Htnterhalwngsbtatt des Horwärts Nr. 179. Sonntag, den 12. September. 1897. (Nachdruck»erboten.) 9j Der VauevttfLthrev. Roman von Franz Kahler. Hauptsächlich waren es zwei Gegner, deren Widerstand er fühlte. Steinig's Feindschaft trat immer offener hervor, während die Opposition des Direktor Thal mehr im geheimen zu bemerken war. Dem ersten gegenüber spielte Tehmer daher nur noch den überlegenen Mann, der nach dem neidischen Ge- kläffe eines lumpigen Bauern keinen Pfifferling srug. Dr. Thal dagegen suchte er durch ein Netz von Liebenswürdigkeiten an sich zu ziehen, indem er sich den An- schein gab, dessen feindseliges Verhalten gar nicht zn merken. Auch war ihm die aufkeimende Neigung zwischen dem Direkror und seiner Tochter nicht entgangen. Und so lächerlich ihm im Ernstfalle ein solches Verhältniß auch erschienen wäre, als Köder kam es ihm sehr gelegen. Teßmer überhäufte Tdal mit Einladungen und gab sich alle Mühe, ihn auf seine Seite zn ziehen. Thal durchschaute als scharfblickender Mann zwar klar die Takrik seines Gegners, allein bisher waren Hedwig's dringende Bitten, es nicht zu einem Bruche zwischen ihm und ihrem Vater kommen zu lassen, stärker gewesen als sein mehrmaliger Entschluß, das Teßmer'sche Hans zn meiden. Ein wenig trug dazu auch das Verhalten Dr. Neffel's bei, der immer offener als Bewerber um die Hand Hedwigs hervortrat. Erfolgreicher war Teßmer den kleinen Bauern gegenüber gewesen. Vor allen war Wegner vollständig in seinen Händen. Die Spekulationsgeschäfte, die er für diesen unter- uommen, waren nach wenigen Wochen bereits so ungünstig verlaufen, daß jener sein ganzes Hab und Gut an Teßmer verpfänden mußte, der nur gegen enorme Zinsen das Geld zur Begleichung der Börsendifferenzen vorgeschossen hatte. Einstweilen zog Teßmer die Schlinge aber noch nicht zu. In seiner heutigen Stellung mußte er ja doppelt vorsichtig handeln. Die Welt ist zu leicht mit Verdächtigungen bei der Hand. Uebcrdies war ihm die Beute ja sicher.— IV. Das sprichwörtlich schöne Wetter hatte sich auch in diesem Jahre zu Tcßmer's Erntefeste eingestellt. Vom wolkenlosen, zartbeblanten Himmel strömte eine Fluth herrlichen Sonnen- scheins hernieder, tausendfältig aufblitzend in den kleinen Wellen des Parkteiches, an dessen wiesigcm Ufer die Gäste des Hansherrn beim Kaffee saßen. Die weiten Nasenflächen, die dichten Hecken und Sträucher, die alten hochragcndeii Baum« grnppen prangten meist noch im üppigsten Grün, nur hin und wieder mahnte ein röthlicher oder bräunlicher Schimmer an den Blättern, daß der Sommer zur Neige gehen wolle. Die kleine Gesellschaft an den weißgedcckten Tischen war in einer lebhaften Unterhaltung begriffen, imd mitten in das Gewirr der Stimmen tönte manch heiteres Lachen und das Klappern der Tassen und Löffel. Die unruhige Spannung, mit der man den, Eintreffen des Arbeiterznges entgegensah, erhöhte die allgemeine, laute Fröhlichkeit. Besonders die jungen Gruben- und Wirthschaftsbcamlcn machten ans ihrer Festtags- stimmnng kein Hehl. Teßmer liebte und förderte durch die ungeniertesten Späße diese Ungezwungenheit; seine Leute sollten sich amüsircn und möglichst in der Weis, in der er sich zu amüsiren pflegte. Ein Vorgefühl des kommenden guten Diners und ausgelassener Tanzesfreuden lagerte aus den Gesichtern der Jugendlicheren, während Teßmer und seine älteren Freunde die znfriedenm Mienen patriarchalischer Leutseligkeit aufgesetzt hatten. Das näherkommende Geräusch ferner Musik machte dem lebhaften Geplauder ein Ende und gab das Zeichen zu einem allgemeinen Aufbruch. Einzeln oder in Gruppen gingen alle nach der Villa und nahmen dort an der niedrigen Freitreppe des Hanpteinganges Aufstellung, gegenüber dem breiten mit hohen, schattigen Bäumen besetzten Parkwege, durch den der Zug der Arbeiter kommen mußte. Immer lauter, vernehmlicher klang die Musik, immer zu- sammcnhängender trug der leichte Wind die lustigen Weisen eines Marsches herüber. Endlich bogen die Musikanten in den Parkweg ein, gefolgt von einem Menschenknäuel, dessen lauter, fröhlicher Lärm eine rauschende Begleitung zu dem taktmäßigen Schmettern der Tronipeten bildete. Einige zwanzig Schritte vor der Villa und den Gästen des Hauses machte der Zug halt. Die Theilnehmer. Männer, Frauen und Kinder, auf deren gefurchten oder unerfahrenen Gesichtern noch ein Abglanz des Genusses wiederstrahlte, den ihnen Hammelbraten, Kuchen und Freibier soeben bereitet hatten, bildeten einen Halbkreis. Die Musik verstummte plötzlich, und ans den Reihen der Arbeiter trat ein älterer, lang anfgeschossctier Mann. Er ging zehn Schritte auf den Platz zu, wo Teßmer stand, machte eine linkische Verbeugung und griff mit auffallender Geberde in die Brusttasche seines abgetragenen, schwarzen Rockes. Mit markirter Ueberraschnng zog er jedoch schnell seine Hand wieder zurück und versuchte eine Miene zu niachen, als ob er sagen ivollte:„Donner- welter, da habe ich wohl meine fein sanber ausgeschriebene Rede zu Hause gelassen?" Teßmer, der majestätisch inmitten seiner Gäste stand, lächelte wohlwollend. Seine Freunde lachten, seine Töchter lachten und auch die Arbeiter mit ihren Frauen lachten. Seit zehn Jahren lachte man stets, wenn der alte Strube regel- mäßig mit der gleichen verzweifelten Gebcrde seine leere Hand ans der Tasche zog und dann mit untröstlicher Miene hastig alle Taschen seines Allzuges durchsuchte. Schließlich, als die allgemeine Heiterkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte, richtete sich der alte Arbeiter hoch auf, stellte sich mit einer Hand- bcwegnng, die so viel bedeuten sollte, als„Nun, es wird auch so gehen!" in Positur und begann mit schwachem Pathos eine lange, in Verse gekleidete Lob-, Dank- und Erbauungsrede herunter zu leiern. Er stockte zivar häufig, aber Dank der geschickten Sonfleuse, Frau Pastor Kleinschmidt, der Verfasserin des Gedichts und der Er- finderin des geistreichen Taschenabsuchens, ging der Vortrag glücklich zn Ende. Die Erntekränze wurden überreicht. Mit einem tiefen Knix nahmen die Ueberbringerinnen das Erntegeschenk entgegen; der alte Strube brachte ein begeisterndes Hoch auf Teßmer, ein weiteres auf Frau Teßmer und die Fräuleins und ein ferneres ans Teßmer's Gäste aus, und die Musikanten schmetterten mit runden Backen ihren Tusch dazwischen. Dann folgte eine lange Rede Teßmer's über seine Zufriedenheit mit der letzten Ernte, die freilich noch besser hätte aussallen können; über die Genug- thuung, die er empfinde, daß der Himmel so reichlich die Schale des Segens über ihn ausgegossen habe ic. Er schloß mit einer ernsten Ermahnung an seine„lieben Freunde", die Arbeiter, ihre Frauen und Kinder, auch weiter brav, fleißig und genügsam zu bleiben, damit ihnen auch un nächsten Jahre wieder eine Portion Hammel- fleisch, Kuchen und einige Fäßchm Freibier bescheert seien. Ücber die wettergebräunten Gesichter der Männer und Frauen, auf denen die klare Herbstsonne rücksichtslos all' die Falten und Furchen bloßlegte, welche Sorgen und Entbehrungen hinein gegraben hatten, huschte ein dankbares Lächeln od der versprochenen Belohnung. Die Musikanten setzten ihre Instrumente an den Mund, machten Kehrt, und in derselben Weise wie ans dem Herznge ivurde der Rückweg nach Hogwitz angetreten. Teßmer und ein Theil seiner Gäste schlössen sich dem Zuge an. Der große Tanzsaal war zur Feier des Tages mit frischem Grün, Blumen und Getreidekränzen festlich geschmückt. Im Hintergründe befand sich eine kleine Gallerie, auf der die Musikanten Platz nahmen. Für Teßmer, seine beide» Töchter, Dr. Thal und Dr. Nessel war ein Tisch und Stühle auf- gestellt; alle übrigen saßen auf den Bänken längs der Mauer oder standen im vorderen Theile des Saales, wo auch die Tonnen init dem Freibier Platz gefunden hatten. Es war üblich, daß Teßmer mit seinen Töchtern den Tanz eröffnete. Teßmer wählte eine der Arbeiterinnen zu seiner Tänzerin, während zwei Arbeiter die„Fräuleins" zum Tanze forderten. Durch Teßmer's Gmist ausgezeichnet zu werden, galt im allgemeinen für die Frauen und Mädchen als keine Ehre. Atanche junge Dirne hatte um dieses bloßen Verdachtes willen schon von ihrem Schatz den Laufpaß, und manche Frau von ihrem Manne eine Tracht Prügel bekommen. Allein am heutigen Tage machte man eine Ausnahme. Eine Aufforderung zum Tanze vor hundert Znschauern war kein Antrag im Park» dickicht, im Komtoir oder im Privatzimmer deS Inspektor- Hauses. Welche Wahl Teßmer treffen würde, war daher schon lange Gegenstand eifriger Vermuthungen, Klatschereien und sogar Zänkereien gewesen. Ein wenig hatten sich heute Alle für den„gnädigen Herrn"' gepustt. Als die ersten Töne einer Polka durch den Saal gellten, trat deshalb eine erwartungsvolle Spannung ein. Teßmer erhob sich, ging langsam au der dichtgedrängten Reihe der Frauen entlang, musterte die Tänzerinnen, während die ihm zunächststehenden Dirnen abwechselnd roth oder blaß wurden, ihn anlächelten oder die Augen niederschlugen, ganz wie sie es für passend hielten. Endlich machte Teßmer eine würdevolle Verbeugung. Aller Augen richteten sich nach dieser Stelle des Saales; die Hintenstehenden machten lange Hälse, um zu erfahren, wer die Erkorene sei. Diese, ein junges Mädchen von siebzehn Jahren, eine der vielen poluischen Arbeiterinneu, die vom Frühjahr bis zum Herbste auf Teßmer's Gütern arbeiteten, machte in ihrer Verwirruug Anstalten, scheu hinter ihre Kolleginnen zu treten. Sie wußte offenbar die große Ehre noch nicht zu würdigen und hätte es lieber gesehen, wenn eine ihrer Nachbarinnen an ihre Stelle ge- treten wäre. Aber Teßmer hatte sie bereits um die Taille gesaßt. „Dummes Ding, wirst Dich doch vor mir nicht fürchten!" raunte er halblaut, und begann zu tanzen. Trotz seines Alters und seiner Korpulenz drehte sich Teßmer flott im Kreise, und auch die hübsche Kathinka schien bald ihre Scheu überwunden und Gefallen am Tanze gefunden zu haben. Nachdem Fräulein Hedwig und ihre jüngere Schwester Rosa ihre Partner ge- sunden, war das Eis gebrochen, und immer neue Paare stürzten sich in den Tauztrubel. (Fortsetzung folgt.) Sonnknasplsmdevvt. Ginge es nach den Versen, mit denen unsere Koupletdichter Berlins Reize verherrlichen, das lotalpatriotische Gcmülh jedes Berliners könnte ewig sonntägliche Stunden durchkosten. Aber selbst jene Bürger Berlins, die sich mit Stolz als„Rcichshanptstädter" fühle», werden rom lobpreisenden Konplet- und Tingeltangelsang nicht allzu tief berührt. Sie laffe» sich nicht ungern von den schmeichlerischen Klängen reizen, aber sie geben sich ihnen nicht auf Gnade und Ungnade gefangen. Wenn dein Pariser Pfahlbürger- thnn» zum zehntauseudslen Mal versichert wird, Paris sei die glänzendc Leuchte und Zentrale der Wcltknltur, so wird jeder Gewürzkrämer in Paris das durchaus in Ordnung finden, wiewohl er sür feine Person gewiß nicht das aller- mindeste zum Glanz der Weltleuchte Paris beigetragen hat. Wenn der spaßhafteste Wiener, dessen geistiger Horizont nicht über den Lnegersport oder über das Interesse am Wettrennen hiiiauSreicht, die Worte hört:„Wien bleibt Wien!", so nickt er ganz ernsthaft und geivichtig hierzu, wie zu etwas Selbstverständlichem mit dem Kopf, trotzdem sich dabei so gut wie gar nichts denken läßt. Reu-Berlin ist zu jung noch, als daß es so feststehende Grundsätze für sich hätte formen können. Noch immer pflegt man bei unS in manchen charakteristischen Zügen die Emporkömmlingsnatur hervorzukehren; und ganz be- zeichnend ist es, wie gespannt man hier zu Lande fremde Aeußernngen über Wesen und Eigenthüinlichkeiten Berlins verfolgt. Man erbost sich nicht mehr so heftig, wie vor Jahren, als Victor Tissot voll von albernen Vorurtheilen auszog und seine Studie» veröffentlichte; etwas ruhiger ist man doch geworden. Aber man hängt an der Geivohnheit des Parvenüs fest, sich ängstlich darum zu bekümmern, welche Meinung irgend ein Nachbar über da? Hans- wesen, das man bestellt hat, auskramt. Herr Jnles Claretie, der bekannte Theatermann und Tagesschriftsteller, hat in diesem Sonimer ein paar flüchtige Stunden bei uns gewellt und in pathetischer Form die Eindrücke wiedergegeben, die er von der riesigen Kasernen- und Fabrikstadt Berlin gewonnen hat. Er träumte sich in die Bergangenheit hinein und munkelte über die Zukunft des„lebens- voll" anschwellenden Berlins. Das ivar Grund genug, die wichtigen Studien des Herr» Claretie, die während einer Rundfahrt zwischen dem Mittag- und Abendessen gesammelt waren, unserem Publikum in ihren Einzelheiten genau wiederzugeben und tiefsinnige Erörterungen daran zu knüpfen. Neulich war ein anderer Pariser Publizist hier und schilderte seine„Berliner Anschauimgen" in einer Pariser Zeitschrift. Für jeden Unbefangenen mußte es sofort klar sein, daß dieser Herr un- gesähr so gesehen hatte, wie der Italiener Evangelisti. der nirgends in Berlin Äoth und Elend zu erblicken vermochte. Das thut nichts. Auch solche Pariser Weisheil bekommt das Berliner Publikum auf- gelischt, und es erörtert sie lebhast. Ja, fällt es in Städten mit alt gesestetem Knltnrbesitz, fällt es etwa einem Pariser ein, die Etirne nachdenklich zu falten, wenn igend ein Coirnnis voyageur mit der Feder in ein paar Tage» oder Wochen die tiefsten Geheim- pisse von Paris entdeckt hat? Dabei muß man bedenken, wie diese Art von Entdcckuugs- reisenden fast niemals sich aus dem Gesellschaftskreis eurporzuringen vermögen, in dem sie sonst zu verkehren gewohnt sind. Gleich unser jüngster Logirbesuch aus Paris. Der Mann tummelt sich in den Theatern, flauirt vor den Boulevardkaffees, giebt in be» freundeten, gulsituirten Bürgerfamilien die neuesten Anekdoten zum besten: Flugs ist, nach seinen, Maßstab gemessen, die Charakteristik von Berlin beendet. Er erzählt daheim seine neueste, imnienS bedeutsame Enthüllung: Oh. wie salopp, wie lotterig kleidet„man" sich in Berlin. In den Schauspielhäusern, auf den Promenaden, was sieht man da sür Toiletten. Selbverständlich bemerkt er nur eine kleine soziale Schicht und da wird er ja mit seiner Anmerkung nicht unrecht haben. Aber zugleich wird ihm diese enge Schicht zum großen Berlin und nach seinem in Paris geschulten Blick die neuentdeckte Thatsache zum höchst wesentlichen Merkmal sür ganz Deutschland. Solch ein Mann glaubt wirklich, überall fordern zu dürfen, was er in der sogenannten eleganten Welt von Paris kennen gelernt hat. Das ist im übrigen seine Sache; nur wirkt es komisch, wen» unsere Bürgerschaft mit solcher Reizbarkeit auf derlei Aeußerungen hinhorcht. Empor- kömmlinge, die ihren Haushalt noch nicht mit gesicherter Ruhe zu verwalten verstehen und in nervöser Erregung ausspähen: Wie hält es der, wie hält es jener Nachbar von gutem, allem Besitz! Es leisten indessen auch unsere Handlungsreisenden von der Feder Erkleckliches an rasch fertigem Urtheil. Wer in den jüngsten Tagen die Beobachtnugen las, die unsere„Kriegsberichterstatter von den Manövcrfeldern" ihren Blättern übermittelten, der mußte daraus schwören, daß Dculschlanddoch das einzig wahre und echte Soldatenland der Welt sei, daß nichts den Deutschen so im innersten Nerv erbeben mache, wie das militärische Schauspiel. Es hätte eine weltbewegende Erscheinung austauchen können, sie wäre nach der Anschanuiig mili- tärischer Stiimnungsnincher vor den glänzenden Manöverspielen jämmerlich verblaßt. Ach und wie leicht sind derlei Beobachtungen „festznstellen". Man klammert sich an schablonenhafte Begriffe und braucht sie nur wiederzukäuen. Man sieht eine Menge von Neu« gierigen um sich. Wo fehlten die je bei irgend einem Soldaten- aufzug, sei es hier, sei es in Paris oder in Wien? Wo fehlten je die„Schlachtenbummler", die bei allem dabei gewesen sein müssen und denen alles zum Sport wird? Diese Menge stellt nun in den Reporterphantasien das gesammte Volk dar; in ihr lebt das Beste des Volksbewiißtscins. Und wenn nun diese Menge bei einer schneidige» Reiterattacke in nngebändigtes Halloh ausbricht, unbekümmert darum, daß diese Reiter-Fantasia, wie die Araber die kecken Reiterstücke nennen, im Ernst- fall einer unnütz tollkühnen Preisgabe von Menschenleben gleichkäme, ist da nicht der vollgiltige Beweis dafür erbracht, daß es nur ei» einzig herrliches Soldatengeschlecht auf Erden gebe, das deutsche?! Es wurden diesmal sogar von einzelnen Beobachtern ganz merk- würdige Entdeckilngen gemacht. Manche von den norddeutschen Kriegsberichterstatter» wußten zu„konstatiren", daß der soldatische Gedanke auch im bayerischen Volksherzen feste Wurzeln geschlagen hätte; und es war gar putzig, wie sie förmlich erstaunt ihre Ent- büllungeii offenbarten, daß der militärische Geist seit 1866 in Bayern solche Forlschritte, solche moralischen Erobsrungen gemacht habe. Fast klang es, als wolllen die Enthüller der tiefsten Volks« sccle dem gemeinen Bayer Glück wünschen, daß er nunmehr beinahe würdig sei, Preuße zu beißen. Welche Blnmenlese von bayerischen Volksaussprüchen. die während der Mauövcrtage gefallen waren, könnte man ans den Zeitungsberichten zilsammenslellen! Wie sich der Bayer sür seine Regimenter interessirl; wie er sich fiir seine Armee, die im Gefecht „gegen die Preußen" stand, erhitzen kann! Die Herren waren ganz paff vor Ueberraschung und beeilten stck darum, die allerneneste Enidcckling über den Kern bayerische» Bolkswesens der aushorchenden Well brühwarm zu verkünden. Was sonst für Bcobachlungen ans den ruhmvollen Manöver« seldern gemacht wurden, das entsprichl dem allbekannten Schema. Stach diesem Schema kommt dem preußischen Soldaten das Beiwort ,äh. dem bayerischen das Beiwort rauflustig zu. Dem Bayern schlechthin wird das Kriegführen zur waghalsigen Lust, dem Preußen zur eisernen Pflicht. So steht's im Schema; und daran wird nicht gerüttelt, aller moderne» Waffen- technik, allen modernen Marschmanövern, die vom Soldaten die äußerste Kraflansnützung fordern, zum Trotz. Wurden diesmal doch Märsche bis zu b8 Kilometern, also bis nahezu achl deutsche» Meilen erzielt. Das macht indessen nichts ans. Wenigstens den Federhelden nicht, die dabei waren. Ganz Findige unter ihnen, die die ge- heimsten Regungen der Volksseele zu belauschen wissen, wollten wahrgenommen haben, daß der knror des Bayer» dadurch nicht im mindesten gelitten habe. So ist er einmal, dieser Bayer schlechthin, gleickgiltig ob er fränkischen, schwäbischen oder allbayerischen Stammes sei. Ranflnstig bis zur Raserei des Halbwilden. An solchem Gegner gemessen, wie heben sich da erst die Vorzüge der präzise arbeilenden, zäh-preußischen Soldatennatur ab!— Alpha, Mleinrs Iseuillekntt — Die Glocken von Viueta. Bekannt ist die Sage von der reichen Stadl Viueta, die um des Ucberinuthes ihrer Bewohner willen vom Meere verschlunge» wurde, aber noch heute in der Tiefe ein gespenstisches Leben weiter führt. Nicht seilen soll gar der ein- same Wanderer am Sonntagsmorgeii, doch nur, wen» er selbst ein Sonntagskind ist, in'der Stille der Dänen de» Klang der Kirchen- glocke» aus der Tiefe der See vernehmen, die noch immer die Be- wohner der längst versunkene» Stadt zur Kirche rufen. Gewiß hat schon mancher über die aus dieser Sage sprechende fromme Einfalt gelächelt, und auch ich habe es wohl früher gethan, bis es mir ge- schah, daß ich die Glocken aus der See, zwar nicht der Ost-, aber der Nordsee, mit eigene» Ohren läuten hörte und einsah, daß auch hier, wie so oft, dem allen Volksglauben doch etwas Wirkliches zu gründe liegt. Es war im Juli 18Sa zu Wittdün aus Nmrum Morgens halb fünf Uhr. Das Fenster war halb geöffnet, ein klarer Morgen schien herein, kein Laut des Lebens war vernehmbar, selbst der fast nie rastende Wind schien zu schlafen. Ich glaubte noch zu träumen, als ich durch das regelmäßige Brausen der schwachen Brandung hindurch bald schwach, bald stärker an- schwellend tiefe Glockentöne vernahm, wie von einem fernen, voll- stimmigen, wohlabgestimmten Geläute. Geisterhaft, wie von etwas Körperlosem aus unbestimmbarer Ferne kommend, schwebten die Töne in der Luft, übertönten die Brandung und mischten sich mit ihr. Eine Täuschung war nicht möglich; so scharf ich horchte, und ich habe ziemlich musikalische Ohren, die Töne blieben. Ich trat ans Fenster, sie wurden nur deutlicher. Ei» wirkliches Glockenläuten konnte es nicht sei», denn um>/z5 Uhr morgens und Alltags läuten in protestantischen Ländern keine Kirchenglocken, ganz abgesehen davon, daß es ein so schönes Geläute in Hörnähe dort über- Haupt nicht giebt. Noch lange lauschte ich den liefen Tönen, zugleich über ihre Herkunft nachdenkend, bis sie mir klar zu werden anfing. Das regelmäßige Geräusch der Brandungswogen selbst mußte es sein, das sich von einer lange» Küstenstrecke her unter der günstigen Bedingung vollkommener Stille zu tiefen must- kalischen Tönen znsammenfaffcnd, die ihrerseits wieder unter sich noch tiefere Kombinationstöne erzeugten. Letztere halle ich sogar ihres eigeulhümlich ergreifenden Charakters wegen an dieser seit- samen Natnrmufil für sehr stark betheiligt.— (.Prometheus-.) Literarisches. —„Unjamwewe", Ernst v. Wolzogen's vieraklige Komödie, ist soeben im Berlage von F. Fontane u. Co., Berlin, als Buch erschiene».— Theater. „Unmensch, Unmcnsch, wer bist Du, daß Du uns so die Köpfe verdrehen und die Herzen zerfleischen kannst und lächelnd weiter schreitest auf Deinem blutigen Wege zum Ruhme!" Mit diesem stark romanhaften ülnfschrei apostrophirt Frau Leonore. die Gattin des reichen Konsuls Gerth, den Afrika-Eroberer Franz Ewert, für den sie in stürmischer Leidenschaft entbrannt ist. Herr Ewert aber weist die Liebessieche mit kühler Ueberlegenheit zurück. Er ist kein— Damenmann, er ist ein männischer Mann, der nur seiner großen Ausgabe lebt, dem Vaterland ein Stück Afrika zu gewinne». Ihn darf das Weib nicht unterkriegen. Für ihn be- deutet die Frau das bischen Schönheit, den Duft, der den geplagten Menschen zu Zeiten erquicken soll. So heißt es in der»euesten Komödie Wolzogen's„Un- j a in iv e w e", die am Freilag im Lessing-Theater ihre Preiniere erlebte. Held Ewert in der Komödie erinnert mich an den Kraftmeier einer höchst romantischen Geschichte von Eue. der jeden und jede überwand, der den Männern im Kampfe obsiegte, wie den zierlichen Mädchen auch. Wo er auftritt, kann er Furcht und Respekt um sich verbreiten, wo er hinblickt, brechen zärtliche Frauenherzen. Solchen Vergleich mit hqperideallfirteu Romanfigure» weckt der Held von Unjamivewe; und andererseits giebt er sich bis aus den Namen so deutlich als eine Gestalt, die nach lebendigem Modell ge- schaffen ist, die die Thaten des vielbernfeiie» Afrikahelden Peters anS dem innersten Wesen einer kraftvoll männlichen, in sich abge- schlosfenen Natur erklären, nicht idealisircn soll. Das giebt einen künstlerischen Mißklaug. I» dem ideologischen Eifer, den angeblich verlästerten Peters zu„retten", hat Wolzoge» seine künstlerische Absicht verschoben. Er mußte retouchiren; hier verschönen, dort verschweigen. Hier drängt sich«in Zug ans, der beinahe ein reporterhaster Abklatsch nach der Natur ist, dort wird er überwuchert von romanhaft-phantastischen Zulhaten. Man soll an«ine» schlichten Mann glaube», der eben»ach den Gesetzen seiner eigenen Kraftnatnr handeln muß. und anderseits hat man einen theatralischen Großsprecher und nur einen Großsprecher vor sich. Man soll im Ernst an das verwogene Seibstvertranen dieses Menschen glauben, ivenn er die Peters-Anekdote zum besten giebt: Einst wollte er sich an die Spitze der Sozialdemokratie stellen, und nur das Aristokratische in seinem Wesen habe ihn zurückgehalten. Gegenüber Zwitter- Komödien, wie Unjamivewe ist, braucht man nicht erbost zu sei»; nicht um der Peters- und Kolonial- fchivärinerei willen und nicht der iiiännisch-bequenien Art wegen, wie das Berhältniß der Frau zum schaffende» Mann behandelt wird. Gewichtigere Dinge als dieses Lustspiel, das als Charakterkomödie angelegt ist und alle Augenblicks ins übliche Salonstück oder de» Theatnschivalik umschlägt, sind des Grolles werth. Dieser Elvert, der ein Erdenmensch»nsercr Tage sein soll und doch sich geberdet ivie nur irgend ei» posirender Romanheld, hätte sicherlich unserem Philister heidenmäßig vielen Spaß gemacht, wäre nur die Erinnerung an sein Vorbild Peters nicht allzu lebendig. Er, vor dem die blauMütigsten und goldschwersten Frauen kriechen und der dennoch zu seinem getreuen„Moppelche»", der bescheidenen Kathi von München zurückkehrt, er, der Allüberwinder und endlich noch Nelchskommiffar des Königreichs Unjamwewe, welch' ein Prachtkerl nach dem Geschmack guter Bürger. Aber nur nach der empfindsamen Schlußszene im zweiten Akt, in der ein Nigger seines Bana Ewert„Bubi" i» den Schlaf singt und dabei voll Heimweh seines eigenen Buben im fernen Afrika gedenkt, gab es starken Beifall. Nach dem dritten und dem Schluß-Akt mischte sich Zischen in den nicht besonders lebhaften Applaus. Herr A. Klein gab den Helden Elvert. In der Manier dieses Schauspielers liegt es, das Einfachste wie etwas Bedelitsames vorzutragen. Vielleicht trug er mit Schuld daran, daß Peters- Ewert gar zu sehr wie ein selbstgefälliger Ronianphraseur vorkam. — Das S ch i l l e r- T h e a t e r hat sich am Freitag durch die Aufführung von Anzengrnber's Banernkomödie„D i e Kr e nz e l'sch r eiber" ein Verdienst erworben. Wir haben das lustige Stück schon bei früherer Gelegenheit besprochen und brauchen es daher nicht im einzelnen zu würdigen. Aber es drängt einen doch, der Freude Ausdruck zu geben Über die kerngesunde Sinnlich- keit, die mit so schalkhaftem Behagen über der Handlung aus» gebreitet liegt und so energisch die Dünste pfäffischer Unnatur zu vertreiben weiß. Mag darüber gestritten werden, ob im Tiroler Bauernvolke ei» Pantheist vom Schlage des alten Steinklopferhannes möglich ist; dieser Mann ist lebenswahr, wie er dasteht ans der Bühne und klug die Jungfrauschaft des Dorfes zu frommein Werke an de» Männern mobil macht, wo deren Ehefrauen sich iil standhafter Entsagllng mühen, die vermeintliche Pflicht gegen die Kirche höher zu achten als die eheliche Pflicht. Wo hat wohl ein neuerer Dichter Sinnlichkeit und Sittlichkeit in gleich schöner Mischung zu vereinen vermocht, wie Anzengruber in den„Kreuzel- schreibern"? Die Darstellung, die dem Stücke im Schiller-Theater z» theil ward, war lobenswerth. Man sprach durchweg gut und spielte frisch und wahr. Die beide» Haupipersone», der Steinklopferhanns und der Auto» fanden in den Herren P a t e g g und N e u e r t tüchtige Vertreter, und wenn auch die Seffa des Fräulein Barth ein wenig schnippisch und bläßlich war, so wußte sie sich doch im Ensemble brav zurechtzufinden. Ein kleines Kabinetstück schus Herr E r> b e n in dem alten Brenninger.— Mnsik. — er— Neue? O p e r n t h e a t e r. Mit Beginn dies»? mürrischen Septembers sind bis ans wenige Ruh- und� Urlaub- bedürftige sämmtliche Künstler, welche das Ensemble der königlichen Oper btldeu, heimgekehrt. Stille Wünsche, welche die Pietät und erinnerungsglltige Dankbarkeit bisher nicht zu Worte kommen ließ, werden in dieser Spielzeit sicherlich zu nachdrücklichen Forderunge» auschlvcllen. und die Ueberzeugung, daß ohne einen jugendlich un- verbrauchten Heldentenor und eine mehr aus ihre stimmfrische Gegen- wart als auf ihre große verklungene Vergangenheil pochende dramatische Sängerin keinem Knnstiverke wirklich dauerhaftes Leben verliehen werden könne, dürfte jenen ehrenwerthen Em- psilidnngen, welche vieljähriges Verdienst nicht der unerbittlichen Zeit gänzlich überlasse» wollen, kaum mehr»nterliegen. Wir hörten Herrn S y l v a, dessen ehrliche und ernste Künstlerschast iveit das übliche Tenoristenthum seit vielen Jahren überragt, kürzlich als Canio (Bajazzo) und Mathias(Evangelimaun). Noch klingt uns ans früheren Zeilen diese in breiten Tonwellen ausströmende Tenorstimme, deren üppiger Brnstklang selbst in hohen Lagen nicht verblaßte, im Ohre nach, und die Erinnerung, wie dieses Erzorgan am Schlüsse einer noch so anstrengenden Rolle dieselbe Leuchtsülle besaß wie zu Beginn der Oper, wird»iemand, welcher diese echt dramatische, von allem Krampshasten freie Stimme in ihrer Blüthc gehört, ent- schwinde». Weit entfernt, sich über seine herrliche Vergangenheit zu täuschen und sie durch Leistungen seiner Müdigkeit zu trüben, wird err Sylva den Much eines wahren Künstlers zeigen»nd sich als emier des seinen Geheininisses erweisen, wie man die Tyranner der Zeit bekennt, ohne ihr zu unterliegen. Dasselbe verfärbende Bild bot Frau Sucher als„Ortrnd" in der letzten Aufführnng von Wagner's„Lohengrin". Man kann kaum das Gefühl saffen, sich für immer von den magischen Reizen dieser einst reine» und großen Stimme, von der zwingenden Macht dieser Schanspielkuust trennen zu, nüssen. welche von dem realistischen Parvenülhum unseres modernsten Primadonnenthums nichts wußte. Und dennoch müssen wir den unbarmherzigen Wunsch äußern, dieser gewaltigen künstlerischen Persönlichkeit bald die weiten Grenzen und die volle Kraft unserer weihevollen Erinnerung widmen zu dürfen.— — In den großen Philharmonischen Konzerten unter Arthur N i k i f ch' s Leitung gelangen im nächste» Winter zur Aufführung außer Symphonien von Beelhoven, Haydn, Mozart, Schumann, Brahms die Symphonie in B-dur von Rob. Volkmann, eine Symphonie in D-moll von Casar Frank, die bei dieser Ge- legenheit in Deutschland zuni erste» Mal gespielt wird, eine Senerade für Streichorchester von Josef Silk, dem Führer des Böhinischen Streichquartetts,„Till Elltenspiegel" von Rich. Strauß, das Vorspiel zum ziveilen Akt der Oper„Gernot" von Eng. d'Albert. ein neues Werk von Heinr. Zoellner, dem Komponisten der Oper„Das hölzerne Schwert", Brahms' berühmte Haydn-Barialione», Bizet's„L'Arle- — 716— flcmie"«»d Werke von Berkioz, Liszt, Goldmark und Nich- Wagner (u. a. Ouverlüre zu der Oper„Die Feen".)— Aus dem Alterthum. — Gin Gott als Geschäftsmann. Aus Paris wird der„Franks. Ztg." berichtet: In der„.Ä.ca.eiemrs des inscriptions et des belles- lettres" verlas Herr Oppert eine inleressanle Arbeit über die Handels- und finanziellen Operalionen eines chaldäische» Gottes der Stadt S i p p a r a am Euphrat, des Gottes S a in a s, d. h. des Sonnengottes. Die Priestergenossenschaft dieser Gottheit. die iin Namen des Gottes selbst die Geschäste betrieb, vermochte mindestens 3000 Jahre lang stch zu ballen und ihre Operationen mit Glück durchzuführen, was ihr so leicht keine von einein einfache» Sterblichen geleitete Handelsgesellschaft nachmachen dürfte. Sie lieh Geld zu einem sehr hohen Prozentsatz, vielleicht z» 25 bis 30 pCt. ans. Der Gott war auch Großgrundbefitzer, und diese That- fache hat zur Folge gehabt, daß man i» Sippara keine Kontrakte über Terrainverkäufe aufzufinden vermochte, während Schrift- stücke dieser Art im übrigen Mesopotamien sehr häufig sind. Um diese Terrains abzumessen, hatte der Gott seine eigenen Maaße. Ein Horn oder«ine Tonne bedeutete ein Grundstück von 50 000 Geviert- ellen in Sippara, während dieselbe Tonne in Babylon 54 000 Geviertellen saht«. Der Gott verpachtete seine Ländereien und er- hielt für jede Tonne Gebiet eine gewiss« Anzahl von Tonne» Ge- kreide, die zwischen drei und dreißig schwankte. Man besitzt detaillirle Abrechnungen auf Denkmälern. Ein Generaltarif wurde alljährlich festgestellt. Der Gott vermielhete Häuser in der Stadt, und man ist auch im Besitze von Rechnungsablegungen über de» Verbrauch des von dem Gölte einkassirten Geldes. Er kaufte nur Sachen, die man ihm nicht als Geschenke verehrte, und verkaufte sie niit Nutzen wieder. Alle Handelszweige waren in den Operationen dieses praktischen Gottes vertreten, mit Ausnahme eines einzigen, des Menschenhandels. Der Sonnengott hat nie Sklaven gekauft oder verkauft, denn er machte im Verkehr mit den Sklave» ebenso gut Geschäfte, als mit den freien Männern und legte in dieser Hinsicht, so sehr er auch Gott war. menschliche Gesinnungen an de» Tag.— Aus dem Thierlcbe». — Möwe und Staar. Daß sich kleine Wandervögel aus ihren Wanderzügen größereu, z B. Kranichen, Störchen anschließe» und sie geivisscriuaße» als Reilthiere benutzen, sich auf ihren Nücke» setzen und niit forttragen lassen, dafür giebt es verschiedene Beobachtungen, die als beglaubigt gelte» dürfen. Besonders eigenartig ist aber ein Fall, den nach der englischen Zeitschrist„Field" jüngst ein Fischer beobachtete. Als er sich eines Tages mit seinem Boote auf offenem Meere befand, um seinem Gewerbe nachzugehen, bemerkte er eine Möwe, die auf ihrem Rücken einen Staar trug. Der seltsame Reiter wurde deutlich erkennbar, wenn die Möve beim Herumfliegen dem Boote etwas näher kam, da der Staar dann jedesmal Miene machte, seine» luftigen Aufenthalt zu verlasse» und aus das Fischerboot zu fliegen. Er war augenscheinlich erschöpft. Endlich wagte er doch de» Flug, fiel aber elend ins Waffer. Es gelang ihm jedoch wieder aufzukommen und nach mehrmaligem Zurückfallen schließlich auf das Boot zu flattern. Es hielt nicht schwer, ihn z» greifen. Der Fischer setzte ihn in seine Laterne, wo er alsbald einschlief, und ließ ihn bei seiner Rückkehr an Land fliegen. Er halte sich vollkommen erholt und flog schleunigst davon.— Geographisches. — Die Geographische Gesellschaft in Rom veröffentlicht die wiffenschaftlichcn Resultate der Expedition Bottego im unteren Somalilande und an der Landschaft Borani bis an den Rudolf- und de» Stefanie-See und schließlich im Nilthal. Die Expedition stellte hauptsächlich fest, daß sich der Fluß Oma in den R u d o l f- S e e ergießt und erforschte das obere Becken des S o b a t, welcher als letzter Nebenfluß auf der rechten Seite dem Nil zufließt. Sie nahm ferner Pläne von dem füdäthiopischen Gebirgsstock auf und stellte den Lauf des Sagan- Flusses bis zu dessen Einmündung in den Stefanie-See fest. Sie ent- deckte den großen Pagade-See, dem sie den Namen Regina Margherita beilegte, und welcher ein geschlossenes Becken mit dem Como-See bildet, und nahm von der ganzen westlichen Küste des Rudolf-Sees Pläne auf. Von de» 6000 Kilometer Land, welche Bottego erforschte, liegen 3000 Kilometer in Gegenden, welche bisher noch vieinals von Europäern betreten worden sind.— Huinoristisches. — Eine Anzengr über- Erinnerung. Anzengruber war in den sechziger Jahren mehrere Jahre hindurch als Schau- spieler an kleine» Provinzbühnen thätig, unter andern auch in Marburg a. d. Drau. Ein rechter Unglücksabend ivar der Abend, an dein er hier in dem Drama„Heinrich von Schwerin" mitwirkte. Das Hans war schon unruhig, als zu Beginn der Vorstellung der Vorhang nicht in die Höhe gehen wollte. Ueber die weitere» Vor- sälle berichtet Anzengruber's damaliger Kollege Doniinik Klang folgendes:„Als Anzengruber zu unserer ersten Liebhaberin die Worte äußert�:„Prinzessin sind blaß"— ging ein Lache» durch das Publikum, denn die Prinzessin war roth l Wahrscheinlich hatten dir Erregung und die Vorhangszene, während welcher sie auf der Bühne stand, ihr das Blut in die Wangen getrieben. Anzengruber, über das Lachen konsternirt, ärgerte sich, denn er wußte nicht, warum ge- lacht wurde. Kurzsichtig bis zur Bewußtlosigkeit, sah er überhaupt nicht, welche Farbe die Dame spielte; er machte eine Verbeugung, mußte gleich darauf abgehen und stolperte an der Thür«— Salve von Gelächter! Hinter der Szene erkundigte er sich, warum ge- lacht wurde. Man bedeutete ihm, daß dies Lachen ihn nicht an- gegangen, sondern die Prinzessin, welche gut roth geschminkt ist! „Dumme Gans," brummte er,„warum sagt sie denn das nicht, jetzt Hab' ich mich blamirt!" Währenddessen fiel das Stichwort— Anzengruber mußte auf die Bühne und sein erster Satz handelte wieder von der Blässe der Prinzessin. Kurz entschlossen, nm sich nicht wieder zu blamiren, wie er meinte, änderte Anzengruber auf eigene Faust den Text und sagte:„Das liebliche Roth auf Euren Wangen—." Kaum gesagt, Publikum schon ge- lacht, denn die Prinzession war jetzt todtenblaß!— Der Schreck über das viele Gelächter hat ihr da? Blut aus den Wangen getrieben. Die Arme stand Folterqualen aus. Anzen- gruber mit seiner Knrzsichiigkeit hatte dies natürlich nicht gesehen und glaubte es durch Aenderung des Textes gutzumachen. Als er abging, sagte er:«Das Frauenzimmer ist ja ein Chamäleon, das äuderl die Färb'!" Unterdessen ging unser erster Held stolz umher, denn ihm war nichts passirt— ja, er hatte sogar einen Applaus— der einzige Lichtpunkt in diesem traurigen Lustspiel. Aber die Nemesis schreitet schnell— auch er wurde an das Messer geliefert. Es kam die schönste Szene des Heinrich von Schwerin: die Er- zählung von der Vertheidigung der Festung! Das Unglück wollte, daß dem Souffleur vor dieser Szene todtenübel wurde— und im Souffleurkaste» erschien das runde Gesicht unseres Direktors, der eher alles sein konnte, nur kein Souffleur! Allgemeines Perplexsein auf der Bühne. Heinrich, der seine Rolle sehr gut kannte, seufzte und be- gaun in ernster strammer Hallung seine Erzählung.— Endlich kam er zum Schlüsse derselben und sagte:„Die Türken stürniten die Festung und schrien— und schrien(„Allah" fiel ihm nicht ein und der Direktor-Sonsfleur konnte ihm nicht helfen) und schrie»: Juchhee!!!" Donnernder Applaus und eine Sintfluth von Lachen! Lange Pause!— Anzengruber mußte dann weitersprechen— wieder etwas von einem blassen Satze— den er rasch änderte! Aber diese Aenderung hatte de» Souffleur so aus der Kontertänze gebracht, daß er ganz überhörte, daß Anzengruber fertig war und auf den»ächsle» Anschlag wartete.— Allgemeines Stocken— endlich schreit der Direktor herauf:„Wenn Du Gottes Sohn bist, so hilf Dir selber! Ich weiß gar nicht, wo wir sind! illnzeugruber, in Verzweiflung, half sich mit einer Improvisation. So endete dieses lustige Trauer- spiel."— Vermischtes vor» Tage. — Um Leben und Tod. In der Nähe von O s ch e r s« leben versuchte ein junger Ehemann seine Fran in der Bode zu ertränken. Er stieß sie ins Wasser, sie aber hielt sich bis früb um drei Uhr au einem Baumstumpf fest, dann gelang es ihr, an ihrem Wache haltenden Mann vorbei, zu entwische».— — In München versuchte ei» Kaufmann seine Schwägerin zu ersteche». Als ihm dies nicht gelang, verwundete er sie schwer durch Revolverschüsse und tödlete sich dann selbst.— — In Paris wurde unlängst ein Mann zur Woche gebracht. Als man ihn durchsuchte, fand inan in seinen Taschen eine große Anzahl von Ratten und w e i ß e n M ä n s e n, die vollständig gezähmt waren. In der Hand trug der Mann einen großen Sack, der eine» pestilenzialischen Gestank verbreitete. In ihm besaude» iich die Lebensmittel für die Thier«, Käserinden, verdorbene Früchte w.— — J» Paris ist die Buchbiiider-Werkiialt der Verlags- Buchhandlung Hacheite, in der 800 Arbeiter beschäftigt sind, theil- weis« niedergebrannt.— e. e. Der Senator Rignon, Bürgermeister von Turin, ist von einem betrogenen Ehemann wegen Ehebruchs deuunzirt worden.— — Ein Arbeiter-Theater. Die großen B r j ä n s k e r Eisenwerk« haben in Jckaterinoslaw(Rußland) für ihre Ar- beiter ein eigenes Theater erbaut. Die Anregung dazu haben, nach dem„Verl. Tagebl.". die Arbeiter selbst gegeben, die einen Verein bildeten und von Zeit zu Zeil kleinere Theaterstücke zur Ausführung brachten.— — London, 11. September. Nach einer bei Lloyds«m- gegangenen Drahtmeldnng aus Perim sprach der Dampfer„Güls of Venice" voraestern eine» Dampfer, vermuthlich„Caledouien", welcher signalisirte, daß der Dampfer„Polyphemus" bei Djebel Tair Schiffbruch erlitten habe, und daß dessen Mannschaft mit Ausnahme von 27 Mann verloren sei.— — Nach einer Meldung aus N e w- O r l e a n s sind daselbst zwölf Erkrankungen vorgekommen, die man dem gelben Fieber zuschreibt.—. — Die G o l d e n t d e ck n n g e n in Klondyke haben»> den Vereinigten Staaten unzählige Aktiengesellschaften hervor- gerufen. Viele Gesellschaften besitzen nicht einen Zoll breit Grund uud Boden in Klondyke.— Verantwortlicher Redakteur: Nngnft Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.