Nr. 174. Sonntag, den Machdruck verbotene q Der Vsurrnfuhrrr. Roman von FranzKahler. Ein 5knecht brachte ihn nach dem nur wenige Minuten entfernten Dorfe Hogwitz, wo die zum Rittergut Senten gehörige Schäferei sich befand. Hier in dem früheren Wohnhause des Bauern- Hofes, dessen Parterre jetzt der Schäfer bewohnte, sollte Alexander zwei Stuben im ersten Stock als künftige Wohnung erhalten. Beide Zimmer waren sehr geräumig, aber äußerst dürftig möblirt. Ein Bett, ein Stuhl und ein Schrank im kleineren, ein Schreibtisch, vollgepackt mit Getreide- und Samenproben, zwei Stühle, ein Tisch und ein Ofen, nebst einem winzigen Spiegel und einem alten Bilde im großen Zimmer bildeten die ganze Ausstattung. Die Frau des Schäfers, eine bewegliche, knochige Frau mit intelligenten, freundlichen Gesichtszügen, stellte die brennende Lampe auf den Schreibtisch und ließ Teßmer allein, nachdem er erklärt hatte, für heute ihre Dienste nicht mehr zu brauchen. Das kahle Zimmer mit den großen, gardinenlosen Fenstern, durch die der dunkle Nachthimmel schaute, vielleicht auch die Abspannung nach dem stundenlangen Marsche wirkten äußerst niederdrückend auf seine Stimmung. ,1(50 Thaler! Eigentlich eine Schande, daß ich den Bettel nicht zurückgewiesen habe. Das beste ist wohl, ich ziehe morgen früh meines Weges weiter, ohne meinen« edlen Herrn Bruder Ade gesagt zu haben. So sieht das gelobte Land also aus! — Wenn man ivenigstens die Umgegend rekognosziren könnte." Teßmer öffnete ein Fenster. Finsterniß starrte ihm ent- gegen; nur allmälig unterschied er in der gleichförmigen Dunkelheit die Umriffe schwarzer Wolkenmassen, die am Himmel dahinjagten, die Linien dichter Baumgrnppen nach dem Dorfe zu und die eckigen Schatten der langgestreckten Wirthschastsgebäude, welche die Schäferei umrahmten. Kem Laut regte sich außer dem leisen Geräusch des Nachlivindes in den herbstlichen Bäumen. Das Dorf schien zu schlafen, und nur das matte Licht, das aus dem einen Fenster des neben- anliegenden Gasthofes aus die Dorsstraße siel, mahnte an die Nähe von Menschen. Bon weither schimmerten noch einige Lichter wie eine kurze Schnur blitzender Diamanten durch die Finsterniß, plötzlich verlöschend und ebenso plötzlich wieder austauchend. Es waren die Lichter des Bahnhofes Wiesenau, der eine Viertelstunde entfernt auf einem erhöhten Punkte der Ebene lag. Lange Zeit starrte Teßnier in die schweigende Nacht und nach den sprühenden Funken der Bahnhosslichter, während in seinem Kops die Gedanken dahin rasten wie die Wolken am Nachthimmel. Ein leises Rauschen, das den Wind übertönte und, immer stärker werdend, näher kam, weckte ihn aus seinen Sinnen. Eil« Zug, der durch die Nacht raste und mit lautem Donner ganz in der Nähe des Dorfes vorüberkam, riß für einige Sekunden die schlafende Welt aus ihrem Schweigen. Nachdem das letzte, leise Geräusch in der Ferne erstorben, schloß Teßnier das Fenster und begab sich znr Ruhe. Als er am anderen Morgen auf wiederholtes Klopfen der Schäfersfrau, die ihm den Kaffee brachte, erwachte, schaute ihm ein sonniger Herbsttag durch die großen Fenster seiner Stube entgegen. Es war fast acht Uhr und er mußte sich beeilen, um nicht zu spät nach der Fabrik zu kommen. Der Weg dahin führte mitten über die Felder, einen schmalen Fußsteig entlaug. Die Sonne schien frühlingswarm; vom blauen, wolkenlosen Himmel fluthete ein Meer von goldigem Licht über die Erde. Mit vollem Behagen sog Teßmer die frische, erquickende Luft ein und musterte das prächtige Bild, das ihm die ver- streut liegenden Dörfer, die sonnenbeglänzten, weiten Rüben- selder und die Fabrik mit dem daneben liegenden kleinen Wäldchen boten. Bon einer Erhöhung des Fußweges aus konnte er bis weit ins Land hinein die gerade Linie der Chaussee verfolgen, die sich mit ihrer gleichmäßigen dunklen Baumrcihe scharf von der im Sonnenlicht flimmernden Fläche des grauen Ackerlandes abhob. Teßmer hatte die ganze Spannkraft des Körpers und ,tt des Vorwärts 5. September. 1397. Geistes wiedergefunden. Vergessen war der trübe Herbsttag von gestern, die muthlose Stimmung, die sich am Abend vor- her unwillkürlich seiner bemächtigt hatte. Vor ihm lag die Welt heiter, sonnig und verführerisch schön und sein sollte sie werden, so weit wenigstens, als sie ihm ringsum ihre Reize entgegenstreckte! Sein Bruder erwartete ihn bereits im Komtoir. Ein älterer Herr, der Buchhalter der Fabrik, arbeitete ebenfalls schon emsig an seine» Büchern und musterte ihn mit miß- trauischen Blicken. Nachdem der neue Schreiber mit den Arbeiten seines Amtes vertraut gemacht worden war, lud ihn der Direktor zu einem Rundgange durch die Fabrik ein. Dabei entging den scharfen Augen Alexanders nicht, daß der Betrieb auf einer den Erfordernissen der Zeit wenig entsprechenden Höhe zu stehen schien. Die Kampagne sollte in den nächsten Tagen eröffnet werden. Ueberall waren fleißige Hände beschäftigt, den komplizirten Mechanismus in stand zu setzen. Aus jedem Winkel der weiten Räume hallte das Dröhnen der Hämmer und das Kreischen der Feilen. Die Zuckerfabrik Senten war eine der ältesten im Staate. So gut es ging, hatte man versucht, ihr die neuesten tech- nischen Fortschritte einzuverleiben. Zu einer radikalen Umgestaltung hatten sich die Aktionäre aus Scheu vor den großen Kosten aber bisher nicht bereit finden lassen, obschon der Direktor alle Anstrengungen machte, diesen Widerstand zu brechen. Besonders hemmend für die ganze Entwickelung des Etablissements war der Wasser- Mangel. Mehrere, sehr kostspielige Versuche, einen großen, ergiebigen Brunnen anzulegen, waren ergebnißlos gewesen. Die Anlage dieses Brunnens war aber allmälig zur fixen Idee Waldemar Teßmer's geworden, der seine Zeit zum größten Theile dahinzielenden Experimenten widmete. Die Monate Oktober und November brachten Alexander Teßnier angestrengteste Arbeit. Die Rübenernte war klein und schlecht, der Betrieb selbst stockte einige Male bedenklich. Die Erfahrungen und Kenntnisse des neuen Schreibers erwiesen sich bei diesen Gelegenheiten von ganz unschätzbarem Werthe. Milte Dezember war die Kampagne schon zu Ende. Das Resultat war ein sehr ungünstiges. Als daher der Direktor mit dem Vorschlage kam, den winzigen Gehalt seines Bruders zu erhöhen, erhielt er eine runde Absage. Waldemar hätte seinen neuen Mitarbeiter, der ihm in der kurzen Zeit seines Hierseins zu einer fast unentbehrlichen Stütze geworden war, gern fester an die Fabrik gefesselt. Die mißtrauischen Aktionäre dagegen witterten bereust etwas wie eine aufstrebende Vetternwirthschaft. Alexander hatte, als er von dem ablehnenden Beschluß Kenntniß erhielt, im ersten Augenblick die Absicht, seine Stellung aufzugeben und anderswo sein Heil zu versuchen. Auf Zu- reden seines Bruders ließ er diesen Entschluß jedoch wieder fallen und blieb. Die gemeinsame Arbeit und die beide beleidigende Haltung der Aktionäre hatte die Brüder einander näher gebrachr. Sie fühlten, daß sie einstweilen den anderen gegenüber ein gemein- sames Interesse verband, daß sie zur Erreichung ihrer eigenen, selbstsüchtigen Pläne vor der Hand vereint vorgehen müßten. Das stillschweigende Bündniß trug seine Früchte. Die folgenden fünf Monate arbeiteten sie unablässig an der Umgestaltung des Betriebes. Die aus eigene Faust unternommenen baulichen «lud maschinellen Neueinrichtungen verschlangen große Summen, deren Bewilligung sich der Direktor von den wüthenden Aktionären einfach erzwang. Er hatte in einigen Wochen die halbe Fabrik einreißen lassen, in aller Stille seine Bestellungen gemacht und, als die mißtrauisch gewordenen Aktionäre Auf- klärung verlangten, kurz und bündig erklärt, daß er die „sisiiine" im Stiche lasse, wenn er nicht die Mittel zu ihrem Wiederaufbau aus Grundlage der modernen Bctricbstechnik bewilligt erhalte. So sehr die Aktionäre auch über den Gewaltstreich schäumten, es blieb ihnen keine Wahl, zumal der Direktor von dem ihm zustehenden Rechte, Bestellungen ans eigene Faust zu vergeben, bereits den ausgiebigsten Gebrauch gemacht hatte. Nach einer fieberhasten Thätigkeit von mehreren Monaten stand ein fast neues, modern eingerichtetes Etablissenient auf der Stelle des alten. Alexander hatte Tag und Nacht die Arbeiten überwacht und sozusagen der ganzen Unternehmung seine Seele ein- gehaucht. Als die Kampagne daher mit einem glänzenden Resultat abschloß, bewilligten die glücklichen Aktionäre nicht nur eine Verdoppelung seines Gehalts, sondern hielten mit ihren Lobeserhebungen über die Tüchtigkeit des neuen Gehilfen nicht zurück. Waldemar betrachtete nicht ohne Mißtrauen die Erfolge seines Bruders, hielt aber äußerlich sein freundschaftliches Benehmen aufrecht. Einstweilen war ihm Alexander auch un- entbehrlich, und sollte er ihm wirklich gefährlich werden, dann fühlte er sich noch stark genug, ihn beiseite zu schieben. Gesellschaftlich verkehrten die Brüder nur sehr wenig mit- einander. Alexander empfand einen viel zu großen Wider- willen gegen seine geizige, hochfahrende und zänkische Schwägerin, um öfter, als es sein mußte, seines Bruders Heim aufzusuchen. Zudem verschlang die angestrengte Thätig- keit in der Fabrik fast seine ganze Zeit. Dies war auch der Grund, weshalb er so gut wie in keinen Verkehr mit den Dorfbewohnern getreten war. Er besuchte selten ein Wirthshaus, keine der ländlichen Vergnügungen, war indessen gegen jedermann, ob reich, ob arm, von aus- gesuchtester Höflichkeit. Dabei ließ er keine Gelegenheit un- benutzt, sich mit dem Charakter der Leute vertraut zu machen, die Verhältnisse zu studiren. Einige verschrieen ihn daher bald als eingebildet und stolz, die meisten aber nahm sein freund- liches Benehmen doch so gefangen, daß sie ihn für einen sehr netten, leider aber armen Menschen hielten, dem ein gutes Fortkommen zu wünschen wäre. Ueberdies herrschte nur eine Stimme, daß er ein Muster von Solidität sei. Die jüngsten Erfolge in seiner neuen Stellung blieben nicht ohne Einfluß auf seine ganzen Verhältnisse. Er stand plötzlich im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses. Die wohlhabenden Bauern, voran die reichen Fabrikaktionäre, be- handelten ihn nicht mehr als den armen Schreiber, der in ihren Augen bisher unter die Kategorie der Knechte und Tagelöhner gezählt hatte, sondern als einen fast Eben- bürtigen. Da er es vorzüglich verstand, den Eigenthümlich- leiten dieser Leute Rechnung zu tragen, wuchs seine Beliebt- heit rasch. Der Umstand, daß er noch unverheirathet war und er auch allgemein schon als Nachfolger seines kränkelnden Bruders galt, trug vollends dazu bei, ihm das besondere Interesse aller Eltern mit heirathsfähigen Töchtern zu er- werben. Im Gegensatz zu seiner bisherigen Zurückgezogenheit be- nutzte der junge Emporkömmling jede Gelegenheit, mit Leuten aller Stände in Verkehr zu treten. In der Schänke unterhielt er sich stundenlang mit den Bauern und kleineren Besitzern über das Wetter, die Bestell- und Ernte-Aussichten und all jene kleinen und großen Sorgen ihrer Wirthschaft, welche das ausschließliche Gesprächsthema des Landmannes bilden. (Fortsetzung folgt) SmtnkacZsplaudevei. Man konnte in der jüngsten Zeit kaum eine Zeitschrift zur Hand nehmen, ohne darin tiefsinnige Betrachtungen über den modernen Argonautenzug nach dem Wunderlande von Klondyke zu finden. Wie einstmals die hellenischen Heldenabenteurer auszogen, um im Barbarenland das goldene Vließ zu erbeuten, so strömen jetzt die modernen Goldsucher dem Aukonfluß zu, unbekümmert um die Gefahren der weiten Wanderung im»nwirlhlichen Lande. In diesen Betrachtungen über moderne Abenteurersucht durfte man viel Erbauliches lesen, und fast immer schlössen die Sittenprediger, wenn sie den Frieden still-genugfamer Wirksamkeit in weich- melodischen Klängen priesen, mit dem lateinischen Spruch:„.Aun sacra fames", was in grobes Deutsch übertragen„Verdammter Goldhunger!" hieße. Es sollen bereits Leute unterwegs sein, die beileibe nicht vom „verruchten Goldhunger" angesteckt sind, die vielmehr in der wilden Jagd zu Klondyke die stürmischen Leidenschaften der entfesselten Menschennatur studiren wollen, wie es Menschen giebt, die regel- mäßig nach Monaco reisen, um an der dortigen Spielbank ab- schreckende Beispiele zu erfahren. So hat Herr L. Viereck, der schicksalsreiche Mann, der noch vor ein paar Jahren im alten Reichstagsgebäude den undankbaren Berlinern zeigen wollte, wie man vernunftgemäß lebt, ebenfalls die Gelegenheit ergriffen und den abenteuer- lichen Zug nach Klondyke mitgemacht. Selbstverständlich wird er dann nicht den gemeinen Goldgräbern sich anschließen, die in erbärmlicher Habgier mit Schaufel und Spaten Hantiren. Ihn leitet«in höheres Interesse. Er ist unter die Berichterstatter gegangen; er wird studiren, wie die Avri sacra fames die Menschennatur packt und durchwühlt, und vielleicht kommt er auch zu höchst moralischen Er« wägungen. In den letzten Jahren ist nämlich kaum irgendwo so viel Tartüfferie aufgetaucht, so viel heuchlerisches Augenverdrehen, wie aus Anlaß der Goldfunde von Klondyke. Eine Welt, wie unsere, in der das Gold so völlig heiligt. entrüstet sich über die modernen Abenteurer, die vom Golddurst ge- peitscht werden. Sie schildert diese Abenteurer, die gewiß in den meisten Fälle» daS Wenige, was sie besitzen, dransetzen in der Hoff- nung, es aus Erden auch einmal besser zu haben, etwa so, wie eine vergangene romantische Periode die Räuber in den böhmischen Wäldern zu schildern liebte. Und das Beherzigendste an dem Ganzen ist, daß man zugleich vor den gierigen Goldjägern sich bekreuzt und die Phantasie der armen Teufel dennoch aufs äußerste peitscht. Als das jetzige Klondyke- Fieber losbrach, da war es ein amerikanisches Journal. das in seinem Depeschensaal, in dem es ähnlich wie ein hiesiges Blatt Unter den Linden die neuesten Sensationen vorzuführen pflegt, gewichtige Goldklumpen anS« stellte. Diesen Klumpen war das Ursprungszeugniß Klondyke'aus- gestellt. Sie erhitzten zuerst die Einbildungskrast der Leute, sie regten die Spekulation auf die Menge au; das Verfahren der amerikanische» Zeitung war einem ersten Trommelwirbel vergleichbar, der die Leidenschaften alarmiren sollte. Der Rummel ist gelungen. Heute ist das„Märchenland Klondyke" in aller Welt Munde, heute haben hunderte und hunderte von Menschen ihre kärgliche Existenz auss Spiel gesetzt. Sie wissen, daß ihrer ein Märlyrerdasein harrt; sie wissen, daß sie in grausam unwirthlicher Landschaft den härtesten Strapazen und Arbeiten unterworfen sein werden. Sie wollen es ertragen, bietet ihnen das Leben ja sonst nicht viel; und der Gedanke leitet sie, daß vom Fabelsegen. von dem sie so viel gehört, doch auch ein Theil auf sie fallen könnte. Die vereinte Genoffenschaft der Spekulanten aber, denen das Goldfieber ausnützt, �bleibt hübsch weit von» Schuß. Man hat das Spektakelstück veranstaltet, die Sache nimmt ihren gehörigen Gang. die Transport- und Ausrüstuugsfirmen haben vollauf zu thu», die seltsamsten Städte werden aus dem Boden gestampft; aber man hält sich selber weislich fern; man entsendet allenfalls einen vielseitigen Herrn, wie diesen Viereck, einen Mann', der „Alles macht", wie die bekannte Phrase lautet, als Berichterstatter in daS fremdartige Gebiet, damit er die Fabelkunde von Klondyke um neue Mittheiluugen, die Auf- sehen erregen könnten, vermehre. Dann aber, wen» das Geschäft im Fluß ist, horcht man gern auf den Philosophen. der einem in der Zeitschrist mit Wehklagen beweist, wie die Ann sacra fames die Geister der Menge verwirre und vergifte. Ja, ja, wenn tausende von Menschen ausziehen, unsagbare Hindernisse zu überwinden, wenn sie hundertfältig auf schwanken Stegen ihre Haut und ihr Leben zu Markte trage», vom Glücksschimmer geblendet, von kalt spekulirender Gewissenlosigkeit verführt, so deklamirt sich's schön vom wüsten Abenteurerdrang und von unheimlichen Horden. Die Beutejäger indessen, die daheim still auf der Lauer liegen, werden gern in das Geschrei über die Abenteurer, die sich maßlos vermessen, mit einstimmen. Ihre Knochen werden im eisigen Lande nicht bleichen, sie werden von Frost und Mühsal er- schöpft nicht zusammenbrechen. Wenn aber in sonntäglichen Er« bauungsstunden auf den niodernen Abenteurerzng der Goldsucher hingewiesen wird, wenn in frommer Rede die auri sacra fames den Grundlext giebt, dann werden auch sie feierlich gestimmt seufzen: Ach, ach. wozu doch der ruchlose Golddurst, der Menschen bewegliche Herzen treibt! Geräuschlos und ohne Aufsehen nach Reichthum zu jagen, ist etwas ganz anderes. Das fällt nicht auf, wie ein Maffenzug von armen Teufeln; und so mancher„Ganz-Gescheidte" denkt bei sich: Wer wird in ungewisse Ferne» schweifen? Der richtige Gold- sucher findet den Schatz, der ihm bestimmt ist, auch ans den Straßen von Berlin. Man nmß ihn nur zu heben wissen. In den jüngsten Tagen erst ging eine Notiz von solchem stillen Schatzgräber durch die Presse Berlins. Sie war betitelt: Wie man in wenigen Wochen eine Million verdient. Es war da von einem schlauen Handelsmann die Rede, der im Hansaviertel auf den sogenannten Judenwiesen Grund und Boden erwarb und das Erworbene nach ein paar Monaten um ein Doppeltes losschlagen konnte, weil verschiedene Umstände, so die Nothwendigkeit eines Brückenbaues auf seinem Grund, ihn unterstützten. So kommt man durch eigene Geisteskraft und Arbeit vorwärts. Ueber solche Million wird sich kein Sitteneiferer ereifern. Sie war ja nicht von gierigen Händen gewonnen, wie der Goldsand im Ankonfluß gewonnen wird. Sie war kraft des Genies und hoher Gerstesgaben verdient. Die Moralphilosophcn der Gegenwart wissen sich auch sonst so mannigfach zu helfen. Den Abenteurerdrang von Klondyke findet man absurd und verdammt ihn in warmer Ueberzeugungstreue. Wenn aber kapitalistische Begier sonst abentenerliche Pläne zeiligt. da verstummt das Wort„auri sacra fames". Da ertönt nur schmeichlerischer Klang. Nur die Größe, die Schönheit, die edlen Ziele des neuen Unternehmens werden gerühmt, und aus der Spekulation wird im Handumdrehen ein bedeutsam menschenfreundliches Werk. Einer der absonderlichsten und in seiner Art großartigsten technische» Pläne, der Bau einer Schienenbahn auf die Bergspitze der„Jungfrau" in der Schweiz ist in diesem Sommer begonnen worden. An Felsrändern vorbei und durch gewaltig dichte Glelschermaffen soll die Bahn aus »inen der erhabensten Alpengipfel geführt werden. Man staunt über die lühne Phantasie erfinderischen Menschengeistes; und zugleich sagt man sich beklommen: warum der Aufwand von so vielem Genie, so reicher Mühsal und so ungeheuerlicher Arbeit? Sollte das Werk gelingen, dann ist gewiß eine große Menschenarbeit geschaffen. Der wuchlig imponirenden That an sich will ich mich gerne fügen. Aber wem am Ende dient die That, wenn sie wirklich zu glücklichem Ende gedeiht? Und welche Menschenopfer wird sie muthmaßlich kosten? Der willfährige Mann wird von dem Spruch„auri sacra fames" mäuschenstille sein. Von dem kühnen Profitunternehmen sei nichts erwähnt. Reine Menschlichkeit hat das Werk reifen lassen. Warum sollten gerade nur die muskelstärksten Bergsteiger die hoch- alpine Herrlichkeit bewundern? Auch der schwächere Mann soll ihrer theilhaft werden, vorausgesetzt natürlich, daß er 1l>0 Franken für die Fahrt bereit hält. Und sollte der Bahnbau gelingen, so werden sie sich zu Dutzenden finden, die Hundertfrankenleute. Eine ekle Gesellschaft wird die erhabene Einsamkeit stören. Leute ohne Spur von Naturgefühl, und die entsetzlichen Modeweiber, der Schrecken und der tiefe Haß jedes schlichten Naturfreundes werden sich empor- drängen. Diese Welt wird herrschen, die Gesellschaft, die der Een- satio» zu Liebe„mitgemacht" haben muß. Das ist der Effekt der aufgewandten Kraft, und dafür werden wahrscheinlich Opfer an Gesundheit und Leben der Arbeiter ge- fordert werden, die das stolze Werk ausführen. Es sind wohl italienische Arbeiter beschäftigt, die an das härteste Dasein gewöhnt sind, aber die hochalpinen Tücken und Schrecken in Eis» und Gletscherwelt sind so mannigfaltig. Es müßten Wunder geschehe», wenn keine schweren Unfälle einträten; und das alles nicht um ein völkerverbindendes Kulturwerk, wie etwa der Gotthard- tunnel war; sondern hauptsächlich um den Nervenkitzel und Spaß begüterter Naturbnmmler. die der Mode, nicht dem Seelenbedürfniß folge», zu befriedigen!— Alpha. Kleines Fenillekon — Die Anurhmlichkeiteu einer Bergbahufahrt werden in einer Zuschrift. die ein Wiener Blatt veröffentlicht, folgendermaßen geschildert: Die höchste Bergbahn ist bisher wohl die auf den etwas über 14 000 englische Fuß hohen Pike's Peak in Colorado(Nord- amerika). Man erreicht den Gipfel in etwa l1/« Stunden. In folgendem erzähle ich Selbsterlebtes: Schon auf der Plattform des Wagens, während der Fahrt, erträgt nian den raschen Temperatur- Wechsel nur schwer, und muß zur Erholung immer wieder daS Innere des Wagens aufsuchen. Nach dem Aussteigen fühlt man sich wie betäubt. Die, welche die Plattform des Wagens strecken- weise benutzten, haben sich bereits einigermaßen vorbereitet. Jen», welche das nicht thaten, mußten sehr schleunig die Schutzhütte auf- suchen. Wir hatten nach der Ankunft auf dem Gipsel des Pike's Peak Ohnmächtige und Frauen, welchen Blut au? Nase und Mund drang. Die anderen gingen mit Schwindel im Kops herum und waren froh, als die Glocke zur Abfahrt rief. Zum Naturgenuß kau» keiner von uns, weil der rasche Temperaturwechsel lähmend aus die Organe wirkte.— — Von der Statue eines Gottbegnadeten. Nach 212 Jahren ist endlich, so schreibt man der„National- Zeitung", die Statue Jakobs II. enthüllt worden, die man ihm in Gibbons errichten wollte und seit der Revolution, dem endgilligen Sturz der Stuarts, verbarg. Die Broncestatue wurde 1686 in die Gärten von Whitehall gebracht und auf einen provisorischen Sockel gesetzt mit der Auf- schrift:„Jakob II., von Gottes Gnaden König von England, Schottland. Frankreich und Spanien, Vertheidiger des Glaubens. Anno MDCLXXXVI," Ei» monumentaler Sockel sollte ausgeführt werden, während der König sich vorbehielt, den Platz zu bezeichnen, auf dem seine Völker sein Bild bewundern könnten. Zwei Jahre später ent- ging er dem Geschick Karls I. nur durch schleunige Flucht. Die Statue wurde ein unnützes Möbel. Man sprach einige Zeit davon, sie ein- zuschmelzen. dann vergaß man sie aber in den, Garten, wo niemand hinkam. Später nahm man sie von ihrem Sockel und brachte sie in einen Stall, wo sie ein halbes Jahrhundert lag. Der Stall wurde abgerissen, Jakob der Zweite ins Freie gebracht und einer Mauer unterhalb eines Wärterhäuschens eingefügt. Dann als die verwahr- losten Gärten dem Publikum zugänglich und hergerichtet worden waren, kam sie dort weg und befand sich ö0 Jahre in einem ver- borgenen Gärtchen, das die Bureaus der Krankenhaus-Kommission umgab. Hier entdeckte White Ridley die Slawe, betrachtete sie mit «inigen Akademiemitgliedern, die sie schön fanden und sie für das Publikum sichtbar aufstellen wollten. Bald darauf meißelte man «inen Granilblock für sie zurecht und gab ihr einen Platz bei dem Westminster-Palais.-- Literarisches. — L e o p a r d i'S Manuskripte. AuS Mailand wird dem Berner„Bund" berichtet: Die italienische Regierung sah sich ver- anlaßt, die Zwangsenteignung bezüglich der Manuskripte des Dichters Giacomo Leopardi(gestorben in Neapel im Jahre 1837) zu verordnen. Die lang« Zeit von einem Freund« deS Dichters, Antonio Ranieri, verborgen gehaltenen Handschriften waren durch Testament in den Besitz von zwei alten neapolitanischen Mädchen, ehemalige» Di cncrinnen Ranieri's gekommen, die sich— wie es scheint, auS religiösen Bedenken und infolge Anrathen Dritter— beständig weigerten, sie den direkten Erben des Dichters herauszugeben. Dies« Erben hatten die Manuskripte der Nationalbibliothek in Neapel zu« gedacht. Damit nun letzter« sie endlich erhalte, mußte die eingangs erwähnte Maßregel ergriffen werden. Einer besonderen Kommission fällt dann die Aufgabe zu. die Manuskripte durchzusehen und von dem noch Ungedrucklen das Geeignete zum Drucke auszulesen.— Theater. — Im Lessingtheater wurde am Freitag Snderniann'S . H e i m a t h" aufgeführt. Wie es scheint, geschah dies, um dem Publikum zu zeigen, daß das neue Ensemble auch in Stücken zu Hause ist, die im allgemeine» ein wenig höher bewerthet werden, als die liebenswürdige» Plaudereien des Herrn Blumenthal. Der Beweis wollte nicht völlig glücken. Es lag etwas Gedrücktes über der ganzen Borstellung, als ob die Handlung sich nicht in der Sphäre der Oberstlieulenants und Regierungsräthe, sondern nnter Subaltern- beamten abspielte;«in Streben nach möglichst natürlicher Redeweise hatte dahin geführt, daß der„Heimath" ein gutes Theil ihrer dramatischen Lebendigkeit verloren ging. Dieser aschgrauen Nüchtern« heit hatte sich auch Fräulein Illing angepaßt, welche die Magda gab. Es schien, als ob die Künstlerin um einige Jahre zu früh nach Hause gekommen war, zu einer Zeit, wo der Ruh», ihrer Stimme noch nicht viel höher als z» den Honoratioren einiger Provinzialstädte gedrungen sein konnte. Nur als die beleidigte Mutter sprach, ging Fräulein Illing aus sich heraus und zeigte, daß sie eine Künstlerin ist.-» Musik, l -er-. Aus der Woche. Die musikalische Kritik unserer Zeit ist in ihrem leichtfertigen Größenwahn unablässig bemüht, die Partituren Meyerbcer's den flammendsten Scheiterhaufen zu über- liesern. Man sei über die triviale Nebensächlichkeit melodischer Er- findung hinaus, das nationale Opernideal habe nichts mehr mit den verwesenden Werken gemein, die aus den raffinirten Sensationen der Szene, des Orchesters und eines verlogenen historischen Dramas herausdestillirt sind. So schreit sie ihre moralisch-ästhetische Ent- rüstung dem Publikum zu, das taub und schwerfällig genug ist, sich noch immer von den„Hugenotten" begeistern zu lassen. Und dieser ausharrende Enthusiasmus einer verständigen Gemeinde, welche ihre musikalischen Empfindungsbedürfinsse weder der theoretisch- philosphischen Langweile noch d«r exzentrischen Hypergenialität unserer Epoche zu opfern bereit ist, jubelte den, genannten Werke wieder zu, trotzdem es mit Aus- nahm« der Frau B e l l i n c i o n i von dem Ensemble der Hofbühne neulich in Grund und Boden gesungen wurde. Die leichte Frivolität der großen Sängerin, sich von ihren aufwühlenden tragische» Leistungen in kleine» Partien auszuruhen, welche der Mangel an Eleganz und Sicherheit der Technik und des Humors so ärmlich machte, hat das Publikum wieder verziehen und vergessen ob der erstaunlichen tragischen Gewalt ihrer„Valentine". In rein gesang- sicher Beziehung entwickelte sie in de» beiden Duetten eine Kraft und Größe des Organs, in welchen die stürmische Leiden- schaft dieser Musik athmete. Den Melodien ließ sie ihre weiche Plastik, ohne je zur gleichgiltigen Schönsängerin herabzusinken, und selbst in ihrem feurigsten Affekte bewies sie, daß sich Rhythmus und deklamatorischer Ausdruck ganz gut mit einander vertragen, und man den eine» nicht aufzugeben braucht, um zum ander» zu gelangen. Das Duett mit Raoul, in welchem die Energie verzweifelter Entschlossenheil und der Zauber erotischen Selbst- vergessens sich zu eine», in der gesammte» Opernliteratur einzig da- stehenden Seelengeniälde vereinigen, war ganz von der Sonne ihres prachtvollen Temperaments, deren kalte Strahlen uns i» der Carmen, Leouore und Regimentstochter anfröstelten, durchwärmt. Von ihrer solistischen Umgebung wird die Bellincioni die schlimmste Erinnerung mit sich nehmen. Herr Mödlinger(Marcel) brachte von denFerie» eine beklemmende Heiserkeit mit; de» düstere» Fanatismus des Saint- Bris löste Herr Betz in eine sich schonende Behäbigkeit auf, und Herr Sommer(Raoul) schädigte seine fleißige Leistung durch seltsame Gedächtnißfehler und eine Athemökonomie, welche allen hochgelegenen Phrasen daS Gepräge asthmatischer Effekte verlieh. Die Königin des Frl. Reinisch war ein berückend schönes Bild — ohne stimmliche Gnade! Kapellmeister Dr. Muck leitete die Vor- stellung mit ehrlichen, Feuer, ohne studirte Posen und abenteuerliches Taktstock-Geistreichthum.— Kunst. — Di« Ankäufe auf der Dresdener internationalen Kunstausstellung haben die Höhe von 300 000 M. erreicht.— Früher kam Dresden als Kunstmarkt kaum in betracht.— Kulturhistorisches. — Die Tortur i», 19. Jahrhundert. An, 28. April des Jahres 1801 berichteten zwei Deputirte des Magistrats der Stadt Celle an den Bürgermeister über eine Tortur, der sie im Austrage beiwohnen mußten, folgendes:„Wohlgcbohrner. Jnsonders Hochzuehrender Herr Bürgermeister! Dem von Ew. Wohlgeb. uns gewordenen Auftrage gemäs, haben wir uns in der vergangenen Nacht ein Uhr nach hiesiger königl. Chursürstl. Justiz-Canzley ver- füget, und daselbst i» der grüne» Commisstons- Stube die Herren Hos- und Cauzley-Räthe von Bobers, von Hohnhorst se»., Bach- meister und von Avemann. die beiden Herren Canzley-Escretarien Kannengießer und Köhler, den Herrn Burgvoigt Klaren, die beiden Herreu Amtschreiber Krieg und Reiche und den Herrn Hosmedikus Heine vorgesunden.— Borbenannte Herren Hof- und Canzley- Rache, haben sich hieraus mit dem Herrn Canzley- Secretair Köhler nach der rolhen Commissionsstube verfügt, und da- selbst de» Jnquisiten Dessau vernommen; Und wie Dessau die Wahrheit nicht hat gestehen wollen, ist derselbe wieder ins Ge< fängnis zurück geführet worden. Hierauf haben wir uns mit sämtlichen vorbenanten Herren nach dem auf den» sogenannten weißen Hose belegenen Tortur-Keller verfüget,»voselbst wir den hiesigen Nachrichter Suhr nebst verschiedenen Halbmeistern und Knechten vorgefunden haben. Es ist hieraus der Jnquisite Dessau aus dem Gefängniße vorgesühret. und nachdem derselbe der Feßeln entlediget. durch den dirigirenden Herrn Hof- und Canzleyrath von Avemann tsruüims damit eröfnet worden, daß Jnquisite Dessau nochmals über verschiedene Fragen vernommen»vorden. Wie derselbe nun aber nach wie vor die Wahrheit hat nicht gestehen wollen, ist er dem Scharfrichter Suhr, um das Erkenntniß an ihm zu vollziehen, übergebe»»vorden. Der Nachrichter Suhr hat hierauf dem Jnquisiten Dessau zuerst die Instrumente, womit er gepeinigt »verden würde, vorgewiesen und es nebst seinen Leuten an dringsamen Vorstellungen, um den Jnquisiten vor Anlegung der Instrumente zum Geständnisse zu vermögen, nicht»nangeln lassen. Nachdem solches alles nun aber ohne Nutzen gewesen, ist der In- quisite Dessau entkleidet und aus die Marterbanck gesetzt»vorden. Es sind hierauf demselben zuerst die Daumschrauben, hier- nächst die B e i n e s ck> r a u b e n, und darauf die H a a r s e i l e an- gelegt»md durch letztere ist derselbe endlich zun» Geständnisse gebracht »vorden, welche Handlung bis gegen Fünf Uhr des Morgens ge- dauert hat,»velches alles E>v. Wohlgeb. wir pflichtmäßig hiermit zu berichten nicht haben verfehlen»vollen. Die größeste Hochachtung ist es»vomit»vir übrigens die Ehre haben zu seyn Ew. Wohlgeb.— gehorsamste Diener A. W. Schmersahl. I. F. Stoltze. Zelle, den 28. April 1801.— Der genannte Jnqnisit Dessau»var.»vie die Ein- laduug zur Beiivohnung der Tortur vom 27. April aussagt, des Diebstahls angeklagt und nicht geständig.— Aus der Pflauzeuwelt. Ueber die Cichorie(Cichorium' intybus L.) bringt Paul Jacob im„Noturaliste" einige Miltheilungcn. Die angebaute Cichorie unterscheidet sich von der wilden durch die viel stärker ent» »vickelte Wurzel und die breiten, am Rande tief eingeschnittenen Blätter. Sie wurde zuerst im vorigen Jahrhundert in Holland an- gebaut, später auch in Deutschland. Nordfrankreich und Belgien; letzteres Land liefert zur Zeit die meiste Cichorie. Die Samen- körner»verden im Frühling ausgesäet, nian bringt sie am liebsten in recht lockeren Boden, damit man später die Wurzeln leichter ausziehen kann. Die Ernte erfolgt im Oktober und November,«in Hektar bringt etwa 25 000— 30 000 Kilogramm Wurzeln. Diese»verden von den Cichoriensabriken frisch oder ge- trocknet ausgekauft. Nachden» sie in Stücke geschnitten worden sind, kommen sie in große, rolirende Cylinder und werden hier geröstet; sodann setzt man ihnen 2 pCt. Melasse oder Butter zu, um dem Produkte Glan» zu verleihen, zuletzt»verde» die Stücke gemahlen. Durch Sieben des erhaltenen Mehles geivinnt man vier Sorte»: Cichorienpulver, Feinkorn, Mittelkorn ui»d Grob- korn; dieselben werden in Kästchen, Fäßchen oder Packete verpackt. Die Cichorie ist vielfachen Fälschiingen unter- »vorfen. Man mischt dazwischen Rübentheile, Eicheln, Kaffeesatz. Sägespähne 2C„ die man röstet und mit Melasse überzieht. Die Fälschung ist durch mikroskopische Untersuchung leicht nachzllweisen, iildeu» die Cichorie gestreifte oder punktirte Gefäße aufiveist. Aber auch gemahlener Kaffee wird häufig gefälscht, indem ihin Cichorie beigemischt wird. Man erkennt diesen Betrug ebenfalls leicht mit Hilfe des Mikroskopes, insofern der Kaffee nur unregelinäßige Zellen »nd keine Gefäße aufiveist, man hat aber auch ein anderes sehr ein- faches Eckennungsmittel. Wenn man gefälschten Kaffee zivischen zivei Blättern Papier stark zusammendrückl. so ballt sich die Cichorie klumpenartig zusammen, während reiner Kaffee seine Pulverforl», beibehält.—(„Nalurivifs. Wochenschrift.") Technisches. — Das Cyanid-Verfahren. Nachden» das goldhaltige Erz pulverisirt ist, gelaugt es mittels automatisch arbeitender Hebe- und Fördervorrichtungen in ein Gebäude, in dem eine Anzahl mächtiger stählerner Bottiche aufgestellt sind. Diese Bottiche von 7 Meter Durchmesser»»nd 1.2 Meter Tiefe haben als Boden ein Holzgitter, über das ein festes Segeltuch gespannt ist. Hier hinein »vird das pulverisirte goldartige Erz gebracht, ui»d dann»vird unter den Segeltuchbode» Wasser gepumpt, in dem etwa 0,4 pCt. Cyankaliun» aufgelöst ist. Diese Lösung sickert allmälig durch das Tuch und die goldhaltige Staubschicht hindurch, bis es etwa 5 Zentimeter über derselben steht. Hierbei hat das Cyankalinm alles Gold aufgelöst und Goldcyanid gebildet, das in den, Wasser gelöst bleibt. Nnn hört man mit dem Pumpen auf und läßt dieses goldhaltige Wasser »vieder durch den Segeltuchfilter zilrückflieben; der Bottich wird aus- geräumt, geremigt und von neuem beschickt und dieser Prozeß wird so lange mit derselben Flüssigkeit fortgesetzt, bis alles Cyankalium sich»nit Gold verbünde» hat. Alls ihr kann dann das reine Gold leicht gewönne» werden» sei es durch Elektrolyse, sei es auf cheluischem Wege.—(»Di« Technik.') Humoristisches. — In der Unteroffizier- Bildungsfchul« eines österreichischen Regimentes hält der Brigade-General die Schul- Prüfungen ab. Schließlich will er auch über den Repettr» niechanismus des Gewehres etwas wissen. Er ruft den Infanteristen Kuchta auf und fragt:„Sagen Sie mir, aus»velchen Theilen die Zubringervorrichtung besteht und»vie dieselbe fimktionirt." Jnfanterist Kuchta antwortet sofort ohne Zögern:„Die Zubringer» Vorrichtung besteht al»s der Zubringerplatte, dem Zubringerhebel, der Zubringerfeder'.--- und so geht es fort, bis der Mann die gestellte Frage zur besonderen Zufriedenheit des Generals, sowie des beifällig nickenden Regimentskommandanten tadellos beant»vortet hatte. Die Prüfung»var beendet. Der General»vendet sich an den Oberlieutenant Spannriegel, den Leiter der Schule, um auch ihm seine Anerkennung für die von ihm erreichten Ausbildungsresnltate in dem ungemein»vichtigen Fache„Waffenlehre' auszusprechen. Dann belobte er den seines Erfolges sich beivußten Infanteristen Kuchta mit folgenden Worten:„Es freut mich, bei Ihnen so viel Sinn und Verständniß für das Waffenwesen zn finden; behalten Sie das Erlernte und bestreben Sie sich, Ihre militärische Ausbildung zu ver- vollkommnen. Es wird Ihnen nur zur Ehre und z»»»» Vortheil ge- reichen. Sind Sie Professionist?'—„Jawohl, Herr General.'— „Welcher Profession?'—„Kunstschlosser.'—„Wo haben Sie denn zuletzt gearbeitet?'—„In Sleyr. in der Waffenfabrik.'—„Und »vas arbeiteten Sie dort?"—„Melde gehorsau»st: Zubringer- Vorrichtungen, Herr General!'— — Ein Dorfapotheker überreicht einem armen Telifel, der vor kurzem genesen ist, die Rechnung der von ihm verbrauchten Arzneien.„Ach!' ruft dieser ans,„ich habe keine»» rothen Heller.' —„Haben Sie»venigstens die Schachteln u,ld Flaschen aufbewahrt?"—„Ach ja, das Hab' ich, lieber Herr."—„Gott sei dank, dann Hab' ich doch nichts verloren!"— Vermischtes vom Tage. y. Von Bienen überfallen wurde in Thülsfelde bei Garrel(Oldenburg) ei» Schäfer. Der Man»»vurde so zer- stachen, daß er bald darauf starb.— — Brückenein stürz. Nach dem„Apoldaer Tageblatt' ist im Manöver bei dem Marsch über eine Pionierbrücke diese ein- gebrochen. Mehrere Soldaten der zweiten Kompagnie des 94. Regiments und Hautboisten der Regimentsmusik sind ertrunken oder durch die herabstürzenden Balken erschlagen. Unter de»» Getödteten befindet sich auch Kapellineister Drehmann.— — An Alkoholvergiftung gestorben ist ans einen» Ritter- g>»t bei Neustadt in Sachsen ei» Knabe von vier Jahren. Er »var mit seinem neunjährigen Bruder den Eltern, die ailf den, Felde arbeiteten, nachgegangen und»var über die Schnapsflasche des VaterS gerathen.— — Im Landkreise Bochum, namentlich im Herner Bezirk, tritt die R u h r in bösartigster Weise epidemisch auf und fordert viele Opfer. In einigen Orten habe» die Schulen geschlossen»verde» müsse»».— — Auf der Station Altmaschen, Linie Kassel-Bebra, wurden zwei elfjährige Kinder(Zivillinge), die zn früh ausstiegen. von einem entgegenkominenden Güterzuge überfahren und auf der Stelle getödtet.— — I v o, der alte Einsiedler, bleibt auf dem Staffelberg. Er hat ein Vermögen von 40 000— 50 0(10 M. Jetzt soll er eine» Stellvertreter und eine» Diener bekominen.— — Ii» protestantischen Württemberg nimmt,»vi« das„Eoang. Sonntagsblatt' schreibt, der Spiritismus«iue „besorgnißerregende Ausbreitung' an.— — In Eßlingen darf nach eine»» Beschluß der bürgerlichen Kollegien fortan von 10 bis II Uhr abends»»»»r mit Gummi« kugeln oder mit Kugeln, die mit Guiumiringen versehen sind, gekegelt»verden.— — Der„zwitschernde" Frosch. In einem Theater- referat eines Wiener Blattes stand dieser Tage zu lesen:„Fräulein Pohlen zivitscherte»vie ein Frosch herum.'— — Waldbrand. Wie aus Budapest der„Franks. Ztg.' ge- meldet wird, stehen bei F o g a r o s ausgedehnte Eichenwaldunge» in Flammen. Bisher sind bereits 40000 Stämme verbrannt.— — In L u g o(Italien) stürzte ein Gerüst ein; dabei»vurde» vier Arbeiter und ei» Mädchen erschlagen.— — In Athen schoß ein Hauptmann der Infanterie in einem Anfall von Geistesstörung aus zwei Lieutenants. Der«ine blieb sofort todt, der andere ist tödtlich verletzt.— — Grubenunglück. Auf der Kohlengrube„Sunjbine' in der Nähe von G l e e n»v o o d- S p r i n g s in« Staate Colorado (Nordamerika) hat eine Explosion staltgefunden. Bis jetzt sind zivölf furchtbar verstüinmelte Leichen geborgen.— Beraulivortlicher Nedaklcur: Angnst Jacobe», in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.