WnterhaltungM Nr. 184. Sonntag, den (Nachdruck verboleiu) u] Der BAnrvnfuhvev. Roman von Franz Kahler. VI. „Doktor Jonathan Weichlich, Berlin, Potsdamerstraße. Dienstag liberale Wählerversammlung in Seilten. Süßmilch hält Vortrag. Bitte dringend zu kommen. Unbedingt einige tausend Flugblätter noch heute senden. Rechne bestimmt ans Sie. Drahtet dringend. Teßmer.* „Tcßmer, Senten. Dienstag unmöglich: ganze Woche be- setzt außer Freitag. Honorar zweihundert Mark, Relourbillet erster Klasse, Souper und fünfzig Mark für zwei Gehilfen. Flugblätter abgesandt. Drahtet, ob Freitag recht. Weichlich." „Dringend. Doktor Jonathan Weichlich, Berlin, Potsdamerstraße. Zahle doppeltes Honorar für Sie und Ge- Hilfen, wenn Dienstag. Erwarte bestimmt Zusage. Freund- schastlichst Teßmer." „Teßmer, Senten. Akzeptire. Weichlich." „So ein Gauner!" war alles, was Teßmer nach dem Lesen der letzten Depesche herausstieß. Dennoch war er froh, Weichlich's Zusage erhalten zu haben, denn er wäre sonst in eine schöne Verlegenheit gekommen. Nun sollte es dem Dr. Süßmilch, seinem liberalen Gegeukaudidateu, der seit Wochen schon im Wahlkreise herumzog, doch noch theuer zn stehen kommen, sich schließlich in die Höhle des Löwen gewagt zu haben. Allein hätte es Teßmer, der offizielle Kandidat der Konservativen, allerdings nicht riskirt, diesem gc- wiegten Parlamentarier enlgegeuzutrcteu. Lieber hätte er sich am Wahltage sterbenskrank gestellt, um im Bett bleiben zu dürfe», als daß er Süßniilch's gefürchtelen Angriffen Trotz ge- boten hätte. Dieser Mensch besaß geradezu ein Genie, seine Gegner unter einem Hagel von Lächerlichkeiten kampfunfähig zumachen. Hier half nur Dr. Jonathan Weichlich's Schandmaul. Dem Süßmilch sollten seine faulen Witze noch im Halse stecken bleiben. Das mußte ein Hauptspaß werden, der die lausend Mark Unkosten immerhin werth war. „Ich bin überzeugt," dachte Teßmer,„daß dieser Erzlump von Weichlich Freirag so wenig oder eben so viel Zeit hat, wie am Dienstag; aber ohne Erpressung geht es bei ihm ein- mal nicht. In« Grunde hat der Kerl aber ganz recht, daß er seine Leute rupft: Geschäft ist Geschäft, und er versteht das seinige; das muß ihm der Neid lassen." Nachdem Teßmer sich so mit seinem ersten Aerger ab- gefunden hatte, zündete er sich eine Zigarre an und setzte sich auf eine Bank am Ufer des Parkteiches. Wie ein goldig flimmernder Staubregen fiel das S onncn- licht auf die kaum bewegte Wasserfläche, die weißen Kieswege und das satte, üppige Grün der Rasenflächen hernieder. Kein Lüftchen bcivegte die dichte« Laubmassen des Parkes, die einen würzigen Duft ansbauchten. In den Kronen der Bäume lärmte ein Spatzcuschwarm, zeitweise übertönt von einem lang- gezogenen, melodischen Vogeltriller... Unbekümmert um die Reize des Maiabends, mit halb- geschlossenen Aiigeu starrte Teßmer finster vor sich hin. Die Thatsache, daß Süßmilch überhaupt in die Lage gekommen war, in dem Sentencr Amtsbezirk ein Versammlungslokal zn finden, hatte sein konservatives Empfinden, das mit der Nähe des Wahltages immer ausgeprägter wurde, aufs schwerste verletzt. Er hatte so sicher geglaubt, die liberalen Ideen in seinem Machtbczirke ausgemerzt zu haben, daß ihn die Mittheilnng, für Dienstag sei eine liberale Wähler- Versammlung ini Bahnhofs-Wirthshausc zu Wiejcnau angesagt, außer sich gebracht hatte. Sein sofortiger Versuch, de» Wirth zu veranlassen, die Hergabe seines Lokales zurückzuziehen, war erfolglos.„Sie wissen, ich kümmere mich nicht um Politik; aber meine Gäste sind liberal, sie wünschen die Hergabe des Lokals, und ich kann sie ihnen nicht abschlagen." Teßmer ivar wüthend und ließ den Gendarm rufen.„Ich lege Ihnen aus Herz: bei dem geringsten Lärm schließen Sie die Versammlung."„Für Lärm will ich schon sorgen lassen", dachte Teßmer. Außerdem hatte er bei dem anderen Gast- wirthe zu Wiesenau den Saal für denselben Abend bestellt, um sofort nach der Auflösung der liberalen Versammlung eine tt des vorwärts . September. 1897. neue, konservative dort abhalten zn können. Die heutige Zu- sage Dr. Jonathan Weichlich's bestärkte ihn in seinem Ver- trauen, daß die liberale Sache in Seilten eine gründlichcZAb- fuhr erhalten würde. Das Geräusch näher kommender Schritte riß ihn aus seine» Gedanken. „Hallo, Doktor! Sie kommen>vie gerufen. Weichlich hat zugesagt!" Dr. Nessel trat näher und setzte sich ohne weitere Um« stände auf die Bank. „Dann heißt es also flott an die Arbeit gehen. Heute haben ivir Freitag; die Zeit ist kurz." „Wozu arbeiten?" entgegnete Teßmer erstaunt.„Mit dem Häufchen Süßmilchcr werden wir schon fertig. Die Majorität steht doch zu mir." „Ich bin nicht so optimistisch. Die Bauern können Ihnen die Niederlage in der Fabrik noch nicht vergessen; sie stehen geschlossen zu den Liberalen. Die Arbeiter der Grube und Ihre Tagelöhner müssen allerdings für Sie sein, aber ich fürchte, der Rest neigt zu den Liberalen. Auch Sozialdeino- kraten soll es massenweise geben. Also denken Sic sich die Sache nicht so leicht. Die konservative Majorität war nie eine große im Wahlbezirk und einige hundert Stimmen mehr oder weniger können den Ausschlag geben." „Sie sind ei» Angstmeier, Doktor! Ich glaube nicht an Ihre liberalen Arbeiter, am wenigsten an die vielen Sozial- demokraten, von denen Sie träunien; mit denen würde ich kurzen Prozeß machen. Das letzte Mal hatten sie ganze sechs Stimmen, und zivei Dutzend Kerle habe ich seit der Zeit mit Weib und Kind, mit Sack und Pack ans meinem Amts- bezirk gejagt, unter denen die sechs bestimmt geivesen sind. Ich habe jedem vor allen Leuten gesagt:„Du gehst Deiner Wege, weil Du sozialdemokratisch geivählt hast, weil ich nur Leute gebrauchen kann, die ehrlich, patriotisch und christlich, d. h. konservativ sind." Und glauben Sie mir, Doktor, diese Exempel haben gewirkt. Außerdem haben unsere Stimmzettel diesmal eine hübsche, weiße Farbe, eine konservative Nttauce, und wehe dem Kerl, der diese Farbe am Wahltage nicht lieb hat!" „Sie müssen mir schon gestatten, Herr Teßmer, daß ich dieses Verfahren nicht für klug und auch nicht für durchaus probat halte. Das bloße Ransschmeißen hat keinen Zweck, wird auch illusorisch, wenn die Zahl der räudigen Schafe zu groß wird. Arbeiter müssen wir doch haben, und dann, wissen Sie, ob Sie anstatt der räudigen Schafe nicht Wölfe als Ersatz bekommen? Ich bin mehr für ein diplomatisches Vorgehen, meinetwegen können Sie es auch demagogisch nennen. Mein Plan ist, die Leute da, wo sie am empfindlichsten sind, an ihrer sogenannten Ehre und am Geldbeutel zu kitzeln, um sie gegen die Liberalen aufzuhetzen. Morgen ist Zahltag. Legen Sie Ihren Leuten ein paar Groschen Lohn zn; nach der Wahl werden sich schon Mittel finden, die Sache rückgängig zu machen. Gleichzeitig lassen wir verbreite» und zwar eifrig verbreiten, der Süßmilch hätte gesagt, ein Arbeiter brauche nur Kartoffeln zu fressen und könne bei fünf Mark Wocheulohn noch drei sparen, wenn er kein Säufer sei. Ich garantire Ihnen für den Er- folg dieser Propaganda, wenn wir am Vcrsammlungsabende und am Wahltage mit dein Freibier nicht geizen. Der Süß- milch und seine Bagage werden dem Schöpfer danke», wenn sie mit gesunden Gliedern nach Hanse kommen. Mag sich das Gesindel für uns untereinander die Köpfe blutig haneil; was brauchen wir uns hineinzumischen? Wir, die wir die Partei der Ordnung vertreten, haben das Recht, die vatcrlandslose Sippe mit dem Knüppel zur Vernunft zu bringen. Wenn die einde von Religion, Sitte und Ordnung nligerufcn unseren rieben stören, müssen wir uns unserer Haut ivehren. Ich bin für starke Mittel, damit ihnen das Wiedcrkomlnen gründlich verleidet wird!" „Da hätte ich den Weichlich ja eigentlich gar nicht nöthig!" „Wenn Sie mehr Vertrauen in mich gesetzt hätten, Herr Teßmer, würden Sie mir die alleinige Dnrchführung der Wahlkampagne überlassen haben. Es scheint aber, als ob ich bald zu jenen Mohren gehören dürfte, die ihre Schuldig» keit gethail haben." Teßmer wa» über die plötzliche Wendung, die das Ge- sprach genominen hatte, nicht wenig erstaunt. Auch Nessel fühlte, daß er zu weit gegangen war. Aber seit einigen Tageu war sein Entschluß gefaßt; er wollte nicht länger den gutbezahlten Söldner Teßmer's spielen, sondern Hedwig's Hand oder seinen Abschied fordern. Als Teßmer schwieg, fuhr Nessel fort.»Sie wissen, Herr Teßmer, wie sehr ich Ihnen ergeben bin, aber Sie werden es mir nicht verdenken können, daß ich auch meine Zukunft nicht ganz aus den Augen lasse." „Ich verstehe Sie nicht recht, Herr Doktor! Womit sind Sie unzufrieden? Ich weiß Ihre Ergebenheit und ihre Dienste wohl zu würdigen. Und über eine materielle Aufbesse- rung..." „Verzeihen Sie, Herr Teßmer," fiel ihm Nessel ins Wort, „aber Sie scheinen mich thatsächlich nicht zu verstehen. Ich bin mit meiner materielle» Lage nicht unzufrieden, sondern mit meiner sozialen. Um kurz zu sein, ich möchte nicht nur weiterhin der Gast, sondern ein— Angehöriger Ihres Hauses sein; nicht ans Ehrgeiz, nicht ans Eigennutz, sondern anS Liebe zu Ihrem Fräulein Tochter Hedwig. Ich rechne ans Ihre Nachsicht, wenn ich die Kühnheit habe, hiermit um ihre Hand zu bitten." Obwohl der Autrag für Teßmer nichts Ueberraschendes hatte, war er doch einigermaßen in Verlegenheit um eine Antwort. Nessel's Verlangen war in seinen Augen eine kolossale Frechheit. Der Gedanke, seine Tochter an einen Habenichts zu verheirathen, schien ihm einfach lächerlich. Dennoch konnte er Nessel nicht kurzer Hand abweisen. Gerade jetzt brauchte er ihn nöthiger als je, und das wußte dieser Schuft wahrschein- lich nur zu gut. Vorläufig hieß es, ihn hinhalten. »Ich bin sprachlos, Herr Doktor! Sie werden sich denken können, daß ich Ihren Antrag, dem ich für meine Person sehr wohlwollend gegenüberstehe, doch nicht klipp und klar be- antworten kann, ohne vorher eine Frage an Sie zu richten. Weiß Hedwig etwas von Ihrem Vorhaben und haben Sie ihre Einwilligung?" »Auf beide Fragen muß ich mit„Nein!" antworten. Aber lassen Sie niich offen sein, ich liebe nicht das Ausragen an der unrechten Stelle. Und da ich weiß, daß Sie und nicht Fräu- lein Hedwig das entscheidende Wort zu sprechen haben, ersparte ich mir den Umweg." (Fortsetzung folgt.) SmmtngsptsnÄevei. Noch ist in der deutsche,» Bürgerschaft der alte Hang zur Nomantik lebendig; und wenn der romantische Schimmer erst a»f ein gefürstetes Hanpt fällt, dann weif, der bravste Biedermann, der sonst nicht über seines Gäßchens Enge zu blicken gewohnt, keine wohlthätiger« Sensation. Es ist komisch, die Geschäftigkeit zu belauschen, in die dann selbst die durstigste Phantasie verfällt. Was nämlich in höheren Sphäre» passirt, das erfüllt die alljcit ergebenen und demülhigen Gemüthcr stets noch mit geheiiimißvollen Schauern. So ist das alle, fronimr, stille Aachen plötzlich in eine Stätte «nruhvoller Erregung verwandelt. In den Mauern der mittel- alterlichen Krönungsstadt hat sich ein Wunder, ein leibhastiges Wunder zugetragen. Ein Prinz ans fernem Osten war erschiene»; all seinen sürstlich«» Glanz hat er von sich gethan und ein be- scheidenes Aschenbrödel, ein blondes Aachener Gretchen hat er zu sich erhoben. Welcher Ruh»,, welche Gnade für die ganze Aachener Stadt! Der Prinz aus dem Osteu heißt Franz Ferdinand und galt als der muthmaßliche Throiisolger von Oesterreich. Wer diese» Prinzen in Berlin sah, als er hier an Hoffestlich- keilen theilnahin. der hätte es geivib nicht geglaubt, daß dieser Mann später«inuial die Gelüste der guten Bürger in Deutschland, sich au romanhaften Geheiwnisseu zu berausche», befriedige» sollte. Vom blendenden Herrscherthum, von be- feuerter Jugendlichkeit»var gewiß nichts zu entdecken. Ein wienerischer Kopf, wie einer von, Dutzend, ei» wienerisches Bärtchen und dazu das stereotype Lächeln, wodurch hohe Herren dem niederen Boll die Herablassung beweisen wollen. Und just dieser Prinz sollte zum Helden einer roinaiilisch-verklärten Liebes- und Ehegeschichle werden! Er habe, hieß es, um die Schwester des Tuchrestehändlers Hnßmann geworben und sei mit ihr heimlich in London getraut worden. Welche Fülle von geschichtlichen Erinnerungen mag da in den Köpfen der Aachener und ihrer Seeleiiveramndteii im Übrige» Deutschland wach geworden sein? Da war einmal die Philippine Welseri» und die schöne Agnes Bernauer; und nun sollte ein Rachener Kind in die stolze Ramensliste sürstlicher Frauen aufgenommen werden? Welches Entzücken für jedes lokalpalriotische Aachener Herz! Und>v«lcher dankbare Stoff für die deutschen Bürgerfranen insgemein, die sich wieder au etwas Hohem ergötze» dürfen und nicht mehr untereinander über das Dienstbotenelcnd in unseren Tagen zu jammern brauchen. Es ist etwas Herrliches nm solche hochinteressante Hofgeschichte. Des Tax es Einerlei schwindet und die empfindsame Frauenseele, der der pvli- tisch« Kanipf verhaßt ist, die treu zn Hans und Herd schwört, darf sich zn Höhen aufschwingen, die sie sonst nur mit sehnsüchtiger Per- ehrrmg betrachtet. Allein es scheint, als wäre in unseren rauhen, kampferfüllten Zeiten kein rechter Platz mehr für die süße, romantische Schwärmerei. Es giebt einen widerborstigen Gesellen,— er kann auch mitunter überaus milde und gefügig werde»— der nennt sich den offiziösen Telegraphen;»nd besagter Telegraph will mit seinem Brummbaß alle schönen Töne zerstören. Er will keine Seutimentaliläl gelten lasse» und be- zeichnet das ganze Gerede als unsinnige Erfindung. Er wahrt den Fürsten Ferdinand von Este energisch vor jedem Perdacht, eine „Mesalliance" abgeschlossen zn haben, und giebt entrüstet kund, wo der Fürst überall in den letzten Wochen sich aufgehalten habe. Und es wäre doch für Weiber beiderlei Geschlechts himinlisch süß gewesen, gefühlvoll in dem Gedanken zu schwelgen, wie die Liebe alle Unter- schiede aufhebt zwischen Thron und Hütte. Schwer indessen reißt sich das deutsche Gemüth von edler Romantik los. Der offiziöse Telegraph mag bestreiten, was er wolle; so leicht läßt sich Aachen nicht seinen neuen Ruhm rauben. Aachen glaubt, ivas es glaubt; und die Journale, deren Lebensderuf es ist, ihre Leser mit nebelhast verschleierten Sensationen zu füttern, senden ihre findigsten Reporter»ach Aachen, um dort hin- und herzuhorche», nach.Gcheiinnisseu" zu schnüffeln und die intimsten Euizelheileu ans den Lebeiisschicksalcii des Fräuleins Hnßinauu der lauschenden Menge als wichtige Dokumente zu verkünden. Hätte ein Entdecker eine entscheidende Thatfache gefunden; ständen im Stantsleben die wichtigsten Veränderungen bevor; gälte es einen harten Stampf, um ein Stück gesellschaftlicher Freiheit vor begehrlichem Hochninth zn wehren: was hätte das vict zu besage»? Aber eine pikante, hoch- herrschaftliche Liebes- und Heirathsaffärr, das ist von ganz anderer, erregender Kraft. Im Zeitalter des Dampfes und der Eisenbahnen, die jetzt leider bei gehäuften Unglücksfällen zn so»lannigfacher Er- örterung Anlaß geben, ist in gewissen Streifen die Lust am spannend- mysteriösen Vorfall durchaus nicht geringer geworden. Wenn nun gar etwas nnt höfischen Dingen zusammenhängt, da giebt es des Getuscheis»nd der ge- heiinnißvollen Andeutungen kein Ende. So koinmen denn auch die Geuuithcr über den Aachener Fall, der für sie ein Stück geheirnniß- reicher Poesie im dürren Alltagsdasein bedeutet, nicht zur Ruhe. Das hat der offiziöse Telegraph davon, daß er so luanche» Tag über Lügen eifrig brütete:»nu glaubt ihm auch die gutgesinnte Bürgerschaft nicht mehr, selbst wen» er das Gerede über eine erlauchte Persönlichkeit i» seiner Nichtigkeil darstellen will. Fürst Este aber. der Prinz, der mit feiner kränkelnden Lunge von Kurort zn Kurort wandert und nnt seinein wienerische» Dntzendgesicht und seinen wienerischen Colelette» so durchaus nicht den Eindruck des abcntcner- lustigen Tranfgängers macht, der mit keckem Satz höfische Konvention überspränge, muß es sich gefallen lasse», weiterhin als Mittelpunkt für die ausgestachelte Neugier des Philisteriums zu gelten. Dies Philisteriui» besteht einmal auf seinem romantischen Schein. An und für sich ist es gewiß kleinlich, sich über gewisse Dinge den Kopf zu zerbrechen. Der gewichtige Ernst aber, mit dem das Nachener Spektakelstück untersucht wcrd. der glühende Eiser so vieler Zeitung«», die durch sensationellen Kran, ihre Leser vom Wesent- lichen abbringen, sind ein Beispiel mehr für die Altweibermanier, die noch tief in der Bürgerschaft wurzelt. Wenn Nachen die Erregung nicht verwindet,— nun gut! Aachen, das sonst friedlich dahinschlummert, hat eben einmal sein Ereigniß. Wenn die Wiener Bezirksmeier ihre dicke» Köpfe besorgt hin und her schütteln, so kann man denken: diese Köpfe waren nm ihres Inhalts willen nie recht berühmt; und wenn diese Leute schon in Unterlhänigkeit ersterben, so möchten sie doch wenigsiens zu Gnaden und ganz ergebenst wissen, ob ihr künftiger Regent wirklich so etivas wie eine Mißheirath gelhan Hab« und ob er dann alleiifalls der Thronfolge entsagen niüfl« oder nicht. Indessen kau» unser Philisterimn ebenfalls nicht seine ungestörte Gemüthsruhe wiedererlangen. Der ganze liebe Sprichwörterschatz wird herbeigezogen.»Was ein Dementi des ossizivscu Telegraphen bedeutet, das kennt man zur genüge."„Wo Rauch ist, muß auch Feuer sein."„Ans Nichts wird nichts nnd es muß doch was an der Sache sein."«Das Blaue vom Himmel kann man nicht heninterlügen", und was dergleichen Redens- arten mehr sind. Für die Geheimnißspäher und Phantasten eine höchst will- komme»« Angelegenheit, die durch eine neue Nachricht noch verwickelter wird. Danach sei das verschwundene Aachener Mädchen böchst prosaisch einem Schwindler, vielleicht einem Verbrecher und Mädchenhändler ins Garn gelauseu, einen, falschen Prinzen aus dem Osten. Es gab falsche Kronprätendenteu genug, warum sollte es nicht eine» Falschspieler gebe», der auf Mädchenraub ausging? Bei der Durchschnittserfcheiiiung des echten Franz Ferdinand konnte es einem Hochstapler nicht allzu schwer werden, den falschen Prinzen zu markire». Man braucht dazu weiter nur z» bedenken, wie leicht in deutschen Bürgerkreisen der klar« Verstand der Leute benebelt wird, wenn ein hochniögender und vollends ein gefürsteter Herr sich ihnen vertranluM naht. Haben wir nicht alle iu Gerichtsprozeffen gegen Hochstapler die erstaunlichsten Beweise von Glaubensseligkeit er- fahren? Profitni acher, die mit allen Hunden gehetzt sind, werde» manchmal zu ganz merkwürdigen Dummköpfen, wenn jemand schlau und unverfroren und mit der nöthigen theatralischen Pose aus ihren knechtisch- demüthigen Sin» spekulirt. Und erst ein junges, vielleicht eitles, vielleicht überspannt hysterisches Mädchen! Aus alledem mag man ersehen, welche schwere Sorgenbürde ans einem großen Theil unseres Bürgerthums lastet. Eine romantische Sensation, ein ungeklärtes Gcheimniß! Ist die Welt aus aller» Fugen und hat«in»virklicher und leibhafter Thron- folger die heiligen Gesetze alter Häuser so sehr ver- könnt, mißachtet und n»»gestoßen, daß er sich mit einem geivöhnlichen Tuchreste-Händler verschivägert? Oder hat ei» Mann, der Opcretteuheld zu sei» verdiente, hätte die Sache nicht einen ernsteu Hintergrund, ganz despektirlich Maske und Glanz iines Prinzen vom Ölten entliehen? Das ist die Frage, rufen die Neun- malweisen n»il Hamlet»ind seufzen und stöhne» dabei. Ach, wer nur das Räthsel entivirren könnte! Vleines Feuillekon. — Isländische Miinchhaufiaden. Unter diesem Titel ver- öffentlichr Dr. A. Gebhardt im„Globus" eine llieihe von Er- Zählungen, die beweisen, daß auch in dein einsamen Island die Phantasie Münchhaufen's üppige Blüthen treibt. Eine von dein Bischof von Holar, Halldur Brynjölsson.„Der Wirbeliviud" betitelt, lautet:„Es ,var einmal ein heftiger Sturm. Da man aber trotzdem nicht unterlassen durfte, die Kühe zu tränke», trieb ma» sie wie geivöhnlich hinunter in den Bach. Als aber die erste Kuh den Kopf zur Stallthür hinausftreckt«, kam ein so heftiger Windstoß, daß er der Kuh den Kopf jivischen den Thür- pfoste» abriß und fortführte. aber im gleichen Augenblicke kam ein ziveiter Windstoß nnd setzte ihi» ihr wieder auf, aber verkehrt, so daß ihr von Stund an die Höruer ab- lonrts standen."— Guämund Magnüsson ans Hafrasell erzählt folgendes: Die Forellen.„Einstmals kam ich an ein Wasser, das ich voll Forellen fand. Leider halte ich kein Netz bei mir. Da ge- brauchte ich die List, die Finger ins Wasser zu halte». Nun kamen die Forellen und an jedem Finger biß eine an. Darauf aber kamen noch mehr nnd bissen an ihre» Schwänze,» an, und so immer mehr. Als ich nun gewartet hatte, bis mir die Schwänze laug genug er- schienen, zog ich sie aus Land und hatte ans dies« Weise viel»nehr gefangen, als ich zu tragen»»ennochte."— Der Sckwanenfang. „Eines Tages gingen»vir aus, um Gchiväne zu fangen. Es»var schiver, ihnen beizukomnie»», dein» die Teiche waren tief, die Schrväne scheu. Da»vandle ich die List an, unter dem Wasser an sie heran- zlikoimiiei» und sie an den Füßen z», fesseln. Dies vermuthete» sie nicht, nnd ans diese Weis« brachten»vir sie säiinutlich in»„»sere Ge>valt."— Zwergstädte in Posen. In der Provinz Posen giebt es »lickst weniger als zwölf Städte, die eine Einwobnerzahl unter K>0l) haben; aber alle diese Städte halten an ihrem Privileg fest, nnd in den letzte» Jahren ist es nur ein einziges Mal vorgekommen, daß eine posensche Stadt sich i» eine Landgemeinde verivandelte. Es war dies Dnbin.»velcheS jetzt 705 Einwohner zählt. Aber es giebt heute noch kleinere Städte als Dubin. Mieltschin im Kreise Witkowo hat 505 Eiiiwohner ic Sehr groß ist die Anzahl der posensche» Städte mit Einwohiierzifferi» von 1000—3000,»äuilich 67; außerdem hat die Provinz 27 Städte von 3000—5000 Einwohner» nnd nur 21 Städte von 5000—10 000 Eiiiwohner». Die große Anzahl dieser Städte nnd Städtchen erklärt sich daraus, daß in polnischer Zeit die Stadtprivilegien von den jeweiligen Gmiidherreii ohne weiteres vergeben werden konnten. und in der Provinz Posen ist nian so konservativ, daß man sich zum Aufgeben eines Slädlerechtes nur schiver entschließt.— Theater. Das Schauspielhaus hat nun mich au« Freitag seinen ersten Novitäteu-Abend gehabt. DaS Hoftheater hat in neuerer Zeit beträchtliche Anstrengungen gemacht, das klassische Repertoire in Berti» zu beherrschen. Die Mißerfolge des Deutsche»» Theaters auf diesem Gebiete, sowie die reicheren Mittel habe» dem Schauspielhans den Weg geebnet. Borstelluiige», wie de»,„Eoriolan"(mit Mat- kowsly) oder wie neulich Shakespeare's„Lear" kann man, so »venig sie an sich mnstergillig sind, beute nur im Schau- spielhause sehen. Für die modern« Prodxktion sorgen die „Ariuen im Geiste." Man erwartet hierin nichts mehr im Schauspielhailse und ivird darrnn nicht getäuscht. So»var es auch mit dem neiien. traurig- rührsamen Schauspiel„Die Einzige", das ein Kaufmann aus Halle, Max P e tz o l d, verfaßt hat. Es ist eigentlich«in lehrhaftes Schnlmeistersiüek. Ein schwacher Vater hat um des Hausfriedens willen es gelitten, daß sein Knabe, ein Muttersöhnchen, studirt und Korpsbursche wird. Der Alte,«in Be- amter, rackert sich Tag und Nacht ab. der Junge wird als KorpSier ein vollendeter Taugenichts, und benimmt sich gegen de»i eigenen Bater wie«in Rowdy. Unsegen kommt über die ganze Familie. Der Bater in seiner Schwäche der Gattin und dem Sohn gegenüber veruntreut«ine kleine, ihm anvertraute Sumnie; er verliert Amt und Ehre; der Sohn muß böser Streiche »vegen aus dem herrlichen Korps scheiden und brennt nach Amerika durch; die Mutter stirbt vor Schinerz; eine Tochter verdirbt in Babel-Berlin; und die Einzige, die dem greisei» Vater übrig bleibt, das brave Kind der Familie, muß sich von ihrem Bräutigam, einem Kansmann, der eine richtige Heringsseele ist, trennen. Das thränenselige Stück fand einigen Beifall. In der Darstellung ragte Herr H e r tz e r mit seinem Studenten hervor. In dem papiernen Schauspiel wäre das fast ein Stück Leben ge« worden.— — Ostend-Theater.„Jngendbronnen oder New- Rumiiieisburg". Burleskes charakteristisches Zeitgemälde von Emil Tschirch und C.Berg. Das Stück ist weder burlesk noch charak- teristisch, noch gar ein Zeitgemälde. Aus der Bnline geht ein Kunterbunt von allerlei bei den Haaren herbeigeschleppten Albernheiten vor, die eine ungeschickte Hand nach dem Rezept„Du sollst und mußt lachen" vor die naiven Zuschauer hinwirft. Der erste Akt spielt in einem Eisenbahnziig, in dem die Mensche» sich so unuatür- lich wie selten in einem anderen Stück geberde». Die alten Schablonen des Ostend-Thealers sind, da die Handlung in Amerika vor sich gehen soll, in amerikanischen Farben nachgezeichnet, und so erscheint denn der Mann, der bis dahin in dem Reichspoststück die klägliche Leideusrolle des Briefträgers gespielt hat. als gleich- beklagenswerther Kaufmann, dem drüben von einem Gauner allerlei Ungemach zugefügt worden ist. Der Schwerenöther Karl Weiß ist auch der Stile geblieben und tritt in der Berkleidung des Buffalo Bill ans. Dann kommen noch Deutsche beiderlei Geschlechts, die alle Augenblicke a»ls Bewnnderimg vor der neuen Welt in Verzückung gerathen; auch treibt sich ein«ndestnirbares Wesen auf der Bühne umher, mit dem Direktor Weiß sich schließlich verlobt. Ebenfalls vorhanden ist der bekannte gemeine Kerl von Gauner, der abermals von den Engros-Berlobuiigen, die am Ende des Stückes vorgehen, strafrechtlich aiisgeschlosseii»vird. Was es aber mit den beiden Titeln des„Zeitbildes" für eine Bewandiuß hat, konnten wir mit dem besten Willen nicht herauskriegen. Es ist uiiglanblich, was für Schlenderarbeit zur Zeit von den moderne» Possensabrikanlen dem Publikum vorgesetzt wird. . Musik. — Fräulein T e r n in a, die dramatische Sängerin der Mün che n er Oper, ist von Pollini nach Hamburg engagirl worden. 60 000 M. Jahreseinkonnnen sollen ihr garanlirt worden sein.— — Maseagni hat sein großes symphonisches Tonmerk „Schwermnth", das ihm für die Leopardi-Feier in Auftrag gegeben war. vollendet.— Erzieh, tng»rnd Unterricht. — Wander- Volksschule». Ein reicher Petersburger beabsichtigt mehrere Wander-Volksschulen auszurüsten. Jede Schule wird ans vier gerniimigen Fourgons bestehen, die derart konstrnirt sind, daß in denselben der Ausenlhalt mich im Winter möglich ist. In einem der Fourgons wird der Lehrer leben, im z»veiten befindet sich die Bibliothek, im dritten ein Ambulatorium und im vierten ein Borrath der nöthigftln Malerialien, die zuin Bau temporärer Schul- gebände nöthig sind. Die Fourgons sind in einer Weise konstrnirt, die den Transport per Eisenbahn zuläßt; in Rayons,»vo keine Eisenbahnen vorhanden sind, weiden die Fourgons auf Näder resp Kufen gestellt und durch je sechs Pferde befördert. Am Bestimmungsort bildet die Wanderschule ein geschlossenes Gehöft, das nicht nur Ansklärung verbreitet, sondern auch ärztliche Hilfe bringt, da sich bei dem Ambulatorium ein Arzt und«in Pharmazeut befindeii werden. Das Auditorium für die Schulkmder soll aus billigen Materialien aufgeführt werden, wobei vorzugsweise aus Geräumigkeit, Lust mid Wärine geachtet weiden soll. Diese Bedingungen werden mit Hilf« der Materialien erfüllt werden, die die Wauderschnlen mit sich sichren und die hauptsächlich ans Fenstern. Thüren. transportablen Oese», Venlila- toren und Schulmöbeln bestehen. Bei der Auswahl des pädagogischen Personals wird der Vorzug akademisch gebildeten Personen gegeben, namentlich solchen, die sich schon mit dem Lehrfach beschäftigt haben. Ein Mangel a» geeigneten Persönlichkeiten ist nicht zu befürchten, da die Honorare sehr hoch sein werde». Im ganzen sollen znr Organisation solcher Schulen vorläufig 50 000 Rudel angewandt werden. Falls die Idee durchgeführt werden kann, sollen die ersten Wanderschulen in das Gouvernement Arche»gel dirigirt werden, wo das Botksschnlivesen vollständig uneiitivickell ist.— Medizinisches. k. Kaiiiphervergiftungen Vergiftungen durch Kampher werden an? Frankreich und England berichtet. Eil» zweijähriger Knabe in Bognor, der ans Versehen einen Theelöffel mit Kampheröl, der ungefähr 1 Gramm Äampher enthielt, bekouimen hatte, erkrankte eine halbe Stund« nachher mit Krämpfen, Erbrechen nnd Bewußt- losigkeit. Der Rteine konnte nur mit vieler Mühe zum Leben zurückgebracht werden, erholte sich aber dann sehr schnell. In England ging ein Kind von 18 Monaten nach Genuß von 2 Gramm Kainpher ,n gründe, ein juitger Mann zeigte nach IV« Gramm Kainpher schwere Vergistungserscheniungen.— Ans dem Thierlebe». ä. Der Altweibersommer fliegt, das beste eichen, daß die„Tage der Rosen" nun endgiltig vorüber sind. Die ommer- oder, wie sie auch heißen,„Marienfäden" sind uon dem Aolksglaubtn uist einem förmlichen Netz von Poesie umsponnen. Bald sollen sie Haare der Mntter-Gottes sein, bald wohnen aller- Hand merkwürdige Wnnderkräfte in ihnen. In Wahrheit sind sie nichts als ei» Gewebe der Spinne». Wenn im Herbst die Regenlage kommen, und die Vögel nach dem Süden ziehen, begeben sich anch die Spinnen auf die Wanderschaft,»m die feuchten Niederungen mit höhere» sonnigen Gegenden zu vertauschen. Sobald ans eine Reihe von Regentagen der erste Sonnenschein folgt, baut sich die Spinne ihren Wander- apparat, eine Art Luftballon. Sie klettert dazu zunächst auf einen erhöhten Standpunkt und stellt sich dort ans den Kopf. Dan» sendet sie ans den am Hinlerrumpf sitzende» Spinnwarzen einen Büschel Fäden in die Luft, der nun im Winde gleich einer Fahne schwenkt. Hierauf dreht sie den Kopf nach den» Winde und sendet neue Fäden ans, bis sie merkt, daß das Geivebe sie tragen kann. Dann läßt sie alle acht Füßchen gleichzeitig los und segelt, den Rücken nach unten gekehrt, davon. Die Fäden bilde» ein Büudelchen. das die Spinne mit den Füßen festhält, und das lvährend der Fahrt nnansgesetzt durch neue Fäden vermehrt wird. Damit der Flug in die Weite richtig von statlen geht, bedarf die Spinne indessen des Windes sowohl als des Sonnenscheins. Nur die Erwärmung durch den letzteren ermöglicht es dem leichten Gewebe, überhaupt erst zu steigen. Sobald die Sonne sinkt, fällt anch das Spinnen- Luftschiff der Erde zu, die kleine Weberin läßt einen Faden nach unten und klettert daran hinab, um ei» Obdach für die Nacht zu suche»; erst am nächsten Morgen begiebt sie sich von neuem auf die Fahrt nach einem Winterquartier. Die Fäden, welche ihr Ballon auf der Fahrt verliert, vor allem aber jene, an denen sie abends den Abstieg bewerkstelligt, bilden später den Altweibersommer. Wie weit eine solche Spinnenreise gehen kann, erhellt daraus, daß Darwin sechzig Seemeilen vom Laiide entfernt tausende von kleinen röthlichen Spinnen mit ihren Geweben durch die Luft segeln sah. Uederrascht die Spinnen auf solcher Fahrt über Wasser ein frühzeitiger Sonnettnntergang, so sinken sie sofort hinab und gehen elend zu gründe.— Physikalisches. — Der Zickzack weg des elektrischen Funkens. Gewöhnlich schreibt man den Zickzackweg, den der elektrischen Funke» beim Ueberspringe» größerer Weiten einschlägt, de» Staubtheilchen der Lnst zu, die ihn aufhalte» und ablenken. Mockmann in England hat indeffen durch mehrere sinnreiche Versuche gezeigt, daß diese Er- klärung ivahrscheinlich nicht stichhaltig ist, sondern daß elektrisch ge- ladeen Lufttheilchen ihn ablenke». Durch eine» Versuch konnte er nachweisen, daß man mir einen durch Induktion geladenen Körper in die Nähe des Funkens zu bnnge» brauchte, um seine Gestalt zn ändern. Er klebte mit Schellack einige kleine Stückchen Zinnfolie auf ein Glimmerplätlche» und brachte dieses in die Nähe der Funkenstrecke einer kräftigen Jnfluenz-Maschine. Sofort bog sich der Funken aus und zwar in der Richtung nach dem Zinnblätlchen hin. Wen» er eine Anzahl von auf Seidenfäden gereihten kleinen Messingkägelchen in die Nähe des Funkens brachte, so bog er sich ebenfalls aus, zeigte aber in dem Winkel kleine, nach den Kügelche» ausstrahlende Verzweigungen. Mockmann hält diese Verzweigungen bei den natürliche» Blitzen für sehr wichtig, weil durch sie eine Menge Elektrizität schon in der Atmosphäre abgegeben werde, und der auf die Erde gelangende Nest seine zerstörende Kraft schon großentheils eingebüßt habe.(«Techn. Rundschau".) Astronomisches. — Neue Sternwarte. Bei der Jesuitenschnle zu Balken bürg in Holland ist eine neue Sternwarte gegründet worden, an deren Spitze der früher an der Georgetown-Slernwarte zu Washington thälige Astronom Hisge» steht. Der Refraktor des Instituts hat 9 Zoll Oeffnung. also etwa die Größe des Refraktors der Berliner Sternwarte, und ist besonders deshalb interessant, iveil er zum großen Theil aus Aluminium hergestellt ist. Der Vortheil, welcher bei der Verarbeitung dieses Metalles erwächst, ist nicht gering anzuschlagen. Der gefmmnte bewegliche Theil wird sich infolge des geringere» Gewichtes leichter handhabe» lasse», die Stahl« axen werde» weniger in Anspruch geuommen und daher weniger abgenutzt und die Durchbiegung des Rohres, ein Uebelsland, welcher sich bei größeren Teleskopen nie vermeiden läßt, wird auf eine» geringeren Betrag zurückgeführt. Das wiederum dw Aluminium- Konstruktion bei der Eigenartigkeit des Metalls manche Mängel zur Folge hat, iprf wohl erwartet werde».— Technisches. -—Ein neuer Sprengstoff, Mirex genannt, ist von einem Amerikaner erfunden und vor wenigen Tagen ans dem Michigan-See bei Chicago geprüft worden. Bei dielen Versuchen lud man einen 4 Zoll langen und l1/* Zoll dicken Messingzylinder mit dem neue» Sprengstoff und warf ihn sodan» in das Wasser, aus welchem, nachdem die Explosion in einer Tiefe von fünf Fuß stattgefunden, eine 20 Fuß hohe Wassersäule emporstieg. I» ciuei» andern Falle explodirle der Zylinder erst in der Tiefe von IS Fuß und brachte eine ähnliche Wirrung hervor. Ueberhanpt soll die Erfindung gestatten, die Tiefe genau vorher zu beftimmeu, in welcher die Explosion erfolgen soll. Aber auch durch ei» Geschütz soll der neue Sprengstoff geschleudert werden können.— Humoristisches. y. Vorsichtig. Ein Bauer aus der Umgebung von Hoja kehrte kürzlich spät abends in einer dortigen Wirthschafl ein und ließ sich kräftig zu essen und zu trinken geben.„Wo kamt Se denn her?■ wurde er gefragt.„Vnn Hannover, ick hebb' da min Dochler be- sökt."—„Se sund woll just mit'n letzten Tog kamen?"—„Nee, ick bün to Foote kamen."—„Wat, lo Foote vnn Hannover? Minsche. worüm söhrt Se denn»ich mit de Jserbahn?"—«Ick will mi woll wahren," sagt« der Landmann,„ick hebb dat in'n Wäkenblatt lesen von de veelen Mallörs np de Jserbahn, ick gnh'r »ich mehr up sitten!" Sprachs, trank fein Bier aus und fetzte seinen Wanderstab weiter.— — Die Dulderin. Herr Schwammerl hat es noch nie ge- wagt, in einer Versa»? mlung das Wort zu ergreifen, fürchtend, daß seine Frau anderer Ansicht sein könnte. Endlich findet sich eine günstige Gelegenheit, ihre Anerkennung zn erringe»! Triumphirend kommt er heim und erzählt, daß er in der Versammlung des„Vereins zum Schutze der Frauen" für die Frauenrechte gesprochen habe. Aber statt des erwarteten Lobes beginnt seine theure Ehehälfte:„Das will ich Dir mal zeige»— für so'neu moderne» Blödsinn einzutreten! Was haben die Frauen zu herrschen oder zu verlangen? Die Frau fordert nicht— das Laos der Fran ist, zu dulde» und zu gehorche»! Verstanden? Und wenn Du jetzt nicht gleich still bist, hol ich den Besen und...!"(Flgd. Bllt.) Vermischtes vom Tage. — Vorsicht, es„bombst"! In Halbe's Drama„Mutter Erde" sollte ein Gutsbesitzer- Ehepaar„von Tiedemaun" heißen. Das gefiel, wie es heißt, der Zensurbehörde nicht. Auf ihren Wunsch wurden aus den„von Tiedemann"„von Lindeinann".— Kostenlose Umtanfung! Aber sie riecht nach Metternich.— kr. Die Jahressitzung des Vereins deutscher Irren- ärzte wurde am Freitag in Hannover eröffnet. Anwesend waren etwa 120 Irrenärzte. In der ersten Sitzung sprach Dr. Knecht- Ueckermünde über den Werth der Degenerationszeichen bei Geisteskranke». Einstimmig wurde eine Erklärung au- genommen, in der der Verein es bedauert, daß in der Verhandlung des Reichstags vom 16. Januar 1897 eine den Thatsachcn nicht ent- sprechende Kritik an den i» de» deutschen Irrenanstalten bestehenden Zuständen geübt wurde und daß diese Kritik ohne Widerspruch von Seiten der Regierung geblieben ist.— y Im Jahre 1896 sind für reichlich 20Mill. Mark Gewehre von Hamburg aus verschifft worden. Es waren dies zum weitaus größten Theile deutsche Fabrikate.— — Der durch das Hochwasser vom 36. Juli angerichtete Schaden beträgt in de» 46 betroffenen Bezirken des nördlichen Böhmens im ganzen 13 749 774 Gulden.— — In einem Lustschachte der Brucher Kohlen werke (bei Teplitz in'Böhme») entstand infolge Selbstentzündung der Kohlen ein Brand. Verunglückt ist niemand; der Betrieb mußte vorläufig sistirt werden.— Zwischen Trafoi und G o m a g o i(Tyrol) ist eine große Steinlawine niedergegangen. Die Straße ist verschüttet, die Passage vorläufig unmöglich.— — Bei der Insel G o t h l a» d ist von einem Flensbnrgcr Dampfer ein mit Holz beladener schwedischer Schoo»er treibend aufgefunden worden, auf dein sich keine Mannschaft mehr besand.— — In Taschkent wurde am Freitag um 8 Uhr abends ein Erdbeben verspürt. Die Uhren blieben stehen nnd die Glocken ertönte» von selbst. Das Erdbebe» wurde auch in S a m a r k a n d wahrgenommen.— — Eine offizielle Miltheilnng des russischen„RegierungSboten" bestätigt, daß am 14. d. M. in dem Dorfe Antziferowskoje ein Ballon bemerkt wurde, von dem man glaubt, daß er der- jenige der Andree'schen Expedition sei.— — Das K a b e l E m d e n— V i g o ist seit dem 14. September unterbrochen. Die Fehlerstelle soll im englischen Kanal sein und zwar an derselben Stelle, wo das Kabel zum ersten Male(Kap Dungenaes) gerissen war.— o e. Mit was ein Reicher s e i n e Z e i t v e r b r i n g t. Lord Grey hat nach den Meldungen englischer Jagd-Zeitnugeis vor kurzem in zwei Tagen an 1666 Waldhühner niedergeknalli. Der Herr hat übrigens ausgerechnet, daß er in 28 Jahren 316 699 Stück Wild ge- lödtet habe, darunter 111196 Fasanen, 89461 Rebhühner, 47 468 Waldhühner, 26 747 Kaninchen, 26 417 Hasen, 273S Wasser- schnepfen, 2677 Waldschnepfen, 1393 Wildenlen, 381 Hirsche, 97 Eber, 12 Büffel, 11 Tiger und 826 andere Thiere. 28Jahresind ungefähr 16 666 Tage. Lord Grey hat also in 28 Jahren durch- schnittlich 36 Stück Wild pro Tag geschossen.— — In der Nähe von P r ä l o r i a(Transvaal) ist ein reiches Diamantlager entdeckt worden.— — Am un lere»Mississippi ist das gelbe Fieber im Zunehmen begriffen. Die Stadl Jackson ist in infolge der durch mehrere Krankheitsfälle hervorgerusenen Beunruhigung thal- sächlich entvölkert.— — Die Vereinigten Staaten lieferten unlängst an Australien einen Raubmörder ans. Die Rechnung hiesür, die soeben eingereicht wurde, stellt sich auf— 126 666 M.— Frank- reich soll in zwei früheren Fällen 166 666 und 144 666 M. bezahlt haben.— Verantwortlicher lltedakleur: August Jarobry in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.