Nnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 170. Dienstag, den 31. August. 1897. (Nachdruck verbalen.) "] Die Schuldige. Von C. Viebig. Es war wenige Stunden später. Eine aufgeregte Menge füllte wieder die Dorfstraße und umwogte das Spritzenhaus. Die Sonne schien vom wölken- losen Himmel nieder, heiß und grell. Der Lippi stand und wischte sich den Schweiß von dem rothen Gesicht, er war in Wichs; dort stand das Chaischen mit ein paar starken Acker- gäulen bespannt, das die Mörderin nach Trier bringen sollte. „Vill ze fein for so en Luder! meinten de Leute und ballten die Fäuste. Die Herren vom Gericht waren schon wieder fort, nur der Herr Staatsanwalt weilte noch im Dorf, aber sein Wagen ward auch angespannt. Bald würden sie alle weg sein, nur oben im Pfalzelhof lag noch der Todte und harrte der Be- stattung. In der Putzstnbe des Ortsvorstehers waren die Fenster verdunkelt, trotzdem herrschte eine drückende Schwüle in dem giftgrün lapezirten Raum. Die Fliegen surrten, es roch nach getrockneten Kräutern und Käse; auf der Fensterbank pflegte die Frau Gemeindevorsteher ihre Schmantkäschen zu sonnen. Auf dem Roßhaarsopha mit der weißen gehäkelten Schutzdecke saß Staatsanwalt Milde. Er hatte den Kopf in die Hand gestützt wie in schweren Gedanken; er wartete. Da klopfte es an die Thür. „Herein l" Auf der Schwelle stand die Ramsteiner Anna, in tiefe Trauer gekleidet, um das verweinte Gesicht ein schwarzes Tuch geknüpft. „Guten Tag, Fräulein Anna! Ich habe Sie rufen lassen, weil ich Sie gern sprechen wollte; ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind." Er schüttelte ihr die Hand, sie brachte kein Wort hervor; bei seiner Anrede schössen ihr aufs neue die Thränen in die Augen, um ihren Mund zuckte es und ihre Hand zitterte. „Armes Kind, setzen Sie sich!" Schluchzend ließ sich das Mädchen auf einen Stuhl fallen. „O, Herr Staatsanwalt, Herr Staatsanwalt, es is alles e so gräßlich— ich bin wie verwirrt, da drinn in meiner Brust is alles ausgelöscht und umgedreht, ich lieg' auf den Knien und kann net beten, ich sehn zu mei'm Muttergottes- bild auf und bin wie blind— mein Gott, was is mit mir gescheh'n?* Sie rang die Häude; thcilnahmsvoll ruhte Milde's Blick auf ihr. Sie war wie ausgetauscht. Das hübsche sonnige Gesicht schaute so vergrämt,' um Jahre älter, eine fremde Leidenschaftlichkeit mischte sich in ihr Gebahren; die sonstige Schüchternheit war verschwunden, die Worte flössen ihr in hastiger Erregung: „Herr Staatsanwalt, den Lorenz is tot, all mein Glück is hin— und e so schrecklich, e so schrecklich! Wär' er noch gestorben, daheim in sei'm Bett, versehen mit den Sterbe- sakramenten unsrer allein seligmachenden Kirch, ich wollt' mich trösten, aber so, so!" Sie schüttelte den Kopf und ließ die Arme fassungslos in den Schooß sinken, dann sprang sie auf und faßte wie beschwörend die Hand des Herrn:„Gelten Se, Herr Staatsanwalt, ich geh» net irr, den Lorenz hat unrecht an der Barbara Holtzer gethau? Es hat mer zwar kein Mensch ebbes davon gesagt, der Vadder antwort mer net, und die Mutter weint alleweil; aber gelten Se, die Barbara hat ein Recht an den Lorenz gehabt, er is der Vadder von ihrem Kind gewest, und weil er mich hat heiratheu wollen, drum hat sie ihn umgebracht?— O, die schlechte Person!— O, ich arm Dingen!— Ich sein schuld an all dem Elend— ich kann net mehr in der Welt leben, � ich gehn in ein Kloster.— Lorenz, mein Lorenz, ich bin Dir e so gut gewesen, nun muß ich Dir e so bös sein!" Herzzerbrechendes Schluchzen erstickte ihre letzten Worte. Milde ließ sie ruhig ausweinen, hielt nur ganz still ihre Hand in der seinen und streichelte sacht darüber hin. „Anna," sagte er dann,„kleine Anna, ich bin verwundert, woher wissen Sie das alles?" Sie erröthete tief, für einen Augenblick schien es, als wollte die alte Schüchternheit wiederkehren; dann preßte sie die Hände aufs Herz und sagte mit einem tiefen Athemzug: „Herr Staatsanwalt, ich bin ihm so gut gewesen!„Sie sagte das ganz einfach, mit rührendem Ausdruck; dann fuhr sie wehmüthig fort:„Ja, ja, wann mer einen so lieb hat, dann gehn ei'm die Augen auf über Sachen, die mer vorher net geahnt hat, da is mer auf einmal kein Kind mehr! Was Hab' ich denn in meiner Klosterschul von der Welt ge- lernt? Aber als mich den Lorenz zum ersten Mal geküßt hat, da Hab' ich gewußt, was unsen Herrgott will, wann er zwei Menschen zusammenführt. Mit jedem Tag Hab' ich mehr gelernt, und als ich gestern den Lorenz todt ge- sehen ,hab'"— sie schauderte unwillkürlich—„und se drauf de Barbara ins Dorf gebracht haben mit ihrem Kind— da, Herr, da Hab' ich alles gewußt. Der Vadder flucht dem Lorenz und flucht der Barbera— ich, ich weiß net, was ich thun soll! Die ganz' Nacht Hab' ich vor der Muttergottes gelegen, ich Hab' sie mit blutigen Thränen angerufen, ich Hab' geglaubt, sie müßt den Finger heben und den Mund aufthun. Kein Wunder is geschehen, mein Jammer is heut wie gestern! Es is so dunkel um mich, ich seh' keine Sonn' mehr— o Jesus, ich gehn in's Kloster, ich gehn zu die Klarissen, ich will kein Wort mehr sprechen und in meim Sarg schlafen— o— o—" „Anna," die Hand des Mannes strich über ihren gebeugten Scheitel,„hören Sie mich einmal ruhig an." Sie nickte stumm; und nun begann Milde zu sprechen wie von einer plötzlichen Eingebung beseelt, innig und ein- dringlich klangen seine Worte durch den verdunkelten Raum. Es war die Geschichte Barbara Holtzer's, die er in wenigen Zügen entrollte. Er sprach einfach, dem Fassungsvermögen seiner Zuhörerin angepaßt, aber durch die schlichte Erzählung klang ein Herzenston. Ueber die heißen Wangen des Mäd- chens flössen die Thränen wie Regen, eS lausche mit vorgeneigtem Kopf, mit geöffneten Lippen. Ein düsteres Gemälde rollte sich auf; ein Buch ward aufgeschlagen, darin stand aus jeder Seite in finsteren Buchstaben etwas von Schuld, Roth und Verzweiflung. Run neigte die Erzählung sich ihrem Ende. Milde athmete rascher, seine Stimme bekam einen noch wärmeren Klang, mit festem Druck faßte er beide Hände des Mädchens und sah ihm tief in die Augen. „Anna, können Sie verstehen, was ich von Ihnen will? Sic sagen, Sie wissen nicht, wohin mit sich, Sie wollen in ein Kloster? Das ist Verbrechen. Sie sind zu jung, es wird wieder eine Zeit kommen, in der Ihre Jugend von neuem erwacht, soll dann Ihr Kopf an unübersteigliche Mauern rennen, Ihr Herz hinter kalten Eisenstäben verbluten? Glauben Sie damit den Himmel zu erwerben? Hören Sie mich, ich weiß ein Werk, das Gott wohlgefälliger ist! Er hat ein Kind zur Erde geschickt, ein Geschöpf, rein und un- schuldig, wie wir alle einst geboren wurden. ES ist jetzt ver- lassen. Wissen Sie, welches Kind ich meine? Das Kind jener armen Ansgestoßenen, an Gott und der Welt Verzweifelnden. Nehmen Sie sich seiner an, denken Sie, es sei übrig geblieben von dem Todten, eiil Stück von ihm; bewahren Sie das hilf- lose Wesen vor dem Umhergestoßenwerden in einer kalten und lieblosen Welt! Sie werden nicht unbelohnt bleiben, Sie werden einen Segen empfinden, der überschwenglicher ist als jeder andere auf Erden— glauben Sie mir, Anna, Kinder sind Führer zum Paradies— Anna, verstehen Sie mich? Sprechen Sie „Ja", und ich will Sie unterstützen nach besten Kräften! Nehmen Sie mir die Last vom Herzen, lassen Sie mich der un- glücklichen Mutter sagen:„Sei ruhig. Dein Kind ist gut auf- gehoben!" Anna, antworten Sie, lassen Sie mich nicht um- sonst bitten!" Er schwieg tief athmend, ein forschender Blick streifte die schwarze Mädchengestalt— kein Laut! Wie Angst stieg es in seinem Herzen auf; hatte er auch daS rechte Wort gefunden, den rechten Fleck getroffen?! Er lauschte gespannt— da— sie schüttelte den Kopf, ei» dunkles Roth überzog ihr Gesicht. „Herr Staatsanwalt, ich versteh' Sie net! Ich— ich soll das Kind aufnehmen, das Kind von der da?" Sie sprang auf, sie stieß den Stuhl zurück, fassungsloses Staunen malte sich auf ihrem Gesicht:„Es is wohl Ihr Ernst net, Herr Staatsanivalt? Doch?— Sie nicken! Ja, das thut mir leid, daß kann ech net. Ich thät' Ihnen gern was zu lieb� — 6 herzlich gern, aber was denken Sie von mir? Ich fluch' dein Lorenz ja net und net der Barbara, ich zürn' net cmal mehr, das haben Sie zuweg gebracht, Sie haben e so schön geredt, daß mir das Mitleid gekommen is, aber da derniit is't anch genug— wie können Sie von mir verlangen, ich soll mich um das Kind annehmen?! Herr Staatsanwalt, grad ich! Das ist zuviel verlangt!" Die Stimme des Mädchens nahm einen beleidigten Klang an und zitterte vor Erregung, das weiche Gesicht wurde streng; so glich die Anna ihrem Vater, dem Ramsteiner Bauern.„Ich bin betrogen und hintergangen worden, ich sein e so gekränkt, und Sie, Sie denken—! Als Sie so erbaulich geredt haben, könnt ich's vor ne Weile ver- gessen, aber alleweil regt sich,s ei'm da innen— was bin ich denn? Ich bin kein' hergelaufene Person; ich bin de Ram- steiner Anna. Meine Lieb' l�ab' ich an dän Lorenz gehängt, ich Hab' net gefragt: Biste arm oder reich? Und jetzt, was Hab' ich dervon? Daß de Lcut nach mir gucken und hinter mir drein schwätzen, und daß ich auf dem Gericht zu Trier meine Aussag machen muß! Ich muß mich schämen. Von der ganzen Sach bleibt doch ebbcs an mir haften— und ich, ich sollt' meine Hand noch bieten und e so cn Kind nehmen, auf dem der Fluch liegt— nein! Beten will ich fleißig sor das arme Wurm und for den Lorenz und die Barbe Messen lesen lassen — aber selbst, selbst—" ihre Stimme wurde wieder fest— „niemals, ich kann net— nein, nein!— Herr Staatsanwalt, Sie sind so en guter Herr"— sie trat an ihn heran und legte die Hand auf seinen Aermel—„aber, Herr Staatsanwalt, Sie passen net for de Welt! Denken Sie an, was würd' mein Vadder und meine Mutter sagen, was würden de Lent denken? Sie würden mit Fingern aus mich zeigen! Und ich— ja, ich thät' Angst haben, das Kind von der Mörderin könnt auch emal im Zuchthans en End nehmen. Sie sind eben anders, ?err Staatsanwalt! Ich Hab' in cm Buch gelesen, es giebt eut, die alleweil nur das Gute glauben; wann's regnen thut, sagen sie: gleich wird die Sonne wiederscheinen, und wann der Himmel grau ist, sagen sie: in einer Viertclstund is er wieder blau. Ich meinen, e so einer sind Sie! Nehmen Sie es net übel, Herr Staatsanwalt, daß ich so frei bin und Ihnen das sag'! Und denken Se, wann ich net in's Kloster gehen sollt, dann muß ich später heirathen, es geht doch emal net anders, und was soll ich dann nnt dem Kind? Lieber Herr, es thut mir e so leid, daß ich Ihnen net den Gefallen thun kann, aber bei Heiligen, gewiß und wahrhaftig, es geht net! Sind Sie mir bös?" Sie sah ihn mit thränenschwimmenden Augen an, er schüttelte nur stumm den Kopf.„No, dann adieu, Herr Staatsanwalt, ich muß jetzt gehen! Im Kapellchen is die Todtenmeß sor den Lorenz— horchen Se, sie bimmeln schon!" Er ließ sich von ihr die Hand drücken. „Adieu!" Sie ging, das schwarze Kleid verschwand hinter der Thüre. Milde sank auf den Stuhl wie eiller, dem eine schöne Hoffnung zu nichte geworden. Da ging sie hin, da stand das Bäumchen, das er über und über voll rosiger Blüthen geglaubt, kahl und leer! Er schlug sich vor die Stirn, und sein Murmeln hatte einen bitteren Klang: „Ich Narr, ich lächerlicher Schwärmer! Ja, sie hat recht, ich kann ihr nicht zürnen. So jung und so verständig! Und ich— so alt und so unverställdig!" ** ♦ Draußen hält noch immer, von Neugierigen umlagert, das Chais'chen ani Spritzenhaus. Die Ackergäule scharren un- geduldig und der Lippi flucht leise: „Zappernient, bat es kein vergnügliche Saach, hei bei der vermaledeiten Hitz zu stiehn; dän Hahr Staatsanwalt wollt doch gleich kommen, on eiveil dauert dat en halwe Ewigkeit— Gott sei gelobt, eloa is hän endlich!" Milde kommt rasch näher: „Schließt auf, bringt die Gefangene heraus!" Mit dumpfem Gemurmel, mit halblauten Flüchen und Verwünschungen rückt die Masse der Neugierigen näher. „Platz gemaach, hei werden net Manlaffen feilgehaalen! Dao soll doch gleich en heilig Kreizdunnerweder—" Der Lippi flucht kannibalisch. Der Staatsanwalt ruft: „Schämt Euch, Ihr Leute! Haltet Euch ruhig, tretet zurück!" Widerwillig schiebt sich die Menge zur Seite, mit wüthendem Umherblicken und Säbelgerassel verschwindet der Lippi in der 78— Spritzenhausthüre; ihn begleitet der Kollege, der heute von Trier eingetroffen ist. Eine Weile verstreicht. Athemlose Stille draußen— da— alle Hälse recken sich, die Thüre knarrt in den Angeln, sie geht aufs „Ah!" Der Herr Staatsanwalt hebt die Hand: „Ruhe!" Da tritt sie über die Schivelle, die Hände gefesselt; rechts und links ein Gendarm! Ihre Blicke sind stier zu Boden ge- senkt, kein Muskel in dem todbleichen Antlitz regt sich; sie sieht aus wie eine Abgeschiedene. Mechanisch thut sie die wenigen Schrite vorwärts. Ter Wagenschlag wird geöffnet, die Gendarmen heben sie hinein, zu jeder Seite nimmt einer Platz; der Kutscher haut die Pferde— sie ziehen an—- Rädergeraflel— eine Staubwolke. Im blendenden Sonnengeflimmer verschwinden die Häuser des Dorfes; nun ist das letzte erreicht, noch diese Wegbiegung, dann liegt Ehrang versunken hinter Büschen und Bäumen, mit ihm alles, was— „Mein Könd, mein Könd! Mit einem herzzerreißenden Schrei springt die Gefangene auf, wendet sich zurück und hebt die gefesselten Hände.„Mein—" Die Gendarmen ziehen sie unsanft nieder ans den Sitz. Die Räder rollen weiter; in Staub und Sonne ver- schwindet alles. Ende. Veknnnke Mnbelmnnte. E in etymologischer Streifzug ins Thierreich. Jeder kennt den einsamen Wühler unter der Erde, dem erst die neuere Zeit Schutz und Schomrng predigte, den Maulwurf. Ein Thier, das mit dem Mani Erde auswirft, wird mancher denken. Weit gefehlt. Der Name des dunkeln Gesellen hat mit„Maul" nichts zu schaffen; das zeigt»ns die alte Form Moliwers. d. h. „Slanb"-Werser. Dieses Wort Molt gehört mit Mulm zum Stamme „Mahlen"; es tritt noch sehr bezeichnend hervor in Mollmaus, einem Thiere, das ja dieselbe Thäligkeit ausübt, wie der Maulwurf. Ebenso wenig gehören zum Begriffe„Maul" die Wörter MnuUhier (aus dem Lateinischen niulus) und Manlbeere�entstellt aus dem Latei« »ischen vaorulir). Bleiben wir noch einen Augenblick bei de» Nagern! Wer hätte nicht schon das Wort rattenkahl gebraucht! Was dachte man sich wohl dabei? Eigentlich recht wenig, denn eine Liatie ist doch nicht gerade auffallend kahl. Das Wort hat auch wirklich mit der Ratte nichts zu thun; es ist nichts weiter, als das durch Volks« Etymologie mundgerecht gemachte„radical". Dasselbe Schicksal hat der bekannte M ä u s e l h u r m bei Bingen gehabt. Die Sage weiß natürlich von gierigen Mausen zu berichten, die den hartherzige» Bischof Hatto bis zu diesem Thurms verfolgten. Und wie prosaisch ist die Wirklichkeit! Der Bau diente ursprünglich als Zollivarle, er war ein„Maut- Thurui"(aus dem Lateinischen nmta oder Gothischen motu— Zoll). Auch bei dem Worte. Eich- Horn gehört der zweite Bestandtheil wohl einer volks-etymologi« scheu Bildung an, deren Ursache uns allerdings vollständig unerfiud- lich ist; man sucht vergebens nach einem Zusainmenhaug zwischen dem Affen unserer Wälder und dem Schmucke unseres Stieres. Aehnlich ist es dem M u r m e l t h i e r e ergangen. Kein Kundiger behauptet, daß das Thier murmelt; man hat ihm das ein- sach angedichtet, um für das lateinische nmrsm montis(mus montis, also„Bergmaus") einen Ausdruck zu gewinnen, der einem lautlich wenigstens nicht mehr fremd war. Wie stark übrigens die Gestaltungskrast der Bolks-Etymologie ist, zeigt uns recht deutlich der Name eines nordische» lltaubthieres. Dieses Thier hieß ursprünglich(im altnordischen Fjallfreß, d. H.Fels- oder Bergkatze. Das wurde dann im Volksmunde umgemodelt zu dem ähnlich klingenden Vielfraß, und so spukt dieses Thier nun mit seinem ominösen Namen, den es gar nicht verdient, in unseren Naturgeschichten. Ei» anderes Raubthier, der Wolf, spielt in Sage und Glaube unserer Borfahren eine große Rolle. Jeder kennt aus den Märchen seiner Jugendzeil den Werwols, ein Wesen, das früher Mensch, nun als Wolf umherläuft. Diese Deutung führt uns auf die rechte Spur: Wer ist Man», Mensch(vgl. lat. vir), und noch deutlich zu erkennen in Wergeld, d. h. Sühnegeld für den Mord eines Mannes. An Wolf erinnert noch die alte Form für M a r k o l f(Häher), eigentlich Markwols, d. h. Grenzwolf, in der Thiersage häusig als Markwart bezeichnet. Die Beziehung ans Wolf paßt für den Häher vortrefflich, denn dem Begriffe Wolf liegt die Urbedeutung des Raubeus, Reißens zu gründe. Vom Wolf kommen wir auf seine Opfer, das Schaf. Wir beneiden einen Menschen, von dein wir sagen:„Er hat sei» Schäfchen im Trockenen." Wunderbare Redensart, nicht wahr? Doch nur scheinbar. Schäfchen heißt hier so viel wie Schiffchen, vgl. das niederdeutsche schepkeb. und so wird uns der ganze Ausdruck bald verständlich: wer sein Schiffchen im Trockenen, in» Hasen hat. der ist gerettet und geborgen. Jedermann kennt den Verwandten des Schafes, die lustige Ziege; vielleicht weiß auch mancher, daß man wohl'mal von einer Haberziege sprich:. — 6 elwa deshalb, weil die Ziege den Hafer(Haber) besonders liebt. Tas entspricht nicht der Sache. Das Wort hat mit Hafer nichts zu thnn; es ist vielmehr indogermanisch und erinnert an das lateinische cnpor. das altnordische Hafr; davon auch Habergeiß für eine Schnepfenart, wegen ihres Tones, der an das Meckern der Ziege erinnert, deshalb auch„Himmelsziege".— Wer kennt nicht das Bockbier, daß uns der Bierbrauer zu Zeiten herstellt. Bergebens sinnt man indessen nach über den Zusammenhang zwischen dem Symbol des biedern Schneiders und dem edlen Gerstensäfte. Des Räthsels Lösung giebt uns hier das für die Etymologie so überaus wichtige Gesetz der Mnndfanlheit des Bolkes. Bockbier ist nichts anderes als„Eüibeckerbier". weil zuerst in Einbeck gebraut. Das Volk fand das zu lang und ver- stümmelte das Wort zu einer Gestalt, in der es auch der Franzose übernommen hat.(Un boc ist ein Glas Bier.) Auch der schönere Vetler unseres Ziegenbockes, der Dam- Hirsch, ist seinem Namen nach der große» Menge völlig fremd. Man schreibt thatsächlich häufig Dammhirsch in unbewußter An- lehnung des Wortes an„Damm". Aber was hat das Thier mit einem Damme zu thun? Der erste Theil des Wortes ist das alt- hochdeutsche lama. das lateinische ckairnr und bedeutet an sich schon Hirsch; Damhirsch ist also eigentlich Tautologie. Ebenso unrichtig ist eigentlich die Konsonanzverdoppelung in Renntbier, das mit „rennen" nichts gemein hat; es kommt vom nordischen reu. vgl. englisch rainckeer. Das weibliche Wildschwein, um auf das Borstenvieh zu kommen. nennen wir Bache, ein sehr interessantes Wort. dessen Deutung auf den ersten Blick wohl nicht recht gelinge» ivill. Der Schweizer Dialekt giebt uns hier eine Handhabe. Für Speck hat nämlich der Schweizer das Wort Bache», althochdeutsch bahho(Schinken. Speck- feite), verwandt� vielleicht mit unserm„Backe", Bache ist also eigentlich das„wpeckthier". Ebenso unverständlich wird den ineisten der Name Spanferkel sei». Haben sie'mal über dieses Wort, das sür manchen einen kulinarischen Genuß de- deutet, nachgedacht? Was hat so ein Ferkel mit dem„Span" oder gar mit„spannen" zu thun? Offenbar nichts. Span- serkel heißt vielmehr ein junges, noch saugendes Thier vom alten spen, spänne— Milch(vergl. die mittelhochdeutsche Form spünneverchelin). Ebenfalls hochgeschätzt von manchem Gaumen find Eisbeine, ein eigenlhümliches, sicher sehr altes Wort, dessen erster Theil mit Eis nichts zu thun hat; denn wo liegt eine Spur von Beziehung zivischen beiden Begriffen?„Eis" führt sich wohl zurück ans ein altes Substantiv isa— gehen, vergl. die indogerma- nische Wurzel i. Eisbein wäre also so viel wie Schenkelbein, Hlist- dein, eine Deutung, die der Sache sehr gut entspricht. Unter unseren Hunden giebt es namentlich einen, dessen Namen sehr leicht irre führt: es ist der W i n d h u n d. Man wird sich mit der Deutung hier unwillkürlich leicht abfinden; denn man nimmt ohne weiteres an, daß der für schnell bekannte Hund dahinrast„wie der Wind". Ganz falsch. Die alte Sprache' kennt unser Kom- positum nämlich gar nicht. Sie hat nur mint für unseren Hund, so noch Liither; Windhund ist also tautologisch gebildet wie Damhirsch und Lindwurm, ans dem alten lint — Schlange, also durchaus kein Wurm, der sich etwa unter einer Linde sonnte oder i» der Nähe einer Linde hauste, wie uns das unsere Schülerphantasie vielleicht einst vorgespielt hat. Woher jene Stämme wint und lint stammen, ist allerdings nicht sicher nach- weisbar. Auch die Fische tragen manch' dunkeln Namen. Um nur einen herauszugreifen 7 Was bedeutet eigentlich Schellfisch? Mit „schellen" hat das Wort natürlich nichts zu thun; es führt sich viel- niehr zurück aus„Schale" in der nicht seltenen Bedeutung von Muschel, vgl. englisch«bell. Man hat wohl mit recht an den von Muscheln bezw.„Schnlthieren" lebenden Fisch gedacht(vgl. Schel- lack— Schaleulack, iveil so dünn wie eine Schale). Noch einiges vom Wildbret! Zunächst das Wort selbst. Man darf es beileibe nicht, wie wohl geschieht, mit doppel t schreiben; denn was soll in dem Worte das„Brett"? Der zweite Theil kommt vielmehr von„Braten", vgl. die alte Form will- braete. Zum Wildbret gehört unser Rebhuhn, ein Wort, das mit der Rebe sicher nichts zu thun hat, denn das widerspricht der Sache. Eher ist heranzuziehen das russische rjables. von ijaboj= bunt. Die Schreibung Nepphuhn ist durch nichts gerecht- fertigt. Vorläufig stehen wir hier vor einem Näthsel. Vom Reb- Huhn kommen wir auf die Ente, zwar nicht die wilde, sondern auf eine sehr zahme, nämlich die Z e i t u n g s- E n t e. Wunder- barer Zusammenhang Z wird man denken. Gewiß wäre er wunderbar, wenn er bestände, aber er besteht nicht. Ente in letzter», Sinne ist nichts als eine Verstümmelung von Leg-ende, für das man anch wohl, um den Gegner besser zu treffen, Lug-ente setzte. Gewiß ein ebenso eigenthümlicher. wie interessanter Vorgang! Nebenbei erwähne ich das Wort K r i e ch- E n t e, die natürlich niemals„kriecht". Das Wort wird ja anch gewöhnlich in der richtigen Form Krick-Ente geschrieben, vom Lateinischen: onus crocc». Ein feines Wild ist der Krammetsvogel, eigentlich Wacholdervogel, den» Wacholder heißt allhochdeutsch kranawitu— Krauichholz, vgl. das mittel- hochdeutsche kranewitvogel, das der Grundbedeutung also noch ziemlich nahesteht. Das alte witu hat sich übrigens noch erhalten in« Wiedehopf--- Holzhüpfer. Zum Schlüsse noch ein paar Insekten, deren Name leicht zu Mißdeutungen Anlaß geben könnte. Die Heuschrecke ist doch, 9— wenigstens bei uns, ein hannloses Thier. Woher also diese letzte Silbe, wenn sie gar nicht erschreckt?'Allerdings ist das Wort ver« wandt mit„schrecken", aber die Urbedeutung dieses Bexbnms ist „aufspringen" bezw.„aufspringe» machen", und so erklärt sich der Name des harmlosen Hüpfers sehr ungezwungen. Gefährlicher schon als die Heuschrecke ist die Hornisse. An„Horn" ist natürlich hier eben so wenig zu denke» wie bei Eichhorn. Das Wort geht vielmehr zurück auf eine indo- germanische Wurzel. die sich noch dunkel zeigt in den niederländischen borzel, für nnsere Hornisse vergl. bor�elou-=- summen. Aehnlich ist's nnl Bremse, das sich zurückführt auf den Begriff„brummen". Wir schließen nnsere Blüthenlese mit dem Schmetterling. Woher der erste Theil dieses Wortes? Mit„schmettern" hängt er natürlich nicht zusammen; sei» Ursprung ist vielmehr ein ganz anderer, höchst interessanter. Auch hier muß uns der Dialekt wieder Helsen, diesmal der ivestfälische. Dort beißt das Thier in einigen Bezirken„Schmantlecker", d. h.„Eahnelecker", womit die hier und da noch auftretende Bezeichnung„Milchdieb" schon übereinstimmt. (Vergl. übrigens englisch buttsrfly und zu Schmant das in Ost- deutschland übliche„Schmetten".) Die bei weitem ältere Bezeichnung für Schmetterling ist das uns namentlich in Zusammensetzungen noch geläufige Falter, ein Wort von dunklem Ursprünge, das jedoch mit„falten" wohl nicht verwandt ist, mittelhochdeutsch noch vivalter, so noch jetzt vielfach am Niederrhein.— (Nach der„Köln. Volks Ztg.") Kteinvs Fenilkekott — Ein Telephon- Kobold. Vor einem Pariser Richter stand dieser Tage als Angeklagte eine junge Teiephonistin. Nach einigen Hin- und Herreden verliest der Richter folgende Anzeige des Haupt- klägers:„Am 5. August hatte mir«ine Dame meiner Bekanntschaft eine Mittheilnng zu mache» und rief meine Telephon-Numnier auf. „Halloh! Halloh! Wer ist da?"—„Ich, Irma, und dort?"— „Pierre."—„Wirst Du heute abends kommen?"— Ich hatte aber »och nicht Zeit z» antworte», als zu unser Beider tödtlichem Schrecken eine fremde dumpfe Stimme dazwischenrief:„Madame, Madame, hören Sie mich!" Und dann, ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr die Stimme fort:„Madame, Sie sind eine verderbte Sünderin. Ihr Gemahl soll alles erfahren!" —„Um Gotteswillen, wer sind Sie denn?" rief meine Bekannte.—„Das Gewissen", scholl die Antwort noch dumpfer, und ehe wir uns noch von unserem Schrecken erholen konnte», erscholl ein Rasseln im Telephon und dann herrschte Grabes- stille in demselben. Meine Freundin erkrankte vor Schrecken, ich aber ging zur Polizei...." Ein zweiter Kläger, der selbst erscheint, Herr Mnreau, ein alter zittriger Herr mit tiefliegenden Augen und einer Habichtsnase, erzählt:„Ich hatte mich eines Abends entsetzlich geärgert, denn mein Neffe Georges, einer der leichtsinnigsten Burschen von'Paris, hatte mir aus seinem Klub telephonirt, ich solle ihm sofort sechshundert Franks schicke» zur Bezahlung einer Spielschuld, da er sich sonst erschieße» müsse. Ich schickte ihm nichts, denn ähn- liches drohte er mir schon zwanzigmal, und er ist heute»och uner- schössen. Um 11 Uhr abends gehe ich zu Bett. Präzise um Mitternacht fängt mein Telephon entsetzlich zu läuten an. Die Geschichte war mir nicht behaglich. Mir fiel plötzlich mein verdammter Neffe ein; vielleicht hat sich der Kerl wirklich erschossen und man meldet mir die Un- glücksbotschaft. Endlich gehe ich zum Telephon.„Halloh". ruft es mit einer wahren Grabcsstimme.—„Halloh," frage ich,„wer spricht?"— Und die gruselige Antwort lautet:„Der Tod!"— Ich bin nicht abergläubisch, aber: Mitternacht und eine solche Namens- angabe. Und dann sprach der„Tod" weiter:„Alter Wucherer, wenn Du Deinen Neffen nicht gehörig unterstützest, hole ich Dich noch in diesem Monat." Und dann schnarrte das Telephon so entsetzlich, als ob hundert Leichenwagen über das Pflaster rasselten. Ich verfiel in Fieber und schickte meinem Neffen am Morgen sofort die verlangten K0v Franks." Und dann kam noch eine ganze Reihe von Zeugen, welche die seltsamsten Dinge über das Treiben der Telephondamen zu erzählen wußten. Fragte einer nach den Kursen, wurde ihm vom neuesten Lustschiff erzählt. und verlangte jemand mit irgend einem Theater verbunden zu werden, wurde er mit der Entroxriss des pompes funebres zusammengehängt. Die Kolleginnen vom sprechenden Draht steckten alle mit der'Spitzbübin unter einer Decke, und diese verwendete ihren ganzen Gehalt, den sie sür ihre ausgezeichneten Leistungen erhielt, auf Erfrischungen sür ihre Kolleginnen, so daß das Amt manchmal wie ein Delikatessenladen aussah. Die hübsche Sünderin kam übrigens schließlich billig davon. Der Hanptkläger verzichtete aus deren Bestrafung, und zwar ans dem hauptsächlichen Grunde, weil er vor acht Tagen ihr Bräutigam geworden war. Und da anch die anderen ein menschliches Rühre» fühlten, kam die An- geklagte, die mittlerweile ihr Amt an den Nagel gehängt hat, mit einem strengen Verweise davon.— Theater. — Herrn Kainz zu liebe, nicht Goethe's Geburtstag zu Ehren würde am Sonnabend im De utschen Theater der erste Theil des Faust aufgeführt. Es war eine frostige, unwürdige Vorstellung. Ein übler Beginn des Theaterjahres. Das ist am Ende aber nicht so schlimm. Der grelle Mißerfolg kann sei» Gutes haben, wenn er die übertriebene Werthschätzung der Schauspielerei eindämmt. Man jäger mt§ der Residenz hör emol am Schnellertsberg, uff der Kflinschbocher Seite, ufs'm Olmftand g'stanne. Wie er fou uff e Hasche wart, daß er'm sei bische Leweslicht ausblose kennt, hanßt des, wenn's em de G'salle dhon» un uff die Schrout zulaaffe wollt, bor er»ff aanmol iwwer sich in der Luft an Hawicht fliege sehe. Kurz g'faßt schießt der Refidenzherr dem Reimer e Laring Schrout enlgege.„Potz dausig," denkt der alte Knjon von ein Ferrervieh, wou aack schon manches mitgemacht Hot,„der konn mäihner wie Brot esse und Bichs- lare. Ziväin Schuh neher, un ich Herr e Residenzschront zwische de Rippe g'hatt." Un fir laurer Schreck leßt er e Deibche falle, des hör er sich grad als fette Sundagsowends- Brore ransg'iucht g'hatt und hot's mit seiner Alte verspeise wolle. Daß äiver des Wildert doch an Mann kumnie sollt, ist es dem Jäger grad fir die Fiß g'salle. Der belracht sich das Dier—'s war»il schlecht g'fittert— steckt's in sein Ranze. daß es des Residenzfraache dahaam bewunnern kann un allenfalls in der Kiche verwerte.—„Wars der Hawicht nit, so is es e Deibche;'s is doch ebbs". sou säigt er fir sich hen.—„'s is doch ebbs", säigt do nach der Schlinkejchlegersch- Aanscheb von Schelm- doch. Der Hot nemlich die Jägerei hinnerm Pnsch mit zug'sehe un Hot dem kluge Stadtiuann sein Trouschtwort mit oung'häiert. Un des Wort hör e» schier sein gouz Laad vergesse lasse.„Wann sich sou e Manu mit ebbs sefrere(zufrieden) giebt, se konn ich's nach", hör er gedenkt un is in Ruh weirer gange. Der Burscht Hot nein- lich an sellem Dag im Geschbenzer Dahl ims Krone- Dahler- iressersche- Belche oung'hale— die Familie is jetzt auch ausg'storwe — un Hot statt'm Jawort'n Stuhl fir die Dhir g'setzt kriegt. 'S war doch ebbs. Sou konn sich aaner mi'm annern träischte (trösten)."— sieht, wohin die souveränen Launen gefeierter Lieblinge, wie Kainz einer ist, führen. Nicht, daß es keine schönen Einzelheiten in seinem Faust gegeben hätte; aber alles in allem war sein Faust ein blut- armer, mißvergnügter Schriftgelehrter, der geistvoll zu deklamiren weiß, nicht der leideuschaftdurchglühte, schmerzdurchwühlte, irrende Mensch. Schlimmer als um den farblose» Faust des Herrn Kainz stand es um den Mephisto Hermann Müller's. Schlimmer darum, weil dieser Schauspieler, sonst so trefflich in seiner Art, sich an den Pöbel- geschmack wandte und den wohlfeilsten Dank hierfür erntete. Sein Mephisto wurde ein behaglicher Spaßmacher, der sich seiner lustigen Stücklein erfreut; und nichts ist falscher als die bloße Selbstgefällig- keit bei einem mephistophelischen Geist, der an nichts seinen Gefallen finden mag, nicht au der Welt und nicht an sich selber. Als Grethchen debntirte Fräul. Pauk vom Schiller-Theater, jetzt Frau Sleinert. Sie gab eine leidlich korrekte Studie; was aber einen ganz besonderen Reiz ihres künstlerischen Wesens ausmachen könnte, war nicht zu erkennen. Auf weitere Einzelheiten der miß- lungenen Vorstellung einzugehen, lohnt sich nicht. Es wird ohnedies im Interesse des gänzlich mäßigen„Damenelements", das unser heutiges Theater beherrscht, vielzuviel darüber geschwatzt, ob Herr X vom V°Theater seine Beine so oder so setzt oder ob irgend eine ganz gieichgiltige Sängerin ein bischen mehr oder weniger lremolirt. Der Raum, der so in den Kunstreferaten verschwendet wird, wäre für jedes andere Ding in der Welt besser angebracht.— — Gocthe's Geburtstag wurde am Sonnabend auch im Schiller- Theater begangen; man gab„ C l a v i g o" und die „G e s ch w i st e r". Diese Stücke sind Jugendarbeiten Goethe's; das Trauerspiel, deffen geschichtlich interessanteste Gestalt der berühmte Beaumarchais ifi, entstand 1774 und das kleine Lustspiel wurde zwei Jahre später gedichtet. Namentlich dieses mag uns mit seinen empfindsamen SentimentS etwas fremdartig anmuthen, und da meinte denn Herr Froböse, der Darsteller des Fadrice, daß er ei» wenig korrigiren müsse. Während Herr v. Winterstein den Wilhelm mit wohlthuender Wärme gab und Paula Levermann als Marianne geradezu vortrefflich das hingebende, aumuthige Mädchen ver» körperte, stand Herr Froböse da niit den Hände» in der Hosentasche und machte eine Liebeserklärung so geschäflsinäßig nüchtern, als ob sie von einem Hamburger Kaffeemakler ausginge. Durch diese Dissonanz wurde die Wirkung der„Geschwister" erheblich beein- trächtigt. Von solche» Gehversuchen auf dem Boden moderner Realistik blieb die Aufführung des Clavigo verschont. Stand auch keiner der Darsteller auf genialer Höhe, so wußte sich doch alles so glücklich an einander zu schließen, daß das düstere Bild zu lebendiger, eindringlicher Wirkung kam. Der Beaumarchais des Herr» v. Winterftein war Riller und Weltmann zugleich, wie ihn der Dichter sich gedacht haben niochte. und Fräulein Pauly zeichnete die Marie mit überraschend feinem Empfinden. Wenn die Herren Bach(Clavigo) und Froböse(Carlos) neben den häßlichen Zügen ihrer Helden, der kalten Rucksichtslosigkeu bei dem einen und der Unselbständigkeit beim anderen, auch den Zug i»S Große darzustellen verstanden hätten, der doch beide auszeichnet, so wäre gewiß eine tadellose Vorstellung zu stände gekommen.— Musik. -er-. Neues Opern-Theater. Das Auftreten der Frau Bellincioni als„Regimenlstochter" war ein neuer Versuch ihres grausamen Systems, dem Publikum den Glauben an ihre seltene Begabung zu nehmen. Dem naive» treuherzigen Humor der Donizetti'schen Figur stand die Bellincioni mit einer geradezu ärmlichen Hilflosigkeit gegenüber, und was sie an abenteuerlicher Ko- loratur leistete, aus welcher besonders der zwischen Tremolo und S ckund- bewegung kaum mehr unterscheidbare Triller hervorragte, da� gehört einfach in das Gebiet des würdelosen Dilettantismus. Die Künstlerin wird Mühe haben, das Publikum an den großen künstlerischen Charakter ihres Genies, an die Wahrheit ihrer Empsindung und die Energie ihres geistigen Wollens allmälig ivieder glauben zu machen. Die übrigen Mitwirkenden haben bis auf den drolligen Herrn L i e b a n keinen Anspruch auf eine ernsthafie Kritik. Im Linden-Theater gab es gelegentlich der Neu-Auf- führniig von Suppä's„Boccaccio" ein glückliches Debüt. Die jngend- kiche Sängerin, Frl- Janner, sang die Fiamelta mit reizvollem und exakt erzogenem Organ und zuweilen niit solch rührender Innig- keil, daß aus dieser der Klang einer schönen Zukunft zu vernehmen war. Kapellmeister Korolanyi hielt die recht animirte Vorstellung mit Energie zusammen.— Kilnst. — Die Durchsicht des literarischen Nachlaffes des unlängst ver- storbenen Kunstforschers Jacob Burkhardt in Basel hat ergeben, daß eine Monographie über Ruben's, ferner die Werke: „Die Entwickeluug des Altarbildes",„Das italienische Portrait" und„Die Saminler der Renaissance" zur Veröffeiillichung bereit- liegen. Ueber die mit Spannung erwartete„Griechische Kultur- geschichte" ist noch nichts entschieden.— Humoristisches. — Auer konn s i ch m i'ni annern träischte(trösten). Unter dieser Ueberschrift erzählte Georg Volk in seinem Buche „Sunndag un Werdag", Gedichte, Sprüche und Geschichte» in Oden- wälder Mundart(Stuttgart, Hobbing u. Büchle):„E Sunudags- Vermischtes vom Tage. — Eisenbahnunglück. Amtlich wird mitgelheilt: Am 30. August gegen 12 Uhr 15 Min. nachts stieß ans der Station Vohwinkel der von Steele kommende Personenzug 313 auf den in derselbe» Richtung� ausfahrenden Personenzug 822. G e t ö d t e t sind: Kaufmann Sander aus Essen, Scholitz aus Wülfrath. Schwer verletzt und in das städtische Krankenhaus nach Elberfeld überführt sind: Ernst Ledennann, Eisendreher zu Langenberg(Fubverletzung); Zugführer Hause zu Hattingen(Rippen- bruch); Friedrich Müller, Bureangehilfe zu Essen(Kopf- und Brust- Verletzung); Frau Josephine Sander zu Esten(innere Verletzung); Fräulein Johanna Wlchterich zu Esse.l(Kopsverletzuug und Bein- bruch); Fräulein Julie Levi, Verkäuferin zu Bochum(Bruch beider Beine); Heizer Wilhelm Vogel zu Steele, Steuerbeamte Dirlamm zu Dornap(Kopfverletzung); Frau Dirlamm zu Dornap(Kopfverletzung und liniere Erschütieruug). Hilfsbreniser Heinrich Schneider zu Kalk(Knieverletzung). Leichter verletzt sind: Paul Schneide- ivind. Droguist zu Bochum(Beinverletzung); Adolf Sellmaun, Schreiber zu Essen(Kopfverletzung); Julius Buchthal, Verkäufer zu Essen(Armverletzung); Aron Goldberg zu Essen(Fußversiauchung); Fritz Minor. Lehrling zu Düsseldorf; Heizer Thiem zu Vohwinkel. Außerdeui habe» sich nachträglich noch als l e i ch t verletzt ge- meldet: Hilfs-Rangirmeisicr Sirepath zu Laugenberg; Lederivalker Friedrich Kilian zu Wülfrath; Arbeiter Carl Gastuer zu Dornap; Monteur Wilhelm Nicht zu Essen.— — In Stettin wurde der Schlächtermeister Emil Naumann von einem Einbrecher, den er überraschte, durch Beilhiebe und Mefferstiche tödtlich verletzt.— — In S o l d a u(Ostpreußen) ist eine Trichinen- Epidemie ausgebrochen, der die aus fünf Personen bestehende Familie des Schlächters TeSmer zum Opfer gefallen ist. Tesmer ist bereits gestorven.— — B l u t ch r o n i k. 188 Hinrichtungen hat der Scharfrichter Reindel bereits vollzogen. Der Mann ist 73 Jahre alt.— — Aus Verzweiflung über eine unheilbare Krankheit hat in Mährisch-Ostrau ein Bahnwärter seine drei Kinder ertränkt und sich dann vor den Augen seiner Frau von einem Eisenbahnzuge überfahren lassen.— — Das Bad B u r g st a l l bei Brixen(Tyrol) ist durch eine Feuersbrunst zum größten Theil eingeäschert woroen.— — Eine Znsammenstellung der Unglücksfälle im G e- b i r g e(Schweiz. Bayern, Oesterreich. Italien, Savoyen jc.) crgiebt den„Münch. Neuest. Nachr." zufolge, daß bis zum 23. August 29 Personen de» Tod fanden. 19 mehr oder minder schiver verletzt wurden, von denen nachträglich zwei starben, sodaß sich die Gesammt- zahl der Tobten auf 31 stellt.— — Ein kräftiger Widerruf. Im„Amtlichen Niede- runger Krcisblatt" fand sich kürzlich folgender Widerruf:„Schon seit Jahren, wie auch in letzterer Zeit, haben wir die Besitzer George Schudtkus-, Karl Paltiuat- und Angnst Lenkewitz'schen Eheleute von hiersclbst aufs greulichste unschuldig beleidigt, es lhul uns dieses leid und thiin wir hiermit öffentlich Abbitte, indem wir selbige als ordentliche Leute erklären. Auch ivarnen wir hiermit einen jeden, die von uns erdachten Lügen weiter zu verbreiten. Jodgallen» im August 1897. Wilhelm Sahmel, Johanne Sahmel." — Nach der„Köln. Volksztg." ist es unwahr, daß von katholi- scheu Küstern in Sevilla(Spanien) Leiche»Handel gelrieben iverde. Die Leichen von Kindern und Envachseuen würden nicht in den Kirchen, sondern ans dem städtischen Friedhose beerdigt.— Nerantiv-irtljcher Redakteur: August Jacobetz in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.