Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 190. Dienstag, den 28. September. 1897. (Nachdruck verbolen.Z ao] Vor VclttvvttMhrev. Roman von Franz Kahler. „Da habt Ihr den feinen Mann!" fuhr Dörfler fort,„da habt Ihr das döse Gewissen! Aber nehmen Sie sich in Acht, Sie haben kein armes, hilfloses Mädchen vor sich! Ich werde Ihnen beweisen, daß es noch Männer giebt, die einen Schuft wie Sie nicht fürchten! Das wollte ich sagen. Kameraden!" Unter tosendem Beifall stieg Dörfler von seinem Stuhl; setzte sich ruhig seine Mütze auf, die er bisher in der Rechten gehalten hatte, und bahnte sich, einen verächtlichen Seitenblick nach Teßmer's Tische werfend, einen Weg nach dem Hinter- gründe des Saales. Teßmer war lvüthend. Nessel und Weichlich schienen vcr- gnügt. Die Liberalen lachten, und der Großkonfektionär be- nutzte die allgemeine Verwirrung, um rasch die Versammlung zu schließen. Ter Saal leerte sich nur langsam. Ein großer Theil der Versammlnngsbesncher blieb noch trinkend, rauchend, plaudernd und diskutireud zurück. Auch der Garten war überfüllt. Nach dem Gedränge und der Hitze im Saale that die frische Abend- lnft doppelt wohl. Dr. Süßmilch und seine Getrcuesten zogen sich wieder in das Hinterzimmer zurück, wo ein kleiner Imbiß und ein guter Trunk bereit standen. Unter den Liberalen herrschte eitel Jubel und Freude. Am lautesten ging es in der Gaststube zu, wo ein fürchterliches Gedränge herrschte. Hier platzten die Geister noch immer heftig aufeinander. Für und gegen Teßmer, für und gegen die Liberalen erhoben sich Stimmen. Dem Bier und Schnaps wurde fleißig zugesprochen. Die Streitenden 'aßen und standen zum theil auf den Tischen, weil unten kein Platz mehr war; kurz, das lange, geräumige Gastzimmer glich einer Sackgasse, wo keiner rückwärts noch vorwärts konnte. Stünipler stand in der Nähe des Büffets und schrie am heftigsten. Er war total betrunken und in dieser Verfassung die Zielscheibe des Spottes von Freund und Feind. Plötzlich öffnete sich die Thür des Hinterzimmers und Dr. Süßmilch, der Eroßkonfektiouär, der Znckeragent und Meister Stopf, sowie einige liberale Dorfgrößen machten An- stalten, den Bahnhof zu erreichen. Ter Lärm verstunnute einen Augenblick. Mit rathloser Miene starrten die Reisefertigen auf den Menschenknäuel vor ihnen, der wie eine Mauer stand. Einige Schritte drängte sich Süßmilch vorwärts und stand gerade Slümpler gegenüber, der ihn mit stieren Augen anglotzte, Die ärgerliche Miene Süßmilch's verschwand. Mit einem liebenswürdigen Lächeln trat er rasch ans den verlegen da- stehenden Slümpler zu und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. „Na, sagt mal, mein alter Freund Stümplcr, was ist denn mit Euch heut Abend los gewesen? Ihr habt mir doch immer Eure Stimme gegeben, was?" „He— c— rr Do— ok— tcr!" stotterte Stümpler. „Na, Ihr werdet mir auch diesmal Eure Stimme geben, alter Freund; nicht wahr?" „Na— na— türlich. He— rr Toktcr!" lieber das Gesicht Slümplcr's flog ein Strahl von Rührung. Der Rausch stimmte ihn versöhnlich. Die joviale, gewinnende Art Süßmilch's halte ihn vollständig bezaubert; sein Groll schmolz wie Schnee in der Frühliugssonne. Und als Süß- milch ihm mit einem„So ist's brav, alter Freund! ans Wiedersehn!" seine Hand reichte, war es mit Stümpler's Zögern vorbei. „Hurrah! Do— o— octcr Süßmilch soll leben! Hoch! Hoch! Hoch!" schrie er wie toll. „Hoch! Hoch!" wieder hallte es im Zimmer. Im Nu bildete sich eine schmale Gasse, durch die Süßmilch und seine Begleiter ins Freie gelaugten, gefolgt von Stümpler und dem Troß der Arbeiter, die den liberalen Kandidaten ohne Unter- brechnng hochleben ließen. Immer neue Massen drängten sich herbei. Der Weg zum Bahnhofe glich einem Triumphzugc. Bis zum Abgange des Zuges hielt die begeisternugstrnnkcne Menge stand. Ein „Hnrrah I", ein„Hoch Dr. Süßmilch!" jagte das andere, und der begeisterte Lärm fand seinen Höhepunkt, als sich der Zug in Bewegung setzte, und Süßmilch mit seinem liebenswürdigsten Lächeln den Versammelten ein„Ans Wiedersehen!" zurief.— Auf allen Straßen, Wegen und Stegen, einzeln und z» mehreren, strömten die Massen nach ihren Dörfern und Hütten. Ueber die grünen, hohen Saatenfelder strich ein er- quickender Nachtwind, die heißen Köpfe und fiebernden Stirnen kühlend. Zn den letzten, die ihr Dörfchen aufsuchten, gehörten Stümpler und ein Dutzend junger Burschen, die das Freibier in die vergnügteste Stimmung versetzt hatte. Sie hielten es für Menschenpflicht, den Alten, der nur mühsam sein Gleichgewicht behalten konnte und der in dem entfernten Dorfe Nabens wohnte, heil und sicher nach Hause zu geleiten. Der Sicherheit wegen hatten sie Stümpler in die Mitte genommen. In einer Reihe, die fast die ganze Breite der Cbanssce einnahm, niarschirend, zogen sie in Schlangenlinien lustig hinaus in die Frühlingsnacht. Alle hielten sich fest untergefaßt und diesem unnber« legten Umstände war es auch zuzuschreiben, daß, wenn einer stolperte, auch die anderen stolperten und, wenn einer fiel, auch die anderen sielen. Unerklärlichcrweise stolperte und fiel aber jeder von ihnen unzählige Male ans dem langen Wege, was zur Folge hatte, daß diese Menschenschlange einen gute« Theil des Weges im Staube kriechend zurücklegte. Diese seltsame Weise, nach Hanse zu gehe», beeinträchtigte indessen nicht im geringsten die fröhliche Stimmung der Heim- kehrenden. Im Gegenthcil, jeder Fall war von einem fröh- lichen Gelächter begleitet, und Stümpler vcrsilchte nie auf die Beine zu kommen, ohne ein begeistertes Hoch ans Dr. Süß- milch auszubringen. Es begann bereits zu tagen, als Stümpler endlich, vor der Thür seines Häuschens stehend, von seinen Begleitern Abschied nahm. Außer seinem Hut, dem rechten Rockärmel und dem linken Stiefel fehlte ihm nichts. Alle drei Gegen» stände fand man übrigens am andern Tage in der Nähe von drei Dörfern wieder. Der Hut lag mitten auf der Chaussee; der Stiefel steckte in einem mit Schlamm gefüllten Straßen- graben, und der Aemel hing zum größten Theile an dem dornigen Geäst einer Gartenhecke.—— VIII. Als vor Jahren die neue Krcis-Chanssce angelegt wurde, hatte es Teßmer durchgesetzt, daß sie, wenige Minuten hinter dem Dorfe Hogwitz, mitten durch den Hanptkomplcx seiner Ackerländereien geführt wurde. Seinem Einfluß in der Ge- mcinde war es vorher nicht schwer gefallen, die stimmbcrech» tigtcn Gcmcindemitglieder zu überzeugen, daß eine gepflasterte Straße von Hogwitz nach der zukünftigen Chaussee für Alle von größtem Vortheile sein mußte. Er rieb sich vergnügt die Hände, wenn er später über» dachte, wie billig er zu diesen beiden guten Wegen nach seinen Acckern gekommen war, und daß die Gemeinde und der Kreis auch weiter die Verpflichtung hätten, sie ihm sein säuberlich iil Ordnung zn halten. Im Munde der Leute hieß dieser Theil der Chaussee „Der gestohlene Weg", und abergläubige Gcmüthcr betraten ihn selbst am hellen Tage fast mit der nämlichen Scheu, wie einen Kirchhof um Mitternacht. Der Grund hierfür lag wohl hauptsächlich darin, daß man kurz nach seiner Fertigstellung in einciu angrenzenden Getreidefelds die Leiche einer junge» Magd gefunden hatte, die offenbar ermordet worden war. Indessen spielte dabei noch etivas anderes mit: Der ein- same Charakter, der diesem Theile der Chaussee aufgeprägt war. Von einem öffentlichen Verkehr ivar hier gar nicht die Rede, der Weg wurde fast ausschließlich von den Gespannen der Teßmer'schen Güter benutzt; alle anderen befnhren die be- quemercn Straßen, die an den Fabriken vorübersührtcn. In den Monaten Juni und Juli, wen» die zu beiden Seiten des„gestohlenen Weges" liegenden, im wahren Sinne des Wortes unabsehbaren Getreide- und Rübcnfclder ihrer Reife entgegengingen und oft tagelang kein Mensch zu sehen war, uiachte die Chaussee einen äußerst melancholischen Ein- druck. Eine Todtenstille lagerte über dem ungeheure» Meere gelber Halme und grüner RübcnbläUer, dessen Ein- tönigkeit nur unterbrochen wurde von der Riesenkette junger Pflaumenbäume, die sich längs der einen Seite des Weges bis zum Horizonte hinzog. Um diese Zeit wucherten bis in die Mitte des sandigen Weges Unkranr und Gras. Einer hatte daran seine helle Freude, der alte Schäfer Dörfler, der mit seiner zahlreichen Heerde dann stets einige Wochen lang hier anzutreffen war. Teßmer hatte ibn im Verdacht, daß er auch die Bezeichnung„gestohlener Weg" unter die Leute gebracht habe; denn er war seinerzeit derjenige gewesen, der in der Gemeindeversammlung für eine Petition gegen die An- läge der neuen Chaussee gesprochen hatte. Teßmer hatte ihm das nie verziehen und wenn er auch den Alten weiter in seinen Diensten behielt— er hätte nicht bald Ersatz für ihn gesunden, denn Dörfler verstand sein Fach wie nur Einer— so war es doch mit den vieleil klingenden Beweisen seiner An- erkennung vorbei. Dörfler war seit Jahren auf seine Entlaffnug gefaßt ge- wescn und hatte längst Borkehrungen getroffen, daß er nicht eines Tages von ihr überrascht würde. Er betrieb wie viele seines Standes nebenbei noch das Gewerbe des Heilkünstlers. In diesem Fach genoß er sogar einen großen Ruf und hatte sich ein nettes Sümmchen erworben, zum größten Aerger des Oberinspektors Zcller, der ihn haßte, wie er alle baßte, welche mit ihren Einnahmen hauszuhalten verstanden. Zeller setzte es auch wirklich durch, daß der„Kurpfuscher",„Leute- betrüger" und„Schivindlcr" Dörfler eines Tages seine seit 25 Jahren innegehabte Wohnung aus der Hogwitzcr Schäferei räumen mußte. Dörfler hatte sich jedoch vor Jahren schon em hübsches Grundstück in Hogwitz nebst einigen Morgen Feld gekaust, und da er für den Verlust der freien Wohnung durch ein Mehr an Lohn entschädigt wurde, so zog er eigentlich recht vergnügt in sein eigenes Heim, das etwas abseits vom Dorfe, hart am Beginn des„gestohlenen Weges" lag. (Fortsetzmig folgt.) Vonr gnlizifztzc» Vomvv erzählt Iwan Franko in der Wiener Wocbenscbrift„Die Zeit": Ich will die verehrten Leser durch ein dnrchschniltliches galizisches Dorf führen. Es liegt gewöhnlich an einein Flüßchen oder Teiche und sieht von weitem mit seiner Fülle grüner, alter Obstbäume und Weiden, mit seiner Kirche in der Mille und um- geben von grünen Gefilden, recht malerisch und idyllisch nus. Kommt man aber näher, so sieht man. daß die stillen, idyllischen. hie und da ans dem Grün hervorragende» Häuschen eigentlich recht schmutzige, mit altem, faulem Stroh bedeckte, oft halbverfallene Hütten sind. Die kleinen, kaum einen halben Quadratmeter großen Fensterlein sind in der Regel nicht zum Atlsmache» und lassen nur spärliches Licht ei». Drinnen giebt es nur eine einzige Stube, welche gleichzeitig Küche, Wohnstube, Arbeits-, Eß- und Schlaf- zimmer ist uud im Winter obendrein noch kleine Kälber, Ferkel, Lämmer und alte Hühner beherbergt, wo Gänse brüten, und die zur Speisung der Familie bestimmten Kartoffeln auf- bewahrt iverde». Es ist schwer zu glauben, wie Vieles und wie Ver- schiedeues in diesem engen Räume Platz finden muß. Und der Raum ist wirklich eng: die Stube hat in der Regel nicht mehr als 15 bis 20 Quadratmeter Flächenraum uud ist nie mehr als L'/e Meter hoch; niedrigere Stuben werden bevorzugt, weil sie im Winter weniger Heizungsmaterial erfordern. Mehr als«in Viertel dieses Raumes nimmt der große, primitiv aus Lehui gebaute Backofen ein, welcher zugleich als Lagerstätte, als Kuriernnstalt, als Kinderstube, als Trocken- und Dörrapparat dient. Im Winter schläft ans diesem Ofen alles, was alt und wärme- bedürftig ist und kein besonderes Bett hat, also die Kinder, die Allen und ein Theil des Gesindes; weibliche Mitglieder der Familie schlafen sogar im Ofen selbst, in welchem kurz vorher geheizt worden ist, lind stecken aus demselben nur den Kopf heraus. Das Bett ist ein Privilegium des Landwirthes uud seines Weibes; sie schlafe» immer beide zusammen angesichts der ganzen Familie. Aeltere Burschen schlafen im Sommer und im Winter im Stall bei dem Vieh. Als Bettzeug dient alle», außer den iin Bette Schlafenden, die eigene obere Kleidung statt des Polsters, oder höchstens eine Hand voll Stroh. Federpolster giebt es zivar in jedem Hause, sie dürfen aber nur von den zur Familie Gehörigen gebrauchr werden; die Dienstboten nehmen geivöbnlich nur die eigene Faust unter de» Kopf. Man soll sich aber auch den im Bette schlafenden Landwirth nicht als ein Sybnriten vorstellen. Das Bett ist eigentlich ein Eupheinismus; es sind ein paar uebeneinandergelegte Bretter auf einem Gestell; aus diesen Brettern ist ein Bündel Stroh ans- gebreitet, mit einein grobleinenen Leintnche bedeckt; ein zweites eben- solches Leintuch, im Winter auch der schwere Rock oder Pelz, dient als Decke; Federbetten sind selten und nur bei reicheren Bauern an- zutreffen. Was esse» die galizischen Bauern? Am nächsten liegt wohl Uy Gedanke, daß der Bauer sich von den Produkten seiner Wirth- schaft ernährt. Gewissermaßen ist das richtig, aber nicht gan� Der Bauer befaßt sich ja auch mit der Vieh- und Geflügelzucht, aber Vieh- und Geflügelfleisch kommt nur in seltensten Fällen aus feinen Tisch. Der Fleischgenuß galizischer Bauern ist minimal; Fleisch wird in der Regel nur zwei- oder dreimal im Jahre gegessen: zn Ostern. zu Weihnachten und außerdem bei außerordentlichen Familienereigniffen, wie Taufe und Begräbniß. Sogar in den Volksglaube» ist der Satz hinübergegangen: wollte» die Bauern Fleisch esse», so hätten die Herren keines. Die Enthaltung vom Fleischgcnusse ist also für den Bauern ein bewußt auf dem Altar der sozialen Ordnung dargebrachtes Opfer. Leider ist es kein frei- williges Opfer. Der Bauer kann sich den Fleischgenuß nicht er- landen. Jedes Stück Vieh, welches er besitzt, jedes Stück Geflügel ist von seiner Geburt aus im voraus dazu bestimmt, irgend ein Loch in seinem jährliche» Budget zn verstopfen: dafür werd' ich die Steuer bezahlen, dafür Stiefel kaufe», dafür eine Schuld abtrage», — und wie bald ist die Zahl seiner lebendige» Hilfsquellen er- schöpft. Alle Löcher sind noch lauge nicht verstopft, und schon ist alles vergeben, so daß für den eigenen Genuß gar nichts bleibt. Wenn es sich darum handelt, ein Stück Fleisch für die großen Feier- tage zu bekommen, so trifft es sich oft, daß sich vier bis fünf ärmere Bauern znsammenthun und gemeinschaftlich einem unter sich ein Stück Kleinvieh, z. B. ein Schwein oder ein Kalb abkaufen, wobei der Preis unter alle Genossen getheilt wird, uud der Eigen- Ihümer, statt Geld zu zahle», den ihm zukommenden Theil in Fleisch bekommt. Ebenso verhält es sich auch mit Eiern, Butter und Käse. Diese Produkte gebören in der Regel der Bäuerin und werden verkaust, um dasür Salz und kleinere weibliche Kleidungsstücke und Putzsachen: Tücher. Bänder u. s. zu kaufen. So bleibt denn von den animalischen Produkten einzig und allein die Milch, welche als Würze der Speisen und zur Nahrung der Kinder verwendet wird. Fett, geivöbnlich Schweineschmalz oder geräucherter Schweinespeck. wird gekauft und äußerst sparsam gebraucht. Zucker und gezuckerte Speisen existiren gar nicht im Menü deS durchschnittlichen galizischen Bauern. Mehl und Gemüse— das sind die hauptsächlichsten Nahrnugs- mittel der galizischen Bauern, illber auch hier muß man die Sache etwas näher betrachten. Wen» auch der galizische Bauer Weizen säet, so ist Weizenbrot auf seinem Tische ein geradeso seltenes Gericht ivie Fleisch. Und darum lassen nur die reicheren Bauern ihren eigenen Weizen niahlen; die Mehrzahl verkaust den Weizen im Kor» und kauft im Nothfalle etliche Quart fertiges Weizenmehl. Tie Mehrzahl der Thalbewohner ißt in besseren Zeiten Roggenbrot, im wunder» schönen Monat Mai und Juni aber Gersten- oder Haferbrot. Die Gebirgsbewohner, wo Weizen gar nicht, Roggen nur selten und Gerste auch nicht gut gedeiht, sind von allersher auf das bloße ungesäuerte schwere Haferbrot gewöhnt. Saures Hafermns, Gersten- und Hafergrütze— und die Formen der galizischen Mehlspeisen sind schon erschöpft. Die große Erfindungsgabe des galizischen Bauern, die bewnndernswerthe nationale Eigenart der galizischen Bauernküche zeigt sich erst beim Gemüse. Ich könnte mehr als 100 Arten von galizischen Banernspeisen anführen, ein förinliches Wörterbuch eigen« artigster Benennungen, ein wahrer Schmaus für die Philologen— leider nicht für den Magen. Denn die Grundlage aller dieser galizischen Nationalspeisen bilden schließlich Kartoffeln, Kohl, ötiibe» u. Vgl. wenig nahrhafte Gewächse. Es ist kein Witz, sondern eine verzweifelt ivahre Thatsache, daß der galizische Dauer im Vergleiche mit dem europäischen Arbeiter nur halb so viel ißt. Natürlich sind auch sei» Wuchs, seine Leibeskrast, seine Energie und Arbeitslust danach. Die Kleidung des galizischen Bauern werde ich nicht näher be- schreiben. Nur im Vorbeigehen will ich bemerken, daß die ganze Familie im Sommer geivöhnlich barfuß umhergeht nnd für den Winter oft nur eine» einzigen Pelz und ei» einziges oder, nur zivei Paar Stiefel hat, so daß nur die entsprechende Zahl der Familien- Mitglieder sich aus dem Hause enlsernen kann. Kinder haben in der Regel keine Fußbekleidung, besuche» die Schule im Sonnner barfuß, nnd im Winter gehen sie entiveder garnichl in die Schule oder ziehen die Stiefel älterer Hansgenossen an und schicken dieselben aus der Schule sogleich nach Hause zurück. ... Am Ende fast eines jeden Dorfes, ans einem Hügel oder inmitten eines Parkes, umschattet von allen Bäumen oder umgebe» von sorgsam gepflegten Blumenbeeten erhebt sich ein weißes, mehr oder weniger gcschiuackvoll gebautes, mehr oder iveniger reich, oft luxuriös ausgestattetes Gebäude. Es ist das herrschaftliche Hans, das Palais, der Hof. Sein Inhaber nennt es stolz einen Herd der Zivilisation inmitten der bäuerlichen Finsterniß. Das Palais ist gewöhnlich wohl umzännt; in dieser Nmzänuung»»weit des Hauptgebäudes befinden sich mehr oder weniger stattliche Wirthschaflsgcbäude, zahlreiche Heu- und Getreideschober, Pferdeställe, Maschinenhäuser, Rinder-, Kälber-, Schaf- und Hundeställe; außerhalb der Umzäunung stehen reihenweise gebaute Wohnhäuser der herrschaftlichen Dienst- leute, Handwerker und Aufseher, nnd ringsumher breilen sich große, geschlossene, wohlbebaute Feldflächeu aus— die herrschaftliche Meierei. Wirklich, eine andere Welt, als>vir sie bis jetzt gesehen haben. Im Hofe eine Menge Geflügel, hunderte ivohlgefütterter Kälber, Füllen nnd Schweine, die Dreschmaschine pfeift und chnattert, die wohlgenährten Aufseher und Lakaien gehen umher. wohlgekle>dete Herren und Damen spazieren ini Park umher und 'Ühren geistreiche Gespräche über Nietzsche's Philosophie oder über den neuesten Roma» von Sienkieivicz. Wirklich ein Herd der Zivilisation und der feinen Gesittung, nicht ivnhr? Sehen wir uns aber diesen Herd frühmorgens um sechs Uhr an. Im Hose ertönt die Glocke, und aus dem abseits liegenden Dorfe beginnen langsam, keuchend und hustend erdfahle, gebeugte, in Lumpen gekleidete Gestalten herbeizukommen. Ihre Gesichter sind verschlafen, in den Haaren stecken»och Strohhalme— Ueberreste ihrer Kopfpolfter; einige kommen wohl aus benachbarten Dörfern, viele haben den Glockeuschlag schon lang vor dem geschlossenen Thorr erwartet, um ja nicht zu spät zu kommen. Das Thor wird auf- gemacht, die erdfahlen Gestalten, Männer, Bursche, Mädchen drängen sich in den Hos hinein, wagen aber nicht, sich dem herrschaftlichen Gebäude zu nähern, wie furchtsame Schafe stehe» sie nahe beim Thore, eniblößten'Hauptes, bei Frost, Schnee oder Regen, und warten lautlos. Immer neue Gestalten kommen herbei und ver- gröüern den Hansen— es sind die Arbeitsuchenden. Nach einer halben Stunde kommt der herrschaftliche Verwalter heraus— er könnte schon lange da sein, aber die Autorität der Herrschaft ver« langt es, daß die Bauern möglichst lauge warten sollen. Er wird von den Wartenden mit tiefen Bücklingen begrüßt, antwortet aber nichts auf ihren Gruß. Er nähert sich und sagt im trockenen, ge- schäflsmäßigen Tone: Heute brauchen wir zehn Männer, zehn Bursche und zwanzig Mädchen, die und die sollen bleiben. Wir zahlen hente den Männern je 20, den Burschen und Mädchen je IS Kreuzer in Quittungen— wem's nicht recht ist, mag gehen. Die übrigen können wir heute nicht beschästigen, vielleicht morgen. Und nun erhebt sich ein Geschrei und Geheul— nicht zu laut, damit es nicht den gnädigen Herrn aus dem Schlafe wecke. Die einen finden den Loh» zu gering— und werden gleich iveggejagt, die anderen weinen, daß sie und ihre Kinder nichts zu essen haben, und bitte», man möge sie, sei es auch nur um 10 Kreuzer, arbeiten lassen, damit sie nur nicht mit hohlen Hände» nach Hause zurückkehren inüsseu. Aber da hat der Verwalter mit einem jeden seine Privatrechnung. Du hast bei de» Wahlen für den und de» gestimmt gegen unsere» gnädigen Herrn— geh zn jenem, er soll Dir Arbeit geben. Du hast uns vor Gericht angeklagt ivegen der Schläge und wagst es noch hierher zu kommen. Du wolltest zur Erntezeit nicht kommen. als ich Dich ausdrücklich bitte» ließ, und jetzt kommst Du? Marsch! Für solche habe» wir keine Beschästigung. So werden da alle Differenzen zwischen Bauer und Schlachzize ausgeglichen. Ei» schöner Herd der Zivilisation— nicht wahr?— welchem sich der Bauer nur von ferne, mit klopfendem Herzen und entblößlein Haupte Nähern darf!...—_ Viteittc-lZ Ifouillekon. n Eine Pilz-Auöstclluua findet gegenwärtig im Winter- hause des Botanischen Gartens statt; sie dürste die ganze Woche dauern. Es sind gegen 60 Pilzarten vertreten, die sämmtlich im Grunewald von Hnndekehle bis Schmargendorf, sowie an Wegen und Abhängen daselbst gesammelt ivurden und eine be- ständige Ergänzung erfahren sollen. In den verschiedensten Forme» und Größen finden sich die Pilze übersichtlich auf Tischen aus- gebreitet, wo sie in allen Farbenschaltirungen, vom tiefen Schwarz der Lamellen des Tintenschivammes bis zum brennenden Roth des giftigen Speiteusels schimmern. Da es in diesem Jahre infolge der feuchtkalten Witterung nicht viele Pilze giebt, so bot diese Zusammen- stellung keine ganz leichte Aufgabe, wenn sie ihre» Zweck erfüllen und jetzt um die Pilzzeit eine ausklärende Uebersicht über die Schäd- lichkeit oder Unschädlichkeit dieser oder jener Art geben sollte. In der Ausstellung finden sich die einzelnen Arten, wie Täublinge, Röhrenpilze, Champignons«. f. w. immer gruppeniveise geordnet. und es ist mit-großer Sorgfall stets bei jeder Sorte festgestellt und angegeben, ob sie eßbar, verdächtig oder giftig ist und aus ivelchem Gelände sie vorkommt. Bon eßbaren P, l z e» sind besonders hervorzuheben: Der bekannte gelbe P f e f f e r l i n g; der weiße, runde W i e se n- C h a nip i g» o n; der braune C h a mpig n on, von welchem riesige Exemplare vorhanden sind; sowie folgende Loletus-Arten: Ter Stein« oder He rrenpilz, Kuh- und Butterpilze, die braune Ziegenlippe, der Sand- und der Maronenpilz, der sich in Kiefernwäldern häufig findet. Eßbar sind ferner der graubraune, oft sehr große Panasolpilz; der an Kiefernstämmen gedeihende rölhliche Ritterling; der krause Keulenpilz, sowie der Reizker, dessen Milch ziegelrolb ist, und der als einer der beste» Speisenpilze gilt. Als Suppenpilze eignen sich besonders der N e l k e n s ch iv a m m oder Oreadenpilz, welcher sich im Juni bis in den Herbst nach Regen zeigt, sowie der an Baumstümpfen vorkommende G l ö ck ch e n- Pilz.— Z» den verdächtigen Arten gehöre» namentlich der orangefarbene falsche P f e f f e r l i n g, der auf der Oberseite weich und filzig wie Handschuhleder ist und oft mit dem echte» Pfesserling verwechselt wird, sowie der Schwefelkopf, der an Baumstämuien und ans rasigem Erdboden in Bündeln wächst und jung eßbar sein soll; ferner der braune M o n d s ch w a in»>, der graue Fliegen- oder P e r l s ch iv a m m; der gemeine roth- braune und sehr scharf schmeckende M i l ch l i n g und andere.— Zu de» giftigen Pilzen, die sich größtentheils durch ihre leb- haften Färbungen kenntlich machen, gehören: der in Kiefern- und Laubwäldern vorkommende blutrothe Täubling, von scharfem Geschmack; der Pantherpilz; ferner der kartoffelähnliche Hart- oder Kartoffelbowist, mit hrrler, schwarzer Füllung. Dieser Pilz, oft fälschlich als Trüffel bezeichnet, wird häufig gegessen, auch zur Fabrikation von Trüffelwurst verwendet. Sehr giftig ist der zart-hellgclbliche K» o l l e n b l ä t t e r s ch w a in in; durch diesen Pilz, der mit dem Wald-Chanipignon leicht ver- wechselt wird, werden die meisten Pilzvergiftungen verursacht. Er kommt im Herbst sehr häufig in Kiefernwäldern, besonders im Grunewald vor und wird leicht verkannt. Sehr giftige Arten sind ferner der rothe Fliegenpilz und der S p e i t e u f e l oder giftige Täubling mit feuerrolhem Hut, der in Wäldern häufig vorkommt und scharf schmeckt.— Merkwürdige Pilzorganismen sind die ansgestellten. auf gedmigtein Boden gedeihenden Tinten- s ch w ä in m e, Coprinus atramentarius und C. comatus, letzterer der schopfige Tinlenschwamm genannt. Unter den Feuchtkörpern derselben sondern die Lamellen eine schwarze, tintenartige Flüssigkeit ab. Der L. oomatus zerfließt bei der Reife und es bleibt nur ein schwarzer Fleck von ihm übrig.— y. Der Fang in den Pogelkoje» in Wyk auf Föhr ist dieses Jahr andauernd ein sehr guter. An einem Tage werden oft in einer Koje 600 bis 700 Vögel und darüber gefangen, die einen Werth von rund 350 M. repräsentiren. Dem Händler ist es gar nicht möglich, die Thiere frisch zu veräußern, viele Vögel werden gekocht und in Blechdosen oder Tönnchen eingemacht. Auch in der Amrumer Vogelkoje sind in der letzlen Zeil viele Vögel gefangen worden, an einem Tage sogar über WO Stück. Merkwürdigerweise werden auf Anirum fast nur S p i e ß e n t e n gefangen, die wegen ihres grauen Federkleides allgemein„Grauenten" genannt werden. während ans Föhr mit wenigen Ausnahmen nur Krickenten erbeulet werden. Spießenten sind viel größer als Krickenten und erzielen daher auch eine» höheren Preis.— Literarisches. — Der österreichische Zlrbeiter-Kalender für das Jahr 1898.(Wien. Verlag der Ersten Wiener Volks-Buch- haudlung. 40 kr.) ist ein stattliches Heft von 134 Seiten, diin das farbige Bild:„Einfahrt in das Salzbergwerk" künstlerischen Schmuck verleiht. Das Jahrbuch unserer österreichischen Genossen ist diesmal besonders reich an erzählenden Beiträgen. Beigesteuert haben in dieser Beziehung: Emma Adler(Baiieriidasein), Friedrich Stampfer (Drei Märchen), Ludwig Schierk(Haus Varrant), auch A. Scheu's Gedicht„Blackwall Tunnel" ist hierher zu rechnen. Von William Morris, dessen Bild und Biogaraphie gebracht werden, ist„Eine königliche Lektion" anfgenommeu. lllin meisten den Kalendercharakler aber zeigt dievondemNeichstags-AbgeordnetenJosefSteiner geschriebene Erzählung„Im Loch". Bon Aufsätzen belehrenden Inhalts sind zu nennen: Industrie und Landwirthschaft. Ein Kapitel aus einer Schrift über die Agrarfrage von Karl Kautsky.— Die direkten Steuern in Oesterreich. Bon T. W. Teifen.— Hinter den Koulissen der Revolution. Ein Gedenkblatt zum fünfzigjährigen Jubiläum des Jahres 1843. Von Max Bach.— Kolportire nicht! Von Fritz Ansterlitz.— Wie mochte die menschliche Sprache entstanden sein?— Die Enlstehung der Alpen. Das Humoristische ist vertreten durch eine längere Schnurre:„Herr Dangelmayer und der Znkunftsstaat" und durch eine Reihe launiger Einfälle. Eine übersichtliche Jahres- rückschau bildet den Schluß. Die beigegebenen Illustrationen sind nicht unebeii; nur dem„Ahasver" haben wir leinen Geschmack ad- gewinnen können.— — Die Londoner �Times" kündigen an, daß sie ein wöchentliches Literaturblatt zu publiziren gedenken. Es soll den Namen„Literature" führen. Die Leitung wird H. D. Traill übernehmen. Nicht nur die englische, sondern auch die festländische und amerikanische Literatur soll berücksichtigt werden. Die Aussätze werden im allgemeinen nicht die Unterschrislen des Verfassers tragen. Jede Nummer wird eine Liste der hervorragenden neuen Er- scheinungen enthalten.„Literature" wird, was die ausgesprochenen Ansichten betrifft, völlig unabhängig von den„Times" sein.— Theater. „Aschermittwoch" heißt der Schwank, den die beiden Schauspieler Jarno und Fischer verfaßt haben. Am Sonnabend wurde er zum ersten Male im Neuen Theater aufgeführt. „La Douloureuse" von Donnay, immerhin die Arbeit eines feineren Kopses, wurde verhöhnt, die Sammlung von Spähen und längstbeivährten Thealerkniffen im„Aschermittwoch" mit vielem Gelächter und Beifall aufgenommen. Es läßt sich eben bei der Komödie so gar nichts denken, und dafür bleibt das Publikum gerne dankbar. Es will jemand, der am Aschermittwoch sein vierzigstes Lebensjahr vollendet, vorher noch in der letzten Karnevalsnacht von seinem Bummelleben Abschied nehmen. Noch einmal will er tolle Freuden kosten. Aber seine Lust wird ihm durch den plötzlichen Besuch einer ältlichen Kousine aus Dresden und seiner eigenen Tochter vergällt. Der Lebemann, der ein leichtes Dämchen mit heimgebracht hat, kommt in hundert Verlegen- heile», bis schließlich alles gut wird. Diesen Lebemann gab Herr Alexander mit seiner aiißerordeiillichen burlesken Gewandtheit. Immer weiß er die Szene komisch zu beleben und diesmal spielte er in besonders flotter Laune. Wirksam unterstützt wurde er durch Frau Marie Mayer, die würdige, sächselnde Kousine, die dem lustigen Burschen so unvcrmuthit ins Haus fällt.— — Max Burckhard, der Direktor des Wiener Bnrgtheaters, hat ein vieraktiges Volksstück verfaßt, das in der zweiten Hälfte des Monates November im Wiener Deutschen Volkstheater zur Aus- Mhrung gelangt. DaZ Stück führt den Titel„Die Bürger« meist erwähl" und ist als„ländliches Gemälde" von seinem Autor bezeichnet. Es spielt in Oberösterreich.— Kunstgewerbe. — Der Rath der Stadt Dresden hat einen Wettbewerb ausgeschrieben, um Entwürfe zu einem künstlerisch ausgeführten G e- häufe für öffentlche Uhren zu erlange», die auf Dresdener Plätzen und Strafec» aufgestellt»Verden sollen. Die drei oder vier durchscheinende» Zifferblätter der Uhren müssen einen Durchmesser von miudesteus 55 Zeiltimeler habe» und sollen in einer Höhe von etwa 4 Metern über der Straßenfläche angebracht werden. Das zur Ausnahme des Uhrwerks bestimmte Innere des eisernen Unter- baue» soll zugängig. und das Aeußere soll so beschaffen sein, daß es zu Anschlägen oder zu sonstigen praktischen Zwecken verwendet werden kann. Für die besten Entwürfe sind Preise von 300 M., 200 M. nnd 150 M. ausgeworfen.— Psychologisches. t. D i e Liebe als Krankheit. In Paris ikt kürzlich ein interessantes Buch erschienen. Es stannnr aus der Feder des bekannte» Psychologen und Nervenarztes De Fleury und führt den Titel:„Einleitung in die Medizin des Geistes". Man fordert mit großer Berechtigung seit langem, daß ein Arzt bei der Be- nriheilulig und Behandlung eines Kranken sich nicht nur um den körperlichen Zustand desselben zu bekümmern hat. sondern daß er in gewisser Hwsichl auch den seelischen Znstand seines Patienten zu berücksichtigen und zu bessern weiß. Aerzte, die diesen Theil ihrer Ausgabe verstehen, hat es schon viele gegeben, und sie gerade haben meist am segensreichsten gewirkt; bisher aber gab es kein Buch, welches die Heilkunde der Seele behandelte oder zu behandeln versuchte. Man kann nach de Fleury auch solche Erscheinimgen wie Traurigkeit, Zorn. Trägheit:c. als anormale, krankhafte Zustände auffassen nnd demgemäß nach einer medizinischen Behandlung derselben suche» und denselben vielleicht sogar ans prophylaktischem�Wege zu begegne» sich bemühen. Ein Kapitel des de Fleury'schen Buches handelt von der„Medizin der Liebe". Dieser Gelehrte hält die Liebe für eine physiologische Erscheinung, welche, wen» sie die sentimentale Form annimmt, vollkommen pathologisch wird; eine solche Liebe, bei der jeder Ein- fluß der BeriilUlft verloren geht, ist zweifellos eine Erkrankung der menschlichen Natur. Man hat sogar früher schon die Liebeskrankheit auf bestimmte Theile des menschlichen Körpers z» beziehen gedacht, nämlich auf das System von Gehirn und Rückeinnark, auf die Haul- nervcn und auf die Schleimhäute. De Fleury fragt aber nach dem eigentlichen Wesen dieser gefährlichen psychischen Erkrankung nnd iveist dabei auf die verblüffende Aehnlichkeit derselben mit den Erscheinungen bei der Morphium- und der Alkoholsncht hin. tvas für die armen Verliebten nicht gerade sehr schmeichelhaft sein mag. De Fleury findet sogar bei den Morphiumsüchtigen und den bis zur Narrheit Verliebten eine vollkommene Identität der krankhaften Erscheinungen, nur der Ausgangspunkt beider Erkrankungen sei verschieden,"die Folgen seien dieselben. Die Liebe ist nach De Fleury eine Vergiftung(Intoxieation) mit demselben Rechte wie mau die Morphium-, die Aether- die Alkohol» oder die Opiumsucht als eine solche bezeichnet, nicht die Aufnahme eines stofflichen Giftes, aber die fortwährende Wirkung einer fixen Idee aus dieselben Theile des menschlichen Wesens, in denen sich sicher alles, was wir als Wille nnd Vernunft bezeichnen, abspielt. Bei jenen Krankheiten haben wir es urit einem chemischen Gifte, hier mit einem moralischen Gifte zu thun.das ist der einzige Unterschied. Auch der Grnndzug in dem Charakter der Er- krankung ist in den verglichenen Fällen derselbe, nämlich das heftige, uu- widerstehliche Bedürfniß nach demjenigen Gegenstande, von welchem die Vergiftung ausgeht, und eine Steigerung des Bedürfnisses nach dem- selben, ivenn es für kürzere oder längere Zeit entzogen oder das Verlangen danach gewaltsam unterdrückt ivird. De Fleury weist darauf hin, daß man auch andere rein geistige Erkrankungen mit körperlichen Erkrankungen vergleichen kann nnd daß zum Beispiel der Selbstmord in ähnlicher Weise epidemisch auftreten kann, wie etwa Cholera oder Typhus. Auch die Heil- mittel sind bei der Liebeskraukheit dieselben ivie bei jenen oben er- wähnten Krankheiteu, nämlich Jsolirung oder Entfernung. Ein- sperren oder Reisen. Nebrigeus giebt auch de Fleury zu. daß die Liebe unter diesen Krankheiten noch die mildeste und die am leich- teste» heilbare Vergiftung ist, für die meisten Menschen überdies weitaus die angenehmste.— Hmnoristisches. — Erinnerungen eines„Sitz"- Redakteurs. Ein Festgelage.(29. Juli 1896.) Nie war er so köstlich wie heute, Der Numfntsch. Er stellt sich dem„Besten" zur Seit«, Der Numsulsch! Bei so einer kräftigen Suppe Da ist alles Andere schnuppe; Ich sag' es mit gutem Gewissen, Es giebt keinen leckeren Bissen Als Rumfutsch! Nie war er so trefflich wie heute, Der Rumfutsch! Ich zapple des Mittags vor Freude Bei Rumfutsch! Er schmeckt mir wie Mandeln. Cibeben, Es kann nicht leicht besseres geben. Ich lasse mir's auch nicht verdrießen, Noch manchen Napf hier zu genießen Voll Rumfutsch! Und abends gab's„Heinrich" mein Lieber, Da gehl mir schon gar nichts darüber. An einem Tag, mir unvergessen, Gleich zwei solche Delikatessen! Hier kann ich mich pflegen und warten, Nach langen, beschwerlichen Fahrten. Drum felsenfest steht mein Vertrauen Ans Rumfutsch und Heinrich, den blauen. Roland. Vermischtes vom Tage. — In der G r e i f e n h a g e n e r Zeitung erläßt Einer folgendes Inserat:„Zur Beachtung! Fühle mich glücklich, daß die(folgt Namen) zu Kronheide die Verlobung aufgehoben hat. Denn eine verlobte Braut, welche mit anderen Herren iu liebevollem, briefliche» Verkehr steht und von solchen Geschenke eiitgegeniniumt, davor mag ich Jeden warnen. Denn so ein verliebtes Mädchen zu be- wachen, dazu gehören sieben Hunde und sieben Drachen und eine siebenmal sestiimimuierle Burg, und wenn sie dann will, geht sie doch nocki durch.— — In G r ü n b c r g(Schlesien) herrschen Diphtberitis und S ch a r l a ch f i e b e r. Neuerdings ist auch ein Fall von Typhus amtlich zur Kemitiiiß gebracht worden.— — Eine Milchfrau, die nach Breslau zu Markts fuhr, ist auf offener Landstraße ermordet und ausgeraubt worden.— — Liebenswürdig. In Mühlhauseu(Thüringen) wurde ein Zahnarzt zu 399 M. Geldstrafe vernrthetll. Er hatte eine Patientin geohrfcigt und beschimpft, nachdem es ihm zweimal miß- glückt war. der Dame Zähne zu ziehen.— — In dem aus Holz erbauten Kölner S o m m e r t h e a t e r brach am Soniitag früh an sechs Stellen Feuer aus. Die Feuer- wehr, die des Brandes bald Herr wurde, stellte Brandstistuiig fest.— — Gegen die Frau des Regiermigspräsideuteii in S i g m a» ringen ist von der Staatsauwallschasr das Strafverfahren ein- geleilet worden. Die Frau wird beschuldigt. anonyme Briese sehr bedenklichen Inhalts au Beamte, auch au ihren Mann, gesandt zu haben.— — Im N e ii s a tz c r Theater(Nugarn) stürzte am Sonn- abend Abend während der Voistellung ein Theil des Plafonds ein. Es entstand eine Panik, viele Personen wurden verletzt.— — Vom falschen Erzherzog. Der Haiidlmigskommis Behrend und Maria Hnsmann, die von London nach Lnttich ge- koininen waren, wurden von einem Bruder der Hnsinannn und einem Polizcikommissar in einem Hotel im Zentrum der Stadt aufgefunden. Behrend hatte sich unter dem Namen Eduard Hertel in das Fremdenbuch eingeschrieben. Beide erklärten, sie hätten sich in London nicht vcr» heirathet. Von den 19 999 Fr., die Maria Hnsman mitgenommen hatte, besaß Behrend noch 7999 Fr. Behrend wurde festgenommen; er wird wegen Führung eines falschen Namens verfolgt. Maria Hiismann trat in Begleitung ihres Bruders die Rückreise nach Essen an.— — Auf dem Brüsseler S ü d b a h n h o f ist vor einigen Tagen ei» Weichensteller, der III Hebel zu bedienen hatte, während des Dienstes irrsinnig geworden.— — Schisfsbrand. Die„Nowoje Wremja"(Pelersbnrg) meldet anö Ufa: Am 29. September 4 Uhr morgens brach in dem Maschinenraum des Pasfagierdmnpfers„Admiral Gervais" Feuer aus. der mit etwa zweihundert Passagieren an Bord, bei Ufa an- gelegt hatte. Das Feuer überraschte die Passagiere nnd die Schiffs» manvschast im Schlafe. Die Panik, welche entstand, wurde noch dadurch erhöht, daß das brennende Schiff vom Ufer entfernt wurde, um die in der Nahe liegenden Schiffe nicht in Brand zn sehen. Viele Personen relieten sich durch einen Sprung über Bord, mehrere versanken jedoch in den Wellen. Zwei Personen sind verbrannt, zahlreiche andere erlitten Arandwuiideii. Wieviel Menschen ins- gestimmt umgekommen sind, konnte noch nicht festgestellt werden.— — Stockholm, 26. September.„Stockholm's Dagblad" wird ans Philadelphia von gestern telegraphirt: Das Bnrkschiff „Salmia" traf hier ans Jvigtnt in Grönland mit Kryolth be- laden ein und machte die Mittheiiiing, daß die Eingeborenen in I v i g t ii t erzählen, drei Wochen nach dem Aussteigen Andree's sei daselbst ein Ballon in Höhe von 1999 Fuß gesehen und kurze Zeil beobachtet worden. Der Ballon verschwand in nordöstlicher lltichtnng.— — Ans der französischen Insel Martinique kam es zwischen K o l o n i a l- G e u d a r w e n und Polizei-Agenten zum Kaiupfe. Eine ganze Anzahl der Kämpsenden wurde schwer ver- letzt.— — Der neue Rieseudampfer des Norddeutschen Lloyd„Kaiser Wilhelm der Große" hat in 5 Tagen 223/4 Stunden die Ueberfahrt nach New-Dork gemacht. Das ist die s ch n e I l st e U e b e r s a h r t. welche bisher überhaupt ausgeführt worden ist. Ans den Tag enl- fallen im Durchschnitt 439 Knoten.— Verantwortlicher Redakteur: Sliignst Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.