Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 177. Donnerstag, den 9. September. 1897. (Nachdrull verboten.) 7� Vev Vsuevnfühvev. Roman von Franz Kahler. Dieser war auffallend stark geworden. Sein imponirender Bauch, den er mit einer geschickt zur Schau getragenen Feier- licdkeit gewichtig vorwärts schob, gab ihm ein sehr würdevolles Aussehen. Die elegante Kleidung, im Schnitte eines vornehmen Landedelmannes, bewies, daß er die Rolle des reichen Grundbesitzers bereits mit allem Geschick spielte. Sein fabelhaftes Glück war auch auf sein ganzes Benehmen nicht ohne Einfluß geblieben. Mit vornehmer Unnahbarkeit hielt er sich die Leute vom Halse und glaubte den Gipfel der Söflichkeit erklommen zu haben, wenn er die respektvollen rüße der ihm Begegnenden mit einem leichten Kopfnicken erwiderte. Um so erstaunter war Wcgner, als ihm Teßmer mit einem liebenswürdigen„guten Abend" seine fette Rechte eut- gegenhielt. „Nun, alter Freund, was macht der Roggen? Prächtige Ernte? Wie?" „Sie könnte bester sein, Herr Teßmer. Der Boden will gar nicht mehr richtig. Es fehlt an Dünger, an Arbeit, an allem." „Es liegt ja nur an Euch, Wegner, aus diesem Sumpfe herauszukommen. Geld ist der beste Dung. Weshalb probirt Ihr nicht ein bischen. Ein kleines Spielchen, sage ich Euch, hat schon manchen auf gesunde Beine gestellt. Na, ich habe Euch die Hand geboten; wenn Ihr nicht wollt, zwingen kann ich Euch nicht." „O, o, Herr Teßmer, ich weiß, Sie meinen's gut; aber seh'n Sie, ich verstehe nichts von der Sache und mochte mein bischen Hab und Gut nicht ganz aufs Spiel setzen!" „Wer spricht von Hab und Gut. Versucht's mit ein paar hundert Thalern. Und was das Verstehen anbelangt, das laßi mir meine Sache sein. Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Und bedenkt, Ihr habt Weib und Kind, die Larifariwirthschaft muß also aufhören." „Na denn, Herr Teßmer, wenn Sie so gut sein wollen, ich verrraue Ihnen, denn Sie haben es mit den armen Leuten doch immer so gut gemeint." „Dias laß ich mir gefallen. So ist's recht. Wegner, den Kopf öben! Kommen Sie in mein Komptoir, wenn Sie mit der Ernte fertig sind; wir besprechen die Sache dann weiter. Guten Abend!" „Guten Abend, Herr Teßmer!" Einige Sekunden starrte Weguer dem sich langsam Ent- fernenden nach; dann schlug er unbekümmert um die Schwüle, die ihm dicke Schweißtropfen auf die Slirue trieb, hastig den Weg nach Hogwitz ein. Noch immer regte sich kein Lüftchen. Rur am fernen torizout lag ein langer, dunkler Schatten: heraufziehendes ewölk, hinler den, die Sonne zur Rüste gehen wollte. Auf der staubige» Dorfstraße lärmte eine Schaar schmutziger und zerlumpter Kinder, während die Eltern aus dem zu Teig gekneteten Braunkohlenstaube Ziegel, Brennmaterial für den Winter, forniten oder in den armseligen Gärlchcn längs der einen Seite des Weges mit Hacken und Jäten beschäftigt ivaren. Das Wasser des Teiches hatte ein schmutzig graues Aussehen; das Laub der Sträucher und Bäume bedeckte eine seine Staubschicht, die alle Farben und alles Leben weg- wischte. Einige schwer beladene Erntewagen, halb in Staub- wölken verborgen, wankten knarrend über das holperige Stein- Pflaster. Teßmer hatte langsam seinen Spaziergang fortgeht. Auch er war in Gedanken versunken, die aber sehr angenehmer Natur waren. Immer, wenn er diesen schmalen Fußweg entlang ging, den er einst so oft in trüben, bangen und auch hoffnungsfrohen Stunden gewandelt war, umfing ihn ein wohliges Gefühl satter Zufriedenheit. Hier, von der erhöhten Stelle des welligen Terrains aus, hatte man einen hübschen Ausblick in das weite, flache Land mit den unabsehbaren Getreide- und Rübenfeldern, den baumbesetzten Chausseen und den zwischenhiu verstreuten Dörfern. Einige hundert Meter vor ihm aber hatte sich das Bild gegen damals sehr verändert. Zu beiden Seiten der alten Zuckerfabrik Senten, die einstmals einsam zivischen den Feldern lag, waren die gewaltigen Anlagen der Kohlengrube, der neuen Zuckerfabrik und sein stattlicher Herrschaftssitz emporgeschossen, die, fast zwei Kilometer weit, von Senten nach dem Bahnhofe Wiesenau die Chaussee entlang liefen. Und fast all' das gehörte ihm. Seine kühnsten Träume waren übertroffen durch die Wirklichkeit. Sein Vermögen zählte nach Millionen; dreitausend Morgen fruchtbarsten Landes waren sein eigen; in den beiden Fabriken war sein Wille maßgebend; die Grube war sein ungetheilter Besitz; zweihundert Arbeiterfamilien standen in feinem Brot, eine große Anzahl von Existenzen, Direktoren, Techniker, Chemiker, Inspektoren, Handwerker und Kommis lebten von seinem Glücke. Unumschränkt wie ein Fürst gebot er in diesem wirth- schaftlichen und gesellschaftlichen Machtkreise. Und sein Regiment war in der That ein willkürliches nicht nur auf ökonomischem, sondern auch auf geistigem Ge- biete. Er kontrollirte nicht nur die Arbeiten, sondern auch die Ueberzeugungen seiner Lohndiener. Er hatte es ver- standen, direkt oder indirekt alle, die Wohlhabenden, wie die Armen seines Amtsbezirkes, von sich abhängig zu machen. Er war die Verkörperung des modernen Systems, das er im gewerblichen und geschäftlichen Verkehr hier eingepflanzt hatte, und in dessen Banne allmälig alle standen, vom Großbauer bis zum Tagelöhner. Trotz alledem fühlte sich Teßnier nicht befriedigt. Sein Ehrgeiz strebte hinaus über die Grenzen seines winzigen Amts- bezirkes. Er träumte immer ernstlicher von einem Land- und Reichstagsmandat, von einer politischen Rolle, die ihn hinaus- heben sollte über das Niveau gewöhnlicher Dorf- oder Stadt- Potentaten. Nicht nur sein Wahlbezirk sollte zu ihm empor- schauen; die ganze Nation, der König und die höchsten Diener des Staates sollten ihre Augen auf ihn richten, womöglich gar um seinen Einfluß werben. Ein reiflich überlegter, listig an- gelegter Plan stand bei ihm fest, die allgemeine Aufmerksam« keit auf sich zu lenken. Zwar zog von Zeit zu Zeit ein Schatten über diese? glänzende Bild: seine geringe Bildung, was ihn bei all' seiner Rücksichtslosigkeit und Keckheit oftmals in zaghafte Zweifel an das Gelingen seines Unternehmens stürzte. Allein er ver- traute seinem Glück, seinem Wollen, seiner eisernen Stirn und seinem Gelde. Für Geld sind auch Intelligenzen zu haben; wie seine Handarbeiter würden auch die Gehirntagelöhner für ihn schaffen. Die Gebildete» waren in seinen Augen ja genau der ver- achtenswerthe Pöbel, wie die große Schaar aller meuschlicheu Habenichtse, die sich feige und bettelnd um den Mann des Er- fölges drängt... Ein Windstoß, der plötzlich das weite Aehrenmeer durch- wühlte und in die glatte Fläche tiefe Furchen zog, schreckte Teßmer aus seinen Gedanken. Der ferne dunkle Wolkenstreifen war rasch näher gekommen und lagerte finster über den Gebäuden der Fabriken. Am Horizonte zuckle hastig ein greller Schein. Die Windstöße wiederholten sich rasch hintereinander; die Getreidefelder glichen einem aufgeregten See, aus dem ein ungeheures Rauschen drang. Als Teßmer in den weiten schattigen Laubengang deS Parkes trat, fielen die ersten Tropfen, während immer lauter und lauter das Rollen des Donners ertönte. Im Wohnzimmer der Teßmer'schen Villa wartete zur selben Zeit ungeduldig ein junger Mann von etwa fechsund- zwanzig Jahren auf die Rückkehr des Hausherrn. Dr. Fritz Nessel, Chemiker der Zuckerfabrik Senten und nebenbei Privat- sekretär Teßmer's, ein schlankgewachsener Herr mit kurz ge- schorenen, schwarzen Haaren, verschmitzt blickenden Augen, knochigen Backen und einem dünnen Schnurrbärtchen über den fest zusammengebissenen Lippen, ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Von Zeit zu Zeit blickte er ärgerlich durch das große Fenster, das nach der Part- seile führte, und schimpfte halblaut über die Rücksichtslosigkeit, mit der man ihn warten ließ. „Wahrhaftig eine Schande, was man sich von einem solchen Parvenü alles bieten lassen muß! Erst treibt er und quält er einen, daß man sich eine ganze Nacht um die Ohren schlägt, um die verdammte Arbeit.fertig zu bekommen, und — 706 dann, warte Lakai, bis es dem gnädigen Herrn gefällt.... Ein nettes Ding übrigens, diese Arbeit! Jeder Satz eine Phrase, und das Ganze ein Hnmbng, wie er im Buche steht!... Und das schöne Phathos, in das ich mich im Schweiße meines Zlngesichts hineingelogen habe... Deutsche Bauern, Ihr müßtet kein Herz im Leibe haben, wenn Euch die Augen bei diesem Klageliede nicht übergingen! Es lebe der Schwindel!" Ein gedämpftes Gelächter Nessels unterbrach den Monolog. „Neugierig bin ich doch, wie lange mich dieser Protz noch warten läßt!... Donnerte das nicht? Nun, hoffentlich macht kein Blitzftrechl dem Leben dieses würdigen Mannes ein vorzeitiges Ende. Es wäre wahrlich schade, wenn mein Prachtwerk nicht das Licht der Druckerschwärze erblickte. Schönes Bild: Licht der Druckerschwärze! Teßnier, Du sollst noch Deine Freude an mir haben, ivenn ich Dich erst mit dem traulichen Namen „Schwiegervater" begrüßen darf. Im Hinblick auf diese ver- lockende Perspektive will ich Dir auch Deine heutige Flegelei, wie alle unzähligen, bisherigen gnädig nach sehen! Halt, wie es scheint, kommt er endlich, der edle Bauernfänger,— Bauernfreund, wollte ich sagen." „Ist der Doktor nicht da? Den Nessel meine ich, habe ganz auf ihn vergessen! Bringt Licht!" hörte er Teßmer's laute Stimme, der gleich darauf ins Zimmer trat. „Abend, Doktor!" Die Arbeit fertig? Beinahe hätte ich das Wetter abbekommen.— Bringt Ihr denn kein Licht, Mädels?" schrie er zur Thür hinaus. „Da bin ich sa schon, Papa' Ein Glück, daß Du dabist; wir waren schon in Sorge um Dich. Der Herr Doktor wartet schon seit einer Stunde auf Dich, Die Sprecherin, ein Mädchen von achtzehn Jahren stellte die brennende Lampe auf den großen Familicntisch und nahm Hut und Stock in Empfang. „Aber Papa, Du bist ja ganz uaß geworden; warte, ich hole Dir eineil Rock." „Nein, laß uns allein! Nur die Zigarren kannst Du »och herüberreichen." „So, Papa! Eine gefällig? Bitte, hier ist schon hielt sie lachend das brennende Streichholz Zeuer!" und hin, an dem Teßmer mit schmunzelndem Behagen seine Zigarre in Brand steckte. Dr. Nessel hatte seit dem Eintritt der jungen Dame keinen Blick von ihr abgewendet. Mit gierigen Blicken verschlang er die reizende, zierliche Gestalt mit dem frischen, schneeweißen Teint, den üppigen blonde» Haaren und dem hübschen lachenden Geficht. Flink und doch vornehm war jede ihrer Bewegungen Sie war der Abgott ihres Vaters, den sie bediente und be> mutierte wie eiiw kleine Hausfrau. (Fortsetzung folgt.) Fallit. (Nachdruck v«rbot«n.) Eine alltägliche Geschichte von Eduard Stilgebauer. I. „Guten Morgen, Haare kräuseln." Mit diesen Worten trat ein etwa dreißigjähriger, höchst modisch zurechtgestutzter Herr in das Kabinet eines der ersten Haarkünstler der Residenz. Seine weiten, nach»euestein Schnitt gearbeiteten, auffallend kellen Beinkleider schlotterten nachlässig um die nicht allzuftarken Wade», der etwas zur Seite gesetzte Zylinder zeigte die neueste Fa-xoii. „Bitte Platz zu nehmen, Herr Baron," sagte der Haarkünstler mit einer tiesen Verbeugung. Der Baron nahm seinen Hut ab und setzte sich. Viel Arbeit hatte der Friseur bei ihm nicht niehr.— Des Barons Ange fiel in den Spiegel und gewahrte darin das Bild eines andere» Herrn, der ans der anderen Seite des Zimmers Platz genouime». Bei seinem Eintreten hatte der Baron ihn nicht demerkt. Der andere sah nicht auf. Er las die„Fliegenden Blätter". Lächelnd rief der Baron: „Was Sie hier, lieber Tumlitz, es ist doch alles mögliche, daß man Sie auch»och einmal sieht!" Der so Eingeredete sah langsam ans. „Ah Sie sind es, wie geht's, Baro»?" „Mittelmäßig, höchst mittelmäßig. Jetzt langweilig hier in der Stadt." Er gähnte. „WaS machen Sie den Sommer?" „Gedenken»ach dem Vierwaldstätter-See zu reisen." „Ah so. Kein Seebad, nicht Baden, was?" „Sie wissen, wenn man nicht mehr sein eigener Herr ist—" „Aha, dachte ja eben gar nicht daran. Was macht Fräulein Braut, wie gehts?" „Danke der gütigen Nachfrage.— Ich sage Ihnen, lebe eben wie der reinste Engel. Schnnegerpapa etwa? Sonderling, doch daS muß man mit in den Kauf nehmen. Berstehen schon?" Er machte eine bezeichnende Handbewegung. „Nehmen Sie sich doch in acht, daß mir nicht noch mehr Haare ausgehen, nicht so fest kämmen," rief er dem ihn bedienenden Friseur zu.„Nehmen Sie doch die Schwefelpomade, muß etwas für mein herabgekommenes Aenßere thnn. Aber, nicht wahr, Baron, sehe noch ganz gut aus, nicht wahr?" „Ganz stattliche Figur," erwidette der Baron, sein Monokle ins rechte Ange klemmend,„Fräulein kann noch ganz zufrieden sein." „Finde ich auch." „Wann ist eigentlich die Hochzeit?" „Weiß nicht genau, glaube im Juli. Schwiegerpapa ist sonder- bar, er will sie, glaube ich, auswärts abhalten, er liebt den vielen Lärm nicht." „Schade, schade. Konimen wir ja um ein glänzendes Diner. Der alte Hülsheim kann zahlen, ha, da; ja, der' kann zahle», das haben Sie schlau gemacht, lieber Tumlitz." Tumlitz lächelte. „Aber das hat auch seinen Vortheil, mit dem Diner meine ich," fuhr der Baron fort.„Man verdirbt sich so leicht den Magen. Habe in diesem Winter wieder so viel Verpflichtungen gehabt, muß deshalb»ach Karlsbad, unbedingt nach Karlsbad, sagte mir der Arzt. Kenne" Sie Karlsbad? Langweiliges Nest. Gehe dann noch etwas zur holung nach Ostende, das finde ich immer noch am amüsanteste», nette Pariserinnen dort, wiffen Sie noch, die Kleine, na wie hieß sie doch, die Kleine von Fra»?ais, wir nannten sie immer xettto jorrjou— nettes Mädel, Donner, war die nett." Graf Tuinlitz erwiderte nichts. „Wo speisen Sie heule?" fragte der nie ermüdende Baron. „Sie wissen bei den Schwiegereltern." „Es ist doch toll. Wer hätte gedacht, daß Graf Tumlitz, der größte Lebemann der Residenz,»och so solide würde. Nun, viel Glück, lieber Tumlitz, viel Glück. Auf Wiedersehe»! Grüßen Sie mir Fräulein Braut, unbekannter Weise natürlich, leider, leider.—" Der Baron war fertig und stand auf, noch bürstete der Friseur sein tadelloses Frackiaquet. Er probirte de» Zylinder vor dein Spiegel, nahm das Monokle etwas fesler und ging. „Adieu, lieber Baron," rief ihm der Graf zu. Dessen Frisur dauerte länger. Er ließ sich den Kops zweimal die Woche mit Schwefelpomade einreiben, um den Rest seiner Haare zu erhalten. Der Baron hielt es nicht mehr für»ölhig für die Trümmer seiner einstigen Locken zu sorgen. Ja, er habe sehr schöne Locken gehabt, behauptete er immer, was sich leider keiner seiner Freunde noch erinnern konnte.— Als der Baron weg war, rückte sich Graf Tuinlitz wieder bequem in seinem Sessel zurecht und ließ die mit ihm vorgenommene Prozedur zu Ende führen.— Er war eine stattliche Erscheinung, Anfang der vierzig. Sein Gesicht schien doch etwas verlebt, das dunkle Ange ei» bischen stechend. In seiner Jugend hatte er ein tolles Leben geführt und ein beträchtliches Vermögen rasch dnrchgebrachl. Dann suchte er eS im Spiel wiederzugewinnen und verlor immer mehr, so daß er sich schließlich genöthigt glaubte, sich, wie er das nannte, unter den Schwiegervätern des Landes umzusehen, um seine Finanzen zu ordnen.— „Diener, Herr Graf," sprach der Friseur. Er ließ sich abbürsten und ging. II. Im Waldstätterhof zu Brunnen, Beletage, wohnte Graf Tumlitz. Gerade wollte er sich zum Diner fertig machen, da pochte man an einer Thür. Auf seinen Ruf trat der Zimmerkellner ein und brachte einen Brief, der soeben für den Grafen abgegeben worden ivar.— Er erbrach ihn und las. „Zum Donnerwetter hat man denn gar keine Ruhe?" murmelte er zwischen de» Zähnen. Erst die Masse von Mahnungen von den verdammten Gläubigern und jetzt auch noch der Spaß, das ist doch wirklich zuviel. Höchste Zeit, daß ich heirathe. Ich kann dem Allen doch nicht alles sagen, er hat schon«in schönes Gesicht gemacht, als ich von etwaigen unbezahlten Rechnungen anfing. Aber Hortense ist ganz verrückt in mich, und der Alte kann seiner Tochter nichts versagen." Der Brief, der soeben den Groll des Grafen wachgerufen hatte, lautete folgendermaßen: „Herr Graf! Zum letzten Male mahne ich Sie daran, die mir für das Kind schrisllich versprochene Summe auszuzahlen. Antworten Sie nicht, so gebe ich die Sache dem Gerichte in die Hand. In Ihrer jetzigen Lage dürste Ihnen das nicht an- genehm sein. Voll Achtung! Anna." „Diese Dummheit, ihr das geschrieben zu haben, aber ich mußte >e doch beruhige», um eine» Skandal zu vermeiden," sprach der Gras ,u>ld schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Dann trat er vor den Spiegel. In seiner Erregung hatte er gar nicht daran gedacht, daß er seine soeben künstlich zurecht gemachte Frisur schädige. Er zog seinen Taschenkannu und ordnete das wenig verwirrte Haar. Da klingelte n>a» schon zum zweiten Male zum Diner und er mußte 'eine Damen noch abholen.— Frau Hülsheim wohnte mit ihrer Tochter in einer Villa. Sie liebte die Ruhe und konnte das lärmende Hoielleben nicht vertragen. Der zuküustige Schwiegersohn zog es vor, ein Hotelzimmer zu nehmen. Er wollte seine Junggesellen-Gewohnheite», so lange es ihm noch möglich mar. nicht aufgeben.— Im Garten der wenige Schritte von dem Hotel entsernten Villa, dicht am See. fand Gras Tumlitz seine Braut mit ihrer Mutler. Frau Hülsheim saß in der Laube und las eben eine der neuesten Erscheinungen der belletristischen Literatur. Sic war eine hochgebildete Frau, die in dem ganzen Wesen ihres Mannes keine rechle Besriedigung finden konnte, denn dieser war ganz Geschäftsinann und ließ sich ivenig auf Diskussionen ein. Sie enlstainmle einer Gelehrtenfamilie. Jbre Ellern waren frühe gestorben und hinterließen ihr nichts. Zuerst als Gouvernante ini Hause ihrer Schwiegereliern, lernte sie ihren Mann kennen und mußte es in ihrer Lage als ei» Glück a»set>en. daß der reiche Sohn des Haufes, der sich i» das reizende Mädchen sterblich verliebie, ihr einen Antrag machte. So ivar sie in ihrer Ebe nicht die Glück- lichste geworden. Sie hatte sich ans die Erziehung ihrer heran- reiiendcn Tochter zurückgezogen und verwandte die ihr übrigbleibende feit auf ihre Lieblingsbeschäftigung, die Entwickelung der schönen ileralur zu verfolgen. Hortense war jetzt 20 Jahre alt. Sie stand, als Tumlitz ein- trat, gerade vor einem prächtig entwickelte», von Blülben über- reiche» Marüchal Nielslock und schnitt sich eme Rose ad. Sie lieble besonders diese Sorte, sie stand ihrem etwas bleichen Teint gut zu Gesicht. Als der Graf eintrat, wandte sich das Mädchen um. Es war eine überaus liebreizende, anmntdige Erscheinung. Das schwarze Spitzenkleid, das sie mit Vorliebe trug, kleidete sie lieblich schlank. Ihr dunkelgraues, von lange» W-mpern überschattetes Auge erglänzte srendig, als sie de» Grasen aus sich zukoinmen sah. Der zierlich kleine Mund verzog sich zu einem reizenden Lächeln, ihr ganze? Wesen machte einen geinüthvollen Eindruck. „Guten Morgen, füßeS Ki»d, guten Morgen, Mama," sprach Graf Tumlitz näher tretend. Horiense schlang ihren weichen Arm um seine» Hals." „Liebster Arthur, D» koniinft beute spät." „Halle»och einige Kleiuigkeilen zu erledigen. Liebchen, jetzt bin ich zu Deiner Disposition." „Ich möchte doch wissen, was Du immer hast, wir sind doch hier in der Sonnuerfrische." sagte sie schmollend. „Ein Man» hat immer etwas zu thun, Kind. Wir find nicht so gut dran, wie gewisse Leute." Sie lachte, als zweifelte sie an der Unumstößlichkeit seiner Be- hauptnng. Frau Hülsheim erhob sich, schloß ihr Buch und reichte dem Grafen die Hand. „Guten Morgen, lieber Schiviegersohn." „Haben Sie gut geschlafen, M>ma?" „Ich danke Ihne», so so.— Ich glaube, man hat schon ge- klingelt, wir sind bereit." „Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten, Mama?" „Dort ist Ihr Platz" Sie zeigte auf ihre Tochter, die glückselig lächelnd ihren Arm in de» seinen legte.— So ginge» sie zum Hotel.-- Der Speisesaal bot keinen sehr eigenartige» Anblick dar, eine jener bekannte» Schweizer-Hotel erste» Ranges, Table d'hote fand dort statt. Jinmer dieselbe sich gleich bleibende Gesellschast. Allen voran die im Hute essenden, lange» und langiveiligen Engländerinnen mit den flachsgelben Haare», zu ihrer Seite ihre Herren— beim Essen hatten sie wenigstens ihren Alpenstock abgelegt — dann zwei sich eifrig unterhaltende, deftig gestikulirende Cornrnis voyageurs aus Paris, an denen der Kellner trotz der beispiellosen Gewandtheit, mit der er die Schüsseln dalanzirte, nur mit knapper Roth vorbeikam, ein Kauimann aus Frankfurt mit seiner zahlreichen Familie, deren jüngstes Mitglied mit seine» wasserblaueu Augen während des ganzen Diners nach dem in der Milte des Tisches ausgestellten Konsekt schielte, ein renommirender Ber- ljner mit seiner Frau— er sprach immer, in jedem Satze kamen diese Worte vor in ansgeprägtestem Dialekte: „Da müssen se mal bei uns in Berlin fein"— das e zog er sehr lange— und noch einige weuige auffallende Gäste, offenbar Schweizer, machte» die Gesellschast aus.— Das Esse» dauerte eine gute Stunde, obwohl ziemlich rasch servirt wurde, eine Aufgabe für »inen heißen Julinachmittag.— Während des Diners fragte Tumlitz seine Schwiegermama, was sie den» für den Nachmittag vorhabe, er wolle eine Kahnfahrt machen, Hortense fahre so gern auf dem Wasser Das war ein Vergnügen, welches Frau Hülsheim nicht lieble. Sie war zu nervös dazu. Sie habe aber nichts dagegen, wenn der Graf mit seiner Braut allein fahre, denn hier sei man ja fremd und brauche sich nicht darum zu kümmern, ob das schicklich sei.— (Schluß folgt.) Vleinvs Ileuillekon- — Die Bastille und die heutigen Gefänguisse. In der Pariser„Revue Hebdomadaire" erscheint gegenwärtig eine Artikel- lirie über die„Legenden und Archive der Bastille" von Fr. Funck- Brentano. In Nr. I&7 haben wir aus einem dieser Artikel eine interessante Notiz, die sich auf Voltaire bezog, geholt. I» seinem letzten Aufsatz kommt nun der Bersaffer auch auf das Gesänguiß- regime der Bastille zu sprechen. Jeder Gefangene erhielt nur ein Lager, einen Stuhl und einen Tisch geliefert, aber es gab einen Tapezirer, der iich Lieferant der Bastille nennen durfte und Hausrath, Teppiche, gewirkte Wandtapeten an die Gefangenen vermiethete, wenn diese es nicht vorzogen, ihre eigenen Möbel in das Gefängniß kommen zu lassen. Als der Graf de Belle- Jsle nach einigen Jahre» wieder auszog, führte er eine ganze häus- liche Einrichtung nnt sich: Eine Bibliothek, enthaltend 333 Bände und zehn Atlasse, ein vollständiges Tafelfervice, feines Linnen und Silberzeug, ein Bett mit rolher. goldgeränderter Damastdecke, vier Wandiapelen mit antike» Eujels, zwei Spiegel, einen zur Bettdecke passende» Ofenschirm, zwei spaiiische Wände, mehrere gepolsterte Lehnstühle, eine Kamingarnitur aus vergoldeter Bronze, Tische, Kommoden, Elagären. silberne Leuchter und so weiter. Auch hinsichtlich der Kost war für die Gefangenen gut gesorgt. Der Gouverneur der Bastille erhielt für Nahrung jedes„gemeinen" Mannes 3Livres täglich; 5 Livres für die einen Bürgersmann, 10 für einen Finanzmaun, Richter, Schnftsteller, 15 für ein Parlamentsmitglied, 36 für einen Marschall von Frank- reich. Es blieb den unfreiwilligen Gästen der Anstalt un- benommen, noch Extra-Ausgaben zu machen. So gab der Kardinal de Rohan I2t) Franks täglich ans, und der Fürst von Kur- land während eines Auienthalts von fünf Monaten noch etwas mehr, im ganzen 22 060 Franks. Renneville, der ein Paniphlet gegen die Ba stille geschrieben hat(also ein Preßsünder), schildert seine erste Mahlzeit so: Der Kerkermeister legte eine nieiner Servietten auf den Tisch und stellte mein Diner auf. Es bestand aus einer gutgekochten, appetitlich aussehenden Suppe von Zuckererbsen mit Lattich, ans dem ein Viertel Huhn lag. In einem Teller befand sich ein saftiges Stück Rindfleisch mit Saiice und einer Petersiliengarniinr, in einem andern ein Stück Fleischpastele mit Kalbsmilch, Hahnenkämmen, Spargel, Champignon. Trüffeln, und endlich war noch eine ein» gemachte Schafsznnge da, alles sehr sauber servirt. Zum Dessert bekam ich Bisquit und zwei Reinettenäpsel. als Getränk guten Burgunder, und das Brot schmeckte ausgezeichnet. Ich fragte den Kerkermeister, ob ich selbst für meinen Unterhalt auskommen müsse, oder ob der König mich bewirthe. Er antwortete, ich habe nur zu befehlen, man werde mich zu befriedigen trachten. Seine Majestät zahle. Nach dem Wunsche des allerchristlichsten König? mußten die Bewohner der Bastille die Fastlage einhalten, ober darum ging ihnen nichts ab.„Ich bekam", schreibt Renneville.„sechs Gänge und«ine vorzügliche Krebsfuppe. Da war nnter den Fischen eine sehr schöne Queise, eine gut gebacken« Seezunge und«in schmackhafter Barsch, »eben drei anderen Fastenspeisen." Ein anderer der Insassen der Bastille, Dnniouriez, der unter Ludwig XV. den Befehl erhielt, sich dorthin zurückzuziehen, bestellte bei seiner Ankunft ein gebratenes Huhn.„Wissen Sie denn nicht, daß es heute Freitag ist?" fragte entsetzt der Kerkermeister.„Das geht Sie nichts an," war die Ant- worl,„Sie haben meine Person, nicht mein Gewissen zu hüten. Ich bin krank, denn die Baftille ist eine Krankheit."— Eine Stunde später stand das gebratene Huhn aus dem Tische des Gefangenen.— Was bekommt heute ein„Preßsünder" in Plötzensee? Rumfutsch und„blauen Heinrich".— Kunst. — Bei dem Preisausschreiben behufs Errichtung ttneS Buchgewerbehauses in Leipzig waren IS Pläne eingegangen. Das Preisgericht hat den ersten Preis Herrn Emil Hagberg in Berlin, Friedenau, den zweite» Preis den Herren S ch a u p p- m e y e r u. H e l l i g in Hannover zuerkannt. Ein dritter Preis konnte nicht zuerkannt werden; der hierfür ausgesetzte Betrag ivurde unter die Inhaber der beiden ersten Preise getheilt. Der Entivurs des Herr» Hans Enger in Leipzig mußte wegen der erheblichen Ueberschreitung der Baukosten von der Konkurrenz ausgeschlossen bleibe», wurde aber wegen seiner Borzüge für 1000 Mark an- gekaust.— Musik. r. Das Urbild des Fra Diavolo, des Titelhelden der Scribe-Auber'schen Oper, war ein Strumpfwirker, namens Micaele P o z z o, welcher später Münch und dann erst Räuberhauptmann in Calabrien wurde In der doppelten Eigenschaft eines Räubers und Priesters bot er den» Kardinal Rnffo, dem Haupte der bour- konischen Partei, seine Dienste an und erhielt, obgleich früher ein Preis auf seinen Kops gesetzt worden war, durch den Einfluß dieses Ka-dinals nicht nur sein« Begnadigung, sondern auch»och eine Pension von 3600 Dukaten, mit welcher er sich vom„öffent- lichen" und„professionellen" Leben zurückzog und auf einer kleinen Besitzung, die er gekauft hatte, lebte. Bald jedoch riefen ihn die Bourbonen wieder in ihre Dienste gegen den König Josef Bouaparte. Mit einer starken Abtheiluug von Banditen und„Freiwilligen" stellte er sich in den Dienst der Legitimität. Nach einem hartnäckigen Kainpse jedoch ward er gefangen genommen und suinmarisch hin- gerichtet. Er soll mit der größten Gleichgiltigkeit gestorben sein.— Gesundheitspflege. — Wohnungspflege i u England. Wie die„Deutsche Medizinische Wochenschrift" mittheilt, haben der Medizinalrath Reincke und der Baupolizei- Inspektor Olshausen von Hamburg in einein„Reisebericht über Wohnungspflege in England und Schott» land" die Erfahrungen niedergelegt, welche sie auf einer vier- wöchentlichen Reise in England erworben haben. Das erste, was der Bericht bringt, ist die Ueberwachung der Wohnungen. An der Spitze der sanitären Lokalverwaltuugeu stehen die Nvckical otficers of health, die außer an Krankenhäusern keine Praxis ausüben� Ihnen unterstehen neben ärztlich gebildeten Assistenten die durch besondere Kurse auf ihren Beruf vorbereiteten Gesuudheitscmsseher, welche in großer Zahl, in Liverpool zum Beispiel 64, in Glasgow 82, vorhanden sind und denen die verschiedensten Beauf- flchtignngen obliegen. Eine Gruppe derselben hat die Wohnungen zu beaufsichtigen; Kellerivohnungen, öffentliche Logirhänser, Mieths- Wohnungen. in denen die Miethe eine gewiffe niedrige Grenze nicht überschreitet, unterliegen ihrer Kontrolle. Jnsonderlich ist die Verfolgung der„iNmsancss" ihre Sache; wir würde» an die Stelle dieses Wortes gesundheitliche Belästigung oder Gesundheitsschädigung setzen können. In England ist im allgemeinen das Prinzip der Einfamilienhäuser eingeführt und Hochgebalten; die kleinen Häuser enthalten oft nur drei Räume in zwei Stockwerken und bekommen, da sie mit de» Nachbarhäusern zusammenhängen, vielfach nur von einer Seite Licht und Luft. In den Großstädten gekört der Boden meistens nicht den Hauseigenthümern, sondern einigen großen Be- sitzer». Nach einer Sieihe von Jahren(zum Beispiel 99) fällt das ans dem fremden Boden erbaute Hans dann an den Besitzer des Bodens, daher sind die Häuser weniger solide gebaut als bei uns. und sie werden in dem letzten Theile der Pachtperiode verwahrlost. Beide Verhältnisse tragen zur Anlage guter Wohnungen zum mindesten nicht bei. Nur im innersten Kern der Großstädte und in Schottland überhaupt lebt der Arbeiter in ähnlichen Mieths- kasernen wie bei uns. Das starke Zusammenschachtelu der Hänser zc. hat eine erhöhte Sterblichkeit im Gefolge, daher ist im Gesetz oder richtiger in den lokalen gesetzliche» Bestimmungen vorgesehen: a) die Möglichkeit. Häuser für unbewohnbar aus sanitären Rücksichte» zu erklären, b) sowohl Einzelhäuser als auch e) ganze Komplexe zu expropriiren, niederzulegen und ä) mit neuen Häuser» für dieselbe Einwohnerklafse zu bebauen. Von der gesetzlichen Erlaubniß wird auch ausgiebig Gebrauch gemacht und der Bau neuer Arbeiter- Wohnungen erfolgt vielfach durch Herstellung von kleineu und kleinste» Einzelhäusern; nur im Innern der Städte werden große Massenkafernen eingerichtet, welche dann meistens einen weiten Hof umschließen; diese Häuser sind mit Gallerien versehen, zu welchen frei liegende Aufgänge in Gestalt feuersicherer Treppen hinauf- führen.— Völkerkunde. g. Einen eigenartigen Tobte nkult haben die Jwaro-Jn dianer in Ost-Ecuador. Sobald einer der Ihren gestorben ist, löst ihm der dazu durch Verwandtschaft Rächstberechtigte durch einen Messerschuilt die Kopfhaut von der des Rumpfes. Ist dies geschehen, wird das Knochengerüst des Kopses sorgfällig au? der Haut herausgeschält. Man zieht dem Todlen sozusagen„das Fell über die Ohren". Di« abgetrennte Haut konimt zwischen heiße Steine und wird, wenn sie hier getrocknet, noch im Rauch gedörrt. Ist ste hier völlig zusammengeschrumpft, so steckt man von innen, also durch den Hals, ein Bindfaden- gestecht in den Mund, das etwa einen halben Meter lang aus den Lippen hervorhängt. Die so präparirten Köpfe, die übrigens ihren vollen Haarschmuck behalten, halten sich jahrelang und werden von den Indianer» in ihren Zelten aufbewahrt. Das hiesige Mufeum für Völkerkunde besitzt mehrere solcher Köpfe. Sie baben die Grüße von mäßigen Pnppeuköpfen. Die Haut in nicht ruuzlich, sondern glatt, aber kohlschwarz und am Halsschnitt etwa einen halbe» Zentimeter dick. Das Auslöse» des Schädels muß aus ganz merkwürdig kunstvolle Weise geschehen, denn die Kopf- form und die Züge bleibe» unverändert, selbst die Nase hat ihre alle Form behalten. Die Augeulioer sind geschloffen, auch der Mund ist bis aus den Durchlaß des Geflechts fest zu. Gauz prachtvoll dicht und üppig ist das seidenweich« tiefschivarze Haar, in einer Länge von ziemlich einem Meter hängt es um das kleine Gesichtchen. Mau kann eigentlich nicht sagen, daß der Anblick der Köpfe niiaiigenehi» oder unästhetisch ist, einige weisen sogar noch jetzt einen verhällniß- mäßig schönen Ausdruck auf.— Technisch«?. — Anwendung künstlicher Kälte. Zwei Anwendungen künstlicher Kälte bespricht„Cassiers Mag.". Von großer Wichtigkeit ist sie für die Schokoladenfabrikalio», die früher nur bei kaltem Weiter betrieben werden konnte. Sie bedarf zur Mengnng der Kakaomaffe mit ihre» Znsätzen einer Temperatur von 65 Grad, um die Kakaobutter flüssig zu erhalten, und um sie zum Erstarren zu bringen, einer solchen von 45 Grad. War die Maffe zu hoch über 65 Grad erhitzt, so bleibt sie fiebrig und weich, was namentlich für Bonbons und Plätzchen sehr störend ist und nur durch ausgiebige Kühlung beseitigt werden kann. Dies geschieht durch Einführen ge- kllhller Lust in den Kühlraum, der direkt mit dem Arbeilsraum in Verbindung steht, so daß die fertigen Gegenstände gar nicht Zeit haben, ihre Form zu verändern. Eine ähnlich« Rolle spielt die künstliche Kälte bei der Herstellung der allbekannten Gelatinekapseln für Arzneien u. dgl. Diese werden in» großen durch Eintauchen von gekühlten Stahlbolzen in eineivarme, dicke Gelatinelösung gewonnen. »velch letztere beim Herausziehen der kalten Stifte zuin theil an ihnen hängen bleibt und rasch erstarrt. In einer großen amerikanischen Fabrik werden stündlich 629 060 Knbikfuß kalte Luft durch den Arbeitsraum geblasen und 160 000 Pfund solcher Stablzäpschen ge- küblt. Bei uns in Deutschland werden die Gelatinekapseln geivöhnlich anders gemacht, und zwar in Forme»»,»velche mit Gelatiuelösung Verantwortlicher Redakteur: August Jacobey in B ausgeschivenkt»verde», so daß sie sich n»it einer rasch erstarrten Haut in>»erlich überziehen, die ma» herausnimmt. Auf diese Weise erhält man die kugeligen und eisörmigen Kapseln, wie sie hier über- »viegeu.— Hnmoristisches. g. h. Der Bücherfreund. Hauptmann:„Einjähriger, ich höre, Sie sind Schriftsteller...." Einjähriger:„Zu Befehl, Herr Hauptmann!"— Hauptmann:„Bringen Sie mir doch»nal Ihre Bücher!— Einjähriger:„Zu Befehl, Herr Hauptmann!"— Nach einigen Tagen. H a u p t in a n n:„Ein- jähriger, Ihre Bücher habe ich noch nicht gelesen... Die waren ja nicht'»nat aufgeschnitten!..." Vermischtes vom Tage. y. Der Enten fang in den Vogelkoje» auf der Insel Fö br liefert heuer gute Erträgnisse. An manchem Tag sind schon 200 Stück in einer Koje gefangen»vordeu.— — Im Kreise©erbauen sind gegenwärtig 1454 Schulkinder an der Granulöse erkrankt.— — Außerordentlich heftige Gewitter sind in den letzten Tagen über die Provinz Posen, besonders über die Kreise Ostroivo, Pieschen und Wrefcheu niedergegangen.— — Auf de», Bahnübergang bei G e i s e ck e»vurde eine Fainilie von einen» Gürerznge überfahren. Die Mutter und der I9jährige Sohn blieben an» der Stelle todt, der Mann starb am nächsten Tage »m Krankenhause.— — In Stadelschivarzbach(Bayer»») an der Lokalbah»- strecke Gerolzbauseu-Kitzingen fuhr eine mit Bahnarbeilern besetzte Traisiue direkt ans den rangirende» Zug. Zlvei Man»»vurden schwer, einer leicht verrvuudel und ein Gülenvagen zun» Entgleisen gebracht.— — I» der Nähe von Töplitz-Schönau(Böhmen) wurde die vollständig einkleidete Leiche eines 18— 20jährige» Mannes gefunden. Es scheint sich um einen Ferientouristen zu Handel».— — Außerordentlich viel Wild ist durch das Hochwasser in den Donangegeuden ober- und unterhalb Wiens zu gründe ge- gangen. I» den Jagdrevieren Nnlcr-Zöqersdors und Tderesienau wurden bis jetzt die Kadaver von 25 Hirschen und 200 Rehen verscharrt.— — Einen seltsamen Schmuggel berichtet ein polnisches Blatt: Dieser Tage hatten die Passagiere der Warschan- Wiener Bahn Gelegenheit, Zeugen des folgende»» Borfalls in Alexandroivo z» werden: Ans einem Wage» 3. Klasse stieg eine Schaar ärmlich gekleideter Frauen berans. deren Hüte in einem kamtichen Kontrast z» ihrem übrigen Kv'liun standen Es waren nämlich die modernste», »n schreienden Farben ansgeputztei» Pariser Hut modelte. Diese Eigenthümlichkeit erregle nicht nur die Aufmerksamkeit des Publikains, sondern auch die der Zollbeamten. Die Unlersnchuiig der letzteren stellte heraus, daß die gan»e Kompagnie unter ver Führung und im Solde einer Modistin reiste, die ihre iieuesten Hutmodelle in dieser Weise ohne Zoll dnrchzuschinnggeln suchte.— — Die kleinste Schule im Kanton Aargau besitzt der Weiler MänztisHauien in der Gemeinde Däiwil. Dt« Schule zählt nur vier Schüler. Sie soll jetzt aufgehoben iverden.— — Zu der vorsichtige» Sorte scheinen die Stadlväter von Venedig zu gehöre». Sie deschlosse», bei» Lustspieldichter Gallina ein Denkmal aus Kosten der Stadl zu errichte». Vorerst lomint das Denkmal t» das städlische Mus«»»». Erweist sich aber nach fünf- »udzivanzig Jahren der Ruhm Gallina's»och als ledendig, dann »vird seine Statue ins Pantheon überführt.— i. e. Jüdisch« Ackerbau-Kolonien in England, Ans London»vird geschrieben:„Wihrend der letzien Wochen »vurden von dem»n London bestehenden Zrniral- Komitee zur Unterbringung der aus Rußland»ach Eaglnud geflüchteten Juden in Esiex gegen 25 000 Acres brach liegenden Landes angekauft, »im aus denselben jüdische Ackerbau- Kolonien zu errjchlen. In England»st aegenwärlig infolge öes seit Jahren anhaltende» Rückganges der Gelreidepreise fast ein Drittel des gesaminten Ackerlandes unbebaut und deshalb billig zu verlausen: andererseits ist es in London sedr schiver, für die russischen Juden lohnenden Verdienst zu schaffe», so daß man jetzt zur Ansiedelung derselben aus dem Lande schreite» will. Auch m anderen Tdeilen Englands sind bereits zu dein gleichen Zwecke Landkänse in Aussicht genoinme».— — I» allen Theileu Irlands ist die Kartoffelernte m i ß r a l h e>,. c. e. Das vielbesprochene Fremdensteuer-Gesetz von Pen n sy Iva n i ei»(Nordamerika),»ach welchem jeder nicht- naturalisirte Ausländer, welcher in jenem Staate beschäfligl ist, eine Steuer von 3 Cents für jeden Tag seiner Beschäftigimg zahlen soll«, ist in einein in Pillsburg anhängig gemachten„Testfalle" für verfaffungswidrig und demnach auch für ungiltig erklärt»vordei».— — Nach in Washington eingetroffenen Berichten soll das gelbe Fieber in Ocean Springs, einer Soinmerfrische an der Küste des Staates Mississippi, ausgebrochen sein; wenigstens bezeichnen die Ortsbehörden die dort aufgetretene Krankheit alS gelbes Fieber.— rlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.