AnterhaltungsMatt des Horwärts Nr. 197. Donnerstag, den 7. Oktober. 1897. Machdruck verboltn.) 2-] Vov Vauevnfuhvev. Roman von FranzKahler. „Also so steht die Sache, Mädel?" wandte sich Teßmer an Hedwig. Diese hatte sich inzwischen aus ihrer demüthigen Stellung aufgerichtet, und einen langen, stolzen und verächtlichen Blick auf Lude geworfen. Dann wandte sie ihre Augen bitlend und flehend auf Thal, der zornbebend einen Schritt auf seine Frau zu gemacht hatte. „Noch einmal, schweig, Dirne!" kam es keuchend über Thal's Lippen. „Herr Doktor," fiel Teßmer dazwischen,„als Vater dieser nugerathcnen Tochter muß ich Sie dringend um eine sofortige Ausklärung über Ihr Verhalten bitten. Denn Sie werden zugeben, daß ein Rendezvous an einem so ungewöhnlichen Orie und zu so ungewöhnlicher Zeit nicht das Eebahren eines an.. „Keine neue Beleidigung!" rief Thal, indem er mit einer so drohenden Miene auf Teßmer zutrat, daß dieser unwillkürlich einige Schritte zurückwich.„Keine neue Beleidigung, oder keine Macht der Welt soll mich hindern, Sie wie einen Hund nieder- zuschlage»! Indessen," fügte er ruhiger hinzu,„die gewünschte Aufklärung sollen Sie haben. Morgen würden Sie dieselbe ja ohnedies erhalten haben. Fräulein Hedwig und ich waren hier, um mit einem letzten Schwur unseren Entschluß zu be- thcnern, daß unser Schicksal van morgen ab aneinander ge- kettet ist. Nach dem, was soeben vorgefallen ist, sind weitere Erörterungen wohl überflüssig geworden." „So, glauben Sie?" zischte Teßmer. „Die jungen Leutchens haben in der That Glück!" warf Lude dazwischen. „Komm, Hedwig!" wandte sich Thal, als ob er nichts ge- hört hätte, an diese. „Du bleibst, Frauenzimmer!' schrie Teßmer, auf seine Tochter znspringeno, als sie Miene machte, der Aufforderung Thal's Folge zn leisten. Dieser trat dazwischen.„Zurück? Sie haben jedes An- recht, über die freiwilligen Entschließmige» ihrer Tochter zu bestimmen, verloren. Sic steht unter meinem Schutz, außer— wenn sie ihn ablehnt." „Robert!" hauchte Hedwig, seinen Arm erfassend,„ich folge Dir. O, führe mich hinweg!" „Und ich sage Ihnen, meine Tochter bleibt hier! Wenn ich nicht mehr über sie zu befehlen habe, so hat ihr Bräutigam noch das Recht dazu. In seinem Namen..." „Dr. Nessel werde ich jcderM zn Diensten stehen. Einstweilen aber machen Sie Platz!" Wieder standen sich die beiden Männer gegenüber. „Alexander!" rief in diesem Moment Lude,„laß doch die beiden Heiligen ziehen! Mcinctivegen waren so viel Umstände gar nicht nölhig; ich segne sie von Herzen! Auf diese Weise bleibt die Geschichte, der Skandal hätte ich fast gesagt, ivenigstcns unter uns." Die letzten Worte blieben nicht ohne Eindruck auf Teßmer. Willig ließ er sich von Lude, die schnell den Schlüssel von der Konsole genommen und die Thür geöffnet halte, bei Seite ziehen. Ein heftiger Windstoß verlöschte die Lampe. Thal und Hedwig traten hinaus und waren im nächsten Augenblick in der Fiusterniß vcrschivltndem-- XL Bis ans Dr. Nessel glaubte alle Welt an das von Teßmer verbreitete Märchen, daß Thal und Hedwig heimlich davon- gelaufen seien. So sehr die meisten dein Herrn Kommerzien- rath auch den kleinen Familienskandal gönnten, in dem Ver- dammnugsnrtheile über das saubere Pärchen waren doch alle einig. Als Teßmer daher in nobelster Weise für die unglückliche Frau des durchgebrannten Direktors sorgte, ihr weiter die hübsche- Villa zur Bewohnung überließ— der neue Direktor mußte sich wieder mit den alten Räumen in der Fabrik be- gnügen— fand seine Handlungsweise, wohl zum ersten Male seit langer Zeit, allgemeine Billigung. Man fand das sehr anständig von ihm, denn die arme Frau war bei dem ganzen Vorfalle doch am meisten zu beklagen. Dr. Nessel hatte den wirklichen Sachverhalt bald errathen. Das Verhältniß Teßmer's zu Lude Thal war ihm seit langem bekannt. Mit dem heimlichen Acrger des zukünftigen Schwieger» sohnes verfolgte er die riesigen Ausgaben, die Teßmer aus diesem Verhältnisse erwuchsen. Sein Entschluß, dieser Ver- schwendnng ein Ende zu machen, weim er erst zur Fanülie gehörte, stand bereits fest. Die„Flucht" Hedwig's war freilich ein furchtbarer Schlag für ihn. Zusammengebrochen mit einem Ruck war sein schönes, klug und berechnet aufgebautes Karteuhans. Als Teßmer ihm die Mittheilung machte, daß er das im traulichen töts-ä-tets überraschte Pärchen auf der Stelle davon» gejagt habe, stand er wie vom Donner gerührt. So nahe am Ziele und doch noch gescheitert! Zum Teufel, wenn dieses Frauenzimmer mit ihrem Skandal doch wenigstens bis nach der Hochzeit gewartet hätte! Das Band, das ihn an Teßmer knüpfte, wäre dann wenigstens nicht ein gar so loses gewesen. „Ich werde meine Ehre zu rächen wissen;" war alles, was er Teßmer erwidern konnte,„dieser Schuft von Thal soll nur blutige Genugthunng geben. Ich werde ihn finden!" Nessel entschuldigte sich mit seinem Schmerze, mit der ihm angethanen Schmach und verabschiedete sich eilig von Teßmer, der ihn verblüfft gehen sah.„Ich glaube, dieser Schafskopf macht mit seiner Verfolgung gar Ernst," dachte er.„Das könnte noch schön werden!" Ehe er indessen eine» Entschluß fassen konnte, war Nessel bereits verschwunden. Wie ein Wahnsinniger rannte der„Rächer seiner Ehre" zum Hanse hinaus und durch den Park. Das ruhige Blut hatte diesen Streber seit dem Znsammenbruche seines„Glückes" vollständig verlassen. Erst als er die Chanssee erreichte, wo ihm der eisig« Oktoberwind scharf ins Gesicht blies, wurde er rnbiger. Das werkiagsmäßige Geräusch der Fabrik, das gleichförmige, in kurzen, regelmäßigen Pausen weithin hörbare Aechzeu der Fördermaschine am Kohlenschacht brachten ihn langsam wieder in die Alltäglichkeit zurück. Ein Mensch betrogen um all seine Hoffnungen, all seine stolzen Pläne, was kümmerte das die Räder der Maschinen! Unter dem grauen, schneedrohcndcn Himmel lagen die Schollen» und Stoppelfelder still und einsam wie sonst. Die Rübenwagen, flankirt von frierenden und elend gekleideten Arbeitern, rollten langsam die Chanssee entlang. Nessel envidertc kaum die ehrfurchtsvollen Grüße der Vorüberziehenden. Vielleicht wußten die Leute schon von seinem Mißgeschick und freuten sich gar über dasselbe, denn er galt als ein gestrenger Herr. Je näher Nessel dem Dorfe Wiesenan kam, wo er noch immer die zwei Zimmer der Bahnhofswirthschaft bewohnte, um so unschlüssiger wurde er. Was sollte er eigentlich unter» nehmen? Hinter den beiden Durchgebrannten herlaufen? Das würde sich lohnen! Seine Ehre rächen? Hedwig zurückholen? Danke! Was lag ihm heute an seiner Ehre und an diesem Mädchen, wenn er nicht auch die Gewißheit hatte, daß er damit sein Glück wiedereroberte! Sein Bündel schnüren? Sein Glück anderswo versuchen? Einen Augenblick blieb er stehen, zögernd, als ob der nächste Schritt schon die Entschließung bringen müsse. „Fort von hier, von hier?" Mehrmals wiederholte ersieh diese Frage wie etwas so Ueberraschendes, so Unglaubliches, daß man es in der ersten Sekunde gar nicht fassen kann. Er sollte diese Gegend, Teßmer, seine Stellung ver» lassen, während doch jede Faser seines Herzens an all dem hing? Jahrelang sollte er umsonst gestrebt, noch dazu für einen anderen, diesen Protz von Teßmer, gearbeitet haben? Umsonst wären die Demüthigungen gewesen, die er oft zähne- knirschend hingenommen hätte? Umsonst war alles, sogar daS Opfer seines Religionswechsels? Und— leichten Herzen? vielleicht ließ ihn dieser Dummkopf Teßmer, der ihm so viel verdankte, heute gar ziehen. Nein und abermals nein, so billig sollte jener nicht davonkommen! Und doch, was hatte er wohl noch zu erwarten? Teßmer bezahlte ihn gut, das war richtig; als Vereinssekretär halte er «ine immerhin einflußreiche Stellung; aber genügte dies seinem Ehrgeize? Er blieb weiter ein von Tcßmer abhängiger Tage- löhner, der jede Laune seines aufgeblasenen Herrn willig ertragen oder gewärtig sein nmßte, sortgeschickt zu werden. Nein, dazu war er nicht geboren! Was hielt ihn also noch länger zurück? Die Entscheidung des Schicksals war vorläufig gegen ihn ausgefallen. Warum also verbissen gegen das Unvermeidliche ankämpfen? Besser. er fügte sich in das Geschehene und nahm einen neuen Anlauf, der ihm besser glückte. Aber das Scheiden von hier wurde ihm schwer, schien ihm fast wie eine Dummheit. War's nicht, als ob ihn etwas mit ungestümer Macht zurückhielt? Ein Gedanke durchblitzte sein Hirn.— Wenn in diesem Augenblicke die leuchtende Frühlingssonne durch die schwere Wotkenschicht des Oktobervormitlags gebrochen wäre und die Accker, Bäume, die Fabriken und ganz Wiesenau mit lachen- dem Glanz Übergossen hätte, das Panorama vor ihm, sein ganzes Dasein hätte ihm nicht herrlicher erschsium können als bei jenem Gevanken. Nein, sein Spiel war noch nicht verloren; vielleicht glänzender gewonnen als er je geahnt hatte, wenn— Nosa Teßmcr sein Weib wurde! War diese Lösung nicht einfach, war sie nicht wahrscheinlich, da er in diesem Falle doch die leideitschaftliche Neigung dieses stolzen, starrköpfigen Mädchens auf seiner Seite harte? O, jetzt erst wnrde ihm klar, warum ihir im ersten Augenblick, als er von Tcßmer die Mitthclliing von Hedwig's Flucht erhielt, ein Gefühl erfaßt hatte, dem er durch lautes, freudiges Aufjubeln hätte Ausdruck geben mögen! Die folgende Verziveislung über den Zusammenbruch seines stolzen Lebensplanes halte ihn eine kurze Zeit zwar gc- hindert, rechte Klarheit über sein erstes Enipfinden zu er- langen; aber während der ganzen Dauer seiner nieder- gedrückten Stimmung war es immer schärfer ans seiner Un- gewißheit herausgetreten,»ud jetzt fühlte er, daß es eigentlich nur ein dumpfer, blöder Traum gewesen war, der ihn seit einer halben Stunde genarrt hatte. Nessel lachte hell ans und setzte starken Schrittes seinen Weg fort. Wie hatte er nur nickt sofort an Rosa denken können; an Rosa, mit der er sich verstand wie mit keiner, die er, wenn dieses Wort bei ihm überhaupt einen Sinn hatte, anbetete, wie er nur ein Weib anbeten konnte! Hatte er je mit Hedwig nur eine Minute sich mit derselben"Hingebung, mit dem- selben Vergnügen und mit derselben Vertraulichkeit unterhalten können wie mit ihrer Schwester? Und sie, das stolze, lebenslnstige, übermüthige, schöne Mädchen, hatte sie ihn nicht mit Beschlag belegt, von der ersten Minute, wenn er ins Zimmer trat; hatte sie nicht mit ihm kokctlirt bis zur äußersten Grenze des Erlaubten, ihn im Hinblicke auf ihre Schwester nicht geradezu mit kleinlichen Eifersüchteleien verfolgt? Galt er nicht als der Einzige, �dessen Einflüsse sie sich zugänglich erwies? Nun wurde ihm alles klar. Welch' ein Narr war er gewesen, sich von seiner schwcrmüthigen Stimmung meistern zu lassen. Was war sie ihm auch gewesen, seine Braut, diese spieß- bürgerliche Hedivig, die ihm nur begchrenswerlh war, da sie damals das heirathsfähige Alter hatte. Eine lahme, eine bucklige Tochter Tcßmcr's im gleichen Alter wäre ihm ivahr- scheiitlich ebenso begehrenswcrth erschienen. (Schlich folgt.) „Genosse". So oft ich in Zeitungen, Broschüren und Bücher» von Arbeiter- feinde» das Wort der obigen Ueberschrist in höhnische Gänsefüßchen «ingeschlossen sehe und lese,— lacht wir vor Vergnügen das Herz im Leide. Herr Niclerl und Herr Richter können sich einen so brüderlich innigen'Ausdruck für gegenseitige Anrede nicht leisten. wie die diirch ein Geistes- und Herzensband vereinte» Kämpsn der Arbeiterpartei. Die Herren Hohenlohe und Miqnel wohl auch nicht. Aber wir, ja wir können's— und lhun's, lhnn's mit Freude und Genugthuung. Wir von der rotheu interiiationale» Rotte haben uns durch ein Menschenalter diese kerudenlsche itlnrede zu eigen gemacht,— und sie wird international verstände» und gewürdigt- llnserc Brüder in Rußland, Italien, England. Frankreich und aller- wärts fühlen, wie ich aus hundertfacher Erfahrung weiß, sehr ivohl heraus, daß ein inniges Berbundenseiir in diesem schlichten Worte Genosse sich kund giebr, wenn auch iinr ivenigen die svrachgeschicht- liche Bedeutmig des deutschiii Wortes Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntniß ist. Es ist der Ton. der die Musik macht! Und etivas von dieser Herzens- imd GefnhlSniiisil kündigt sich auch unseren Brüdern fremder Zunge an in der üblichen Anredesorm. Von dem mächtigen großen Bindemittel, den großen erhabenen Zielen der größten Kulturbeuiegung aller Zeiten, will ich nichts sagen, mich»ur an die sprachliche Seite der Sache halten, natürlich nicht den kulturgeschichtlicheu Inhalt dabei außer acht lassen. Aeltere Genossen eriuireru sich wohl noch des Antrages, der auf einem der frühefteu Tagsitzungen der deutsche» Arbeiterpartei ein- gebracht wurde und dahin lautete, man möge das brüderliche Du einführe» von Memel bis zur Adria, vcn den Vogesen bis zu den äußerste» deutsche» Borde» der Donau. Man mag darüber lächeln, man kann aber nicht den sittlichen und Gesuhlsinhalt dieses An- träges übersehen: i» ihm ruht mit ein Theil der Stärke unserer Parle, nnd unserer Bewegung. Der Antrag ist abgelehnt worden, aber ohne Beschluß nnd Satzung ist die Anrede Genosse Brauch geworden im Leben des Kampfes und der Arbeit,— und sie leistet, was jener Antrag bc- zweckte, vollauf. Sie sagt jedem so Angeredete», daß ihn der andere als ein Mitglied derselben Genossenschaft, derselben einen großen Familie betrachlet; er bringt dem, der die Anrede gebraucht, auch im schärfsten Meinungsaustausch stets zum Bewußtsein, daß er zu einem gleichberechtigte» und zu einem Bruder redet. Man kann von einem schlichten Wort wahr- lich nicht mehr verlangen Z Das wäre so nngesähr der kulturgeschichtliche Hintergrund des Wortes in feiner moderne», in unserer Anivendnng. Mögen sich die Bureanschreiber»nd schnlgebildeten Zünfller aller Art Herr Kollega titnlirett: ein größeres Wohlgesüht können sie dabei nicht haben wl« unsereiner, wenn die traute Anrede an sein Ohr schlägt oder er sie braucht. Solche Jmponderabilien, solche»»wägbare Dinge haben auch ihren hohen Werth im Gesellschaslslebe» der Menschheit. Ich brauche nach dem kurz Ausgesührlen mich wohl nicht noch weiter zu verbreiten; alle Genossinnen und Genossen werden mich verstehen, denn das, was ich andeute, ist, dessen bin ich sicher, ihr eigenes erlebtes inneres Besitzlhnm. Aber wir haben ja»aiürlich das Wort nicht erfunden, nur vor- gesunden und freilich mit einem neuen Inhalt erfüllt. Vielleicht inlercssirt die Leser die Geschichte des Wortes in älterer denlscher Zeil, von der ich nun zu reden gedenke. Hildebrand, der dem alten Jakob Grimm kongenialste der Fort- setzer des Grimm'sche» Wörterbuches der deutschen e-prache, führt das Wort ei» als:.ein werlhvolles und lehrreiches altes Wort, auch gut erhalle» und vortheilhaft wieder auslebend". Dabei denkt er zunächst an die amtliche» Wortprägungen: Genossenschast(mit beschränklcr Haftpflicht), Bernssgenossenschafl». s. w. Auch an Schniltze-Delitzich und seine Bcstrebnngen, wie a» ähnliche der Land- wirthe erinnert rr. Hinter der Sozialdeinokratie sah er zu viel Uiidciitsches, Französisches, ohne jedoch Chauvinist z» sein»nd der Proletarierbewcgnng den berühmte»„guten Kern" abzusprechen. Des Gebrauches des Wortes Genosse innerhalb unserer Partei thut er dann auch Erwähnung. Er sagt: „Bei einer Partei, die sich vorzugs>ve>se als die Partei der Ziilunst ansieht, wird es auch als eine Art Partcitilel gcbranchl." Das Hauptwort Genosse, in mittelhochdeutscher Schreibung gono?, wobei das o lang, das geschwänzle z als weiches s zu sprechen ist, ist abznleilen von dem Zeitwort genießen und zwar von der Vergangenheitsform: ich genoß. Es bedeniel Eine», der den Mit- genuß a» einem Gut mit einer bestiinmlen Menge anderer Personen hat, die mit ihm zusammen alle eine Rechls-»nd Jnieressengemein- schasl bilde», gegründet ans gemeinsamem Erivirb und geuieinsaiiiem Besitz. Wichtig ist das Mitlhim bei dem Erwerb, mag dieser Ernte von Bodensrüchien, Jagd nnd Fang von Nutz- und Nahruugsthiere», Gewin» von Kriegsbeule oder weicher Art immer sein:»ur aus gemeinsamer Nrbeil des Eriverbens erwächst gemeinsames Besitz- und Nntznießungsrecht. Gleiche Pflichle», gleiche Rechte verbanden alle Genossen dieser Gescllschaslsgcbilde. Wer diesen nicht angehörke, nicht mitgeihan Halle bei der Arbeit»nd folglich mich keinen Rechtsanspruch auf Mitgenuß hatte, den nannte man ungenoe, z. B. zwei Bürger aus verschiedenen Städten wurde» so genannt. Aus der Rechts-»nd Jnleressengemeinschasl der Genossen ergicbt sich die Bedeuiung: ungleich,»nebeubürtig, niedere»(oder höheren, meist erslercs) Slandcs für diejenigen, weiche nngenü� genannt werde». Auch im Erbgang hat ein solcher keinen Anspruch ans Genuß. Ja Weis- lhümcrn(Aufzeichnimgeii alier Dorsrechlc) heißt es». a.: Wenn einer der Goiiesmänner(Inhaber von Kloster- oder Kirchengnl zu Loh» nnd Nutz)„außer seiner Genössine ei» Weib greift", d. h. außerhalb der(hier agrarische») Genossenschaft Heirather, so haben die diesem Bunde enlsprießenden Kinder kein Erbrecht. In der Rechtssprache des Mittelalters heiße» die gleichberechtigten Erben: geerb undo genöz. Zahlreich sind die Zusainmensetzungen mit unserem Wort, deren erster Beflaiidtheil dasjenige Gut augiebt, an welchem alle gleiches Recht und gleichen Mitgenuß haben: Hausgenossen, Zeltgenossen. Lagergenossen, Kampfgenossen, Brotgenossen, Wappen- und Turnier- genoffen. Schiffsgenossen u. s. w. Geschichtlich insbesondere berühmt und bekannt wurden die Eidgenosse», die schweizerische» ebenso wie die vom Bundschuh der aufständischen Bauern.„Ehhalteu nnd Brotgenossen" ist stehender Ausdruck jür die Gesammtheit der Mit- glieder einer Haus- u»d Wirthschastseinheit, einen Haussland. Selbst Lehnsherr und Vasall, Vogt und Bauer sind einander genoz, da die Verbindlichkeit vom idealen Rechlsstandpiinlt auch in solchen Verhältnissen für gegenseitig verbindlich galt. Selbst die Empfänger öffentlicher Wohlthätigleitsgaben heißen noch bei dem Schweizer GoUfried Keller(in der Erzählung": Der grüne Heinrich) nach dem alten guten Wort; an einer Stelle des genannte» Buches lesen wir:„Kinder von Holzhacker», Tagelöhnern und von alinosengenössigen Seilten". Von einzelnen interessanten Znsaminensetziings-Bildungen er- wähnen wir noch: Helmgenosse, was nicht etwa einen Ritler, sondern einen helmberechtigten Sta tbürger bezeichnet, und Kunügenoß, d. h. ZIngehöriger einer gelchrlen Zunft, da in älterer Sprache Kunst so viel bedeutete wie Wissenschast, die man sich dachte als einen Kreis von Genossen, etwa wie man noch heute seit Klopnock's Vorgang von einer Gelehrtenrepnblik spricht. Die deutschen Dichter des vorigen Jahrhnnderls, welche unter dem Saniinelnanien des Hainbundes(nach einem Wäldchen bei Göltingen) bekannt sind, nannten sich Genossen; Walhallagenossen nannte man in unserem Jahrhundert jene berühmten Deutschen, deren Bildnisse in die Walhalla siunig Ludwigs von Bayern bei Negensbnrg ausgenommen wurden. Vielfach kann man bei Wendungen der älteren Sprache zweifeln, ob genoz als Hauptwort oder Eigenschaflswort zu fassen ist. Fürsten genoß(große Anfangsbuchstaben waren in alter Zeit nicht das Ab- zeichen der Hauptwörter) konnte heißen: ein Genosse von Fürsten, oder einer, der einem Fürsten gleich gilt. Ungenöz nannte man einen, der nicht seines gleichen hat, so wird genannt der gelehrte Albertus Magnus(1133—1280), aber auch der heilige ungenühte Rock Christi der miltelallerliche» Sage. So lesen wir in Frcidanks Sprüchen: Lügen, Trügen sind so groß, Sie höhen(erhöhen) inaucheu Ungenoß. Und Haus Sachs weiß zu melden: Geld einen Fürsten machen kann, Geld macht Grasen und Thnniiers genoß, Geld macht edel, giebt Wappen groß.— Auch als Umstandswort finden wir das Wort gebraucht; so wird von Malern geredet, die„in Kinds genoß", d. h. in linvlicher Weise malen, d. h. etwa so, wie die„Randzeichnungen de, kleineu Moritz" in den„Fliegenden Blättern". Als politischer staatsrechtlicher Begriff ist dem Mittelaller ge- läufig der Ausdruck: die Genossen von Fraukriche, d.h. die au Macht und Würde, a» Rechten und Pflichte» gleichen Pairs, die höchsten Adeligen und Würdenträger jenes Landes, die den Peers Englands, den Granden Spaniens zc. entsprechen. Da fließt das Wort Genosse mit dem fast gleich bedeutenden: Geselle, znsaminen, das ans ritterlicher Zeil stammt und nrsprüiig- lieh so viel wie Saalgenosse bedeutet, einen, der mit anderen gleich- berechtigt au Pflichten und Ehren den geräumigen Herrensaal des Rillersitzes theilen darf. Im Golhischen lautet das Wort Aasaljaus, woraus das miltelallerliche Latein die Mehrzahl A-rsalranes gebildet hat.— Da die vornehmen Herren von Besitz und Bildung den Prole- tarier heutzulage nicht gern in ihren Sälen(Salons) dulden mögen, es sei denn sie hätten ihre Arbcilsbienste nölhig, so möge» sie nicht Gesellen noch Genossen von diesen sein und beißen. Und letztere handeln nach dem Spruche des 16. Jahrhnnderls, der da lautet: Halt dich zu deinen Gcuoßen, So bist du unverstoßeu. Sie thun darnach und schließen um so fester und enger an Ihresgleichen als getreue Grellen und Genossen in Freud und Leid, auf Tod und Leben sich au einander. Und sie thun wohl daran. Manfred W i t t i ch. Vlernes JTciti lief tut. — Tic Schiicfligkcit dcS Gcdaiikcuö im Traume. Daß von der„blitzartigen', gleichsam geheinmißvollen" Schnelligkeit des Gedankens im Traume nichts zu hallen ist, daß diele vielmehr ge- ringer ist als im Wache», dafür bringt der französische Philosoph I. Clavisre in der„stievne Philosoph." folgenden interessanten Be- weis: Man kann die Schnelligkeit des Gedankens während des Traumes in denjenigen Fälle» messen, wo das Läuten einer Weckuhr, welches in bestimmten jeitliit.cn Abständen erfolgt, als Beslandibeil in den Traum eingeht und auf diese Weise einen Thcil des Traumes abgrenzt. Clavivre erzählt nun einen solchen Traum, in welchem er sich im Theater zu befinden meint. und wo während der erlebien Vorgänge daselbst Plötz- lich ein Läutewerk ertönt, während er selbst beim daraus folgenden Läuten erwacht. Dies zweiinalige Läuten rührt von seiner Weckeruhr her. Claviöre hat dann die erlebten Tranmereignisse im Wache» in Gedanken wiederholt und gefunden, daß ihr Verlans kürzere Zeit in Ülnsprnch nimmt als während des Traumes, obwohl doch manche Vorgänge, wie z B. das organische Ausspreche» der Wörter, im Wachen längere Zeit erfordern, als im Traume. Ans diesem Grunde nimmt er an, daß die Schnelligkeit des Gedankens im Traume geringer ist, als im Wachen. Diese Herabsetzung hat wohl ihren Grund in dem meist verminderten Blutzufliiß nach dem Gehini, sowie in der eingetretenen Anästhesie, welche die Vorstellnngs- bildnng erschweren, ferner darin, daß das Denken im Traume an das Ausprägen von Bildern gebunden ist und dadurch eine Ver- zögerung erfährt, welche beim Denken im Wachen dagegen sehr gering ist.— — Duftige Licbcsbotschaftcit. In Brasilien haben zärtliche Liebespaare nenerdigs eine ebenso poetische wie originelle Art des Anslansches von Biilobs-ckoux entdeckt, die man leider in Ländern mit rauherem Klima nicht nachzuahmen im stände sein wird. Die in Südamerika in üppiger Pracht blühenden Riesen-Lorbeer- Magnolien liefern den Liebenden das Material, auf dem sie jetzt alle kürzeren Liebesbotschaflen einander zugehen lassen. Die groben, schneeweiße» Blüthenblälter haben nämlich die eigenthümliche, aller- Vings längst bekannte Eigenschaft, daß die kleinste auf sie ausgeübte Berührung nach einige» Stunden einen braunen Fleck entstehen läßt. Diese Blätter oder vielmehr die ganzen Blülhen werden nun eifrig von den Liebenden benutzt. Mit einem harten, scharf zugespitzten Stift wird die zarlweiße Fläche jedes Blumenblattes beschrieben; von der so anfgetragenen Schrift ist zuerst gar nichts zu bemerken, und der Absender kann sein offenes Liebesschreiben ganz ungenirt einem Boten zur Besördernng übergeben. Die Empfängerin stellt dann die Blüthe in eine mit frischem Wasser gefüllte Vase, und nach zwei bis drei Stunden ist die geheimnißvolle Inschrift der duftende» Blnmenblätter so klar und deutlich zum Vorschein ge- koinmen, daß sie ohne Mühe entziffert werden kann.— Literarisches. g. b. Franz Hofen: Wer einmal... Die Liebes- geschichte einer Schauspielerin. Beilin, R. Jacobslbal. 1897.— Eine Reihe kleiner Erzählungen; alle gleich flau und oberflächlich. Nicht eine, die aus dem Snmpse der Mittelmäßigkeit hervorragte. Ver- geblich sucht man in dieser Erslliugsarbeit nach Spuren einer echten Begabung; und man würde sich doch gewiß freuen, wenn man auch nur etwas fände, woraus sich eine günstige Voraussagnng stützen könale. Eine giinstige Voraussagnng, wie sie Max Ring in der Einleitung dem Verfasser stellt. Nein! Diese„ersten Frühlings- blüthcn" werden keine reifen Früchte tragen. Aber vielleicht wird der Autor einer der mit Recht so beliebten„ansprechenden Salon- erzähler".— Theater. — A n z e n g r n b e r' s„G' w i s s e n s w u r m wird nächstens dem Nepertoir der Schauspielhauses eingefügt werden.— — E i n„V o l k s s p i e l h a u s" in Wien. Aus Anlaß des Negierungsjubilännis des österreichischen Kaisers soll nach Art des Meraner Volksspielbanses auf dem Plateau des Kahlenberges ein Ttseater gebaut werden, das den Namen„Wiener Volksspiele" führen wird. Das Theater hat einen Fassiingsraum von 6- bis 8000 Per- sonen. Als Mitwirkende sind ausschließlich Diletlanten in Aussicht geuommen; die Leitung der Bühne wird ein Theaterfachmann über- nehmen. Das Volksspielhans auf dem Kahlenberg ist vorläfig nur für die Dauer der nächstjährigen Sommersaison gedacht; es wird seine Vorstellungen mit dem Ostersonntag beginnen und zum Herbst wieder beenden. Als Spiellage wurde» der Donnerstag jeder Woche, sowie die Sonn- und Feierlage in Aussicht genommen. Zur Dar- stellnng gelangt eine Art historisches Volksspiel, das Bilder aus der sünizigjährigen Regierungsperiode des Kaisers wiedcrgiebt und namentlich in bezng ans Kostüme, Waffen und dergleichen eine historisch treue Szenerie bieten soll.— Das„Volk", auf das mau hier spelutirt, scheint„der dumme Kerl" von Wien zu sein.— Kunst. — Die Berliner Nation algallerie hat Böcklin'S in München ausgestellte„Meeresbrandung" erworben.— Geographisches. — Früheres Klima der Polargegenden. Gegen die bisherige Annahme, daß in einer geologischen Periode die Polar- regionen sich aueb eines tropischen Klimas erfreuten, wendet sich Gregory in der„Nalnre". Diese Theorie war ans einige Lager von Pflanzenüberreslen begründet, von denen die bedeutendsten aus Disco- Island und den benachbarten Küften von Grönland anfgesunden wurden. Diese fossilen Pflanzen wurden von Heer beschrieben und verleiteten Lyell zu den Schlußfolgerungen, daß früher eine äußerst üppige Pflanzenwelt, darunter viele Bauiiiarten und selbst Palmen, in der Polarregion vorkam, wo jetzt alles mit Eis und Schnee bedeckt ist. Diese Behanptnngeu wurden so sicher ausgesprochen, daß sie in alle Lehrbücher überginge», und alle Einwürfe dagegen gewöhnlich unbeachtet blieben. Solche Proteste erfolgten von Dr. lltobert Brown. Slarlie Gardner erklärte lange Reihen von Heer's Bestiiiiinungen als werthlos und zog fast die Hälfte der von Heer ansgestclllen Genera und Spezies ein. Augenblicklich ist Nalhorst, in dessen Händen sich die Heerschen Typen befinden, mit einer Revision derselben beschäftigt und ist ebenso, wie Brown und Gardner, von der»ngcnügenben Bestimmung der Pflanzenreste von feite» Heer's überzeugt. Vor allen Dingen ist klargestellt, daß Palmen nicht unter den Pflauzenresten vorkommen, und dann ist durchaus nicht sicher, daß alle die Stämme von Bäumen, die man in Spitz- bergen und Grönland findet, dort gewachsen sein müssen, vielmehr ist dasselbe sicher als Treibholz zu betrachten. Brown fand in dem sossilen Blätterlager auf Disco-Jslaud nicht ein einziges Blatt, das noch an einem der vorhandenen Hölzer festsaß, und er ist wie Steeiistrnp der Meinung, daß die Blätter durch de« Wind an ihren gegenwärtigen Lagerplatz hingeführt seien. Das meiste arktische Treibholz besteht zwar aus Fichten- und Lärchenstämmen der sibi« rischen Wälder; aber auch Mahagonistämme aus Zentral- Amerika und westindische Bohnen werden nicht selten dozwischcn gefiindein Man könnte also auch so das Vorkoinmen von tropischen Pflanze» in den fraglichen Ablagerungen erklären, ohne einen Wechsel des Klimas annehmen zu müssen, der durch eine Verschiebung des Pols hervorgerufen fein soll.— Physiologisches. — Physiologische Wirkungen hoher Ballon- fahrten. Die Wirkungen von Ballonfabrten in sehr grope Höbe», über 7000 Meter, auf de» menschlichen Körper bespricht Professor Dr. Müllenhosf- Berlin in der Zeitschrift„Die Natur". Faht man die bei Hochsnhrien im Ballon gemachten Beobachtungen kurz zu- faminen, so ergiebt sich als Gesauimtresultat: 1. Die bei wissen- schaftlichen Luftreifen— und solche sind alle bisherigen Hochfahrten gewesen— bestehende Nolhivendigkeit, innerhalb iveniger Minuten eine große Menge von Beobachtungen zu machen und nieder- zuschreiben, erzeugt eine fieberhafte Unruhe; diese sowie das Beivusjtsein der mit der Ballonfahrt verbundenen Gefahr könne» allein schon die beschleunigte Pulsfrequenz herbeiführen. 2. Die Abkühlung, die der Körper infolge der»ieorigereir Temperali» der höhereu Luftschichten erfährt, ist hmifig sehr beträchtlich t sie ist in einzelnen Fälle» lästig empfunden worden. 3. Die Lustvrnct- Verminderung bewirkt, wenn die Eustachische Röhre verstopft ist, Ohrensmiscn und selbst Ohrenschmerzen. 4. Die Verringerung des Parlialdruckes des Smierstoffs hat, zumal bei Fahrten, die über 7000 Meter hoch gingen, die Luftschiffer beeiiiflusti. Bsnierkenswerlb ist, daß gerade die besten Beobachter, die berühmten Physiker Gay Lufsac und Biot und der Astronom Welsch durch die Verringerung des Parlialdruckes des Sauerstoffs in keiner Weise beeinflußt ivorde» sind. 5. DaS bei raschem Auffahren dem Baston in großer Menge entströmende Gas hat vielfach den Luftschisfern große Beschwerden und felbst Lebensgesahr, ja Tod bereitet.— Medizinisches. c. e. Das farbige Licht als Heilmittel. Ein junger dänischer Arzt, Dr. Finsen, hatte schon vor längerer Zeit in einer wiffenschaftlicheu Zeilschrist darauf hingewiesen, daß die rot he» Strahlen auf die Heilung gewisfer schwerer B l a t t e r n f ä l l e eine» günstigen Einflnü ausüben. Das veranlabte ihn, die Ein- Wirkung des farbigen Lichts ans verschiedene Krankheiten zu studiren, wobei er die Entdeckung machte, daß die blauen Strahlen einen ganz bestimmten Einfluß auf den„Lupus" haben. Seine Studien fanden solchen Anklang, daß das dänische Parlament ihm eine Unterstützung von 20 000 Kronen bewilligte. Dr. Finsen hm NUN im Garten eines Hospitals in Kopenhagen ein Lavoraloriuni eingerichter, das mit allen Instrumenten für das neue Heilverfahre» versehe» ist. Iii den letzten Monaten wurde» 50 Lupuskranke de> Eirahlenkur unterworfen; 19 solle» gänzlich geheilt sein, während die anderen noch in Behandlung sind.— Ans dcm Thierlebe». — Treue einer Katze. Man bringt im gewöhnlichen Lebe» den Begriff der Anhänglichkeit und Treue nicht in Ver> bindung mit einer Katze, man hält vielmehr diese Thiere für falsa und untreu. Wie anhänglich aber eine Katze sei» kann, das beiveisl folgende seltsame, aber wahre Thalsache. I» Rohrbach in Lorh- ringen wohnt ein Herr, der sich eine Katze hält. Wenn dieser Herr den Spazierstock in die Hand nimmt, um einen Spaziergang in feine Fluren zun unternehmen, begleitet ihn seine Katze ein Stündchen, indem sie bald vor ihm, bald hinter ihm sich in lustigen Sprünge» ergeht. Kürzlich spielte sich dieselbe Szene ab, doch der Herr der Katze kehrte nicht wie gewöhnlich nach Hause zurück, sondern bestieg auf dem von feinem Wohnorte eine Viertelstunde weit«nlsernten Bahnhofe de» Elsenbahnziig und kehrte erst nach einigen Tagen wieder. Zu seinein»nbeschreibliche» Erstanne» erwartete ihn die Katze ans dem Bahnhof; dieselbe war inzwischen nicht z» Hause ge- wesen, sondern aus dein Bahnhof geblieben und, wenn ein Zug in der betreffenden Richtung eintraf, lies sie auf den Bahnsteig; jedes Mal, wenn ihr Herr nicht ansstieg, zog sie sich zurück. Endlich kam ihr Herr doch, und als sie ihn erkannt«, schmiegte sie sich miauend und freudevoll an ihn und kehrte mit ihm in das Dorf zurück, wo man sie fünf Tage lang nicht gesehen halte.— Astrouomisches. — Gegen die Benutzung der Spinne nfäden, welche wegen ihrer Feinheit und Stärke noch für die Fadenkreuze der astronomischen Instrumente Verwenduiig finden, betont F. L. O. Wadsworth die Nachtheile, welche die Hygro- skopicitäl und theilweise Durchsichtigkeit dieser Fäden zur Folge hat, und die sie mit den gleichfalls zu verwerfenden Seidenläden theilen. Früher waren sie freilich unentbehrlich, da die Metallfäden zu grob für diesen Zweck sind. Jetzt jedoch hat man in den Quarz- f ä d e u ei» Material, das nicht allein von atmosphärischen Aende- rnngen nicht beeinflußt ivird, sondern auch an Feinheit und Stärke die Spinnenfäde» und alle andere» bekannten Fäden weit übertrifft. Die Durchsichtigkeit der Quarzfäden wird beseitigt durch Versilbern mittels eines der bekannten Versilberungsverfahren, wodurch sie selbst im stärkst erleuchteten Felde vollkommen undurchsichtig werden. Wadsworth hat solch versilberte Quarzfäden seit fünf Jahren als Gilterfädcn eines Beobachtnngsfcrnrohrs mit dem besten Erfolge neiiutzt und empfiehlt dieselben unter Beschreibung eines einfachen Versilberungsverfahrens.—(„Naturwiss. Nundsch.") Humoristisches. —„ O st e l b i e r." Neulich gönnte sich ein Bauer im Elsaß im Wirthsbaus ein Weilchen Rast, und um das Nützliche mit dein Angenehmen zu vereinigen, studirle er bei seinem Glase Bier die Weltneuigkeite» in dem aufliegenden Blättle. Dabei stieß er denn wiederholt auf die„Ostelbier". Die sind nun,»ms die Personen anbetrifft, auch im Elsaß vorhanden und wohlbekannt, aber der Name war den» Bauer unbekannt geblieben. Deshalb verivnnderte er sich sehr und»leinte zu seinem Nachbar:„Was das jetz Widder str e ncie Biersort isch! Do hett mer Stroßburger Bier, Münchener Bier. Pilsener Bier, Kölner Bier, nn jetz ividder e»eie Sorte, das Ostelbier! W» mag des ivohl harkunime„Aus Pntlkamerun!" belehrte ihn der Nachbar, und der Bauer freute sich der erworbenen Kennlniß.— c. e. Ein Nießkonzert im G e r i ch t s s a l c. Ein komischer Prozeß spielte sich dieser Tage in der dritten Abthcilung der Mailänder Straskauiuier ab. Zwei Händler ipareu»vcgen Betruges angeklagt, weil, sie einer würdigen alten Dame ein aus Olivenkernen hergestellies, mit schädlichen Zuthateu gemischtes Pulver als Pfeffer verkauft habe» sollten. Man rief einen Sachverständigen, und drei Päckchen, ivelche 17 Kilogramm von jenem Pfeffer ent- hielten, zierten den Präsioententisch. Doch kann»»vare» sie geöffnet, als ei» feiner Staub die Lust erf Ute und sich rasch überall hin ver- »reitete Sofort begannen die in der Nähe der Päckchen sitzenden Herren zu niesen: der Präsident, die Richter, der Staatsanivalt, der Schreiber, die Berlheidiger». s.»v., bis in dem ganzen Saale ein einziges großes Nieakomert staltfand, denn auch die Znhöier und die Angeklagte» hallen sich der Einwirkung des„reizenden" Stanbes, der i» Hals und Naseiihöhle» drang, nicht entziehen lönne». Die Sitzung mußte, unler aligenieinein Gelächter, unterbrochen werden.— Vmiiischtes von» Tage. — Das Kartoffel-Denkmal. Im O b e r h a r z auf dem sogenannten Brandhai, zivi'che» Br'nnlage und Tanne ist unter dichtem Waldgeltrüpp ein merkwürdiges Denkmal ausgesnnden ivorde», das dort vor 150 Jahren errichtet rvnrde lind»nzrvischen ganz in Vergessenheit geralhen war. Als man zufällig den Wald mr dieser Stelle lichtete, legte man zur größten Ueberraichnng einen 2 Meier hohen Granitblock frei, der aus einem zweistusigeii Unterban rnht iiird ans eiserner Tafel die Jnschnst trägt:„Hier wurden in, Jahre 1747 die ersten Versuche mit dem Anbau der Kartvffel gc- macht."— — In Kanzel(Pfalz) e r s ch l n g ein wegen Falschmünzerei inbastirier Rosettenmacher den Gefängnißverwaller und verletzte deffeu Frau i»>d Töchter schwer.— — Ein Luxemburger Schneider wnrde in Diedcnhoien als„Spion" verhaftet. Er hatte sich vor dem Metzer Thor„Auf- zeichiinngcn" in sei» Stotizbnch gemacht. Diese Aufzeichnungen einpuppten sich bei näherem Zlisehen als Notizen, welche angaben, wie viel der Schneider in der vergangenen Liachl ausgegeben.— — Eine Rabiate. In einer Wirtbsbnde auf der Oktober- fcsiwiese i» München zerschlug eine ztellneriii au» Kopie eines Schlossers, mit den» sie in Streit geralhen ivar, drei Maß- k r ü g e.— — I» G a j e bei Lemberg veranstaltete der Propinalionspächter Scharrer anläßlich der Hochzeit seiner Tochter ein Festessen. Säunntliche Theilnebmer erkrankten unter Vergiftnngs- erschein uugen. Vier sind bereits gestorben.— — Im Golfe von F in nie herrschte eine fürchterliche Bora. Die Knstenschtfssnhrl mußte eingestellt werden. Der Verkehr mit Abbazia ist unterbrochen. Die Züge laugen sännntlich mit großen Verspätungen an.— — Ein Glockenlänter raubte i» Antwerpen einer Familie aus Rache einen vierjährigen Knabe», knüpfte das Knid auf und ertränkte sich dann.— — Feiner Geschmack. Die reichen englischen Weiber halten sich jetzt Schlange» als Schooß- und Lieblingsthierchen. Es kommt ihnen aus die„Wonrieschauer" a». die eine Berührung mit der kalte», schlüpfrige» Hanl der Reptilien hervorrust.'Auch kleine Alligatoren und grüne große a m e r i k a» i s ch e Eidechsen werden an silbernen Ketten durch die Salons geschleift. — In Klondyke hat„Richter Lynch" sein erstes Opfer gefordert. Ei» Geldgräber, dessen VorriUhe zu Ende waren, Halle einem Kameraden einen Schinken gestohlen. Er wurde ge- hängt.— Verantwortlicher Rrdaklenr: Angnst Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.