Anterhaltungsblatt des WorwSrts Nr. 172. Donnerstag, den 2. September. 1897. (Nachdruck verbot«».? 2] Vor Vauernfuhvev. Roman von Franz Kahler. Der Redner konnte nicht weiter sprechen. Das Wort „Zuckerfabrik" war wie eine Bombe unter die erwartungs- vollen, aufmerksam lauschenden Zuhörer gefahren.„Bravo!" „Sehr richtig„Eine neue Fabrik!"„Wir wollen alle Rüben bauen;* schallte es wirr durcheinander. Erst nach einer Weile legte sich der Lärin. „Nicht meinetwegen, nieine Herren, habe ich mich ent- schlössen, daS schwere und große Werk anzuregen. Ich bin ja bereits Thcilhaber der alten Fabrik und kann meinen Rüben- bau wenig mehr ausdehnen. Aber das Wohl meiner Freunde, vor allem der kleinen Landwirthe, die am schwersten unter der heutigen Nothlage zu leiden haben, liegt mir am Herzen; ebenso das Wohl der ganz armen Leute, der Tagelöhner und Arbeiter, die in der Fabrik und beim Rübenbau wieder lohnenderen und reichlicheren Verdienst finden werden. Um ihretwillen nehme ich die schwere Last freudig auf mich, um lo freudiger als ich bereits unter Ihnen, meine Herren, Freunde gefunden habe, die entschlossen sind, dem Werke ihre Unterstützung zu leihen. Wieder mußte der Redner innehalten. Stürmischer Beifall und laute Zustimmungs-Erklärnngen tönten ihm ent- gegen. „Die Begeisterung," fuhr Teßmer fort,„mit der Sie meinen Vorschlag aufnehmen, beweist mir, meine Herren, daß das große Werk der Vollendung entgegengeht. Ich werde Ihnen sofort nach Tische meinen Plan näher auseinandersetzen, habe aber jetzt schon das Gefühl, daß das nur noch eine Formalität, die Fabrik jedoch bereits beschlossene Sache ist. Und deshalb erhebe ich mein Glas auf das Blühen und Ge- deihen der neuen Zuckerfabrik! Sie soll leben hoch, nochmals hoch und zum dritten Male hoch!" Die Männer und auch die Frauen stimmten jubelnd ein. Unter wirrem Lärm ging das Diner zu Ende. Die Frauen zogen sich wieder zurück, zum theit nach den Nebenzimmern, wo der Kaffee servirt wurde, zum theil nach dem Salon, wo das Stimmen der Biolinen und das Anschlagen eines Klaviers den Beginn des Balles ankündigte. Die Bauern standen rauchend und plaudernd wieder in Gruppen beisammen. Teßmer ging von einer zur anderen, seinen Plan entwickelnd, jedem Rede und Antwort stehend. „Einstweilen, meine Herren, übernehmen Sie gar keine Verpflichtungen. Die Geldfrage kommt für Sie erst in zweiter Linie in betracht, denn mein Leipziger Bankier giebt die Gelder gern her. Ich muß vor der Hand nur wissen, wie groß die Betheiligung ist, wieviel Mvrgen Rüben Sie entsprechend Ihren Antheilen bebauen wollen. Denn Geld hat mein Bankier wohl, aber keine Zuckerrüben, und diese sind doch schließlich die Hauptsache. Also, sehen Sie sich die Geschichte näher an, überlegen Sie sich reiflich, entschließen Sie sich, einigen Sie sich untereinander! Auf mich brauchen Sie vorläufig gar keine Rücksicht zu nehmen, ich arbeite nur im Interesse der Sache, in Ihrem Interesse." So und ähnlich lockte Teßmer nach allen Seiten. Steinig, Berger, Schulze und noch fünf bis sechs der reichsten und angesehensten Bauern standen oder saßen bereits um den großen Tisch damit beschäftigt, die Pläne, Zeichnungen und Rechnungsentwnrfe der neuen Fabrik zu studiren. Teßmer hatte provisorisch eine Liste der Antheile auf- gestellt. Das Aktienkapital sollte eine Million Mark betragen. Davon wollte er 400 000 Mark übernehmen. Zehn andere, darunter Steinig, Berger und Schulze folgten mit je 30 000 Mark, während siebzehn weitere mit Antheilen von 5000 bis 10 000 Mark bedacht waren. Es blieben jedoch noch 180 000 Mark offen, die Teßmer eventuell zu übernehmen ver- sprochen hatte. „Tarauf falle ick nich rein!" erklärte Steinig,„Teßmer hat schon zu viel gezeichnet. Seinen Knecht will ick nich spielen. Lieber zeichne ick man das doppelte, und Ihr doch auch?" Einige nickten beifällig, der größte Theil jedoch verhielt! ÄtagvedArg sich schweigend. 30 000 Mark auf eine Sache verwenden, die vielleicht fehl gehen konnte, ivar doch Risiko genug. Einer mußte ja schließlich den Haupttheil übernehmen. Aber das Mißtrauen gegen das Uebergewicht Teßmer's siegte; man einigte sich, die fehlenden 180 000 Mark unter einander auf- zutheilen. Teßmer hatte bestimmt darauf gerechnet, daß man ihm freudig die Ucbernahme der Restsumme überlassen würde. Sein herrschender Einfluß war dann von vornherein nicht mehr zu erschüttern. Um so erstaunter war er, das Gcgentheil zu finden, als er nach einiger Zeit wieder an den Tisch trat. Im Salon hatte der Tanz inzwischen begonnen. Von den Bauern betheiligte sich nur selten einer daran. Um so eifriger waren die Grubenbeamten, die bisher recht in den Hintergrund geschoben worden waren, bei dieser Sache. Es herrschte die fröhlichste Kirmesstimmung; ununterbrochen klangen fröhliches Lachen, der Lärm weiblicher Stimmen, das rhyth- mische Geräusch der Tanzenden und die heiteren Weisen der Musik hinüber nach dem Gesellschaftszimmer. Dort hatte Teßmer die Liste zur Einzcichnung der Aktienantheile aufgelegt, nachdem er obenan rasch und er- munternd seinen Beitrag niedergeschrieben hatte. Die Bauer» umringten in erwartungsvoller Stille den Tisch. Steinig, dem Teßmer die Liste gereicht hatte, stand einen Augenblick unschlüssig, die Feder in der Hand haltend. Das war etwas Schriftliches, da hieß es vorsichtig sein. Seine Blicke begcgnelen einige Sekunden fragend denen Schulze's, Bergers und der andern. Er fand keine Antwort, aoer ge- spannte Neugierde auf allen Gesichtern. Die Lichter flimmerten; vom Salon flutheten die Musik- wellen schmeichelnd herüber; die Hitze im Zimmer hatte feine Schweißperlen auf die Stirnen der aufgeregten Bauern ge- trieben. „Hier, mein lieber Steinig," tönte Teßmer's Stimme dringend, während er auf das Papier zeigte,„wieviel gleich, alter Freund? Füufzigtausend, nicht wahr? Na, bitte, hier." Zögernd, mit großen Schriftzügen malte Steinig seinen Namen und den Betrag dicht unter Teßmer's Unterschrift. Nun ging es rasch. Nach wenigen Minuten hatte die Liste zirknlirt. Als Teßmer zusammenrechnete, stellte es sich heraus, daß die benöthigte eine Million um 60 000 Mark über« zeichnet war. Teßnier ersuchte einige, ihre Antheile zu ver- kleiner», erhielt aber von allen eine runde Absage. Die Bauern bestanden wie besessen auf ihren Antheilen, gerade als ob sie über, baares Geld quittirt hätten. Teßmer war wüthend, behielt aber sein ruhiges Blut und seine vergnügte Miene. Lächelnd rcdnzirte er seinen Antheil auf 340 000 M. Sein Aergcr war im Nu verflogen, fühlte er doch, daß sich die meisten der kleinen Bauern zu viel zugcmnthet hatten, und daß auch einige der Großbauern noch froh sein würden, ihre Antheile los zu werden. Im übrigen wollte er schon dafür sorgen, daß ihnen die heutige Begeisterung noch leid thun sollte. Er halte Zeit zu warten. ES war bereits 2 Uhr morgens, als die letzten lGäste die Villa verließen. Vor der einzigen, noch brennenden Lampe des Gesellschaftszimmers saß Teßmer und starrte gedankenvoll über die vor ihm liegenden Papiere hinweg ins Leere, dort« bin, wo der vom grünen Lampenschirm gedämpfte Lichtschimmer sich niit dem Dunkel des Zimmers mischte. Ein Lächeln des Triumphes lag auf seinem Gesicht. Heute hatte er einen gewaltigen Schritt vorwärts gethan uach dem Ziele seines Lebens. Willig gab er sich ganz jenem an« genehmen Gefühle der Befriedigung und Genugthuunz hin, das auch den ruhelosesten Streber von Zeit zu Zeit unwill« kürlich einmal umfängt. Wie hart hatte er gekämpft, wenn er zurückdacht«, cht er zum ersten Male mit ganzer Befriedigung auf sein ibiShmgoß Ringen zurückblicken konnte. In rascher Folge zogen sie a» seinem Geist vorüber die Bilder der verflossenen siebzeh« Jahre.... TL An einem trübe» Septembertag: hatte Mexsuder Dchwer einen letzten Blick zurückgeworfen auf dir drucklr»»m Thürme» und Schloten überragte HttuferMsKe fett Attoi GtM 93ov ihm lag die regenfeuchte Chaussee mit einem Meer von Stoppel-, Schollen- und Rübenfeldern zu beiden Seiten, überspannt von einem eintönigen, grauen Herbsthimmel, der am Horizont unmerkbar mit der weiten, flachen Ebene zu- sammenfloß. Teßmer war indessen nicht der Mann, der sich langen Gcfühlsschwärmereien hingab. Weder die langsam im Dunst verschwindende Stadt, noch der trostlose Herbsttag vor ihm stimmten ihn schwermüthig.� Er wanderte vergnügt in die Welt hinein, denn er besaß einen felsenfesten Glauben an seinen guten Stern und an sich selbst.» Hinter sich ließ er ein Leben fehlgeschlagener Hoffnungen und vor ihm, jenseits jener Ncbelmauern, lag doch vielleicht das Glück, das gelobte Land des Reichthums und Ruhmes, das er mit fiebernder Gluth ersehnte. Teßmer war andererseits auch nüchtern genug, sich vorerst nicht allzu große Illusionen über seine nächste Zukunft zu machen. Einstweilen hatte ihm sein begüterter Bruder eine kleine Stelle angeboten, wo er wenigstens sein Brod fand. Und was konnte ihm sonst wohl diese schweigende, starre Welt des platten Landes, wo ein Schwärm kulturarmer Bauern und Knechte mühsam sein tägliches Brot erwarb, auch bieten, ihm, dem rnhelosen Unternehmer, der nur einen Lebenszweck kannte, rasch und mühelos ein gewaltiges Vermögen zusammen zu raffen. Für ihn war die gegenwärtige Nothlage und die in Aus- sicht stehende Beschäftigung als Gehirntagclöhner nichts weiter als eine unbequeme Pause im fieberhaften Spiel um Erwerb und Genuß, die er möglichst abzukürzen gedachte. (Fortsetzung folgt.) Vie Opev nach Uvagnev« Von Dr. M. Alfieri. Als Wagner seinem Traum von einem Feftspielfrnuse, in dem die Bliithe der Gesangskünstlcr seinen musikdramatischen Gedichten zum Leben verhelfen sollte, Wirklichkeit n»d kulturhistorische Be- deutung verliehen hatte, war es an der Zeit, den absoluten Werth dieser Opernschöpfungen, i» denen sich Musik, Poesie, dramatische Kunst und malerisches Ezenenrasfinemcnt zu einem oft hinreißenden Ganzen vereinigten, klarzulegen und aus ihm die Regeln eines neue» Etiles abzuleiten. Was an diesem als Ausfluß des Genius zu gelten hatte, mußte sich über die feindlichen Gegen- einflösse und jene Theilnahmslosigkeit einer überrelfen Bildung erheben, die in ihren reflektiven, abgeschwächien Empfindungen von einem wirklich produktiven Talente stets aufs erbittertste bekämpft wird. Ans dem ästhetischen Chaos unerhörter musikalischer und dramatischer Vorzüge und Schwäche» und kübner � finnlicher Reizmittel mußte sich das wahrhaft Große erheben, dessen innerer Werth eben de» kunstgeschichtlichen Zusammenhang außer- ordentlicher Erscheinungen, wie Wagner, mit ihren Zeitgenossen und Nachfolgern ergiebt. Wenn nun auch die drei der Tonkunst vorzugsweise zugeneigten Nationen, wie von einem gemeinsamen Impulse gehoben, sich den Bedingungen der dramatischen Wahrheit Wagner's unterwarfen, so wurden sie keineswegs absolute Anhänger jener De- klamationsstrenge. welche die jenem großen Genius versagten Eigenschaften melodischen Reichthums und ursprünglicher Er- findung als charakteristische Ausdrucksmittel kaum anerkannte. Wohl fügten sie sich dem Einflüsse jeuer Kunstprinzipien, die in der Energie seines Stiles lebte» und im Kampfe um das bisherige künstlerische Ideal der schimmernden Unwahrheit, der beifallssüchtigen Virtuosität und dem verdorbenen Geschmacke entgegentraten. Von Wagner sollten sie der Alleinherrschaft der mit ganz ungehörigen Melismen überladenen Melodie entsagen und deren Verwendung zn eine»» würdigeren Zwecke lernen und von ihm lernten sie tbal- sächlich jene neue musikalische Verlebendigung dramatischer Pläne. in welcher die Summe seines schöpferischen Geistes und die gewaltige Bedeutung lag, welcher sich über allen individuellen Ge- fchmack und alle Veränderung äußerer Formen hinaus keine musikalische Kullurnatton zu entziehen vermochte. Doch nicht an die Mannigfaltigkeit seines ernste» pathetischen Stiles und seiner mit rein musikalischen Mittel» ausgeführten Charakterzeichnung und Sitnationsschilderung, nicht an die Züge echter Poesie in seinen Texten und deren inneres gehaltvolles und reiches Leben knüpften seine direkten Nachfolger an, sonder» gerade die schlimmsten Mißgriffe des Meisters, die reaktionäre Rückkehr zur alleinherrschende» Monotonie des Rezitativs und der dunkle Pessi- mismus und ekstatische Symbolysmus seines, die reine Melodie apodiktisch negirenden„Kunstwerks der Zukunft�, schienen den Epigonen das sibillinische Ideal, welches vor allen de» andere» Opernwerken der Gegenwart und Vergangenheit jeden musterbildenden Werth absprach. Aus der besonderen Vorliebe des Meisters für die Mythen und Legenden einer räthselhasten Vorzeit entstanden die nachgeahmten, trocken anmaßenden Literatur- Operntexte deren parodistischer Heroenkult jeder Frische, Würde und gesunden Kraft entbehrte und eine musikalische Bearbeitung erfuhr, i» welcher die gesteigert unfruchtbaren Verirrungen des Meisters wirklich Mit- leid und Schrecken erregten. Die 70«r und 80er Jahre, in welchen in Bayreuth die kunst- historische Aufgabe Wagners gelöst und das zuvor Unmögliche und Unerwiesene Thatsache und Wahrheit geworden schien, waren in Deutschland stigmatisirt von jenem nichtigen und hoffnungslosen Opernurgermanenthum, das stets etwas ganz Neues, Wunderherr- liches gebären wollte und mit den leeren Phrasen eines vorgefaßten Systems nur die Heuchelei seines Geistes und seiner Seele dokumentirte. Mit widerwilliger Verwunderung staunten die praktisch und wahrhast Gebildete», welchen der lügnerische literar- historisch-wissenfchaftliche und patriotisch- deutschthümelnde Stand- punkt als die verächtlichste aller„Opernfrivolitäten" galt, den Pomp von Orchestrirungen an, deren inhaltliche Leere weder den Antheil der Masse erregte, noch den Anforderungen der Kenner genügie. Für die Wortführer dieser Gernegroß-Pygmäenpartei war die bis- herige Oper und deren Vergangenheit niit all' ihren prangenden. dustenden Blüthe» als langjähriger Jrrthum der Künstlerwelt abgelban, und dem absoluten Werth« früherer Schöpfungen hielten die Bannerträger blinder Wagner'scher Gefolgschaft ihr« mühsam künstlich fabrizirten Zwitterprodukte, wächserne Blumen und dustlose Treibhauspflanzen, entgegen, die nichts bildeten als eine Reihe innerlich zusammenhangloser»nd in ihren Resultaten nichtiger Ver- suche. Was ist von den Thaten jener Kleingeister, welche der Bayreuther Götzendienst bewog, die rühmliche Vergangenheit auszu- geben und sich von den sogenannten abgelebten Formen der Gegenwart abzuwenden, auf uns gekommen, welches Werk können sie nennen, das, auf der Basis und dem Systeme Wagner's aufgebaut, die Roth- wendigieit eines gewaltsamen Umsturzes beweist und als Bildungs- mittel unseres Geschmackes dient? Dem unzureichenden Talente der deutschen Tondichter einerseits und dem aus Uebersättignng entspringende» Mangel an Empfänglich- keil seitens des Publikums ist also das geringe poetische Verdienst der Nach-Wagner'schen Opernperiode zuzuschreiben. Die mit Nolh- wendigkeit hereinbrechende Reaktion fing an. das Pathos zu messen und anzuzweifeln, eine durchaus reflektive Zeit begann, die abgenützten heroische» Ideale mit klügelndem Verstände zu zerlegen, und in dieser„Halle" verloren alle nachempfundenen stilistrte» Empfindungen ihre vermeintliche Erhabenheit. Man war mit der Uebergröße mythischer Vergangenheit zu intim geworden und grüßte den Ersten, der die verzehrende Sehnsucht«ach der Brutalität tief menschlicher Leidenschaften befriedigte und der Komödie eines tragischen Urahncuthums die Sensationen der Tagestragödie entgegensetzte, mit jenem Enthusiasmus, welcher die Mode erzeugt. Dieser erste war M a s c a g n i, der Jungitaliener, der Vater des italienischen Verisnio, der aus de» uns angeborenen Leidenschaften und dem, was Max Slirner„fixe Ideen" nennt, die Kraft für seine „C uv all« ri» ru Stic ans"(„Bauernehre") zog und der Gestaltung des allgemein Menschlichen mit einer Art unberührter Naivetät, die im Innersten raffinirt war, gegenübertrat. Während die Scheinproduktion des von der Wagner'schen Kunslpersönlichkeit gänzlich abhängigen„heroischen" deutschen Kunstzeitalters immer auf Stelzen und Krücken ging und mit den überkomnienen Phrasen und nachgeahmten charakte- ristischen Zügen des Meisters nur die Langeweile eines schwer- lastenden Systems schuf, das im letzten Grunde weder erwärmte, noch erschütterte, stiegen Mascagni und seine Genossen Leoncavallo, Giordano. Puccini, Spinelli ins Leben nieder, ohne in der Auswahl der in ihm treibenden tragischen Kräfte allzu behutsam zu sein. Wer wollte flengnen, daß manches in ihren Werken abscheulich, nüchtern-gesncht, selbst poesielos ist? Aber in dem Ausschnitte des sozialen Lebens, den ficviellcichtmitzu enger Aus- schließlichkeit des Milieu wählten, interessirten fie, griffen sie tief und mächtig selbst auf jene ein, die mißbilligend darüber den Kopf schüttelten. Sie erkannten der Vergangenheit, die sich ihnen in Meyerbeer, Bizet und Verdi konzentrirt, zeilwellige Berechtigung zu und entsagten stofflich einem Helden- und Götterlhum, dessen musikalische Jndividualisirung nur einein Tondichter gelingen konnte, der schöpferisch die feinsinnigste und geschickteste Anwendung der musikalischen Ausdrucksmiltel zur Charakterisirung von Seelen- zuständen zu gebrauchen die Macht besaß. Die in ihren Opern geschilderten Leidenschaften gehören so sehr dem Kreise allgemein menschlicher Empfindung an, die handelnden, von allen philosophischen Abstraklionen freien Personen sind in ihre» Grund- zügen so einfach gezeichnet und erscheine», sobald wir sie anrufen, als musikalisch konkrete Charakterbilder in selbständiger Abgeschloffen- heit so ledendig vor uns, daß. wenn auch keines ihrer Werke in Hinsicht auf Adel der Gedanken, Ebenmäßigkeit, ja Schönheit der Formen ihren großen Vorgängern ebenbürtig ist. ihr Talent wie eine reiche Hoffnung und ersehnt« Erlösung begrüßt ward. In der Vereinigung konlrapunktischer Kunst mit einem gewiffen Zauber meto- bischer Anmulh, welche noch immer im gebenedeiten Lande des Gesanges möglich ist, im Besitze des künstlerischen Gefühls und der Fähigkeit, auf das Publikum zu wirke», es zu fesfel» und fortzureißen, mit einem Worte im Besitze der wahren Seele der Musik, fiel ihnen die Fort- entwickelung der Opcrnmusik zu und damit zugleich die Befreiung von der ideenleere» Ueberschwänglichkeit der Nach'Wagner'schen Orchester- oper. Mag auch die Mode die Antheilnahme das Publikums bis zu einem gewissen Grade bestimmt haben, so ward es doch ihnen wieder vergönnt, die unterdrückte Melodie und die Wahrheit des dramatischen Ausdrucks in eins zu verschmelze», Geist und Herz des nn- btfangenen ZubörerZ ju fessei» und zu erheben, einen unverdorbenen musilalischen Geschmack in vielen Momenten zu befriedigen, ohne unter der erdrückenden Last eines von großen Jrrthiimern nicht freien Kunstsystems die Schönheit einer vielmißbrauchten Wahrheilsforderung gänzlich zu opfern. Ihr echtes und frisches Talent fährte den Opernstil von»utzlosen systematischen Jrrgängen zu künstlerisch gesünderen und vernünftigeren Anschauungen zurück, indem es als erste unerläßliche Eigenschast für de» Opernkomponisten, mie für de» Schöpfer des kleinsten Liedes und des größten Instrumental- werkes die musikalische Erfindungsgabe verlangte. Das Neue und Verblüffende der„Lavtdlsrio. rusticana", das Znsammendrängen der Exposition, der Steigerung der treibenden Motive und der wie eine tragische Explosion wirkenden Katastrophe in einen Akt, erzeugte eine Unmasse von solchen einständigen vulkanischen Leidenschaftsausbrnchen, aus welcher hier F o r st e r' s „Rose von Pontevedra", Massenet's„Die Nawarreferin' und Hummel's„Marn" ob einigen musikalischen Werthes genannt sein mögen. Eine künstlerische Be- deutnng, welche ans eine reiche Zukunft hinweist, besitzt die ebenfalls einaktige Oper„Haschisch", Dichtung von Axel Delmar, Musik von v. C h e l i u s. Brachte die Jung- Italiener die Reaktion gegen die in ihren Auswüchsen lächerliche Heroen- und Gölterwelt stofflich ganz in die Arme des Alltagslebens, in welchem die leidenschaftliche» Affekte eines überheißen Blutes jäh in tragische Gewitter ausbrechen können, so wählten dagegen die Deutschen H u m p e r d i n k und Gold- m a r ck Stoffe, in welchen das Wunderbare und das rein Lyrische gegenüber dem streng Dramatischen vorherrscht und die Schwäche derselben durch äußerliche„opernhafte" Zu- thaten»nd eitles Notengepränge verdeckt wird.„ H ä n s e l und Grete!" und„Das Heimchen am Heerd" sind die typischen Beispiele für jene Märchen-Opernkunst- werke, die, ohne ein ganz originelles Gepräge an sich zu tragen, durch die romantische Wirkung des Ganzen, durch technisch meister- haste, zuweilen raffinirte Orchesteransarbeitung und durch den Ver« such eines reinen, keuschen, künstlerisch einheitlichen Stiles die Unempfindlichkeit eines dlafsirten Publikums, dieses ungläubigen Thomas, nicht ohne zeitweiligen Erfolg zu bekämpfen strebten. Ferne diese» mnsikalisch-malerischen Wirkungen, welchen es nicht an natürlicher Auniuih und weichem Wohlklang, wohl aber an dramatischer Energie fehlt, sieht der Oesterreicder K i e n z l in seinem „Evangeliman n". Die ergreifende Eigenlhümlichkeit seines Talentes, elementare Einfachheit großer tragischer Leidenschaften durch die enge Verbindung von Tonkunst und Dichtung wirken zu lassen, machen den Mangel an origineller,, melodischer Erfindung doppelt beklagenswertb. weil Kienzl in deren Besitz in inspirirten Momenten Gefühlen, Charakteren und Situationen den vollendetsten rhetorischen und szenischen Ausdruck zu verleihen vermocht hätte. Es steckt viel tiefe dramatische Wahrheit in seinem„Evangelimanu", wenn er auch die ideale Forderung Wagner's,„durch höchste Wahr- heil höchst charakteristische Wirkungen hervorzubringen", nicht de- friedigt. Wmn nun in den Werken der genannten deutschen Künstler ein großes Arbeitskapital ruht, und das Peinvolle moderner Genialität weit die reinen und mächtigen Wirkungen keuscher Er- findungskraft überragt, so war es den französischen Opern- k o m p o n i st e n unserer Zeit durch eine glänzende Tradition und nationale Geschmacksgewall unmöglich, weder die mnsikalische Willkür der Jung- Deutsche», noch die realistischen Grausamkeiten jung- italienischer Erport-Opern als modernes Kunftprogramm auszugeben. Wohl konnte nch ein Meister wie Rey er in seinem„Sig iird", dem französisirten deutschen Siegfried, wohl konnten sich viele kleinere Geisler der poetischen Innerlichkeit der deutschen Sagenwelt einerseits und der bei aller Uebertreibung und Ueberreizun g orchestraler Abenteuer- lichkeiten genialen Kraft Wagner's andererseits nicht entziehen. Aber wenn auch die Bizel, Delibes, Massen et, S a i» t- S a e n s n. s. w. das Gebot eindringlicher Deklamation und das Strebe» nach lebendigstem EeelenauSdrucke der Leiden- fchaften und nach einem Gesänge hochhalten, der in jedem Recitativ und jeder melodischen Phrase ivie aus der Tiefe des Herzens auf- steigen soll, so behütet sie doch die Angst vor der Zuchlrulhe der Langweile, über der Tyrannei deS allgewaltigen Orchesters die Be» friedigung deS Schönheilssinnes in Harmonie und Jnstrnnientirung nicyt zu gewähren und die Sehnsucht nach sinnlichem Wohlklang profaner Melodien und nach Eurylhmie der Anordnung zu verwunden. Hören wir Bizet's„C a r ni e n", Saint- Sasns„Samson undDelila" und Massenet's„Werth er" und„ M a n o n", Werke, welche ja nicht frei find von den reflektirten Effekten französischer Operntragik, die aber selbst in den grellsten Kontrasten aufgeregtester Stimmungen nie gänzlich tiefere seelische Gesichtspunkte und poestevolle Hingebung an das wahrhaft Schöne vermissen lassen, sehen wir diese Franzosen bei aller Freiheit von traditioneller Schablone eine edle Fon» wahren und bei aller unläugbaren schwülstigen musikalische» Stilistik den Werth der Melodie schätzen, so überkommt uns angesichts nnfcres heutigen deutschen Opernvirtuosenthums, das sich in der Vermehrung und Ueberbietung äußerlicher materieller Mittel nicht genug leisten kann, ein elegisches Entsagungsweh. Ist es nicht seil- fam charakteristisch, daß gerade ein Franzose, G o u n o d, die Meisterwerke deutscher Tonkunst nicht blos oberflächlich kennen lernte, sondern sie so gründlich studirle und mit Begeisterung in sich aufnahm, daß er das Schönste über Mozart sagen konnte, was s« als herrliche Huldigung dem großen deutschen Genius dargebracht wurde? Mozart! Mahnt uns dieser Name nicht, daß unsere modernen Instrumental- Exzesse mit ihren rein sinnlichen Erregungen die Impotenz unseres Kunstgeschmackes herbeigeführt haben, daß, indem die. Technik der mnsik- dramatischen Wahrheit zuweilen über diese hinausging und sie zum Zerrbilds, aus ursprünglicher Strenge Herbe, aus Slrammheit Dürftigkeit, ans Erhabenheit Karrikatur machte, jene köstliche Liebe zu den Menschen verlor, welche in der komischen Oper die unverwischbare Ursprünglich- keit echter Begabung zeitigt? Im langen Entwickelnngsgauge der letzten drei Jahrzehnre, wo Heroen, Virtuose» und Handlanger der Kunst Epochen kindischer Versuche, glänzender Siege und schmäh- licher Niederlagen herbeiführten, hörte mau nur einmal inniges und befreiendes Lachen, als uns das Genie des 80jährigen Verdi den „ F a l l st a f f" schenkte. Der Humor war der angeborene Adel Mozart's; er war einfach, aninurhig, unbefangen, lebensfreudig und wahr. Was weiß unser musikalisches Zeilaller davon?— Kleines Ifenillekon. ck. g. Tie„Thiirme des Schweigens", die Begräbnißstätten der Parsen, sind gewöhnlich auf den höchsten Spitzen der Berge, weitab von menschliche» Wohnungen und aus einem Material erbaut, das sie Jahrhunderte lang allen Stürme» trotzen läßt. Die Ein- richtung selbst ist großartig durchdacht. Vermittelst einiger Stufen gelangt man auf die etwa 100 Mtr. im Umkreis messende Plattform, die mit großen zcmentirtcn Steinplatten gepflastert ist und 3 Reihen offener Fächer enthält. Zwischen den einzelnen Reihen befinden sich Gänge für die Leichcnträger. In die äußerste Reihe legt man die Männer, in die zweite die Frauen und in die dritte die Kinderleichen. In der Mitte des Thurmes befindet sich eine tiefe an 50 Meter im Umkreis haltende Grube, die zur Aufnahme der trockenen Gebeine dient und durchweg zementirt ist. Sobald nämlich die auf der Platt- form liegenden nackten Leiche» von de» Geiern und anderen Raubvögeln ihres gesammten Fleisches entkleidet sind, was innerhalb weniger Stunden geschieht, werden die von der Tropenfonne fast gleichzeitig ausgetrockneten Knochen i» die Grnbe geworfen. Dank dieser Einrichtungen wird jeder Ver- wesnngsgeruch, besser noch jede Verwesung überhaupt, verhindert. Von der Knocheugrube führen vier Abzugskanäle in je eine Cisterne, deren Boden mit einer hohen Sandschicht bedeckt ist. Bevor das ans der Grube abfließende Regenwasser i» dieselbe dringt. muß es noch einen aus Sandstein»nd Holzkohlen kunstvoll gebauten Filter passiren. 3000 Jahre schon begraben die Parsen ihre Tobten ans diese Art, und noch nie hat ein Thurm des Schweigens irgend welche Krankheiten, oder auch nur üble» Gerüche um sich verbreitet. Uebrigens sind auch die Leichengebräuche der Parsen in sanitärer Vezichnug von außerordentlicher Vorsicht. Nie wird dort ein Todter aus Betten oder sonstige Zeugstücke gelegt. Sobald er vollendet, bettet man ihn auf die vorher gründlich gewaschenen Steinfliesen eines Zimmers, in dem während der Anwesenheit der Leiche stets ein Feuer ans Sandelholz und Weihranch brennt. Die Leichenträger sind am ganzen Körper verhüllt, auch die Hände tragen Be- dcckungen. Die Leichenbahre ist aus Eisen, da das poröse Holz leicht Krank- heilen anziehen könnte. Hausgeräthe, Möbel, überhaupt alles, was mir einem Tobten in Berührung komnit, wird vernichtet, weil Krankheitskeinie daran haften könnte». Wird die Leiche zum Thurm des Schweigens überführt, was ganz kurze Zeil nach dem Tode geschiebt. so folgen nur die wenigsten Ver- wandten. Zwei Leichenträger allein bringen sie aus die Platt- form und entkleiden sie dort, wobei sie sich aber metallener Haken bedienen. De» Tobten mit den Händen zu berühren, ist verboten. Die Gewänder, die er bei der Uebcrsührung getragen, werden durch Schwefelsäure vernichtet. Wer am Leichenbegängniß theilgenommen, muß«in Bad nehmen, ehe er wieder an sein Tage- werk geht. Ebenso wird an der Stelle, wo der Todte im Hanse gelegen, drei Tage lang ei» Feuer unterhalten. Zehn Tage im Winter und dreißig Tage im Sommer darf keiner diese Stelle be- treten, auch muß in ihrer Nähe während derselben Zeit stets eine Lampe brennen. Nach Ablauf der Frist wird das Zimmer noch einmal gründlich gereinigt.— — Natürlich echt! Der„Voss. Ztg." wird aus Paris ge- schriebe»: Den Händlern entgeht nichts. Vor einigen Jahren hatte ein Pariser Händler mit alten Kunstsachen in seinem Laden die Haut der Schlange ausgehäugt, die Eva verführt hatte. Adam hatte diese nachher erschlagen. Die Haut vererbte sich unter seinen Nachkommen in Asien, wie es eine Menge Zeug- nisse bestätigten, die der Händler vorlegte. Jetzt hat ein Haarkräusler im Badeort Bourboule in seinein Schaufenster eine» häßlichen Knittel ausgestellt, mit der Beischrift:„Stock aus eckrem Oliven- bolz, aus Jerusalem, der P o n t i» s P i l a t u s gehört hat im Jahre 27 unserer Zeitrechnung. Preis 7000 Fr." Da fehlen blos noch der Regenschirm des Herodes und die Brille des Hohepriesters Kaiphas.— Theater. — Ernst v. Wolzogen's neueste dramatische Arbeit „ ll n j a m w e w e", Komödie in 4 Akten, wird in nächster Zeit am Lessing-Thcater zur Aufführung gelangen.— — Neue freie Volksbühne. Die Theatervorstellungen dieses Vereins iverden in der nächsten Saison im Thalia« Theater. Dresvenerstr. 72 73, stallfinden. Am 12. September wird„Hand und Herz", Tranerspiel i» 4 Akten von Ludwig A n z e n g r u b e r gegebe».— Kurz vor Beginn der Vorstellung werden künftighin neue Mitglieder nicht mehr aufgenommen x die Polizei will es so.— Musik. — Heinrich Z o e l l n e r' s Oper„Das hölzerne Schwert" ist vom Opernhause zur Aufführung angenommen. — Berühmte Komponisten— aber keine„Geldmacher Wie die im Archiv des Wiener Landgerichts ans- bewahrten Hinterlassenschasts- Akten besagen, bestand der Nachlast Franz Schubert'S aus drei Gebröcken, drei Fracks, zehn Beinkleider», neun Westen(Gesammtwerth 37 Gulden), einem Hut, zwei Paar Stiefel», fünf Paar Schuhen(Gesammtwerlh zivei Gulden), vier Hemden, nenn Hals- und Schnupftüchern. 13 Paar Strümpfen, einem Bettlaken, fünf Bettbezüge»(Gesammt- werth acht Gulden), einer Matratze, einem Kopfpolster, einer wollenen Decke(Gesammtwerth sechs Gulden) und einigen alte» Musikstücken, die mit zehn Galden bewerlhet sind. Die ganze Hinterlassenfchast hatte also einen Werth von 63 Gulden— 100,80 M. I Als Mozart starb, wurden in seinem Besitz an baarem Gelde 60 Gulden vorgefunden. Der sonstige Nachlaß, die kleine Musikalien» bibliothek mit eingerechnet, halte einen Taxiverth von noch nicht ganz 400 Gttlde». Den größten„Reichlhum" hinterließ der große B e e t h o v e n, nämlich 10 232 Gulden. Hiervon gingen indessen ab für Krankheits- und Beerdigungskosten, sowie gerichtliche Ge- bühren 1219 Gulden, sodaß der Neltonachlaß 9013 Gulden betrug.— Medizinisches. — Ueber die B e h a n d l l, n g des Buckel? nach Calot be- richtet Prof. Adolf Lorenz in der„D. med. Wochenschr.": Von Hippokrates bis heute hat der Buckel(Gibbus) die Sorgfalt und den Scharfsinn derAerzte in Athen» gehalten. Gegen diesen Gegner führte man einen tausendjährigen zaghasten Krieg, im ganzen»nit wenig wechselnden Mitteln. Korrektur durch Extension(Dehnung), Gegenextension, auch vereint mit Druck gegen die Spitze des Buckels und Festlegung der gewonnenen Verbesserung durch irgend welche mechanischen Mittel bilden den Grundgedanken jeder bisherigen Behandlung. Calot, ein junger französischer Arzt, arbeitel zwar»nit denselben Mitteln, aber die Art und Weise der Anivenduua ist kühn und neu lind hat mächtiges Aufsehen erregt. Berck für Mer, der Wohnort Calot's, ist zum Wallfahrtsziel der Buckligen geworden. Calot»vagt nämlich, die Wirbelsäule, die als unantastbar galt, forcirt zu brechen und die Scheu vor einer etwaigen Verletzung des Rückenmarks zu überivinden. Die bisherige» praktischen Er. fahrungen haben gezeigt, daß die Gefahren, denen das Rückeninart bei so gewaltsamem Verfahren ausgesetzt ist, bisher jedenfalls iveit überschätzt wurden. Calot behauptet, daß feine Methode viel früher als alle anderen zmn Erlöschen des Krankheitsherdes führe, den» es genügen nunmehr in der Regel 8—10 Monat« zur Heilung, während bisher im günstigsten Falle 2— S Jahr« hierzu nothwendig »varen. Indessen»varnt Professor Lorenz vor übertriebenen Hoff- nungen, iveil durch ärztliches Hinzuthun nur erreicht»verde», kann, daß der Buckel nicht größer wird, als er unbedingt werden»nnß, und auch unter der bisherigen Behandlung ein großer Theil der Patienten einen ganz bescheidenen, oft nur kropfsörmige» Buckel davonträgt. Ferner aber darf man nicht vergessen, daß die 11»- gestalt des Buckels i» der Knochentuberkulose der Wirbelsäule ihren Ursprung hat, und daß die kleinste vorhandene Knickung auf einen schon bestehenden Substanzverlust iin Wirbelkörper zurückzu- führen ist.— Aus dem Thierlcbe». — Nur ein H u n d. Folgende Episode von dein Eisenbahn- Unglück bei Freilassing berichten die„Münch. N. N.": Während der Bergung der Verunglückten stand ein großer brauner Hund heulend und winselnd bei einem Personenivage», unter»velchem, von Holztrümnier» bedeckt, ein junger Mann am Bode» lag. Der Hund scharrte an den Latten,»velche seinen Herrn gefangen hielte». Sein Kopf blutete, und seine Pfoten»varen von den scharfen Holzsplittern aufgerissen. Die Holzstücke waren aber so fest in den Erdboden ein» gerammt, daß sie der Hund trotz äußerster Anstrengung nicht heraus- reiße»» konnte. Mehrere Passagiere eilten herhei, ni» Hilfe zu leisten. Der junge Manu rief ihnen zu, daß er u», verletzt sei. Man machte sich dennoch sofort daran, ihi» aus seiner Lag« zu besreien. Rührend war der Anblick,»vie der Hund vor Freude an de» Männern, die seinen Herr» befreiten, emporsprang. Sobald die Trümmer theiliveise»veggeräumt»varen, schlüpfte der Hnnd zivischen ihnen hindurch, ohne darauf zu achten, daß die Holzsplitter tief in sein Fell einschnitteil. Freudig bellend lag er nuii da bei seinem Herrn und»vartete, bis dieser uuter dem Waggon hervorkriechen konnte. Die Freude des treuen Hundes i» den» Momente, als sein Herr ganz befreit war, läßt sich nicht schildern.— Technisches. — Verminderung der Stoßkraft im Eisenbahn- betriebe. Alls der internationale» Ausstellung in Brüssel ist ei» Apparat ausgestellt, durch den die Stoßkraft im Eisenbahnbetriebe erheblich vermindert werden soll. Ueber die Konstruktion liegt folgende Beschreibung vor: Der neue Stohapparat, der sich leicht an der Stoßfläche eines jeden Puffers anbringen läßt, besteht aus einen» handtellergroßen Gehäuse aus Schmiedeeisen, Gußeisen oder Stahl, in»velches vier Kugeln aus demselben Material derart ein- gelassen sind, daß sie aus den für sie bestimmten Aussparungen nicht austreten können; eine größere Kugel, welche einerseits aus dein Gehäuse theiliveise zu tage tritt, liegt mit der entgegengesetzten Seite lose zivischen den vier kleineren Kugeln. Wird nun ein Stoß auf die große Kugel ausgeübt, so sucht diese die kleinen Kugeln nach außen zu drängen, und da sie nicht oder nur wenig ausweichen können, nimmt die Wand des Gehäuses den Stoß auf. Dadurch»vird die ausgeübte Stoßkraft für die Längenrichtung des Zuges bis zu zivei Dritteln unwirksan» gemacht.— Humoristisches. — In der Genfer Zeitschrift„La Semaine litlsraire" findet sich über den kürzlich verstorbenen Baseler Gelehrten Jakob Burck- Hardt folgende Anekdote: Der berühmte Professor war nie zu be- wegen, sich p h o t o g r a p h i r e n zu lassen; er haßte es überhaupt, sich irgendwie in de» Vordergrund zu drängen und»vollle, im Gegensatz zu seinen Kollegen, nicht i» de» Ladenfenstern der Buch- Handlungen prangen. Es giebl daher von ihm nur ein Bleistift- porträt ans seiner Jugendzeit. I» den letzten Jahren seines Lebens gelang es jedoch den Bitten seiner Verwandten, ihn» das Ver» sprechen zu enlreißen, daß er zu einem Photographen gehen»volle. Die Verivandten hatte» alle Vorkehrungen getroffen, ihm seinei» Entschluß möglickist zu erleichtern; man war überei» gekommen, sich bei dem ersten Photographen Basels zu treffen. Der alte Gelehrte stellte sich zur verabredete» Stunde pünktlich ein. Seine bescheidene Erscheinung, seine einfache, etivas vernachlässigte Kleidung konnte natürlich den Gehilfen des Photographen nicht iinpouiren und man ließ ihn garnichl eintreten.„Es ist unmöglich, Sie jetzt zu cmpfauge»", sagte uian ihm,„Herr T. erivartet den berühmten Professor Bnrckhardt".„Sehr>vohl", antivortete dieser,„ich»vürde mir ein Geivissen daraus machen, meiner Wenigkeit wegen Herrn T. zu belästigen!" Mit diesen Worten entfernte er sich und>»'ar dann auch nie»nehr zu beivegen, sich pholographire» zu lasse».— Acrmischtes vom Tage. — An eine»», Insektenstich gestorben ist in der Nähe von P i l l k a l l e»(Ostpreußen) ei» zwölfjähriges Mädchen. Zivei ihrer Geschwister sind, da alsbald ärztliche Hilfe geholt wurde, gc- rettet»vorbei». In der Gegend verendet sehr häufig Vieh»ach dem Stiche von Insekte».— — Ein sehr naives Ansinnen stellte neulich eine Frait an den Standesbeaniten in Strasburg(Westpreuße»), indem sie ansragte, ob das Slandesamt nicht einen neuen Manu für sie habe, da ihr Ehegatte sie schon«ach kurzer Zeit»vieder ver- lassen habe.— — Im ForstrevierPetersdorf bei Primkenau(Schlesien) befindet sich eine Eiche, deren Umfang 3 Meter mißt. Ihr Alter »vird von Forstkundigen auf iniiidesteus>000 Jahre geschätzt.— — In Barmen wird gegeuivärtig die Thurnibahn von der Treptower Ausstellung»vieder errichtet. Von ihr stürzte an. Sonn- abend der Monteur Windiniiller ans Berlin aus einer Höhe von 45 Meter ab und kam als»»förmige Masse ailf der Erde an.— — I» der kleine» Stadt Jesberg bei Kassel sind 16 Häuser niedergebraiiut.— — In Mainz hat sich eine neue religiöse Sekte ge- bildet, die sich„apostolische Gemeinde" nennt. Sie zählt 50 bis 60 Mitglieder, ihre„Apostel" sind ein Apotheker, ei» Metzger- ineister, ein Schuhmachermeister und ein Bäckergeselle.— — In W a l t e r s h a u s e» bei Könighofe» i. Grabfeld»ahm ein Gutsbesitzer eine G e r st e n ä h r e in de» Mund. Ein Korn mit einer Granne gerieth in den Kehlkopf, der Mann»uußle ersticken.— — In F r e S n e s bei Paris hielt eine Frau, um in ihren Beziehungen zu ihrem Geliebte» nicht gestört zu»verde», ihre»» Eh ein an»i»nouatelang in einem Zimmer eingesperrt. Der Polizei-Kommissar, dem die Nachbarn davon Anzeige»»achte», fand den unglücklichen Ehemann in einem so verwahrlosten Zustande vor, daß er seine sofortige Unterbringung in eine Heilanstalt ver- ordnete.— — Der bekannte italienische Schriftsteller Gabriele d' A n n u n z i o ist für eine» in den Abruzzen gelegenen Wahlkreis in die K a in n» e r gewühlt worden. In seiner Wahlrede meinte er, Italien könne sich aus der jetzigen politischen Ver- sumpfung nur erheben, indem es zur Pflege des Schönen, dem es seine frühere Größe verdankt, zurückkehre.— Wird das Politisire» ebensobald satt bekommen,»vie der Georg Michel Conrad aus Gnod- stadl in Franken.— — Gestrandet und verbrannt ist der mit Petroleum von Philadelphia nach Aarhus bestimmte englische T a»> k d a»» p s e r „Attila" bei Nordre- Nöniier. Bei dem Grundstoß»vurde der Petroleumbehälter gesprengt und der Inhalt floß aus. Da zu be- fürchten»var, daß das Petroleum sich an den Maschiuenfeuern eut- zünden»vürde, verließ die aus 24 Mann bestehende Besatzung in den Booten das Schiff. 15 Minute» später brannte der ganze Dampfer.— Berantivortlicher Redakteur: August Jacobry in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing i» Berlin.