Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 166. Mittwoch, den 25. August. 1897. (Nachdruck verboten.) 7� Die Schuldige. Von C. Viebig. „So, so!" Kopfschüttelnd trat der Staatsanwalt hinter dem Baum hervor. Er sah sehr ernst aus. ein Zug von Be- sorgniß lag auf seinem Gesicht. Der Lorenz? Was hakte der droben in der Höhle zu suchen— und so heimlich, um diese Zeit? Wenn das nur keine böse Geschichte war! Niit gesenktem Kopf und langsam schritt Milde dem Ramstein zu. Es lag auf ihm wie ein beängstigender Druck. Immer wieder sah er das junge Weib mit dem Kind in den Armen auf dem grünen Raseufleck sitzen, über ihre Schulter lugte das reine, freundliche Gesicht der klein;» Anna; an beiden vorüber aber, wie ein Schatten, glitt die schlanke Gestalt des Lorenz. Was ging hier vor? Auf dem Namsteiu in der Gaststube brannte die Lampe, als der einsame Spaziergänger wiederkehrte. Das laute Ge- triebe war zu Ende, die meisten hatten den Heimweg angetreten, müde von Sommerlnft und Sommerlnst; nur wenige der Seßhaften weilten noch beim Schein der Windlichter draußen in der lauen Nacht und ließen sich die Erdbeerbowle schmecken. Auf der Thürschwelle stand die hübsche Anna mit lächelndem Gesicht und warmem Roth auf den Wangen. „Ne, Herr Staatsanwalt," rief sie dem Ankommenden entgegen,»sein Sie lang ausgeblieben! Wie scheid, mein Lorenz war vor einer Stund hier, ich hätt'n Ihnen gar so gern vorgestellt— er is net dageblieben, er halt gar so wichtig zu lhnn. Auf dem Pfalzelhof is en Kuh aufgetrieben, er mußt nach Cordel rennen und ebbes Medezin beim Vieh- doktor nehme gehn; er war sehr pressirt. Um Uhrcr zehn will er aber wiederkommeu, ich Hab' ihn ja heut noch kaum gc- sprachen. Sie können ivohl net e so lang dableiben, Herr Staaisanwalt, es is gleich c so weit?" Sie hob die klaren Augen bittend zu ihm auf. Milde vermied ihren Blick? es thai ihm weh, in dies vertrauende Mädchengesicht zu blicken. »Nein, nein," sagte er bastig, ich muß jetzt rasch fort, sonst geht der letzte Zug in Ehrang ohne mich! Er zahlte die Zeche, zerstreut, ohne»euer zu reden; er drückte dem Miidchcn die Hand und machte sich eilig auf den Weg. Fast betroffen sah ihm die hübsche Anna nach. »Was hat denn Herr Staatsanwalt heut Abend nur? Warum war er auf einmal so pressirt?"--- Der Lorenz stand auf dem Pfalzelhof im Stall und mistete ans. Die Hemdärmel halte er anfgeslreift, daß die muskulösen Arme bis über den Ellenbogen entblößt waren; unter den biinten Hosenträgern wölbte sich die breite Brust, aber sie athmete schwer und beklommen. Es war heiß und geivitterschwül. Er arbeitete hart, der Schivciß troff von der Stirn und klebte ihm die braunen Ringellocken an die Schläfen. Der Lorenz ivar unwirsch, er schmiß den Dung nur so von der Schippe zur Thür hinaus, daß er in weitem Bogen auf den Hof flog. »Duunerivetter Zackerlot!" Ter Bursche fluchte laut, ein erregtes Zucken lief um seinen Mund, und er kante zornig am Schnurrbart. Sein Gesicht war verändert, die lachende Keckheit der hellen Augen einem gewissen scheuen Ausdruck gewichen. Er war still, er sah den Leuten nicht mehr gerade ins Gesicht, er lugte von der Seite. Seine Wangen waren schmäler als früher, und über der Nascnivurzel grub sich eine Falte. »Et es de Lief, die micht hän e sn duß," sagte der Pfalzel- bauer zu seinem Weib, doch ruhte sein Blick oft seltsam arg- wöhnisch auf dem Sohn. Der Barbara wurde nie mehr erwähnt; die war todt für den Pfalzelhof, und fragte einer im Dorf die Bäuerin nach der verschwundenen Magd, dann zuckle die mit den Achseln:»Furt es se, jao, jao!" Heut ivar es still auf dem Pfalzclhof; seit dem Abgang der Barbara hielt man iveder Knecht noch Magd. Der Lorenz mußte allein schaffen. Die Alten hielten drinnen im Haus einen Schlaf; die Blittagssonne sprühte auf die Pflastersteine, zivischen denen das Gras wucherte. Zum Hofthor drückte sich eine Gestalt herein— ein bettelhast aussehendes altes Weib— guckte sich erst nach allen Seiten um und schlich dann auf den Stall zu. Sie war so leise herangekommen, daß der Lorenz erst anfmerkte, als sie aus der Thürschwelle stand und ihr eingefallener Mund ein„Häh, Lorenz, guden Dag!" murmelte. Erschrocken fuhr der Bursche zusammen, dann schoß jähe Röthe in sein Gesicht. „Katrein, wat onnerstieht Dir Eich— wann Eich Dän Vatter siehu däht!" „Ech peifeu drnf," machte die Alte geringschätzig,„ech sollten Eich fraogen, waornm Dir drcier�Däg net owen bei dem Barbara gewest seid— verhongern mint se alleiveil aach, ech han säliver»eist!" »Jao, jao, ech gichn fchuns, diesen Aivend noch, seid nor zofrieden, ech holen er aach ebbes me— moaut Dir, bei ons war Aegyptenland, wuh dat Fleisch zum Dippe» erauS sticht?!" Er wollte der Alten begütigend auf die Schulter klopfen, sie wich zurück und sah ihn aus den eingesunkenen roth- geränderten Augen giftig an. »Dir brauch mech net ze kloppen, schärt Eich liewer ruf on redt der Barbe de Flausen ans; se es falsch, seit se gehört hat, sdat Dir Eich mit dem Ramsteiner Anna verheiraoden wollt on alleweil nf ein Rainstein romflankört!* „Wat?— Wän— wän—?!' Der Bursche stotterte, während Angst und Wuth sein Gesicht verzerrten.„Wao— wän hänt er gesaot?!" Mit geballten Fäusten stürzte er auf die Katrein zu. Sie grinste und drückte sich mit ungeahnter Behändigkeit zur Seite. „Schreit net e sn, Lorenz," sagte sie ruhig.„Dir weckt sunst Eiren Vadder— ech han't er gesaot! Moanl Dir viel« leicht, ech dähtcn ruhig zusichn, wann meines Broders Sohns aletzige Dogder oivcn im Loch sitzt on mitsamt dem Wörmchen bat verhongert? On Dir freit en reiche Braut on lacht Eich in et Fänstche—— ne, Könner, e sn Hammer nett gewett! Gieh raf, Dan Biivak, on dich Dein Schnlligkeit, sunst— „Hal Eier Maul!" Der Lorenz hob die Hand, doch sie blieb regungslos in der Lust; unweit der Stallthttr stand der Vater, die Pfeife im Mund, die Hände in den Hosentaschen und sah unbeweglich zum Sohn herüber. »Wat es dann dat elva?" Der Alte rief es mit dröhnender Stimme.»Ei?�U)unnerknippchen naoch ehs, wat will de alde Schatchk von Dir, Lorenz?" »Neist, neist!" Die Katrein kicherte in sich hinein, krümmte gleich hierauf den gebogenen Rücken noch mehr und winselte mit kläglicher Stimme:»Bauer, Eier Lorenz es e sn Harb- herzig, ech han gebät oni e» Handvoll Grumbieren(Kartoffeln), äwer hän däht wer neist gäwen. Seid Dir e sn gud!" „Furt!" Der Bauer drohte mit der Faust.»Ech kennen Eich! Eweil haot Dir kein Nicht mich hei, de for Eich mit- geholt h i, wac se kriehn kunnt; maacht, dat Dir runner kommt vom Hof, Dir Bettclpackasch!" „Bettelpackasch?!" Das Weib richtete sich auf wie eine Natter, die man auf den Schwanz tritt. ,E sn schlimm es et net, Bauer— äwer, gud Zeit, de Barbara läßt Eich schien grießen. Eich on Eiren Lorenz— adjö!" Mit der runzligen Hand winkend und höhnisch lachend wankte sie dem Hofthor zu; wie angenagelt standen die beiden Männer und starrten ihr nach. Die Zoruesader auf der Stirn des Vaters schwoll höher und höher, der Bursche wurde blaß und roth, schlug dann die Auge» zu Boden wie ein er- tappter Schnlbube. „Wat is dat, Lorenz?" Die Stimme des Alten klang unheimlich, er nahm die Pfeife ans dem Mund und schlug damit den Sohn auf die Backe».„Wat haste mit dem Weib zo schaffen, wat lachte se e sn on redte von dem Barbara?— Jong, Jong!"— Er trat dem Sohn mit zornfnnkelndeu Augen ganz nahe und bohrte seine Blicke in deffen Gesicht. „Neist, Vadder, et es neist bei alden Heiligen, Dir könnt Eich drnf verlaoß!" „Will't glauwen!" Der Bauer lachte mißtönend.„Ech Halen Tech beim Wort!" Er spuckte aus und schob die Pfeife wieder in den rechten Mundwinkel.„Wär aach e sn domm von Dir, e fu domm, ech däht dän Lorenz Pfalzel net mieh kennen, dän scch mct e sn ener Vettel einlaossen däht! Heut aivend giehn ech uf dän Ramstein, kannst mitgiehn, mannst de -willst; will mit dem Anna sein Vadder reden, wanneh dat erschte Offgebot sein soll— niet e su ener langen Zieherei es dat en onüwle Saach. Maria Geburt brauchen mer Geld, m er haon Zinsen zo zaohleu; zaohleu mer se net, Hammer kein Dach mich uwer'm Kopp— Voran, Jong, woasor biste dann dän schienen Lorenz!" Der Bursche antwortete keine Silbe. Er nickte nur nicchanisch mit dem Kopf, als der Alte ihm mit der schweren Faust einen ermunternden Puff in die Seite gab. Wie rer- steinert stand er, auf seine Schippc gelehnt, und blickte vor sich hin in die glanzvolle Mittagshelle. Der Bauer ging mit festcni Schritt ins Hans; der Lorenz stand allein, und seine Hände umklammerten fast krampfhaft den hölzernen Stiel. „O, die Barm!" Der Bursche stöhnte laut. Wie glücklich hätte er sein können, alles konnte gut nnd schön werden, wenn nur die Barbe nicht war, die Barbe! Eine namenlose Wuth stieg in ihm aus. Wenn er sie jetzt hier ge- habt, er hätte ihr in's Gesicht schlagen mögen und sie an den langen Haaren reißen.— Sie, sie allein war schuld an allem Elend, an der Angst, die ihn des Tags umjagte, des Nachts nicht schlafen ließ, sich bitter in jeden Kuß mischte, den er der schönen Anna ans die rothen Lippen drückte. **„O Dau, Dau!" Der Lorenz ballte die Faust und biß die Zähne auf einander, daß sie knirschten. Wärste erscht furt, meinetwegen unnen in—" Er stockte, das dumpfe Schnaufen einer Kuh ließ ihn zusammenfahren; mit abergläubischem Entsetzen blickte er nach der Thür des kleinen Bretterverschlages, hinter der die Magd einst geschlafen. Ihm war, als hörte er dort ihre Stimme, heiser raunend und doch wie Hammerschläge: —„Ech schwören bei der Alerheiligsten, bei meiner Seelen Seligkeit—" (Fortsetzung folgt) Vie des Deelinev Thieessetens. (Schluß.) Die Zahl der eingeführten strauchartigen Gewächse ist noch gröber, sie mag zwischen 40 und öd schwanke», ich will nur einige wichtige erwähnen. Die Gattung Ribes ist allein in S Spezies vertreten: Die rothe Johannisbeere zählt vielleicht zn den Ureinwohner»; die Stachelbeere ist schon seit Jahrzehnten ver« wildert; die schwarze Johannisbeere ist an ihrem durchdringenden wanzenartigen Geruch kenntlich; die»elkendustende Gold-Johannis- beere und die Alpen-Johannisbeere gehören mit zu den«rstblühenden Slränchern des Parks. Der hin und wieder angepflanzte Schneeball konnte auch nr» sprünglich wild gewesen sein; die zweite großblättrige Art ist süd- deutscher Gast. Der Weißdorn hat zum mindeste» drei Arten auf- zuweisen, die Spiraea vier oder mehr. Bon Geisblatlbüschen erhielten wir eine rotheblühende Art ans Osteuropa, während die weißblütige in andere» Gegenden Deutschlands(auch schon in der Mark) wild vorkommt. Die Schneebeere kam aus Nordamerika, Goldregen, Blasenstrauch, Cornelkirfche. Liguster aus den südlicheren Ländern Mitteleuropa's. Der Flieder stammt aus Ostasien. Ueberhaupt schickte uns allein schon dieses Gebiet eine ganze Reihe graziöser Ziersträucher. Wer hat nicht die schlanken, grünen Gerten mit den gelben. gefüllten Sonnenblüthcn der Kerria japonica bewundert. wer nicht die japanische Quitte mit den großen rothleuchtenden Blumen! Und im allerersten Frühjahr werde» schon viele erstaunt stehe» geblieben sein vor jenein hübschen Strauch(Fors�tia viridissima), der seine gelben 4 lappige» Blumenkronen noch vor den Blättern treibt. Der- jenige Busch, der oft sogar schon im Februar seine rothen, süßlich duslenden Blüthenstände entfaltet, ist der Seidelbast, und jedesoial erfreut er mich wieder von neuem, wenn er, während das Eis noch nicht einmal geborsten, an der Lonisen-Jusel zugleich mit den jungen Schneeglöckchen und der Pestwurz den ersten schüchternen Ausschau in die noch winterkahle Natlw w< gt. Bon immergrünen Büschen Mahonie findet man vielfach Stechpalme und Mahonie angepflanzt. Sie werden fast stets verwechselt, sind aber leicht schon an der Farbe der Blätter (Stechpalme glänzend dunkelgrün, Mahonie braungelb) zu unter- scheiden. Wer die Mahonie zum ersten Mal sieht, mag wohl kaum glauben, daß diese hartblättrige stachlige Pflanze ein naber Ber- waudter des im Thiergarten ebenfalls oft angepflanzten zartblättrigen, hellgrünen Sauerdorns(Berberitzenstrauch) ist: und doch ist dem so. Lebensbäume finden vielfach als einzelsteheude dekorative Landschafts- elemente oder als hintergrundbildende Baumwände Berwendung. Hie und da fassen die Beetränder kleine Büsche des Buxbaumes ein; größere Exemplare stehe» u. a. an der Brücke zwischen den Denk- 2— mälern Friedrich Wilhelm III. und der Königin Louise. Hiermitist die sich von Jahr zn Jahr mehrende Zahl angepflanzter Sträncher »och lange nicht erschöpft, aber der Rest ist entweder zn selten, oder auch zu wenig bekannt, als daß ich weiter ans ihn eingehe» möchte. Die niedere Pflanzenwelt(d. h. nur räumlich, nicht botanisch zn verstehen, denn dann>värcn es Pilze, Algen nnd Flechten) kann im Berhältniß an Reichhaltigkeit bei weitem nicht mit der höheren ivelt- eifern, doch birgt auch sie in ihren Reihen Interessantes, Schönes und Seltenes. Im ersten Frühling, ,vei>n die Büsche zarte, grüne Schleier um sich spinnen und man weit Hineinblicken kann in ihr Zweiggewirr, da sprießen unter ihrem Schutz allenthalben die weißen Anemonen, ja, an einer Stelle sogar, wohlgeborgen vor den Blicken der Vorübergehenden, findet sich ein Rasen der gelben Anemonen, der liebenswürdigsten unserer liebenswürdigen Frühlingskinder. Meines Wissens ist ihr Vorkommen in unserem Park nicht bekannt nnd ich fürchte bei Preisgabe des Fundorts dem Pflänzche» einen üble» Dienst zu thun. An den Teichräudern öffnen sich die gelben Sterne des Scharbockkrauts, Schneeglöckchen und Pestwurz haben womöglich schon ausgeblüht und sind üppig ins Kraut geschossen. Ein. zwei Wochen, dann kommen sie alle, Veilchen, wohlriechende und wilde, Gundermann, Bienenfaiig und weißer Sauerklee. Jeder Tag bringt neues Leben, neue Blülhen. Die Kornelkirschen find schon wieder verblüht. Dichter nnd dichter weben sich die Schleier der Büsche und werden endlich schwere grüne Tücher; die Sonnenstrahle» lassen sie ivohl noch durch, aber denBlick nicht. Dann öffnet an einer einsamen Stelle der Gokdbienensang seine fiugergliedgroße», goldgelbenLippenblüthe». Auch sein Vorkommen ist bisher von den Botanikern übersehen worden. Von Tag zu Tag erobern sich jetzt rohe Burscheu, wie Schöllkraut und Lauchhederich, in den Büschen mehr Gebiet, und bald ist von den ersten zarten Frühlingsgästen nichts mehr zu entdecken. Dann öffnet der Hederich seine weißen knoblauchdnftenden Blüthenstände, nnd das Schöllkraut bricht wie Glas und beschmutzt uns mit seinem quellenden gclbrothen Saft die Kleider. Der Löwenzahn ist in die Flegeljahre gekomme»; breit und ungenirt räckcl» sich seine gezähnlen Blätter an de» Wegrändern; die goldenen Sonnen sind abgefallen, und der Wind führt die Federkrouen von dainien. Für die Pflanzenwelt der Büsche hat die schönste Zeit schon ausgebört; dafür scheint aber auf der feuchten Waldwiese der Frühling erst eben eingezogen zn sein. Um die großen rosettenförmigen Büsche der Farne schaaren sich die zarten blaßlilla, Sumpfveilchen, die Erdbeere, die Bachnelken- würz, das Wiesenschaumkraut, der zweihäusige Baldrian, die Glocken- blnme. Pfcnnigskraut, Schildkraut, Schattenblume, alle, alle kommen. Die krautige Sziraen duftet mit Eberesche und Schneeball um die Wette. Die echte» Maiglöckchen in der Nähe des Floraplatzes be- eilen sich, ihre Blülhen zu treiben, als od sie es bezahlt bekämen. Und auch die trockenen, sandigen Waldwiesen im Bellevuegarten wolle» nicht länger ruhen, da steht Blüthe an Blüthe«in vielfarbiger Teppich: Ülckerhornkrant, Reiherschnabel, Sandnelke, körniger Stern- brech, Schafgarbe, kleines Vergißineiiinicht nnd großer blauer Ehrenpreis bilden leuchtend bunte Muster. Der saftstrotzende Mauer- pfesser duckt sich ruhig, er weiß ja, wenn die meisten der anderen abgewirthschaflet, dann kommt er daran. Am Hippodrom blühte im März das kaum vier Zentimeter hohe Frühlings-Hnngerblümchen und ein kleiner Saudevrenprcis. Wo sind sie hin? Jetzt gehl es schon ans den Sommer. Der braune Beifuß, die stachlige Salzpflanze, Wolfsmilch und ein kleiner Ampfer gedeihe» so üppig, daß mau glaube» könnte, es wäre fetter Boden, aus dem sie ständen, und nicht dürrer, märkischer Sand. Zwischen ihnen reckt sich allenthalben die Nachtkerze empor nnd wartet mir darauf, daß die Sonne sinkt, damit sie ihre großen hellgelben Blülhen öffnen kann. Das kanadische Unkraut(Erigeron canadensis) hat im letzte» Jahrzehnt erschreckend zugenommen. Schön ist es geiviß nicht, aber von unglaublich zäher Lebensfähigkeit, überall kommt es fort, ,vo sich kaum noch etwas anderes hinwagt. Eine sehr liebenswürdige Acquisitio» hat uuscre Flora an ihm nicht gerade gemacht. Eine»och unglücklichere Er- Werbung ist unserem Park aber in einem Flüchtling des botanischen Gartens geworden, der kleinblüthige». ans Zeutrnlasien ftnnimenden Balsamine(lmpaticns parviflora). Dieses unangenehme Unkraut ist leider seit einein Jahrzehnt für Sommer und Herbst Charakter- pflanze unseres Thiergartens geworden. Die Früchte schleudern, so wie sie reif sind, bei der geringsten Berührung die Samen in große»» Bogen von sich, und nicht ein Korn scheint auf uufruchlbarei» Boden zu fallen. Weil weniger lliiaiigcnehm wie die beiden letzten madit sich ein Ei»dri»gli»g aus Nordamerika, der zierliche gelbblülhige Sauerklee, bemerkbar. Bon Wasserpflanzen möchte ich nur auf die kanadische Wasser- pest(Elodea canadensis) aufmerksam machen. Nachdem diese Pflanz« durch ihr massenhaftes Austreten schon in deii dreißiger Jahren die Schifffahrt der Themse zeitweise auf das äußerste erschwert hatte, machten einige hiesige Botaniker den geistvollen Versuch, dieselbe aus- zusetzen, nur um zu sehen, ob sie hier ebenso um sich griffe wie in England. Der Versuch gelang glänzend, und heute giebt es wohl in der ganze» Provinz Braildenbnrg und weit über ihre Grenzei» hinaus, kaum ein größeres Gewässer, kaum einen Teich, ja selbst kaum einen Wiesengräben, der nicht dieses uu- ansrottbare Unkraut beherbergte. Mit diese» wenigen von mir angisührteu Arten ist natürlich die Pflauzeuwelt unseres Parle-»och lange nicht erschöpft und noch manche seltene und manche häufige Art birgt Wiese und Dickicht. Zwar läßt sich leider nicht verkennen, daß die Zahl der interessanten Erscheinungen sich von Jahr zu Jahr verringert. Die schönen Zeilen. da der Schreiber dieser Zeilen noch die rothe Tagnelke fand, zählen längst zu den vergangenen; und daß vollends Korallenwurz eine unserer rarsten uud merkwiirdigsie» Orchideen im Thiergarten vor- kam. klingt selbst dem Beruftbvlaniker nur noch wie eine ferne Sage. Darum möchte ich für die Ueberreste einer früher so reich- Halligen Flora»m Pardon bitten. Wenn ich Fundorte preis- gegeben habe, so that ich e-, nicht um sammelwüthige Kinder und Erwachsene darauf zu Hetzen, sondern damit sich mehr Mensche» als bisher daran erfreuen sollen; und das ist nur möglich, sobald jeder die Pflanzenwelt unseres Parkes schont. Jenen aber, die kein Blünichen sehen könne», ohne es abzurupfen und die Leiche in graues Löschpapier zu betten, möchte ich warnend die Worte des Botanikers und Dichters Adalbert v. Chamisso's zurufen: „Es giebt so wenig Körner, viel der Spreu. Du suchtest Blumen, sammeltest nur— Heu." G. H. Kleines Feuilleton — Die Mutze der Freiheit. Der Plan, auf neneu Münzen, die in Frankreilü geprägt werden sollen, der Republik wieder die Gestalt einer Frau mit der phrygischen Mütze zu geben, hat de Bartheleiny zu folgender kurzen Untersuchung im Lallebin crititjrio darüber veranlatzt. wie es kommt, daß die Ausdrücke phrygische Mütze, rothe Mütze und Freiheilsmütze gleichbedentend geworden sind. Die phrygische Mütze ist offenbar eine orientalische Nopsbedeckiuig, ihr entstammen die Tiara der asiatischen Herrscher, der jndischezi Hohenpriester, der Päpste und die Mtlra der Bischöfe. Mit der Freiheil hat daher diese Kvpfbedecknng durchaus nichts zu thnn. Schau 1805 äußerte der Historieniiialcr A. E. Gibelin sei» Erstaune» darüber, daß die phrygische Blühe das Sinnbild der Freiheit sei» solle. Eiu« solche Ehre könne der Kopfbedeckung des Pmis, des Ganymed und des Königs Midas nicht zukommen. Als am 15. April I79l die Nationalversanimlnng die Prägung des»«neu Geldes berieth, bestinnnt« sie.„daß die Rückseite der Goldmünze» der Tbaler und Halbthalcr de» Genius Frankreichs zeige» solle, wie er, ausrecht vor einem Altare stehend, init dem Szepter der Vernunft das Wort Verfassung auf eine Tafel schreibt. Neben dem Altar soll als Symbol der Wachsamkeit ein Hahn nnd als Sinnbild der Einig- keit und der bewaffneten Macht ein Fascesbnndel stehen". Bon der phrygischen Mütze ist also noch keine Rede. Unter den Eni würfen fand sich aber einer, der von Dnpr« vorgelegte, ans dem über de» Fasces eine phrygische Mütze schwebte,»nd dieser Eutwnrs wurde angenommen. So kam die phrygische Mütze dazu, zur Frei Heilsmütze erhoben zu werden, de Bartholemy glaubt, daß der Künstler den Vorwurf einer 1739 für Baitly, der damals Maire von Paris war, geschlagenen Medaille entlehnt habe, ans der die Stadt Paris stehend dargestellt wird, eine Lanze in der Hand, die von einer phrygischen Mütze überragt wird, und er meint weiterhin, daß der Berfertiger dieser Medaille durch de» Gleichlaut der Namen der Stadt Paris und des Hirten Paris auf den Gedanken gebracht worden sei. Weshalb die rothe Mütze auch znr Freiheitsmütze wurde, hat Lndovic Lalanne längst unlersnchl. Mehrere Auslegungen waren aufgestellt worden. Nach de» einen soll die rothe Mätze volks- thüinlich geworden sein, als 1792 die begnadigten Soldaten des Regiments von Ehäteanvienx, die wegen des Aufruhrs von Nancy auf die Galeere geschickt worden waren, in Paris eintrafen. Sie trugen noch die rothe Mütze, die das Abzeichen des Bagnos war. Nach andern soll Bristol die Borzüge der Mütze als Kopsbedeckung i» einem Artikel des„Patriote" angepriesen haben, die rolh« Farbe habe man als Zeichen der Fröhlichkeit qewäblt. Am 19. März 1792 wurde in einer Versaminlung der Societe des arnis de la Constitution" der Jakobiner ein Antrag Pelions verlese», der das Tragen dieser Mütze verbot. Auch Robespier« stimmte dem Anlrage zn und meinte, eine Kokard« genttge als Abzeichen. Jedoch schon vier Tage später wnrde am Schlüsse einer Bor- stellnng von„Casars Tod" Voltaire's Büste auf der Bühne mit einer roihen Mütze geschmückt, nnd bald kam sie wieder ans. Jedenfalls untersagte am 21. September 1793 der Konvent den Gebrauch der roihen Mütze ans dem Bagno, sie wurde fortan das gebdligte Abzeichen der Freiheit. Zum Schlnssc befürwortet de Barthelemy, man möge bei Darstellung der Freiheitsnuitze ans die römische Ueber- liesernng zurückgreife». In Rom»vurde dm befreite» Sklaven«ine niedrige, halbkngelförmige Mütze ohne Falte aufgesetzt. Man findet diese Kopfbedeckung noch auf dm Denaren, die L. PloetoriuS CestianuS zwischen 44 und 42 v. Chr. zn Ehren des Brutus zur Erinuemng an den Tod Casars prägen ließ; sie schwebt hier zwischen zwei Dolchen. Und als der Senat nach dem Tode Nero's einen Augenblick die oberste Gewalt übernahm, ließ er ganz ähnliche Denare präge». Das also sei die wahre Fm�ikchnütze»nd sie solle, sagt der Verfasser, auch aus den neue» französischen Münzen stehen.— Literarisches. g. b. Todgeweihte. Skizzen von I. E. P o r i tz k y. Berlin. R. Boll.— Junges, blutjunges Geschreibsel, ei» ganzes Orchester entliehener Töne, aber nicht eine eigene Note. Daß jemand Skizze», wie„Zwillinge" und„Die Fee" verbrechen kann, mag wenn man die Jugend des Angeklagten in betracht zieht— noch hingehen, aber daß ei» Autor so wenig Selbstzucht haben soll, einen derartigen Unsinn drucken zu lasse», ist»»verzeihlich. Die hier gebotenen Arbeiten sind fast durchweg als verfehlt zu betrachten; doch da man nicht ans de» Windeln iveissagen kann, so ist es mir auch nicht möglich, über den Verfasser, dem vielleicht trotz alledem ernstes Streben nicht adzusprechen ist, endgiltig den Stab zu brechen.— Kunst. — Ans der internationale» K u n st a u s st e l l n n g i» München sind schon für mehr als 350 000 M. Kunstiverke verkauft worden.— Ans dem Alterthnnr. — Ei» neues B r n ch st ü ck der parifchen Marmor« chronik. Der ,N. Fr. Pr." wird ans Athen geschrieben: Seit 1627 ist eine umsangreiche griechische Inschrift bekannt, die eine cbronologische Uebersicht der wichtigsten Ereignisse der griechischen Geschichle von dm ältesten Zeiten an bis zum Jahre 355 v. Chr. enthält, und wie ihre erste» Zellen lehren, im Jahre 264 v. Chr. auf der Insel Paros verfaßt uud aufgestellt worden ist. Durch einen Agent«» Lord Arnndel's inSinyrna erworben, wurde der Stein nach England geschafft und von dem berühmten John Selben veröffentlicht. Leider ward in de» Bürgerkriegen die stolze Sammlung Lord Arnndel's sehr vernachlässigt, und die Marmorchronik schwer verstümmelt- nur ein lrauriger Rest der mächtigen Platte befindet sich heute im Besitze der Universität Oxford. Nun hat lürzlich Herr M. Krispi in Paros in einem daselbst gesnndenm Jnschriftstein einen bedeutenden Theil der verloren geglaubten Fortsetzung der Chronik erkannt; das kaiserlich deutsche archäologische Institut in Athen hat auf seine Mit- theilung hin den i» Athen weilenden Privatdozmtm der Wiener Universität, Dr. Adolph Wilhelm, nach Paros entsmdet, um mit dem Entdecker eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Ber» öffentlichung des wichtigen Sieines vorzubereiten. Das neue Bruchstück bietet in 33 Zeilen zn tnehr als hundert Buchstaben eine chronologische Nebersicht über die Jahre 336 bis 299 v. Chr. nnd zählt, mit den, Tode des Königs Philipp von Macedonien beginnend, die Begedenheitm der Zeit Alexander's des Großen nnd seiner ersten Nachfolger auf. Leider ist die untere Hälfte des Steines abgerieben, am Ansang und Ende der Zeilen erhalten, die Lesung und Ergänzung schwierig, zumal unsere ge- schichtliche Ueberlieserung über die Zeit nach Alexander's Tod eine lückenhafte ist. Trotzdem bedeutet das neue Stück eine erfreuliche Bereicherung unseres Wissens. Nicht nur wird die krilischc Beurtheilnng der Chronik gefördert, sie bringt auch positiv mancherlei Neues, so zur Geschichte des Fürsten von Kyvros, des Agatholles von Syrakus, zur Literatur» geschichte.indemdieSiegederKomödimdichterPhiieinonnndMmandroS verzeichnet, das Todesjahr eines bisher völlig unbekannten Dichters Sosiplattes nnd das Geburtsjahr des bekannten gleichnamigen Tragikers angegeben wird u. f. w. Auch Naturereignisse sind mit- getheilt, ivie i» dein ersten Theile der Ausbruch des Aetna im Jahre 480 und der Fall eines Meteorsteins in Aigospotamoi 469, eilt Kotnet im Jahre 873, so in dem netten Bruchstücke eine schon bekannle totale Soimmfinsterniß 310, Erdbeben in Jonim 804 und die Erscheinung eines Kometen im Jahre 302. Allerdings beruht die Erwähnimg des letzteren, da der Stein an der betreffenden Stelle verstümmelt ist, nur ans Ergänzung; aber diese Ergänzung hat sich glänzend bestätigt, da chinesische Chroniken gerade für dteseS Jahr von einem Kometen berichten, von dem die klassische Ueber- lieferttng schweigt.— Volkskunde. — Ueber das Liebesleben der friesischen Insel» bewohn er wird der„Tägl. Rundfchatt" geschrieben: Obgleich durch das rasche Anfblührit der Nordseebäder in enge Verbindung mit dein modernen Leben gebracht, haben die Bewohner von Sylt, Aitmtm und Führ, wie utau uns erzählt, sich ihre alterthümlichen Sitten noch treu gewahrt. Auf Sylt gehen die jnttgett Burschen abends in die Häuser, wo junge Mädchen sind. Jeder„junge Gast" erhält eine Pfeife Tabak oder auch mehr und man niilerhält sich. Sobald ein Bursche das Hans verläßt, begleitet ihn das Mädchen zur Hattsthiir, wo noch ein je nach Neigung kurzes oder längeres Plauderstündchen gehalten wird. Verniuthet man irgendwo ein heimliches Liebes» paar, so findet das Mädchen nicht selten am Morgen die Thür mit dem Boot oder Wagen des Geliebten verstellt. Dem abgewiesenen Freier hängt man dagegen heimlich einen Korb mit«ittem Spottgedicht, oder ein„Strohweib" vor das Haus. Das letzter« bindet man auch dem Mädchen an die Pforte, das sich lange mit einem Burschen„gezogen", aber nicht seine Frau geworden ist. Man fügt hier sogar noch eine» Beutel mit Flintensteinen„zum Ab» trocknen der Thränen" hinzu. Wenn der junge Halligbnrsch freien geht, sagt er zn jedem, der ihm begegnet:„Jetzt geh' ich meinen Antrag machen." Je mehr Glück ihm dazu gewünscht wird, desto sicherer ist das Jawort. Die Mädchen lassen den Werber so oft wiederkontmett, als sie„Achtung vor ihm haben". Gleich beim erste» mal einen Korb zn geben, gilt als schwere Beleidigung. Wird er bei der fünften Anfrage ertheilt, so ist es nicht so schlimm. Ge- wöhnlich muß der Bursche die Werbung zehnmal wiederholen. Freit das Halligntädchen einen Burschen, so schleppen die Junggesellen der Hallig daZ Boot des Bräutigains vor das Haus der Braut und gebe» es niÄ>t eher frei, als bis ihnen eine Tonne Bier gespendet ivurde. Aus Führ und Amrum wirbt der Freier zuerst bei der Braut und dann bei den Eltern. Die Verlobung wird au zwei Sonntagen gefeiert, am ersten im Hanse des Bräutigams, am zweiten in dem der Braut. Vor beiden Hänsern werden von den Burschen Fahnen aufgehihl. Wehe» diese aber länger als bis Sonnenuntergang, so ist das ei» Schimpf für die Braut. Während des Festschmauses werden vor'm Hause Böllerschüsse losgelassen. Bei jedem Schuß tritt das Brautpaar heraus. Die Braut reicht Backwerk, der Bräutigam Wein herum. Auf Amrum wird die Verlobung durch den öffent- lichen Kirchgang des Brautpaares kundgegeben. Auf Föhr beschenkt der Bräutigam die Braut gewöhnlich mit einem Kleid oder Silber- zeug. I» Wyk kennt man de» Polterabend, in den anderen Dörfern ans Föhr nicht. Braut und Bräutigam laden selbst zum Feste. Ringe werden nicht gewechselt. Auf Amrum laden zwei junge Mädchen zur Hochzeit. Brautkranz und Hochzeitsgeschenke kennt man hier nicht.' Bei de» Halligern trägt die Braut dagegen«inen Kranz. Ans dem Wege zur Kirche geht der Bräutigam zwischen ihr und der Brautjungfer. Den Ringwechsel bei der Trauung kennt man auch hier nicht mehr. Nach den« Festmahl wird die Braut „aus der Ecke getanzt", auch befestigt mau au ihrem Kopf den rothe» Lappen, das Abzeichen der neuen Frauenwurde.— Aus den» Thierlebe«. t. Die Pilzkrankheit der Fische und ihrer Eier wurde kürzlich in der„Zeitschrift für Fischerei" besprochen. Die Pilze, die sogenannten LuprolsAniosa, sind überhaupt mit die ge- fährlichsten Feinde für die Fische und ganz besonders für die Eier derselben. Trotzdem bleibt hier für die wissenschaftliche Unter- suchung noch viel zu thnn. Soviel jetzt bekannt ist, sind folgende Fischarle» einer Erkrankung durch Pilze zugänglich: Roche», Weiß» fische, Gründlinge, Barsch, Döbel, Hecht. Gold- und Silberfische, Bach- und Seeforellen, Nasen, Schlei. Felche», Aesche», außerdem besallen diese Pilze aus Ermangelung besserer Beule auch andere Wasserthiere, besonders die Krebse(Krebspest), Salamander und Frösche. Die Pilzarten, die für diese Krankheile» verantwortlich zu machen sind, sind noch nicht sämmtlich bekannt, zu ihnen sind vor allen LaprolvAara. korax und.Aclllzra prolifera zu rechne». A. Maurizio fand bei seinen Untersuchungen auf dem Fiich- markte stets eine große Zahl junger Fische mit Pilz- Krankheit und ebenso in de» Fischzucht- Anstalten. Es war dabei ganz gleichgillig, ob das Wasser in de» betreffenden Anstalte» aus einer frischen Quelle oder aus einer Leitung genommen wurde. Be- fonders siedeln sich die Pilze an den Stellen des Leibes an, die nicht von Schuppen geschützt sind, also besonders an, Kopie und an den Augen, ferner an der Rücken- und Schwanzflosse, bei jungen Fischen setzen sie sich mit Vorliebe auf die ikieinen. Zuweilen tragen solche Fische große Pilzkolonien auf dem Kopfe herum, deren Farbe grün oder grünblau zu sein pflegt. Wenn der genannte Forscher zu einem Haufen gesunder Fischeier nur ein bis zwei kranke legte, so verbreiteten sich die Pilze sicher und schnell auf sämmtliche Eier, die Krankheit ist also im höchsten Grade ansteckend. Als Mittel gegen dieselbe wird in erster Linie eine Lösung von schwefelsaurem Zink und schwefelsaurem Kupfer(>/, bis 1 Gramm pro Liter Wasser) empfohlen, ivelche schon nach viertel- und halbstündiger Wirkung die Weiterverbreitung der Pilze unmöglich macht. Noch rascher soll eine Lösung von zwei Gramm schwefelsaurer Magnesia auf ein Liter Wasser wirken, dagegen sind Borsäure und Salicyliäure kaum zu empfehlen. Diese Untersuchungen sind von größter Wichtigkeit, da die Pilzkrankheiten zu wahren Epidemien ausarten könne», wie eine solche z. B. in England in den Jahren 1377— IöS2 furchtbare Verwüstungen unter dem dortigen Fischreichlhum angerichlct hat.— Technisches. — Butterbeförderung auf der Eisenbahn mit EiSkühlung. An der Ostbahn wird der Versuch gemacht, in der beißen Jahreszeit die als Stückgut aufgegebene Butler ivährend der Beförderung auf der Eisenbahn durch Kühlung mit Eis frisch zu erhalte». Zu diesem Zweck haben sechs zur Butterbefördernng eingerichtete Wagen an der Decke eiserne Behälter erhallen, die etwa 700 Kilogramm Eis fassen. Die doppelten Decken und Wände dieser Wagen sind mit Jsolirschichten versehe», um das Eindringe» der Heiben Luft von außen zu verhindern. Die Wagen sind stationirt in Königsberg. Jnsterburg, Allensteiu, Luck und Osterode und werden wöchentlich einmal, von Königsberg zweimal nach Berlin lausen und von allen Stationen unterwegs etwaige Zuladungen aufnehme». In den Wagen sind von außerhalb sichtvare Thermometer au- gebracht, um auf bestimmten Stationen die Temperatur im Innern des Wagens mit der Außenwärme vergleichen zu können.— Humoristisches. — Geheilt. Frau X., die Gattin eines Küusilers, ist«ine „moderne Frau", ivelche die„idealen Forderungen" auch auf den Magen ihrer Gäste erstreckt. Sie vertritt den Standpunkt, daß geistige Nahrung die körperliche ersetzen könne. Darum denkt sie Essays und spricht Feuilletons, die andere geschrieben haben. Sie füttert ihre Gäste mit Schlagworten und tischt ihnen de» Inhalt der Kunstkritiken der Tagesblätter auf, anstatt sie mit saftige» Fasanen oder braun glänzenden Braten zu beivirthen. Da wurde eines Abends ein junger Fremder eingeführt und als hervor» ragender Hypnotiseur vorgestellt. Vor dem Souper saß man im Halbdunkel des Salons. Der Fremde hatte bereits vier Gäste„in Schlaf gestrichen" und von jedem merkwürdigerweise auf alle Fragen die stereotype Antwort erhalten, daß er hungrig sei. Frau X. näherte sich einem befreundeten Herrn und flüsterte:„Das ist ein Schwindler."—„Unniöglich!"—„Ich werde es Ihnen beweisen." — Wenige Minute» später saß die Hausfrau im Fauteuil. Der Fremde bewegte krampfhaft seine Finger nach alle» Windrichtungen und fuchtelte ihr unausgesetzt vor der Nase herum. Dabei fixirte er sie mit impertinenter Arroganz. Sie schloß die Augen. Auf die erste Frage:„Schlafen Sie?" ein leises:„Ja."—„Madame schläft," wandt« er sich halblaut an die Gesellschaft.—„Bitte, was soll ich---?"— „Uns endlich einmal ei» gutes, ausgiebiges Souper vorsetzen," hieß es im Chor.— Eine Blntwelle stieg in den Wangen der Schlafenden auf. Der Fremde zuckle wieder gichtig mir den Fingern, und niit einer Grabesstimme diklirte er das Menu: Suppe— Hummersalat — Ragout, Fasan, mit Schnepfen garnirt u. f. w. Dann wurde Frau X. geweckt. Es dauerte anffallend lange, ehe sie erwachte. Sie rieb sich die Augen und ließ sich schwer in eine Divanecke fallen. „Was gab es. was habe ich gesprochen? Ich weiß von nichts, ich schlief io fest!" stammelte sie. Als die Gesellschaft etwas verspätet zu Tisch kam. folgten der Reihenfolge: Suppe, Hummersalat u. s. w. Man lächelte und ließ sich's gut schmecke». Zu ihrem Freunde aber sagte Frau X. einige Tage später:„Der Fremde, der mich hypnoti- sirle, war doch ein Schwindler."— Vermischtes vom Tage. — Die Untersuchungen der schulpflichtigen Kinder der städtischen Lehranstalten in Königsberg i. Pr. ergaben, daß gegenwärtig mehr als 25 pCt. an kontagiöser A u g e n e n t z ü n d u» g (Granulöse) erkrankt sind.— — Eine Ziegelei mit elektrischem Betrieb wird die Gräfin Laura-Grnbe bei Künigshütte O-Schl. erbauen.— — In Breslau wurde der Kaufmann Max Kaplan, Inhaber der bedeutenden Konfektionsfirma Kaplau u. Ko., wegen Wechsel- s ch w i n d« l e i e u verhaftet.— — In Hagen wurde jüngst in einer S t r a i k a m m e r- s i tz u n g von einem Angeklagte» ein förmliches Konzert gegebe». Es handelte sich darum, ob verkaufte Instrumente annähernd preis- würdig waren.— — D i e Tapferkeit, sie ist kein Wahn. In Franzensbad war unlängst«in Kurgast eben ins Moorbad gestiegen, als er plötzlich einen schrillen Schreckensichrei ausstieß, stürmisch zu läuten begann und dann in Ohnmacht fiel. Rasch stürzt die Bade- dienerin herbei, aber auch sie stößt Schreckensschreie ans und iällt ebenfalls in Ohnmacht. Mehrere Kurgäste eile» herbei, und ihrem Bemühen gelingt es. die beiden Ohnmächtigen wieder dem Lebe» zurückzugeben. Und die Ursache der beiden Ohnmächten? Eine Maus, die sich vorivitzigerweise in das Moorbad verirrt halte! Ob sie auch in Ohnmacht gefallen, weiß mau leider nicht.— — Witebsk, 23. August. In der Stadt Newel hat eine große Fenersbrunst gegen 200 Hänser eingeäschert. Unter letzteren befinden sich ein Kloster und mehrere Ancksgebände. Der angerichtete Schaden wird ans ungefähr 300 000 stinbel geschätzt.— — Ei» Syst« in suche r. In Zürich lebt seit längerer Zeit ein Rentier, der nach einem System sucht, um beim Ronlettspiel mit Sicherheit zu gewinnen. Er beschäfligt eine Menge Leute mit einer Art statistischer Untersuchungen. So viele eingestellte hat und hatte er, daß er sie nummeriren muß. Geht eine Niimmer fori, weil sie eine einträglichere Arbeit gesunde», so wird sie ersetzt. Haben die Lenle, denen der Rentier übrigens verheimlicht, welche» Zweck ihre Arbeit hat, noch keine llebung im Eintragen von Kreuzchen, senkrechten und wagrechte» Strichen, so wird ihnen für jede Spalte 20 Cls. Honorar bezahlt; gewinnen sie aber Uebnng und schreitet ihre Arbeit rascher vor, so sinkt das Honorar bis auf 5 Cts. für die Spalte oder noch tiefer. In der Zeit eines Jahres hatte der „Forscher" über l50 Angestellte. Bis jetzt scheint er das System aber noch nicht gefunden zu haben.— — Paris, 24. August. Das Nrlheil in dem Prozesse gegen den Baron Mackau und die beiden Angestellten, durch deren Fahrlässigkeit der Brand des W o b l t h ä t i g k e i t s» bazars in der Rne Jean Gonjon hervorgerufen wurde, lanlete gegen Baron Mackau ans 500 Fr. Geldbuße und gegen die beiden Angestellten an dem Kinetographen auf 1 Jahr 3 Monate Gefängniß sowie eine Geldstrafe.— — 300000 Fahrräder gab es letztes Jahr in Frank- reich nach den sttesnllaten der dortigen Fahrradsteuer.— — I» London sind vor ein paar Tagen vierzehn durch Elektrizität bewegte Droschken in Betrieb getreten. Sie sind in der Form von Bronghams gebaut und habe» ein etwas schwerfälliges Aussehen. Der Knischer sitzt vorn, und im Innern können zwei oder zur Roth drei Personen Platz finden. Das Gesammtgewicht einer solchen Droschke beträgt 23 englisch- Zentner, wovon 14 ans die Akkttiunlatoren kommen. Bei der Probefahrt bewährten sich die Droschken ziemlich gut.— — Von der Pest. Nach Berichlen aus Bombay ist die Pest in P a o n a im Zun e hnien begriffen.—_ � Verantwortlicher Redakleur: ging, ist Jacobe« in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.