Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 165. Dienstag, den 24. August. 1897. tNachdruil verboten.) ez Die Schuldige. Von C. Viebig. Hatte er seinen Beruf verfehlt? Ost hatte er sich's ge« fragt, wenn sein Herz so thöricht pochte, wenn sich ihm Worte der Entschuldigung statt Worten der Anklage auf die Lippen drängen wollten. Er war zu weich, viel zu weich; er sah nicht mit den Augen des Richters. Er sah mit denen des Menschenfreundes. Seine Seele krampfte sich zusammen beim Leiden der Welt, sie bäumte sich auf, sie wollte sich empören gegen das„Schuld ist Schuld, Gesetz bleibt Gesetz". Er war kein guter Staatsanwalt, er würde keine Karriere machen, und mit Recht; wie weiches Wachs darf der nicht sein, der da immer zu sprechen hat:„Ich klage an." Ter Grübelnde fuhr zusammen, ein greller, lustiger Kinder- schrei drüben von der Wiese her schreckte ihn auf. Wie sie lachten! So viel Frohsinn, so viel Heiterkeit; warum sah er, er allein, immer zuerst die düsteren Schatten, die das blumigste Thal verdunkeln? „Aeh!" Mit unmnthigcm Kopffchütteln trat Milde seinen Weg an. Ter war einsam. Tie Bäume standen wie Niesen- wächter, kein Hauch flüsterte in den Blättern; es war still, kein Vogelruf, kein Käfersurren. Er schritt weiter. Ter Pfad ward schnial und schmäler; nun sperrte ein Bach den Weg, schäumend und perlend sprudelte er zwischen mosigen Steinen. Ter Wanderer sprang hinüber, dichtes Gebüsch umfing ihn, ein steiler Hang stieg vor ihm auf. Stamm an Stamm, so dicht wie eine Mauer; drunter üppige Farrenwedel und rankendes Brombeergestrüpp. Hier ging's hinauf zur Höhle. Milde wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es war ein mühseliges Steigen, ein Kletter» ohne Weg und Steg, ein Anklammern und Forthelfen an vorstehenden Wurzeln und überhängenden Ziveigen. Tiefathmend hielr er inne und lehnte sich an einen glatten Buchenstamm. Goldene Kringel tanzten vor ihm auf der MooSdecke, hoch oben, wo die dichten Wipfel ein Stückchen Himmel hereinschauen ließen, segelte ein leichtes Abendroth. Grünes dämmerudes Licht umfing schläfernd die Sinne; da— horch— ein Ton, ein verirrter Klang! Es saug jemand> Leise, wie ein Hauch, wehte es über die Büsche— der Wanderer fuhr zusammen. Tas kam von der Höhle. Er kletterte weiter, er kroch auf Händen und Fußen— jetzt war er oben, nur dichtes Buschwerk trennte ihn noch von dem kleinen Wicsenplan. Er blieb auf den Knien liegen und lugte mit scharfem Blick durchs Gesträuch. Tie Augen waren ihm wie geblendet, sie gingen über. So golden, so grün war der Rasenflcck, wenige Fuß>m Geviert, vor der düsteren Höhlen- wand. Tausend Blumen blühten darauf, ein reiner Quell plätscherte, auf tieshängenden Zweigen der umstehenden Bäume saßen Waldvögel in Cchaarcn und bliesen die Federn auf. Süß und sanft wie im Traum klang ihre Melodie:„Tirili— tüi— tiii* und dazwischen fielen Worte, halb gesungen, halb gesummt: „Oiven uf ein Berge— Guht e sn leis dän Wind— Dao sitzt Jongfra Maria— Du wieget ihr Kind— Su— su— hmja popaija— su— su" Tirili— tüi— tüi— Wer war das? Ein Mensch, die heilige Genofeva selber? Tcm Lauscher stieg das Blut zu Kopf, sein Herz pochte, er war erschrocken, verwirrt; sollte er das seltsame Wesen an- rufen, das da mitten im Sonnengefunkcl saß, ein Kind in den Armen? Sie wiegte es sacht hin und her, dabei glänzten ihre langen Haare wie gesponnenes Gold. Sie saß auf einem Stein, die nackten Füße standen in lauter Blumen, ihr Gesicht schwamm in geheimnißvoll schimmerndem Duft. Run lächelte sie, mit unbeschreiblicher Glückseligkeit neigte sie sich zu dem Kind in ihrem Schooß.— Nein, das war keine Heilige, sie öffnete den Mund, sie sprach, unverfälscht kam der Moscldialekt über ihre Lippen. «Gelt Tau, mein Jüngelche, dat Sönnche es e su schien, dat duht onsem Könd e su gud— o Tau mei lief goldig Engelche!" Sie bedeckte die kleinen Hände des Kindes mit Küssen.„Jao, wenn cch Tech net hätt'! Kuck, ech möchten vor Tech hinknieen on Tech anbeten als wie en Wunner; bitt' Tau sor mech an Gottes Thron— 0 Tau mei Herr- göttche!— Erscht sein ech e su arm gewest, nau sein ech e su reich, kein Kenigin hat mieh— Tau— Tau— su su—- haija popaija!" Sie preßte das Kind lebhaft an ihre Brust, dann stand sie aus und ging mit wiegenden Schritten hin und her. Milde wagte nicht zu athmen, mit weit geöffneten Augen starrte er auf die Gestalt des jungen Weibes. Alle Märchen der Kind- heit schaffen ihm durch den Sinn, er kam sich selber vor wie im Märchen. Um ihn her tiefste Waldeinsamkeit. Wie ver- zaubert sangen die Vögel, Grillen zirpten heimlich, und mitten in der Blumenwildniß ein'.Wesen— nur eine Bäuerin im groben Friesrock und geflicktem Hemd— aber die Füße, die Schultern so weiß, die Haare golden, auf dem Antlitz die ver« klärende Seligkeit himmlischen Mutterglücks! e-- Langsam verblaßte das Sonnengold, ein Windhauch schauerte durch die Büsche, zusehends ward es dämmerig und dämmeriger; nur ein schmaler Streifen Licht fiel noch schräg über den Wiesenplan. Milde fühlte nicht, daß ihm die Kniee schmerzten, er lugte noch immer durch's Gesträuch— nun machte er eine unvorsichtige Bewegung, ein Zweig knisterte. Gleich dem gescheuchten Reh fuhr das junge Weib zusammen. Zwei große schwarze Augen glitten über die Büsche hin, halb furchtsam, halb wild drohend— einen Augenblick nur, dann lächelte das weiße Gesicht wieder. „Ne, ne, et es dän Wind gewest, dän Wind on de Heimelcher im Gras— ha ha!" Sie lachte gedämpft.„Se sinnen mech net, mech net on Tech net— o Dau— Tau!" Sie hob wie im Triumph mit beiden Armen das Kind in die Höhe. Milde sah über dem Bündel armseliger Lumpen ein winziges, rosiges Gcsichtchen, dann verzog sich dasselbe, ein klägliches Weinen ertönte. „Jao, jao, mei goldig Engelche, Dau'has Honger, Dau duhst frieren, waart!" Eilig kauerte die Mutter nieder, schlug ihren Friesrock über die Schultern und legte unter der wärmen« den Hülle das kleine Geschöpf au ihre Brust. Unhörbar zog sich der Lauscher zurück. Jetzt war's genug, ihm kam's nicht zu, weiter das Mutterglück zu belauscheu; fast wollte es ihn schon wie Scham beschleichen, ein unerklärliches Gefühl durchzog sein Inneres. Wie benommen glitt er den Abhang hinunter. Das Weinen hatte aufgehört, nur„Su, su — haija popaija" klang noch schwach hinter ihm drein. Drunten stand er tief athmend still und faßte sich an di« Stirn. War's möglich? War's nicht ein Traum, war er eS selber noch? Freilich, da sprang der Bach schäumend und perlend über die Steine, und dort führte der Weg zum Ram- stein! Hier unten im Thal war schon tiefe Dämmerung, fast Nacht; Milde hatte kaum der Finsterniß acht, seine Seele weilte noch oben auf dem sonnenbeglänzten Rasenfleck. Wirre Gedanken jagten durch seinen Kopf. Da schien wohl kein Zweifel, das junge Weib in der Genofevahöhle war die ver» schwundene Barbara Holtzer, des Pfalzclbauern Magd; sie saß oben in der Höhle und verbarg ihre Schande vor der Welt. Ihre Schande— oder ihr Glück? Ja, da war er wieder, der böse Zwiespalt, der so oft die Seele ängstet und Recht in Unrecht kehrt, Unrecht in Recht! War es nicht die reinste Freude, die der Mutter an ihrem Kind? Gab es etwas hold« seligeres als jenes junge Weib, dessen Gesicht mitten in der Verlassenheit den Stempel schönster Verklärung trug? War hier Sünde, Schande? „Ich weiß es nicht," murmelte der Staatsanwalt,„fragt man die Frucht, wenn man sie genießt: woher stammst du? Die Blume: wo bist du erblüht? Erstand die Wurzel auch in Schutt und Moder, in Sumpf und Fäulniß, man kehrt sich nicht daran, die Frucht, die Blume sind da. Die Schöpfung ist eben so ein« gerichtet. Warum soll man hier sagen„das Kind derSchande" und mit Aber und Pfui das schöne Mutterglück in den Staub treten? Warum?— Darum! Das Gesetz spricht sein„Un« giltig" über die Verbindung, der das junge Menscheuwesen entsprossen, eS drückt mit starker Hand den Stempel des Makels auf die Stirn der Mutter und wirft das Kind zu den Namenlosen; es ist grausam, aber— Gesetz bleibt Gesetz, die Sitte muß bestehen, es sei denn, die Welt ginge aus den Fugen. Und doch—" Der Einsame schreckte zusammen, unweit von ihm tappte etwas, unwillkürlich trat er hinter einen Stamm und dielt den Athem an. Es kam näher, aus den. Schalten wuchs eine Mänuergestalt auf, groß und schlank, ein Bündel unter'm Arm. Zinn stand der Ankömmling still und spähte umher— nichts zu hören, nur das Rauschen des Baches und das Wispern des Abendwindcs in den Blättern. Milde rührte sich nicht, das Gebahren des Menschen war so cigeutdümlich scheu und ängstlich, er that wie einer, der etwas zu verbergen hat. Nun stand er dicht neben dem Baum, dessen breiter Stamm den Staatsanwalt verdeckte; ein schwacher Schein fiel durch's Ge- zweig mitten ans das Gesicht unter der breitkrämpigen Mütze. Ei, das war ja der Lorenz von Pfalzelhof! Schon wollte Milde die Hand vorstrecken und auf die Schulter des Burschen fallen lasse», als dieser noch einmal den Kopf nach allen Seiten drehte, mit einem geräuschlosen Satz über den Bach sprang und gewandt den steilen Hang zur Höhle hinauf zu klimmen begann. Bald war er im Dunkel verschwunden; nur das Brechen von Aestcn, das Knicken dürren Holzes tönte noch zurück. (Fortsetzung folgt) Die Dflnttzvtnuelk des Verlinvv Thieeg«vkens. Von de» zahllosen Berlinern, die an den Wochentagen oder, da der größte Theil ja nur Sonntags Zeit hat. an de» Sonnlagen in den Thiergarten hinauZpilgern, haben wohl bisher nur wenige die ungemeine Mannigfaltigkeit der holzigen Gewächse, Bäume und Eträucher beachtet. Und woher sollten diese Großstädler auch be- sähigt sein, die Natur in ihrer Vielgestaltigkeit zu erfassen; wird doch noch heute in den höhere» Lehranstalten dein Primaner das unwichtigste Zeug eingebläut; z. B. daß Horaz im xten Vers seiner yte» Ode Faterner- und ja nicht etwa Massiccrwei» erwähnt; ob der Primaner aber eine Eiche von einer Buche, eine Kiefer von einer Tanne unterscheiden kann, danach fragt ihn kein Mensch, das ist gleichgiltig, drnn es gehört ja nach Ansicht des humanistischen Gymnasiums nicht zur allgemeinen Bildung. In de» Real-, Bürger» und Volksschulen, steht es bannt nur wenig besser; und doch läßt es sich gtücklicherweise nicht leugnen, daß gerade beim Großstädler guter Wille und rege Freude an naturwisseuschastlichen Fragen in reichem Maße vorhanden sind. So mag es denn auch sur manchen von Interesse sein, zu er- fahren, daß unser Thiergarten neben einigen zwanzig an Ort und Stelle unzweifelhast heimische» Holzgewächscn nicht weniger als SV— 90 angepflanzte Bäume»nd Slräncher aus aller Herren Ländern beherbergt, von denen ein Theil sogar gänzlich verwildert ist und daS Bürgerrecht in der Berliner Flora erworden hat. Nicht immer war die Vertheilung von Land- und Nadelwald. von Sumpf und Wiese, von Wasser und Haide die gleiche wie heute; geht dock) der in der Natur herrschende, stete Wechsel der Formationen unter der Hand des Menschen doppelt schnell von statten. ES haben sich ausgedehnte Eichen- und Bnchenbestände, Kiefernwald und besonders Erlenbrüche in ihm befunden, von denen heule nur noch kleine Reste zu entdecken ünd. Tie jetzigen Forma- iione» des Parks überall mit Sicherheit auseinander z» halten, ist nicht leicht, ja fast unmöglich, denn in jahrhunderilanger Pflege hat der Mensch zu sehr die Gegensätze gemildert, die Grenzen verivischt. Im große» und ganze» habe» wir aber im Park das Bild eines reich gemischten Laubwalds vor uns mit noch einzelnen reinen Be» ständen von Eiche, Buche und Birke. In einem ivestlich gelegenen Theil, den man seiner geringen Kultur wegen oft scherziveise die Wildniß nennt, herrscht Liieser mit üppigem Lanbunterholz vor. Große Rasenflächen, die als reine Knnstprodukte zu betrachten sind, wechseln mit bald feucht-, bald trockengrnndigen Waldwiesen. In der Gegend des Hippodroms treffen wir noch aus Reste einer ans- gesprocheneu Sandflora; die der trockenen Waldränder dagegen ist leider seit Jahrzehnte» von dort verschwunden. Die Pflanzen- weit, die unter dem Schutz der Büsche gedeiht, hat für den Frühling, wie für den Sommer eine eigene Physiognomie an- genommen. In den Gewässern haben eine Reihe BegleUpflanzen stehender Teiche Unterkunft gefunden, an ihnen eine Anzahl typischer Uferpflanzen sich angesiedelt. So haben wir im Thiergarten mannig- faltige, wenn auch räumlich eng begrenzte Formationen. Als heimische Holzgewächse sind außer den beiden Elchenarten, Stein- und Stieleiche, Birke, Erle, Buche, Hainbuche, Esche, lleiii- blätteriger Linde, Zitterpappel, Feldulme und Kiefer noch Vogel- kirsche und Vogelbeere(Eberesche), Spindelbaum, Faulbaum, Schlehe, Hollunder, Haselnuß, Brombeere. Himbeere und mehrere Weiden- arten zu betrachte». An Schlinggewächsen befinden sich besonders in der Nähe des Neuen Sees prächtige Hopfenstaude» und zwischen Schneckenberg und Goethe- Denkmal baumhohe. jahrhundertalte Epheustöcke. Rankendes Geißblatt(Je länger, je liebers ist nur in einigen Exemplaren in der Wildniß und iin Bellevue- Garten vor- Händen. Desto hänfiger, wenn auch vom Publikum über- sehen, findet sich in den Nadelkronen der Kieser der immergrüne Parasit, die Mistel; und man kann, wenn man sich nur die Mühe nimmt, danach auszuspähen, mit zieinlicher Bestimmtheit darauf rechnen, sie fast auf jeder einzel- stehende» Kiefer zu entdecken; einige schöne, leicht und weithin sicht- bare Büsche an der Nordostseite der Nousseau-Jnsel sind vor einigen Jahre» zugleich mit ihren Wirtheu der Axt zum Opfer gefallen. Diese merkwürdige Schmarotzerpflanze mit ihren dicklederartigen Blätter», ihren gabligcn Aesten, ihren paarweisen, glänzendweißen Beeren spielte schon in dem Götterglaubcn der Kelten und Germanen enie hervorragende Rolle und noch heute ersetzt in England der mistlstos(Mistelzweig) die Stelle unseres Weihnachtsbaumes. Die Zahl der fremden Gäste unseres Waldes übertrifft die der einheimischen Bewohner um das drei- bis vierfache. Zu der klein- blättrigen Linde hat sich ihre großblättrige Schwester gestellt, nnd leicht ist sie au der weichen Behaarung der Blätter von ihr zu unterscheiden. Ter Ahorn hat sich in unseren drei deutschen und mehreren ausländischen Vertretern eingefunden. Die Platane, ein Mitglied der vaterlandslosen Rotte— ihre Heimath ist nämlich un- bekannt—, ivird man ohne Schwierigkeit durch die glatte, ab- blätternde Rinde, durch die hängenden Fruchtbällchen vom Ahorn trennen; und wenn ich noch sage, daß sie es ist, die die herrliche Baumgruppe am Nordufer des Neuen Sees bildet(„Künstlerbank"), so wird sie wohl jeder kennen. Ein Fremdling, den man gleichfalls niir bei ganz oberflächlicher Betrachtung mit einem Ahorn ver- wechseln könnte, ist unser nordamcrikanischer Gast, der Tulpenbaum. Ein besonders schönes Exemplar steht am Rande des Parks zwischen Regenten- und Bendlerstraße. Diese wiffcnschaftlich hochinteressante Pflanze, die in früheren Erdperioden(Tertiär) einen bedeutend umfang- reicheren Verbreitungskreis halte, jetzt aber nur noch ailf die Südost- Staaten Nordamerika's beschränkt ist, bringt Ende Juli, Anfang August tnlpengroße, tnlpenähnliche, tulpenbunle Blüten und welteifert mit denen der Magnolie a» Schönheit— kein Wunder, sind sie doch nahe Verwandte. Von den fünf im Parke vorkommenden Pappelarten ist wohl(außer der Zitterpappel?) nicht eine als Ureinwohnerin zu betrachten. Besonders möchte ich auf einige gewaltige Stämme der Weixpappel am Neuen See aufmerksam machen. Die Roßkastanie hat sich in vier Arten eingestellt: Die gewöhnliche wcißblühende Robkastanie kam ursprünglich aus Griechenland; die gelbe, die klein» blühende, die rothblübende(Goldfischteich) haben aus Nordamerika den Weg über das Wasser zu uns gesunden. Die letzte wird oft irrihümlich als„echte" Kastanie bezeichnet. Nein, sie hat mit dieser auch garnichts zu lhun und steht ebenso wenig wie die gewöhnliche Roßkastanie zu ihr in irgend einem botanisch-verwandlschaftl>chen Verhältniß. Die echte Kastanie ist meines Wissens nur in einem einzigen Exemplar am Rande des Thiergartens östlich der Friedrich- Wilhelm-Slraße angepflanzt; sie reift zwar bei uns ihre Früchte nicht aus, aber im Herbst, wenn sie die dichtstachliche» Fruchlknolleu abwirft, wird sich wohl schon manch' einer den Kopf über diese eigenartigen jungen Igel zerbrochen haben. Neben der Vogelkirsche macht sich die Tranbenkirsche(fälschlich oft als„Faulbaum" bezeichnet) breit, deren Blüthentrauven in warmen Mainächten den ganze» Park mit ihrem Dnft erfüllen. Bescheiden, aber doch ihrer Würde sich bewußt, steht in ihren kleinen lackglänzende» Blättern die Weichselkirsche am Wege. Sie weiß, mancher Raucher schätzt ihren Wohlgeruch. Noch zwei wichtige amerikanische Einwanderer sind zu nennen: die Robinie nnd die Gleditschie. Die Robinie ist unter dem Name» „Akazie" allgemein bekannt, aber beide haben miteinander nichts oder nur wenig zu thun. Die Gleditschie erkennt man leicht an den klei- neren Fiederdlältchen, den dreitheilig verzweigten Dornen, den langen, glänzend braunen Frnchthülsen. An Nadelhölzern hat Nordamerika ihre Weymouthskiefer und eine der eigenartigsten Erscheinungen der ganzen Pflanzenwelt: Daxo- ctium distienm beigesteuert. Es ist mir in zwei Exemplaren am Denkmal Friedrich Wilhelm III. aufgefallen. Dieser Baum hatte früher(Tertiär) den gleichen Verbreilungskreis wie der obenerwähnte Tulpenbaum und hat sich auch in dem gleichen Gebiet wie er, in den Südostslaatcn der Union, erhalten. Im Herbst wirft er nicht nur die hellgrünen Nadeln, sondern die ganzen jungen Acstchen ab und ersetzt sie im nächsten Frühjahr durch neue Sprossen. Ans sumpfigem Boden treibe» die Wurzeln knollige Ansivüchse zur Ober- fläche, deren Zweck es vielleicht ist(mit Sicherheit ist es nicht nach- gewiesen), ihnen Lust zuzuführen. Die Eibe ist in unserer deutschen Art und z. B. am Schneckenberg in einer japanischen kurznndeligen Form häusig an Hecken und Wegrändern angepflanzt. Es ist wohl mit Bestimmtheit anzunehmen, daß die Eibe in früheren Jahr- Hunderten im Thiergarten wild wuchs; soll doch der berühmte Eibenbaum im Garten des Herrenhauses ein Ueberbleibsel aus jener Zeit sei». Die heutigen Büsche sind, wie schon aus ihrer Stellung(an Hecken und Wegrändern) ersichtlich, alle kultivirt. Die Fichte ist vielfach als Dekoratious- bäum auf großen Rasenflächen und an Durchblicken angesiedelt worden. Eine Anpflanzung von Edeltannen ist mir nicht bekannt, doch ist ihr Fehlen zum mindeste» unwahrscheinlich; die filber- weißen Läugsrillen auf der Unterseite der dunkelgrünen am Ende eingekerbten" Nadeln machen es leicht, sie von der Fichte zu unter- scheiden. Soviel von den angepflanzten Bäumen. (Schluß folgt.) Nlvines Fenillekon — Arbeit Den internationalen Kongreß für Zlrbeiierschntz grüßt die„Züricher Post" mit folgenden Sätzen: Was uns erginckl und labt, was unser Dasein verschönt und adelt, wir danke»? der Arbeit jener Millionen, die vor uns unter der Sonne gewandelt »nd die nichts hatten von ihren Mühen als den blassen Tod. Sie sind vergessen, es meldet ihren Namen kein Lied, kein Heldenbnch. Wir genießen, was sie envarben, Hirn»nd Schweiß dran setzend, hart sich plagend, und achllos schreiten wir vorüber an Gebilden, die sie zu ihren Triumphen rechneten, welche idr brechendes Auge vor Freude leuchtend noch werden sah. Ist nicht die Geschichte eines elenden rostigen Nagels unendlich bedeutender als die Annale» säinintlicher fürstlichen Dynastien? Wie gewaltig der Weg der Konfektion von Adams Feigenblatt bis zu Herrn Bundes- rath Dencher's Frack! Keine Frucht auf unserem Tische, deren Güte nicht durch menschliche» Fleiß verdoppelt worden wäre. Keine Blume, die nicht dem Gärtner erHöhlen Glanz und Duft verdankt. Kein Wald, der nicht aus weitester Ferne Bäume erhielt,— selbst Fischtrog, Stall und Hühnerhof wissen von Wandlung und Invasion ganz Märchenhaftes zu erzählen. Die Natur gab, was sie just entbehre» konnte— die Edelmetalle verbarg sie tief unter der Decke— und Geschlecht um Geschlecht hatte die Gaben erst umzumodeln, zu ver- edcln. Fortsetzung ist all unser Thun. Wie wir die Partner der Lebenden, sind wir noch mehr die der Verstorbene». Tausend und tausend unsichtbare Fäden reiche» hinunter in Gräber, verknüpfen uns mit der Vergangenheit. Denn was man ist. das blieb man andern schuldig,— so dachte Goethe. Die Vorgänger ließen ei» herrlich Erbe; es erwächst uns daraus die Pflicht anständig zu sein gegen Nachfolgende. Von Vätern haben wir Vebaules übernommen Nichts Wüstes soll der Enkel überkommen. Arbeiten heißt beten, sagte Paul Couuer. Störe mau die Beter nicht,— Schutz dem Volk der Arbeit... Theater. — DaS„Theater des Westens", das unter der Direktion des Herrn A. Prasch, des gleichzeitige» Leiters des„Berliner Theaters", als„Goethe-Theater" am II. September seine Pforte öffnet, bringt als Eröffmmgs-Vorstellung Goelhe's„Faust" zur Aufführung, und zwar wird Frau Theresina Geßner das Gleichen, Herr Commerstorff den Faust und Herr Ludwig Stahl den Mephisto zur Darstellung bringen.— Als erste Novität wird„Im Dienste der Pflicht", Schauspiel in 4 Akten von E r n st W i ch e r t gegeben werde».— — Die Einakter-Trilogie„Moritn'ri" von Hermann Sudermann, deren Aufführung an der Hofbühne in Karls- ruhe bisher hintangehalten wurde, ist nunmehr von dem Inten- danien Bürklin in den Spielplan anfgenonnnen worden.— Musik. —er—. L i n d e n-T h e a t e r. Das beklagenswerthe künstlerische Tiefniveau der beutigen Operette wird schwerlich durch die jüngste Novität dieses Theaters auf eine höhere Slnfe gehoben werden. Das Libretto des„Herrn B e a u d e a u" ist dem bekannten Lust- spiele Tenelli's„Die Mönche" entnommen, ohne den verblaßten Harmlosigkeiten eines liebenswürdige» soldatischen Schwerenöther- thums neuen Reiz verliehen zu haben. Die Art. wie Herr C a ß m a n n die beiden Musketiere in Mönchsverkleidnng sich ihre Liebchen aus dem Damenslift holen läßt, ist wenig ergötzlich und füllt mit ihrem kurzen Aihem die drei Akte des Theaterabends nicht aus. Die Musil des Herrn Fritz Baselt verräth in mancher diskreten Feinheit der Orchestrirung und melodischen Erfindung, wie in dem Männerterzett des ersten und in einem Duett des zweiten Aufzuges, das Streben eines gebildeten Musikers, über die roulinirten Speitake'trivialitäten der modernen Operelte hinauszukommen. Die sympathische Vornehniheit dieser Absicht schlug leider in das langweilige Gegentheil um, so daß die Musik Baselt's schließlich blutleer, phantasielos und baar an lebendigem Gehalte erschien. Das Buch Cabmann's ohne Grazie und Witz, die Musik Baselt's ohne Plastik und sinnliche Fassung— mußte das Publikum nicht a» die heiteren Stunden denken, welche ihm vor zwei Jahren„Die Musketiere im Dameustifl" mit der zarten und geistvollen Musik Varney's im Alexanderplatz-Theater bereitet halten? Für den Erfolg der Novität war die Darstellung im Liuden-Tbeater geradezu verhängnißvoll. Wie der erprobten Kenntniß des Direktors Feilsche, daß das Berliner Publikum doch»ur bis zu einer unüberschreitbarcn Grenze Entsagungsfähigkeit berechtigter 'Ansprüche besitzt, die tremolirende Unmöglichkeit des Fräulein Forescu und des, seine armen Hals- und Kehlkopsmuskeln er- barmnngslos forcirenden Tenors Adler entgehen konnte, ist kaum erklärlich. Auch das talentirte Anfängerthum und die herbe Dünn- stimmigkeit des Frl. A s l e reichen für eine erste Soubrette heute noch nicht aus; die Jahre werden wohl die reife Routine bringen, die wir leider als einzigen künstlerischen Besitz, dem ebenfalls neu- engagirlen Frl. H o ch f e l d zuzuerkennen vermöge». Wenn wir noch erwähnen, daß Herr Siegmund ein wirklick komisches Naturell zu besitzen scheint, und daß es Herrn Kapellmeister Korolanyi gelang, sein operettenfremdes und des Ineinander- spielens unkundiges Orchester möglichst zu diszipliniren. so scheiden wir von der musikalischen Neuheit mit der Erinnerung an das in Duft und Anmnth getauchte Menuett Boccherini's, das Herr Baselt als seinen besten Einfall im zweiten'Alle tanzen und singen läßt.— Völkerkunde. — In einem Aufsätze über Sitte» und Gebräuche der Annaini ten erzädlie Paul Mimande folgende Anekdote. Man hatte im Laude der Ainiamiten einen Ränberhauptmaii» namens Bvi Giang gefangen, dem zahlreiche Morde, Diebstähle und PHiudereic» zur Last gelegt waren. Er wurde zum Tode verurtheilt, die Vollstieckuiig des Urlheiis aber ans einem nicht ganz auf- geklärccn Grunde auf einige Tage verschoben. Nun aber änderte sich auch seine Lage. Man»ahm ihm sein Sträflingsgewand ab; er bekam das blaue Kleid des freie» Ma»»es zurück. Und der Statthalter lud ihn sammt dem Richter zu eiuem Mahle. Der Statthalter wurde aber von seinein seltsamen Gaste so eingenommen, daß er ihn zum Schlüsse bat, ein Zimmer seines Palastes zu be- ziehe». Er überhäuste ihn mit zarte» Aufmerksamkeiten und, um ihm die Zeil auf aiigenehme Weise zu vertreiben, ließ er ihm zu Ehren eine Theatervorstellung veranstalie». Der Verurtheilte unterhielt sich einige tagelang ausgezeichnet. Als der Statthalter eines Abends eine bekümmerte Miene zeigte, fragte ihn Bvi Giang voll Antheil- nahine:„Fehlt Euch was, thenrer Herr?"—„O, es ist nichts, ich versichere Dick: gar nichts."—„O, doch, ich bitte Euch..— „Nun, wenn Du's durchaus wissen willst, ich denke daran, daß ich Dich morgen srüh muß hinrichten lassen, das thut mir weh! Es gefiel mir so gut in Deiner Gesellschast— daß das dazwischen komme» muß, das ärgert mich, mein Wort!" Bvi Giang erwiderte böslich, daß ihm auch seinerseits die Uiiierbrechung des so angenehmen Verkehrs leid tdue. Daraus trennten sich die beiden, der Statthalter ging in sei» Zimmer, der andere aber zum letzte» Schlaf ins Ge- fängniß. Den» tags daraus— in Anwesenheit des Stalthalters und des Richters— fiel sein Haupt aufs Schaffot.— Aus dem Thierreiche. — Daß es zwei Arten von Giraffen giebt, konnte W. E. de Wiiito» durch Untersuchung einer größere» Zahl von Häuten und Schädeln seiistelle»(Proc. zool. Soc. London 1897 Pt. 1). Die eine, Girakka. Camelopardalis L., ist auf Nordafrika(Gallaland, Somaliland, Abessinien, Kordoia», bis Senegambien) beschränkt. Sie ist von deller Farbe, mit ganzen, scharf begrenzten Flecken. Die Beine unterhalb des Knies und der Ellenbogen sind weiß. Die Härner sind groß, stark,»ach Hinte» gerichtet. Vorne auf der Stirne, zwischen de» Augen, bat sie nock ein drittes Horn von 3— 5 Zoll Länge. — Die ziveite Art, Giraffa capensis Less., kommt nur südlich des Aeqnators. vom Orangeflnß bis zum Zambesi vor, dann wieder nördlich in Deutsch- und Englisch- Ostasrika. Sie ist dunkler, mit unterbrochene», nicht scharf abgesetzten Flecken. Die Beine sind bis an die Hufe gezeichnet. Die Hörner sind kleiner, steiler. Statt des dritten Hornes hat sie nur einen Höcker.— In der Größe unter- scheiden sich beide Arle» nicht. Die Farbe variirt sehr. Alte Männchen sind dunUer. Auch die Osteologie des Schädels zeigt Unterschiede der beiden Arten. Beide Arten haben sechs Backen- zähne in jedem Kieser. Schon E. Geofsroy« St. Hilaire erwähnte die Verschiedenheit der beiden Arten.— l.Naturwifs. Wochenschr.") Geographisches. Ig. Ueber die Entstehung des Nördlichen Eis- meeres hat der englische Geologe Gregory in einer Arbeit Über „Arktische Probleme" eine Untersuchung angestellt. Früher hielt man das Eismeer für ein ganz flaches Becke», daS noch große Flächen»nentdeckten Landes enlhalten sollte. Seitdem nun Nansen festgestellt hat, daß das Eismeer stellen- weise eine sehr erhebliche Tiefe besitzt, ist die Meinung der Geographen umgeschlage» und neigt sich jetzt dahin, in dem Nörd- lichen Eismeer einen ebensoalte» Ozean zu sehen wie i» den anderen großen Ozeanen. Gregory will dagegen zeige», daß das Eismeer durch eine Zertrümmerung der arktischen Ländermassen in verhältniß- mäßig neuer Zeit eiitstanden ist. Es ist auffällig, daß die Gestade des Nördlichen Polarmeeres in allen Erdtheile» nahezu dieselbe Pflanzenwelt aufweis«», während die gegenüberliegende» Küsten der andere» großen Ozeane z.B. die Ost-»nd die Westküste der Atlantis einen bedeutenden Unterschied in ihrer Vegetation zeigen. Dies erscheint Gregory als ei» Beweis, daß die Gestade des nördliche» Eismeeres noch vor nicht allzulanger Zeit miteinander in Verbindung standen, während die Küsten z. B. des Atlantischen Ozeans schon seit den frühestenPeri ode» der Erdgeschichte durch das Meer von einander getrennt waren. Außerdem macht Gregory darauf ausmerksam, daß es i» der Umgebung des nördlichen Eismeeres zahlreiche Gebirge giebt, die von Nord nach Süd streichen, z. B. den Ural, der seine Fortsetzung in Novaja Semlja hat, und das Werchojanski'sche Gebirge, das sich in den neusibirischen Inseln fortsetzt. Diese Gebirge müssen früher weiter nach Norden hinauf gereicht haben und deute» also darauf hin, daß damals an stelle des Eismeeres noch eine große Landmasse bestand.— Meteorologisches. — Ueber die periodische Wiederkehr kalter und warmer Jahre veröffentlicht Dr. F. Maurer in der„Meteorol. Ztschr." eine Abhandlung, deren Endergebniß folgendes ist. In gewissen Zeiträumen, vielfach von etwa IS Jahren, ivechseln Wärnie- Perioden mit Kälteperioden ab. Die Wärmeperioden weisen nebe» den warmen Sommern auch die mildesten Winter auf, in den Kälte- Perioden dagegen tritt neben den kühlen Sommern auch die Mebr- zahl sehr strenger Winter auf, während die mäßig kalte» Winter auf Wärme- und 5kälteperioden nahezu gleichmäßig vertheilt sind. Da kaum ein Zweifel hierüber bestehen kann, daß die sogenannte» säkularen Temperaturschivankungen sich auch in Zukunft wiederholen werden, so ist anzunehmen, daß die nächste voraussichtlich um die Wende des Jahrhunderts beginnende Wärmeperiode sich durch die Wiederkehr einer Reihe warmer und sehr warmer Sommer neben vereinzelten sehr milden Wintern im westliche» Mitteleuropa be- merkbar machen wird.— Astronomisches. r. Ein neuer veränderlicher Stern ist von dein Astronomen Anderson in Edinburg entdeckt worden; derselbe steht in dem schönen Slernbilde„Haupthaar der Berenice" und wurde am 20. Mai d. I. zum ersten Male gesehen. Der Beobachter stellte fest, daß der Stern in dem großen Bonner Sternkalalog nicht ver- zeichnet war. Nach zehn Tagen erschien die Helligkeit des Sternes noch ziemlich unverändert, im vorige» Monate wurde dann ge- fundeii, daß der neue Stern etwas heller war als zwei benachbarte Sterne von nciiuter Größe. Nach welcher Regel das Licht des Sternes wechselt, muß erst durch weitere Beobachtungeu ermittelt werden.— Bergbau. — Goldfunde in Kamtschatka. Dem„Daily Chronicle" wird aus Riißlaiid gemeldet, daß die nach Ocholsk, in Kamtschatka, von der russischen Negieriing ausgesandte Bergwerks-Expedilion am ochotskischen Meere zwölf reiche Goldfelder an de» Flüssen Arlischs, Nemooja, Lantara und anderswo entdeckt hat. Gegenwärtig zieht die Expedition i» die Gegenden nördlich von Ochotsk, um das West- ufer von Kamtschalka„ach Gold zn durchforschen. Die russische Regierung wird bald eine zweite Expedition nach Sibirien senden, um weitere Erhebungen über die sibirischen Goldfelder an- zustellen.— Technisches. — Eine neue Parfümgewinnung. Wie der„Pro- metheus" mittheilt, hat Herr Jacques Passy in einer der Pariser Akademie vorgelegten Arbeit eine neue Art der Parfümgewinuung beschrieben. Die Blume» zerfallen in zwei Klassen, eine, welche eine beträchtliche Menge Duststoff fertig gebildet enthält, wie z. B. Rosen und Orangenblülheu, und solche, die de» Duslstoff beständig in geringe» Mengen bilden und verdunsten, aber stets nur eine kleine Menge desselben in Vorrath hallen. Aus den Blumen der ersterwähnten Klaffe kann der fertig gebildete Duftftoff in ver- schiedener Weise gewonnen werden, da es dabei nicht darauf ankommt, das Leben der Blume zu erhalten: i. durch Destillation, 2. durch Einweichung(Maceration) in warmen Fetten und 3. durch Ausziehen mit flüssigen und flüchtigen Löfungsmittel», wie Alkohol, Aether u. a. Dies« drei Verfahrungsarten liefer» etwas verschiedene, aber immer brauchbare Ergsbuifse, wenn es sich eben um die Ge» winnung eines in größeren Mengen fertig gebildeten Duststoffs handelt. Bei den Blumen dagegen, deren Duslstoff sich nur allmälig und in geringe» Mengen bildet, und zu dieser Ablheiluug gehört die große Mehrzahl der Blumen, verwandte man bisher nur die sogenannte bmflouniAö, die in einer Schichtung der lebenden Blumen aus kalten Fettschichten in Hürden besteht, wobei dt« Blumen täglich erneuert werden, bis sich das Fett mit den Duflstoffen beladen hat— eine so arbeitsvolle und unergiebige Methode, daß Herr Passy folgende bessere Veranstaltung erdacht hat: Die Aufgabe bestand darin, das Leben und die Ge- sundhcit der Blume auch nach dem Pflücken so lange wie möglich zu erhalten, und dazu eignete sich kein Mittel besser als völliges Ein- tauche» in Wasser, welches gleichzeitig den Tuststoff aufnimmt, wobei ein kleiner Salzzusatz nützlich wirkt, indem er durch seine osmotische Wirkung das Leben der Blumen verlängert. In dem Maße, wie sich dieses Wasser mit dem Duftstoff beladen hat, wird es durch neues Wasser ersetzt und das Parfüm durch Ausschütteln des Wassers mit Aether gewonnen. Bei einer gewissen Anzahl von Blumen, deren Duslstoff mit Erfolg zu gewinnen bisher nicht glücken wollte, z. B. den Maiglöckchen, gab das neue Verfahren günstig« Erfolge.— Humoristisches. — Mißverstanden. In Glatz lebte in den vierziger Jahren ein Stübelpaler, der das Silhouettlren betrieb. Vor Erfindung der Photographie bestanden die Ahnengallerien der ärmere» Leute aus Silhouetten. Eines Tages bestellte nun ein Bauer von abschreckender Häßlichkeit su a schwoarzeS Bildla. Der geistliche Künstler, der a» ästhetischer Empfindsamkeit litt, hatte keine Lust, sich mit diesem Gesichte zu befassen, und sagte: Ich kann nicht.— Warum denn nee?— Ich habe keinen Storchschnabel(Instrument, das man zum Verkleinern einer Zeichnung braucht).— Brauch» Se do derzune en Storchschnabel?— Ja freilich.— Nu, do war ich sahn, daß ich cn kriege.— Meinetwegen.— Acht Tage darauf kommt der Mann wieder und trägt ein rundliches Etivas in der Hand, das in ein blaues Taschentuch gehüllt ist.„En Storchschnabel hoa ich nee gekriegt," sagt er;„do breng ich halt ene Uchsagusche(Ochsenmaul), vielleicht giehts do dermitle au."—(„Bresl. Morg.-Z") �„Jetztgeht'slos!" Der„Frks. Ztg." wird aus Betz- darf geschrieben: Der hiesige Gesangverein„Germania" beging das Verantwortlicher Redakteur: August Jacobcy in B Fest seiner Fahnenweihe in der üblichen Weise. Auch zwölf Ehren- juugfrauen wirkte» hierbei mit und zur Erinnerung an den denk- würdigen Tag wollten sich die reichgeschmückten Schönen photo- graphiren lassen. Auf einem hohen Podium nehmen sie Platz, der Photograph arrangirt die Gruppe wirkungsvoll. Noch einen letzten prüfenden Blick, dann ruft er bedeutungsvoll:„Recht freundlich, meine Damen, jetzt geht's los!" Sein Kopf verschwand unter dem Tuche des Apparates. Und es ging los! Mit fürchterlichem Krachen brachen die Breiter des Podiums durch, und Beine, Arme, Köpfe, weiße Kleider und bunte Unterröcke bildeten ein wüstes Chaos. Zum Glück blieben alle Knochen heil, nur verschiedene Schrammen und Beulen sind den Betheiligten als Erinnerung an die verkrachte Aufnahme geblieben.— Vermischtes vom Tage. — Hermann Schere nberg, der langjährige Illustrator des„Ulk" ist. 70 Jahre alt, gestorben.— — 300 Zentner Maikäfer sind nach den amtlichen Listen im S ü d e r d i t h m a r s ch e n gesammelt worden. Für das Pfund wurden durchschnittlich 4—5 Pfennige gezahlt.— — Den„B. N. N" wird aus Celle gemeldet, daß die Staats- anwaltschast aus die Ermittelung des Urhebers deS am 14. August bei Celle erfolgten Eisenbahnunglücks auf Veranlassung des Ministers der öffentlichen Arbeite» eine Belohnung von 3000 Mark ausgesetzt hat.— — G r e i f s w a l d, 22. August. Aus dem einer hiesigen Rhedcrei gehörigen F r a ch t d a m p f e r„Fritz" ereignete sich gestern Abend im Stettiner Hasen eine Kessel-Explosion. Ein Mann wird vermißt, zwei sind verwundet. Das Schiff ist flott.- — Ein sack grober Todter. Auf einem sachken-alten- burgischen Friedhofe befindet sich ein Grab, dessen Insassen ein merkwürdiger Grobian gewesen sein muß, da er sich als solcher auch noch im Tode ein Angedenken zu wahren versucht hat. Auf seinem Grabe liegt nämlich eine Steinplatte mit einer Inschrift, welche ohne Angabe des Namens und Sterbejahres nur die Worte enthält: „Marsch fort, Leser! Verliere hier Deine Zeit nicht mit Lesen alberner Prosa und schlechter Verse! Was mich betrifft, so sagt Dir mein Grab, was ich zbin; was ich war, geht Dir eine» Dreck an!"— — Eisenbahn-Unfälle. Ans Schönebeck bei Magdeburg berichtet ein Telegramm: Am 21. August, abends 9 Uhr, ist der in der Einfahrt begriffene Personenzug 90 hinter Weiche 84» mit ö Wagen entgleist und ist ein Wage» erheblich beschädigt. Acht Reisende, und zwar Korbmacher Krüger und dessen Ehefrau aus Magdeburg, Korbmacher Gaßmaun aus Magdeburg, Frau Kaufmann Lindemann aus Schönebeck, Korbmacher Patschte aus Schönebeck, Kaufmann Liebert aus Berlin, Frau Arbeiter Boch aus Berlin und Pferdeknecht Meier aus Grobsalze sind so leicht verletzt, daß sie sofort nach ihrer Wohnung gehen oder die Reise fortsetzen kouuten. Belriebsstöruiigeu sind nicht eingetreten.— Aus München wird unterm 22. August genieldet: Der Personenzug 613(München» Lindau) stieß gester», Sonnabend, den 21. August, bei der Einfahrt in die Station Bruck(bei München) auf die aus dem Halleugeleise über den Kreuzungsblock etwas hinausstehende Maschine des Zuges 21 12. Hierbei erlitte» fünf Reisende unbedeutende Kontusionen. Der Zugführer des Zuges 613 fiel durch den Sioß vom Bremssitze des Dienstwagens herab und verlor das Bewußtsein, erlitt jedoch keine Verletzungen.— — Bon Vierlingen entbunden wurde in Köln die Frau eines Tagelöhners. Es sind lauter Mädchen.— — Aus Spalt wird den„M N. N." geschrieben: Der„Rezat- Bote" hatte kürzlich ein von dem Rentamte Spalt über die Spalter Verhältnisse abgegebenes Gutachten einer abfälligen Kritik unterzogen. Bald darauf wurden dem dortigen Reulamls-Offiziantcn drei Fenster eingeworfen, was er auf den„aufreizenden" Artikel des„Rezat- Boten" zurückführte, weswegen er auch der Redaktion eine Rechnung auf 1 M. 20 Pf. lautend zur Zahlung übersandle. Der„Rezat- Bote" erwidert nun hierauf:„Wenn der gute Mann solange gesund bleibt, bis wir seine Rechnung bezahlen, dann wird er in seinem Leben nie krank." — In E n g o l l i n g(Bayern) bat ein Bauer nach kurzem Wortwechsel seinen eigenen Sohn erstochen.— — Die schwere Chanssee walze. Die„Fb. Ztg." er« zählt folgende Schnurre: In einem freundlichen Thälchen unserer Gegend benöthigte man kürzlich anläßlich der eben beendigten Straßen» korrektion einer Straßenwalze, die beim Gebrauche mit Wasser ge- füllt wird. Schwer seufzten die sechs Rosse vor dem Ilngethüm und auch der Fuhrmann verwunderte sich baß über die Schwere dieser Maschine. Erst am neuen Gebrauchsorte klärte sich der Thalbestaud auf. Der Fuhrmann hatte nämlich von dem mehrere Stunden ent- fernten Standorte der Walze auch gleich das nöthige Wasser im Gewichte von etwa 30 Zentnern mitgebracht.— — Durch ein großes Feuer ist die ganze Gemeinde Vajdaska (Ungarn) vernichtet worden. ISO Wohnhäuser wurden eingeäschert, die ganze eingeheimste Ernte ist milverbrannt.— — In Athen ist einer der größten Gebäudekomplexe, da? Haus Melas, niedergebrannt.—_ rlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.