Anterhallnngsblatt des"�nwörfs Nr.] 93. Mittwoch, den 29. September. 1897. (Nachdruck verboten.) 21] Vev Vsuevnfulivev. Roman von Franz Kahler. Der alte Dörfler mar ein eigenartiger Mensch. Um die sestzusammengekniffenen Lippen seines großen Mundes spielte, sobald er mit jemandem sprach, ein Lächeln, ans dem man nie klug wurde, ob man einen geriebenen Erzschelm oder einen gutmüthigen, biederen Kerl vor sich hatte. Er sprach wenig, aber mit dem Nachdrucke eines Propheten, wenn es sich um seinen Rath in Wetcer oder Krantheitsangelegenhciten handelte. Die ihm heimlich zugesteckten„Trinkgelder" der Ralhfragenden ließ er stels mit der größten Gelasienheit in seine Tasche gteilen. Und doch schien es, als ob seine listigen Augen manchmal sagten„Ihr dummen Leute, werdet doch nicht alle!" Bei alledem war Dörfler aber ein herzensguter Mensch. Von den armen Leuten nahm er nie einen Pfennig. In den Gemeindeversammlungen, wo er als Grundbesitzer stimmberechtigt war, trat er stets warm für ihre Interessen ein und verstand es, durch seine � verschmitzte, passive Opposition die Bauern und Teßmer manchmal zur Derziveiflung zu bringen. Er frug so lange, bis ihm seine Gegner keine Ant- worl mehr geben konnten und sie sich ganz offenkundig ins Unrecht gesetzt sahen. Dabei stellte er sich so harmlos und bescheiden, daß von einer Herausforderung eigentlich niemand reden konnte. Zeller's offene und Teßmer's heimliche Anfeindungen konnten ihn so wenig aus seiner Ruhe bringen wie Sturm- oder Hagelwetter, das ihn auf freiem Felde inmitten seiner Heerde überraschle. Stundenlang stand er bei Sonnenbrand oder Regenwetter ans eineni Flecke, die Heerde bewachend und dabei nicht ge- dankenmüssig. Er verfolgte mit Interesse die Umwälzungen, die sich in den letzten Jahrzehn en rings um ihn vollzogen hatten. Teßmer's Emporkomme» hatte ihn unzählige Male den Kopf schütteln lassen. Stück nm Stück der alten, guten Zeit war in Trümmer gegangen, seit dieser Mann seinen Einzug i» Hogwitz gehalten batic. Er sah ihn noch vor sich stehen, diesen armen Fabrikschreiber, der ehedem über ihm wohnte und ihm manchmal in den Stunden der Entmulhigniig sein Leid geklagt hatte. Was war ans dem ehedem gegen jeder- mann so höflichen Menschen geworden? Ein großer Herr, einer, der in der Hauptstadt mit den Vornehmen der Welt zu Tische saß und es hent für eine Entehrung angesehen hätte, wenn er nur durch ein Kopfnicken die unterwürfigen Grüße der kleinen Leute beailtworlete.-- Vier Monate nach der Wiesenauer Wahlversammlung, dreieinhalb Monate nach Teßmer's Wahl zum Reichstags- Abgeordneten und einen Tag nach dessen Ernennung zum Geheimen Kommerzienrath stand der alte Dörfler in Gedanken versunken auf dem riesigen Stoppelfelde, das an der einen Seite des„gestohlenen Weges" sich hinzog. Seine Blicke schweiften von der enisig grasenden Schajheerde bald hinüber zu dem weilen Rübenlande, auf dem eine Schaar von Männern, Frauen und Kindern mit dem Einernten beschäftigt war, bald hinauf zum grauen, einsörmigeu Seplemberhimmel, der die Ebene herbstlich überspannte. Der Besitzer dieser gewaltigen Landstrecken ringsum, der Herr jener Menschenmenge da drüben, auch sein Herr und der Besitzer seiner Heerde, der Dieb dieser langen Chausseestrccke, er war also Geheimer Kommerzienrath. Daß er ein reicher Mann geworden war, daß er von den abhängigen, armen Leuten in den Reichstag geschickt wurde, war dem alten Schäfer allenfalls verständlich; daß er aber oben- drein noch mit Titeln und Orden ausgezeichnet wurde, das wollte ihm doch nicht in den Sinn. Ja, wenn die in Berlin nur wüßten, was dieser Mann alles auf dem Gewissen habe, wieviel Flüche und Thränen an seinem Rcichlhume klebten; wie er sie von Haus und Hos getrieben die kleinen Bauern; wie glejchgiltig er dulde, daß Zeller seine Arbeiter schlechter als das Vieh behandele! Ja, wenn die wüßten, wie er alle betrogen und beschwindelt hatte, die Bauern, die kleinen Leute und die Gemeinde! Wer weiß, ob es dann nicht anders gekommen wäre. Aber freilich, wo kein Kläger, da ist auch kein Richter. Und wer würde es wagen, ihn anzuklagen, ihm nur mit schwachem Widerspruch entgegenzutreten? Ter konnte sein Bündel schnüren und froh sein, wenn damit die Rachsucht dieses Mannes gestillt war. Er hatte es ein paar Mal gewagt, und ivie unversöhnlich war der Haß, den er dafür geerntet hatte. Jahrelang hatte er um seine Existenz gezittert und als er es wenigstens so weit gebracht hatte, daß ihn Teßmer nicht uiehr ans seinem Heimathsdorfe treibe» konnte, dann hatte er gefühlt, wie jener Haß sich an seinen Kindern ausließ. Keines derselben durste auf Teßmer's Gütern beschäftigt werden. Es ging auch so! Sie waren fleißige und brave Kinder, die jeder Bauer gern in seine Dienste nahm. Sein Sohn Wilhelm hatte sogar die erste Tagclöhnerstelle beim Bauer Steinig, und auch die anderen hatten ihr gutes Brot.— Tann war der Auftritt in der Wahlversammlung gekommen. Teßmer war rasend vor Wuth gcwcien und halte dem Alten die bittersten Vorwürfe über das Verhalten seines Sohnes gemacht. Ten Kerl ivolle er noch dahin bringen, wohin er gehörte, hatte ihm Teßmer zugeschrien.„Hütet Euch vor dem Mensche»!" hatte er dem Vater ins Gesicht gebrüllt,„sonst gehl es Euch noch ebenso. Aus Eurem Hause muß der Kerl. sonst werde ich Euch alle noch zum Dorfe hinausbringen! Wenn ich Eure Quacksalberei zur Anzeige bringe, dann wehe Euch! Also noch einmal, aus dieser Gegend mit Eurem Subjekte von Sohn!" Der alte Dörfler hatte sich gewunden wie ein Aal.„Was kann ich dafür, gnädiger Herr? Ich habe dem Wilhelm seine losen Reden nicht gelehrt. Und aus dem Hanse kann ich ihn nicht jagen, denn er ist schon seit Wochen selbst gegangen und aus dem Torfe kann ich ihn erst recht nicht treiben, denn der Steinig hält ihn fest. Ich habe keine Wiacht über ihn, er ist sein eigener Herr und schcert sich den Teufel um meine Befehle." Teßmer mußte, wenn auch rasend vor Aerger, dem Alten recht geben.„Macht, daß Ihr fortkommt! Wir sprechen uns noch und nehmt Euch in acht!" Seitdem hatte Dörfler sich täglich auf sein« Entlastung gefaßt gemacht. Um Teßmer nicht noch mehr zu reizen, hatte er seinen Sohn gebeten, nicht allzu oft in sein HauS zu kommen. Denn Teßmer war alles zuzutrauen, und er. der alte Dörster, wollte auf sriue alten Tage nicht womöglich noch wegen Kurpfuscherei oder Betrug mit den Gerichten in Berührung kommen. Sein Sohn halte ihn ausgelacht. Vor leeren Drohungen habe er keine Angst, und der Teßmer solle es ja nicht zu weil treiben, sonst würde er noch ein kräftiges Wörtchen mit ihm reden schon wegen der Kathinka, seiner Braut! Da er in einigen Wochen Hochzeit halte, und der Steinig ihm schon eine Wohnung in seiner Arbeiterkaserne habe zurccht machen lassen, würde er vorläufig so wie so nicht all zu oft zu den Eltern kommen. Bater und Sohn waren mit einem herzlichen Händedruck auseinander gegangen.... Seit fast drei Monaten waren Wilhelm und Kathinka«in glückliches Paar. Alles schien glatt und fröhlich zu verlaufe»; selbst Teßmer mochte im Strudel seines neuen Lebens die ärgerliche Episode in der Wahlversammlung zu Wiesenau ver- gessen haben. Er war auch wenig daheim, und das ewige Einerlei des Erwerbes hatte längst jede Spur der politische» Aufregung ausgelöscht. Da hieß es plötzlich, daß die Untersuchung gegen den un- bekannten Mörder der jungen Magd, die man vor Jahren im Getrrideselde am„gestohlenen Wege" gesunden hatte, wieder ausgenommen worden sei. Es sollte» sich plötzlich neue Verdachtsmomente gesunden haben. Seit einigen Wochen fanden Vernehmungen aus dem Amte statt, die der Amts- Vorsteher Teßmer ganz gegen seine Gewohnheit selbst abhielt. Allerhand Gerüchte durchschwirrten die Lust. Die Leute wußten eigentlich alle nicht recht, was sie ausgesagt hatten. Teßmer hatte sie gefragt, meist so, daß er ihnen ein Ja oder Nein direkt auf die Zunge legte; der Amtssckretär hatte ihnen feierlich das Protokoll vorgelesen, und dicht unter die drei Buchstaben„V. g. u." hatte jeder, so gut er konnte, seinen Namen oder drei Kreuze gemalt. Auch der alte Dörfler war vernommen worden, und Teßmer hatte ihm ein paar Mal Fragen vorgelegt, dag es dem Alten eiskalt nbcr den Rücken gelaufen mar. Das schien ja bei- nahe, als ob man ihn im Verdacht habe, das arme, unglück- liche Geschöpf, das man in der Nähe seines Häuschens gesunden hatte, ermordet zu haben! Dann war es auf einmal todtcnstill über die ganze An- gelcgenhcit geworden. Wie es hieß, waren sämmttiche Aus- sagen nach Magdeburg an das Gericht geschickt worden, und man glaubte schließlich, die Sache sei nun endgiltig ab- gcthan.-- An all dies dachte der alte Schäfer, während er regungslos nach dem trüben Horizont jenseits der Stoppelfelder starrte. Die Schafe drängten sich«in ihn, mit emsigem, gleichförmigem Geräusch ihre kärgliche Nahrmig suchend. Von Zeit zu Zeil erhob sich hier und da ein lautes, vereinzeltes Blöken, dem gleich in allen Tonarten eine dutzendfachc Antivort folgte. Die beiden Hunde jagten unausgesetzt um die Herde, die ver- cinzclt und abgesondert stehenden Thiere mit lautem Gebell zum Haufen treibend und dabei meist ganze Schaaren der gcängstigten Thiere in ein siuchtähnlichcs Gedränge versetzend. Dann setzten sie sich lechzend zu den Füßen Dörfler's, ihn mit klugen Augen anblickend und sehnsüchtig Lob oder Tadel oder neue Befehle erwartend. Der Alle schien jedoch heute keinen Blick für sie übrig zu haben; unausgesetzt schaute er in die Weite. Auf einmal zuckte Dörfler zusammen. Seit einer Weile hatte eine Gestalt, die von Hogwitz her den„gestohlenen Weg" entlaug kam, seine Aufmerksamkeit erregt. Es war eine Frau. Sie näherte sich ihm lausend. Wie es schien, winkte sie ihm zu. Ja, ganz recht, sie winkte ihm! Wie, war dies nicht seine Frau? Gewiß, jetzt erkannte er sie; deutlich unter- schied er ihre Armbeioegungen und vernahm ihre Stimme, während sie eilends näher kam. Dörfler ging ihr rasch cnt- gegen, gefolgt von der blökenden Heerde und den bellenden Hunden, die die scheuen Thiere nach allen Richtungen durch- einanderjagten.(Fortsetzung folgt.) tNdchdriick verboten.) Dcv Mohlklzäkcv dev ZNcnsichlzvik. Von Georg Hermann. l. Eine einsame, ärmliche Krankenstube; ans schmutzigen, zerwühlte» Kissen liegt ein todeskranker Mann. Vor dem Bell Netzen auf dein einen Stuhl Mediziuflafcheu. Auf dem andere» sitzt seine Frau und liest ihm scheinbar ruhig aus einem Buche vor. Ihre rothgeiveinteu Augen irren über das Papier, auf dem die Buchstaben ihr zu tanzen scheinen, hin und wieder husche» ihre Blicke auch zu dem Krauken hinüber. Er darf ja nicht merken, daß sie ihn beobachte», denn er hat es nicht gern. Der Kranke hat den Kopf zurückgebengt, so daß der gewaltige rothe Vollbart eniporftarrt. Die Wangen imd Schläfen sind entsetzlich eingefallen, die Nase schon imheimtich spitz. Die Augen flackern, wie Irrlichter, manchmal bell aus, manchmal scheint der Glanz in ihnen fast zu verlöschen. Der Athei» klingt röchelnd und metallisch, als ob man in weiter Ferne Blechgeschirr klappern hört. Es klingelt.— Ein eingeschriebener Brief!— „Ah, mein Gehalt!— Gott sei Dank!— Ich wußte, Frau, es würde zur rechten Zeit komme»."— Der Kranke richtet sich mühsam empor und erbricht hastig den Umschlag. „Herrn Schulz theil« hierdurch. ergebeuft mit, daß es mir ausrichlig leid ihnen würde. wenn Sie Ihre Thätigkeit nicht voll und ganz wieder aufnehmen könnten, daß ich Ihnen aber in diesem Falle, ivie Sie doch ivohl selbst einsehen werden, nur das halbe Gehalt zahlen kann. Hochachtungsvoll." Er sank zurück und weinte, schlnchzte wie ei» Kind. Siebzehn Jahre. in demselben Geschäft als Barchentznschncider gearbeitet, um einen Hnndelohn, mit Lust und Liebe gearbeitet, um hundert Mark monatlich. Sei» Leben rninirt. durch die vornüber- gebeugte Hallimg, durch das sortgesetzte Stanbschlncken: seine Gesnud- heit in den öden, duiiipsigeii Nämnen gelassen, und jetzt, da maii abgenutzt, abgebraucht, wie ein aller, ausgetretener Schuh auf die Siraße geworfen.— Ah!—— „Frau, morgen gehe ich wieder ins Geschäft."— „Richard, bleib doch nur zu Hans, ich iverde hingehen und ihn bitten."— „Das ivirft Dil nicht thun, Frau!„Von Lumpen nehme ich keine Geschenke an!! Vo»--" Ein Hnsteiiaiifall verhinderte ihn am Weitersprechen. Am nächsten Tage mar er im Geschäft. In einer Woche war seine Beerdigung.— IL Die ganze, kleine Stadt ist festlich illuminirt. Der Herr Bürgermeister giebt ei» Diner, sämintliche Honoratioren des Ortes sind versammelt, uin einen Gast zu ehren, einen reichen Kaufherrn a»Z einer großen Fabrikstadt. Für ihn giebt man das Fest, denn er ist der Wohlthäier des Ortes, der Wohlthäter der Menschheit. Kanin haben die Lohndiener mit den Trinkgeldgesichtern die Suppe aufgetragen, als sich der dicke Herr Bürgermeister laiigsam erbebt, seine wichtigste Amtsmiene aufsetzt und eine wohl auswendig gelernte 3iede vom Stapel läßt. „Meine verehrten Anwesenden! Eine» herrlicben Tag begrüßen wir heute, einen Tag. der den Bürgern unseres Ortes ewig uiivergeßlich bleiben wird. Wir haben heute die Ehre und das Vergnügen, einen geliebten Mitbürger, ein Kind unserer Stadt wieder»nter uns zu sehen, zu beivillkornniiien. Einen Man», der in dem Getümmel der großen Welt seine kleine Heimalhstadt noch nicht vergessen hat. der treu an ihr»nd ihren Bürgern hängt. Eine» Mann von edler und herrlicher Gesinnung. geachtet vo» allen wegen seiner Klugheit, geliebt vo» allen wegen der Güte seines Herzens. Eine erhabene Gestalt, wohl werlh, jenen des klassische» Alterthmns an die Seite gestellt zu werden. Und doch ei» Mann vo» echter deutscher Schlichtheit und Bescheidenheit. Seht nur, wie still und bescheiden er dort sitzt, als ob alle diese Worte nicht ihn, sondern einen andere» beträfen. Und dennoch ist er es, den wir heille hier sestlich begrüßen, er. der den armen Waisen dieser Stadt wie ein liebevoller Vater ein Heiin ge- schenkt hat. Meine Herren! Erbeben Sie mit mir das Glas, der Wohl- lhäter dieser Stadt, der Wohlthäter der Menschheit, er lebe hoch! hoch!! und noch einmal hoch!!!— Hanskapell« Tusch!!!!" Die GctfcrvovPfcllmrjg. Von Augu st S t r i» d b e r g. Seine Majestät hatte sich bei einer im übrigen wohlgeknngenen Eisenbahn-Einweihnug einen böse» Magenkatarrh zugezogen, wes- halb dieselbe eine Briliinenkilr gebranche» mußte, die denn auch die glückliche Wirkung halte, daß die Krankheit gehoben ivnrde. Ein Lichtzieher, der Stadlverordiictcr war, nahm seine fülis Schwäger mit, nnd man beschloß, daß das schivedische Volk die Hanplstadl des Zieichcs illiiniiniren sollte. Der erste Hofinarschall schickte eine Ordre an das Nationallhealer, daß es durch eine iialienische Oper der das schivedische Volk erfüllende» Freude über die Wiederherstellung Seiner Majestät Ansdriick verleihe» sollte. Da sich zufällig ein paar deuische Sänger in der Haiiptstadl aiishielte», begegnete sein Befehl keinen Schwierigkeiten. Eine Galavorftelliiiig besteht eigentlich darin, daß man eine alte Oper anffnhrt, die Armleuchter an den Logenbrüstnnge» aiiziiiidel»»d ein Versslück vordeklamirl. Da keine Oper ans dem fliepertoirc war, die einige Beziehung auf einen Magenkatarrh Halle, entschloß man sich sür„Don Juan". Das Versstäck wurde vom Hofinarschall gleichzeitig mir den Ersrischiiugen bei den Hoflieferante» bestellt und pünktlich geliefert. Das schivedische Volk steht natürlich Mann hinter Mann vor den, Billetschalter, aber wenn derselbe eröffnet wird, sind dereiis alle Billets ausverkanft. Am Abend ist dann das schivedische Volk im Theater ver- sammelt. In der ersten flleihe des Parquells steht die Blniiie der Nation: niedrige Stirnen, Hobe Hemdkragen, seine Fracks. Sie haben eine eigene Art auf den Orchesterschranken zu sitze», so daß es aiissieht, als wen» sie stehe». Seltsame Blniiien! Weiter hinten im Parkelt Statisten und Choristen; nnd ans dem Amphitheater sitzt das schivedische Weib, ausgeschnilten»nd mit dein Stranßensächer verdeckend, was nur bestimmt ist, in Vogel- Perspektive von de» Hinteren Reihen gesehen zu werden. Ii» erste» Range das Clorps diplomatique, eine biiiite Ver- sanimliing ans den gebildeien europäischen Staate», die darüber ivache» soll, daß das kriegerische schivedische Volk keine Unvorsichtig- keiieii begeht. Im ziveite» Range Statisten und Chorisie», un dritten fltangc Choristen»nd Statisten, im vierten Range die Hos- diencrschaft und im fünften— ja, das weiß niemand. Es ist eine strahlende Versannnliing, nnd man kann stolz ans ein solches Volk sei». So sollte die Nation immer repräseiitirt werde»! Indessen wird die schivedische Nationalhymne gesungen(das Corps diplomatique nimmt nicht am Gesänge theil), nnd dann tritt der Liebling des Publikunis vom Nationalthenter oder auch der königliche Nationallheater-Jntendant auf der Bühne hervor. Er (der Verfasser»Zmlich) beginnt natürlich mit der gewöhnlichen Er- klärnng, daß er nicht gelernt habe, zu schineicheln, aber daß er doch seine Sache so gut machen wolle, wie er köiiiie. Dann trägt er einen Grnß vom schwedischen Volke vor, das er bei einem Mittag auf Haffelbacken") kennen gelernt, und erzählt. daß er es. sehr glücklid, und zufrieden fand»nd daß es ihn bat, dem König zu melde», daß es immerdar treu und ergeben sein werde. Dann steigt er in seine eigenen Tiefen hinab, kehrt allniälig wieder zum 5kö»!gshause zurück, vermeidet es geivandt, den»»poetischen Nanie» der Krankheit zu nennen, und verneigt sich schließlich ini Namen des schwedischen Volkes. Der Vorhang geht für„Don Juan" ans. Die deutschen Sänger singe» aus Leibeskräften,»»» der Freude des schwedischen Volkes über die wieder hergestellte Gesundheit Seiner Majestät Ausdruck zu verleihe».> i *) Ein Restaurant, so„fein" wie Dreffel. Was am nächsien Tage im„Siaals-Anzeiger" steht? Neb, wir brauchen nicht z» wiederholen, was so oft wiederHoll worden; aber — daß es die Herzeiisineinung des schwedischen Aolkes ist, daran kann niemand zweifeln!— (Stockholmer„Socialdemoeraten"). Vleines Ilemllekcm. — Tclcgraphie durch den Weltenraum. Der„Franks. Ztg." wird berichtet: Eine der Haupt-- Sehenswürdigleiten der nächsten Pariser Weltaus st eil ung wird bekaunllich das Riesen- Teleskop sein, durch das inan„den Mond ans die Entfernung von einem Meter" zu sehe» bekommen soll. Das heißt, es soll ungefähr so sein, wie wenn ein Photograph den Mond in der Eni- fernung von einem Meter aufgenommen hat und nunmehr die Photographien davon zeigt. Das wird gewiß interessant werden. Vielleicht wird dann ein glücklicher Znsall es sügcn, daß man sehen kann, wie die Mondbewohner, wenn es solche giebt, spazieren gehen. Da kann es nicht mehr lange dauern, und man wird»lil ihnen auch reden können. Phantasie, Unsinn, werden inanche Leute sagen. Keines- wegs, erwidern die Astronomen, und zum Beweise veröffentlicht der bekannte Pariser Astronom Canülle F l a in m a r i o n im„Lullötin 6« In SSociete astronomique de France" ein Memorandui», das der gelehrte Physiker Charles Cros schon im Jahre 1869 ans- gearbeitet und in dem er kühl und ernsthaft die Mittel einer Ver- ständigung mit den Planeten erörtert und darlegt. Wenn man wie Cros die ivissenschastliche Grundlage für die Phonographie und für die Photographie i» Farben geliefert hat, so dars man schon auf Gehör rechnen, ivenn mau von den Mitteln redet, init denen man sich von der Erde»ach dem Mars und der Venns verständlich inachc» kann. Als Versländigungsmillel empfiehlt Cros— wie wir einem Aussatz Max de Nausonly's im„Teinps" entnehmen— den Austausch wiederholter und regelmäßiger Lichlsignale; so verfahren auch die irdischen Telcgraphisten, wenn sie die Anfinerk- samkcit ihrer Kollegen erregen wolle». Es sind, nach dein Beispiel des Morse'schen Tlklnk, Lichtblitze, die mit Negelmäßigkeit ivieder- holt werde». Sie erregen Ausmerkfamkeit, man beantwortet sie, und schließlich verständigt man sich. Herr Cros dachte sich die Sache so, daß man starke elektrische Strahlen benutze» und die Weltalls- Telegraphisten— eine bis jetzt unbekannte Prosession— in hohen Breiten infialliren müsse. Er hat sich sogar schon ein Alphabet ausgedacht, nämlich ei» System von Lichlblitzen, einfache. doppelte. dreifache, verschiedenartig zusannnengcsetztc Lichtblitzc; ma» würde sich anch Ziffern znsenden und schließlich Zahle». Biel- leicht wird aus diese Weise die Erde den Mond lesen lehren. Oder werden die ersten Leselcktioncn vom Monde komme»? Darüber läßt sich»älürlich noch nichts sagen. Aber wenn man einmal dazu gekommen ist, Lichtsignale aliszntanschen, wird es leicht sei», weitere Experimente auf der Erdoberfläche anzustellen. Man würde zwei solcher Lichtlelegraphisten, die einander gar nicht kennen und nichts von einander wisse», a» zwei verschiedenen Punkten der Erde installiren und ihnen sagen:„So, jetzt verständigt Eiich!" Sie würden, ohne Ziveisel, wenn anch niit einiger Mühe, dazu gelangen. Wenn also z. B. ein Franzose und ein Chinese, zwischen denen niemals eine Beziehung bestanden hat, ans eine Entfernung von hundert Kilometern zn einer Verständigung kommen werde», so ist kein Grund vorhanden, anznnehnie», daß sie zuletzt nicht anch mit einem Mondbewohner, wenn es solche giebt, oder mit Vcnusleulcn, wen» es solche giebt, werden sprechen könne». Aber angenommen, dies gelinge, wozu soll es dieneii? So werden die Skeptiker fragen. Herr Cros antwortet: Zunächst könnten nnsere himmlischen Nachbarn in der Physik, in der Mechanik und in der Wissenschast des Lebens i» alle» Formen Aufschlüsse geben, die sehr werlbvoll wäre». Sodann wäre es gewiß höchst inleressanl, mit unser» Korreipondenten im Weltall eine Art Briefwechsel anzu- lnüpfcn und über ihr Leben und Treiben, Denken und Trachten allerlei zn erfahre». Man würde sich nicht mehr so allein fühle» iin Weltraum und wenn man hier eine hübsche Erfindung oder Ent- deckung gemacht hätte,' könnte man vergnügt die Hände reiben und sagen:„Werden die ans dem Monde aber einmal Augen machen, ivenn sie das erfahren!" Das wurde ivenigslens unsere Erfinder schadlos halten ftir den Mangel an Anfmerlsamkcit, mit dein man sie zuweilen ans unserer allen Erde behandelt, Ivo man sich Über gar Nichts mehr wundert.— Literarisches. ,— Von Georg Hermann, dem Verfasser des Romans „Spielkinder", ist bei F. Fontane u. Ko.(Verlin) unter dem Titel „Modelle" ein Skizzenbuch erschiene». Es sind Angenblicksbilder meist, die da durch ein paar Federstriche sestgehallen sind. Mit hellen Augen sind sie gesehe», mit Geschmack und technischem Können sind sie gestaltet. Ein eigenes Gesicht zeigt der Autor noch nicht. Aber er ist noch jung, noch nicht verdorben durch eine„Schule" öder Manier. Als � Probe bringen wir an anderer Stelle des „Unterhaltuugsblattes" ein Stück aus der Sammlung:„Der Wohl- thäter der Menschheit."— Das Buch kostet 1 M.— ; Musik. >—er—. Opernhaus. W a g N e r's„Nibelungen- r in g." Vorspiel:„Das R h e i n g o l d." Wie sich im„Rhein- gold" die Grundzüge des gesammten Wagner'schen Nibelungen- Dramas finden, so enthält es auch die bedeutendsten musikalischen Motive, die hier in plastischer Form hervortreten und in den folgenden Tkeilen der tragischen Handlung immer wieder, wenn auch fortgebildet und manigfach modiilirt, erscheinen und den Wider- streit der typischen Mächte und Leidenschaften charaklerisiren. Die heitere Anmuth des dreistimmigen Rheiniöchtergesanges, das aus- strebende glänzende Fanfarenmotiv des lliheiugolds, der jubelnde Gesang, womit die drei Nixen das im Sonnenstrahl erglühende Gold begrüßen, das Ringmotiv, da die Rheintochter dem Nibe- lungen itllberich die Weltherrschast des Ringbesitzers verrätst, das Motiv der Liebes-Enlsagung, das majestätische Walhallmotiä, die Motive der holden Liebes- und Lichlgöttin Freia, der wuchtig plumpen Riesen, der die„Götterdämmerung" geheimnißvoll an- kündigenden Mahnung, des in dämonischer Chromatik auf- und nicdertauchenden Fenergotles Loge und des wie aufzuckende Flamm- che» wirkenden Fcnerzaubers, der Schmiede-Arbeit der Nibelungen und des Tarnhelms, des schwerfällig kriechenden Lindwurms, de8 FlncheS Alberich's, Erda'S und lrer Noruen, des Gewitterzaubers milk des Negenbogens, des mit der Rheingold-Fanfare im Klange sehr verwandte» göttlichen Schwertes— alle diese prägnant charakteristische» Motive, um nur die hauptsächlichste» zu nenne», treten im„Rheingold" hervor und beherrsche» so das ganze Mnsikdrama. Es bleibe hier«»erörtert, ob dieser scheinbare Rcichthum für alle diejenige», welche» als Ursprung und wesentlichste Bedingung aller Musik die Melodie gilt, eigentlich Armulh der Ideen mit Recht bedeuten könne; es bleibe die Frage unbesprochen, ob die prachtvollsten iustrumentalen 5tüiiste das aus- zudrücken und zu ersetzen vermögen, waS nur dem herrlichsten unserer physischen Natur, der menschlichen Stimme als Quelle der Melodie, zu sagen gelingen kann. Die Zeit wird aus diesem unermeßliche» Meere subjektiver Musik erhalten, was künstlerisch echt und wahr ist, alles übrige wird, erschöpft durch und in sich selbst, der Vergessenheit entgegen eilen. Stets jedoch bedarf diese in ihrem prophetische» Tone etwas wcllsrenide Musik zur lebendigen Wirksamkeit einer begeisterte» Ausführung; und wir ge- stehen, diese ist ihr schon beim Beginne der Tetralogie diesmal seitens des Künstlerpersonals der königliche» Oper zu theil geworden. Vor alleui steigerte das Orchester unter Führung Weingartner'S alle Ansorderungcn an sich selbst und übertraf sie als vielköpfiger, einziger Kimstler. Der Loge V o g l' s ist durch die musterhaste Deutlichkeit des Wortes, die reiche Beredsamkeit seiner mimischen und Geberdenausdrucksniittel und die unantastbare musikalische Makellosigkeit eine Leistung persönlichsten Gepräges. Herr van Rooy besitzt für den Wota» die wuchtige Majestät der Erscheinung, eine in der Mitlellnge und Höhe frei und mächtig ausströmende Barritonstinune, welche vorläufig zuweilen nach den Wirkungen afseklirten Schöusiugens strebt. Seine Deklamation wird von be- deutender Intelligenz belebt und von manchmal mächtig hervor- brechender Empfindung beseelt. Des Künstlers Namen wird bald internationale» Klang haben. Der Alberich des Herr» Friedrichs ist eine fasciiiirende schauspielerische Darbietung, die an dämonischer Kühnheit bis über die Grenzen des Schönen und Charakteristische» hinausgeht. Gesanglich jedoch bleibt der Künstler, zugleich ein Muster der Bayreuther Singstilbildung, hinter den An- forderungen der Rolle des düsteren Nibelungen zurück. Für den Fluch, den Höhepunkt des Abends, brachte er nur mehr die Heiserkeit erschöpfter Stimmbänder auf. Mit edlem Tone, dessen Weichheit das Tremolo droht, sang Fran Hein! die geheimnißvolle Warnung der Erda. De» genannten Gästen, welche ihre Partien auch in den heurigen Bayrenlher Festspielen dar- stellten, gesellten sich mit vollem künstlerische» Verdienst die An- gehörigen unseres Opernpersonals: die Damen Goetze(Fricka), H i e d l e r(Freia), Herzog, Rothaus er und D e p p e(Rhein- töchler), die Herreu B a ch m a n n(Donner), Philipp(Froh), L i e b a u(Mime), K r a s a und M ö d l i n g e r(Fasolt und Fafner). Der Beifall am Schlüsse des Vorspiels, das sich ohne Unterbrechung abspielt, war ehrlich und verdient.— Kunstgewerbe. — Preisausschreiben. Die Redaktion der neugegründeten „Dekorativen Kunst" in München veranstaltet ein Preis- ausschreiben für den Entwurf zu einer transportablen elektrische» Tischlampe und setzt drei Preise in der Höhe von 100 M., ö0 M. und 25 M. fest. Die Arbeiten sind bis I. No- vember in korrekten Zeichnungen an die genannte Redaktion in München, Kaulbachstr. 22, einzureichen. Die näheren Bedingungen der Preisvertheilung sind aus dem erste» Hest der„Dekorativen Kunst" ersichtlich.— Geschichtliches. — Zur Charakteri st ik Metternich' s. Am 2. April 1343 schreibt Justinus Kerner(siehe dessen eben erschienenen Briefwechsel mit seine» Freunden) an Sophie Schwöb:... Den M e t t e r n i ck(den Stnatskanzler) nahm ich in meinen Thurm auf, in dem Gras Helfenstein vor seiner Hinrichtung durch die Bauern gefangen saß. Das ist ihm ominös; es ist ihm unheimlich und mir sein ganzes Wesen unheimlich, besonders sein unverschämtes LiberallhU». Er behauptet: Nur fei» Wunsch, daß Deutsch- land eine Republik werde, den er immerdar gehegt, habe ihn zn dem illiberalen System gebracht; nur so habe sich Deutschland so mächtig und kraftvoll erheben können. Das sei sein Werk und von ihm geflissentlich so durchgeführt. Er ruhte nicht, bis ich auf meinen Thurm eine rolhe Fahne steckte. Er versprach mir ein Slüch� faß vom besten Johannisberger, aber bis sein Schreiben nach Jo- hannisberg kam, war der Keller schon durch die Nassauer in Be- schlag genommen. So muß ich mich überall nur mit Gnaden- bezengnngen begnügen, die nie in Erfüllung gehen. Das ist das Laos der Dichter, wie es schon Schiller besang. Notabene. Metlernich spielt die Geige sehr gut. Es ist noch eine alte von Nieinbsch(Nik. Lena») im Thurm. Auf dieser spielt e>: immer die Marseillaise und pfeift dazu konvulsivisch im Monden- schein.— Physiologisches. K. Hunger» und Durstzentren i m G e h i r n. Durch die Uulersuchunge» der Professoren Frilsch, Hitze und H Münk hat die Wissenschaft gelernt, bestimmte Theile des Gehirnes als „Centren" bestimmler Lebenssnnktionen anzusprechen. Wir wissen, daß das Sprachvermögen, das Sehvermögen u. s. w. a» bestimmte Gchirnpartien gebunden ist und daß m>l Zerstörung dieser Partien zugleich die daran gebundene Lebensfunktion aushört. Diese Wissen- schafl hat gar bald für die praktische Medizin reiche Früchte ge- tragen, indem sie in allererster Linie der Gehirnchirurgie erst die Basis für ein ziclbewuhles Operire» geliefert hat. Im„Clinioal Society of London' bespricht jetzt Dr. Stephan Paget eine Anzahl von Gehirnverletzunge» und Gehirn- erkranknngen. Bei 8 von de» beobachteten Patienten trat plötzlich ein furchtbarer Heißhunger ans, bei drei Kranke» stellte sich neben dem Heißhunger auch ein äußerst heftiger Durst«in und bei drei andere» Palienten trat nnr ein iiustillonrer Durst auf. Es handelte sich theils nm Schädelbrüche, theils um Gehirnabzeffe. Dr. Paget folgert aus diesen Fällen den Beweis für das Vorhandensein von besondere» Hunger-»nd Durstzentren im Gehirn, und da in drei von den beobachteten Fälle» zugleich schwerere Störungen des Sprech- Vermögens auftrale», folgert Dr. Paget weiter, daß die Hunger- n»d Dnrstzentrcn in der Nähe der Spiachzentren liegen. Da Übrigens keiner der beobachtete» Fälle tödtlich verlief, können»ach Paget's Meinung die Hunger-»nd Dnrstzcnlren nicht in unmittelbarer Nähe von lebenswichtigen Zenlren gelegen sein.— Aus dem Thierreiche. — Im Zoologischen Garten ist vor wenigen Tagen ein Thier eingetroffen, welches in wiffenschaftliche» Kreisen das giößlc Interesse erregt. Es ist«in Pavian, der aus den Gebieten stammt, welche am Nordostrand des Tanganyika Sees in Oitasrika liegen und der in Udjiji, ans der deutschen Station, gefangen wurde. Dieser Pavian ist der echte Langhelds Pavian,?apio La.nßcheldi Mtsch., der sich durch seine tiefgefurchten Wangen, die dunkle Färbung und den lange» Sch'vanz auf de» ersten Blick von dem gleichfalls im Garte» befindlichen grauen Kästen Pavian von Dentsch-Ostafrika, Papio Toth unterscheidet. Die Pavian-Sammlung des Berliner Gartens enthält augenblicklich außer diesen zivei Arten noch fünf verschiedene Typen.— Meteorologisches. is. Eine Bestimmung von Wolkenhöhen mit elektrischen Scheinwerfer» hat der ainerikanische Meteoro- löge Clcvelaud Abbe schon vor einigen Jahre» vorgeschlagen. besonders für die auf andere Weise schlecht bestimmbaren Schichtwolken(Stratils- Wolken oder auch sogenannte.ge- hoben« Nebel'). Er wollte eine» elektrischen Scheinwerser derart aufstellen, daß seine Strahlen senkrecht auf die Höhe geworfen wurden, dann sollte von einem andere» in nicht zu weiter Entfernung gelegenen Punkte ans der Winkel gemessen werden zwischen der Honzouialeu und dem ans der Wolke er- scheinenden Reflex des elektrischen Lichtes, dann iväre die Höhe der Wolke durch einfache Rechnung zu bestimmen. Erst jetzt ist die Lichtstärke der elektrische» Scheinwerfer durch die neueste Entwickelung der Elektrotechnik derart gesteigert, daß Abbe an die Ausführung seines Plaues denken kann. In erster Linie werden Versuche»> Häfen an der Sceknste vorgeschlagen, wo man ein Interesse daran hat, sich des Vorhandenseins und der Entwickelung von tiesliegenden Nebeln zn vergewisser»; durch das neue Berfakren wird dies mittels des Scheinwerfers unbedingt möglich sein. Abbe selbst machte eine» Versuch mit einem elektrischen Scheinwerfer ans dem Monnt Low unweit des Ortes Los Angelos in Kaliformien, welcher ei» ebenso interessantes wie schönes Schauspiel geboten haben muß. Wenn der Lichtkegel die Wolken traf, so wurden diese alsbald leuchtend, so daß man jede Einzelheit ihrer Gestaltung und Be- wegung erkennen konnte. Fiel der Schein ans niederfallenden Regen, so schien der ganze Strahlcnkegel zu erglühen, als ob er aus ge- schmölze»«» Metall bestünde. Abbe erivartet von derartigen Experimenten besonders interessante Erfolge für die Meteorologie, indem die Bildung und Bewegung der Nebel und Wolken zur Nacht- zeit mit dem elektrischen Scheinwerser genau untersucht und die Höhe, in der die erste Bildung des Nebels vor sich geht, und die Art seiner allmäligen Ausdehnung nach oben und nach unten be- stimmt iv erden kann.— Bergbau. — Onyxlager in Kentucky. Die„New-Aorker Handelszeitung' berichtet: Bis jetzt kannte man hier zn Lande nnr in �-— Verantwortlicher Redakteur: August Jarobry in Si Arizona, Arkansas und Virginien Onyxlager von nennenswerther Bedeutung. In Arizona, wo man die reichsten Lager fand, liegen diese ziemlich weit von der Eisenbahn weg, wodurch die Zufuhr des werthvollen Steins bedeutend kostspieliger wird. Die Nachbar- Republick Mexiko besaß früher wundervolle Onyxbelten, die jedoch feit fünf Jahren fast ganz erschöpft sind, und die verhältnißmäßtg kleine Menge Onyx, die aus Mexiko ausgeführt wird, erfährt durch Zollgebühren hohe Verlbeueruug. Unter solchen Umständen erscheint die Entdeckung großer Ouyxlager im Staate Kentucky ganz besonders wichtig. Diese Lager sollen sogar die reichsten ihrer Art sein, die je bekannt waren.— Htlmonstisches. — Der große Man». Vor einer halben Stunde halte das Dienstmädchen dem hervorragenden Chemiker und ordentliche» Professor Dr. v. Gschaftlhuber den Kaffee gebracht. Nun erhob er sich sinnreich lächelnd, um selbigen zu genießen. Aber halt— da fehlt die Zuckerbuchse! Hatte nun seine Gattin das braune Labsal schon gleich gezuckert? Oder lag ei» Versehen des Dienstmädchens vor? Prof. Dr. v. Gschaftlhuber dachte angestrengt nach, ohne zu einem Resuliat zu kommen. Doch ivard dadurch seine geistige Kraft nicht gebrochen. Jus Unvermeidliche mit stoischer Gelassenheit sich fügend. eiitnahm er der Tasse ruhevoll zivei kleine Proben, füllte sie in Reagenzgläsche» und durchivrschte sie nach den Regeln der Wissen- schasl. Räch LS Minuten stand seit, daß weder nach Trommer. noch »ach Rylander ein Anhalt für das Vorhandensein von Zucker zn gewinnen war. Da freute sich der grobe Gelehrte herzlich und aufrichtig. daß durch die Forlschritte der Wissenschaft so komplizirte Fragen in verbällnißmäßig kurzer Zeit zu lösen sind, und ließ sich seine Freude durch den kalten »ngeznckerte» Kaffee nicht verbiller».— — Das Lieblingsgespräch der Fürstinnen. Fürstin(zn zivei anderen, die mit ihr am Kaffeeiisch sitze»): „Nein, init den Dienstboie» heutzutage ist es rein nicht mehr zum aushalten, elf Minister haben wir in diesem Jahre schon sorijagen müssen!"(„Simplicissinnis.") Vermischtes vom Tage. — Nach dem Bericht eines Wiener Blattes hat sich der deutsche Kaiser zn Ludwig Bariiay geäußert, er habe die Absicht, das Wiesbadener Hoflheater zu einer Art s ch a n s p i e l e- tische m Bayreuth zn macheu, wo alljährlich eine Reihe Mustervorstelliingen klassischer und patriotischer Schauspiele„mnster- giltig" z» geben sei.— — In Cleve steckte ein Hotelbesitzer sein Haus an und erhängte sich sodann. Der Brand wurde bald gelöjchi.— — In Mainz stürzte ein M e tz g e r b u r s ch e bei dem Herausheben eines Schweines in den mit kochendem Wasser gefüllten Kessel. Er ivurde so furchtbar verbrüht, daß ihm oas Fleisch in Fetzen vom Körper abfiel.— —„Feine Abgötterei ist. wenn Einer Stadt- r a t h iv e r d« n will', sagte unlängst eine Schülerin in Kaiserslautern, als man sie auf die Probe stellie. ob sie den Unterschied zwischen grober und seiner Abgöllerci weg habe.— — Vom Z e i t un g s st e m p e l. Jm� Jahre t 895 haben in Wien 113 Zeitungen 1029 083 Gulden an vtempelgebühren zahlen müssen.— — In Di a d s ch i n bei Kantzen(Oesterreich) hat«in Forstadjunkt eine Wirlhstochter, weil sie ihm einen Kuß ve weigerte, von rückwärts erschossen.— — Bei der B ud ape st er F e st l i ch k e i t soll eZ sehr stark ge— rochen haben. Es war das Naphtalin, mit welchem die magyarischen pelzverbrämten Prnnkkleider eingestäubt waren.— — In der Zuckerfabrik von B o t s a l n(Siebenbürgen) ist eine Kefselexplos ion erfolgt, wobei 16 Personen getödtet und zahl- reiche andere verletzt wurden.— — Von der Pariser I u l i s ä u l e stürzte sich am Sonnabend eine dreißig Jahre alle Frau herab. Sie war aus der Stelle tobt.— — Belgische Blätter berichten, daß die vor einiger Zeit in den großen Waldungen und Haiden der Provinz Lültich an der preußischen Grenze angesetzten, aus ihrer englischen Heimalh ein- geführten r o t h e n Birkhühner sich rasch vermehrt haben und mit Erfolg auf der Höhe des Hokay, sowohl ans preußischem wie auf belgischem Gebiete, gejagt iverden.— — In M a i d o t o n e(Kent, England) herrscht der Typhus infolge einer Verunreinigung des Wassers durch die Abwässer aus den Hopfenpfliickerlager». Bisher sind 825 Fälle vorgekommen, von denen 15 tödtlich verliefen. Täglich werde» gegen 50 neue Fälle gemeldet.— c. e. Cänovas im Fegefeuer. Der Bischof von Havana (Kuba) bat an seine Diocesancn einen Hirtenbrief gerichtet, in dem die Kirchkinder nnfgesordert werde», einer Seelenmesse für das Seelen- heil des erschossene» Ministerpräsidenten Cänovas del Castillo bei- zuwohnen, der sich wegen seiner vielen Sünden wahrscheinlich im Fegefeuer befände.— irlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.