Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 176. Mittwoch, den 8. September. «Nachdrull verbolen.) q Dvv Vsuevnfühvev. Roman von Franz Kahler. »So gefällst Du mir, Bruder!" entgegnete Alexander mit einem höhnischen Lächeln, indem er seineu Hut ergriff und frech auf den Direktor zutrat.„Du nimmst die Gelegenheit beim Schöpfe, um mich los zu werden, und ich gehe mit Ver- gnügen, einmal weil ich es satt habe, mir Deine Anmaßungen länger gefallen zu lassen und das andere mal, weil es sich für einen zukünftigen, reichen Grubenbesitzer nicht schickt', den Handlanger eines armseligen Fabrikdirektors zu spielen. Da! Lies!"... Ehe der vor Wuth sprachlose Waldemar noch ein Wort erwidern konnte, hatte Alexander das Komtor verlaffen. Der Direktor hatte nicht übel Lust, ihm noch einige Liebenswürdigkeiten nachzuschreien, als sein Blick auf den Zettel fiel, den sein Brnder ihm aufs Pult geworfen. Er las:„Soeben an zwei Stellen auf vorzügliche Kohle gestoßen. Die Ader scheint unermeßlich zu sein. Meine herzlichste Grs- tnlatiou! Wiesemaun."� Seit jenem Julitage schritt Alexander Tcßmer von Erfolg zu Erfolg. Die Grube, die er zu Ehren seiner Frau„Louisen- grübe" getauft halte, entwickelte sich glänzend, und ihr Be- grüuder war in Ivenigen Jahren ein wohlhabender Mann. Seine Devise„Leben und Lebenlaffen" schuf ihm viele Freunde. Tie ersten Erträge ans dem neuen Unternehmen benutzte der„Grubenrepräsenlaut" Teßmer dazu, ein größeres und einige kleine, unter den Hammer kommende Bauerngüter in Hogwitz zu erwerben. Seinem Bruder Waldemar hatte der neugebackene Guts- besitzer inzwischen wanchen moralischen Nackenschlag versetzt. Das reictilich fließende Grubenwasser beseitigte mit einem Schlage das alte Hemmniß einer glänzenderen Entwickelung der Zuckerfabrik Senken. Es war Alexander ein Leichtes, durchzusetzen, daß die Fabrik gegen Ueberlassung des Gruben- waffers seine Kohle kaufte. Waldemar sträubte sich mit aller Kraft gegen dieses Abhängigkeitsverhältniß, aber die Aktionäre zivangen ihn zum Nachgeben. Neben der Fabrik lag ein herrliches, ungefähr zwanzig Morgeir großes Wäldchen mit zum theil uralten, stattlichen Bäumen. Das Wäldchen gehörte der Fabrik, und Alexander wünschte es zu kaufen, um sich eine Villa hinein zu bauen. Waldemar stemmte sich wieder mit aller Wucht gegen dieses Verlangen. Das fehlte ihm noch, daß ihm dieser Junge so auf den Leib rückte! Alexander drohte mit der Wasser- eulzuhling und der Gründung einer neuen Fabrik, und die Aktionäre waren mürbe. Ein Jahr später war aus dem Wäldchen ein prächtiger Park geworden mit einem statt- lichen Teich, der mit Grubenwasscr gespe st wurde. Als Teßmer die Bauerngnler kanfle, fielen ihm auch einige Fabrikantheile in die Hände. Der neue Aktionär machte dem Direktor viel zu schaffen. Krankkeit und andauernde Mißerfolge in seiner Wirlhschaft hatten die Lebenskraft Waldemar's ohnedies sehr geschwächt. Einen neuen Triumph feie vre Alexander durch den Ankauf der„Schäferei Hogwitz", eines Gutes von vierhundert Morgen, das die von Diohler'schen Erben zu Gelde machten. Damit siel ihm ein neuer beträchtlicher Fabriksantheil zu. Dieser Schlag war zu viel für Waldemar. Er fühlte, daß seine Tage als Alleinherrscher in der Fabrik gezählt seien, und zog sich zurück, seinen Platz einer Kreatur Alexander's überlassend, der allmälig die Aktionäre auf seine Seite ge- bracht hatte. Waldemar's Dcmüthigungen hatten damit jedoch noch nicht ihr Ende erreicht. Seine verschuldete Wirthschafl ging zusehends zurück, während seines Bruders Güter allgemein als Muster galten. Ans Mangel an Betriebsmitteln mnßle der Ex- Direktor zusehen, wie die Zinsen der großen Schuldenlast immer schneller die Erträge seines altmodisch bewirthschafteten Gutes ausfraßen, indeß sein Bruder durch glänzend durch- geführte, moderne Betriebsweisen goldene Ernten einheimste. Noch einmal lebte in Waldemar die alte Energie auf, als sein Bruder Anstrengungen machte, seinen sozialen Einfluß durch Erreichung des Amtsvorstehcrpostens auf den Glp� t zu bringen. In den Gemeindeversammlungen und durch Eingaber an die Regierung wetterte er gegen den Wucherer, Gründer und revolutionären Kopf von Bruder, der gewissenlos alles mit Füßen trat, was jedem alten, redlichen Landmanne theuer war. Vergebens! Der Amtsvorsteher Alexander Teßmer er- hielt die Bestätigung der Regierungsbehörde. Kurz darauf machte der Tod Waldemar's dem Hasse der beiden Brüder ein Ende. Alexander kaufte für ein Butter- brot den heruntergekommenen Besitz seines Bruders und galt von nun an unbestritten als Erster im wirthschaftlichen und sozialen Leben des Amtsbezirkes Senken. Er nutzte diesen Vortheil auch einige Jahre lang aufs gründlichste aus und brachte die Fabrik allmälig fast ganz in seine Hände. Gleich- zeitig faßte er den Entschluß, eine neue Fabrik neben der alten zu bauen, um auf diese Weise eine weitere glänzende Absatz- quelle für sein reiches Kohlenlager zu gewinnen und immer weitere Gutsbesitzerkreise in seine Machtsphäre zu zwingen.— Endlich hatte er auch dieses Ziel erreicht!--- III. Dicht an dem schmalen Fußwege, der mitten durch die reifen Getreidefelder von Hogwitz nach Senken führte, lag das Hauptbesitzthum des Bauern Wegner, eine Ackerparzelle von vierzig Morgen. Das Getreide und die Rüben, mit denen sie bebaut war, stachen merklich gegen die Nebenfelder ab, die Tcßmer gehörten. Das Getreide stand dünn und mittelhoch, die Rüben spärlich und welk, während auf Teßmer's Felde beide in üppiger und frischer Kraft prangten. Das fühlte auch Wegner, der hinausgegangen war, um die Reife des Korns zu prüfen, und nun mit trauriger Miene die sicher sehr mager ausfallende Ernte abschätzte. Mechanisch ließ er die Aehren durch die rechte Hand gleiten, während er sich mit der Lücken den Schweiß von der gefurchten Stirne wischte. Obwohl es bereits sieben Uhr abends war, brannte die Julisonne noch heiß und glühend auf die Ebene hernieder, lag die Luft schwül und drückend, wie eine athcmbeklemmende Staubwolke, über den Getreidefeldern. Kein Hauch bewegte das weite Aehrenmeer. Wegner, in Hemdsärmeln und ohne Hut, achtete jedoch wenig auf den glühenden Sonnenbrand, der auf seinen balbkahlen Schädel niederprallte. In Gedanken versunken stand er lange, während sein Blick unruhig über die Weiten schweifte.. Zehn Jahre waren seit der Gründung der neuen Zucker- fabrik verflossen, die für ihn zn einer Quelle des Elends ge- worden war. Di« KOOS Mark, welche er von Steinig gegen Wechsel geborgt hatte, um seinen Antheil einschieben zu können, waren im Laufe der kurzen Zeit zu einer Schuldenlast von 20 000 Mark angewachsen, die ihn fast erdrückte. Gewiß waren es nicht die Zinsen an Steinig allein, die ihn so tief hinein- gerissen; bewahre, er zahlte nur sechs Prozent, keinen Pfennig mehr; aber die Revolution seines kleinen Betriebes durch die kostspielige Rübeuwirthschaft hatte einen Hundertmarkschein nach dem anderen verschlungen. Von Quartal zu Quartal halten die Zinsen seine Ueberschüsse aus« gezehrt und ihn in neue, größere Verbindlichkeiten gestürzt. Die Fabrik hatte bisher noch keinen Profil abgeworfen, da Teßmer den Betrieb nach jeder Kampagne vergrößert und das Etablissement immer großartiger ausgestattet halte. „Wir uiüssen auf der Höhe bleiben, wenn wir das nächste Mal einen glänzenden Abschluß haben wollen!" hatte er bei jedem Jahresabschlüsse den Aktionären zugerufen, die stets nur widerwillig zustimmten, daß der größte Theil des Gewinns zn neuen technischen und maschinellen Einrichtungen verwendet wurde, anstatt in ihre Taschen zu fließen. Die großen Besitzer, welche bei ihrer intensiveren Kultur aus dem Rübenbau alle möglichen Bortheile zogen und in der Lage waren, die kommenden, doppelt ergiebigeren Saisons abzuwarten, stimmten, wenn auch ungern, Teßmer doch schließ- lich bei. Die Kleinbauern aber drohten uiUer der Last der gewinnlosen Kampagnen zusammenzubrechen. Und das w« auch der Zweck des Teßmer'schen Verhallens. Allmälig war er der Gelddarleiher all' dieser ver- schuldeten Existenzen geworden, sehr zum Aerger Steinig's, dem et durch einen mäßigen Zinssatz schwere Konkurrenz «acht«. Langsenn aber sicher hatte er fast alten kleinen Aktleninhabern der Fabrik die Schlinge uin den Hals ge- warfen. Auch Wegner gehörte zu seine» Opfern. Die schöne Ackerparzelle des Bauers, die so mitten zwischen seinen! großen Besitze? rag, erregte besonders seine Habgier. Kein Wunder ZÄuer, daß Wegner vor einem Jabre plötzlich alle seine Wechsel mit Teßmer'schem Gelde bei Steinig einlöste. Wegner konnte sich einen freundlicheren, nachsichtigeren Schuldherrn, als Teßmer, auch gar nicht wünschen. Er war stets zur Hergabe eines neuen Darlebns bereit, mahnte ihn nie an seuie Verpflichtungen, sondern schien es geradezu darauf abgesehen zu haben, ihm die Qnartalsersten leicht und an- genehm zu macbcn, während Steinig ihn an jedem Verfalls- tage bis aufs Blut gequält hatte. Auch sonst schien Teßmer reges Interesse an Wegner's Wirthschaft zu nehmen. So hatte er ihni z. B. für morgen zur Roggenernte gegen den üblichen Tagelohn drei Arbeiter über- lassen, da Wegner trotz aller Mühe keine Arbeitskräfte hatte bekommen können. Trotz dieser Teßmer'schen Hilfsbereitschaft ging Wegner's Wirthschaft doch zusehends zurück. Bereits einige Male hatte er Teßnier seinen Fabrikantheil zum Kaufe angeboren, immer aber hatte ihm dieser davon abgerathen, ihni vielmehr vor- geschlagen, durch Ankauf von Spckulationspapiercn das Glück herauszufordern. Das that ja heutzutage alle Welt, und das Geld dazu wolle er ihm gern vorstrecken. Bisher hatte Wegner von diesem Anerbieten keinen Ge- brauch gemacht; aber der Gedanke, durch eine glückliche Börsen- spekulation viel Geld zu verdienen, seine Schulden zu bezahlen und vielleicht noch einige Tausende übrig zu behalten, verfolgte ihn seit- dem wie eine fixe Idee. Er hatte keine Ahnung, wie ein solches Geschäft verlief; das würde ja auch alles Teßmer besorgen, in dessen Komtor er eines Tages auch die drcißigtausend Mark Gewinn in Empfang nehmen würde. Das Herz lachte ihm, wenn er an diesen seligen Augenblick dachte, und er dachte immer öfter daran, so oft schließlich, daß er gar keine Zeit mehr hatte, sich noch um seine Wirthschaft zu kümmern. Auch jetzt huschte ein Schimmer von Freude über sein ge- röthetes Gesicht, als er sich im Geiste ausmalte, wie sein Getreide und die Rüben dastehen würden, wenn er erst einen TKeil des so leicht geivonnenen Kapitals in die Wirthschaft gesteckt hätte. Mit diesem sonnigen Traume beschäftigt, schlug er langsam den Weg nach Hogwitz ein. Er war nur eine kurze Strecke gegangen, als zwischen dem hohen Aehrenivall, der den Fußweg entlaug lief, die Gestalt Teßmer's austauchte. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verdolni.) Dviktev Vlsst'e. Von H e r m i n e V i l l i» g e r. In der Ecke eines Wagens dritter Klasse saß ein geistlickier Herr und las in seinem Brevier, ihm gegenüber, eine dicke Markt- frau und warf von Zeit zu Zeit einen ehrsnrchtsvollen Blick aus den fromme» Herrn, was sie jedoch nicht hinderte, ihre beiden groben, der Schuhe entledigten Füße an seine Seite auf den Sitz zu legen. „Den soll der Teufel holen, den verfluchten Schuhmacher.'' sprach sie in rauhem, kräsligem Mannston.„drückt mich das verdammte Schuhwerk seit heute früh um Fünf«— aber und sie»ahm beide Schuhe i» die Faust,„an de» Kopf soll er jeden lriegen, der Dunnerwetterkerl, ich will ihn lehren, ein Kreuz schlagen—" Die paar Leule in den anderen Abtheilungen lachten; der Geist- liche aber blieb ernsthast in sein Brevier versenkt, und nachdem ihm die Frau abermals einen gottesfürchtigen Blick zugeworfen, nahm sie von neuem das Wort:„Kommt da so'ne M adumm, schaut meinen Salat an und find't ihn nicht frisch. Was had' ich gesagt—„Si'e sind nicht frisch, Verehrteste, aber mein Salat ist frisch." Von mir soll leiner behaupten, daß ich was einsteck' oder mir was gefallen laß, oder nichts Nachtrag'! Ich bin die Schuppe!" Und sie nahm eine Prise, klappte die Dose zu und schaute sich herausfordernd im Koupee um. Der Geistliche hatte sich von den großen Füßen der Frau soweit wie möglich zurückgezogen und faß nun ganz schmal in seiner Ecke. Er wartete geduldig einen ihrer ehrfurchtsvollen Blicke ab und sprach dann in leisem, salbungsvollem Tone: „Haben Sie auch schon über die Worte der heiligen Schrift nachgedacht, liebe Frau:.Wenn Dich einer auf die rechte Wange schläat, so reiche ihm die linke dar'—?" „Nein, Hochwürden." fiel sie ihm ins Wort,„nachdenken thu' ich nie, ich hau' gleich zn— wissen Sie. Hochwürden, das ist Gefchäftssach', wenn man's zn was bringen will, muß man sich »ühren. Der Sonntag, ja, der gehört iinserni Herrgott, da halt' ich drauf als echte Christi» und geh' in meine Kirch', am Werktag aber schlag' ich mich rechtschaffen mit dem Lumpen- gesindet von Menschen herum, damit ich zu was komm'. Wiffen Sie, Hochwürden, ich kenn' die Le»l', ich Hab' nicht umsonst ein Paar Augen im Kops wie ein Tintenklex, ich schau' jedem bis in den Magen nnd last' mir meine Waar' nicht heruntersetzen. Ja, und das ist mein Trost noch im Grab, daß jeder seine Grobheit gekiiegt hat." Der Geistliche bewegte längst wieder die Lippen im Gebet nnd seine Winipern berührten die vor Aerger rothglänzenden Wangen. Es schien ihm nicht geheuer, seinen Bekehrungseifer an einem Gegenstand zn versuchen, der niemand eine Grobheit schuldig blieb. Die Alte öffnete nach ihrer Rede die Haubenbänder, tchimpfle über die verdammte Hitze, streifte die Aermel über die braunen massigen Arme nnd erklärte, das einzig Ver- »ünftige wäre, der Mensch gehe bei solcher Gluth im Hemde. Des Geistlichen Antlitz überflog Flammenrölhe, während die Bauern in der anderen Abtkeilimg kein Arg in der Behauptung fanden, sondern brummend beistimmten. Der Zug hielt an, neue Reisende zwängten sich mit Sack nnd Pack zwischen den Bänken hindurch, jeder den ihm angemessenen Platz erspähend. Ein kleiner blasser Mensch mit langen schwarzen Haaren, über denen ein mächtiger Filzhnl thronte, nahm neben dem geist- lichen Herrn Platz. „Was es aber jetzt so viele Maler giebt," wunderte sich die Frau,„der Markt voll Weiber ist nichts dagegen— verdient sich's denn auch ivas damit? Ausschauen thnn Sie gerad nicht danach— bei unser einem sieht man doch wenigstens, daß er satt zu essen hat. 'Aber jeder Stand hat seine Freud', und mancher hat sie in der Ein- bilvung." Der blasse Künstler warf der Sprecherin einen ärgerlichen Blick zn, gab jedoch keine Antwort, sondern starrte zum Fenster hinaus. Plötzlich stieß ihn die Marktfrau mit den Knien an und streckte ihm ihre TnbakSvose hin.„Zugegriffen", befahl sie. daß kein Bedenken möglich war, dann klappte sie die Dose zn und wandte sich»ach der Abiheilung hinter ihr. wo etliche Bauern im CUmlin ihrer Pfeifen saßen, viel spuckten und über die Zeiten wehklagten. „Aber's Obst steht schon gut." meinte der eine; bevor ein anderer den Fall überlegt, schrie schon die Marklsran, die Arme auf die Lehne gestemmt:„Was— gut?— Könnt' besser sein— Ihr Bauern, Ihr seid mir die Pfiffigen!— über Eurem Heu habt Ihr immer zu greinen—'s Futter gerathet nie. das ist so gewiß, wie's Brot am Lade»! Aber mit dem Obst, da thun sie breit— da kommt's ihnen nicht so drauf an— aber wißt Ihr, wem's darauf an- kommt? mir! und ich bin die Schuppe!" Die Männer lachten und mit ihren friedlichen Anscinander- setzunge» balle es ein Ende; in all' ihre Reden platzte die Schuppe wie eine Bombe hinein, war stets anderer Meinung und überschrie sie alle. Der Geistliche i» seiner Ecke hörte mit Unmnth das Reden und Schreie» der Leute mit an, die ihm nichts als Unzufriedenheit mit den Anordnungen Gottes und dünkelhaftes Besserwissen ver« riethe». Das soll ich nicht nmsonst gehört habe», dachte der Diener Gottes, und der Same zn einer Predigt fiel i» seine Seele. Auch der Kunstler an seiner Seite hatte eine für seine Zwecke wichtige Entdeckung gemachls; in der Abtheilnng nebenan saßen sich zwei junge Menschen gegenüber, deren Verschiedenheit wohl im stände ivar, ein Künstlerauge zu fesseln. Die Kleine, kaum sechzehnjährig, wohl die Tochter eine? der qualmende» Bauern— trug die Tracht ihres Landes.— Der Maler saß schon mit deni Skizzenbuch auf den Knie» da und suchte, trotz der schaukelnden Bewegung des Wagens, das kindlich-liebliche Gesicht nnter dem runden Hut ans sein Papwr zu bringen. DaS Bauer, imädchcn saß ganz still und kerzengerade, die Hände gefaltet wie in der Kirche; das Reisen war ihr offenbar ein seltenes Vergnüge», vor dem sie großen Respekt hatte. Anders der junge Maussallenhändler ihr gegenüber, dessen braune lebendige Züge und lief schwarze Augen keinen Augenblick still standen. Er schien sich ganz beinlisch zu fühle» auf den harte» Bänken, nichts zwängte ihn ei» oder machte ihn verlegen, nicht einmal der strenge Blick des Schaffners, der ihni sei» Billct abverlangte. Er ließ ihn sogar eine ganze Weile warte», kramte in seinen zerlumpten Taschen herum und brachte die Karte erst zum Vorschein. als der Gestrenge die Geduld verlieren wollte. Nun lachte der Schlingel und seine Zähne blitzten wie Schnee aus dem dunklen Gesicht. Leise, wie ver» schämt, huschte auch der Schalten eines Lächelns über des Mädchens Züge, während ei» warmes Roth das feine Gesicht durchglühte. Der Maler fuhr sich, tief athmend, durch das schwarze Haar, der alte ichon so oft erlebte Sturm brach in ihm los, und kühne Hoffnungen knüpften sich ml das entstehende Bild, nach dem er schon den ganzen Sommer auf der Suche geivesen. Wenn nur der Bube still sitzen wollte— war der Stoßseufzer, der immer wiederkehrte. Da unterbrach ein Tunnel sämmtliche Reden nnd Gedanken der Reisenden; nur der Mansfallenhändler ließ einen Jnbelschrei ertönen und fuhr mit dem Kopf zum Fenster hinaus in die schwarze Dunkelheit, welche von der ganzen schönen Welt allein für ihn Interesse zu haben schien. Als es wieder hell wurde, versuchte der Maler weiter zn zeichnen. nnd Hochivürden kritzelten ein paar Worte an den Rand seines Gebetbuches. Der junge Maussallenhändler aber sprach angelegentlich auf in blondes Gegenüber ein, ohne daß dieses ein Wort verstand. Jedoch das schadete nichts, das Mädchen schien trotzdem der bieg« (amen Stimme des Burschen mit Vergnüge» zu lausclie». und lang- am. aber zusehends verlor sich die Smfheit aus ihrer Haliung. Beim nächste» Tunnel schaute sie sogar mit dem heileren Gesellen um die Welte in die Nachl hinaus, und er legte unbefangen de» Arm um ihren Hals, während sein dunkles Haar ihre Wange um- spielte. Als er sich aber tollkühn, wie er war, weiter zu», Fenster hinauslegte, Holle ihn plötzlich eine derbe Hand kräftig zurück, und da es Licht ward, stand die Marktfrau vor dem junge» Volk. „Auch noch für einen Welschen muß man sorg?», potz Donner- weiter, als ob man nicht grad' genug unnützes Bubenvolk im eigenen Land hält'.— Umkommen kann jeder, da Hab' ich nichts dagegen, aber vor meinen Augen verbilt' ich mir's, da hat man die Verant- wortung, verstanden Der Bube nickte, holte behende seinen Pack Mansfallen unter der Bank hervor und erklärte in gebrochenen Lauleu:„Große sunfzi Pennig— kleine dreißi Pennig." „Das nenn' ich gerieven," platzte die Marktfrau los,„will ich wissen, was Deine Mausfallen kosten, Bengel, glaubst Du vielleicht, die Schuppe lasse sich was aufbinden?" Der Bursche nickte abermals, knüpfte eine der großen Maus- fallen ab und händigte sie der Frau ein, ihr dabei all' seine Herr- kichen Zähne zeigend. Die junge Dirne lachte hell ans, wurde aber durch die Alte schnell zur Ruhe gebracht: „Dummes Ding," fuhr diese ans,„einfältiges Volk, das nichts als lachen kann, als ivär' die Well ein Tanzboden mit iviusi- kanten— wirst auch noch Deine Nüst' zu knacken kriegen, bleibt bei keiner ans." Mitten unter ihrem Schelten zog sie jedoch ihren Beutel hervor, setzte sich nieder, schüttete dessen Inhalt in den Schooß und suchte ausmerlsam ihr Kupsergeld zusammen. Was sie alsdann dem Bube» bot, war viel zu wenig, so daß er ihr das Geld, kurz enlschlossen, i» den Sckooß znrückwarf, nach seiner Mausefalle greifend. Sie riß ihm dieselbe aus der Hand, ihm einige Pfennige mehr bielend, er wollte nicht und nun eiserten sie, jedes in seiner Sprache, leiden- fchaftlich aufeinander ein. „Zum Teufel." schrie der Maler, ganz unglücklich über sein zer- fiürles Bild,„so geben Sie doch dem Burschen sein' Sach'— assen S i e vielleicht mit sich handeln?" Das konnte die Schuppe nicht gut bejahen; sie nahm ihre Falle. zahlte und setzte sich ans ihren allen Play, dem Künstler gegenüber. Als sie sah, daß er zeichnete, beugte sie sich über sein Skizzenbuch, benahm ihm alle Lust und überströmte ihn mit ihrem Alhei». Ader für den Maler gab's nur noch die kleine Ecke nebenan, alles Uu- gemach, das ihn selber traf, war ihm einerlei. Der Bursche saß endlich still; er lag mit den Armen über den Knien, drehte den grauen Filz zwischen den Händen und saug. Leicht vorgebeugt, die gefalteten Hände aus den Knien, saß die Maid und lauschte den lieblichen Melodien. Der Zug hielt und dampfte weiter, die beiden merkten es nicht. Von Zeit zu Zeit fuhr die Schuppe in die Höhe, warf ein kräftiges Wort m die Baucrnablheiluiig, lächelte Hochivürden ehr- fnrchtsvoll an und schaule dann wieder kritischen Blickes in das Skizzenbuch. Plötzlich hielt der Zug, das Lied auf des Bursche» Lippen brach ab, er riß seine Last an sich, schnallte sie um und drückte den Filz aufs Haupt. Noch zögerte er, den Wagen zu verlnsseu, aber er hätte auch nicht können, die Schuppe stand mit Korb und Schirm breit unter der Thüre und schob ihn mit einem„Platz da, Racker"— energisch zur Seile. „Behnl' Gott. Hochwürden." grüßte sie den geistlichen Herrn; zn dem Künstler sagte sie:„Ihnen rath' ich, schaffe» Sie was Gescheit's; was Sie da hinein kritzeln, macht Sie Ihr Lebtag nicht seit.— Und mit Euch," wandte sie sich an die Bauern,„mit Euch nehm' ich's noch lang auf. Ich bin die Schuppe!" Damit gab sie Raum und keuchte, zusrieden, daß jeder seinen Autheil halte, schwer- fällig die Stufen hinab. Der Geistliche und der Maler folgte» ihr auf dem Fuß; der eine hatte seine Predigt für de» kommenden Sonntag im Kopf, der andere seine Arbeil aus Wochen hinaus; so kümmerte sich keiner mehr um den andere». Nur die beiden Kinder schauten einander traurig»ach,»nd während der Bube die Land- straße sürbaß schritt, blieb das Mägdlein am Fenster stehen und summte leise die Melodien»ach, mit denen eS ihr der braune Bursche angelha».—_ Kleines Feuillekon — Jüdische VolkSsänger. Sie nennen ihr Unternehmen zwar „Original Budapester Possen- und Operettentheater", in Wirklichkeit aber sind die Gebrüder Herrnseld richtige„Volkssänger". Und das ist ihr Vorzug. In letzter Zeit sind sie allerdings etwas groß ge- worden, sie habe» Kaufmann's Variele-Thealer gemiethet und eine ganze Reihe von Mithelfern herangezogen; aber diese bilden ja nur die Folie, die beiden Brüder beherrschen vollständig die Szene. Ihr Genre ist in Wien entstanden. Weil über Hunderl Einakter, die er selbst gedichtet, brachte dort der„alte Kämpf" aufs Breill, und es ist der Geist des„Lumpacivagabundus", der in seinem„Stammgast", in„Der Greisler und seine Bettgeher"(Schlafburschen) u. s. w. um- geht. Der Volkssänger Hirsch ist dann in seine Fußstapfen getreten, nur hat er seine Figuren aus dem Kreise jener jüdischen Klein- Händler zenomnlen, von denen die Leopoldstadt voll ist, und»on denen die dortigen kleinen Kaffeehäuser bevölkert werden. Sie sprechen den Wiener Dialekt, wie er eben in der„Leopold- sladt" gesprochen ivird, und zur Erheiterung der sachverständigen Zuhörer mische» sie bei jeder Gelegenheit hebräische Worte. Ansorücke u»d Wenduugen dazwischen. Dadurch gewinnt das Spiel etwas Familmres, von den erste» Worten an ist der Kontakt zwischen Schauspielern und Zuschauer» hergestellt. Alle diese kleinen Einakter bieten Szenen aus dem jüdischen Lebe», aus dem Familien» leben meistens, fassen es naiv mit alle» seineu Schwächen und Vor- zügeu. Etivas Gepieffertes läuft mit unter, aber es wirkt hier nicht unnatürlich. Als die Gebrüder Herrnfeld hierherkamen, brachten sie so ein Leopoldstädler Gewächs„Eine Partie Klabrias" mit. Jetzt „dichten" sie sia, selbst ivas. Im vorige» Jahre haben eine Menge Berliner über ihr„Endlich allein!" gelacht, dann kamen sie mit dem „Himmel aus Erden"»nd am letzten Montag haben sie wieder zwei Neuheiten heransgebracht:„Ein Abend im Wintergarien" und„Im Aielier". Die Titel sind für den Inhalt der Stücke natürlich belang» los. ein künstlerischer Maßstab ist an den Inhalt und seine Ge- staltung nicht zu lege». Was die Dinger interessant macht, ist das Spiel der beide» Herrnseld. Sie sind Künstler in ihrem Genre. Und es verlohnt sich wohl, daß nian sie aussucht. Die Lachthränen werden einem gar oft über die Nase rolle». Worum soll» se nischt rollen, wenn se rollen wollen?— Aus dem Alterthum. g. b. Eine große Anzahl interessanter Neuerwerbungen hat die e g y p t i s ch e A b t h e i l u„ g unserer Museen auf- ziiweisen. An der Oftwand des Säulensaals sind die uns durch die Intervention des Professors Schiveinfurt überlassenen Proben aus den Funden von Neggadeh in Oberegypten ausgestellt worden. Sie gehöre» der gleichen Zeit an, wie die bekannten Ausgrabungen des Prof. Flinders Petrie von Ballas; das heißt, sie sind vor die IV. Dynastie, vor das Jahr 3000 a. Chr.». zn setzen; bislang die ältesten Spuren egyptischer Kultur. In vielem machen diese Funde auch noch den Eindruck vorgeschichtlicher Reste. Es sind Thon- und Eleingefäße,— erstere noch ohne eigentliche Glasur, mit der Hand verfertigt,— Feuersteinmesser und Keulen, Elsenbeinringe. Nadeln und Pfeilspitzen. Bo» größtem Interesse sind zwei einzelne Gradsunde aus Neggadeh. Nebe» Schalen voll Opsergabe», wie Knochensplitter und Menschenhaar, ist noch«in Spiel mit kleinen Steinkugeln der Leiche beigegeben worden. Es besteht in einer runden Thonplalte mit eingegrabener Spirale, die in der Mitte in eine Vertiefung ausläuft. Es mag im Prinzip Aehnlichkeit mit dem vor Jahren so beliebten„Schweinchenspiel" gehabt haben. Eine beigelegte eichnnng nach altegypttscher Darstellung erläutert den Gebrauch. as lhönerue Figürchen einer bierbrauenden Magd, die einfach nackt bis an die Hüften im Bräubottich steht, wirkt etwas eigenthümlich auf unser heutiges Gefühl. Das wichtigste dieses Fundes sind aber zwei kleine Todtenschiffe, kleine thöuerne Schiffsnachbildungen, eines bemannt, eines unbemannt. Sie sind die ersten und einzigen ans so früher Zeit uns überkommenen und bieten den Gelehrten neuen Aufschluß über das Alter deS egyptischen KultuS. Und das ist von desto größerem Interesse, da aus jener ältesten Epoche keine längeren Aiifzeichmuigen, ja kaum Schristzeichen auf uns gekommen sind. I» dem Saal des neuen Reiches hat eine prächtige, einzig dastehende Neuerwerbung Unterkunft gefunden; ein hölzerner Pflug mit allem Zubehör. Pflugschar mit zwei Sterze» und einem Joch, das, nach seiner Form zu nrtheilen, für zwei kleine Buckelochsen bestimmt war; mit Schaufeln zum Worfeln des Getreides; mit Hacke zum Zerkleinern der Schollen; mit Korb zum Reinigen des Korns vom Nilschlamm. Alles ist aufs beste erhalten, und einzelne Theile des Ackerbaugerälhs sind sogar noch durch die alte» Stricke mit einander verbunden. Auch hier erläutert eine Zeichnung nach gleich- altriger Darstellung den Gebranch.— Medizinisches. t. Die Ueberlegenheit der Frauen beim Er» tragen von Operationen ist vielfach behauptet, aber erst kürzlich durch die Statistik sicher festgestellt worden. Es handelt sich dabei nicht nur um ein leichteres Ertragen von Schmerze», sondern um den Erfolg der Operation überhaupt. Die Statistik hat alle bekannt gewordenen Fälle über den Ausgang der schwersten Operationen gesammelt«nd nach dem Alter, dem Geschlecht und der Nationalität des Patienten, sowie nach dem„chirurgischen Tempera- ment" und der Erfahrung des operirenden Arztes unterschieden. Was nun de» Unterschied zwischen den beiden Geschlechter» betrifft, so ist es schon längere Zeit bekannt, daß der Bauchschnitt und alle Unterleibsoperationen von den Frauen besser ertragen werden als von den Männern, auch wenn letztere sonst von kräftiger Körper- beschaffenheit sind, z. B. bei Feldarbeitern. Jetzt hat man auch die Erfolge der Pylorektomie(Operation des Magen- ausganges) und der Gastroentorostomie(Anlage einer künstlichen Fistel zwischen Magen und Dünndarm) aus ihren Erfolg bei den verschiedenen Geschlechtern geprüft. Von 117 Operationen bei Männer» betrug die Sterblichkeit Sl pCl., bei 96 Operationen von Frauen nur 3b pCt. für die Gastroentorostomie. bei der Pylorektomie starben von 70 Männern 64,3 pCt. und von 146 Frauen nur S2,8pCt. Man hat diese größere Widerstandsfähigkeit der Frau einfach dadurch erkläre» wollen, daß dieselbe eine besondere Eigen- schast des weiblichen Geschlechtes sei. Terrier hat mit recht diese Art von Erklärung mit einer Stelle bei Moliäre verglichen, mo die Wirkung des Opiums dnmit erklärt wird, dnp es eine ciiischläsernde Krast besäße. Natürlich mutz eine eigeulliche Erklärung weit besser begründet werden und ist wahrscheinlich i» folgendem zu suche». Bei einer Frau, die Entbindungen durchgemacht hat. ist die Leibes- wand weicher, schlaffer und weniger dick, infolgedessen kann der Arzt die ertränkte» Theile besser untersuchen und den Sitz des Nebels schneller feststellen. Danach kann die no lhwendige Operation anch schneller ausgeführt werden und es ist daher die Regel, daß Frauen bei derartigen Krankheiten früher, d.h. i» einem weniger vorgeschrittenen Stadium der Krankheit operirt werden als Männer. Dazu kommt, daß die Frauen durchschnittlich eine weniger regelmäßige Zlrbeit zu thun haben als die Männer und infolge dessen einen ärztlichen Rath früher»achsuchen, während die Männer häufig erst im Zustande völliger Erschöpfung sich zur Aufgabe ihrer Thäligkeit entschließen. Durch diese natürliche Erklärung der besprochenen Thatsachen soll geivitz den Franen die Genugthunng, auch Schmerzen an sich besser erlragen zu können, nicht genommen werde».— Ans der Pflanzenwelt.. — Ein unverbrennlicher, ja bis zu einem gewissen Erade feuerfester Baum findet sich in Kolumbie». vielleicht sogar in dem ganzen Nordwesten von Südamerika. Der Chaparro, wie die Eingeborenen ih» nennen. kommt eigentlich nur in Gegenden vor, die zeitweise durch Steppenbränd« verheert werden. In Land- strichen, wo Steppenbrände fehlen, scheint er sogar schlechter zu gc- deihen. Diese Beobachtung ist ein lehrreiches Beispiel dafür, bis zu welchem Grad« sich Pflanzen den Verhältnissen ihrer Umgebung anzupassen vermöge». Die ungeheuren Savanne» oder Llanos des südlichen Amerika's, in denen nur selten eine kleine Erhöhung die eintönige Fläche, welche eben wie ein Tisch ist, unterbricht, werde» im Hochsommer von der Sonne völlig versengt. Erst wenn die Regenzeit wiederkehrt, schießen Pflanzen i» wunderbarer Fülle empor und bilden die herrlichste» Weiden, auf die dann die Eingeborene» ihre Heerde» treiben. Alljährlich werden»un dieseWeideplätze nachalter Gcivohnbeit abgebrannt, damit das verdorrte Gras dem Emporschießen des srischeu Grüns nach der Regenzeit nicht hinderlich ist. I» jedem Jahr wandern also ausgedehnte Brände über die Steppe. Sie sind die Ursache, daß solche Savanne» im allgemeinen völlig baumlos sind; nur ein einziger Baum bleibt in den alljährlich wiederkehrende» Bränden unverwundbar, eben der Cdaparro, de» die Gelehrten Hoxala odovata genannt haben. Natürlich darf man von dem Chaparro, der sich alljährlich gegen die Einwirkung des Feuers seines Lebens wehren muß, nicht erwarten, daß er Himmel- hoch emporstrebt, sondern er bleibt i» diesem Kanlpfe nur ein kleines Bänmchen. daS manchmal wohl bis zu 6 Meter hoch wird, dessen Stamm jedoch nie 30 Zentimeter an Dicke überschreitet. Bis in seine Zweige hinein findet man die Spuren seines Daseinskampfes; sie habe» die sonderbarste» Formen angenommen und sehen aus. als ob sie sich dauernd vor Schmerz krümmten. Seine Blätter sind hart geworden innen und außen, seine Blumen sind nur noch kleine unscheinbare Knöpfcheu. Seine Same» haben»un, so seltsam es klingen mag, von dem Feuer unmittelbaren Nutzen. Sie sind eiförmig, dabei aber glatt und mit häutigen Flügel» versehen; sie werden gerade reif, wenn die größte Trockenheit einsetzt. Sobald nun die Savannenbrände anfangen, treten stark« Luflsirömunge» auf, sie»virbeln die Samen empor und verbreiten sie überall hin. Auf diese Weise sind sie nur wenig dem Feuer ausgesetzt, werden ihm zum theil ganz entzogen. Was schützt aber den Baum gegen die Einwirkung des Feuers? Es ist seine Rinde; sie spielt bei ihm die Rolle eines feuerfesten Mantels, trotzdem sie höchstens nur 12 Millimeter dick wird. Ihre übereinandergelagerten Schichten, die wenig von einander getrennt siud, machen das ganze so wenig wärmeleitend wie möglich. Aber nur gegen das Feuer ist dieser merkwürdige Baum gefeit; muß er mit anderen um sei» Dasein kämpfe», dann ist er ivehrlos und unterliegt schnell. Deshalb gebt er in Gegenden, über die früher Steppenbrände hinweggingen, die ihnen aber später entzogen wurden, zwischen dem dann überall auf- schießenden Gesträuch schnell ein.— Geographisches. — Ein neuer See ist im Kamerungebiete entdeck! worden. Dieser See, Ossa- oder Lungasisee genannt, liegt a» dem Nordufer des Eanaga und entsendet 10 bis 1ö Kilometer unterbalb Edea einen Zufluß zum Sanaga. Das Südufer des außerordentlich duchtenreichen Gewässers ist flach, während die West-, Nord- und Ostseiie steil abfallende bis zu S0 Meter hohe Felscnuser haben. Der See ist sehr reich an wohlschmeckenden Fischen und von vielen Wasservögeln belebt. Rings um den See herum zieht sich weithin dichter, aber gänzlich unbewohnter Urwald.— Physikalisches. i. c. Telegraphie ohne Draht. Aus London wird ge- schrieben: Nach Mittheilungen der Post-Office haben die seit längerem auf mchrerc» Inseln vorgenoninienen Versuche der draht- losen Telegraphie recht beachtensiverthe Erfolge zu tage gefördert. Die hauptsächlichsten Versuche wurden angestellt zwischen den Inseln Guernfey und Sark, von denen die letztere trotz ihrer zablreichen Bevölkerung wegen des felsigen Meeresgrmrdes bisher noch nicht durch ein Kabel verbunden werden konnte. Jetzt aber ist mit Hilfe der Apparate fiir drahtlose Tele- graphie schon seit mehrere» Wochen die telegraphische Verbindung hergestellt. Hierbei wurden bisher beide Methoden, so- ivohl die des Engländers Preere als auch die des Italieners Mar- co»i in Anwendung gebracht, wobei sich herausstellte, daß sich beide Methoden in sehr zweckmäßiger Weise ergänzen. Die elekrro- magiietische» Welle» des Systems Preece. welche sich in niedrigen SchwmgUttge» fortpflanzen, erwiesen sich bei ruhigem Wetter und hohem Barometerstände für durchaus geeignet, um' an die ans der gegenüberliegenden Insel aufgestellten Apparate zu gelangen, während bei stürmischem Wetter die sehr hoch gebenden elektiischen Wellenschläge des Marcoui'schen Apparats gute Dienste leistete». � Humoristisches. •w. y. Dem klassisch klaren, einfachen Grillparzer gefiel der Hebbe l'fche Schwillst»ichl. Und so improvisirte er denn einmal in der Wiener Hofvibliothek: „Richard Wagner und Friedrich Hebbel, Leide» beide an ästhetischem Nebbel; Und gefällt das doppell b euch nicht, So denkt— der Nebel sei gar zu dicht!"— In einer Wiener Abendgesellschaft, in der stch Grillparzer und Hebbel befanden, sollten die beiden Dichter nebeneinander zu sitzen kommen. Grillparzer bat jedoch die Dame des Hauses, ihn nicht »eben Hebbel zu setzen, denn, sagte er: Sehen Sie, gnädige Frau, Hebbel wäre am Ende im stände, mich plötzlich mit surchtbarem Tiejsin» zu fragen:„Wie ist Gott entstanden?!" Und er weiß es, und ich weiß es balt nicht— Der Dichter und langjährige Präsident des Wiener Schriftstellervereins„Concordia". Johannes Nord- mann, der mit seinem Famitieiinanlen Rum pelmaier hieß, interpellirte einst Grillparzer:„Aber lieber Grillparzer, wie kann man Dichter sein und„Grillparzer" heißen— Grillparzer?!* Und trocken, mit deni bekannte» betrübte» Lächeln, gab Grillparzer zur Antwort:„Ja, sresttch— Ruinpelmaier kann»et jeder heißen!"— Vermischtes vom Tage. — A u ch e i n e E r f i n d u n g. In dem amtlichen Verzeichniß der Patente für das Deutsche Reich ist folgendes zu lesen unter Nr. 92 400:„Fräulein£.§). in Berlin: Vorrichtuiig zur Wiederherstellung voller Wangen." Es folgt dann die Beschreibung des Avparales. der im Mund« zu tragen und an den natürlichen oder falfcheii Zähne» zu befefnge» ist.— — Aus Würz bürg mit einem l7jShrigen Dienstmädchen und 12 OOO M. ausgerückt ist ein klerikaler Siadtvaler. Seine Fru» und seine 9 Kinder hat er zurückgelassen.— — Die in der Metzer Garnison herrschende T N P h u S- epidemie ist noch iii»»«r im Znnebmen begriffen.'Allein bei einem Bataillon find Sg Kranke vorhanden. Todesfälle siud bis jetzt vier vorgelommen.— — Im Wiener XII. Bezirk hat stch ein Magistrats Beamter an den, Sterbebette seiner Frau die Kehle durch- geschnitten.— — In I e n b a ch(Tyrol) stürzte der Neubau eines Zimmer» Meisters ein. Ein Lehrling ivurde erschlage»»ud mellrere Arbeiter verletzt. Die Frau des Ztuiu>er>ue>>lers starb infolge der Aufregung.— — Vor einiger Zeit wurde der Intendant des uiigarifchen National- Thealers und der Oper in Budapest, Baron N o p s a öffentlich beschuldigt. daß er Charistiniien und Schau- fpielerinnen zu den Orgien des Nationalkasinos„hcrteihe". Der Herr drang damals auf«ine Untersuchung; sie ivurde dnrcbgesübrt, und der Intendant für„rein" besnudeu. Jetzt kommt die Meldung, daß der Baron seines Postens enthoben worden ist. Vielleicht war er gar zu„rein"!— — Ans der Liuie Jaszbereny-Budapest nahm eine Geflügelhäudlerin andere Frauen in H ü h» e r st e i g e n als blinde Passagiere mit. Die Sache dauerte eine ganze Weile, bis die Parteien in Streit kamen, zum Richter gingen und im Eifer der Debatte das Geheimuiß verriethen.— — Aus Mitlel-Steiermark und aus den 31 r d e int e n wird Schnees all gemeldet.— — Im Kanton Tessin sind große Ueber» s ch w e m m u n g e» eiugetrelen. Zahlreiche Brücken wurden zer- stört. Viele Ortschaften am Lago Maggior« sind übcrschwenniit.— — Die Brüsseler Weltausstellung wird am 7. No- vember geschlossen werden.— c. e. Von Briganten ermordet wurden in der Nähe von S i r a c u s a(Sizilien) zwei Viehhändler und zwei berittene Earabiuieri, die den Ueberfalleue» Hilfe bringen wollten.— — Untergegangen ist an der Küste von Neuseeland der Passagier-Dampfer„Tasuiania". Ei» Paffagier und neun Mann von der Bemannung sind crtrunkeu.—_ Verantwortlicher Redakteur: Nngust Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.