Hlnterhaltungsblatt des vorwärts 3Ir. 173. Freitag, den 3. September. 1897. tNachSruil verboten.) 8] Der Naurrnführer. Roman von Franz Kahler. Dem regnerischen Tage war rasch die Dämmerung gefolgt. Ein dunkler Schatten färbte das einförmige Grau der Land- schaft noch ausdrucksloser. Zwei finsteren, hohen Mauern gleich standen die kahlen Pappelbäume zu beiden Seiten der Chaussee und liefen gerade da zusammen, wo die schwachen Umrisse des Torfes Senten durch den Nebel bemerk- bar wurden. Als Teßmer Senten erreichte, begann es schon stark zu dunkeln, während ein feiner Regen herniederriesolte. Kein Mensch begegnete ihm auf der Dorfstraße; nur das taktmäßige Klappern der Dreschflegel, das bald lauter, bald leiser durch den Abend schallte, mahnte an ihre Nähe. Das große Gehöft seines Bruders Waldemar lag mitten im Dorfe, gegenüber der alten Kirche mit dem abgestumpften Thurm. Langgestreckte, nur zum kleinen Theil massiv gebaute Ställe und Scheunen umschlossen den weilen Hof, an dessen der Kirche zugekehrten Seite das alte Wohnhaus lag. Dahinter dehnte sich ein stattlicher Obstgarten. Hohe Mauern, welche zwischen den Wirthschaftsgebäuden und rings um den Garten gezogen waren, versperrten jeden Ausblick und gaben dem Bauernhofe ein vornehmes, abgeschlossenes Gepräge. In der Hausflur stieß Teßmer auf das erste lebende Wesen, eine junge Magd, die ihm auf seine Fragen erzählte, daß der„gnädige Herr� in der Fabrik und die„gnädige Frau* verreist sei. Da der Ankömmling nach diesem Bescheide keine Miene machte, unizukehren, sondern nach der Küche zuschritt, rief sie rasch:„Muhme! S'is einer da!* Die Gerufene, eine ältere, wohlbeleibte und bäuerlich ge- kleidete Person, erschien auf der Küchenschwelle. Bei dem vollen Licht, das durch die Küchenthür auf Teßmer fiel, er- kannte sie den Ankömmling sofort. „Herrsch! Der Herr Alexander! Schön' guten Abend! Der gnädige Herr sein aber aus der Fabrik und die gnädige Frau...* „Ich weiß das bereits," unterbrach sie Teßmer,„eben- falls einen schönen guten Abend, und dann, liebe Muhme, bringen Sie mich einstweilen nach der Stube; ich werde dort warten." „Wollen der Herr Alexander nicht vielleicht nach der Fabrik gehen? Der gnädige Herr kommt doch gewiß nicht so bald zurück." Teßmer errieth an dem unschlüssigen Benehmen der Alten deren Gedankengang. Die alte Muhme war sich offenbar nicht ganz klar darüber, ob sie ihn nach der neuerdings er- folgten Aussöhnung mit seinem Bruder als wieder ganz zur Familie gehörig behandeln durfte. „Ich bleibe hier!*, erklärte Teßmer kurz.„Und nun bringen Sie Licht, ein paar Pantoffeln und etwas zu essen!" Dabei machte er Miene, nach dem gegenüberliegenden Wohn- Zimmer zu gehen. Die Alte stand rathloS da. Das bestimmte Auftreten Teßmer's blieb zwar nicht ohne Eindruck auf sie, aber die bange Frage, was wohl„der gnädige Herr" dazu sagen könne, lähmte noch immer ihre Entschließungen. „Vielleicht nehmen der Herr Alexander ein bissel in der Küche Platz? Es ist hübsch warm d'rin und Sie werden bei dem Welter draußen..." „Lassen Sie Ihre Redensarten." fiel ihr Teßmer ins Wort.„Thun Sie, ivas ich Ihnen geheißen habe, oder ich rufe mir jemand anderen." Dieser entschiedenen Sprechweise gegenüber hielt es die Alte doch für gerathener, die Sache nicht auf die Spitze zu treiben. „Wie Sie befehlen, Herr Alexander!" stotterte sie, huschte rasch in die Küche, aus der sie gleich darauf mit einer brennen- den Lampe zurückkam. Zehn Dünuten später und nach einem zähen, versteckten Kampfe mit der störrischen Alten saß Teßmer behaglich in der Sophaecke, während jene den Tisch deckte und das Abendbrot austrug. Teßmer musterte das Zimmer, das ihm von seinem letzten Besuche, der allerdings Jahre zurücklag, noch be» kannt war. Es war die alte, bürgerliche Ein- richtung von damals, kein Stück mehr und kein Stück weniger; keine Spur von Luxus, aber auch keine von der Einfachheit eines bloßen Bauernhauses. Sein Bruder, Waldemar Teßmer, war auch kein Bauer. Er war nicht einmal von Hause aus Landwirth, sondern hatte als Direktor der Zuckerfabrik Senten den großen Bauernhof gekauft und überließ die Ackerwirthschaft in der Hauptsache seinen Beamten. Er war stark verschuldet, hielt sich aber, da er seinen Einfluß sehr zu seinem Vortheile zu benutzen verstand, ganz leidlich über Wasser, lebte gut und hatte in seiner Frau, mit der er in kinderloser Ehe lebte, eine vortreffliche Stütze. Sie hielt auf strenge Zucht und Ordnung in der Wirthschaft. Ihre durch- aus praktische Lebensauffassung war für das Ganze von um so größerem Werth, als ihr Mann mit einem Fuße immer im Reiche der Projekte stand. Nachdem jedoch Teßmer's vielfache Versuche, seine eigene Wirthschaft als Objekt für überspannte Neuerungen zn benutzen, stets gründlich fehl geschlagen waren, halten sich die beiden Gatten schließlich dahin geeinigt, daß er die Fabrik und sie die Wirthschaft zum Felde ihrer Thätigkeit wähle. In der Fabrik hatte Waldemar Teßmer keinen schweren Stand. Das Etablissement war nur ein kleines und zum größten Theil Eigenlhum der von Mohler'schen Erben, deren Bevollmächtigter der Direktor selbst war. Einige Großbauern aus Senten und den umliegenden Dörfern nannten den Rest der Fabrikantheile ihr Eigen. Das Unternehmen prosperirte trotz Teßmer's ewigen, unrationellen Verbcsserungsversuchen ganz leidlich, ohne indessen einen sonderlichen Aufschwung nehmen zu können. Alexander Teßmer hatte inzwischen sein Mahl beendet. Ter volle Magen stimmte ihn nach der langen Fastenzeit äußerst zuversichtlich und behaglich. Als die Alte hereinkam, den Tisch abzuräumen, war er in der besten Laune. Nachdem er sie durch ein Kreuzfeuer liebenswürdiger Anreden und Komplimente aus ihrer Zurückhaltung gerissen, „meine liebe Frau Steiner" sogar dazu bewogen hatte, ihm die Zigarrenkiste seines Bruders zu präsenliren, war das Eis gebrochen, und der Redestrom der Ver- söhnten kannte keine Grenzen. Teßmer war nach Verlaus einer Stunde, während er gemüthlich auf dem Sopha aus- gestreckt mit vollem Behagen seine Zigarre rauchte, bereits sehr genau über die Verhältnisse seines Bruders unterrichtet. Die wirthschaftlichen Schwierigkeiten des Gutes waren im Zunehmen; seines Bruders Stellung als un- umschränkter Herrscher in der Fabrik nach mehreren schweren Mißerfolgen in der letzten Zeit stark erschüttert; er selbst vom Rheumatismus sehr geplagt, und seine Schwägerin so habgierig und herrschsüchtig ivie früher. Er erfuhr, daß sein lieber Bruder„großes" mit ihm vor- hatte. Er brauchte e»ne Stütze, was nach Alexander Teßmer's Ansicht so viel hieß, wie einen Menschen, der Pech gehabt hatte und den man in seiner gedrückten Lage bequem aus- beuten konnte. Der alte Haß gegen seinen Bruder, den herrschsüchtigen, rücksichtslosen Gewaltmenschen erwachte so- fort wieder in ihm, nicht aus Motiven einer lauteren Sinnesart, sondern aus der Charaktergleichheit beider, die ihn instinktiv fühlen ließ, daß für beide nicht Platz nebeneinander sei. Teßmer's Plan war daher schnell gesaßt. Dem Bruder gegenüber wollte er einstweilen die Hand in der Tasche ballen, der Schwägerin möglichst auS dem Wege gehen. Wagengeraffel unterbrach plötzlich den Wortschwall der Alten. „Der gnädige Herr!" war alles, was sie, vom Stuhl auf- springend, noch sagen konnte. Teßmer erhob sich langsam aus leiner liegenden Stellung. „Bringen Sie die Zigarrenkiste wieder au Ort und Stelle und werfen Sie die Reste und die Asche in's Küchcnseuer!" herrschte er die noch immer verblüfft Dastehende an. Die Alte gehorchte und schlüpfte hinaus. Eine Minute später trat Waldemar Teßmer in's Zimmer. Die Anwesenheil seines Bruders, der ihn kurz begrüßte, setzte ihn wenig in Erstaiinen. „Also bist Du doch gekommen? Das Wasser steht Dir wohl am Halse?— Auch scheinst Du Dich ja schon recht heimisch zu fühlen!" setzte Waldemar nach einer Pause hinzu..Pantoffeln—, eine Zigarre—, hoffentlich auch meinen Wein probirt? Haha, das sieht Dir ähnlich. Junge!" Der„Junge" ließ indessen diese Rede ruhig über sich er- gehen, hatte sich gemächlich wieder auf das Sopha gesetzt und betrachtete einige Sekunden die große, wohlbeleibte Gestalt seines Bruders, dem Frau Steiner den Mantel abnahm. „Er sieht recht gealtert aus", dachte er, einen flüchtigen Blick auf das saltige Gesicht seines Bruders werfend, das ein starker Vollbart umrahmte, während auf dem kahlen Schädel nur noch einige dünne Haarbüschel zu sehen waren. „Ich hatte, offen gestanden, wenig Lust, draußen vor der Hofthür aus Dich zu warten. Uebrigens scheinst Dn übler Laune zu sein." „Uebler Laune? Unsinn!— Und doch. Du hast recht. Man hat seinen Kops voll und es ist gut, daß Du hier bist. Die Arbeit erdrückt' mich fast und dazu diese höllischen Schmerzen in den Knochen. Wahrhaftig, man könnte übler Laune werden!" Während Waldemar seinen Thee schlürfte, erfuhr er alles Nähere über Alexander's Schicksale in den letzten Jahren. Wie sein Bruder hatte Alexander seinen Weg in der Znckerindustrie zu niachen versucht. Als erfahrener Praktiker hatte er sich bis zur rechten Hand des Direktors auf- geschwungen. Sein Glück wäre vielleicht gemacht gewesen, wenn nicht plötzlich ein Windstoß das schöne Kartenhaus um- geblasen hätte. Durch unsinnige Spekulationen des Direktors war das Unternehmen verkracht, Alexander auf dem Straßen- Pflaster und nun ein Bittender in seines Bruders Hause. „Brauchen kann ich Dich sehr gut. Aber eins sage ich Dir: keine Illusionen! Ich habe nur eine Schreiberstelle für Dich mit ILO Thaler Gehalt, freier Wohnung und Heizung. Mehr geben die Aktionäre nicht; auch das habe ich nur mit Mühe erlangt. Also, wenn Du willst, dann schlage ein!" Alexander schlug zu, ohne viel Worte zu machen. Eine Stunde blieben die Brüder noch beisammen, meist über ge- schäftliche Dinge sprechend, dann brach Alexander auf. (Fortsetzung folgt.) «Nachdruck verboten.) MHe rntpkrhk kechnifch eine gvoHe, mit Votnttonsmnpitzinen gedruckte Beilung? Neun Zehntel des Volkes schöpfen heute ihre gesammte geistige Nahrung aus den Zeitungen, die— sosern es große Unternehninngen find— alle Wissensgebiete berücksichtigen. Es verlohnt wohl der Mühe, sich einmal darüber zu unterrichten, wie es unsere heutigen großen Zeitungen fertig bringen, den Bericht über ei» Ereigniß von gestern Abend, das in fernen Ländern, vielleicht jenseits des Ozeans, sich zutrug, uns am andern Morgen fein säuberlich ans den Tisch zu legen. In erster Linie ist es der elektrische Telegraph, in zweiter Linie die eminent vorgeschrittene Drucklechnik, welche solche Wunder zu vollbringen in» stände sind. Ein Heer von Berichterstattern in allen Ländern der Welt ist der Redaktion verpflichtet, ihr alle Neuigkeiten zuzutragen, das besonders Wichtige zu telegraphiren. Die großen internationalen Depeschenbnreaus liefern außerdem für eine Pauschal- summe»in Abonnement de» Zeitungen ihre Depeschen dl»rch Expreßboten Tag und Nacht ins Haus. Ständige und gelegentliche Mitarbeiter senden Beiträge aus allen Wissensgebiete». Berichterstatter für die Börse, Sandel, Industrie, Technik, für Musik. Theater, bildende Künste, port, die Deutsche Seewarte über Wilterungsaussichten ic., sie alle melden täglich oder in größeren Zeitabschnitten das ihnen für die Zeitung interessant erscheinende. Novellisten, Romanschriftsteller Senden Beiträge für das Feuilleton ei». Diese ganze Fluth von Zeiträgen und Nachrichten»nündet aus dem Schreibtisch des Chef- Redakteurs, dem Spezial-Redakleure für Politik, Börse und Feuilleton zur Seite stehen. Zahllose in- und ausländische Zeitungen»verden auf der Re- daktion und von besonderen Lesern durchgesehen und theiliveise be- nutzt. Die geschriebenen und gedruckten Manuskripte aber wandern sämnitlich mit entsprechenden Randbemerkungen für Schriftgallung und Placirnng in die Setzersäle. Fünfzig und mehr Setzer empfangen meist in kleinen Abschnitten das Manuskript. In den großen Setzerfälen stehen die Setzer an pultartigen Setzregalen, ivelche in Fächern die Lettern enthalten. Buchstabe um Buchstabe ivird im sogenannten Winkelhaken, kleinen eisernen Kästchen ohne Vorderrand und Deckel, auf Zeilenbreite au- »inander gereiht. Einige Zeilen fülle» ihn, sie»verden dann ins ßetzschiff gestellt und der Winkelhaken wird immer»vieder von neuem vollgesetzt. Das Setzschiff hat meist Spaltenbreite und ist tabletartig gestaltet mit drei niedrigen, senkrecht aufsteigenden Rändern, während die vierte Seite ohne Bord ist, damit man den Satz, nachdem er mit einer Schnur zusammengebunden wurde, herausschieben kann. Bon allen Sätzen werden soiort Handabdrücke hergestellt, diese und das Manuskript ivandern in die Hände des Korrektors,»velcher die Satzfehler an» Rande der Abdrücke anmerkt, damit der Setzer sie ver- bessert. Das Forniiren der Kolumnen besorgt der„Metteur". Er stellt die einzelnen Schriftsätze zusammen, bringt sie ins richtige Format und liefert an Korrektore» und Redakteure neue Korrektnrabzüge. In manchen Druckereien ivird neuerdings der Satz theiliveise in Setzmaschinen verschiedener Systeme und durch die Zeilengießinafchine hergestellt. Die erstere»»verde» ähnlich»vie eine Schreibmaschine bedient, durch den Druck der mit den betreffenden Buchstabe» be- zeichneten Tasten iverden die entspreche>»den Typen gelöst, die dann durch Kanäle gleiten und ihren Platz i» der Zeile einnehmen. Die Maschinen arbeiten bedeutend schneller als ein Setzer im stände ist, sind jedoch wegen ihrer Komplizirtheit nicht zu allgenieinerer Ein- führung gelangt. Bessere Aussichten hat die Mergenthaler'sche Zeilengießmaschine, welche in Anierika bereits großeVerbreitu»g erlangt hat. Bei dieser beivirkt der Druck auf eine Taste den Eindruck eines Stempels in eine Matrize; diese»vird in der Maschine zeilen- »veise ausgegossen und liefert so gegossene Zeilen. Einfacher in der Konstruktion ist die von Rogers und Bright erfundene Gieß-»nid Setzmaschine,„Typograph" genannt. Diese arbeitel etwa'fünfmal so fchuell»vie ein Setzer und bietet gleich der Mergenthaler'sche» den Vortheil, daß Letternmaterial gespart wird und stets von scharfen Stereotypen gedruckt»verden kann. Früher druckte man auch die großen Zeitungen vom flach auf den, Fu»dau,ent der Maschine ruhenden, Schriftsätze. Die„Schnell- presse" lieserte in der Stunde einige tausend Exemplare. Das ge- »ügte und genügt auch heute noch für Nein» Zeitungen. Der Weit- eiser unter den großen Zeitungen und die Ungeduld des Publikums verlangten aber gebieterisch größere Leistungen, und so erfand man die Rotationsmaschine, ivelche den Satz stereolypirt in Walzensorm ent- hält und ans endloses Papier in derselben Zeit das Zehnfache druckt. Da aber eine einzige Rolationsinaschine in einer Stunde eine Riesen- aufläge druckt, so kann die Redaktion bis spät in die Nacht noch Neues in die Morgenausgabe aufnehmen. Uu» von dem Schriftsätze halbrunde Platten zn gewinne», wird von ersterem eine Matrize abgenommen, inden» man weiches Papier aus die Satzform legt, darüber eine Schicht Kleister streicht, und darauf»vieder ein Blatt Fließpapier breitet. Mit Bürsten wird dann darauf geklopft, damit sich die Masse an die Typen anschmiegt, daS Typenbild sich klar abdruckt, die Bunzen(Vertiefungen neben dem Letternbilde) tief zu liegen kommen, während das Bild hervor- ragt. Die Prozedur»vird nach österen» Hinzufügen»euer Bogen Papier und Kleister mehrmals wiederholt. Die Matrize wird dann in einen Rahmen gespannt und in einem besonders dazu konstruirten Ose» einem hohen Hitzegrade ausgesetzt, welcher bewirkt, daß sie trocknet »nid fest»vie Karton erscheint, aus dem man die vertieften Buchstaben sehr deutlich lesen kann. Gebogen und i» eine haldrunde Gußform ge- legt, dient sie dieser als Basis beim Ausgießen mit Stereoiypinetall. Zwei Stereotypen zusammen ergeben einen vollständigen Ring, acht Stereotypen bedecken die Länge des Plattenzylinders, auf den sie solid ausgeschraubt iverden. Mitternacht ist bereits herangenaht und eben werden die letzten Platten in die Maschine gebracht, da telephonirt der Chefredakteur: „Halt, es komme» noch Depeschen." Z»vei Minuten später»vird dem Setzerfaktor ein kleines Manu- skript gebracht, das dieser in einige Theile zerschneidet und an ebenso viele Setzer vertheilt. Der Satz ist in einigen Minuten gesetzt, zusammengestellt, wird eilends abgezogen und korrigirt. Dann»vird er in die Satzseite eingefügt und eine neue Matrize und eine neue Gußforn» hergestellt. Fünszehn bis zwanzig Minuten nach Eintreffen der erivähnten letzte» Depeschen legt die Maschine die ersten Abdrücke in unsere Hände. Während der Bürger in feinem Bette sich erquickenden» Schlummer hingeben darf, sind hier zahlreiche Hände noch stundenlang emsig thätig. Der Vorgang beim Druck ist im wesentlichen folgender: Man denke sich mehrere Gruppen von Walzen»md Zylindern horizontal, theils neben-, theils übereinander gelagert, sämmtlich in rotirender Bewegung. Das„endlose" Rollenpapier»vird von einer Welle zur anderen gezogen und empfängt nacheinander Feuchtung, Druck, Widerdruck, wird zerschititlen und gesalzt. An dem einen Ende der Rotationsmaschine dreht sich eine Rolle Papier von etwa einem Meter Durchmesser, wie sie die Leser geiviß schon oft auf den Rollwagen der Spediteure durch die Straßen großer Städte haben fahre» sehen. Das Papier wickelt sich selbst- thätig ab und wird zunächst zivischen mehreren niit Filz bekleideten Walzenpaaren hindurchgeführt. Diese Walzen haben hohle eiserne Spindeln als Kern,»velche durchlöchert sind, um de» hineingelciteten Dampf durchzulassen und so den Filzbezug anzufeuchten. Von diesen Walzen empfängt das Papier von oben und unten die Feuchtigkeit, »vodurch es geschmeidiger wird, zugleich zur Aufnahme des Druckes empfänglicher. Während das Papier gefeuchtet»vird, bereitet sich die Farbe ebenfalls vor, ihre Mission zu erfüllen. Dilrch ein Pumpiverk wird die Druckerschwärze in lrogartige Behälter von der Länge der Walzen gehoben. Von diesem Borrath leckt die erste Farbwalze, sich drehend, fortgesetzt Farbe ab. überträgt sie ans eine sich ebenfalls drehende zweite, diese auf eine dritte und vierte und so weiter, bis die Farbe fein und gleichmäßig verrieben den rotirende» Plattenzylinder erreicht. Dieser ist mit den vorerwähnten runden Stereotypplatten bekleidet. Die Erhabenheiten der Platten berühren die Farbwalze und empfangen ans diese Weise Drucker- schwärze. Das gefeuchtete Papier hat sich inzwischen genähert, läuft über den ersten Druckzylinder, welcher dicht am ersten Platien- Sqlinder gelagert ist. jener drückt das Papier an den eingeschwärzten Zlattenzylinder. und so entsteht der Druck der Vorderseite. Schöndruck genannt. Ssörmig sich weiter schlängelnd, legt sich das Papier alsbald um den zweiten Druckzylinder, der es an den zweiten eingeschwärzten Plattenzylinder drückt zur Empfangnahme des rückseitigen Drucks, „Widerdruck" genannt. Aus seinem ferneren Wege gelangt das Papier zwischen zwei Schneidezylinder, welche den Zweck erfüllen, das„endlose" Papier in Bogen zu zerschneiden. Der eine der beiden Zylinder enthält der Länge nach ei» sägearlig gezahntes Messer, während der andere eine Nut(Vertiefung) aufweist. Indem das Mtsser nun zur rechten Zeit in die Nut einschlägt, durchlocht (persorirt) es das dazwischenlaufende bedruckte Papier, welches so- dann auf den Reißwalze» auseinandergezerrt, somit in Bogen ge- theilt wird. Unterhalb dieser Stelle in der Maschine ist eine Vor- richtung zum Falzen der Bogen angebracht. Ein mechanisches Zählwerk mit Zifferblatt zeigt fortwährend. wie viel fertig gefalzte Exemplare bis zur Sekunde die Maschine verlassen haben; jedes volle Hundert wird durch ein elektrisches Läutewerk gemeldet. In fabelhafter Schnelligkeit thürmen sich die fertigen Exemplare. Die Beilagen, in einer zweiten und dritten Maschine i» gleicher Weise gedruckt, werden mit dem Hauptblalte zusammengeschossen, und die Zeitung ist fertig. Auf dem Hofe der Druckerei warten bereits»lehrere Kutscher mit ihre» Fuhrwerken, um die durch die Post abonnirten Exemplare zum Postzeitungsamt zu fahren. Dort werden sie von einein Heer von Beaniten sofort nach den Bestimmungsorten abgelheilt und verpackt. Schon stehen die Postwagen bereit, um nach den ver- schiedenen Bahnhöfen abzufahren, von wo sie mit den Nachlzügen in die Provinz befördert werden. Von der Druckerei fahren in- zwischen auch die schwer beladenen Wage» nach den Zeitungs- Speditionen ab. Zeitungsboten, Frauen und leider auch Kinder. säninnlich mit Laternen versehen, eilen von Druckerei zu Druckerei, um den Bedarf für die Kunden ihres Prinzipals zusammenzuholen. Gegen sechs Uhr morgens ergießt sich dann der Schwärm in die Straßen der»och stillen Stadt. Wie die Irrlichter rennen die Aus- träger mit ihren Laternen von Haus zu Haus, treppauf, treppab, denn bis 7 Uhr soll jeder Kunde versorgt sei». DaS ist das Bild unserer modernen Zeitungsindustrie, zugleich «in Bild unserer Zeit.—_ Paul H e n n i g. Kleines Fenillelon. t. Ein merkwürdiger Baum befindet sich in dem Garten des buddhistische» Klosters Gumbum im nördlichen Tibet(Jnner-Asien.) Dieser Baum bringt nämlich auf seiner Rinde und auf seinen Blättern Buchstaben, Worle und sogar ganze Gebete hervor, wes- halb er bei dem abergläubischen Volke eine scheue Verehrung genießt. Die europäischen Gelehrten haben begreiflicherweise das Vorhanden- sei» eines solchen Baumes mit Entschiedenheit bestritten, aber die Angabe» der neuesten Forschungsreisende», unter denen sich Männer wie Potanin und Grenard befinden, haben die Existenz dieses Baumes außer Zweifel gesetzt. Es ist nur noch die Frage, wie die wunderbaren Schriftzeiche» auf der Rinde und den Blättern ent> stehe». Darüber hat man sehr verschiedene Vermutdungen geäußert. Erstens könnte man annehmen, daß sich auf de» Blättern und auf der Rinde gewisse natürliche Flecke» oder Hervorragungen bilden. die zuweilen so nierkwürdige Formen annehmen, daß man mit einiger Einbildungskraft Schristzeichen daraus lesen kann. Zweitens könnten, wie Potanin annahm, derartige Figuren durch die Arbeit von Insekten hervorgebracht werden. Drittens endlich liegt die Möglichkeit vor. daß die ganze Sache ein von den buddhistischen Priestern geübter Betrug wäre,»in das leichtgläubige Volk in Respekt zu erhalte». Der französische Reisende Eduard Blanc hat selbst Ziveige dieses Baumes in den Händen gehabt und ist nach seinen Beobachttnigen entschieden der Ansicht, daß die letzte von den drei Annahmen zutreffend ist, daß es sich also lediglich um einen verschmitzten Betrug seitens der buddhistischen Priester handelt.— Literarisches. — Die englische Schriftstellerin Miß Braddon, deren Romane auch i» Deutschland einen zahlreichen Leserkreis gefunden haben, ist der Schrecken der„Setzer" geworden, die ihre schauerliche Handschrist lesen und entziffern müssen. Es scheint— so plaudert Miß Dickens, des Dichters Tochter, im„Windsor Magazina"— als ob die Leserlichkeit von Dichtermanuskripten im umgekehrten Ber- hältniß zu ihrem Ruhm und ihrer Bezahlung steht. Je illustrer der Schreiber, um so schuudmäßiger feine Schrift. So auch Miß Braddon in ihren Manuskripten. In ihren Briefen befleißigt sie sich der saubersten und leserlichsten Buchstaben. Jntereffant ist die Schaffensweise Miß Braddon's. Sie schreibt nur dreibändige Romane. Und zwar nach dem ersten Bande gleich den dritten! Den zweiten fügt sie nachher mit allem nolhwendige» Gesüllsel ein. Diese„dichterische" Prozedur hat sie von Lord Lytton Bulwer, der gleicherweise zu verfahren pflegte und seine Art zu schreiben als höchst nachahmenswerth und praktisch seiner Freundin empfahl.— Theater. — Im L e s s i n g- T h e a t e r hat die Direktion Blumenthal am Mittwoch ihr zehntes, und wie bekannt, letztes Spieljahr be- gönne». Man füllle in dem Hause, das immer noch dem Dichter des„Nathan" geweiht ist, de» ersten Abend mit zwei vom Herrn Direktor selber geschriebenen Stücken aus. Die beiden Lustspiele „Abu Seid" und„Das ziveite Gesicht" sind bereits im Schauspielhause aufgeführt worden, und dies Berhängniß dürfte ihre literarische Bedeutung auch in den Auge» derer kennzeichnen, die sich über den Dichter Blumenthal noch nicht klar sind. Der in orientalische Kleider gesteckte Schwercnöther Abu Seid predigt in aalgatteu Versen blasirte Lebensluft und bringt gerade, wie es sonst im Salon der Komtesse X. geschieht, den üblichen Backfisch unter die Haube. Im„Zweiten Gesicht" lebt sich Blumenthal'sche Welt- und Lebens- anschauung wieder ordnungsgemäß in Manschetten und Lackstieseln aus. Der im Stil der Haase'schen alten Herren gehaltene„Borg- gras", dem kein Mensch mehr etwas pumpt, erlebt durch die Liebens- Würdigkeit der gehaßten bürgerlichen Schwägerin angenehme Ent- täuschunge» und wird von dieser braven Wiltwe so gut versorgt, daß er bis an seinen Lebensabend märchenhast viel Geld verspielen kann. Dies Lustspiel ist schon etliche Jahre alt; Herr Blumenthal hat es neulich aber in liebenswürdiger Koulauz von vier Akten auf drei gekürzt. In beiden Stücken spielte der vom Schauspielhause an die Stätte seines früheren Wirkens zurückgekehrte Herr Adolf Klein den Helden mit bekannter Eleganz. Fräulein Illing vom Schiller-Theater debutirte als junge Wiltwe. Sie scheint sich leicht in das Ensemble des Lessing-Thealers hineinzufinden.— Mufik. — Nicola Spinelli's Oper„A basso porto" wird im Oktober im O p e r n h a n s e zur Aufführung gelangen.— — Das Theater Unter den Linden bereitet»inen Offen bach-ZykluS vor.— — Richard Strauß, derzeit Hofkapellmeister in M ü n ch e n, hat feine Stelle gekündigt und sich vom!. September 1898 an das Hamburger Stadt-Theater als erster Kapellmeister ver- pflichtet.— — BonderWienerHofoper. R. Wagner'S Jugend- oper„Die Feen" wird in dieser Saison zur Aufführung konimen. — Direktor Jahn hat seine Entlassung genommen. Als sein Nachfolger wird Kapellmeister Mahler, früher in Hamburg, genannt.— —„Die schwarze Kaschka," Oper in 4 Akten von Blüthgen, Musik von Georg Jarno, hat bei ihrer Erstaufführung in I s ch l gefallen.— Kunstgewerbe. — Zu dem Preisansschreiben für Künstler« Postkarten aus den, Königreich Sachsen ist noch zu bemerke», daß zur Theilnabme an dem Preisbewerb nur solche (männliche oder weibliche) Personen berechtigt sind, die ihren Wohnsitz in Sachsen haben.— Geographisches. — Vom britischen Museum wird eine Expedition nach Chistmas Island ausgerüstet, welches 300 Kilometer südlich vom Westende Java's ganz vereinsamt im indischen Ozean liegt. Die Insel war ursprünglich unbewohnt, dient aber jetzt wenigen Weißen und einer Anzahl Arbeiter von den Keelinginsel» zum Ausenthalt, welche aber über das Innere der nur über 20 Kilometer langen Insel ganz unnnterrichtet sind. In der That kann sie»och als unberührt von fremden Einflüssen gelten, doch hört dieses jetzt auch auf, da sich eine Gesellschaft zur Ausbeutung der Phosphate der Insel gebildet hat. Dieses ist der Grund, daß nun schleunigst die Er- forfchung der ursprünglichen Fauna und Flora in Angriff genommen werden, bevor diese noch unter dem Einflüsse der Europäer Ber- änderunge» erleiden. Mit dieser Aufgabe ist der Natursorscher C. W. Andrews betraut worden. Christinas- Island hat eine Größe von 260 Quadrat-Kilometer, ist vulkanischer Natur und hat Berge, die bis 370 Meter ansteigen. Was bisher über die Fauna bekannt ist, bestätigt das häufige Vorkommen von Thiere». die der Insel eigenthümlich sind. So sind drei von den fünf bekannten Säuge- thieren, sämmtliche Landvögel und vier von den fünf Reptilien einheimisch. Auch in botanischer Hinsicht hofft man auf de», mit dichtem Urwald bedeckten Eilande auf reiche Ausbeute.— Physiologisches. ie. Die Bedeutung der Galle für den mensch- lichen Körper. Der englische Physiologe Fräser hat schon vor geraumer Zeit der königlichen Gesellschaft in Edinburg die merk« würde Entdeckung mitgetheilt, daß Schlangengist für Thiere ganz unschädlich ist, wenn es direkt in den Magen eingeführt wird, ans diesem Wege können Thiere eine tausendmal größere Giftmeuge vertragen, als wenn ihnen das Gist unter die Haut eingespritzt würde. Zuerst hat man angenommen. daß die Magensäste selbst sderart zerstörend aus das Gift wirken. nach de» neuesten Untersuchungen Fraser's ist es aber die Galle, welche, vielleicht zusammen mit noch anderen Ausscheidungen, den Giftstoff in dein lhierischen Körper unschädlich macht. Eine Reihe sehr interessanter Experimente dienten zum Beweise dieser Thatsache. raser impfte nämlich verschiedene Thiere mit einer Mischung von chlangengift und von fllüssiger Galle, und es stellte sich heraus, daß die Wirkung des Giftes durch die Hinziifligung der Galle bedeutend abgeschwächt wurde. ES wurden zu diesen Ver- suchen die Gallausscheidungen zunächst ebenfalls von Giftschlangen genommen, z. B. die Galle der afrikanischen Brillenschlange, der Puffotter und der Klapperschlange. Die Galle von jedem dieser Thiere ivurde auf ihre Wirkung auf das Gift der afrikanischen und indischen Brillenschlange untersucht. Wir wollen nur ein Beispiel anführen: Ein Kaninchen stirbt, wenn ihm »/« Milligramm Cobra-Gift pro Kilogramm feines Ge. wichtes eingeimpft wird. Das Thier stirbt aber nicht von dieser Dosis Schlangengift, wenn nur Vio Milligramm Galle von derselben Schlange dem Gift hinzugefügt wird, oder Milligramm von der Galle der Klapperschlange oder 1 Milligramm von der Galle der Puffotter. Selbst wenn noch größere Mengen von Gift dem Thiere eingeflößt wurden, blieb es bei Hinzufügnng einer ent- sprechende» Menge von Galle am Leben. Es ist aus diesen Ver- suchen zunächst die interessante Folgerung zu ziehen, daß es den Gift- schlangen garnichls schadet, wenn sie beliebige Quantitäten von ihrem eigenen Gift« herunterschlucken, weil sie stets eine genügende Menge von Galle in ihrer Gallenblase haben, um das sämmtliche ihnen zur Ver- sügnng stehende Gift unschädlich zumache». Run wurde von Fräser weiter die Wirkung der Galle von einer nichtgiftigen Schlange unter- sucht und gefunden, daß auch diese Galle gegen das Schlangengift eine ähnliche, wenn auch etwas geringere Wirkung besitzt: aus V4 Milligramin Cobragift waren 2 Milligramm Galle genügend,«m den Tod des Verslichsthieres zu verhindern. Endlich wurde Ochsengalle benutzt, und auch diese bewies ihre Kraft gegen das Gift der Brillen- schlänge, wenn aus Vji Milligramm von diesem 10 Milligramm Ochsengalle genoinmen wurden. Uebrigens sind in dieser Beziehung die afrikanischen Eingeborenen bis jetzt gelehrter gewesen als der berühmteste europäische Arzt, denn in Afrika geben die Medizin- männer feit langem häufig Schlangengalle als Mittel gegen Schlangenbiß zusammen mit zerstoßenen Schlaugenköpfcn, die»och die Giftdrüsen enthalten müssen; die Galle wird dort auch für das beste Mittel gegen daS Schlaugengift gehalten. Als ein europäischer Arzt einmal darauf auf- merksam geworden war, daß die Schlangendokloren in Afrika die Schlangengalle als Heilmittel auwenden und einen solchen aufforderte, sich näher darüber auszulassen oder eine gemeinsame Untersuchung über die Schlangengalle vorzunehmen, weigerte sich der Neger eni- schieden unter der Begründung, daß der weiße Medizinmann anfinge, zu viel von ihm zu lernen. Der Mann hatte sicherlich Furcht, der Fremdling würde ihn seiner Praxis berauben. Die Untersuchungen Fraser'S haben vielleicht noch eine größere Tragweite, da es noch ans eine Prüfung ankäme, ob die Galle des Menschen eine ähnliche Wirkung nicht auch gegen andere Krankheitsgifle wie die vo» Diphleritis und Starrkrampf besitzt.— Technisches. — Der lichtstärkste Leuchtthurm. An den Küsten der Bretagne wird binnen kurzem ein neues Leuchtfeuer errichtet werde», dem der Vorzug beigelegt wird, die mächtigste Lichtquelle der ganzen Welt zu sein. Das neue Bauwerk ist der sogenannte Leuchtthurm von Eckmühl, der, in der Ausmauerung schon fertig. sich auf der äußersten Südspitze des Kap Finisterre, inmitten der berüchtigten Penmarc-Klippe» erhebt, welche Jahrhunderte lana der Schrecken der Schifffahrt waren. Zwar existirl schon ein Leuchtihurm aus Penmarc, derselbe hält aber keinen Vergleich mit dem jetzigen, etwa 120 Meter von dem alten Thurm errichteten aus. Vom Boden bis zur Spitze der Kuppel mißt der neue Thurm«4 Meter; seine Fokusebene liegt S9 Meter über dem Hochfluthspiegel des Meeres. Seine Leuchtkraft ist gleich 10 Millionen Kerzen, das heißt, übertrifft um das fünffache die Leuchtkraft des Thurmes vo» La Hove, welcher bis jetzt für die stärkste aller einschlägigen Lichtquellen galt. Die Tragweite des neuen Leuchtfeuers wird aus 100 Kilometer geschätzt.— — Dem Amerikaner Thomas B. Dixon von Kentucky ist eine elektrische Erfindung geglückt, woran Edison, Tesla und viele andere Elektriker jahrelang vergebens gearbeitet haben, nämlich sechs Draht nieldungen zugleich über denselben Draht zu schicken. Dixon hat kürzlich in Boston seinen Apparat vorgelegt. Die Versuche fielen zur völligen Befriedigung aus.— Huinoristisches. — W a s i st N a ch r u h m? Ein Leser des„Standard" erzählt Folgendes: Kürzlich besuchte ich Slratford on Avon, als ein Junge von 10 oder 11 Jahren, der neben mir vor dem Schaufenster eines Photogr�phen stand, auf ein Bild zeigte und mich belehrte:„Das ist das Haus von Shakespeare". Ich fragte ihn:„Wer war denn Shakespeare?" worauf der Junge mit liftigem Augenzwinkern:„Er stahl einen Hirsch" erwiderte. Darauf bemerkte ich dem Kleinen, ich hätte nichts davon in der Zeitung gelesen, ob es wohl vor kurzem «wer vergangene Woche geschehen sei? Er antwortete:„Ich glaube, es sind schon drei oder vier Jahre her." Ich fragte ihn weiter, ob das alles wäre, was Shakespeare geleistet hätte und warum man so viel Bilder von ihm in seiner Vaterstadt fände. Darauf meinte der kleine Stratforder:„Er war ein reicher Mann und wohnte in einem großen Hause." — Theorie und Praxis.„JameS"— sagte der Lehrer —„merke Dir's, das ganze Geheimniß des guten Lesens besteht darin, daß man gerade so liest, wie man spricht. Steh nun einmal auf und versuche Deine Lektion so zu lesen." James gehorchte. Der erste Satz lautete:„William, bitte, willst Du mir Deinen Papierdrachen für einen Augenblick leihen?"— James dachte eine Weile nach, dann rief er:„Bill, wenn Du mir nicht sofort Deinen Papierdrachen giebst, schlage ich Dir all« Knochen entzwei!"— Ehe der verdutzte Lehrer zu Worte kommen konnte, fügt« James hinzu: „So würde ich es sagen, Herr!"— (Enquire Mithin.) Vermischtes vom Tage. — In den Wälder» der Kreise Görlitz. B unzlau und Lau bau haben sich die K r e u z o t t e rn so vermehrt, daß sie zu einer wahren Landplage geworden sind.— — Zwischen Schweina und Gumpelstadt(Thüringen) wurden z w e i A r b e i l e r, die gemeinsam unter einem Regenschirm gingen, vom Blitz erschlagen.— — Im Rabensteiner Walde bei Chemnitz wurde an dem Baumeister Winkler aus Limbach«in R a u b m o r d verübt.— — Das Fabrikgebäude der Märkischen Drahtwerke in Oberrahmede bei Lüdenscheid ist durch Feuer zerstört worden.— — So Eine! In Alzey wollte dieser Tage ein Fräuleiu sich ei» wenig in ihr„Boudoir" zurückziehen. Als sie jedoch die Thür öffnete, sah sie etivas darinnen stehen, stieß gellende Hilferuf« aus und rannle davon. Leute kamen herbei und fanden in dem Zimmer eine Kuh. Sie stand vor dem Spiegel und besah ihre Schönheit.— — Bei der letzten Ueberschwemmung in Böhmen fing ein Oesonom in U l l e r s o o r s in semer vom Hochivasser erreichten Wohnstube drei große Karpfen im Gewichte vo» 12 Kilo.— — Der Schlaf wageudieb, der iin vergangenen Monat auf den Sirecken Wien-Karlsbad und Wien-Krakau verschiedene Diebstähle verübte, ist in Wien verhaftet worden. Der Mann ist ei» desertirter Jnsanierist euies bosnischen Regiments.— — Unglück i» den Alpen. Aus Sitten(Schweiz) wird gemeldet: Bei einer Besteigung des Mo»t Pleureur durch eine Ge- sellschafl vo» acht Personen wurde die erste Gruppe, bestehend ans dem Pfarrer Goni» vo» Sitten und drei seiner Pensionäre von einer Lawine erfaßt und i» die Tiefe gerissen. Alle vier Personen blieben todt. Die aus dem Führer und drei jungen Leute» aus Sitten(Kanton Wallis) bestehende zweite Gruppe entging der Katastrophe.— — Das Feuer in der Lottodirektion zu R o m war nicht so arg. Personen sind nicht zu Schaden gekommen; der Schaden de« trägt 20 000 Franks.— — Ein französisches Blatt bringt folgende„ B«« richtigung": Wir uiüssen noch eine kleine Ungeuauigkeil be« richtigen, die sich in unserer letzien„Chronik" findet. Wir haben erzählt, daß ein junges Kindermädchen in Versailles sich aus Liebes- kummer lodtgeschoffen hat. In dieser Form ist der Bericht nicht ganz zutreffend. Was wir erzählt haben, trug sich nicht in Versailles, sondern in Melu» zu. und es handelte sich nicht um ein jungeS Kindermädchen, sondern um eine» Dragoner-Unlerosfizier, der sich auch nicht aus Liebeskummer todlschoß, sondern sich in einein Ansall von Wahnsiun ausgehängt hat.— — Eine st a r t» e r v i g e Familie. An dem Moskauer Aerztetag nahm auch eine amerikanische Familie theil, deren sämmtliche Mitglieder— sechs Personen— sich der Medizin zugeivanot haben. Die Familie besteht aus einem Dr. Perkins und seiner Frau, di« gleichfalls praklizlrende Aerzti» ist. ferner einer Tochter, di« vor kurze», das Doktordiplom erhalten und eine» Arzt geheirathet hat, und zwei Söhnen, Etiideuteu der Medizin auf der New-Iorker Universität.— — Ein Wähler mit 23 Stimmen. I» London starb dieser Tage, S6 Jahre alt. der Pastor Washbourne West. Unter den Radikalen halte er sich eine» Namen gemacht, weil er 23 Stim- nie» bei Parlameniswahlen besaß. Er hatte nämlich an 23 verschiedenen Orte» Grundeigenthum. Da die Wahlen in England au verschiedenen Tagen stattfinden, so konnte er zum großen Tveil auch von seinem vielstimmigen Wahlrecht Gebrauch mache». Und da? that er auch nach Kräfte» bis in sein höchstes Alter.— — Wie ist das anzustellen? Ein Ausfuhrgeschäft Irlands versendet einen Artikel in Schachteln, auf denen der Einpfänger ermahnt wird,„die Schachteln nicht eher zu öffnen, als bis er die darin eingeschlossene Aniveisung gelesen hat."— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblatles erscheint Sonn- tag. den S. September. Verantwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.