Wnterhaltungsblatj des vorwärts Nr. 167. Donnerstag, den 23, September. 1897. 17] Machdruck verboten.) Vev Vetnevttfühvev. Roman von Franz Kahler. Als die Wagen hielten, sprang Zeller als Erster herab und ließ die Leute auf der Straße antreten. Ter llnterinspektor, ein großer dreißigjähriger Mann niit schwarzem Vollbart und einem gutmülhigen Gesichte, den Zeller im übrigen nicht besser wie einen Arbeiter behandelte, und die beiden Verwalter, junge Bnrschen, die in seinen Augen bloße Tagediebe waren, er- hielten von ihm den Auftrag, den Arbeitern die Anweisungen auf je vier Glas Bier, drei Zigarren und zivauzig Pfennige für Schnaps zu übergeben. Ihm winde vor Wuth schwarz vor den Augen, als er die vergnügten Gesichter sah, mit denen die Leute die Anweisungen auf die in Aussicht gestellten Genüsse in Empfang nahmen. „Daß Ihr Euch ruhig verhaltet, bis ich Euch das Zeichen gebe! Und keine Handgreiflichkeiten, denn Ihr seid konservative Männer, die mit ihren Gegnern schon in Ruhe fertig werden! Und nun sauft Euch den Leib voll!" Auf dem Hose hielten jetzt alle Augenblicke kleine Kutsch- oder Jagdwageii, oft in den alterthünilichsteu Formen, denen die Gutsbesitzer der Umgebung entstiegen. Sie begaben sich direkt durch den mit Menschen vollgepsropften Hausflur nach der anderen Seite des Gasthauses, wo ein schmaler, mit schattige» Bäumen bepflanzter Garten längs der Bahnlinie sich hinzog. Auch hier waren alle Tische dicht besetzt, und einige Dutzend Männer füllten den engen Weg, der an einem Holz- zäun entlaug direkt vom Garten nach dem Bahnhofsperron führte. Auf dieser Seite des Hauses bestand die Mehrzahl der Auwesenden aus Groß- und Kleinbauern, Handwerkern und Beamten. Es ging ebenfalls sehr lant zu, und eine Staub- und Ranchwolke lagerte über den Tischen, unter dem dichten Geäst der alten Bäume. Jenseits der Bahngeleise war nichts zu sehen als eine lange, rothe Mauer, ein Güterschuppen und die beiden Spitzen der großen Fabrikschorustciue, über denen sich ein wolkenloser, niattblauer Maihimmel dehnte. Die Luft war lau, fast drückend. Zwei Glockensignale vom Bahnhofsgebäude her schienen den allgemeinen Lärm auf seinen Höhepunkt gebracht zu haben. Es war fünf Minuten vor Vä8 Uhr; in zehn Minuten mußte der Zug mit Dr. Süßmilch und seinem liberalen Stabe ein- treffen. Dieser Gedanke versetzte die konservativen Gutsbesitzer- Herzen in eine wachsende Erregung. Aber auch das Häuflein der Liberalen, das bisher in ziemlich gedrückter Stimmung ini Herrenstübchen des Gasthauses sich versammelt hatte, schien beim Ertönen des Bahnsignals lebendiger geworden zn sein. Meister Stopf, der wohlhabende Zimmermeifter, stellte sich muthig an die Spitze des kleinen Zuges, der im Gänsemarsch zwischen den Gartentischen nach dem Bahnhofe sich bewegte,'um Dr. Snßmilch feierlich zu empfangen. Eine Fluth von Spottreden und lautes höhnisches Gelächrer begleiteten die Dahinziehenden. Da es an bissigen Gegenreden nicht fehlte, wäre es beinahe zu einigen Hand- greiflichkeitcn gekommen. Allein die konservative Majorität fühlte eine Art�Milleid mit diesem winzigen Häuflein und ließ es bei dem moralischen Spießrnthenlaufeu. „Nun, Doktor, was habe ich gesagt?' wandte sich Tcßmer an Nessel.„Das ist also die gefürchtete liberale Maffe, die Ihnen soviel Kopfzerbrechen machte. Haha, auf meinem Jagd- wagen haben die Kerle Platz!" „Ich will Ihnen wünschen, daß Sie recht behalten. Herr Tcßmer. Vorläufig heißt es, das Resultat der heutigen Ver- sammlung abwarten. Ich bleibe dabei, es giebt genug räudige Schafe, die heute unsere Zigarren rauchen und unser Bier trinken und dann womöglich dem Süßmilch ihre Stimme geben." „Ja, ja! Der Herr Doktor kann recht behalten"; fiel der Bauer Schneider, der Ortsschulze von Wicsenau, dem Nessel die Rede,„man hätte die Versammlung gar nicht dulden liberal� Bande mit sich noch dunkler, rn .sollen, oder aber, man müßte die ganze dem Knüppel zum Dorfe hinaushau'n." Das rothe Gesicht des. Sprechers färbte und seine Rechte schlug auf den weißgedeckten Tisch, daß die Weingläser klirrten. Einige der Bauern, die an demselben Tische saßen, nickten beifällig. Der reichliche Weingennß und die politische Auf- regung hatten diese zum theil recht harmlose und gemüthliche Gesellschaft in Fieberhitze versetzt. Nur einer saß ruhig, man könnte sagen gclangweilt an Teßmer's Seite: Dr. Jonathan Weichlich. Sein dickes, rothes Gesicht mit der noch röthercn Nase und dem dünnen Vollbart spiegelte seine unerschütterliche Seelenruhe wieder. Der Wein war vorzüglich; mit Kennermiene zog Weichlich den Duft der Teßmcr'schen Habanna ein. Mit halbgeschlossenen Augen schaute er dabei gleichgiltig auf den lärmenden Menschenhaufen, der ihn in diesem Augenblicke gerade so interessirte, wie die Bc- wohner anderer Planeten im Weltenraume. Seit fünfzehn Jahren betrieb er sein politisches Geschäft mit handwerksmäßiger Eintönigkeit. Hunderte von Versamni- hingen hatte er geleitet und angesprochen. Alle konservativen Wahlkreise des Reiches hatte er bereist und bearbeitet. Immer dasselbe Bild, daffelbe Stimmvieh, dieselben Tröpfe von Wahlkreis-Führern, Parteigrößcn und Wichtigthucrn. Bis zum Ucberdrnß hatte er die Trinmphzüge, die Hurrahs aus heiseren Kehlen durchkostet, hatte er das Geschwätz schnarrender Landjnnker, salbungsvoller Pastoren über sich ergehen lassen. Allmälig war ihm der ganze Rummel so gleichgiltig geworden, wie dem Bäcker das Brotbacken. Jener knetete Teig und er die lebendige Wahlmaterie; das Geschäft war das gleiche, nur die Artikel waren verschiedene. Weichlich's Handwerk war aber äußerlich nicht nur reinlicher, sondern vor allen Dingen einträglicher. Dr. Jonathan verdiente besonders zu Wahl- zciten viel, viel Geld. Er ließ sich seine Reden von den dummen Kerls, die zu unfähig waren, eine Schaar Land- arbeiter oder Bauern in verständlichem. Deutsch anzureden und sich dennoch berufen fühlten, einen Platz im Parlamente einzunehmen, anständig bezahlen. Er schröpfte sie wie ein schlauer Bader seine eingebildeten Kranken. Dr. Jonathan Weichlich besaß nicht nur ein schönes Riiethshans in Berlin— auch in dieser Hinsicht war er praktisch, denn er hätte sich ganz gut eine Villa leisten können— sondern auch ein stattliches Vermögen, Erträge seines politischen Handwerks und seiner literarischen Landsknechtdienste. „Stiiinpler!" wandte sich Teßmer an einen sechs Fuß großen, allen Mann, dem ein langer, weißer Bart bis auf den Bauch hing,„Ihr wißt also Bescheid? Gleich nach Er- öffnnng der Versammlung verlangt Ihr eine Büreauwahl, und wenn Euch der Süßmilch und sein Anhang Schwierig- leiten machen, geht der Lärm los! Ihr habt doch die Burschen gehörig bearbeitet?" „Na— natürlich, Herr Teßmer! Na— na— türlich Die schwankende Gestalt des Alten stützte sich- mit der Linken auf einen Stuhl, während er mit der Rechten mechanisch feine» langen Bart strich. „Ihr habt den Leuten klar und deutlich gesagt, daß der Süßmilch der Meinung ist, die Landarbeiter würden'.so gut bezahlt und müßten zufrieden sein, wenn sie Stroh zu fressen bekämen?" frug Tcßmer weiter. „Alles besorgt, Herr Tcßmer! Den Schädel schlagen sie dem Kerl und seinen Mitläufern ein, wenn sie nicht schleunigst wieder den Zug besteigen und nach Hause fahren. Ich bin ein ehrlicher Mann, aber das hat uns noch Keiner gesagt;— alt bin ich geworden, aber eine solche Genieinheit!— Todt- schlagen muß man die Bande— todt— schla— gen!' „Nur keine Dummheiten!" beschwichtigte Teßmer den er- regten Stümpler, dem der Rausch das breite, knochige Gesicht Hochroth gefärbt hatte.„Hier sind noch zwanzig Mark. Trinkt ans mein Wohl und laßt die Leute ebenfalls �nach Herzenslust trinken. Aber keine Prügelei, sonst!..." Teßmer wandte dem Alten den Rücken und richtete seine Aufmerksamkeit nach dem Bahnhofe, wo eben der Zug unter dem Hurrah des liberalen Häufleins und der gespanntesten Erwartung der konservativen Zuschauer einlief. Stumpler verschwand mit wankenden Schritten im Gast- hause. Dr. Weichlich schenkte sich gemächlich ein neues Glas voll. Die Hauptmasse der konservativen Parteigänger' drängte sich längs dem niedrigen Holzstacket, das den Garten vom Bahnhofperron trennte, und wartete neugierig der Dinge, die da kommen sollten. Der Zug hielt. Laut zischte der abgelassene Dampf und übertönte das leise Rumoren der erwartungsvoll blickenden Menge. Einem Knpce erster Klasse entstiegen drei Herren, von einem lauten Hoch und tiefen Verbeugungen der liberalen Truppe begrüßt. Dr. Süßmilch, ein mittelgroßer, sehr dicker Herr in schwarzem Anzüge und mit einein breitkrämpigen Strohhute auf dem großen Kopfe, reichte dem Meister Stopf die Hand, während ein heiteres Lächeln über sein dickes, blasses, von eineni kurzgeschnittenen, grauen Barte umrahmtes Gesicht glitt. Seine Begleiter, ein Großkonfektionär und ein reicher Zucker- agent aus Magdeburg, beide aufs eleganteste gekleidet, begrüßten inzwischen die anderen Herren. Der Zug setzte sich bereits wieder in Bewegung. Bei der allgemeinen Neugierde, die sich auf die Person Süßmilch's konzentrirte, hatten die meisten gar nicht bemerkt, daß noch ungefähr hundert Personen den Bahnhof füllten und im Nu die Handvoll Liberalen umringt hatten. Es waren dies zum größten Tbeil Grubenarbeiter ans dem Dorfe Lassow, das im entferntesten Winkel des Amtsbezirkes lag und in seiner Abgelegenheit wenig Verkehr mit den übrigen Dörfern hatte. Die Liberalen hallen dort von jeher den stärksten Zulauf, und auch heute hatte man erfolgreich an die Unterstützung der Lassower appellirr. Auf der Dorfstraße und auf dem Hofe des Gasthauses hatte das Bekanntwerden von Süßmilch's Ankunft inzwischen ebenfalls eine gewaltige Aufregung hervorgerufen. Endlich konnte man mit dem Kerl, der gesagt hatte, die Tagelöhner möchten Stroh fresse» wie die Ochsen, einmal ein Wörtchen reden! (Fortsetzung folgt.) Nichavv sozinlMisitze AnpchAuungen« Von Dr. A l s r. Chr. K a l i s ch e r. All' denjenigen, welche» der Dichterkomponist Richard D-agner lediglich als vertrauter Freund des bayerische» Königs Ludwig II. vorschwebt, dürste eS wunderlich vorkommen, daß man auch von einem Sozialisten Richard Wagner reden mag. Diese ivisseu es jeden« salls nicht oder wolle» es nicht wissen, daß Richard Wagner i» der deutschen Revolutionsepoche mit zu den Barrikaoeiikäinvfern gehörte und als solcher denn auch nach Niederwerfung des Aufstandes lange Jahre in der Verbannung leben mußte. So ist es denn anch nicht zu verwundern, daß die Schriften WagnerS ans jenen Revolutionszeiten allerhand sozialistische Spuren aufweisen. Unter den sozialistischen Schriftstellern waren daiuals Louis B l a» c und P i e r r e P r o u d h o n die einflußreichste», zumal der letzlere. Freilich mußte sich bereits 1847 ein Karl Marx veranlaßt sehen, Proudhon als Verfasser des„Systems der ökonomischen Widersprüche" oder der„Philosophie des Elends" schonungslos in seinem Anli- Prondhon„Elend der Philosophie" niederzukanzel». Nichtsdestoweniger zollt ihm Marx noch im Jahre!SK5 in seiner Proudhon-Skizze im„Sozialdemokrat" die Anerkennung, daß Proudhon's erstes Werk„(Zu est es yus la. lPropriete?"(Was ist das Eigenthum?) unbedingt sein bestes Werk sei.„Es ist epoche- machend, wen» nicht durch neuen Inhalt, so doch durch die neue und kecke Art. alles zu sagen." Ohne daß nun Richard Wagner in seinen Schriften Proudhon nennt, scheint es doch, daß er in jenen Jahren unter dessen Einfluß stand, als er in manch' einer Schrift von Besitz und Eigenlhum schrieb. Ein« der eigenartigste», geistreichsten Schriften Wagner's ist die im Sominer 1848 entstandene Studie:„Die W i b e l n n g e n. Weltgeschichte aus der Sage." Diese Darlegungen hängen mit Wagner'S eigenartiger Anffassung der Nibelungen zusammen. Nibelungen werden hier mit Wibelunge»(.= Waiblingen), dem Inbegriff der Idee des Urkönigthums, identifizirt. Ein Abschnitt darin handelt vom„historischen Niederschlag des reale» Inhaltes des Hortes im thalsächlichen Besitz!" Wagner macht hier die Ansicht geltend, daß mit der Sucht»ach den, persönlichen Besitze, noch mehr nach dem erblichen Besitze der Werth der persönlichen Tugend, Tüchtigkeit dahinschwinde» müßte. Wir lesen da die beachtenswerthen Worte:„Von dem Angeiiblicke an, wo ein Lehen erblich wurde, verlor der Mensch seine persönliche Tüchiigkeit, sein andeln und Thun de» Werth, und dieser ging von ihm ans den efltz über:' der erblich geivordene Besitz, nicht die Tugend der Person, gab»u» den Erbfolgern ihre Bedeutung, und die hieraus sich gründende immer tiefere Entwerlhung des Menschen, gegen die immer steigende Hochschätzung des Besitzes, ver- körperte sich endlich in de» widermenschlichsten Einrichtungen, wie denen des Majorates, aus welchen wunderbar verkehrler Weise der spätere Adlige allen Dünkel und Hochmuth sog, ohne zu bedenken, wie gerade dadurch, daß er seinen Werth von einem starr gewordenen Familienbesitze einzig herleitete, er den wirkliche» menschlichen Adel offenbar verleugne und von sich weise." Wagner führt dann weiter auS, wie sich aus dem erblich ge« wordenen Besitze, überhaupt aber aus dem thalsächlichen Besitze, nach dem Untergänge der„heldenhaft menschlichen Wibelungen" erst das Recht auf alles Bestehende und für alles zu Gewinnende erhob. Die nüchternen deutschen Herren wahrten sich denn auch nichts anderes als diesen„Bodeniatz des verflüchtigten Nibelungenhortes". Alles was der Kaiser an Amt und Würden verlieh,„verdichtete sich in den Händen der durchaus unidealisch gesinnten Lehnsträger zum Besitz, zum Eigenthnm. Der Besitz ward Recht. Nur wer am Besitz Antheil hatte und wer sich welche» zu eriverben wußte, galt als die natürliche Stütze der öffentlichen Macht. — Die Kaiser thaten desgleichen, indem sie nach ihrer Erwählung nichts eifriger anstrebten,„als sich einen ansehnlichen HanSbesitz„von Gottes Gnaden" zu eriverben, wie mau von nun au dieses gewaltsame Aneignen oder Abfeilschen der Länder nannte."— Was thaten die Enterbten, das„arme Volk"? Es sang und druckte später die Nibelungenlieder,„sein einziges ihm verbliebenes Erbtheil vom Horte." Der Hort, der Besitz, das schnöde Eigen- thnm ivar verthan» vergeben,— dem Volke verblieb die Sehnsucht darnach,— die Hoffnung auf endgiltige Vergeltung und Befreiung.— Ans demselben Jahre stammt die viel bekanntere Schrift Wagner's: Die Kunst und die Revolution. Daß in dieser Studie sozialistischer Odem weht, hat bereits ein sehr kompetenter Richter erkannt und ausgesprochen. August Bebel in seinem be- rühmten Buche: Die Frau und der Sozialismus. Ein gewiffer Fonrieristischer Zug gehl gerade durch diese Wagner-Schrift. Man kann jedoch jene itochnft Wagner's verschiedenartig auffassen. Nach A. Bebel sagt Wagner in dieser Schrift voraus,„was die Zukunft bringen wird; er wendet sich direkt an die Arbeiterklasse, die den Künstlern Helsen müsse, die wahre Kunst zu begründen." Und dann führt Bebel eine längere Stelle ans Wagner's Kunst und Revolution an, ivoraus in Wahrheit hervorleuchtet, daß die Kunst allgemeines Erziehnngsmitlel sein und werden muffe, wenn erst die Despotin Industrie überivunden und unserem zukünftigen freien Menschen der Gewinn des Lebensunterhalles nicht mehr der Zweck des Lebens ist n. s. w. Gebe» wir jedoch hier Fourier die Edre und das Seine— und erkennen wir an, daß er lauge Zeit vor R. Wagner der Knust, zumal der Oper, eine so allgemeine Er- ziehnugsmacht zueriheili hat. Ich gehe nnn noch ein wenig auf jene Wagner- Schrift ein.— Angesichts der modernen Kunst beklagt es Richard Wagner, daß sie sich einer gar schlimmen Herrin„mit Haut und Haar" verkauft habe: der Industrie. Da heißt es dann:„Das ist die Kunst, wie sie jetzt die ganze zivilistrte Welt erfüllt. Ihr wirkliches Wesen ist die Industrie, ihr moralischer Zweck der Gelderwerb, ihr ästhetisches Vorgeben die Unterhaltung der Gelangweilten."— Aber Wagner kommt auch hier von seiner vorgeiaßien Idee nicht los, daß die Kunst seiner Zeit unfähig wäre, das Gesamintkuiistwerk zu erzeugen, „die innige Vereinignug der Kunftzweige zum höchsten, vollendetsten Ausdruck zu bringen". Das ginge ihm schon daraus hervor, daß es der modernen Kunst gefallen habe, die Theilnug des Dramas in Schauspiel und Oper zu bewerkstelligen— in den Augen Wagner's die allerhöchste Kunstsünde der Zeit. Das Schauspiel konnte sich— so ivird in dieser Schrift des weiteren ausgeführt—„nie zu idealeui Schwünge erheben"— die Oper ward vollends ein„Chaos durch- einander flatternder sinnlicher Elemente ohne Heft und Band".— Das ist immer der Kern in Wagner's ästheiischen Schriften dieser Jahre, so ganz besonders im„Kunstwerk der Zukunft". Das Sozia- listische ist hierin ein Nebending, manchmal weiß man nicht recht. ob man derartige Ausbrüche für arbeilerfreundlich oder arbeiter- feindlich hallen soll. Man lese das folgende aus„Kunst und Re- volution": „Was ist nun Eure Kunst, was Euer Drama? Die Februar- Revolution entzog in Paris den Theatern die öffentliche Theilnahme, viele von ihnen diohien einzugehen. Nach den Junilagen kam ihnen Cavaignac, mit der Aiisrechieihaltmig der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung beauftragt, zu Hilfe und sorderle Unlerstütznng zu ihrem Weiterbestehen. Warum? Weil die Brotlostgkeit des Proletariats durch das Eingehen der Theater vermebrt iverden würde. Also blas dieses Interesse hat der Staat am Theater! Er sieht in ihm die industrielle Anstalt; nebenbei wohl aber auch ein geist- schivächendes, Bewegung absorbircndes. erfolgreiches Ableitungs- iniitel für die gefahrdrohende Regsamkeit des erhitzien Menschenverstandes, welcher im tiefsten Mißmuth über die Wege brütet, auf denen die entwürdigte menschliche Naiur weiter zu sich selbst gelangen soll, sei es auch auf Kosten des Bestehens unserer— sehr zweckmäßigen Theateriustitute!" Daun giebt es jedoch hierin Gedanken und Aussprüche, die offenbar sozialistischen Geist bekunden. Folgende Sätze sprechen für sich selbst:„Schönheit und Stärke, als Gruudzüge des öffentlichen Lebens, können nur dann beglückende Dauer haben, wenn sie allen Menschen zu eigen sind."—„Wie nun das Bestreben nach Befreiung aus der allgemeiiien Sklaverei in der römischen und mittelalterlichen Welt sich als Verlangen nach absoluter Herrschaft kundgab, so tritt es heute als Gier nach Geld ans; und wundern wir uns daher nicht, wenn auch die Kunst nach Gelde geht, denn nach seiner Frei- heit, noch seinem Gott strebt alles: unser Gott aber ist das Geld, unsere Religio» der Gelderwerb."...„Bei uns ist die echte Kunst revolutionär, weil sie nur im Gegensatze zur giltigen Allgemeinheit existirt." Nur von der großen Menschheitsrevolution ist das neue all- umfassende Kunstwerk zu erwarten. Wir solle» zwar keine gricchi- scheu Sklaven werden wolle», um aufs neue das hellenische Gefanim- kunstwerk zu erzeugen; allein es gilt die Loslösung aus den Fang- arme» des Jndustrialismus:„Aus mühselig beladene» Tagelövuer» der Industrie wollen wir alle zu schönen, starken Menschen werde», denen die Welt gehört, als ein ewig unversiegbarer Quell höchsten künstlerischen Genusses." Und zu so hehrem Ziele haben wir die„allgewaltigste Krast der Revolution" von nölhen. �Schluß folgt.) Vleines — Das Mausoleum von Samarkand. Vor einigen Tagen wurde durch ein Erdbeben, das in ganz Rnsstsch-Tnrkestan verspürt worden ist, an de» alterthümlicheu Bauten in Samarkand niancher Schaden verursacht. Das merkwürdigste Denkmal dieser Art in Samarkand ist wohl das Mausoleum Timurs oder Tamerlans. Von diesem Grabdenkmal entwirft Dr. Paul Rohrbach, der im Auftrage der„Preußische» Jahrbücher" eine Reise durch Turan und Armenien gemacht hat, in dem letzten Hefte der genannten Zeilschrist folgende Schilderung: Durch eine niedrige Thür betrat ich das Innere desMauso- leums, das vielleicht den halbe» Umfang halle, wie das Junere der Kuppel des Berliner Schlosses. Der Boden war mit kleinen Fliesen bepflastert: an der Siidwestseite, Mekka zugekehrt, lag die Nische des Mihrab, und in der Mitie umgab ein niedriges, durchbrochen aus Alabaster gearbeitetes Gitter eine Anzahl von hoben, länglichen sarkophagähnlichen Grabsteinen. Tauben flogen unter der hohen Kuppelwölbnng umher— mehrere unverglaste Oeffunngen geivährten ihnen freien Zugang— und hatten offenbar feit lange unzivcideutige Spuren ihrer Anwesenheit hinterlassen; die Wände waren bis über Mannshöhe von einer ursprünglich prachlvollen, aber stark be- fchädigle», nnschö» mit dazwischcngestrichenem Gips ausgebesserten Bekleidung aus polygonale» Platte» eines onyxähnlich schimmern- de» Steins bedeckt; weiterhin nach oben sahen die mit Nlschcn und sogenannte» Stalaktitengewölben gezierten Wände, wie alles hier, grau getüncht aus, und eine ziemlich dumpfe, unerfreuliche Luft und ganz ungenügende Beleuchtung trugen nicht dazu bei, den Eindruck dieses Raumes, in dem«in solches Stuck Weltgeschichte schläft, erhaben oder erschütternd zu gestalte». Mein Mullah forderte mich auf, ohne Umstände die Barriere zu über- steigen, welche die Monumente umgab, und ich trat an den merk- würdigen Nephrstblock heran, der die Stelle bezeichnete, unter der in der Tiefe der Leichnam des„gottgelieblen" großen Emirs ruht. Der mit Schristzügen von wunderbarer Feinheit geschmückte Grab- stein ist wegen der Dimensionen des Stückes, in dein das seltene Mineral hier auftritt, viel bewundert und oft«ingehend beschrieben worden. Scheinbar ei» Monolith, ist der grüulichschivarze Block in Wirklichkeit aus zwei gleich großen, sehr genau aneinander- gepastten Stücken zusammengefügt, gegen zwei Meter lang, vierzig Zentimeter breit und dreißig hoch. Er enthält eingemeißelt die Genealogien Timurs und Dschingis-Cbans, das Datum des Todes Timürs und merkivürdigerweise die Erzählung, wie TimurS Urahne Alanknwa von einem Sonnenstrahle schwanger ward, der von oben durch eine Oeffnung in ihr Zelt drang. Der Stein ist von sechs anderen marmornen Grabmälern umgeben, unter denen Freunde und Verwandte Timurs ruhen. An einer Wand des Mansoleuins ist ein Heiliger begraben, au dessen Ruhestätte eine rohe hölzerne Stange mit«inigen schmutzige» Lappen daran aufgepflanzt ist. Dieses seltsanie Zeiche» wird von jedem fromme» Moslem mit grober Ehrfurcht beirachtct, denn jene defekten Zeug- stücke sind die Gebeltücher, auf denen fromme Pilger an heilige» Orten gekniet haben, vielleicht sogar in Mekka oder in der Omar- moschee zu Jerusalem, und die sie am Grabe des Heiligen als Zeichen höchster Verehrung zurückgelassen haben. Mit einein Gemisch von Indignation und Bestreben, trotz der seltsamen Umstände meine Stiuimung dem Orte aiiznpassen, blickte ich umher, als mir der Mullah eine Stelle zu Füße» des Steines zeigte und bemerkte, hier pflege man seine Opfergabe für die Hüter des Heiligthums nieder- zulegen. Nachdem ich mich dieser Pflicht entledigt hatte, forderte er mich ans, ihm weiter zu folge» und führte mich eine kurze Treppe hinunter in das gänzlich schmucklose eigentliche Grabgewölbe, eine Art Krypta, unter der Kuppelhalle, wo eine schwarze, mit In- .schriften überdeckte Marmortafel die Stelle bezeichnete, in der die Gebeine des Fürsten beigesetzt waren, genau unter dem Nephrit- denkmal, das oben darüber lag. Hier herrschte feierliche Ruhe.— Theater. — Der Graz er Gemeinderath beschloß die Erbauung zweier neuer Theater, und zwar eines Theaters im Stadt- parke zu dem Kostenpreise von 800 000 Gulden und eines V olks- Theaters in der Murvorstadt zum Preise von 400 000 Gulden.— Musik. —er—, Thalia-Theater.„Das Krokodil" nennt sich eine Musikposse von OskarWalther und AdolfFerron, welche einen guten erste» Akt von lustiger Unwahrscheinlichkeit, einen zweiten langweilig Handlungslosen und einen dritten Akt mit einigen guten Situationswitzen, einem Couplet mit treffenden Pointen und einer im Badekostüme erscheinenden Soubrette enthält. Der Inhalt des Vaudevilles ist folgender: Die beiden Studenten Salbe und Wille fallen, da sie, statt Pandekten zu studiren, eine Operette geschrieben, natürlich glanzvoll beim Examen durch und erhalten gleichzeitig ihr bei einer Theaterdirektion eingereichtes musikalisches Erstlingswerk als unbrauchbar zurück. Sie stehen, da auch Salbe's Hoffnungen, als Heldentenor mit großer Gage eugagirt zu werden, sehr bald zerflattern, der trostlosesten Taschenleere gegenüber, als sich ihnen in Gestalt der resoluten Fleischerwiltwe Möller Rettung und die ersehnte Geldflnth naht. Die Geschäftsdame benöthigt„per sofort" für ihre Stieftochter, deren Bräutigam, ein hochstapelnder Baron, polizeilich eingezogen wurde, einen, Ersatzmann behufs Ver- meldung eines Skandals und findet in unsern beiden Studenten gleich Doppelersatz. Die Sache wird so ins Reine gebracht, daß vorläufig Beide gegen einen Vorschuß von je 1000 Mark als Verlobte des Mädchens gelten, dem die schließliche Wahl zwischen den Bewerbern überlassen bleibt. Gleichzeitig erhalte» die mit„Anzahlung" Ver- lobten von eine»! findigen Theaterageuten die freudige Nachricht, daß ihre„Das Krokodil" betitelte Operette von dem Direktor, von dein sich Salbe nach Zertrümmerung seuier Heldentenor- JUufionen als Chorist mit 60 M. Monatsgage engagiren ließ, um einer sehr pikanten Badeszene willen zur Aufführung angenommen worden sei. Das Herz des doppelverlobtcn Mädchens hat sich dem Komponisten, die Liebe der Stiefmama dem ihren heißen Empfindungen sehr widerstrebenden Librettiste» des„Kro- kodils" zugewendet. In der Premiere des musikalischen Amphibiums verliert die Hauptdarstellerin in der„Badewanncnszeue" die Perrücke und Fassung, und es muß, um den Abend zu rette», die Doppelbraut, welche die Partie mit ihrem Erkorenen studirt hat, einspringen und den Erfolg sichern. Der Libretlist bescheidel sich inil seine» Tantiemen, die Stiefmutter mit einem feineren Wnrstfabrikantcn.— Wie bereits erwähnt, ist die heitere Exposition daS beste au dem Stücke, welches französischen Vorbildern, besonders„Nitouche", nicht ungeschickt„nachempsunden" ist. dessen Komik jedoch für einen ganzen Abend zu wenig Alhem hat. Herr Ferro», der ehemalige Kapell- meifter des Linden-Theaters, sprang mit einigen zarten Gesangs- walzern, welche uns aus der Ferne ivie gute liebe Wiener Bekannte grüßte», mit sein instrumentirten und lebendig rhythmifirlen Duetten und Quartetten, stets da ein, wo Herrn Walther der Witz und Handlungsfaden ausging. Uni die mit Beifall aufgenommene Vor- stellung machten sich Frl. Mila There». eine sehr decent nüancirende Sängerin, die Herren Sachs und Sommer(das Autorenpaar des„Krokodils") und Herr Ewald(Theateragent) verdient. Ihnen gebührt der Haupttheil des Beifalls, für den sich die Herren Walther und Ferro» nach jeden» Aufzuge bedanken dursten.— — Vom greisen Verdi berichtete Puccini unlängst in Wien: Verdi habe in letzter Zeit ein Tedeum und ei»„Ltadab water" ge- schriebe». Die Opernprojekte, die man ihln zuschreibe, existiren nicht. Der Meister beschäftige sich jedoch mit einem anderen Werke, das eine schöne Erinnerung an sein Dasein für kommende Ge- schlechter bilde» soll. Es wird in Mailand ein Heim für alte Künstler errichtet, dem Verdi einen großen Theil seines Vermögens widmet. Der Bau, ein Asyl für greise Künstler und Künstlerinnen, die dem Theater in irgend welcher Stellung an- gehörten, tvird im nächste» Sommer vollkommen fertiggestellt werden. Es soll vorläufig Hunderl Personen aufnehmen können. Geräumige Wohnzimmer, ein Konzertsaal und eine Kapelle sind den Veteranen der Kunst zur Verfügung gestellt. Das Asyl ist von Camillo Boito, einem Bruder des Dichlerkoinponisten Arrigo Boito, gebaut. Es kostet mehr als 500 000 Lire. Dieser Bau und seine Ausgestaltung sind jetzt Verdi's einzige Beschäftigung. Immer wieder macht er die Reise von St. Agata nach Mailand, um sich von dem Forlschritte seines edlen Werkes zu überzeugen. Verdi begnügt sich jedoch nicht mit dem Bau des Asyls allein. Der 84jährige Meister, der sich voller geistiger und körperlicher Frische erfreut, hat eine jährliche Erhaltungssnnune von etwa 70 000 Frs. sichergestellt, die nach seinem Ableben aus seinem Nachlasse dem Asyl zufließt."— Volkskunde. — Bayerische Brantfuhr. Vom elterliche» Hause fähr» die junge Braut im„Kammer- oder Kuchelwagen", auch Brautfuhr genannt, auf den Hof des Bräutigams. Kutscher und Rosse dieses Gefährtes»verde» mit bunten Bändern und Rosmarin geschinückt. Die prunkvoll zur Schau gestellte Aussteuer der Braut»vird durch diesen Wagen von ihrer Heimath in den neuen Wohnort gefahren, »»eist am Sonnabend vor der Hochzeit, unter Anspannung von 4—6 prächtigen Pferden. Im Innthal»Verden a» diesen Wagen häufig auch Ochsen gespannt. Die»vichtiasteu Bestai»dtheile des Kanunerwagens sind: Ein Kruzifix, eine Konnnode, zivei Stühle, ein Hängekasten, ein n»it Leimvand gesülller Schrank, die Ehe- betten und dahinter die Schaukel, viege, die niemals fehlen darf. In der Gegend voi» Kochel»vird streng darauf gehalten. daß im Brautgemach neben dein Himmelbett der Zimmeraltar sich finde. An der Spitze des künstlichen Aufbaue? auf dem Brautivagen befindet sich das Spinnrad, dessen„Gups" mit Flachs besteckt und inil viele» Bändern verziert ist. Hoch oben auf dem Wagen sitzt die Näherin, in manchen Gegenden die Braut selbst. Die Geschivister der Braut oder eine Dirne treiben die Kuh,»velche der Bauer seiner Tochter gern niitgiebt, hinter dem Wagen einher. Daneben schreitet der Zimmermaun, dem die Aufgabe zufällt, die Betten aufzuschlagen. Anderwärts geht die Braut mit der gezierten Kunkel neben dein Wagen. Bis mittags 12 Uhr muß dieser im Dorf des Bräutigams eintreffen; letzterer geht ihm einen Büchsenschuß weit entgegen, oder empfängt die Braut vor der Hanslhüre, mit dem Bierkruge in der Hand. Die Braut überreicht ihm dajür die Schlüssel zu den mitgebrachten Sachen. Böllerschüsse erhöhen die Feststimmung des Tages. Die Hausgenoffen und Nachbarn erhalten von der Hochzeiterin für Bei- Hilfe beim Ablade» des Wagen? und Einrichten des Hauses kleinere Geschenke, wie Tücher, Bänder u. s. w. Den Strohsack des Ehe- bettes aber muß der Bräutigam selbst ins Haus trage». Ist alles eingerichtet, so wird die neue Einrichtung durch den Orlspfarrer gesegnet. Hierauf wird im Hause des Hochzeiters ein Mahl ein- genommen, mit Bier. Brot und Kücheln— sellener Fleisch. Abends fährt die Braut auf dem leeren Wagen allein oder höchstens in Be- gleitung des Pfarrers ihres Ortes in ihre Heimath zurück. Wenn der Bräutigam auf den Hos der Braut heiralhet, so schickt er einen Kamnierwagen.—(»Laud.'j Aus dem Alterthum. — Dem Direktor des Museums in Syrakus, P. Orff, ist es gelungen, in Sizilien die kleine, ursprünglich von Sikelern bewohnte griechische Stadt Echetla oder Morgantta wieder zu ent- decken. Es wird darüber berichtet: Der Ort war unbedeutend, und seine Reste find ganz gering; ein Schatz campanischer Münzen, die ein Söldner, etwa des Agathokles, vergrabe» hatte, ist der bemerkenswertheste Einzelfund. Aber vor der Stadt lag ein Heilig- thum, das seine ansrangirte» thönernen Weihgeschenle sorgsam in tiefe Stolleu vergrub, die man in eine Bergwand trieb. Dort find viele Hunderte zum theil von bedeutender Größe durch äußerst geschickte Grabungen ans Licht gebracht. die uns die ganze Geschichte der Thon Plastik vom fiebenten bis in das dritte Jahrhundert v. Chr. übersehen lasten; damals wird das Heiligthmn zerstört worden sein.— Physiologisches. k. Ueber die Ursachen der verschiedenen Schweißabsonderunge» beim Mensche» hat Pro- feffor Max Rubner, der Direktor der Berliner hygienischen Jnstitule, in Gemeinschaft mit Herrn Dr. v. Lewaschew eingehende Versuche angestellt. Es ist eine bekannte Thatsache. daß die Lustlemperatiir ans die Schweißabsonderung bald stärker, bald schwächer einwirkt und daß namentlich kurz vor dem Ausbruch eines Gewitters die Lufttemperatur als fast unerträglich empfunden wird Neben dem allgemeinen, durch die Hiy« bedingten Erschlaffen macht fich an heißen, gewitterschwülen Tagen die Schweiß- absonderung doppelt unangenehm bemerkbar. Die Ursache dieser Erscheinungen liegt in dem hohen Feuchtigkeitsgehalte der Luft, welche derartig stark mit Wasserdämpse» gesättigt ist, daß sie utr weiteren Aufnahme von Wasserdampf nicht mehr im stände ist. Es kann dann auf dem Körper auch keine Verdampfung, also Abgab« des Schweißes an die Lust, mehr stattfinden, weshalb die Schweißabsonderung auf der Oberfläche der Haut als Schweiß- perlen sichtbar wird. Bei großer Hitze und trockener Lust ist natür- lich die Möglichkeit der Berdampsung auch eine bedeutend größere, weil die Luft sofort die vom Körper abgegebene Feuchtigkeit aufnimmt, wodurch die Menge des sich auf der Haut an- sammelnden Schweißes verringert wird. Nach dem alten Grundsatz Verdunstung erzeugt Kälte, ist die Schweißabsonderung als ein wirksames Mittel zur Abkühlung Jier Hautoberfläche zu betrachten, weil durch die Verdunstung des Schweißes aus derselben eine be- deutende Meng« Wärme verbraucht und dadurch ein« Abkühlung hervorgerufen wird. Es ergicbt sich hieraus, daß hohe Temperaturen bei trockener Lust bedeutend leichter zu ertragen sind, als bei feuchter Luft. Wie groß die Schwankungen in der Meng« des abgesonderten Schweißes bei feuchter und trockener Lust sind. beweisen die inter- »stauten Versuch« Professor Rubner's. Schon bei 24 Gr. bis 29 Gr. wird die trockene Lust lühler empfunden, als die feuchte; erst bei 29 Gr. Lufttemperatur und 22 pCt. Wassergehalt der Luft trat sichtbarer Schweiß auf. Das Allgemeinbefinden wurde bei großer Trockenheit der Luft und hoher Temperatur nicht wesentlich be- einflnßt, dagegen war ein« Temperatur von nur 24 Gr. bei 9K pCt. Feuchtigkeitsgehalt der Luft, was anuäherud den Verhällniffen vor einem Gewitter entspricht, auf die Dauer vollständig unerträglich. Bei diesem Versuch trat kein« starke Schweißabsonderung, wohl aber ein heftiges Durftgefühl aus. Di« Steigerung der Menge des ab- gesonderten Schweißes stieg bei Erhöhung der Temperatur um 19 Gr. C. von 9 g aus 29 g, in trockener Lust von 36,8 g auf 75,4 g Aus diesen Zahlen ergiebl sich, daß die Schweißabsonderung nicht lediglich mit der Temperatur steigt, sondern daß auch der Wasser- geHall der Luft dabei eine bedeutende Roll« spielt.— Hnmoristischcs. — Am vorletzten Sonntag wurden die schaulustigen Bewohner von Mansebach und Kammerberg(Thüringen) durch ein Hand- schriftlich hergestelltes Plakat, das solgenden Inhalt hatte, i» den.Zirkus" eingeladen: Grose Vorstellung Sonlag, den 12. Sept. 1397 Große Künstler Schauspieler und Sailtänzer Gesellschaft mit 16 ver- fchiedenen Ablheilungen in höheren spring Kunst Gimmnastig, Kauschig Bahlet und Porntamienen Flaschen Akrobath so wie uach japische und Persische spiele, auch eine Groß Jtalljänische Porntomin belietelt sich der lnstische fchnster auf Reisen zum schloß besteigung das Hoch gespante Trath Sail wo der Trath Sail Künstler das Trath Sail als Baur besteigen wird. Der Schauplatzt ist im Saale beim Glückauf Bezahlung der Pläze Sitztplaz 26 Pfg. Stehplatz 15 Pfg. Rinder ans allen Plazen die Helft« 16 Pfg. wozu jedermann Höflichst eingeladen wird. Dierekzieon H. W. c. e. Lustige Stadtväter. Alt-New-Jorks Stadt- väter treiben jetzt in Ermangelung von Geschäften allerlei Ulk und reißen auf eigene Kosten schlechte Witze. So z. B. brachte jüngst in einer Stadtverordneten-Sitzung Alderman Clancy eine Resolution ein, laut welcher sein Kollege Henry Schoo! autorisirt ward, gleich nach der Sitzung zur Erfrischung des„Board" mehrere Fässer Bier auf eigene Kosten auflegen zu dürfen. School, der nicht zu den trinkfesten Männern gerechnet werden kann, war sehr empört, als er Clancy's Vorlage verlesen hörte. Krebsroth im Gesicht erhob er sich von seinem Stuhl mid rief:„Dies ist eine Schmach. Habe» die Mitglieder dieses hohen Rathes sonst nichts zu thun, als die eit mit solchen Frivolitäten todt zu schlagen? Solch ein Unsinn i ch wundere mich nur, daß der Präsident das Verlesen einer der- artigen Vorlage zuläßt!"—„Die Resolution ist hiermit außer Ordnung erklärt," rief der Präsident.—„Was?" schrie Clancy, „ich appellire gegen diese Entscheidung, weil der Präsident selbst mich irregeleitet hat— erst veranlaßt er mich, die Resolution ein- zubringen und jetzt erklärt er sie für außer Ordnung." Diese un- erwartete Wendung rief natürlich allgemeine Heiterkeit hervor, aber der Präsident beharrte auf seiner Entscheidung, und School seufzte erleichtert auf.— Vermischtes vom Tage. — Der arme Hans Blum! Jahre lang hat erden Staatsretler gegenüber der Sozialdemokratie gespielt, und jetzt muß er die Hand der Polizei selbst verspüren. Hat er da jüngst eine Geschichte der„deutschen Revolution" geschrieben, die, wenn man vom Text absieht, manches Jnlereffante bietet. Sein Verleger hat zu Reklamezwecken ein Plakat anfertige» lasten, das auch auf dem Umschlag der Hefte z» sehen ist. Hinler Arbeitern, die in eine Stadt marschiren, trabt der Tod. Dieses Plakat wurde von der„Polizei- behörde einer preußischen Provinzialstadt als„aufreizend" bean- standet". So was hatte der Hans und sein Verleger nicht erwartet. Der letztere wandte sich an einige in königl. Gnllerie» und Museen Beamtete, und die sage», sie hätte» auch keine Ahnung, ivie so etwas möglich sei. Aus dem Punkt steht jetzt die Sache. Herr Haus Blum wird doch nicht etwa gar rebelliscb werden? Grundsätze, Johannes, Grundsätze sind die Anker in des Lebens Fährlichleiten!— — I» Mausdorf. Kreis Elbing, sind dreizehn Ge- bände niedergebrannt. Drei Kinder werde» vermißt.— — Weil er einem ans der Chanffee daherkommenden Radfahrer einen Regenschirm ins Rad geivorfen, wurde von der Erfurter Strafkammer ein Mann zu G'/, Monat Gefängnjß ver- urtheilt. Der Radfahrer war gestürzt unö Halle sich erheblich ver- letzt.— — Ans dem pfälzische» Kriegertage in Enkenbach hatte ein junger Arbeiter den Redner durch alberne Zwischenrufe fortgesetzt unterbrochen. Das Schöffengericht in Kaiserslautern ver- donnerte ihn deshalb zu 6 Wochen Haft.— — In einem Dampfsägewerk zu Viernheim(Hessen) wurde einem Arbeiter der Oberkörper gänzlich z e r s ch n> i l e n. Der Verunglückte war sofort todt. I» dem seit einigen Monaten be- stehenden Sägewerk ist schon ein ähnlicher Fall vorgekommen.— — Einen seltsamen Tod erlitt in H a s e I b n r g bei Zabern«in 13jähriger Junge. Er fiel beim Nüffeöffnen zu Boden und dabei in sein geöffnetes Taschenmesser, das ihm bis an das Heft in die Brust drang.— — Ein w a n d e l n d e r B e r g. Vom Berge H o b l i k bei Bilin(Böhmen) haben sich in den letzten Tagen größer« Erdmassen abgelöst, und in Zwischenräumen erfolgen neue Abrulschungcn. Der Berg hat sich bereits bis in die Mitte abgelöst.— — S ch i f f s z u s a m m e n st o ß. Der englische Dampfer „Tyri a" ist bei der Ausfahrt aus dem Hafen von F in me in den Dampfer„I k a" h i n e i n g e f a h r e». Der„Jka" sank in zwei Minuten. 36 Passagier« sind ertrunken.— — Von einem Schneesturm wurden bei D i s s e n t i s im Kanton Graubünden zwei Hirten in einen Bach gestürzt. Die Leiche» sind noch nicht gefunden.— — Sliii Dienstag, 2 Uhr nachmittags wurde in U r b i n o und in einer Reihe anderer mittelitalienischer Städte ein starker E r d- stoß verspürt. Zu derselben Zeit fand auch in T r i e st ein heftiges Erdbeben statt.— — Das erste Schiff m i t 3l c e t y l« n b e l e n ch t u n g ist jüngst in Slberdeen vom Stapel gelaufen.— — Christiania, 22. September. Die Zeitung„Verdens Gang" meldet aus Vardoe, daß der Dampfer„Noranja" von der Jenissei-Expedition dorthin zurückgekehrt sei und die Aukunst der ganzen Expedition sowie den Erfolg derselben ge- meldet habe. Einige der Schiffe seien kurze Zeit aus Grund gerathen, ohne jedoch beschädigt zu werden.—_ Vsrantwortlicher Redakteur: Rngnst Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.