Anterhaltungsblatt des Forwär's Nr. 178. Freitag, den 10. September. 1897. (Nachdrucl verboten.) e] Der Dauevnfuhvev. Roman von Franz Kahler. „Bedienen Sie sich, Doktor!" Teßmer reichte ihm die Zigarrenkiste hin.„Und Du, Heda, mach, daß Du nun fort- kommst; wir haben noch viel zu thun." Als Hedwig das Zimmer verlassen hatte, wandte sich Teßmer wieder an Nessel.„Haben Sie die Arbeit mitgebracht? Schön! Nun lesen Sie einmal vor!" Dr. Nessel blätterte in dem Papierstoß, auf den das volle Licht der Lampe fiel. Teßmer hatte sich gemächlich in das weiche Polster des langen Wandsophas zurückgelegt. Durch die Stille des Zimmers tönte laut das Klatschen des Regens gegen die Scheiben, zeitweise vermischt mit dem näher kommen- den Grollen des Gewitters. „Deutsche Bauern, Landwirthe und Gesinnungsgenossen!" begann Nessel mit klarer Stimme.„Eine Zeit der schwersten Notbist Kereingebrochen über die deutsche Landwirthschaft. Der deutsche Bauer, das Mark des ganzen Volkes, der Träger deutscher Kultur, Sittlichkeit uud Ordnung, die festeste Stütze von Thron und Altar, ist auf das schrecklichste in seiner Existenz bedroht. Im Schweiße seines Angesichts bebaut er seine Felder, vom srüben Morgen bis in die späte Nacht quält er sich mit Weib und Kind bei harter Arbeit, aber seineFelder werfen ihm kaum noch das tägliche Brot ab, und Weib und Kind drohen Hungers zu sterben. Das Getreide gilt nichts mebr, Butter und Fleisch gelten nichts mehr, kurz alles, was seine Wirlhschaft hervor- bringt, wird so schlecht bezahlt, daß es sich kaum noch lohnt, zu wirthschasten. Seine Schulden wachsen täglich uud hunderttausende fleißiger deutscher Bauern zittern vor dem Augenblicke, wo sie Haus und Hof verlassen müssen. Landwirthe! Das kann nicht so weiter gehen. Es muß uns geholfen werden, wenn das ganze Reich nicht in Stücke geben soll. Der Staat, für den unsere Väter und wir alle geblutet haben, muß uns helfen! Der König, zu dem wir stets in deutscher Treue gestanden haben, muß sein Machtwort sprechen zu unsern guusteu. So lange wir freilich nicht laut unsere Stimme erheben, werden uns der Staat, die Regierung und unser geliebter König und Kaiser nicht hören. Tie Stimme des einzelneu ist aber zu schwach. Darum, liebe Freunde, schart Euch zusammen und tretet laut und vernehmlich an die Oeffeutlichkeit! Einigkeit macht stark. Ein Beispiel dafür können Euch die Unter- zeichneten dieses Aufrufs bieten. Sie alle sind echte deutsche Bauern, die durch festen Zusammenschluß ihre traurige Lage wenigstens einigermaßen erträglich gemacht haben. Vor zwölf uud fünfzehn Jahren ging es uns noch sehr, sehr traurig, aber dem thalkräfligen Eingreifen unseres Vorsitzenden, Alexander Teßmer, eines echten deutschen Bauern von altem Schrot und Korn, haben wir es zu verdanken, daß dies heute anders geworden ist. Besonders die Lage der kleinen Landwirthe ist in unserem Bezirke eine geradezu glänzende zu nennen. Bei uns giebt es keine lüdischen Wucherer, die den Bauer um sein bischen Hab und Gut bringen." An dieser Stelle konnte sich Teßmer nicht enthalten, dem Lesenden ein lautes„Bravo, Doktor!* zuzurufen.„Das haben Sie vortrefflich gemacht, Doktor! Doch nun weiter!' Von neuem leierte Nessel seine demagogische Litanei herunter. Eine schwulstige Redensart jagte die andere. Bekannte Thatsacheu, erlogene, erdichtete, durch nichts begründete Behauptungen folgten wie Kraut und Rüben durch- einander. Zum Schluß kam ein neuer dringender Appell an den edlen deutschen Bauernstand, sich zusammenzuschließen zu einem großen Bunde und sein Schicksal dem„echten deutschen Bauer", Alexander Teßmer, anzuvertrauen, der, wie er es als Vorsitzender des Sentener Bauernbundes bewiesen habe, die Fähigkeiten besitze. der Roth der Landwirthschaft Einhalt zu thun und das Glück des deutschen Bauernstandes zu begründen. „Herr Doktor, ich mache Ihnen mein Kompliment! Sie haben mich richtig verstanden und meine Anschauungen klar wiedergegeben. Sie sind mein Mann!" Dr. Nessel machte eine leichte Verbeugung. Um seine Lippen spielte unwillkürlich ein flüchtiges, malitiöses Lächeln. „Es hat mir auch wirklich Mühe gekostet, mich in diese mir so fremde Ideenwelt hineinzuleben." „So was l'ernr man schon mit der Zeit, lieber Freund. Durch Fleiß und Arbeit habe auch ich mir all' diese Unmasse von Kenntnissen erworben, ohne die man heutzutage eben keine wirklich bedeutende Rolle mehr spielen kann. Glücklicher- weise unterstützen mich meine praktischen Erfahrungen sehr, denn in der Landwirthschaft habe ich, wie man so sagt, von der Pike auf gedient... Doch dies nebenbei. Morgen besorge ich die Unterschriften. Wegner, Mündt und ein Dutzend dieser Kerls unterschreiben ihr Todesurtheil, wenn ich es verlange. Hchulze, Berger und andere machen auch keine Schwierigkeilen, und den Rest kann ich missen." „O, alle werden sich drängen, ihren Namen unter diesen Aufruf zu setzen," entgegnete Steffel,„ich verspreche mir einen großen Erfolg. Das Unternehmen macht Ihrem Eifer für das Wohl Ihrer Standesgenossen alle Ehre." „Larifari, Doktor, machen Sie keine Redensarten! Ich weiß, daß ich Feinde genug habe, die nicht für hundert Thaler ihre Unterschrift hergäben und auch dieses Unternehmen als ein auf eigensüchtige Zwecke berechnetes verschreien iverden. Das soll mich aber nicbt hindern, meinen Plan auszuführen." „Arme verfolgte Unschuld!" dachte Nessel.„Du und und selbstsüchtige Zwecke verfolgen? Hallunke, wie ich Dich durchschaue!" Es war schon spät, als Dr. Nessel seinen Heimweg an- trat. Er wohnte in Wiesenau, wo er un Gasthofe zwei Zimmer gemiethet halte. Vor zwei Jahren war er als Chemiker der Zucker- fabrik Senken hierher gekommen. Er nierkte bald, daß dieser ungebildete, eitle, von rasendem Ehrgeiz zerfressene Teßmer hier zu Lande alles galt. Langsam hatte er sich an ihn heran- gedrängt; geschickt hatte er es verstanden, sich dem alten Streber werthvoll, fast unentbehrlich zu machen, und heute betrachtete er sich im Geiste bereits als dessen Schwiegersohn. Die reizende, blonde Hedwig wollte allerdings nichts von ihm wissen. Wie er längst benierkt hatte, schwärmte sie für den Tugendbold von Dr. Thal, den neugebackenen Direktor der neuen Zucker- fabrik; allem, was hatte das zu bedeuten, wenn Teßmer eineS Tages zu ihr sagte:„Hier, Hedwig, steht Dein zukünftiger Mann, mein Freund und Gehilfe, Dr. Nessel!" Gab's da wohl einen Widerspruch? Einstweilen also war er garnicht eifersüchtig auf diesen Spießbürger Thal. Der wurde ihm sicher nicht gefährlich. Den Alten hatte er bereit? fest in der Hand. Er wußte, wohin dessen Streben ging: ins Parlament und nach dem Wörtchen„von" vor seinem bürgerlichen Namen. Mit Fräulein Hedwigs kleiner weißer Hand als Gegenleistung wollte er ihm schon zu beiden verhelfen. Die Gründung eines großen Bauernvereins hatte er ihm zugeflüstert. Er mußte den Mann in den Vordergrund schieven, auf eine Stelle, wo er ohne eine Intelligenz als Stütze sich nicht einen Tag behaupten konnte. Der alte Narr sollte eines Tages noch von Glück reden dürfen, wenn der Dr. Nessel sein Schwiegersohn wurde.--- Wie Dr. Nessel ganz richtig vorausgesagt hatte, machte der Aufruf Teßmer's an die deutschen Bauern ein gewaltiges Aufseben. Das Unternehmen war auch mit allem Geschick, ungeheueren Kosten und viel Reklame in Szene gesetzt worden. Die 25 Unter- schriften größerer und kleinerer Bauern hatte Teßmer mit Leichtigkeit erhalten. Der Aufruf wurde in 500 000 Exem- plaren über ganz Deutschland verbreitet. Dr. Nessel hatte sich acht Tage in Berlin aufgehalten, wo es ihm gelang, einige einflußreiche Persönlichkeiten und die konservativen Blätter für die �Sache zu gewinnen. Kein Tag verging, ohne daß er eine längere Notiz über den begeisterten Widerhall, den die Flugschrist bei den Land- wirtheu aller Gegenden gefuiiden habe, in die Presse ein- schmuggelte. Vor allen Dingen konnte er mit einigen ange- sehenen Namen des deutschen Adels aufwarten, die sofort ihren Beitritt zu dem neuen Bunde erklärt hatten. Das war auch daS einzig Wahre an den Berichten, denn wirkliche Bauern hatten sich anfangs nur sehr wenige gemeldet. Um so fieberhafter bearbeitete Nessel die maßgebenden politische» Persönlichkeiten, die an der Gründung Interesse genonimeit hatten. Die Beschickung aller deutschen Provinzen durch eine große Anzahl Wanderredner, das Einberufen von Versammlungen durch Amtsleute und Rittergutsbesitzer und die Abhaltung einer großen Versammlung in der Residenz maren beschlossene Sache, als er nach Seuten zurückkehrte. Dort erwartete ihn viel Arbeit. Teßmer, dessen Name auf einmal über ganz Teutschland bekannt geworden war, stand der Fluth von Zuschriften und dem Herandrängen der aufmerksam geivordenen politischen Abenteurer hilflos gegenüber. In Senten spielte er zwar ohne sonderliches Unbehagen den großen Mann; hier sprach und urtheilte er, wie es ihm gefiel. Anders war das jetzt, wo seine Reden und Ansichten unter die kritische Lnpe der Allgemeinheit genommen wurden, Freuitde tind Gegner seines Unternehmens das Ver- langen zeigten, dem neuen Bauernmessias Herz und Nieren zu prüfen. Seine Pose und die Rolle, die er zu spielen hatte, war ihm klar. Er war und blieb der einfache Bauer, der, ohne ein gelehrter Matin zu sein, doch Anspruchs aus geistige Bedeutung machte. Seine Bildung war gering, aber sein Mutterwitz, seine Schlagsertigkeit und seine geistigen Fähigkeiten waren bedeutend genug,»im sich damit im öffentlichen Leben zu be- haupten. Nicht umsonst hatte er eine solide Stirn imd jene starke Dosis Menschenvcrachtung, mit der man seineu Weg schon macht, wenn man dreist genug auftritt. Außerdem war der Nessel ja ein gefügiges Werkzeug, das für Geld und Versprechungen einstweilen für alles zu haben war. Später würde man ihn schon mit einem Fußtritte beiseite schieben. Trotz dieser gegenseitigen Hochachtung arbeitete das edle Paar während der inichsten Wochen sehr verträglich und er- solgreich zusammen.„Der Bund der Getreidebaues" nahm festere Gestalt an; die Wanderrcdner agitirten mit gutem Erfolge. Die Großgrundbesitzer, bestrebt, die Zügel des Unter- nehmeus in ihre Hände zu bekommen, stellten sich überall frei- willig an die Spitze. Die Regierung, vorläufig noch abwartend, legte der Agitation keine Hindernisse in den Weg. Das neue Unternehmen hinderte Teßmer indessen nicht, auch in Senten seine ehrgeizigen Ziele weiter zu verfolgen. Sein Ansehen war durch das große Geräusch, das seine jüngste Gründung hervorgerufen hatte, sehr gewachsen. Man sah in ihm bereits den mächtigen Mann, der noch nnt Ministern zu Tische fitzen würde, der berufen war, im Parla- meiste und im Staate noch eine große Rolle zu spielen. Dennoch stieß er daheim noch immer ans eine starke Opposition. War es schon sehr ärgerlich für ihn gewesen, daß fast alle besser situirten und einflußreicheren Bauern seines Amtsbezirkes dem neugegründeten Vereine fernblieben, so brachte es ihn außer sich, als er gewahrte, daß sich dieselben Elemente als Aktionäre der neuen Zuckerfabrik fest gegen ihn zusammenschlössen. Er stieß auf ihren Widerstand bei jeder Gelegenheit und, worüber er am wüthendsten war, auch dann, wenn er ohne jeden egoistischen Zweck mit Anträgen für das Interesse der Fabrik hervortrat. Man mißtraute ihm vollständig. Diese Opposition in der Heimath erregte ihn tiefer als es das Scheitern seiner politische» Gründung hätte thun können. (Fortsetzung folgt.) MachdruS verboten.) Eine alltägliche Geschichte von Eduard Stilgebauer. (Schluß.) Als das Essen beendet war, trat man hinaus vor das Hotel. Es war ein erdrückend heißer Tag. In dem Thalkessel des Urner Sees herrschte«ine tropische Hitze. Tort prallen die Sonnen- strahlen auf das nackte FelSgestcin, das sie unbarmherzig zurückstrahlt.— Der See bot einen wunderbaren Anblick dar. Er mar glatt wie ein Spiegel, seine Färbnng tiefblan. Ans den Schneczefilden des Uri Rothstock lag die Sonne. Tie Felsen treten hier ganz dicht an den See, sein Bette wird sehr eng. Zwischen den Riese» ruht das ungeheuer tiefe Gewässer wie cnlschlummert. Ein Sturm bietet hier eine entsetz- liche Gefahr für das Schiff, welches sich mitten auf dem See be- findet. In den Felsschluchten fäugt sich der Wind und wird zurück- gestoben, da er keinen Ausweg findet, so daß i» der Luft eine Gegen- strömnng entsteht, welche die Richtung der Seewellen unberechenbar macht.— „Aber so ruhig wie heute sah ich den See noch nie", sprach Hortense, als sie am Arm ihres Bräutigams an das Ufer trat. „Wenn diese Ruhe nur nicht dem Gewitter vorausgeht," meinte die ängstliche Mutter. „Haben Sie keine Angst, Mama, ich beschütze mein Täubchen," erwiderte der Graf und streichelte die Wange des Mädchens.— Er winkle einem Fährmann. „Kann man heute mit gutein Gewissen fahren?" „Sicher, der Wind bleibt hinter den Bergen." Der Schiffer löste den Kahn vom Ufer. Tumlitz stieg ein mit Hortense. „Auf Wiedersehen, Mama, wir fahren hinüber aufs Rütli, in zwei Stunden sind wir wieder da." „Adieu. Kinder." Frau Hülshcim ging zurück nach dem Garten, ihre Lektüre zu beendigen. Unter den kräftigen Nuderschlägen des Schiffes glitt der Kahn spielend über de» spiegelglatten See. Hortense saß dicht neben dem Grafen. Er hatte ihre Hand erfaßt, sie blickte ihn glückselig an. „Gerade als ob wir schon auf der Hochzeitsreise wären," flüsterte sie ihm zu.„Wie schön, mit Dir allei» zu sein auf diesem einzig schöne» See. So weil von uns die Menschen, das gütige Wasser trennt uns von allen Neidischen. Ganz bin ich jetzt Dein." Er küßt sie auf die Stirn. „Sieh dort, wie unser Ziel näher rückt, schon sieht man das Häilschc». Dort auf dieser grünen Matte möchte ich mit Dir wohne», wie fchö» so ga»z abgeschieden von der Welt nur seiner Liebe leben zu können." Tumlitz erwiderte nichts, er schien an dieser idyllischen Einsam- keit wenig Geschmack zu finden. „Du hast doch nicht kalt, Liebe?" Sie lachte. „Bei dieser Hitze." „Es gehl eine Brise von dort über den See. Er deutete nach der Richtung des Bristenstockes, dort halte» sich die Wolken ge- sammelt. „Es giebt ei» Wetter," sprach der Schiffer vor sich hin. „Um Gotteswille»!" rief Hortense. Seien Sie ruhig" beschwichtigte der Fährmann,„wir sind gleich da. Aber ich weiß nicht, was es wird, der Wind hat sich gedreht." Sie landeten.— Als sie an dem Ufer standen, hörte man ganz hinten in Uri ein dumpfes Rollen.— Vom Gotthard zog ein Ge- witter heran. „Wir find gerade noch unter Dach gekommen," sagten die Schiffersleute,„jetzt geht's los." „Aber waruui haben Sie das nicht drüben gesagt," herrschte der Graf den Fährmann an. „Ich wußte es nicht. Der Wind hat sich gedreht, das kann kein Mensch vorher wissen."— In fünf Minuten hatte sich der ganze Horizont verdüstert. Es war unmöglich, auch nur einen der Berge zu seden, wie cm graner Vorhang hingen die Wolken vor dem ganze» Panorama.— Und jetzt ein zweiter Donnerschlag, furchtbarer, näher als der erste. Er weckte in den Bergen ein hundertfaches Echo. Hortense lehnte sich ängstlich au de» Grafen. Da zuckle ein greller Blitz herab, und als hätte er ein Zeichen gegeben, fuhr der Wind gnrgelnd in die Tiefe des Waffers und spritze die Welle» hoch empor. Der See gerieth in Beivegnng. Die ganze Fläche ward tiesschwarz, sie schwankte wider die Ui-r in dröhnenden Schlägen, das Element war entfesselt, und prasselnd stürzte der Regen herab.-- Sie eilten ins Hans. „Ich kann Ihnen und Ihrer Frau oben ein Zimmer geben", sprach die Wirthtn.„Heute können Sie nicht mehr fahren. Gehen Sie hinauf. Es ist schon ganz dunkel. Zünden Sie kein Licht an; es ist der Föhn, sonst brennt uns das Dach über dem Kopse weg." Hortense zitterte, sie drückte sich fester au ihn. Er sah ihr in die Auge»; „Fürchtest Du Dich?" „Ich bin bei Dir," antwortete sie knrz. „Ich will lieber unten bleibe»," sprach der Graf. „Ich kann nicht allein sein, bleib' bei uiir, Arthur!" Sie gingen hinauf. Inzwischen war Frau Hülsheim der Verzweiflung nahe. Sie niachte sich die größten Vorwurfe, daß sie die beide» hatte gehen lassen. Sie sah bereits im Geiste, wie man die Leichen ihrer Kinder brachte. Den übrigen Bewohnern der Villa gelang es allmälig, die arnic Mutter zn beruhigen. Der Slurm sei erst ausgebrochen, nach- dem der Kahn längst das jenseitige Ufer erreicht«, nnd morgen werde sie die Beiden gesund nnd froh wiedersehen, und einem Ehreninanne, wie dem Grafen Tumlitz, der noch dazu der Bräuligam sei, könne sie ihre Tochter doch ruhig anvertraue».— Kanu, hatte sich die arme Frau darüber etwas beruhigt, als man ihr eine Depesche von ihrem Manne brachte.— Sie las und ward todtenbleich. Ohne ein Wort zu sage», ging sie auf jhr Zimmer und schloß sich ein. niemand sah sie den ganzen Abend. Die Anwohnenden hörten nur, daß sie die ganze Nacht unrnhig im Zlinrner auf- nnd niederging, aber keiner wagte nach den, Inhalt des Telegramms zu fragen.— HI. Die Nacht hindurch tobte der Föhn. Der Morgen war hell und klar. Die Luft war gesäubert, und«ine wohlthnende Frisch« wehte über den See, als der Gras mit seiner Braut nach Brunnen zurück- fuhr. Hortense war etwaS bleich. Sie lehnte sich dicht an den Grafen und sprach nicht, manchmal sah sie ihn verstohlen an und errölhete leicht. Er sprach ihr einig« scherzende Worte lächelnd i»S Ohr und drückte sie fest an sich.— So kamen sie ans Ufer. Bon einigen schon promenirenden Hotel- gästen wurden sie freudig begrüßt. Hortense fragte nach ihrer Mutter, es hieß, diese sei noch auf ihrem Zimmer; erstaunt eilten die beiden zur Villa. Auf ihr Klopfen rief Frau Hülsheini: Herein.— Als sie die Tochter sah. eilte sie auf sie zu. schloß sie leidenschaftlich in ihre Arme und sprach:„Mein liebes, armes Lind." Der Graf wollte eben mit der Erzählung ihres Abenteuers beginnen, da sprach Frau Hülsheim: „Wir reisen heute noch, Schwiegersohn, sehen Sie diese Depesche. Ich bitte Sie, die Vorbereitungen zur Abreise zu treffen." Hortense erblaßte. In diesem Tone hatte sie ihre Mutter noch nie sprechen hören." Tumlitz nahm das Blatt ruhig und las. Todtenbläffe trat auf seine Wangen, als er geendigt. „Ich besorge die Billels, Mama." sprach er und eilte hinaus. „Was ist?" rief Hortense entsetzt. „Nichts für Dich, Kind, nichts," sprach die Multer traurig. „Du mußt es niir sage». Mama, es geht mich, es geht uns alle an, ich bin kein Kind mehr." „Nun ja." sprach Frau Hülsheim,„wozu es verheimlichen. Morgen werden es ja doch alle wissen müssen. Armes Kind, wir find verloren. Papa ist ruinirt. Der Kassirer ist verschwunden, und das Haus in Paris, mit dem er liirt war, hat die Zahlungen eingestellt. Hortense stand sprachlos, sie blickte die Mutter entsetzt an. „Und Arthur, weiß er alles, was sagt er, was wird er sagen?" rief sie aus einmal. „Er wird sich mit Papa verständigen." „Mutter," schrie das Mädchen,„Mutter"! Ein jäher Schreck erfaßte sie, ein fürchterlicher Verdacht stieg auf in ihrer Seele. „Mutter, mir kommt ein entsetzlicher Gedanke: wenn Arthur uns im Stiche ließe? Ich weiß nicht, ich habe ja Vertrauen zu ihm, aber seitdem dieser Gedanke in mir wach wurde. Mutler, ich weiß nicht, was ich thue." „Kind was ist? Du bist ganz außer Dir!" „Ach Mutter, Mutter", jammerte Hortense,„wenn er nicht wiederkäme."— Frau Hülsheim konnte kein Wort des Trostes finden. Auch ihr kam sein Betragen beim Empfang der Hiobsbotschaft auf einmal sonderbar vor. Da klopfte man an die Thür. Es war das Stubenmädchen. „Herr Graf habe diesen Brief vorhin, ehe er ging, für die Damen hinterlassen. Er sagte mir, ich solle noch eine» Augenblick warten, ehe ich ihn abgäbe, da er erst»och etwas besorgen müsse. Was er damit sagen wollte, verstand ich nicht." Frau Hülsheim riß der Magd den Brief aus der Hand. Fieber- hast zitternd öffnete sie das Kouvert und las: „Sie werden nicht verlangen, daß ich mich mit Ihnen in Ihren Ruin stürze. Forschen Sie mir nicht nach! Tumlitz." Hortense stieß einen Schrei ans. „Mutter, ich bin verloren, ich liebte ihn so." „Laß' ihn, Kind, wir'müssen zum Vater." „Nein, Mutter, meine Ehre, meine Ehre, auch diese nimmt er mit sich mit meinem Glück!" So sank sie schluchzend an den Busen der Mutter.— IV. Einige Wochen später traf der geschwätzige Baron in Ostende den erste» Bekannten. „Na, was haben Sie denn gesagt zu der Rffaire Hülsheim? Hülsheim u. Co. bankrott! Wer hätte das je gedacht? Wenigstens 'mal eine Abwechslung in der ewige» Langeweile! „Da ist der Tumlitz schön reingefallen," nieinte der Andere. „Wo wird der jetzt fein? Wohl in Amerika. Ja, hier konnte er sich doch nicht wehr halten." „Pech, kolossales Pech für Tumlitz," erwiderte der Baron,„erst der hohe Kredit für den Verlobten des Fräulein Hülsheim und dann— kolossales Pech!"„Was machen Sie diesen Nach- mittag?" „Ich weiß noch nicht!" „Gehen Sie mit zum Taubenschieße». Famoser Sport, schade, daß wir den noch uicht in Berlin haben. Komme» Sie, wir amüsireu uns köstlich. Speisen Sie heute Abend mit mir im Kursaal." „Na, meinetwegen, Sie wissen doch immer, Baron, wie Sie die Zeit todtschlagen." „Das ist die Hauptsache. War Pech für Tumlitz, maßloses Pech, unangenehme Chose." So sprach der Barou, faßte den Bekannten an und ging mit ihm zum Taubenschieße».— Kleines �?euillekon — Von der Strasse. Das Blumenmädchen. Als ich sie kennen lernte, betrieb sie in einem Keller einen Obsthandel. Sie schien eine stille Frau zu sein, eine Witlwe vielleicht, die ihre» Man» vor langen Jahren verloren. Das offene Antlitz umrahmten schon völlig ergraute Haare, und mit Ilareu Augen schaute sie jedem ins Gesicht. Später merkte ich allerdings, daß sie auch ihre Zunge recht herzhaft zu gebrauchen wußte, besonders dann, wenn der Käufer seinen Handel draußen bei den Körben mit Birnen, Aepfel» und Weintrauben abschließen und nicht die wenigen Stufe» zu ihr hinabsteigen wollte. Ihr Geschäft schien zu gehen; sie war zwar etwas theurer als die anderen Händler, aber ihre Waare war ohne Fehl. Eines Tages war sie aus dem Keller verschwunden. Sie habe wenige Schritte weiter straßaufwärts einen geräumigen Laden gemietbet und ihre» Vorrath um einige billige Topfgewächse, um einige Schalen und Gläser voll abgeschnittener Rosen, Levkoien und Maiglöckchen vermehrt. Und wieder eines Tages, da lachte das ganze Viertel. Die„Alte" habe geheirathet. Eine» jungen Gärtner- burschen, der ihr jeden Tag die frischen Blume» gebracht. Wohl dreißig Jahre jünger sei er als sie, und es sei eine helle Schande! Um diese Zeit strahlte das Gesicht der Händlerin vor Glückseligkeit. Aber nur wenig über vierzehnTage währte ihreFreude. Eines Morgens war der Laden geschlossen, und ein rothes Plakat verkündete, daß er sofort z» vermiethen sei. Der Gärtner hatte nicht das Geld gefunden, das er verniuthet hatte, und so war er durchgedrannt. nachdem er das Obstlager»m einen Pappenstiel verklitscht. Die Alte verschwand aus dem Viertel. Nach einem halbe» Jahre un« gesähr tauchte sie wieder auf, unter der Stadlbahnbrücke erst, mit einer flachen Kiepe vor dem Leib, in der abgeschnittene Blumen lagen. Dann wagte sie sich auch wieder in die Straße, in der sie vordem gelebt, zu de» Nachbarn und Bekannten und bot ihnen ihre Blumen a». Als stille Frau schätzt sie keiner mehr. Keck tritt sie aus und mit wippenden Schultern. Ihr Kovf ist ganz klein ge- worden, nnd dünn die schlohweißen Haare. Aber ihre Auge» haben noch nichts an Glanz verloren, herausfordernd blitzen sie die Vor- übergehenden an. Wer zu handeln wagt, dem kehrt sie wegwerfend den Rücken. Schier, als ivärds sie zu ihrem Vergnügen handeln, so giebt sie sich. Ich ahnte es längst, daß ihr Gehaben nur Schau- spielerei, daß es nur angewandt würde, um all den Jammer und das Elend niederznbeißen und zu verdecken; seil ich sie au einem Abend vom Sprühregen in einen Thorwiukel gescheucht sah,»lieber- gebrochen, und sie schluchzen hörte, weiß ich eS, daß es so auch ist.— Literarisches. — Der englische Botaniker Sir Joseph H o o k e r hat fein großes Werk„Flora of British Jndia" zum Abschluß ge- bracht. Das letzte halbe Jahrhundert hat er daran gearbeitet. Das Werk besteht aus sieben dicken Bänden. Das noch nicht gedruckte Register wird 42 000 Namen enthalten.— — Die französische Nationalbibliothek zu Paris e»t« hielt am 1. Januar 1897: Heilige Schrift IS 401 Bände, Liturgie 27 926, Kirchenväter 4864, katholische Theologie 74 322, sonstige Theologie 17 586, Kirchenrecht 8680, Natur- und Völkerrecht 7111, Rechtswissenschaften 144 888, Erdkunde nnd allgemeine Geschichte 39 425, Kirchengeschichte 36 726, alte Geschichte 30 754, Geschichte Italiens 19 422, Geschichte Frankreichs 279 408, Geschichte Deutschlands und anderer Länder 61929, Biographie 14 601, philosophische Wissenschaften 97 456, französische Dichtungen 68 841, französische Bühne 18409, einzelne Bühnenstücke 42059, Romane 116824 Bände.— Theater. — Im Schauspielhause werden am 17. September zwei Novitäten zur Aufführung gelaugeu:„Die Einzige", ei» drei- aktiges Lustspiel von P ä tz o l d, und hieraus der einaktige Schwank „Tanzstunde".— Musik. — Gustav Mahler ist, wie man der„Dresd. Ztg." aus Wie» schreibt, thalsächlich zum Direktor der Wiener Hof- o p e r ernannt worden und zwar mit einem lebenslänglichen Kontrakt. Das rein Geschäftliche wird fortan von Beamten der Intendantur erledigt werden.— Kuust. — Zwei Gutachten. Ein Berliner Wochenblatt hatte ein Zirkular an berühmte Künstler gerichtet, ob sie das Zeichnen n a ch G y p s für ein Studium nach der Natur nnd od sie es für nützlich halten. Darauf antwortete Menzel:„NB. Alles Zeichnen ist nützlich und Alles zeichnen auch",— und B ö ck l i n: „Einem intelligenten, begabten Menschen kann jede Hebung im Zeichnen zum Nutzen gereichen. Einem Schafskopf ist allSS schädlich."- Medizinisches. t. Heilung zerrissener Nerven. Der englische Arzt Robert Kennedy legte der königlichen Gesellschaft in London neulich die Beschreibung von vier Fällen vor, in denen er«ine Ausheilung von zerrissen geiveseiien Nerven feststellen konnte. Einmal handelte es sich nui die Zerreißung des Speicheii-Nerven und des Mittelarni- Nerve» in der Mitte des Vorderarmes, welche erst 6�2 Monate nach Erfolg der Trennung genäht wurden. Die Empfindung nnd die Bewegungsfähigkeit war in dem Glieds verloren gegangen, und es war eine deutliche Verkümmerung der Muskeln zn erkennen. Drei Monate»ach der Operation begann das Gefühl wiederzukehren, am 19. Tage war es bereits in allen Theilen der Finger wieder vor- Händen, nach einem Monat war die Heilung vollkommen. In dem zweiten Falle war der Mittelarm-Nerv über dem Hand- gelenke völlig durchgerissen und das Gefühl in den von ihm abhängigen Theilen des Gliedes verloren, außerdem vermochte der Patient nicht, den Daumen zu gebrauchen. Der Nerv wurde drei Monate nach der erfolgte» Trennung genäht. Zwei Tage darauf begann die Rückkehr des Gefühls, das sich nun weiter zusehends besserte bis zu einer völlige« Wiederherstellung nach Verlaus eines Jahres. Im dritten Falle waren die sämmtliche» Gewebe der Ariu-Rerven in eine Bruchstelle oberhalb des Ellenbogens verwickelt. Zivei Monate nach dein Unfall war völlige Empfindungs- losigkeit und Muskellähmung in dem Arme eingetreten. Am vierten Morgen»ach der Operation kehrte das Gefühl wieder, nach sechs Wochen war es bereits in den Fingern vorhanden, jedoch war noch keine Rückkehr der Bewegungsfähigkeil zu merken. Dieser Fall konnte leider nicht weiter verfolgt werden. Der vierte Fall, wo es sich um eine» Bruch des Speichen-Nerve» handelte, ist insofern interessant, als das Zusamnieunäben des Nerven erst 18 Monate nach der Trennung erfolgte, es war langst jedes Schmerz- gefühl in dem von den Nerven abhängigen Theile des Gliedes völlig verloren. Trotzdem kehrte das Gefühl fünf Tage nach der Operation in dem kleinen Finger wieder und war sechs Wochen später vollkonnnen wieder hergestellt, obgleich die Bewegungsfädigkeit sich»och nicht gebessert hatte. Aus diese» Fällen ist zu ersehen, daß die Leitungsfähigkeit in einem völlig zer- rissenen Nerve» durch Zusainmennäheii desselben unter Umständen wieder hergestellt werden, und baß sogar, wenn auch seltener, die durch die Zerstörung des Nerven hervorgerusene Muskellähmung gehoben werden kann. Kennedy hat die Heilung eines zerrissene» Nerve» auch unter dem Mikroskope beobachten können und bat fest- gestellt, daß sich an der zerrissenen Stelle zahlreiche junge Nerven- sassern bilde» und daß die Nerventheile wieder miteinander ver- wachsen. Trotzdem kehrt die Empfindung nicht immer wieder, wen» auch die gelrennte» Tbeile wieder znsammengewachse» sind, namentlich wenn das Narbenstück groß ist, alsdann scheint seine Dicke den Durchgang von Nerven-Jmpulse» zu verhindern.— Aus dem Thicrreiche. — In der letzte» Versammlung der deutsche» Ornithologischen Gesellschaft wurde erwähnt, daß jetzt 97 Arten von Paradies- vögeln bekannt feie». Dr. Lanlerbach legte eine Anzahl von N e st e r n aus Neu-Pomniern vor, welche Professor Dr. Dahl ge- sammelt hat. Ein G l a n z st a a r, Calornis metallica, iveichl merkwürdigerweise im Nestbau von allen übrigen Slaararten erheb- lich ab. Er baut nicht in Höhlen, sondern stellt ein großes aus Blattrispen und Halmen geflochtenes Nest mit seitlichem Eingangs- loch her, welches denen der Webervögel gleicbt und im Gezweige befestigt wird. Der B u i b u i, ein Honigsguger, Hermoiimia Corinna, baut ein beutelförmiges Nest, welches oben mit einem Schutzdach versehen ist und an Palmblättern hängt. Ei» Kukuk, Clacomantis insperata, benutzt es häufig, um sei» Ei dort unterzubringen.— Geographisches. — s.— Eine kleine Stadt mit großen Vor- städten. Die Bevölkerung der Stadt Sydney in Australien betrug, die Vorstädte eingerechnet,»ach der Feststellung vom 8l. Dezember 1896 410 099 Einwohner, was gegen das Borjahr eine Vermehrung von nur 1509 Personen ausmacht. Es ist an der Aer- theilung dieser städtischen Bevölkerung das merkwürdige, daß die eigentliche Stadl Sydney nur 100 900 Einwohner besitzt, während in den Vorstädten 310 000 Menschen wohnen.— Meteorologisches. — Di« seltene Erscheinung eines leuchtenden Nebels wurde am 3. September nachts um 11 Uhr, dreiviertel Stunde» lang über den Baberhäusern im Riesengebirge vom Hain aus beobachtet. Infolge eines Gewitters war eine geringe Abkühlung erfolgt, unter deren Einfluß sich über dem Walde an der nach den Dreisteinen hinaufziehenden Lehne ein Nebel gebildet hatte. Uuter dem Scheine ferner Blitze leuchtete die Wolke hell auf, entwickelte aber auch in de» Pausen völliger Dunkelheit eine beständige Lencht- kraft. Daß diese nicht etwa ein Reflex war, geht daraus zur genüge hervor, daß benachbarte Gebäude mit weißgetünchten Wände» in der bei völlig bewölktem Firmament sehr bedeutenden Finsterniß vom Auge nicht wahrgenommen zu werden vermochten. Erklärlich wird die Erscheinung durch die starke Sättigung der Atmosphäre mit Elektrizität, wie denn auch\V* Stunde später ein weiteres heftiges Gewitter losbrach.— Technisches. ie. Einer telegraphischen Ueberlandverbindung zwischen Europa und Amerika wird von R. A. Fefsendeu in der„Electrical World" mit Nachdruck das Wort geredet; dieselbe soll durch Sibirien bis zum Ostkap von Asien und über die Berings- straße nach Alaska geführt werden. Man glaubt, daß die Ver- mehrung der Handelsbeziehungen die allerdings ohne Zweifel be« deutenden Kosten der Anlage rechtfertigen würde, zumal sich für die Depesche» auf dem Ueberland- Telegraphen größere Geschwindigkeit und größere Sicherheit erziele» ließe als aus den»nterseeiscben Kabeln. Der Plan selbst ist nicht neu. Bevor es noch ein nnter- seeisches Kabel zwischen Europa und Amerika gab, bildete sich in den dreißiger Jahre» eine Gesellschaft, welche die Errichtung eines solchen Ueberland-Telegraphen zum Zweck hatte.— Humoristisches. — Die Sucht, alles durch P olizeiv er o rd nungen zu regeln, wird von Capus im„Figaro" verspottet: Ein Spaziergänger (will einen Kreuzweg überschreiten): Potztausend! Wie viel Wage»! — Schutzmann: Pasie» Sie auf!— Spaziergänger: Aber...— Schntzinann: Habe» Sie die letzte Polizeiverordnung über den Straßenverkehr gelesen?— Sp.: Ich habe sie in der Tasche.— Schutzmann: N»n also, richten Sie sich danach. Es ist das eiuzige Mittel, um nicht überfahren zu werden.(Ab.)— Sp.(allein): Er hat recht. Zum Teufel, da kommt ein Omnibus. Was thunc? Sehen wir, was die Verordnung sagt.(Sucht.)— Omnibuskutscher: Gehen Sie auf die Seite, Schafskopf!— Sp.: Ich werde ans die Seite geben, nachdem ich die Verordnung gelesen habe....(Liest.) Aha! Artikel 75. Steht in der Verordnung, daß ich auf die Seile gehen soll? Ja„die Fußgänger sollen beim Vorüberfahren der Omnibusse ans die Jnselperrons steigen". Also, steigen wir auf de» Jnselperron.— Omnibuskulscher: Rindvieh!— Sp.(ivagt sich von neuem auf den Fahrdanim): Versuchen wir jetzt hinünerzugehen.— Ein Radler(stößt ihn mit der Lenkstange): Ungeschickler!— Sp.: Ist es meine Schuld? Sie sind es.— Radler: Wollen Sie Ihr Leben lang da stehen bleibe», zum Donner- weiter!— Sp.: Was soll man thun, wenn man von einem Radler angerempelt wird? Suchen>vir Artikel 25i— nein, das ist es nicht— ah, hier, Artikel 321„Die Fußgänger..."— Radler: Das ist unerhört, mitten aus der Straße die Zeitung zu lesen!— Sp.: Das ist keine Zeitung, das ist die Polizeiverordnung.— Radler: Sie sind wahrhaftig verrückt.(Stößt ihn mit der Hand zurück und fährt davon.)— Sp.: Aber es steht in der Verordnung — Schatzman»(legt ihm die Hand auf die Schulter): Es steht in der Verordnung, daß ich Sie auf die Wache führen werde, wenn Sie nicht losgehen und etwas schnell!— — Sonntagsjäger(der einen kapriolenschlagenden Hasen viermal gefehlt, schlendert zornig das Gewehr nach dem ruhig da- sitzenden Wilde):„Verfluchtes Vieh, bring Dich meinetwegen selbst um. Ich hab's satt!"—(„Uga Nisse".) Vermischtes vom Tage. — Der Richtige. Em Parlamentarier, Jurist, fragte, wie die„Köln. Volksztg." mitiheili, dieser Tage einen Philologen, ob das Staatslexiko» der Görres- Gesellschaft ei»— Konversalions- Lexikon sei. Bluntschli's Slaals-Wörtervuch war ihm ebenfalls un- bekannt.— — Auch die„Leipziger Volkszeitung" hat von dem Verleger Oesterwitz in Dessau kein Exemplar von Büttner Pfäuner zu Thal's„Deutschen Sankt Michael" erhalten.— Der Man will mit der Sozialdemokratie nichts zu thun haben. Kann er!— — Verständig. Die Frauen in Römhild(Meiningen) haben sich verpflichtet, jeuierhi» keinen Vogelaufpug auf ihren Hüten zu tragen.— ie. Ein internationaler Kongreß z« in Schutze insektenfressender Vögel soll im Oktober d. I. zum ersten Male abgehalten werden.— — In U n t e r w a n g e n, Amt Bonndorf(Baden), sind 24 Wohn- und Oekonomiegebäude niedergebrannt.— — In der Gegend von G a b l o n z fBöhmeu) haben wölken- brnchartige Regen neuerlich großen Schaoen verursacht.— — In P r e ß b u r g(Ungarn) hat eine Frau ihre siebzehn« jährige Schwiegertochter vergiftet. Sie mischle ihr Phosphor u»ler ein Pflaumengericht.— — Der Direktor des NationalmuseuinS in B u d a p e st, Franz PulSty, ist gestorben. Er war 1849 von Kosfulh zum Vertreter Ungarns im Auslände bestellt worden, und wurde von den Oefterreicher» in contumaciam zum Tode verurtheilt. 1860 hat er sich au Garidaldi's Expedition betheiligt.— — Ein Transportschiff der Marine fand bei C a p r e r a einen Walfisch. Er hat eine Länge von 15.30 und einen Umfang von 5 Meter». Das ilugefähre Gewicht beträgt 800 Doppelzentuer.— t. Die Röntgen-Strahle n im A u s l a n d e. Wie das„British Medieal Journal" meldet. hat die militäiärzlliche Verwaltung der britischen Armee kürzlich 100 vollständige Kollektionen von Apparaten zur Herstellung Röntgen'scher Strahle» in Bestellung gegeben.— — Im D n b l i n e r„Richmond-Asyl" ist die„ B e r i B e r i Krankheit ausgebrochen, die sonst nur in tropischen Ländern vorkommt. 160 Fälle werden zur Zeit in dem Hospital behandelt. Auch einige Krankenpflegerinnen find von der Krankheil befallen worden. Die meisten Patienteu werden gelähmt und verlieren alles Gefühl in den Glieder».— — Eisenbahn-Unglück. Bei Emporia(Kansas, Nord- Amerika) stieben zwei Züge zusammen. Zwölf Personen wurden ge- tödlet, viele andere verwundet.— — Nach den offiziellen Berichten, die dem russischen Medizinal- deparlemeut zugingen, sind in Bombay in der Woche vom 23. Juli biS zum 3. Anglist 220 Personen an der Cholera gestorben. Am 16. August sei der Dampfer„Britannia" aus Bombay mit drei Cholerakranken an Bord in Suez eingetroffen, von denen einer vier Stunden nach feiner Erkrankung gestorben sei. Das Medizinal- departement fordert die Quarantänebehörden auf, ihre Aufmerksam- keit aus Fälle von Darmerkrankungen auf Schiffe», welche aus In- dien ankommen, zu richten.—_ Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn- tag, den 12. September. Verantwortlicher Redakteur: August Jarobry in Berlin. Druck und Verlag von Max«adiug in Berlin.