Mnterhaltun Nr. 1 94. Sonntng, den 3. Oktober. 1897. INachvrnck verbolen.) 24] Der Vauernfüheev. Roman von Franz Kahler. Er kam nicht weiter; ein Schluchzen der Wnth, der Er- bitterung, der Feigdeit und der Schwäche schnürte ihm die Kehle zusammen. Nur einige Sekunden hielt die Erregung an, dann fuhr er mit fester Stimme fort:„Aber eins, Vater! Ganz und gar bleibt diesem Schuft seine That nicht ge- schenkt! Eine Rache muß ich haben; wenn anch nicht die ganze Rache!" Der Alte schwieg eine kleine Weile. Er ahnte, was sein Sohn meinte. In seinem Innern regte sich das Gefühl gc- rechter Empörung, das auch den geduldigsten Sklaven einmal packt. „Wilhelm, überlege Dir genau, was Du thnn willst. Besser ist's. Du reizest den Mann nicht ein zweites Mal; es wird Dir so schon schwer fallen, hier im Dorfe zu bleiben und Arbeit zu finden." „Der Steinig wird mich schon wieder aufnehmen. Er..." „Steinig ist todt. Der liegt schon ein paar Wochen im Grabe." „Todt, Vater?" frug der junge Mann erstaunt. „Ja, todt, und Teßmer hat seine Wirthschaft, wie sie stand, gekauft!" „Nun, es giebt noch andere Bauern, die einen jungen, kräftigen Arbeiter brauchen." „So leicht wird sich keiner finden, denn Teßmer ist heute Herr im Lande. In der Gemeinde, in der Fabrik halten alle zu ihm ans Furcht, daß sie es ganz mit ihm verderben könnten. Wer heute muckst, kann sein Päckchen auf den Buckel nehmen. Hier ist's jetzt still wie im Grabe. Uns wagen die Leute aus Angst vor ihm kaum noch zu grüßen. Also bedenke alles genau, Wilhelm, und mache die Sache nicht noch schlimmer!" „Wenn ich schon durchaus keine Arbeit mehr finden soll, werde ich mich im Nothfalle durch einen kleinen Handel er- nähren." „Die Leute werden Dir nichts abkaufen. Der Teßmer wird's ihnen einfach verbieten. Gegen den kannst Du nichts machen. Junge. Hier leben heut alle von seiner Gnade; das laß Dir gesagt sein." „So?" fuhr Wilhelm halb ärgerlich, halb empört auf, „da gäb's also gar keine Gerechtigkeit mehr hier zu Lande? Da kann der Kerl also machen, was er Lust hat, und man muß dazu schweigen? Na, das wäre ja noch schöner! Das wäre ja eine...." „Wilhelm, willst Du denn nicht gcscheidt werden?" schnitt ihm der Vater das Wort ab.„Wo kein Kläger ist, da ist auch kein Richter, und wo kein Nichter, anch keine Gerechtigkeit! Verklage doch den Teßmer, daß er Dich zu Unrecht bat einsperren lassen! Ich sage Dir, er wird sich ransreden wie ein Fuchs, und Du bezahlst die Kosten und hast die Blamage!" „Aber wenn ich den Leuten sage, was für ein Lump der Kerl ist? Wie er die ganze Welt beschwindelt, betrogen und bcstohlen hat; ivie alle Leute ihre Töchter vor ihm warnen müssen; welche Schandthaten er ans dem Gewissen hat?" „Du meinst, das wird man Dir glauben? Wer bist Du denn? Ein armer Schlucker, den niemand kennt, wie;fie zu Millionen ans der Welt rnmkriechen gleich den Würmern. Er ist der große, feine Herr, den alle als was Besonderes ansehen, der mit anderen feinen Leuten ißt und trinkt, die genau so sind wie er und die gar nicht wissen können, wie einem solch armen Erdenwurm, wie nnsereinem, zu Mnthe ist. wenn er getrete» und gedrückt wird! Und wenn Du mit Engelsznngen reden könntest, die Leute können Dich garnicht verstehen; die können Dir garnicht glauben, und wenn Dn's so klar beweisest wie die Sonne! In ihren Augen bist Dil dann der aufsässige, ver- logene Kerl, der keinen Gott und kein Vaterland hat, und den man vernichten muß wie das Ungeziefer! Ich bin ein alter Mann, Wilhelm, und habe viel erlebt und durchgemacht; aber daß ein so großer Herr unrecht bekommen hat gegen einen so armen Teufel, ivie Du, das habe ich noch nicht erlebt und werd's auch nicht erleben, und Du wirst's auch nicht erleben! An so was glaub ich einmal nicht!" Wilhelm hatte während der Rede des Alten finster vor sich hingestarrt. Was der Vater sagte, war eigentlich alles richtig. Dennoch mußte er ihm wieder Unrecht geben. Er hatte eben trotz seiner Jugend doch mehr von der Welt draußen erfahren, als jener. Ein schwaches Grollen des sozialen Erdbebens, das unser Zeitalter erschüttert, hatte längst in seinen Ohren wiedergehallt. „Run, bleib' bei Deinem Glanben, Vater! Ich bleib' bei dem meinen! Mag der Schuft von Teßmer anch noch so ein großer Herr sein, ich fürchte mich vor ihm nicht. Dann hänge ich eben die ganze Tagelöbnerei an den Nagel und gehe wieder als Zimmermann nach Magdeburg oder Leipzig oder noch näher ans Arbeit, wie ich's früher gethan habe; dazu sind ja die Eisenbahnen da. Aber hier im Dorfe will ich ihm trotzen, mir meinen Mund nicht verbieten lassen! Er soll erfahren, daß ein Arbeiter noch einen stärkeren Schädel haben kann als er, und wir wollen ja sehen, wer mürbe wird! Ich will ihm zu schaffen machen, daß er keine ruhige Stund? mehr hat!" „Du bleibst eben der alte Dickkopf, Junge! Ob Du damit abed durchkommst, ist eine andere Frage. Ich glaub'? einmal nicht, und Du wirst mir noch Recht geben!"-- Die Komptoirnhr zeigte ans acht, als Dr. Thal die Feder bei seite legte, den Sessel zurückschob und einige Male im Zimmer auf- und abging, wie um seine Glieder wieder ge- schmcidig zu machen. Dann blieb er am Fenster stehen und schaute einige Minuten in die Finsterniß, die nur in der Nähe der erlenchletcn Fabrikgebäude etwas erhellt war, sonst aber undurchdringlich schien. Ter Wind heulte unausgesetzt, rüttelte an den Fenstern und übertönte zeitweise laut das dumpfe, zitternde Geräusch, mit dem die arbeitenden Ma« schinen das ganze Gebäude erfüllten. Thal trat ivieder ins Zimmer zurück, rückte sich den Sessel in die Nähe des Ofens udd streckte sich behaglich darin ans. Nach dem anstrengenden Tagewerk that ihm die Ruhe wohl. Die neueröffnete Kampagne hatte ihm wirklich auch eine Arbeitslast gebracht, die er kaum bewältigen konnte. Alle Augenblicke wurde er gerufen; bald fehlte es da, bald dort; unausgesetzt war er ans den Beinen, die Arbeiten überwachend und sehr oft mit Hand anlegend wie ein Arbeiter. Im Bureau blieb ihm ebenfalls alle Arbeit, denn Teßmer kümmerte sich um nichts und kam oft tagelang nicht in die Fabrik, wenn er zu Hause war. Meist war er aber nicht mehr zn Hause. Er lebte kaum einige Wochen in Senten, die übrige Zeit in Berlin, im Bade und auf seinem Gute Raitz. Wenn er daheim war, hatte er stets eine Anzahl vornehmer Gäste bei sich und dann erst recht keine Zeit, sich um die Fabrik und die Wirthschaft zn kümmern. Die Festlichkeiten, Jagden und Spazierfahrten überstürzten sich dann. Das hinderte aber keineswegs, daß die Ackerwirthschaft und die Fabrik glänzende Erträge abwarfen. Oberinspektor Zeller war ein tüchtiger Landwirth, der bei dem Mangel jeder Kontrolle seine gute Rechnung fand und dabei seinem Herrn doch mit guten Resultaten aufwarten konnte. Desgleichen zeigten sich in der Fabrik die Wirkungen von Teßmer's schlauer Politik. Jahrelang hatten die Bauern keine Divi- denden bekomme», da Teßmer alle Uebcrschüsse für Verbesserungen des Betriebes aufgewendet hatte. Heute, nachdem er endlich alleiniger Herr und Eigenthümer des Etablissements geworden war, erntete er die Früchte dieser Taktik. Uebrigcns war Dr. Thal ebenfalls mit Leib und Seele bei der Sache, nmsomehr als Teßmer ganz gegen seine frühere Gewohnheit nicht verfehlte, dem Direktor die verdiente An- erkennung zu zollen. Thal bezog nicht nur ein glänzendes Gehalt, sondern Teßmer hatte auch sonst alles gethan, um ihm den Aufenthalt in Seilten angenehm zu machen. Einige Minuten von der Fabrik entfernt hatte er ihm ein schönes villenäbnliches Wohnhaus bauen lassen, da, wie er sagte, die alte Dircktorwohnuug in der Fabrik zu nngemüthlich lind unbequem sei. Thal und seine Frau durften bei keiner Festlichkeit fehlen. Ersterer konnte freilich nur in den seltensten Fällen von diesen Einladnnge» Gebrauch macheu', da die Thätigkeit in der Fabrik seine volle Zeit in Anspruch nahm. Um so häufiger war die schöne Frau Lude Thal in Tcß- mer's Villa auzukreffen, auch dann, wenn der Hausherr ab- wescud war, uud die Frauen allein blieben, denn um Rosa Teßmcr uud die Fran Direktor hatte sich eine, wie es schien, unzertrennliche Freundschaft geschlungen. Beide paßten in der That auch prächtig zu einander. Rosa Teßmcr hatte sich zu einer blendenden Schönheit entwickelt. Ihre volle, üppige Erscheinung bot ein Bild strotzender Lebenskraft. Reiten, Fahren, Jagen waren ihre Lieblingsbeschäftigungen, und ihr keckes Austreten konnte selbst alte Lebemänner in Verlegenheit bringen. In ihrer Seele schien nicht ein Funke von Gemiith zu leben; ihr ganzes Trachten war ans Vergnügungen, Zer- strenungen und Putz und Tand gerichtet. In Frau Thal, die sich seit der glänzenden Gestaltung ihrer materiellen Verhältnisse mit allem Raffinement modernen Luxus zu umgeben verstand und in Kleidung und Manieren vollendeten Chick entwickelte, sah sie ihr Vorbild. Für ihre Schwester Hedwig, die stiller denn je die häusliche Thätigkcit verrichtete, hatte Rosa längst nur ein verächtliches Nasenrümpfen. Dr. Thal sah das Freundschastsverhältniß zwischen seiner Frau und Rosa Teßmer nicht ungern, denn dieser Verkehr be- freite ihn von vielen Stunden des immer unerträglicher sich gestaltenden ehelichen Zusammenlebens. Seit jenem Maiabende, wo ihm so plötzlich klar geworden war, daß Hcdwig's Herz noch in alter Liebe für ihn schlug, war ihm seine Ehe zu einer Hölle geworden, aus der er sich so viel als möglich in die Stille angestrengter Arbeit flüchtete. Die unerwartete Hinausschiebung der Ver- lobung hatte ihn einen Augenblick mit süßen Hoffuungs- schauern erfaßt. Freilich einen Augenblick nur, denn sie de- deutete ja nichts weiter, als eine Verlängerung der Gnaden- frist; an der kommenden Thatsache wurde dadurch nichts ge- ändert. Ein Angenehmes hatte die Sache insofern gebracht, als Dr. Nessel seit einem Jahr nur selten in Seilten weilte. Die Bekehrung sollte sich in der Hauptstadt in aller Stille voll- ziehen, damit auch hier zu Lande nicht allzuviel Geräusch davon gemacht würde. Das verabredete Jahr war in kurzem zu Ende; Verlobung und Hochzeit sollten einander unn rasch folgen._(Fortsetzung folgt.) Sonnfns-splttttdevci. Vor einigen Jahren hat hier im Reich-Zhallen-Theatcr eine Pariser Artisten-Geiellschaft ein nie(bekanntes pantomimisches Spiel, den„Bnckelhans', aufgeführt. Es iverden nch zahlreiche Berliner »och der Vorstellungen erinnern. Die Gesellschaft hatte ihre Spezialität zu einer Vollendung herausgearbeitet, wie wir sie in Deutschland in ähnlicher Form nicht kennen. Der Inhalt der Pantominie war voll von Verbrecherroniantik allen Stils. Ein unschuldsvolles Mädchen wird von Unholden dedrängt und in der höchsten Noth glücklich erlöst. Die Fori» der Darstellung war aber von verblüffender Schärfe und naturtreuem Realisuins. Unter den mimischen Künstlern ragte besonders ein Man» hervor, der einen Zuhältertypns vorzustellen Halle. Der Schauspieler hatte ganz gewiß nach Pariser Modellen gearbeitet; es war aber überraschend, wie die Gestalt, die er schuf, sich so wenig von jenen Type» entfernte, die auf Berlinische»! Boden erwachsen sind, die man mit Abschen als Musterexemplare des Berliner tlloivdylhnms bezeichnet. Selbst bis ans Aenßcrlichkeilen in der Art sich zu kleiden, um eine gewisse Verwogenheit auszudrücken, erftreckle sich die merkwürdige Uebereinstiinmung. In Paris giebt es eine» zur Zeit berühmten Zeichner Steinle. Dieser Künstler hat sich ans ein ganz besonderes Gebiet verlegt. Er ist ein virtuoser Kenner des Liiiiipenprolelariats geivorden. Sein Atelier ist von Znhäller», die ihm als Modell diene», oft imd gern besucht. Manche dieser Leute haben ihre desondere Reputation; sie kommen nicht blos um des„Honorars" willen, sie wisse» es sich auch als Ehre cinzuschätze», daß ihre werthe Persönlichkeit von Steinlen's Stift festgehalten werde. Blanchen gemüthlichen Zng aus dem Lebe» der Entartete» weisen diese Zeichnnngeu, die voll von intimer Bcobachtimg stecken, ebenfalls auf. Denn am Ende be- steht keines Menschen Lebe» lediglich ans Nowdylhum und zynischer Brutalität. Ans diesen Knnslblätteru nun läßt sich eine ähnliche Wahrnehmung schöpfen, ivie sie im pantomimischen Spiel der Fmnzosei, zu tage tritt. Das Rowdyihnm an der Seine, wie das an der Spree, ist fast in nichts von einander verschiede». Gleich niedrige, gleich primitive Lebenslage hat beide» fast genau dieselben Merkmale ausgeprägt. Geberden- uud Muskelspiel sind gleich charakteristisch; dieselbe merkwürdige Mischung von scheuem Wesen der AnSgestoßsiien und aggressiver Unverfrorenheit zugleich. An diese Urbereinstinnmiug wurde ich in diesen Tagen erinnert, als wieder einmal das Berliner Rowdylhum niedrigster Art auf der Anklagebank der öffentlichen Meinung saß. Bon Zeit zu Zeit entlädt sich in unserer Presse die pathetische Entrüstung über Berlins Roivdy-Spezialität. Da giebt es tobende Ergüsse, da regnet es Anklagen und Flüche, als ob Berlin mit seinem Rowdylhum eine einzig hervorstechende Rolle in der Welt spiele. Wenn das moralische Gemülh eine Weile tüchlig sich empört hat und dies Berlin, Ivie in de» Predigten der Frommen, als Stätte des Grauens ansgeschricu wurde; wenn die Entrüsteten dann noch nach Prügelinaschinen und ähnlichen cmpsindlichen Dingen zur„Abivehr des Rowdythuws" gezetert haben, dann hat die liebe Seele ivieder Ruhe. Das verlästerte Berlin wird dann alsbald zum reizlimflosscne» Sprecathen ernannt. Mau weiß, was man dem lokalpatnolischen Leser schuldig ist. Bon Zeit zu Zeit soll er über die schreckhafte» Mysterien des nächtlichen Berlins c>ii wenig das Gruseln lerne»; das macht ihn dann um so einpsäiig- licher für die Echildermigen der einzigen Herrlichkeiten ans der Reichshauptstadt. Wie die Anklagen wider das verfluchte Rowdie-Berlin in ihrer krassen Uebertreibung mirvahr sind, so werden auch die rachsüchtigen Vorschläge, wie man das Roivdythum mit der Wurzel vernichten könne, bald falle» gelassen. Man hat sich ein bischen in siltlichcr Entrüstung getummelt, das ist alles. Die„Unholde der Gesell- schast" haben ihr Theil weg. Man hat Pech und Schwefel auf sie herabgcwnnscht und legt sich beruhigt wiederum aufs Ohr. Die Un- holde sprieße» indessen lustig weiter empor. Sie folgen de» Gesetzen ihrer besonderen Welt, in die man sie von ihrer Kindheit an hinausgejagt hat; und die moralischen Verwünschungen der allergerechtesten ttaniimnacher und bravsten Bürgersmänner üben auf sie dieselbe Wirkung, wie etwa die frommen Beschwörungsformeln auf moderne Salanskinder. Ein jugendlicher Zuhälter, mit Rainen Carow, trotz seiner LI Jahre in seiner Zunst schon gefürchtet, gab diesmal Anlaß zn dem Avgstgeschrei über Berlin. Nach den ungeschriebene» Gesetze» seiner Gesellschaft mußte der jitgendliche Caroiv sich als besonders schneidig sühlen; und gefürchtet iverde» bedeutet für ihn zugleich rekpektirt sein. Anch m dieser Sorte von Menschen ist das Sckvieidigkeitsgeiühl besonders lebhaft entwickelt und das Grausig- ko>n>5che daran ist, daß diese Verbrecher ans verlorener Menschen- ivürcX fast zu denselben SchneidigkcUspnnzipim gelange» wie jene Herrm die das ausgeprägteste Würdebewußlsein haben und denen die Sckmeidigkeit als Musterlngend gilt. So berühren sich in einem Punkt bv entgegengesetzten sozialen Pole. Der jimge Caroiv hat sich benommen wie ei?i Mensch, der sich an seiner eigenen blulrünfligen Bestialität berauscht. Er lollle und raste, er wolle einer seiner Bräute Rase und Ohren abschneiden; und als ein Schutzmann sich ihm entgcgenwars, stach der Wüthend« mit dem Messer nach ihm. Das ist sicherlich ein bestialisches Borkoinniniß; nur sollte es, wie das in Berlin so hänsig vorkommt, nicht gleich dahin ver- aligemeincrt werden. als lauerte in Berlin in jedem Hansfliir solch' lobsüchtigcr Messerheld, und als sei das Berliner Rowdythm» geivissermaßen eine ganz besondere Gättniig für sich. Gemeinsame Ursache», gemeinsame Wirkungen! Das Berliner Rowdylhum sieht dem von Paris und von London zum Berziveiseln ähnlich, weil seine Lebensschicksale, seine Erfahrungen dieselben sind. Die verdammte Einförmigkeit, in der das Geschlecht der Verwahrlosten anjwächsr, duldet keine feinere Differeuzirnng. Keine Familie, keine schützende Gemeinschaft hat über de» Berwahrlosten gewacht; keine Wärme hat ihnen begegnet; ans sich, ihre Kraft oder ihre Finvig- keil waren sie angewiesen; wie sollte bei ihnen jenes menschliche Gemeinschaftsgefühl erwachen, das erst intimere Seelcnregniige» er- zeugt? Freilich kam, auch bei ihnen nicht der menschliche Gesellig- keitslrieb völlig verküiiimern und verdorren. Nach Art der Gehetzten finden auch sie sich zu einem Nolhverbaud znsauiuien. Aber inner- halb dieses Berbandes ist stetes Mintrnnen, stete Eifersucht, stete Empßndlichkeit rege. Um welcher Kleinlichkeiten willen diese reizbare Enipsindclei sich regt, zu welch grausame» Nacheplänen sie geführt hat, das hat man in Geruhtssälen oft genug erfahren. In der engen Welt, in der das Rowdy- mid Verbrecherlhum trotz aller scheinbare» Ungcb.mdenheit eingepfercht ist. gewinnt das Niedrigste, das Kleinlichste eben häufig Bedculimg. Und innerlich beengt ist diese Well; darüber darf einseitiges Rasfinement bei Ausübung mancher Thaten nicht täuschen. Selbst der Jargon der illusgestoßenen ist im gründe sehr dürftig. Es ist unwahr, daß er besonders reich, besonders witzig oder anschauiich wäre. Gewiß überrascht manche Wendling; und Rojuanschrciber und Sittenschilderer, die es ans Sensation abgesehen hatten, schlugen Kapital daraus. Sie hänsen die prägnantesten Wortbildungen übereinander und erzeuge» so die künstliche Meinung, als quölle hier der üppigste R-ichlhulN empor. Es hat einen elsässischen Koinövicndichtcr gegeben, der seinerzeit sogar Gocthe's Beifall fand. Der halte die Vorliebe, in jedes feiner Lust- spiele, ivie in einen Wurstdarm, alles hineinzustopfen, was sei» hemialhliches Idiom an Sprnchweisheit und witzigen Einfällen barg. Würde man daraus niil recht folgern, in so überquellender Fülle drücke sich jeder Durchschnitts-Eisässer aus? Die rommi tischen Grellfärber und Enlrüstungsincier müßten nicht sein, wer sie sind, wenn sie gegen das ungcheuerlich dunkle Berlin»ichl die Polizeigeivalt anriefe». Da stellt sich dann sofort das vielbelicbte Schlagwort vom„Scheuiienvierlcl" et». Das Schell»e»vjertel, in Wahrheit die Slätle nackter Roth nnd das Asyl hungrig Verkoiiimender, wird, so weit es noch rxistirl, mit allen düstere» Schauern nintleidet, als wüchsen da Verbrecher von un- heimlicher Energie und grobe„Laster" empor. Die Polizei soll da kräftiger dreinfahren, die Polizei soll retten und anjräumen. Die Polizei»»d immer wieder die Polizei. Und iveiu1«in mächtiger doppcNer und drcifc.cTicr Polizeikordon um dos eniflclnfbtte oder wirkliche Schemi«»viertel gezogen iviirde— iu.iS b.v.ni? Ist i'n" Nowdylh»»! tobt, wenn man de» otcr jenen Zuhälter an�zreifl? Und besteht das Schennenvierle! wirklich nur im Norden der Stadl? Wenn man es in berechtigter Eniriislnng»iederreistt, dast kein Slei» des Schennenvicrtels ans dem anderen bleibt, iveun man es ausräuchert bis in die letzte» Schlupfwinkel, wird die Allretlerin Polizei wirklich Verlin„gründlich gereinigt" haben? Nein, nein, das Schcnnenviertel gehört zu unserem Berlin, die moralischen Schreier werden es nicht los lind wenn sie sich heiser lärmen. Das alte Schennenviertel kann gänzlich dcinolirt sein; was seine Wesen- heit ausmacht, was ihm den fauligen Ewdgcrnch lieh, das vergehl darum nicht, iveil empörte Moralisten verärgert sind. Ein kindliches Vergnüge», von der Polizei zu verlangen, was über ihre Kraft geht. •Ä-Ixsta.. Vleinvs Lseuillokon — Ncchcnlnaschincn finden neuerdings im Po st betriebe Verwendung, um die Auszahlnngsvcrzeichnisse der Postanweisungen nachzuprüfen»nd nachzurechnen. Der Vorzug der Rechenmaschine besteht darin, daß sie nicht nur unfehlbar sicher addirt, sondern zu- gleich die addirten Zahle» und die die gezogene Summe rechnungs- mästig nnlereinander in dentlichstcr Welse ausschreibt. In ihrem Aenster» ähnelt sie der Neinington-Schreibinaschine. Ans fünf zu einander parallel stehenden Tasleureiheii besindcl! sich ebenso oft die Zahle» von 1 bis 9; die ersten drei Reihen sind zur Angabe der Mark(Hunderter, Zehner, Einer), die beiden anderen für die Pfennigbelräge(Zehner und Einer) bcstinnnt. Um mehrere Beträge zu addiren, werben zunächst die dem ersten Betrage enlsprechenden Tastenzahle» hcrnntergedrückl; darauf wird ei» seilwäits befindlicher, leicht beweglicher Hebel angezogen, sodann werden die dem zuteilen Betrage ent» sprechenden Tasten gedrückt und der Hebel wiederum angezogen je. Durch die Hebelbewegnng vollzieht sich im Innern der Maschine selbstlhätig die Addilion, gleichzeitig werden die;n addircnden Be- träge mit Thpenschrifl einzeln»nd untereinander ans einem an der Hinlerseite der Maschine laufenden Papierstreisen abgedruckt. Tie Zahl Null, wofür keine Talle vorhanden ist, wird von der Maschine ohlie weiteres geschrieben, indem diejenige Reihe, in welcher eine Taste nicht gedrückt ist(z. B. bei der Zahl 103 die Zehnerreihe). ans dem Papierstreisen als„0" erscheint. Um die Summe ans dem Papierstreisen in Typenschrift hervorzubringen, ist nur ein Druck auf einen Knopf nebst zweimaligem Anzielten des Hebels erforderlich. Ohne jede Austreugung trägt die Maschine 1000 Postanweistingen in einer Stunde in die AuszahluUgs- Verzeichnisse ein und rechnet letztere mit unfehl- barer Sicherheit auf. während zum Eintragen mit der sreder, sowie zum Auf- und Nachrechnen im Kopf durchschnittlich 43/4 Stunde» erforderlich sind.— Wie die„D. Verkehrs-Ztg." hört, haben die mit den Maschinen gemachten Erfahrnngc» Beranlassnng gegebe», zunächst weitere dreistig Maschine» zu lestetie», die in den ver- schiedenen Bezirken zur Anstellung umfassenderer Versuche Verwendung finden sollen.— Theatcr. Als Direktor Alois Prasch, der Pächter der vereinigte» Familien« theatcr in der Charlotten- und Kantstraste, jungst feierlich verkündigen liest, i« seiitem B e r l i» e r Theater werde ein neues soziales Drama anfgesüchrt, durfte man sich ans spasthafle Dinge vorbereiten. Di« Anffnhrnng des sozialen Dramas„Das höchste Gesetz" von S z a f r a n s k i bat hie Erwartungen übertrninpst. Oh, oh, welch' junge Leute giebl es beutzntage noch! Es wurde wohl im Theatcr schon gemunkelt, besagter Szasranski, Orduungsniann und Redakteur ans Lübeck, lröfe von Sozialistetiblnt. Ein griuimigerer Sozialisteutödler sei der deutschen Bühne, der moralischen Anstalt, noch nie erstanden, als dieser Autor. Er sei ein wahrer sunöser Roland im Kamps gegen die rolhe Partei. Aber jetzt, da man Szasraneküs kindliches Gemüth lennt, verivandelt sich das Grausen vor ihm in heilere Behaglichkeit. Der Unschnlds- knabe hat wirklich nicht den geringstet, Sozialisienntord ans dem Gewisien. Sern grimmes Poltern ist keinen Gegenhast werlh. Nicht einmal das kleinbürgerliche Publikum des Berliner Thealers liest sich durch die schreckhaften Vorgänge, die die böse Sozialdemokralie verschuldet, ans seinem Phlegma bringen. Und der svcknlalive Herr Prasch, weit weniger kindlich als sein argloser Szasrainki, wird schon ans andere loyal-pädagogische Mittel sinnen müsse», um heistipornigcu preustische» Patriotismus und Ordnungssinn zu de- iveiscii. Ii, der Wohnung des Mechanikers Treder hängen die Porträts von Marx»nd Lassalle an der Wand. Jene Minorität des guten Piibltknins, die ahnen mochte, wen die Porträts vorstellten, dachte dei sich: Aha! jetzt kann's losgehen, und»ach der Drausgänger- manier des jungen Szasranski gab's bald ein gewaltiges Jagen. Dieser Treder ist nämlich ein verführter Narr. Sein Berhängniß ist die rothe Partei, verkörpert in der Gestalt des schuapsdiisleude», rothuäsigen Däinous und Aertra»e»s»ia»»s Lembke. Dieser Lembke ist eine Erzkanaille; man sollte nicht ineinen, was doch für elende Hallnnke» auf unserer Erde herumlaufen. Er hat den braven Treder, der ans den„Vorwärts" schwört, in die Versammlungen läuft, während daheim Weib und Kinder Hunger», in den Klauen. Tie schwarze Seele des rolhcn Lembke ist damit noch nicht zufrieden. Treder's Tochter ist Dirne geworden: sei» Sohn sitzt im Kittchen, weil er verdächtigt wird, als Dinla? ein geheimes Reillipr, das der„Vo.wärts" veiöffenilichie, eniwendel z>r haben; und uu» stellt Lembke in seinen bösen Gelüsten noch k er braven Frau Treber's nach, so daß die ziiii! Fenster hinans« sviingt und n»ler kläglichein Wiiilinern sterben inust. Nil» sieht Treder ein, wohin ihn der Hang zur Sozialdemokralie, sein böses Prinzip gebracht hat. Alles wäre»och verrungenirl worden, hätte Treder sich nicltt noch ans sich selbst und die Pflichte» gegen die verivaiste Familie besonnen. Ten rolben Tensel Lembke gab Herr Basiermaiin mit infernalischem Behagen; nnd Frau Posvischill starb als Biutter Treder so schanerlich schön, daß es manchem Zuschauer arg auf die Nerven fiel.— Wen» jetzt die Sozialdemokratie den Massen noch nicht vergrault ist, dann können Prasch und sein Szasranski wirklich nichts dafür.— Musik. —er—. Oper» ha ii§. W a g n e r' s„Nibelungen« ring". 3. Abend:„Götterdämmerung". In keinem Theile der Tetralogie herrscht solch rasch pulsirendes. der tragischen Katastrophe zudrängendes Leben als in der„Götterdämmerung". Muß die Jnlrigne, ivelche zum jähen Untergänge Siegfried's führt, auch das unpersöuliche Symbol eines„Bergcsienheilstrankes" zu Hilfe uebinen, so entschädigen für diese spezifisch Wagner'sche Moti- viriingsschwäche die reichen poetischen n»d tragischen Konseqnenzen. Das Benehmen Siegfried's Brünnhilden gegenüber, als er, nach Gennh des ZaubertrnnkS, sie als das für Giinther erkämpfte Weib beglicht; der Gruß nnd die Warnung der Rheintöchter an Siegfried; dessen Erzählung von seinen Ingen dthaten, nnd die ans dem Zu- stände der Eiitzaudemng hervorvrecheiide Erinnerung an seine hebre Liebe zu Brniinhilden; des Helden Tod und der Abschied Brünn- bilden's an dessen Bahre, imt dem zugleich, nach Zurückgabe des fliichbeladeneii Goldreifs an die Rheinnixeii, die Erlösung der seligen Götter und der Untergang der alten Well,, die Götterdämmerung hereinbricht— es sind Szenen van zwingender innerer Kran. In musikalischer Hinsicht ist die rein themalische Arbeit in der„Götterdämmerung" von einer geradezu erdrückenden Großartigkeit, in dein gigantischen Molivengefnge dieser Partitur ist wirklich etivas Magisches, das in Bewunderung uns erbebt»nd zugleich Heist nnd schwer, wie eine gewitterschn'üle Sommernacht, auf unser» Sinnen lastet. Melodisch Uetrachtei, bringt der Abschluh des Tondramas kaum etivas, was sich a» Bedeuinng mit dem rein harmoiiisch-dramatischen messen kann. Ausdrucksvolle siiigbare Melodien, denen, wie in der„Walküre", der kostbare Jnstrninentalschinuck nur überflüssiger Glanzpntz ist, und zarte, trauiltttaft-idyllische Stiinmungcn, die, wie im„Siegfried", iliiscre Empfindungen nmkose», giebl es da nicht; witde Leiden- schasten lind ewig aufgelegt« Asfekle lästt Wagner im Prinzip strenger Ptelodielosigkcit austoben; muer der Voraussetzung dieses Systems wird man immer die Macht seiner, für den erstrebten Zweck gesuchten und gefniideneii reichen Aiisdrncksmittel aitstauneil müssen.— Wie wir voransgesehen, blieb Herr Bnrg stall er dem tragischen Helden Siegfried viel mehr, als dein naiven Waldrecken- thume Jung- Siegfried's schuldig. Abgesehen davon, daß seinem Slinmuimfange nach der Höhe zu gefährlich enge Grenzen gezogen sind, ist eS diesem, einer seelischen Physiognomie säst ganz entbehren- den Organe wenigstens heute noch versagt, die verlangten Wirkungen eines dramalischcn Charakters zu erziel?». Im Ausdruck von einer Art verträinnler Senlimeiitalität, in der Geberden- und Mimik- spräche von hilfloser Monotonie, i» der GefangSknnst von fast er- heilerndem Nalnralismus, so stellt sich der junge Sänger als das Produkt der prinziplyrannischen Bayreniher Singinelhode dar. Den brennendsten Gegensatz dazu bildete die, in den Traditionen der sogenannten„allen" Schule herangereifte Gesangsleistung der Frau Li Ii Leb man Ii als Brnnnhilde. Den süßen Klang der Jngendfrische hat die Zeit der henke fast SV jährigen Künstlerin in manchen Stimmlagen allerdings genommen. Aber wie weist ihre Kunst noch jetzt zu erschüttern und zu rühren! In der Schlußszene, dem motivischen Extrakte des ganzen Tondramas, hob sich Frau Leb in a n n über sich selbst hinaus. Für die Waltrante, die ihre Schwester Briinn- Hilde durch die ergreifende Schilderung der Götiernoth zur Ent- äußernng de? Ringes bereden ivill, fehlte Fran Götze die Nach- drücklichleit nberzengender nnd phantasievoller Teklaiiiation, nnd auch die Giilriine des Frl. E g l i war bei aller Anmuth der Er- scheinnng keine gesanglich und geistig fessclnde Individualität. Sehr sein abgetönt klang wieder das Rheintöchter- Terzett der Damen Herzog, R o l h a» s e r»nd Deppe, und mit allen Schauern schwerer Düsterkeil war die eiuleileude Szene nm geben, in welcher die drei Nomen das Lebensschicksal Siegfried's spinnen und zer- reiße». Für die unheilvolle Dämonik Hagen's fand Herr M ö d- l i n g e r die rechten Schatten, und dem am Rande der Lächerlichkeit stehenden Gunther gab Herr B a ch in a n n einen Zug von Männlich- keil. Das heisere Rannen des Herrn Frie brich s, mit dem er als Alberich seinen Sobn Hagen an dessen Welterbschaft mahnt, ist eine vielleicht geistvolle Niianee; aber sie ist weder schön noch nothivendig. DaS Orchester schien etwas müde. Zum Schlüsse wolle» wir noch cinwal den vollen künstlerischen und materiellen Erfolg dieser Rmgaufführung konstaliren. DaS Publikum schien der Leilung der königl. Oper Dank dafür zu sagen, daß ihm das große deutsche Toudrarna fast in der nämlichen gesangs- solistischen Besehiliig dnrgeboten wurde, welche sich Buyrenlh durch die Wahl der für ihre Rvlie» pradestinirteii ftünfller geiinileu biivf. Nun wir sie gehört, dürfe» wir wohl mit Recht Herr» Buraitaller unser» Kraus, Herr» Friedruds unseru Hosiuauu eulgegeusteUeu; Frau Lehma»» gehört de»! Bayreuther Kreise nicht mehr au, und die hervorragende Altistin Heiut iverde» wir vielleicht bald die unsere »cunen können. Einen Künstler, dem Natnr und Kunst das Ge- präge sicherer McistersÄiasl verliehen, hat iius die bayerische Festspiel- stadt gesendet: Herr van Li o o y. Ihn halte man, wen» er z» halten ist.— Kunst. — Internationale Knn stans st ellnn g zu München. Der Gesaminterlös aus den Verkäufen beläuft sich bis jetzt auf eine halbe Million Mark. Für F A. v. K a n l b a ch' s Gemälde„Der Reigen" wurden von einem Privatier 35 000 M. gezahlt.— Knltiu'histovischeS. — Eine Doktorpro in otion im Jahre 1774. Im Laufe der Zeiten ist die Feierlichkeit so ziemlich von den Doktor- vroinoiionen gewichen, und auch der vielbernfene Doktorschinaus hat sein offizielles Gepräge eingebüßt; dafür sind aber auch jetzt mancherlei Nebenausgaben weggefallen und die Doktorhüte gegen früher billiger geworden. Wieviel im Jahre 1774, dem 39. seit Gründung der Erlanger Friedrich-Alexander-Universität, ein Erlanger Doktor ungesäbr kostete, hat ein Zürcher Arzt, der in Erlangen zum Doktor der Medizin promovirte, Johann Ludwig Meyer, in einem „krornotio rnea" betitelten Hefte aufbewahrt, woraus Professor Meyer von Kronau einiges in einem Aufsatze miltheilt. Wir geben hier die Auszeichnungen über die Kosten der damalige» Doktor- Promotion zu einem Vergleiche mit den Heuligen„Doktorkosten" wieder. Die Gesammlkosten beliefen sich auf 459 Gulden, wovon 199 Gulden der Fakultät für Examina, 59 dem Präses der Promotion, 3 dem Sekretär der medizinischen Faknllät und ebenfalls 3 dem Pedell für Siegelung des Diploms zu entrichten waren; die Inskription in das Kandidatenbuch der Fakllllät kostete 13 Gulden. 19 Gulden be- trugen verschiedene Ausgaben, so unter anderem in die Kasse für arme Stndirende; der Druck für 399 Exemplare der Dissertation er- forderte 63 Gulden, nebst 3 Gulden Trinkgeld für Setzer und Drucker, dann erhielt der Buchbinder 14 Gulden für das Binden der Dissertations-Exemplare; der Druck der Doktordiplome kostete 3 Gulden. Nun kommen die Ausgaben für das„Materielle", uäm- lich 19 Gulden an den Pedell für Wein und Konfekt bei dem Examen, 62 Gulden der Hansfrau für den Doklorschmans nebst 29 Gulden für 49 Maß Werlheimcr Weins und 29 Gnlde» für Burgunder; endlich brauchte der Kandidat auch noch ein Examens- kleid und etliches andere, wofür er noch 69 Gulden aufwenden mußte.— Aus der Pflanzenwelt. □ 91 ii 3 d e in Botanischen Garten. Abseits von dem Palmenhaus, mit der einen Schmalseite zwar au einen Hanptweg des Gartens stoßend, aber von dem Strom der Besucher fast gäuz- lich unberührt und unbeachtet liegt, zwischen dem Farcen- und dem Orchideenhause, ein niedriges Glashänschen. Kaum jemand wirst hin und wieder von oben eine» Blick durch seine schmalen Scheiben in das Innere, und doch birgt dieses unscheinbare Gehäuse die wichtigsten Nutz- und G e n n ß in i t t e l- P fl a n z e n wärmerer Zonen, die in dsn Hanshaltnuge» der ganzen Welt eine Rolle spielen. Zunächst gedeiht hier die B a u in w o l l e n st a u d e, Gossz�iuoa herbaceurn mit malvenartiger, blaßgelber Blüthe. Die in der Frucht sitzenden Samenkörner sind in lange. weiße Haare eingehüllt. Ist die Frucht reif, so springt sie auf, und diese Samenhaare quellen wie große Schneestocken daraus hervor, werden abgenommen und liefern die nncntbchrliche Baumwolle. Als nächstinteressantes Objekt stellt sich die ostindifche Kautschuk- v f l a n z e, ficus elastica, dar. Nichts weiter als ein einjähriges Unkraut ist die berühmte Indigopflanze, IncliKokgra tinctoiia, die hauptsächlich den weltbekannten, echten blaue» Färb- stoff erzeugt, welcher aus dem in vielen Pflanzen vor- kommenden Inäilran durch Gührung enlsteht. Zu diesen Pflanzengebilden gesellt sich der Ciiinanio inuni Carnphora, ein immergrüner, in Ostasie» heimischer Waldbaum, der sowohl Möbelholz, als auch das Kampheröl liefert, welches als Arzneimiltel benutzt wird. Im Haushalt finden die brennend schmeckenden Kamphcrstücke von aromatischem Geruch gegen Insektenplage w. vielfach Verivendiing. Sehr nützlich erscheine» ferner die afrikanischen Faserpflanzen Sanseviera cylindrica nub S. guinensis, indem sie B a st f a s e r» zu Stricke», Matten u. s.w. hergebe». Die Fasern sitze» im Innern der Blätter, von Ivo sie entfernt und verarbeitet werden. Ans eineni krautartigen Gewächs glühe» bluthrothe, blanke Niesenschote» hervor; sie stellen den Paprika oder spanischen Pfeffer, Capsicurn annuurn des tropischen Amerika dar. Namentlich die kleinere» Früchte geben ein sehr scharfes Gewürz. Weiler bemerkt inan den Rothholz- oder Cocastrauch, Ei-ytbroxykm Coca. Kant man seine Blätter, so vermindert sich das Nahrnngsbedürfniß und der Körper wird trotzdem zu großen Anstrengnngen besähigt, da erstere das immer mehr geschätzte Cocain enthalten. Hier reift auch die E r d» ii ß oder Pistazie,.Aracbis bypogaea, deren Früchte eßbar sind und gutes Speise-Oel liefer», das nicht selten zur Verfälschung von Oliven-Oel gebraucht wird. Erdnnß-Preßkuchen geben nahrhafies Vichfutter. Eine der nützlichsten tropischen Brot- pflanzen, ans der auch das Maniocmehl bereitet ivird, ist die Dioscorea Batatus, die Da ms würzet oder süße Kartoffel der Tropen.— Das An-rorv-i-ooti. ein Kinder-Nährmittel, liefert die Miaranta arundinacea ans dem tropischen Amerika. Es ist ein Stärkemehl, das unserem Kartoffel-Stärkemehl gleicht. Schließlich verdient noch der Ingwer, Eiogibsr officinale, im tropischen Asien heimisch, Erivähnung. Die Rhizome(knollcnartigen Aus- wüchse des Wnizelstockes) dieses Krautes geben den scharsschmecken- den Ingwer, der als Küchengewürz. Znsatz zu Liqueureu ic. beliebt ist. Die Wurzel liefert ätherisches Oel.— Huuioristisches. — Ein heiterer Auftritt spielte sich vor einiger Zeit in Neu-Brannschiveig(Nordamerika) ab. Peter Smith, ei» betrunkener Malrose, hatte mehrere Wirthschaften besucht, und die Erde machte imter seinen Füßen so schwankende Bewegungen, daß er sich ein- bildete, er befinde sich auf hoher See. Da sah er eine Telegraphen- stange, die er augenscheinlich für den Mast seines Schiffes hielt, und mit der Geschivindigkcit eines Assen— des Affe» nämlich, den er selbst hatte— kletterte er die Stange binanf und ließ sich auf der erste» Querstange gemüthlich nieder. Dann hielt er sorgfältig Um- schau und rief zuweilen„Schiff Ahoi",„Mann Über Bord" und ähnliches mehr; oder er fang ein Malrosenlied und lachte zwei Polizisten, die ihm gebieterisch zuriefen, er solle herab- steigen, herzhaft aus. Unterdessen hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt, die theils nm das Schicksal des Matrosen besorgt war, theils sich an seiner Lustigkeit ergötzte. Da siel es einem Potiziste» ein, eine ähnliche Rolle wie der Matrose zu spiele»; er kommandirte als Kapitän:„Alle Mann a» Deck!" Sofort verließ der Seebär seinen luftigen Sitz und rutschte die Stange hinunter,»in von den Armen der Polizisten aufgefangen z>i werden. Sein Gehorsam trug ihm leider zehn Tage Gefängniß ein.— — Gin H a u s s p r u ch. An ciim» Tiroler Vaueruhause steht: „Dieses Haus steht in Gottes Gewalt, Vorbei neu und hinlvei alt, Vorbei wird bald schön abgemalen, Und hintbei wird's bald gar einfallen."— Vcrinischteö voi» Tiste. — Eine gefühlvolle Seele. Der Theaterreferent des „Lokal-Anzeiger" verrälh mir keinem Wort, daß Smsranski's Sudelei „Das höchste Gesetz" gegen die Sozialdemokratie gerichtet ist. Warnu» ivohl?— — Fräulein Eva Roll, früher am Leising-Theater, hat sich in Posen bei ihrer Schwester eine Kugel durch den ikopf gejagt.— — B e r g i f t n n g durch Pilze. In Urzazewo bei Schwer« senz(Posen) ist eine ans Plann, Frau, Großvater und drei Kindern bestehende Tagelöhner- Familie infolge Genusses giftiger Pilze ge- storben.— — Bei einem Speicher brau de in Bremen wurde» zwe Feuerwehrleute schwer verletzt.— — 32 Schauerlente wollten sich in H a in b u r g an Bord eines Dampfers begeben. Dabei ninßtcn sie über eine» Steg. Der Steg chrach. und 29 Personen stürzten theils in eine Schute, theils ins Wasser. Die i» die Schute fielen, haben fast säinnillich leichtere oder schwerere Verletzungen erlitie».— — Die Ortschaft Ccpar in Galizien ist zur Hälfte ab- gebrannt.— — I» Rotterda in m hat ein ans Berlin stammender Uhr- macher Müller im Wahnsinn ferner Frau und seinem 11 Monate alle» Kinde de» Hals durchschnitten und sich da»» selbst angezeigt, wobei er zum Beweis seiner Thal ein Ohr seiner Frau vorlegte.— — In Paris hat sich ein im Quartier lalin bekannter, junger Dichter, Ren« Leclerc, mit Zyankali vergiftet. Grund: Er wollte nicht Hungers sterbe».— — In Nizza sind infolge von Regengüssen die niedrig ge- legene» Stadivierlel ü b e r s ch w e»> in l. Ans zwei Linien mußte der Bahnverkehr unterbrochen werde».— — I» London ist die große Zuckerfabrik von Pascalli sannnl den anstoßende» Nachbarhäusern niedergebrannt.— — Rew-Nork, 1. Okiober. Gestern kamen i» den von dem gelbe» Fieber heimgesuchten Distrikten 98 Fälle dieser Krankheit vor; sieben Personen sind gestorben. Die Krankheil breitet sich in New-Orleans ans. Der Frachten- und Personenverkehr ist nnter« brocheu.— Jlns den Südstaaten sind schon lausende von Furcht- same» nach dem Norden geflohen. I» Atlanta, der Hauptstadt von Georgia, allein besinden sich 4999 Flüchtlinge.— — Eine B e st i e. Der Befehlshaber des Hochländer-Regiments der Capstadt in Langeberg hat eingestanden, daß er dem Rebellen- Häuptling Luka Janlje den Kopf habe abschlagen lassen. Der einzige Zweck war. den Kops eineni Museum zu schenken.— Verantwortlicher Redakteur: Ananst Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.