Nnterhaltungsblatt des Vorivärts Nr. 193. Freitag, den 1. Oktober. 1897. (NnchDmct verboten.) 23] Dvv VÄttvvttfütivvv. Roman von Franz Kahler. �Drei Tage später traf mich Nessel in Seilten ein znr größten Freude Rosa's, die sich zn Tode langweilte, da ihr Papa die reizende Fran Lncie ganz mit Beschlag belegt hatte. Dr. Nessel fnhlle sich in Rosa's Gesellschaft ganz wohl. Hedwig ging ihm mit verletzender Absicktlichkcit aus dem Wege, während ihre Schivester die Unterhaltung mit dem zynischen, spöttelnden Verstandesmenschen mit Vorliebe aus- suchte. Sie konnte sich den ganzen Tag mit diesem witzelnden Gesellen hernmstreiten, der sie anscheinend nie für voll ansah, sie stets als unreifen Backfisch behandelte, dessen nüchterne, kalte Denkweise ihr aber so lebhaft zusagte. In Wahrheit verfolgte Ncsicl mit heimlicher Bewunderung die Eniwickelnng Rosa's. Ihre nbermülhige Art, ihn zn necken, ihn fühlen zu lassen, daß er im Grunde doch nichts sei, als ein Vasall ihres Hanfes, verletzte diesen eitlen Streber lieser, als er sich merken ließ. Inzwischen diente er, wie Jakob um die Rahcl, um Hedwig Teßmcr. Ein unerwarteter Umstand hatte die offizielle Verlob», ig aufgeschoben. Teßmcr hatte sich im letzten Augen» blick daran gestoßen, daß Nestel katholisch war. Als dieser Umstand znr Sprache kam, erklärte er rundweg:„Sie haben mein Wort, Herr Doktor; Hedwig wird Ihre Frau, aber Sie müssen evangelisch werden!" Und Nessel wurde evangelisch. In Berlin wurde seine Bekehrung besorgt; ohne Aussehen sollte er im nächsten Jahre zum neuen Glauben übertreten. Dr. Thal, der während der Fabrikskampagne bis spät abends zn thun hatte, kam nur einige Atale, und dann meist ans ein kurzes Stündchen herüber, um seine Frau abzuholen. Pastor Klcinschmidt und Fran verbrachten dagegen ihre sämmt- liehen Nack miltage und Abende in Teßmer's Hanse. Während der Winterstnrin über die Ebene raste und reichlicher Schneefall die Felder, Dörfer und Hütten feierlich bedeckte, die Rübenwageu sich mühsan durch den Schnee kämpften, die Tagelöhner nnd Grubenlente bis an die Kniee durch die eisige Masse wateten und fröstelnd am Eingange der Fabrik nnd der Schächte warteten, das summende Geräusch der Maschinen nnd das Aechzcn des abströmenden Dampses eintönig durch die Stille des Winterabends klang, entwickelte sich in dem behaglich durchwärmten Wohnzimmer der Teßmcr'schen Villa beim Licht einer einzigen, grüubeschirmten Lampe ein äußerlich überaus friedlich scheinendes Bild bürger- liehen Familienlebens. Tie Männer politisirten, spielten, rauchte» nnd tranken; die Franxn schwatzten, lachten oder langweilten sich. Und doch war diese Ruhe nur eine scheinbare. Alle Augen- blicke zuckte die Erregung leidenschaftlicher Hoffnungen nnd Wünsche durch das tranliche Beisammensein in der Sophaecke und am Kamin. Das Rauschen der großen Welt mit seiner berückenden Melodie von Ruhm und Ehre, Genuß und Tand, es wiederholte sich hundertfach in übermüthigen Reden, spölti- scheu Bemerkungen, in lcideujchastlicheu Blicken und verstohlenem Kokcttiren.— Auch in Törflcr's abgelegenem Häuschen„am gestohlenen Wege" waren während der Wcihnacbtswoche allabendlich vier Menschen um die traulich brennende Lampe versammelt, wäh- rend der Alte, behaglich im Lcbnstuhle ausgestreckt, in der Nähe des Ofens seine Pfeife rauchte. Frau Dörfler, zwei ihrer Enkelinnen, Kinder einer in Wiesenau verheirathcten Tochter, nnd die wieder ganz genesene Kalhinka rissen Federn, eine Beschäftigung, bei der man sich stets leise unterhielt, um die weißen Flocken nicht allzusehr aufzustöbern. Zu lebhafterem Geplauder wären die Alte und Kalhinka aber auch sonst nicht gestimnit gewesen. Wilhelm's Schicksal bildete ihr ausschließliches Gesprächsthema, und dieses wurde immer schmerzlicher, je mehr die Hoffnung schwand, ihn bald wieder in ihrer Mitte zn sehen. Trotzdem der alte Dörfler einen tüchtigen Vertheidiger für seinen Sohn angenommen hatte nnd keine Kosten scheute, um dcffen Freilassung zu erwirke», wurde das gewünschte Re- snltat nicht erzielt. Wilhelm Dörfler blieb in Haft. Sein Vertheidiger hatte indessen so viel durchgesetzt, daß eine große Anzahl neuer Vernehmungen stattfanden, die die Anklage ent- kräslen sollten. Am Weihnachtsabend war die Stimmung in diesem kleinen Kreise eine besonders gedrückte. Die Alte und Kathinka weinten unausgesetzt. Die beiden Mädchen, die es sich trotz alledem nicht hatten nehmen lassen, ein kleines Bäumchen auszuschmücken, saßen niedergeschlagen und leise flüsternd in einem Winkel. Der Alte rauchte, richtete von Zeil zn Zeit ein paar Worte des Trostes an die Weinenden nnd schaute unverwandt durch das kleine Fenster, in dessen engem Nahmen ein Stückchen der beschneiten Straße zu sehen war. Ein langes, banges Schweigen oder lautes Schluchzen folgte jedem neuen gepreßten Ausrufe der Alten:„Was wird unser Wilhelm hent wohl machen! Wenn nur mein guter Junge heut bei uns wäre!" Um der gedrückten Stimmung, die auch ihn erfaßte, ein Ende zn machen, hieß der Alte die Mädchen die Lichte des Weihnachtsbänmchens anzünden. Auch einige kleine Geschenke wurden hervorgeholt; Freude und Fröhlichkeit blieben indessen aus. Ter brennende Baum schien die Alte und Kathinka erst recht traurig zu stimmen, und als die Kinder mit hellen Stimmen, begleitet von dem schartigen Baß des alten Dörfler, „Stille Nacht! Heilige Nacht!* anstimmten, ertönte von neuem ihr lautes Schluchzen. Eben war die letzte Strophe des webmüthigen Liedes ver- klungen, als Dörfler, dessen Blicke unausgesetzt auf dem Fenster ruhten. zusammenfuhr, als wäre er ans einem Traume auf» geschreckt. Er hatte deutlich einen Schatten, den Schatten eines Mannes, vorüberhuschen gesehen, und ehe er noch ein Wort über seine Lippen bringen konnte, tönte ein lautes Pochen draußen an der Hofthür. „Es klopft, Vater! Wer kann das sein?" wandte sich die Alte an Dörfler. Alle lauschten.„Vielleicht ist's Wilhelm!" schrie Kathinka. Im Nu war die Alte draußen. Durch die offene Thür hörte man laut den Riegel zurückfliegen, einen freudigen Aus- schrei und den tiefen, fröhlichen Ton einer Männerstimme. Dörfler und Kathinka zuckten beim Klange dieser Stimme zusammen. Mit einem schluchzenden Freudenschrei rannte die letztere nach der Thür, auf deren Schwelle in demselben Augen- blick Wilhelm Dörfler, die halb ohnmächtige Mutter in den Armen haltend, erschien. „Guten Abend, Valer! Guten Abend, Frau! Guten Abend, 5kinder!* rief Dörfler.„Das treffe ich ja schön," fügte er, auf den Weihnachtsbaum deutend, hinzu. Dann folgte ein Jubeln, ein Weinen und Lachen, ein Fragen nnd Antworten, ein Umarmen und Liebkosen, wie es so lebendig und aufrichtig nur in den Augenblicken unerwarteter Freude hcrvorbrewen kann. Erst als Wilhelm, einen Arm um seine Fran geschlungen, am Tische saß, während die Alte eine Tasse Kaffee nnd einen Teller mit Feicrtagskuchen vor ihn hinstellte, folgten sich Frage und Antwort in ruhiger Reihe. Wilhelm erzählte, daß er heute Nachmittag plötzlich ent» lassen worden sei, nachdem sich, wie man ihm erklärt hatte, herausgestellt habe, daß die Anklage vollkommen unbegründet wäre. Sein Vertheidiger hatte ihn noch eine Stunde lang bei sich behalten; dann habe er den Abendzug benutzt und hier sei er! Er lachte so vergnügt wie ehedem; seine hellen, blauen Augen schiveifren munter von einem zum anderen, nnd mit der freien Hand strich er sich ein paar Mal lebhast seinen langen, blpuden Schnurrbart. Wenn nicht seine blaffe Gesichts» färbe gewesen wäre, hätte man glauben können, er wäre eben von der Arbeit heimgekehrt. „Ich wußte ja, daß es so kommen mußte; aber verteufelt lange hat es gedauert, und die Einsamkeit niacht einen kraut f Aber dieser Schuft von Teßmer soll es mir büßen!" Mit Wilhelm's Gesichtszügen war eine plötzliche Ver- Lnderung vor sich gegangen. Die Stirn durchfurchte eine tiefe Falte; seine Augen blitzten, und finster starrte er einige Se» künden ins Leere, während seine Faust sich ballte. „Woher weißt Du, daß Teßmer der Angeber ist?" warf der alte Dörfler erschreckt dazwischen. Hast Du Beweise, Wilhelm?" „Beweise, Vater? Brauche ich Beweise? Glaubst Du etwa, daß er es nicht gewesen ist?" Der Alte schwieg verwirrt. „Verlaß Dich darauf, ich rechne mit ihm ab, Vater!" fuhr Wilhelm fort.„Ich schwöre..." „Schivöre nicht. Junge," fiel ihm der Alte ins Wort, „sondern fei vernünftig, Wilhelm!— Hitze thut nie gut." „So!" versetzte Wilhelm gereizt.„Also ich soll die Schande ruhig einstecken? Ueber ein Vierteljahr habe ich im Gefängniß zugebracht, um nichts und wieder nichts, nur weil es diesem Kerl gefiel, mir eins auszuwischen. Und nun, wo ich wieder frei bin, sage ich„danke schön, allergnädigster Herr, daß ich nicht an den Galgen gekommen bin!" Wenn er vorbeigeht, ziehe ich dcmnthig meine Mütze und lasse mich höhnisch an- grinsen, als ob er sagen wollte:„Na Bursche, Dir wird das lose Manl wobl gestopft sein?" Nein, Vater, eher will ich wieder ins Zuchthaus zurück! Lieber will ich meinen Kopf..." „Versündige Dich nicht. Junge!" schrie der Alte.„Gewiß, Dir ist unrecht geschehen, und wenn einer drüber empört ist, bin ich's. Aber was meinst Tu, wie viel ich in meinem Lebe» habe erdulden müssen durch den lieber- muth der großen Herren und ihrer Beamten? Wenn ich auch jedesmal hätte daran denken wollen, ihnen den Schädel einzuschlagen oder das Genick zu brechen? Und wenn das jeder, dem Unrecht geschieht, thnn wollte, was würde da werden? Nein, für uns arme Leute giebt's nur eins: geduldig unsere Last tragen und die Rache für unrecht erlittenes Leid deni ewigen Richter zn überlassen. Also, sei vernünftig, Wilhelm!" „Natürlich, wir armen Teufel sollen vernünftig sein! Warum ist's der Teßmer nicht? Warum soll er's nicht sein? Er hat mir schweres Unrecht gethan. Frage ihn, ob er nur so vernünftig ist, es niir abzubitten; mchs weiter. Ich sage Dir, Vater, zum Hanse läßt er Dich hinauswerfen! Geh' mir mit Deiner Sorte Vernunft! So lange die Welt steht, haben die Armen, die Schwachen, die Hilflosen diese Vernunft gezeigt und was ist daraus geworden? Noch behandelt nian uns so wie vor hundert und aber hundert Jahren, und so lange wir demüthig unseren Nacken beiigen und für jeden Fußtritt bescheiden„danke schön" sagen, ivird's auch so bleiben! Nein, Vater, das ist nicht der Weg, uns Achtung zu verschaffen! Wir sind keine Bettler, die nm eine anständige Behandlung winseln müssen; ivir haben das Recht, sie zu verlangen! Nur wenn wir entschlossen und trotzig darauf pochen, wird man sie uns geben, sonst nie und nimmer! Und wenn ein solcher Kerl, wie Teßmer, der das Glück von Un- zähligen mit Füßen getreten hat, mir auch noch meine Ehre antastet, dann..." „Und dann, was hast Tu davon?" fiel ihm der Alte hastig ins Wort. „Was ich davon habe? Was ich davon habe?" stotterte Wilhelm.„Gerächt habe ich mick, Vater! Gerächt!" „So, und hast Du dann Deine Ehre wieder? Unsinn, Wilhelm, erst recht nicht; denn ins Zuchthaus kommst Du, unterm Scharfrichter seine Art kommst Du, und Derne Frau und, wenn Du Kinder hättest, auch diese laufen ihr Lebtag mit ewiger Schande herum. Ueberleg's Dir doch mal recht, Wilhelm. Du bist ja sonst kein dummer Kerl. Was hättest Du davon, wenn Du diesen Teßnier zu Boden schlägst? Ein gottloser Mensch ist weniger auf der Welt, das gebe ich zu. Aber ist Dir dieser Kerl so viel werth, daß Du für ihn Dein Lebelang in's Zuchthaus gehst, vielleicht Dein eigenes Leben für ihn geben mußt? Und dann, Wilhelm, Du hast eine Frau, eine alte Mutter und einen alten Vater, die Dich doch so gern haben! Und auch die könntest Du alle Unglück- lich machen, nnr um dieseni gottlosen Manne heimzuzahlen, was er an Dir und anderen verbrochen? Wilhelm, dazu hast Du gar kein Recht. Er wird seiner Strafe nicht ent- gehen Wilhelm kämpfte ersichtlich mit der Rührung. Kathinka hatte sich zärtlich an ihn geschmiegt; Thränen liefen über ihr hübsches, abgehärmtes Gesicht. Die Alte schluchzte von neuem, und auch der Vater wischte sich mit der Linken die Augen, während er die Rechte seinem Sohne über den Tisch reichte. „Wir haben Dich doch alle so lieb. Junge! Wir sind alle so froh und glücklich, daß Tu wieder bei uns bist! Drum laß die bösen Gedanken, denn die Rache ist mein, spricht der Herr!"— Nach einigem Zögern schlug Wilhelm fest in die dar- gebotene Hand. „Gut, Vater! Ich will vernünftig sein, wie es Millionen armer Teufel vor mir gewesen sind und wohl auch noch nach mir sein werden. Um Euretwillen, weil Ihr mich so gern habt, weil auch ich Euch so gern habe.. (Fortsetzung folgt.) Tt ithrn u i sse n frit a ff I i ifj u Jt t» Tri*« ♦ (Moderne Niesenfernrohre; Entdeckung und Beobachtung des fünften Jnpiterinondes; die Bahn dieses Mondes und die Abplattung des Jupiter; ihre Wichtigkeit für die Berechnung seiner Zlnziehungskraft.) Der Nutze», den die Riesenfernrohre für die Beobachtung des Hhnmels darbieten, ist des öfteren bestritten worden. In der That wächst inil der Größe der Linse auch ihre Dicke, und wenn durch die vergrößerte Oderfläche mehr Sicht gesammelt werden kann, so wird zufolge der vermehrten Dicke auch mehr Licht vom Glase ab- sorbirt oder verschluckt, so daß es fraglich erscheint, ob der Vorthcil der größeren Oberfläche durch die vermehrte Dicke nicht wieder ver- loren gehl.?Ils das Riesenfernrohr in Treptow geplant wurde, beabsich- ligteman.ihm eine dishernnerreichteLinse von ltlI ZentimeterDnrchniesser zu gebe»; der Plan scheiterte nicht am fachmännischen Widersprach. der allerdings sehr lebhast war, sondern am Geldmangel, so daß schließlich nur eine Linse von 70 Zentimeter Oeffnnng zur Ans- suhrnng kam, eine Größe, wie sie das Objektiv des neuen Rohres in Potsdam erhallen soll, und wie sie das große Rohr der Wiener Sternwarte, sonne derjenigen von Paris, Nizza und Pnlkowa haben. Die Bedeutung des Treptower Rohres soll allerdings auch nicht in der Größe der Objeklivlinse liegen, sondern in der eigenartigen Konfiruklion, die, falls sie sich bewährt, wohl geeignet ist, im Bau großer Fernrohre eine» Umschwung hervorznrnfen. Während man in Europa vielfach meinte, mit den großen Fernrohren von Paris, Nizza, Pnlkowa an der Grenze der Leistungssähigkeil angekommen zu sein, ging man in Amerika un- bedenklich über diese Grenze hinaus. Das große Fernrohr der Lick- Sternwarte bei San Franziska erhielt ein Objektiv von SO Zentimeter Oeffnnng, und das Icrkes-Teleskop bei Cbikago gar t0sZe»ti- meter Oeffnnng. In Europa verhielt man sich diesen Riefen-Fern- röhre» gegenüber vielfach skeptisch und meinte, ihr Nutzen könne nicht den nnfgeivendeteli eiiormen Kosten entspreche». Es ist auch eine»»bestrittene Thalsache, daß das Detail der Planeten- oberflächcn von manchen Beobachtern mit verhältnißmäßig kleinen Fernrohren unter günstigen Verhältnisse» viel besser erlannt nnd gezeichnet worden ist, als dies anderivärts iiüttels Riesenfernrohren der Fall war; so ist nanientlich die Manora-Stern- warte ans der Insel Lussi» bei Trieft zu erwähnen, wo Herr Brenner mit einem Fernrohr von nnr 20 Zentimeter Oeffnnng ganz vorziig- tiche Plaiietenbeodachtnngcn erhalten hat. Aber es iväre nicht richtig, wenn man deshalb die Riesenseriirohre für überflüssig er- klären und veriverfe» ivollte. Für gewisse Leistungen reichen eben kleinere Fernrohre nicht aus nnd da muß man unbedingt zu den lliiese» seine Zuflucht nehme». Namentlich das Fernrohr der Lick-Sternwarte hat die Probe der Leistungsfähigkeit bereits gut bestanden; am 0. September lS92 entdeckte Barnard mit demselben den sog. fünsleit Jupilermond, einen anberordentlich kleinen Wellkörper, der als ein Sternchen 13. Größe ohne jeden wahrnehmbaren Dnrchincffer erscheint. Während die seit langer Zeit bckaiinlen vier größeren Monde des Jupiter, des größten»nd»lässigsten Planeten, der um die Sonne kreist, selbst in jcdei» kleineren Fernrohr deutlich zu erkennen sind, ist dieser iinn entdeckte kleine Mviid sogar in den lichtstärksten lliiesen- fernrohren nur sehr schiver zu sehen; denn in seiner größten Ent- fmiung vom Jnpiler steht er noch nicht um einen Durchmesser der Juplterscheibe von diesem ab, so daß sein Licht von dem seines Haupt- kürpers überstrahlt ivird. Jnsolge dessen sind Beobachtungen dieses Gestirns, aus ivelchen seine Bahn um den Jnpiter abgeleitet werden muß, bei weitem fchivieriger, als die der gröberen Trabanten und überhaupt der meisten bekannten Monde der Planeten. Nichts desto weniger liegen ans den Jadren 1332 bis 1833 eine ganze Reihe von Messnngen der Stellung dieses Mondes von Prosessor Barnard und ans den Jahren 1893 bis 1895 von Professor Struve, der den kleinen Mond mit dem großen Fernrohr in Pnlkowa beobachtet hat, vor. Jnzivischen ist der' Jnpiter in iingünsligere Stellungen für die Beobachlnng gerückt; er hat sich weiter von der Sonne nnd von uns entfernt und wird im nächsten Jahre seine größte Eiitsernung von der Sonne erreichen; es sind somit neue Beobachtungen über die Stellung des kleinen Mondes erst wieder in einigen Jahren zn erwarten. Daher war es eine dankenswerthe Arbeit des Herrn Fritz Cohn, die bis jetzt vorhandene» Beobachtungen zn einer geiiaileren Beslintinnng der Bahn des fünslen Jnpiterinondes zu verivenden. Nach Cohn's Bcrechiiungen, die vor kurzem in de»„Astronomische» Nachrichten" veröffentlicht wurde», legt der kleine Mond seine Bahn nm den Planeien in 12 Stunden zurück. Die Bahn selbst, eine Ellipse, wie die aller Planelen »in die Sonne nnd die aller Monde um ihre Planeten, unterscheidet sich anßerordentlich wenig von einem Kreise; der kleine Halbincsser der Elipse ist nur um ein Tansendstel kleiner, als der große Halb- messer. Was aber an der Bahn besonders merkwürdig ist, ist die anßerordentlich rasche Aendcrung ihrer Lage. Auch die Bahn unseres Mondes behält ja nicht ihre Lage zur Erde uitveränderl bei, sondern der Punkt, in welchem der Mond während eines Ninlanfs der Erde am nächsten steht, das sog. Perigaeum, rückt von Jahr zu Jadr etwas fort; immerhin stnd beinahe nenn Jahre erforderlich, ehe dieser Punkt einmal um die Erde herumgekommen ist. Anders bei dem fünften Jupitermond; das Perijovium, das ist der dem Jupitermitlclpunkl nächste Punkt der Trabantenbahn, geht im Laufe eines Jahres zwei und ein halb mal um den Jupiter herum. Die Ursache dieser schnellen Bahnänderung ist in der stark ab- geplatteten Gestalt des Planeten zu suchen; bei der Erde beträgt die Abplattung etwa'/zw, d. h. die Erdachse ist um den dreihundert- sten Theil kleiner, als der Durchmesser des Aequators, und dem- entsprechend haben wir eine langsame Aenderung in der Lage unserer Mondbahn zu verzeichnen. Die früheren von Bessel, Airy u. a. ans- geführten direkten Messungen der Durchmesser des Jupiter ergaben für diesen Planeten die enorme Abplattung von'/ik bis'/»?, so daß man eine schnelle Bahnänderung des fünfte» Mondes erwarte» mußte; aus den Beobachtungen ergiebt sich eine noch schnellere Aenderung der Bahn, so daß ans derselben eine Abplattung von berechct wurde. In der That erscheint der Jupiter im Fern- rohr auch durchaus nicht als kreisförmige Scheibe, fondern zeigt deutlich auch dem Auge eine starke Abplattung. Die genaue Bestimmung dieser Abplattung ist von wesentlicher Bedeutung für die Vorstellung, die wir uns von der Konstitution der Materie zu machen haben, die diesen ungeheuren Körper bildet. Zwar ist er gegen die Sonne nur ein ganz unbedeutender Zwerg; aber von allen Planetcnkinder», die ihre glänzende Mutter unikreise», ist er das gewaltigste; die Erde übertrifft er 1300 Atal an Ausdehnung. Freilich ist die in diesem ungeheuren Namne befindliche Masse mir etwa das 800fache der Masse der Erde; der Stoff, der den Jupiter bildet, ist daher viel lockerer, viel loser an- einandergefügt, als derjenige, ans dem der von»»S bewohnte Weltkörper besteht. Vermuihlich besitzt der Jupiter auch noch elivas eigenes Licht, so daß er in manchen Beziehungen mit der Sonne vergleichbar ist und für seine Monde eintii ähnlichen Zcntrallörper bildet, ivie die Sonne für die Planetc». Eine kühne Phnntasic könnte sich ans dein ihm am nächsten stchendcu Monde, eben dem kleineu sünsten, wo scinc leuchtende und iväriiiciide Kraft noch ziemlich stark sein muß. ähnliche Lebenkbedingnngcn ausmalen, ivie sie hier ans der Erde unter dein Einflus! der Sonne herrschen, so daß die Niesenfernrohre uns vielleicht Knude gegeben habe» von einer Welt, wo uns verwandle, vernünftige Wesen die Natur zu be- herrschen gelernt haben. Doch das sind müßige Spekulalioncn. über die wir nichts ent- scheide» können; die Abplattung des Jupiters dagegen ist eine reale Thatsache. deren genaue Bestimmung in mancher Be- zieh»ng von wissenschaftlichem Interesse ist. Sie würde die Wirkungsweise des Jupiter auf andere Weltkörper ivcsentlich mit bestimmen. Diese Wirkung hat sich inchrsach bei Kometen, die diesem Planeten zu nahe kamen, fühlbar gemacht. So wurde im Jahre 1770 der Lexell'sche Komet durch den Einfluß des Jupiter vollständig aus seiner Bahn herausgeivorfcn; auch der kleine periodische Komet von Brooks kam vor elf Jahren(ISö6) dem Jupiter so nahe, ivie der fünfte Mond, und erlitt daher eine erheb- liche Störung in seiner Bahn. Für die Berechnung derselben, also z B. auch für die Erledigung der Frage, ob dieser Koment mit den, oben erivähnteu Lexell'sche» identisch ist. ist die genaue Er- mitteluug der Jupiterabplatlung wichtig. Deshalb ist bei der Wieder- annüherung des Jupiter eine sorgfältige Beobachtung des fünften Mondes erforderlich, eine Ausgabe, die nur mit Ricsensernrohren gelöst iverden kann.— Lb. Vleincs Iscnillcto»r. — Herr Johanncs Miguel»ud daS Jahr 1�48. Im Jahre 1848 studirle Miguel in Heidelberg die Rechte und Staats- ivissenschafteu und nahm mit Feuereifer an der politischen Bewegung jener Tage theil, natürlich von sehr radikalen Ideen erfüllt, wie die große Mehrzahl der damaligen Jugend. Er und seilte Freunde hielten in Volks- und Sludenlen-Vcrsammlungcn begeisterte Reden, gründeten Vereine und schrieben Flugblätter. Natürlich erfüllte der schleppcndeFortgang derVersassnugsarbeil in dcrPaulskirche die jungen Hininiclsstürmer in Heidelberg mit äußerstem Mißtrauen und sie hielten daher Rath, ivas zu thu» sei. Auch Gottfried Keller, der damals in Heidelberg sludirte, betheiligtc sich an diesem weifen Rathe und den folgenden Ereignisse». Außerordentliche Zeile» erfordern natürlich außer- ordentliche Mittel, rnid so bestieg denn am Morgen nach diesem Kricgsrathe ein nicht unerheblicher Theil der in Heidelberg sich Slndireiis halber aufhallende» Jugend, mit Schlägern und anderen. den Gang der Weltgeschichte bcschleiinigendeu Waffen versehen, den Bahnzug nach Frankfurt, um iu der'Paulskirche reine Wirthschast zu inachen und dort dem souveränen Volkswillen zum endlichen Durchbriiche zu verHelsen. Der größte Tag der deutscheu Geschichte. nach hinten und vorne besehe», war angebrochen und sollte sich heule vollenden. Leider war es unerträglich heiß. In Darmstadt wurden die Wagen, in denen die thatendnrstigcn— aber auch sonst sehr durstigen— Heidelberger Musensöhne ihrer weltgeschichtlichen Bestiinmung eiitgegenfuhren, ans ein todtes Geleis geschoben und fest verschlossen. Durch die damals elend kleineu Fenster hätte kein Kind entrinnen können. Der Frankfurter Zug fuhr ab. ohne die Wagen der Heidelberger mitzunehmen. Ver- muthlich war er zu schwer belastet gewesen und hatte sich getheilt— so dachten die Musensöhne. Aber nichts deutete auf ihre Weiterbeförderung. Vielmehr wurde, wie znin Hohne der durstigen Ge- sangenen. eine kleine Pyramide gefüllter Bierfässer vor ihnen auf- gelhürmt, leider aber nicht ein einziger Schoppen verzapft. Gleich- zeitig fanden sich zu beiden Seiten der Wagen ans dem tobten Strang auch ansehnliche Schaare» der volksfeindlichen Soldateska von Hessen-Darinstadt ein, die sich obendrein an den Bier- und Zornesrnfen der Musensöhne weidlich zu ergötzen schienen. Schließ- lich trat ein höherer Offizier oder Diplomat Darmhessens vor, eröffnete den Gefangenen kaltsinnig, ihr herrliches Vorhaben sei verralhe», und schlug ihnen eine ehrenvolle Kapitulation vor: die aufgefahrenen Bierfässer sollten ihnen auf Gnade nnd Ungnade preisgegeben, das deutsche Parlament nnd die deutsche Einheit da- gegen heute noch sich selbst überlassen iverden. der Studio von Heidelberg dagegen, nach Stillung seines Durstes, männiglich zur alinu nrnter am Neckar zurückkehren. Der im Innern der Wagen abgehaltene Kriegsralh war kurz, erbaulich und einmüthig. Die Thüreu wurden geöffnet, die Fässer ausgetrunken, nnd dann die Heimfahrt auf Koste» deS um die Ruhe Teutschlands so hoch- verdienten Darmhessens augetreten.— Solches erzählt Hans Blum in seiner„Deutschen ilcevoluliou", von seinem einstigen Parteigenossen, dem jetzigen Finanzminister zc. Wie herrlich ist es doch um eine» „Sünder", der Buße gethan!— Theater. — D i e Schicksale der„ K a m e l i e» d a m«". Alexander Dumas d. I. erzählt:„Ich verfaßte das Stück mit der Ueber« zengung, daß die Zensur es nie passire» lassen, verde. Ich übergab es meinem Bater. der damals beim TheiUre Historiquö allmächtig war. Vierzehn Tage darauf mußte das Thealer schließen. Ich brachte das Stück dem Direktor des Chatelet-Theaters Hostein. Er gab es mir ohne Bemerkung zurück. Ich bot es dem Gymnase an, das eben di«.Manon Lescaut" spielte nnd nicht zwei Stücke des- selben Genres geben wollte. Paul Ernest nahm es für das Vaudeville n» und gerietst unmittelbar darauf in Konkurs. Man sagte, daß das Stück Unglück brächte. Ich las es der Dejazet für ihr Theater vor; sie erklärte, sie sei zu alt, um es zu spiele». Ich schickte es Lccourt. der das Vaudeville übernommen hatte; acht Tage darauf fand ich das Stück bei meinem Portier, dem es mit dem mündlichen Auftrag abgegeben war: es sei unbrauchbar. Ich war cntschlossen, mich überhaupt nicht mehr mit dem Drama zu beschäftigen. Da be- gegnelc mir Bouffö. der mir sagte, er habe gehört, daß ich ein nettes Stück geiuachl hätte. Ich solle es ihm aufheben, bis er eines Tages Theaterdireltor sein werde. Ich versprach es, und so wurde mein Stück gespielt, nachdem ich dann noch ein Jahr mit der Zensur gekämpft Halle. Als ich den Zensor fragte, was die Ursache des Verbotes sei, erwiderte er: Es ist ein Dienst, den wir Ihnen er- weisen, das Stück würde den zweiten Akt nicht überleben.— — Jnsgesannnt 48 000 M. Jahresgoge bei achtmonatlicher Thätigkeil soll der jüngst an die königl. Oper eugagirte Herr Ernst Kraus beziehen. Das Engageincnt ist auf zwölf Jahre abgeschlossen.— Musik. —er—. Opernhaus. W a g n e r' s„Nibelungen- ring". 2. Abend:„Siegsried". Die erschöpfenden tragischen Gewitter des gesammten Wagner'sche» Nibelungen-Ton- dramas durchbricht nur einmal der leuchtende Glanz urwüchsiger Daseinssreude und der würzige Dust heimathlichcr Romantik: Im „Siegsried". I» dem junge» Helden, jde» die schrankenlose Freiheit des Waldes erzieht, der sich mit stählernem Arm sei», Wotan's göttliche» Speer zerschmetterndes Schwert schmiedet nnd in naiver Furchtlosigkeit den Lindwurm tödtet, der in der Idylle des geheimniß- reichen Waldwebcns Zwiesprache mit dem Waldvögelein hält, der aus de» Abenteuern seines«»bändigen Reckenthums endlich den Weg zur leidenschaftlichsten Liebe findet— in I u» g- S i e g fr i e d hat Wagner ein Schönheitsideal geschaffen, das durch den feurigen Schwung begeisterter Phantasie eine» Gipfelpunkt nationaler musikalischer Poesie bildet.. In den Schmiedeszene» des ersten und ini Märcheuwnldbilde des ziveiten Aktes offenbart sich in der Ver« bindnng niit einer höchst malerischen Sinnesauffafsung eine solche Fülle orchestralen Ausdrucksvermögens und feiner Klang- enldeckuitgeu. daß die charakteristische» Illusionen eines echt poetischen Realismus stets lebendig fortwirken. Auf dem Höhepunkte, dem die ganze innere Triebkraft des Ton« dramas zudrüugt, im Liebesduetle Siegfried's mit der, durchs seinen Kuß aus tiefem Schlafe erweckten Brünnhilde, versagt der schmerz- lichste Mangel Wagncr's. die fehlende Kraft der sinnlich-gesunden melodischen Erfindung und naiven Ursprünglichkeit, die ersehnte Wirkung. Alles ist da in orchestraler Bedeutsamkeit und unfehl- barer Effektkenntniß ausgeführt, aber die Empfindungen, welche Menschen nur in süßer, schwärmerischer Melodik zu künden vermögen, greisen bei Wagner blos zu einer Art melodischen Kontrapunkts, und für die heiße» Steigerungen des Liebesaffekts findet er schließ- lich nur jenes ekstatische Geschrei, welches der mitleidslose Feind des Gesanges und der 53ünst ist.— Als eigenstes Produkt der Bayreuther Singschule stellte sich der diesmalige Siegsried, Herr B u r g st a l l e r. vor. Eine hohe, jugendlich elastische Bühnenerscheinung, mit einem Kopfe von nur geringem mimische» Ausdrucksvermögen, mit Geberden, die für tief innere Erregungen keine Sprache haben und nur im Ungestüm der Krastnalur Siegfried's lebendig werde»— das ist der fingere Burgstaller. MZ Sänger hat er im ersten Akte durch die sorglose Freiheit und unaffektirte Helligkeit seiner Tenorstimme überrascht; das staininelnde Skandire», welches Neu» Bayreuth für echt Wagner'schen Gesangstil auszugebe» versucht, wurde dem sonst unbehelligten Organe gerne verziehe». Aber schon im zarten Gespräche mit dem Wald- vögelein und im schmerzlichen Andenken au seine Mutter trat die Modnlations- und Seelenlosigkeit dieser Stimme unläugbar hervor, um im Duett mit Brünnbilde ob der mangelnden Höhe und der geradezu lächerlich vernachlässigten Gesangsknnft hilfloser Ohnmacht zu erliegen. Wie Herr Burgstaller sich heute als gesangskünstlerische Individualität giebl, reizt er keineswegs, ihn i» einer anderen Rolle, als in der. von Gesangskultur ziemlich unbeleckten des Siegfried zu höre». Voll Macht und Adel im Tone und ergreifender Wärme des Ausdrucks war der Wanderer(Wotan) des Herrn van Rooy; von ihm und Frau Lili Lehman», welche als Brünnhilde im Duett mit Siegfried allein das große Leben einer überwältigenden Liebe ausathmete, möge die orthodoxe Bayreuther Schule lernen, daß wahre Gesangskunst anschwellende lyrische oder heroische Gs- fühle niemals in brüllende Nothrufe ausarten lassen kau». I» dem tragikomischen Gemisch initleiderregender, geknechteter Höflichkeit und dreister Verschlagenheit bietet Herr Lieban als„Mime" ein Meister- ftiick virtuoser Charaklerisirnugskuust, während Herrn F r i e d r i ch's „Alberich" allzuoft im Uebereifer seiner dämonischen Darstellungs- gewalt das gesprochene Wort zu explosiven Effekten verwendet. Vom „Waldvögelein" der Frau Herzog verlangen wir eine iveit größere Deutlichkeit des Wortes. Die Reihe feiner glänzenden Siegesthate» setzte das Orchester unter Weingarlner's Führung fort.— Aus dem Thicrreiche. io. Gin neuer B a st a r d der R i n d e r f a m i l i e. Zufolge einer Nachricht von Tegelmeier, ist es in Indien seil neuerer Zeit gelungen, das Dakrind mit dem echten Rinde zu kreuzen. Leider fehlen noch Nachrichte» darüber, ob die erzielten Bastarde besondere Eigenschafte» darbieten, die vielleicht verwcrthct werden könnte», oder ob sie nur gewissermaßen als Kuriositäten zu betrachten sind. Es ist dabei zu erwähnen, daß schon früher vo» Zoologen i» Europa der Versuch gemacht ist, den männliche» Jak mit geivöinilichen englische» Kühe» zil kreuze», der Versuch inißlang jedoch, da der Fak eine unüberivindliche Abneigung gegen eine svlriic Verbindnng an de» Tag legte. Der erste in Indien erzeugte Bastard dieser neuen Kreuzung war übrigens ein iveibliches Kalb von einem mänu- lichen Zeburtiide und einem weiblichen Jak.— Astronomisches. t. Helium in den Kometenschweifen. Nach einer Miltheilung des Astronomen Bredichin an die Akademie der Wissen- schaflen in St. Petersburg soll in den Ztoineleuschweifen das Heliumgas den wesentlichen Bestandtheil ausmache». Vor einigen Jahre» hatte derselbe Gelehrte eine Theorie ausgestellt, nach welcher die abstoßende Kraft, ivelche de» Abstand zwischen dem Kometen- schweif von dem Kern hervorruft, in umgekehrten, Aer- hältnisse zu dem Atomgewichte der Körper stehe, ans welchen der Kometeuschweif zusammengesetzt ist. Nun haben frühere Berechnungen von Hasse gezeigt, daß der Werth dieser Stoßkraft gleich 18 ist, während er, wenn der Schweif aus Wasserstoffgas bestände, gleich 88 sein würde. Daraus zieht Bredichin den Schluß, daß die Substanz des Kometenschwcises ein doppelt so großes Atomgewicht besitzen muß wie der Wasserstoff, also das Atomgewicht 2. und dies trifft ans das Helium zu. Außer- dem erinnert Bredichin daran, daß der berühmte große Komet vo» 1811 einen ausgesprochene» gelben Schweif hatte, was er mit der glänzend gelben Linie im Speltrum des Helium in Verbindnng bringt. Diese Schlöffe bestehen jedenfalls noch aus sehr unsicheren Grundlagen, die erst durch die bekannte» Arbeiten Goldstein'S ein« Bejesiiguiig er fahren werden.~- Tcchnisches. — Heber die Verwendung d e s Sandstrahl- g e b l ä s e s zur Herstellung von Druckplatten in der Photographischen Drncktechnik berichtet Herr Dr. A. Miethe im „Promelheus". Während sonst härtere Körper durch iveichere nicht angegriffen werde», findet beim Sandstrahl eine Ausnahme statt, und gerade die härtesten Körper, der Diamant, der Eorund, Spinell »t. s. w. werden von verhältnißmäßig weiche» Angriffsinilteln außer- ordentlich stark angegriffen; dagegen werden weiche Körper unter Uniständen viel schwerer angegrifse». So schützt ein Ueberzng aus Gummi oder Gelatine eine Glasplatte an den bedeckten>stellen vollkomme» gegen die Einwirkung des Sandstrnhlgebläses. Die Methode zt'.r Herstellung der Druckplatten ans diesem Wege ist nun folgende. Man erzeugt»ach eine», photographischen Original ein sogenanntes Pigmenlbild, das heißt ein aus Gelatine bestehendes Relief, bei welchem die Lichter durch dicke Gelalineschichte». die Halblöne durch entsprechend dünne Gelatine- schichten und die Schalten durch gelatinesreie Stellen dargestellt sind. Dieses Pigmeiildild überträgt man nun auf die Glasplatte, und setzt dieselbe der Wirkung des Sandstrahlgebläses ans. Es zeigt sich dann, daß das Glas zunächst an den gelatinefreien Stellen angegriffen wird, dann werden alluiälig die dünne» Gelatineschichte» in Geinäßheit ihrer Dicke vom Saude durchschlagen, und schließlich erst geben die dicken Gelatineschichte» der Stoßkraft der Saud- körncr nach. Man erhält auf diese Weise ein gekörntes Halbton- bild, welches man ähnlich den geätzten KupferplaUen mit setler Farbe einreibt, den Ueberschuß der Farbe von der Fläche der Platte wegwischt, und von dem man dann initer starkem Druck auf der Kupferdruckpresse die Farbe auf ein Stück Papier überträgt. Auf diese Weise erhält man Resultate, die dem photographischen Kupferdruck, der sogenannten Heliogravüre ähnlich sind. Um die Halbtöne noch besonders gut wiederzugeben, greift man zu folgende»! Mittel. Man wählt zur Erzeugung des Pigmenlbildes nicht reine Gelatine, sondern ei» Gelatinehäutchen, in welchem das Pulver eines harten Körpers, z. V. Glaspulver, i» ganz feinem Zustande vertheilt ist; diese Glaspartikelche», welche in die Gelatineniasse eingestreut liegen, werde» durch den Sandstrahl schnell völlig zertrüinmerl; an diese» Stellen wirkt dann der Strahl zuerst ein und so entsteht die für die Halbtonplatte erforderliche Körnung. Gegenüber dem gewöhnlichen Versahren hat diese Ver- we»dii»g de- Sindstrahlgebläses de» Vorzug, daß die Schärfe und Reiuheil der Zeichnung, die bei dem pholomechanische» Prozeß mit chemischer Aetzuug durch„Uuterätzuug" der Kontnreu leicht zerstört wurde, hierbei nicht leiden kann, da das Saudstrahlgebläse»ur in einer, zur Platte seukrechteu Richtmig, auf diese einwirft,— Hiinioristisches. —„Paznauner G l ü h»v e i n." I» Paznaun, einem Seilen- tbal des von der Arlbergbah» durchzogenen Stanserthales, bereitet die Jngeud eine warme Mischung, die diesen Name» fährt. Wenns beim Kirchivcihla», am heißesten hergeht, die Lust am giößie» ist, ll»d Freude und Einigkeit noch nicht der Freude am Staufen gewichen sind, dann triiilt Bua»nd Madel— Glühwein. Hier das Rezept. Jiigredieuzien i Zucker, Wein nnd rechi viel Linb. Zu- bereitnng: der Bua steckt seine»» Schatz ei» Stück Zucker ins rosige Müudchen und giebl ihm darauf einen Schluck Wein, de» das Madel mit dem Zucker im Mnude behalten muß. Hat der Zucker sich im W.'iu ausgelöst, dan» ist der Gl;ih- wein scriig, aber noch nicht gelrunkeu. Der Bua muß doch seinen Autbeil davon haben und er erhält ihn. Manchmal nimmt sogar der Bursche den Wem zuerst tu de» Muud uiid übermittelt ihn bau» seiner Liebsten.— Da kaun mau dann freilich leicht von einem „sü.lß'n Goscherl" rerc»!— — Ein alter Praktikus. Junger Ehemann(stolz); „Ich habe es mir zur Norm gemacht,»iciner Frau alles zu sagen, was»lir begegnet" Alter Praktikus:„Das»vill noch gar nichls heiße»! Ich sage meiner Frau sogar Dinge, die niemals vorgekommen sind."— („Jugendl") Vcrmischtcö voni Tage. — Bei eine in Brande der Werkstatt des Malermeisters Ewerl in P r e« ß i s ch» E y l au ist in der Nacht z»i» Mittwoch der P o st i l l o» Z i p p r i k, der zwei Kinder seines Bruders a»S der über der Werkstall gelegenen Wohnnng rette» ivollle,»» i t de» K i>» d e r u v e r b r a»» t.— — In G n e s e n ließ eine Kellnerin Kohlensänre i» ei» Bier» faß und vergaß de» Kohlensänre-Beblilter zi, schließen. Das Faß e x p l o d i r l e und l ö d l e t e das Mädchen.— — I» F r a n k e n st e i n sank eine Frau beim Begrab»iß ihres Mannes kurz vor dem Kirchhofe znsaunne» und war nach wenigen Sekunden eine Leiche.— — Eine sonderbare Kur ihres stets betrnuken heim- kehrenden Ehemannes veriu die eine Frau in G l e i>v i tz. Sie und ihre Tochter trugen daS Bett, in dein der Man» schnarchte, auf den Hos. Als der Tniiikeue in der Nacht aufwachte, bcga»» er ängstlich »m Hilfe zu rufe», denn er wußte nicht,>vo er>var. Da umchle ihm Die Frau weiß, es hätten ihn Diebe herausgetragen.— — Bon N ad lern an- oder um gefahren wurden m der letzten Zeit i» Straß bürg: Der Statthalter, ein Minister, ei» höyerer Polizeibcamter, ein Schutzniai»» und zum Schlüsse der Rektor der Universität.— — In B ii ch s(Vorarlberg) wurde eine Fran ertappt, als sie feine Pariser Scidenrobe» nach Oesterreich eiiischiniiggeln wollte. Sie mußte 1008 Gulden Strafe zahlen.— — In ganz Italien herrscht seit einer Woche Sommer« Hitze. Das Tderinouieler stand durchschnittlich in Neapel aus L6, in Mailand auf 27 und in de» stidlicheren Städten ans 31 Grad. Die 5t>rschbäui»e stehen in Blüthe.— — Der diesjährige H u m in e r f a n g ist in N o rw e g e n nngeivöhulich reich ausgefaUe». Für 35—40 Pf. erhält man bei den Händler» der Küstelistädte die allerschöustcn Exemplare. Für »littlere pfluidschivere Exemplare wird kaum die Hälfte gezahlt.— Tie näcliste Nlliiimer des Unterhallungsblalles erscheint Sonn- tag, den 3. Oktober. Verantwortlicher Liedaklenr: Angnft Jacobry in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.