorgegangen ist. Reif ist Johannes nnd bereit zum Scheiden. Sterbend noch vernimmt er den Gruß des Galiläers, und während Herodes, der römische Legat »nd die Großen im Pallast noch tafeln, ertönt von draußen das tausendfache Hosiannah, mit dem das Volk von Jerusalem den Einzug des Nazareners feiert.— Dies in wesentlichen Zügen der Gang von Sudermann's Drama.— Vev Z!>ventiev!ttin