Hlnlerhaltungsölatt des Worwärls 37r. 167. Donnerstag, den 26. August. 1897. (Nachdriül verbot««.) 8] Die Schuldige. Von C. Viebig. „Jao. still, still\" Der Bursche ließ die Schippe fallen, er fühlte, wie ihm kalter Schweiß über den Rücken rieselte; er stemnite die Hände gegen die Ohren, kniff die Augen zu und rannte davon wie ein Verfolgter. An diesem Abend ging der Vater allein auf den Rani stein, der Sohn lag im Heu, sinnlos betrunken, und schlief seinen Rausch aus. »Hän es onüwel gäweu," sagte der Pfalzelbauer zu seiner zukünftigen Schwiegertochter und klopfte ihr die weichen Wangen.„Ville Grüß on morgen kömmt dän Lorenz." Als der Lorenz in der andern Frühe erwachte, mußte er sich lange besinnen, was eigentlich gewesen war. Bah, heut in der köstlichen Morgenfrische erschien ibm alles gar nicht mehr so verzweifelt wie am gestrigen Tag. Er saß aufrecht im Heu und guckte durch die Fenstcrluke hinaus aus die Waldhötien, und weiter hinüber zu der Ehranger Chaussee, die sich obst- baumbesetzt neben der Mosel einher schlängelte. Da weit, weit hinunter mußte sie— sie ivar gut zu Fuß, jung, wieder kräftig:— aber das Kind, das Kind?! Der junge M an» rieb sich die Stirn, senkte den Kopf in beide Hände und grübelte. Plötzlich sprang er ans und schlug sich auf den prallen Schenkel, daß es klatschte— hei, so mußte es gehen' — Ja— und vor der Hand waren doch immer noch ein paar Tage Zeit; gepriesen seien die sieben Nothhelfer! Kommt Zeit, kommt Rath— ei, was war er doch für ein Schlaukopf! *» Zu Ehrang war kein Mensch im Haus, schreckensbleich standen die Leute auf der Gaffe bei einander. Die einzige, die sich daheim hielt, war die Kathrein Holzer. Die lag im Bett, hatte sich den schmierigen, laub- gefüllten Sack, der ihr zur Decke diente, bis über die Ohren gezogen; unten guckten die verkrümmten Fußspitzen vor. Sie schwitzte, ächzte und winselte zum Steinerbarmen, sie hatte Schinerzeil— wo denn nur? Ueberall, überall! Selbst durch das kleine verhängte Fensterchen des Armen- Hauses drang das erregte Hinundher der Menge mit seinen jammernden Ausrufen, seinem entsetzten Aufkreischen. Und während so in Ehrang ein dunkles, geheimnißvolles Etwas die Hütten entlang schlich, Mann und Weib mit knöchernem Finger auf die Schulter klopfte, daß sie die Arbeit verließen, um von Grausen geschüttelt bei einander zu stehen, saß zu Trier der Staatsanwalt Milde vor seinem Schreibtisch und starrte auf ein Telegranim in seiner Hand. Das Fenster war geöffnet, eine köstlich heitere Somuierluft strömte herein; es roch nach Linden, nach Rosen, nach Jasmin. Der Himmel hing über der Erde wie ein leuchtend blaues Auge; von der nahen Domuhr hallten Schläge langsam, feierlich, von hundert Elöckcheu bimmelte es— Mittag! Der Staatsanwalt fuhr auf, das Blatt in seiner Hand knisterte. Da stand es, deutlich, leserlich, mit den großen Buch- staben des Blaustifts: „Ehrang, 20. Juli, 10 Uhr SV Minuten. Sohn des Pfalzelbauern ermordel Leiche heul gesunde» im Ramsteiner Forst unweit Geuofeva- höhle am Bach K o h l h a s, Ortsvorsteher. „Himmel!" Milde griff sich nach der Stirn, die Buch- staben schwamnien ihm vor den Augen. War's möglich, des Pfalzelbauern Sohn, der schöne Lorenz?! Noch vor wenig Wochen ivar der Bursche in seiner ganzen Jugendfrischc des Wegs geschritten, noch nicht vierzehn Tage waren vergangen, daß ihm die Ramsteiner Anna leuchtenden Auges, mit heißen Wangen, zum erstenmal von ihrem Liebesglück erzählt! An jenem Sonntag, bei dem einsamen Spaziergang im Wald, hatte er den Lorenz mit geschmeidigem Satz über den Bach springen sehen— damals stieg er zur Höhle hinauf, und jetzt, jetzt lag er vielleicht todt und starr an demselben Platz, und sein Blut rieselte über die nioosigen Steine. Dem Staatsanwalt grauste, ein häßlicher Verdacht schoß wie ein Blitz durch sein Gehirn.— Nicht möglich, nicht möglich!" Er bewegte ab- wehrend die Hand. Seine Augen hefteten sich starr auf einen P unkt. Er sah nicht mehr die Stilbenwände, nicht mehr da? Stück Papier auf dem Tisch— vor ihm lag der sonnen- beschienene Plan, und mitten im Glanz saß die junge Mutter, wiegte ihr Kind und sang. Das lange, blonde Haar floß ihr um die Schultern, sie summte:„Sil, su— heija popaija—"; aber sie lächelte nicht wie damals. Ihre dunklen Augen blickten finster drohend; wie ein unheilvoller Faden spann es sich von hier herunter zu dem Ermordeten am Weg. „Mein Gott!" Der Staatsanwalt seufzte und richtete sich mit energischem Ruck aus seiner zusammeiigesunkeuen Stellung empor. Er kliugelte; pantoffelklappernd trat seine Magd, die alte Lisett, ein. Neugierig ließ sie die wasser- blauen Aeugleiu von ihrem Herrn zu dem Telegramm auf dem Tisch gleiten. „Js wat Besonners pchsirt, Herr Erster, soll ich eu Droschk nehme gehn?" Die Lisett wußte schon, wenn der Herr so ein Gesicht machte, war die Sache pressirt. „Lisett, lausen Sie rasch zu Herrn Strupp, er soll sofort herkommen. Daun bestellen Sie drüben bei Klepper einen Wagen, mit den Eiseubahuzügen paßt's nicht! in einer halben Stunde müffen wir fort sein. Es ist eilig!" Lisett trabte davon; kaum war eine halbe Stunde ver- flössen, so saßen der Staatsanwalt und Strupp, sein Sekretär, im Wagen. Die Pferde liefen, ivas sie konnten; im Sonnen- flimmer blieb bald die Stadt dahinten, über die staubige Chanssee rollte das Gefährt. Auf der einen Seite die rothen Sandsteinfelsen mit ihren überhängenden Perrücken von Grün, auf der anderen die in der trockenen Sommerzeit recht schmächtig gewordene Mosel. Der Sekretär seufzte und rückte unruhig auf seinem Sitz hin und her: „Verdanunt heiß heute, Herr Staatsanwalt— o jemmich!" „Hm!" Weiter gab's keine Antwort. Milde lehnte scheinbar schlafend in der Wagcnecke, und doch arbeiteten seine Gedanken rastlos. Wie ein Kreisel drehte es sich in s einem Kopf, immer und inimer um den einen Punkt, um das blondhaarige Weib im Sonnenglanz. Es schien neben dem Wagen herzuschweben, ihm mit den brennenden Augen wild ins Gesicht zu starren, dann drohend und klagend zugleich die Hände zu erheben. Das war eine Qual! So ging es eine bis zwei Stunden. „Ehrang!" Der Kutscher knallte mit der Peitsche, vor ihnen lag das liebliche Nest, silbern blinkte die Kyll, und vom Wald her schien Kühlung zu fächeln. Sie fuhren in die Torfstraße, ein Menschenschwarm wälzte sich ihnen entgegen; in dumpfem Schweigen nahm der den Wagen in die Mitte. Langsam konnten die Pferde nur vorwärts; die Leute drängten sich dicht an die Räder, hinten hingen sich wie Kletten ein paar Buben an. In bedrückter Stille, in schauriger Spannung schob sich die Menge vorwärts. Dawar nun der Herr Staats- anwalt aus Trier, was würde der sagen?! Der Ortsvorsteher kam aus seinem Hanse gestürzt, er sah bleich und bekümmert aus; so lauge er im Amte, und das zählte schon eine Reihe von Jahren, war so was Schreckliches noch nicht in Ehrang passirt. Er stieg zu den Herren in den Wagen, der Kutscher suhr nach erhaltener Weisung rascher dem Walde zu. Die Dorfhäuser blieben zurück, nur oben von der Berglehne grüßte nüt bröcklichcn Mauern und gedrückten Fensterscheiben der Hof des Simeon Pfalzel; auch der war von Neugierigen umlagert. Sie machten Kehrt, als sie den Wagen erblickten, und schloffen sich dem Trupp an, der in einiger Entfernung dem Gefährt folgte. Der Weg zu feiten der Kyll ward nach und nach schmaler, die Bäunie ragten höher; nun hielt der Kutscher die Pferde an. Die Herren verließen ihre Plätze und schritten seitab in die enge Schlucht hinein, die dem Aufstieg der Genoseva- Höhle zuführt. Milde ging voran, sein Sekretär drängte sich dicht hinter ihn, zuletzt kam der Ortsvorsteher; der brave Mann zitterte ordentlich und bekreuzte sich alle zehn Schritte heinilich. Ans dem Buschwerk trat ihnen jetzt der dicke Lippi, der Gendarm, mit einigen Männern entgegen. Sie hatten hier Wacht gehalten, den Ort der That gegen den Andrang Unberufener geschützt. Der dicke Lippi grüßte militärisch und machte Front. „Hahr Staatsanwalt, ze Befehl, noch zwanzig Schritt hier dorch'ts Gebüsch geholt, dann rechtsum kehrt on tapper dorch- getroteu— dao liegt hau!" Schweigend drängte sich Milde durch die Büsche, ebenso, ohne Laut, die übrigen hinterdrein. Die Ziveige schnellen vor und zurück ans dem verwachsenen Pfad— nun rechts eine Bieglnig, da fließt der Bach, leise murmelnd— da hockt eine Männergestalt auf bemoostem Stein, den tiefgeneigten Kopf in den Händen vergraben. Ihr zu Füßen am Bode» ein lebloses Etwas. Kein Vogelton, kein Blätterrauschen, kein Windeswehen die Natur hält den Alhem au; den Männern stockt das Blut sie schauen sich in bleiche Gesichter. Der Gendarm rüttelt die zusammengesunkene Gestalt auf dem Stein. „Pfalzclbaner, dän Höhr Staatsanwalt aus Trier!" Der Pfalzelbauer schreckt zusammen und hebt das durch- furchte Gesicht aus den Händen, er fährt mechanisch nach dem Kopf, als wolle er die Mütze ziehen; er hat keine, barhaupt ist er davongestürzt, als die Schreckenskunde in seinen Hof gedrungen. Er scheint in wenigen Stunden um Jahre ge- altert. Das wetterharte Gesicht greisenhaft tvelk, die Mund- winket schlaff herunterhängend, die Augen blöde, ohne Glanz. Er ist wie ein Baum, der trotzig und stark noch im Walde gestanden, nun vom Wetterstrahl getroffen in sich zusammensinkt und, als Häuflein faulenden Holzes, dem Beschauer die innere Morsch- heit weist. Der Staatsanwalt streckt ihm die Hand entgegen, ihn dauert der Mann. „Pfalzelbauer, gebt mir die Hand; Ihr habt viel ver- lorcn!" Der andere zuckt zusammen, er ergreift die Hand nicht. Dicht tritt er an Milde heran, ein Zug wilden Hasses fliegt über sein Gesicht, er zischelt: „Hahr, Staatsauwalt, sinnen Se dän eraus, on ech— ech—" mit einem unartikulirten Laut wendet er sich plötzlich zur Seite und stürzt neben der Leiche des Sohnes in die Kniee.„Lorenz, Lorenz!" Mit markerschütternder Stimme ruft er's.„Lorenz, dich de Aogen uf— gel, Tau schläfst nur e sn fest? Nau gieht alcs kaput, nau es ale Müh ommesunst, nan kann ech betteln giehn— Lorenz, Lorenz!"_(Fortsetzung folgt.) Vellktm�s Narabel Von dem HVasseebecken. (Aus dem Roman„Egualit�".) In der Besprechung des neuen Bcllamy'schen Buches, die der „Vorwärts" vor einigen Tagen gebracht, war auf die vielfach sehr anschauliche und wirkungsvolle Kritik, die der Verfasser an dem Bestände der gegenwärtigen Gesellschaft ausübt, hingciviesen worden. Wir bieten im Folgenden unseren Lesern als beste Probe in deutscher Uebersetznug die prächtige Parabel von dem Wasserbecken, die eill Lehrer aus dem Jahre 2000, nachdem er mit de» Schülern die Verkehrtheiten und Widersprüche des kapitalistischen freien KonkurreuzsystemS erörtert hat, aus einem alte» Flugblatt vorliest. Wir wollen den Unterricht hwr unterbrechen, sagte der Lehrer. Unsere Unterhaltung hat»ns weiter geführt, als ich erivartete und, um den Gegenstand zu erschöpfen, werden wir noch heute Nachmittag eine kurze Stunde brauchen, doch jetzt am Schlüsse der Vormittags- stunde möchte ich noch eine Kleinigkeit aus eigenem beisteneru. Gestern wühlte ich ans der Bibliothek unter den Büchern aus der Zeit der großen Revolution herum mit der Absicht, etwas zu finden, was den Gegenstand unseres Gesprächs treffend erläutern möchte. Ich stoße da ans eine kleine Streitschrift jener Periode, vergilbt und fast unentzifferbar, die sich bei näherem Zusehen als ein sehr interessanter, salyrisch- scharfer Abriß des Profitsystems herausstellte. Ich dachte, daß unsere Besprechungen uns wohl vor- bereiten würden, die kleine Schrist recht zu versteben und ich schrieb sie ab. Sie nennt sich„die Parabel vom Wasserbecken" und lautet also: Es war einmal ein äußerst trockenes Land, wo das Volk in großer Wassersnoth lebte, und sie thaten nichts anderes als Wasser suche» vom Morgen bis zur Nacht, und viele kamen um, weil sie keinen Tropfen finden konnte». Und da lebten einige Männer in jenem Lande, die geschickter und fleißiger waren als die übrigen, und diese hatten Wasscrvorräthe angesammelt. Ivo die anderen nichts sinden konnten, und diese Männer wurden Kapitalisten geheißen. Und es begab sich, daß das Volk des Landes zu den Kapitalisten kam und sie bat,, daß sie ihm von dem angesammelte» Wasser zu trinken geben möchten, denn ihre„Roth" war groß. Aber die Kapitalisten antworteten ihnen und sprachen: „Fort da, Du dummes Volk! Warum sollten wir Euch von dem Wasser geben, das wir gesammelt haben? Wir würde» dann ja werden, was Ihr seid»nd mit Euch zu Grunde gehen. Aber merket wohl. was wir für Euch thuu wollen. Seid unsere Knechte und Ihr sollt Wasser haben!" Und das Volk sprach:„Gebt uns nur zu trinken, und wir wollen gerne Eure Kttechte sein, wir und unsere Kinder." Und also geschah es. Nun waren die Kapitalisten kluge Männer und weise unter allen übrige». Sie ordneten das Volk, das zu ihrem Knecht geworden war, in Trupps mit Hauptleuten und Osfizieren. und einige schickten sie nach den Qnellen, um zu schöpfen, und andere ließen sie das Wasser herbeibringen und andere ließen sie wiederum nach neuen Qnellen suchen. Und alles Wasser wurde zusammengebracht auf eine» Platz und dort machten die Kapitalisten ein großes Becken, um es aufzunehmen, und das Becken wurde der Markt genannt, denn zu de», Becke» kam das Volk, die Knechte, wie die Kapitalisten, um Wasser zu volen. Und die Kapilaliste» sprachen zu dem Volk: „Für jeden Eimer Wasser, de» Ihr uns bringt, damit wir ihn in das Becke», welches der Markt ist, hineingießen— merket wohl! — wollen wir Euch einen Schilling geben, aber für jede» Eimer, den wir herausnehmen, um ihn Euch zu geben, damit Ihr ihn trinke:, sollt Ihr und Eure Frauen und Eure Kinder uns zwei Schillinge gebe», und der Unterschied soll sein unser Profil— mit vollem Rechte, denn wäre es nicht um dieses Gewinnes willen, so würden wir nichts für Euch thun, sondern Ihr müßlet um- kommen." Und das war wohlgesprochen nach der Ansicht des Volkes, denn die Männer des Volkes waren schwerfällig an Verstand. Und fleißig brachten sie Wasser zu dem Becken viele Tage hindurch, und für jede» Eimer, welche» sie hereinbrachten, gaben die Kapitalisten einen Schilling, aber für jeden Eimer, welchen die Kapitalisten heransschöpsten aus dem Becken, um ihm dem Volke zurückzugeben, mußte das Volk den Kapitaliste» zwei Schillinge bezahlen. Und nach vielen Tagen floß das Becke», welches der Markt war, von Wasser über, denn für jeden Eimer, welche» die Männer des Volkes hineingegossen hatten, empfingen sie nur so viel, um eine» halben Eimer zurückzukaufen und wegen des halbe» Eimers, der immer zurückblieb, floß das Wasserbecken über; denn das Volk war zahlreich, aber der Kapitalisten wareil nur ivenige und sie konnten nicht mehr als die übrigen trinken, darum floß das Becken über. Und als die Kapitalisten sahen, daß das Wasser überfloß, sprachen sie zu dem Volke: „Seht Ihr nicht, daß das Becken, unser Markt, überfließt? Darum laßt ab von der Arbeit und geduldet Euch, denn Ihr sollt uns nicht mehr Wasser bringen, bis das Becke» leer ist." Aber als das Volk nicht mehr die Schillinge von de» Kapitalisten empfing für das hinzugebrachte Wasser, konnte es nicht mehr Wasser von den Kapitalisten kalifen, da es nichts halte, um zu zahlen. Und als die Kapilaliste» sahen, daß sie keinen Profit mehr machte», iveil niemand mehr Wasser von ihnen kaufte, waren sie sehr bestürzt. Und sie sandten Boten nach den Höfen und Wäldern, die verkündeten: Wenn irgend einer Durst hat, so soll er zu dem Becken kommen und Wasser von uns kaufen, denn es fließt über. Unter einander aber sprachen sie:„Wahrlich, die Zeiten sind schlimm, wir müssen Botschaft aussenden." Aber das Volk antwortete und sprach:„Wie können wir kaufen, wen» Ihr uns nicht anwerbt, denn wie sonst sollen wir haben. womit wir zahlen können? Werbt uns deshalb an, wie vorher, und wir wollen gern Wasser kaufen, denn ivir dürsten, und Ihr werdet nicht mehr Botschaft zu senden brauchen." Aber die Kapitalisten sprachen:„Sollen wir Euch anwerben, noch mehr Wasser in das Becken, in unseren Btarkt, hineinzugießen, da es doch schon überfließt? Nein, kanfel Ihr erst Wasser und wenn dann das Becken leer geworden durch Eure» Kauf, da»» wollen wir Euch wieder anwerben." Darum, also weil dje Kapitalisten sie nicht mehr auwarben, um Wasser zu bringe», konnte das Volk das Wasser, welches es bereits hineiugebrachl halte, nicht kaufen, und weil das Volk das Wasser, welches es bereits hineingebracht hatte, nicht mehr kaufen konnte, darum warben die Kapitalisten keine Männer des Volkes mehr an, um Wasser zu bringen. Und überall ging das Gerede:„Das ist eine Krisis" Und der Durst des Volkes war groß. Denn es war nicht, wie in den Tagen ihrer Väter, als das Land jedermann offen stand, um Wasser für sich zu suche»; hatten doch die Kapitalinen alle Quellen, Gruben und Ziehbrunnen, die Gefäße und die Eimer an sich ge- »ommen. so daß niemand Wasser erhalte» konnte, es sei denn durch das Becke», welches der Markt hieß. Und das Volk murrte wider die Kapitalisten und sagte:„Wahrlich das Becken fließt über, und wir sterben vor Durst, gebt uns darum Wasser, damit wir nicht umkommen." Zlber die Kapitalisten antworteten:„Nicht also; das Wasser ist unser, Ihr sollt nicht trinken, so lange Ihr es nicht von uns mit Groschen gekaust." Und sie bekräftigten es mit einem Fluche und sprachen nach ihrer Art: Geschäft ist Geschäst. Aber doch waren die Kapitaliste» unruhig, daß das Volk kein Wasser mehr kaufte, da sie so auch keinen Gewinn hallen und sie sprachen zu einander:„Es scheint, daß unser Profit unfern Profit hindert, und daß wir des Profites wegen, den wir gemacht haben, nicht mehr neue Profite erziele» können. Wie kommt es, daß unsere Gewinne für uns selbst verlustreich geivorden sind, und daß unsere Ueberschüsse uns arm machen? Lasset uns darum nach den Wahr- sagern schicken, damit sie uns dies Ding erklären mögen." Und sie sandten nach ihnen. Nun waren die Wahrsager Männer, wohlgelehrt in dunkeln Reden, die den Kapitalisten an- hingen wegen des Wassers der Kapitalisten, damit sie davon Antheil «rhklten und leben konnten, sie und ihre Kinder. Und sie hatten für die Kapitalisten zum Volk zu reden»nd für sie die Bolschaften ans- zurichten, da die Kapitalisten nicht sehr raschen Verstandes noch auch wortkundig waren. Und die Kapitalisten verlangten von den Wahrsagern, daß sie diese Dinge ihnen erklären möchten, warum das Volk nicht mehr Wasser von ihnen kaufte, obivohl das Becken voll war. Und einige von den Wahrsagern antworteten und sprachen:„Das ist wegen der Ueberproduktion"»nd andere sagten:„Das ist die Krise", aber die Bedeutung beider Worte war die nämliche. Und andere sprachen:„Nein, das kommt her von der Witterung und den Sonne»- flecken" und noch andere sprachen:„Nicht durch Krisen noch durch Sonnenflecke ist dieses Uebel eingetroffen, sondern durch Mangel an Vertrauen." Und während die Wahrsager unter einander stritten nach ihrer Art, schlummerte» die Profitschlncker ein und schliefen. Und als sie erwachten, sprachen sie zu de» Wahrsagern:„Es ist genug, Ihr habt gut zu uns gesprochen; nun gehet hin und sprechet in gleicher Weise gm zu dem Volke, so daß es sich beruhigt und uns in Frieden läßt." Aber die Wahrsager waren unlustig, zum Volke zu gehen, auf daß sie nicht gesteinigt wurden, denn das Volk liebte sie nicht. Und sie sprachen zu den Kapitaliste»: „Es ist ein Gedeimniß unseres Bernfes, daß, wenn Menschen gesättigt sind und nicht dürsten, sondern sich wohl befinde», daß sie dann Vergnügen finde» an unseren Reden, wie Ihr jetzt eben. Aber wen» sie dürsten und leer find, finden sie kein Vergnügen daran, sondern verhöhnen uns, denn es scheint, daß, wenn ein Mann leer ist, unsere Weisheit ibm auch blos als Leere erscheint." Aber die Kapitalisten sprachen:„Ziehet von hinne»! Seid Ihr nicht unser eigen, um unsere Botschaft auszurichten Und die Wahrsager gingen zu dem Volke und erklärten ihm das Mysterium der Ueberproduklion und warum die Menschen nolh- wendig vor Durst nmkommen müßten, weil allzu viel Wasser da war, und wie nicht genug da sein könnte, weil eben zu viel war. Und ebenso sprachen sie zu dem Volke von der Witterung»nd den Sonnenflecke», und ebenso darüber, daß all' dieses über sie gekommen wäre aus Mangel an Vertrauen.(Schluß solgt.) MU'inos Isvttillekon — Weshalb Ticustbotcu so oft mit Petroleum Feuer an- machen. In einem auswärtigen Blatte lese» wir solgendes Ein- gesandt: Geehrte Redaktion! Mit der Annahme, daß nur die Dummheit daran schuld sei, wenn trotz zalfllos oft wiederholter Warnungen Dienstmädchen Petroleum zum Anfeuern verwenden und dabei z» Schaden kommen, bin ich nicht ganz einverstanden. Warum ereignen sich diese Unglückofälle immer nur in de» größeren Städten, seltner in den kleinen Städte», und auf dem Lande fast nie? Nun, in de» Dörfern und kleinen Städte» besorgt sich jede Familie de» nüthigen Holzvorrath zum Anfeuern, da ivird das Holz eben nielerweise, in großen zweispännigen Fuhren angeschafft und »ieinand hat Veranlassung, zur Pelroleumkanne zu greisen. Wo aber das Auzündholz groschenweise im Handkorb oder Tragkorb ge- holt>vird, dort passiren die Unglücksfälle. Was soll ein armes Dienstmädchen machen? Das Holz ist alle, oder der Vorrath so gering berechnet, daß lhatsächlich die Kohlen nicht zum Anbrennen kommen. Die Haussrau hat oft gar keine Ahnung, wie viel Holz wirklich zum Anzünden gebraucht wird, ivenn die Kohle» in feuchte» Räume» lagern oder sonst schwer anbrennen. Da wird dann zur Pelroleumkanne gegriffen. Die Polizei sollte in allen solchen Unglücksfällen in erster Linie nachforschen, ob genügend Holz dem Mädchen zur Verfügung gestanden(denn wenn das Holz eingeschlossen ist, nützt es natürlich auch nichts), und wo Holzmangel vorhanden, die Herrschast in hohe Strafe zu nehmen, das würde viel nützen. Daß trotzdem auch Unglücksfälle aus Leichtsinn cnt- stehen, will ich nicht ableugnen.— Wir möchten zu dieser ver- nünftigen Darstellung noch bemerken, daß die Vcriveudung von Petroleum zum Feueranniachen durchaus ihre Gefährlichkeit verliert, wenn dasselbe aus der Kanne oder Flasche erst in die Kohlenschausel und von da dann in den Herd oder Ofen gegossen Ivird. Nur bei direktem Gießen aus der Kanne sind Explosionen möglich, diese sind aber ausgeschlossen, wenn man sich der Kohlenschausel bedient und die Kanne mit dem Petroleum in entsprechender Entfernung hält.— — Das Fahrrad und die Haarkünstler. Der Coiffcnr des französischen Senats hat einem Reporter sein Leid über den Verfall seiner Kunst geklagt. Selbstverständlich haben die Herren Senatoren, die nach einer allen Ueberlieferung kahl sein sollen, geringe Schuld daran, desto größere aber die heutigen Damen, die schon in aller Frühe nur ans Fahrrad denken, ihr Haar nicht mehr wellen und nicht mehr kräuseln lassen wollen, weil es im Winde und durch Schweiß doch wieder glatt würde. Sind sie von ihrer Fahrt zurück, dann stecken sie sich in halbe Männerkleidung mit gestärkten Vor- Hemden unter dem Figarojäckchen, und da ist ein schlichter Haar- knoten auch wieder gut genug. Des Abendslfiud sie müde und ab- gespannt, und wenn sie ins Thealer gehen, so lassen sie sich nicht srisireu, sondern setzen Hüte auf, und der Coiffeur hat das Nach- sehen. Kurzum, es ist ein heller Jammer. Schneiderinnen und Putzmacheriuuen sind auch dieser Ansicht.— Theater. — Im S ch a» s p i e l h a u i�e erlebten im verflossenen Spiel- jähre die meisten Aufführungen: Skowrounek„Die kranke Zeit" mit 26, v. d. Pfordten„lSIL" mit 18,„Goldfische" von Schönlhan und Kadelburg mit 16. Niemann„Wie die Alien sungen" mit 13 Auf- sühruugen. Goethe waren insgesammt 16 Abende gewidmet, von denen 6 auf„Faust" und 7 auf„Egmont" fallen. 45 Abende waren Schiller überlassen, von denen 11 Werke, die„Wallenstein- Trilogie für drei gezählt, im Repertoire stehen, und 35 Abende gehörten Sdakespeare, davon 9 Abende dem„Sommernachlstraum". 5 Abende fallen ans Lessing, 6 auf Grillparzer, 15 ans Hebbel. Wildenbruch und L'Arronge nahmen je 17 Abende in Anspruch.-» Musik. -a- Neues Oper»thealer. Der tragische» Schauspiel- kunst in der Oper hat die„Santuzza" der Frau G e in m a B e l l i n c i o n i neue Wege eröffnet und eine Fülle geistvoller An- regunge» zugeführt. Die überzeugende Leidenschaftlichkeit des Schmerzes, welche der Hauptgestalt der Mascagni'sche» Oper so viel rührende Weihe verleiht, war von dieser Frau mit solch' noth» wendiger Derbheit und ohne mühevolle Plastizität dar- gestellt worden. daß die Wahrheit der Natur ohne die gemeinen Lächerltchkeiten eines alles wagenden Naturalismus erreicht wurde. Die eindringliche Lebhaftigkeit der beredsamsten Geberdensprache, eine geradezu unheimliche mimische Ausdrucksfähig« keit,-ine Fülle überraschend lebensechter Einzelheiten vereinigten sich mit einer Stimme, die ja keinen Überdellen Glanz ausstrahlte, aber, technisch vortrefflich erzogen, alle geheimnißvollen Regungen ei»er scheuen und aufs tiefste verwundeten Seele ausiönen zu lassen ver- mochte. Der Eindruck einer tragischen Verzweiflung über verlorenes Lebensglück war durch keine Uebertreibungen getrübt und die Art, wie die Bellincioni durch die feinste Unaufdringlichkeit ihren stärksten Effekten das Theatralische abstreifte, ließ uns die Künstlerin als ein großes Genie erscheinen, das sich von den Oberflächlichkeiten des modernen, subtil nüancirenden, aber seicht empfindenden Künstler- thums leuchtend abhob. Nun hat sie dieser, durch ihre schöpferische Begabung populari« sirten italienischen Volksgestalt die„C arme n" Bizet's folgen lasie» und mit dieser Rolle für unsere Empfindung Schiffbruch erlitten. Indem die Bellincioni die mächtigen tragischen Behelfe ihrer Santuzza für die Gestaltung der Carmen ins Lustspielmäßige übersetzt und die Figur durch ein noch im Todeskampfe hervor- brechendes, zwischen Zynismus und Koketterie schwebendes Lächeln charaklerisirt, nimmt sie ihr die räthselhaften Reize und die drückende sinnliche Schwüle, die sich nur in ein schweres tragisches Gewitter auflösen können. Was an der Carmen zwingend wie ein Falum wirken soll, ihre dämonische Gewalt, sich von ihr nicht lossagen zu können und eher zum Morde aufzustacheln, als sich von ihr zu trennen, weiß oder beabsichtigt die Künstlerin nicht, als eigentliche Wesenheit derselben erscheinen zu lassen. Das zu viel Spieleu, besonders mit ihrem Gesichle, was der Fran- zose Grimacivre nennt, das Geschminkte mancher Nuancen und die Fühlbarkeit einer, wenn auch geistvoll berechneten Arbeil lassen die Bellincioni als Carmen nur als ei» großes Effekltalent anstaunen, das ihrem Zwecke diesmal selbst jede musikalische Rhythmik, klare Phrasirung und melodische Klarheit opfert. Ihre Technik, die ihr besonders im l. Akte zu einigen feinen Sensationen ver- hilft, ist auch in der Gestallung der Carmen frei von jenem pedantisch Pädagogischen, mit dem sich unsere nützlichen Repertoir- sängerinnen begnüge»; aber mit den Aeußerlichkeilen ihrer seltenen Begabung vermag sie diesmal keine poetische Wärme zu erzeugen und entläßt uns mit der Empfindung, eine große Virtuosi» an der inneren Wahrheit ihrer künstlerischen Aufgabe scheitern gesehen zu haben. Herr S o m m e r ist als Do» Josö voll leidenschaftlicher Energie in Ton»nd Spiel nnd stellt einen tragisch glaubwürdigen Charakter ohne alle Künstelei auf die Szene.— — Die zehn S y m p h o» i e-A b e» d e der königl. Kapelle unter Sfapellmeister W e in gartner's Leitung finden am 4. und 13. Oktober, 5. November, 17. Dezenber>897, 7. und LI. Januar, 11. Februar, 9. und 22. März nnd 9. April 1398 statt.— Völkerkunde. — Kalender nnd Hochzeit in China. Das wichtigste Buch für die große Masse des chinesischen Volkes ist unzweifelhaft der kaiserliche Kalender, worin die glückbringenden und die Unglück- bringenden Tage verzeichnet sind. Besonders bei Hochzeiten nnd bei Begräbnissen muß man unbedingt vorher den 5dalender znr Fest- Atzung des Tages für die Feierlichkeit zu Ratbe ziehen, meistens mit Hilfe eines Zcichendcuters nnd Wahrsagers. Nun geschah es in Tschunking am oberen Naugtsekiang, daß ein junger Man», dessen Hochzeilstag schon bestimmt war, ans dringenden Geschäslsrttcksichtcn länger aus Reisen blieb, ass er vorher angenommen hatte. Er schrieb daher an seine Eltern, man möchte doch die Hochzeit etwas hinaus- schieben. Aber da stieß er ans de» einmüthigcn Widerspruch aller seiner Verwandten. Eine Ausforderung, gefälligst sofort zurückzu- kehren, wurde an den Bräutigam gerichtet. Dieser ließ sich jedoch nicht einschüchtern, sondern suchte noch einmal seine geschichtlichen Gründe gellend zu machen. Hierauf ergrimmle der Vater dermaßen ob der Unbotmäßigkeit seines Sohnes, daß er nichts mehr mit der ganzen Sache zu thun haben wollte und auch auf Reisen ging. Nun lag die Angelegenheit in den Händen der Mutter, die zu weiblicher List ihre Zuflucht nahm. Sie ließ nämlich die Nachricht verbreiten, der Bräutigam sei zurückgekehrt, wolle sich aber vor dem Hochzeitstage nicht gen, sehen lassen. Richtig nahm auch eine Person an der Feierlichkeit tbeil, die jedermann zunächst für den Bräutigam hielt. Schließlich stellte es sich jedoch heraus, daß die schlaue Mutter eine dein abwesenden Bruder sehr ähnliche Schester desselben für diesen snbflituirt halte. Die ganz« Hochzeitsgesellschaft brach über diese List in fröhliches Lachen aus. Eine so geschlossene Ehe wird der „Franks. Ztg." zufolge von de» Chinesen als durchaus giltig an- gesehen. Ein derartiger frommer Betrug kann in China viel länger verborgen bleiben, als im Abendlande, weil hier Braut und Bräu- tigam meistens erst nach Beendigung der Bermählungsfeierlichkeiten die ersten Worte mit einander wechseln.— Ans der Pflanzenwelt. — Giftpflanzen als Nahrungsmittel. Manche Theile von Giftpflanze» hat sich der Mensch trotz ihrer Giftigkeit wegen der darin enthaltene» Nahruugsftoffe dienstbar gemacht. Dahin gehören die an Stärkemehl reichen Wurzeln des amerikani- schen Maniok- oder Cassavestrauches. Das Gift des Milch- saftes, welchen sie enthalten, wird durch Auspreffen, Wasche», Trockne». Koche» und Rösten der zerriebene» Wurzeln entfernt, und so entsteht«in nahrhaftes Mehl, eines der ivichligften Nahrungsmittel in Südamerika, welches in nianchen Gegenden Brot- mehl und Kartoffeln ersetzt. Aehulich verhält sich der gefleckte Aronstab(�.rummaoulabuiQ). Die ganze Pflanze, besonders aber der Wnrzelstock, ist frisch von brennend- scharfein Geschmack, erregt Mageneiilzündung und Bluterbreche» und hat schon manchmal den Tod zur Folge gehabt. Durch Kochen und Trocknen verliert er jedoch die Schärfe vollkommen und>vird zu eiuem guten Nahrnngsniitlel, welches von den Bewohner» der Karpathen dem Brotmehl beigemischt wird. Auch den sogenannten „Portland Sago" macht man ans diesem Mehl. Uebrigens zählt auch die Kartoffel unter die Giitpflaiizen. Sie gehört zur Familie der Nachtschattengewächse(Nachlschatlen, Tollkirsche, Bilsenkraut. Stechapfel, Tabak), deren Gift betäubend wirkt. Thatsächlich ist sie auch i» ihrer Heimath im wilden Zustande giftig. Erst in der Kultur ist sie ungiftig geworden, obivohl Spure» des sehr schlimme» Giftes((Kolaviv) auch jetzt noch, besonders in ganz jungen Knolle», nachweisbar sind.— Bergba«. — In der Nähe des Gnmberges bei F r a n k e n st e i n i» Schlesien gräbt man seit einiger Zeit nach Nickelerzen. Bereits gegen 300 000 M. sind dafür aufgewandt worden. Die Lagerstätte» der Nickelerze sind an die„rothcn Gesteine" der Serpentinzone ge- bunden. Da sich nun herausgestellt hat, daß sie sich in dieser Gegend sowohl in horizontaler als mich der Ticsenrichtung entlang i» günstiger Weife fortsetzen, hat mau sich entschloffe», einen zweite» tieferen Stollen, vom Lohethal aus, anzulegen. Die gefundenen Erze sollen an Ort und Stelle aufbereitet werden.— Meteorologisches. t.©in neues meteorologisches Observatorium soll auf dem höchsten Berge Groß-Britanniens, dem 1330 Meter hohen Ben Nevis in den Grampian-Bergen Schottlands errichtet werden. Nach dem Beschluß der schottischen meteorologische» Gesell- schaft werden gleichzeitige Beobachtungen auf der Spitze, auf halber Höhe und am Fuße des Berges gemacht werden, wovon man sehr werlhvolle Ergebnisse für die Beurtheilung der Witterung und das Studium der Luftbewegungeu erwartet. Gegenwärtig befindet sich nur unterhalb der Spitz« des Berges eine meteorologische Station, deren Beobachtungen sich mir ans Luftdruck und Temperatur er- strecken.— Technisches. — Die Ausnutzung der Wasserkräfte derDonan beim eisernen Thor ist von der serbischen Regierung unter bestimmten Bedingungen der Firma Luther in Braunschweig über- tragen worden. Wie die„Köln. V.-Z." berichtet, erhält die Firma nach dem von der Sknpschtma genehmigten Vertrage das ansschlicß- kiche Recht der Benutzung der Wasserkräfte aller Katarakte, welche sich längs des serbischen Donau- Users von Brujice bis Kladovo hinziehen, zum Betrieb« gewerblicher und industrieller, Verkehrs- und anderer volkswirthschastlicher Unternehmungen, sowie zur elektrischen Beleuchtung in Serbien. Nach dem Aus- laude, also»ach Ungarn, darf Kraft nur mit Zustimmung der serbischen Negierung verkauft werden. Die erste» Installationen zur Gewinnung von Wafferkraft, im Werths von 2 Millionen Franks, müssen binnen vier Jahren errichtet, und die gewonnene Kraft binnen acht Jahren in Verwendung gebracht werden. Die übrigen Einrich- tungen zur Ausnutzung der Wasserkräfte müssen in einem Zeitraum vo» 20 Jahren mit einer Mindestleistung von IS 000 Pferdestärken aufgestellt sein. Nach dieser Frist hat die Regierung das Rechl über diejenigen Wasserkräfte, welche»och nicht in den Bereich der Ausnutzung gezogen sind, anderweitig zu verfügen. Außerdem erhält die Firma ein einschließliches Recht zur Erforschiing, Schürfung und Ausbeutung aller Bergwerke und Steinbrüche auf dem ganzen Landstrich längs der Donau auf die Dauer von 09 Jahren,»ach welcher Frist der Staat das Recht hat, die Einrichtungen zur Ausbeutung der Wasserkraft dem Unternehmer abzukaufe». Für alle durch die gewonnene Wasser- kraft betriebenen Werke ist auf 3V Jahre hin eine Befreiung vo» Verantwortlicher Redaklenr: August Jacobcy in B Steuern und Abgaben gewährleistet; ebenso ist für die Maschinen. Apparate und Instrumente, die aus dem Ausland« bezogen werden, die Befreiung vo» Zöllen, Steuern und Gebühren ausgesprochen. Die erlheilte Koiizessio» kann nur mit Einwilligung der serbischen Ziegieruiig überlragen iverde». Die gesammten Wasserkräfte betragen etwa 100 000 Pferdestärken.— Humoristisches. — Ein Pracht-Deutsch scheine» die älteren Leute in Wallis zu spreche». Dieser Tage hat der Gemeindepräsident von Steg am Spritzen- haus in Gampel eine obrigkeitliche Bekanntmachung anschlagen lassen, die also lautet:„Bekanntmachung. Es wird von heute au verboten, die Hennen laufen z» lassen, bis die Weinernte vorbei ist. ES wird verboten, die Wagenleisen im Grund herum abzuetzen. ohne ein Jeder vor seinem Eigenthum. Sollte Jemand während der ver- botenen Zeit Hennen oder Raubvögel und Vih verwitfche», so wird im S0 Rp. per Stück bezahlt und dieß gilt auch für Kinder und Eltern welche am Stehlen ertappt werden, laut Gesetz bestraft. Man hört oft die Hausfraue» klage», daß sie die Kinder nicht aufbringen mögen für zu der Arbeit, aber es braucht»nr der Herbstmonad an- znfangen. dann sind die Kinder oft schon beim Anbruch des Tages unter de» Frnchtbäumen herum nnd oft ist auch die alte Katze dabei, gewöhnlich die kein Baum haben, wenn der Eigenthümer kommt, so ist die Frucht fort, dann kann er über leeren Baum auf- kriechen oder heimgehe», ja er kann die Staatsabgab und den Kadaster bezahle» und dann ist er wieder für 1 Jahr vrei."— Vermischtes vom Tage. — Hat ihn!„Die Zeit" veröffentlicht augenblicklich in einer Sondcrbeilage Anträge und Begründungen von Anträge« zum „nalional-sozialen Verirelertage". Unter de»„Begründern" marschirt auch Herr Hermann T e i st l e r auf.— Mahlzeit!— — Nicht übel. In einem Zirkular einer Leipziger Verlags- buchhandlnng heißt es:„Im Sommer 1895 wurde Natalp von Eschtruth vom Deutschen Schriftsteller- Verband offiziell für die be- liebteste Schriftstellerin erklärt."— Kann sie das Dekret auch vor- zeigen?— — In O h l a u wurde einem Manne, der hoch zu Roß zur Stadt kam, der G a u l unter d e m L e i b e iveggepfändet. Der Man» wollte schnell wegrciten, aber der Gerichtsvollzieher Holle ihn mit dem Rade ei».— kl. W o H l t H ä t e r. Die sächsische Hanptbibel-Gcsellschaft will alle durch das Hochivasser verloren gegangenen oder verdorbenen Bibel» ersetzen, sobald die betreffenden Besitzer derselben dies- bezügliche Wünsche ihren Ortsgeistlichen bekannt geben.— — In Chemnitz machte ein 19jähriger Kommis im Haus- flur eines Restaurants einen Raubmordverfuch gegen einen Geldbriefträger und verletzte ihn mit eiuem Dolch- messer schwer.— — In Koblenz wurde am Montag gegen einen Einbrecher verhandelt. Plötzlich sprang der Mann mit den Worten:„Jetzt ist es Zeit", ans dein Fenster des im zweiten Stockwerke belegenen Sitzungssaales. Schwer verletzt wurde er aufgehoben.— — In Pforzheim ist die T h p h u s- E p i d e m i e noch immer im Steigen begriffen.— — Das bayerische Justizministerium verlangt jetzt von de» eintretenden Gerichtsschreibergehilsen die Fertigkeit der Schnellschrift nach dem System Gabelsberger.— — Zwischen Rain am Lech und S t a u d h e i m wurde an einem elfjährigen Mädchen ein Lustmord begangen.— — Die amtliche„W i e n e r Zeitung" veröffentlicht eine Berord- »nng des Jnstizministeriums, womit für richterliche nnd staats- anwaltschaftliche Beamte, sowie für die fachmännischen Laienrichter ein eigenes A m t s k l e i d eingeführt wird. Das neue Amiskleid besteht aus einem schwarzen Talar und einem Barett.— Die österreichischen Jnstizbeamlen„arbeiteten" bisher in Uniform- rocken.— — I» P a» cso v a(Ungarn) erschoß die Frau eines reichen Großtrafikanten ihren Man»"ans Eifersncht und tödlete sich dann selbst mit einem zweite» Schusse.— — Auch eine Entschädigung. Für die Opfer des Orkans, der am 27. Juli 1896 einen Theil der Umgebung von Paris ver- Heerte, wurde von dem Parlament eine Entschädigung bewilligt. Diese scheint nach dreizehn Moualen endlich zur Vertheilung ge- langen z» sollen, und nun schreibt ein Leser des„Petit Journal" an dieses Blatt, er habe die amtliche Miltheilung erhalle», daß ihm 10 Centimes zugesprochen worden sind.„Wegen dieser 10 Centimes bat man mir eine Anzeige geschickt, hat der Gerichtsbote der Gemeinde sich auf die Strümpfe machen müssen. Um die Eni- schädjgung bei dem Steuereinnehmer einzuziehen, mußte ich einen Holben Arbeitstag verlieren, und was das Drolligste an der Ge- schichte wäre, müßte ich 2S Centimes Elempelgebühr bezahlen...." — Wie ans Sofia verlautet, soll der Prozeß B o i t s ch e w vor dem Militärgerichte wieder aufgenommen werden. Der zu lebenslänglichem Kerker Verurtheilte lebt im Gefängniß im größten Komfort, hat sein eigenes gut möblirtes, freundliches Zimmer und treibt sich des Nachls in verschiedenen Wirlhshäusern umher, wo seine Freunde ihm zu Ehren Trinkgelage veranstalte».— irlin. Druck n»d Verlag von Max Babing in Berlin.