HlnterhaltmlgsblaZt des Vorwärts Nr. 199. Souutfig. den 10. Oktober. 1897. (Nachdruck verbale».) Der Momnn einer DerMwörunr;. Von A. R a n c. Ins Deutsche übertragen von Marie Kunert. L Kaiserliches Polizeiministerium. Kabinet des Ministers. Bericht Nr. 2781. An Se. Exzellenz den Herzog von Novigo. (Vertraulich.) P o i t i e r s, im August 1813. Herr Minister! Ew. Exzellenz werden mir verzeiben, daß ich Paris ver- lassen habe, ohne um Verhaltungsmaßregeln gebeten und Be- fehle in Empfang genommen zu haben; aber die Eisen lagen im Feuer, und ich hätte mich des Vertrauens, mit dem Ew. Exzellenz mich beehren, unwürdig gezeigt, wenn ich anders gehandelt hätte, als ich es gcthan habe. Ew. Exzellenz mögen darüber nrtheilen. Ich habe vor vier Tagen von dem Agenten Nr. 7 der 2. Brigade einen Bericht erhalten, dessen Abschrist hier folgt: Bericht an Herrn Degrange. „Gestern Abend habe ich mich im Palais Royal ganz in der Nähe des„Mannes mit den großen Taschen" befunden. Welch' Glückszufall! Einen Monat war es her, seit wir ihn ans de» Augen verloren hatten. Schließlich hat er sich doch nicht enthalten können, nach dem Palais-Noyal zn komme». Er spielte und gewann. Aber während er spielte, hatte er die Augen überall, und von Zeit zu Zeit ließ er, nach rechts und links blickend und die Gesichter musternd, eine kurze Pause im Spiel eintreten, bei einem solchen Spieler ein Zeichen, daß er mißtrauisch ist. Bis elf Uhr spielte er, dann ging er weg. Ich bin ihm nachgeschlichen, um zu scheu, wo er schlief und um seine Adresse festzustellen. Aber der Hund hat sich bei einem Frauenzimmer in den„Galerien" aufgehalten, wo er auch wieder aufgestanden ist. Ich begleitete ihn bis zn der Thür des betreffenden Hauses und wartete dort zwei Stunden lang. Als ich sicher war, daß er schlief und vor dem nächsten Morgen nicht herauskommen würde, bin ich nach Hanse gelaufen, um etwas zn essen, ein wenig zn schlafen und mir den Kopf anders zurecht zn stutzen. Bei Tagesanbruch habe ich die Ueber- ivachuug wieder anfgenommeu; aber der Mann mit den großen Taschen ging erst zu Mittag ans. O, der treibt es bunt! Auf der Seite des Palais Royal ist er fortgegangen. Da ich sicher war, ihn dort wieder zu finden, bin ich im Trab zn dem Mädchen gelaufen. Es ist ein Franenziunner ans dem Elsaß, aber sie kannte ihn nicht. Es war das erste Mal, daß sie ihn gesehen halte. Sic sagt, daß er viel Geld i» der Börse bat und sehr freigebig ist. Er hat ihr gesagt, daß er wiederkommen wird. Mnß abgewartet werde». In seiner Lage wird er doch nicht so dumm sein! Alsdann habe ich nur einen Gang bis zum Palais Royal gemacht, wo ich ihn in» Garten wieder- fand. Er plauderte mit einem andern, der auch ivic ein Militär in Zivil aussah. Ich näherte mich ihnen, indem ich so lhal, als ginge ich spazieren; aber im selben Moment trennten sie sich; ein neuer Beweis, daß sie Mißtranen haben. Ich Hörle indessen, wie der Mann mit den großen Tasche» zu dem andern„Poiticrs" sagte. Da ich nicht beiden zugleich nachgehen konnte, folgte ich dem Manne mit den großen Taschen. Er kehrte zum Spiel zurück, verlor aber. Dann ging er über die Freitreppe zum Palais Royal hinaus, wandte sich hinauf nach rechts in die Rite des Pctits-Champs und ging auf der Seite der Rne Cocquillörc. Daun bog er in die Rne Jean Jaegnes Ronssean ein und trat in das Postgcbäude. Da ich ahnte, daß er dorthin gehen winde, war ich an ihm vorüber und vor ihm hinein gegangen. Alsdann blickte er sich um, und als ich sah, daß er zum Postbnreau von Bordeaux ging, trat ich dort wieder als der Erste ein. Ich that, als ob ich mich nach etwas erkundigen wollte und hörte, wie er einen Platz im Wagen nach Poiticrs bestellte. Alan gab ihm Platz Nr. 1 für heute Abend 8 Uhr. Als er gegangen war, erhielt ich Platz Nr. 2 und gab dafür 20 Franks, die ich in meinem Ausgabenbuch vermerkt habe. Ich denke, daß ich damit nicht unrecht gethan habe für den Fall, daß Herr Degrange die Ueber« wachnng fortsetzen will. Da ich sehr vorsichtig gearbeitet hatte, glaubte ich, daß der Marin mit den großen Taschen nicht acht auf mich gegeben hätte. Aber der boshafte Mensch erwartete mich— ein neuer Beweis, daß er mißtraut— an der Thür. Ich ging vorbei, als ob nichts wäre. Er sagte auch nichts, fing aber an, dicht hinter mir her zu gehen. Als- dann, als ich sah, daß der Mann mit den großen Taschen mir folgte, statt daß ich ihm nachging, gab ich die Ueber- wachnng ans und ging nach Hanse." Dies, Herr Herzog, ist der Bericht, den ich von einem meiner besten Agenten erhalten habe. Ew. Exzellenz werden in dem Aktenstoß Nr. 108, Karten 22 der Reihe 6 eine ans- führliche Notiz über diesen Mann mit den großen Taschen finden, den meine Leute so nennen wegen eines langen Rockes, den er oft trägt, und der in der That ungeheure Taschen besitzt. Dieses Jndividnuut hat nach einander seit Beginn der Ueberwachnng die Namen Pavie, Gnillenny und Danican angenommen. Aber keine dieser Namen ist der wahre. Er ist sehr gewandt- und sehr mißtrauisch. Obgleich er sehr liederlich ist, sagt er den Frauen- zimmern gegenüber nichts, und wir haben bis jetzt seine Jdcn- tilät noch nicht feststellen können. Alan hätte ihn gerade ver- haften lassen müssen, und Ew. Exzellenz wissen, daß, wenn ein solcher Streich nicht im rechten Moment fällt, das Spiel nicht die Kerze wcrth ist. Wer er auch sein möge, gewiß ist, daß Pavie, Gnilenny oder Danican Beziehungen mit dem General Lahorie nuterhalten hat. Es ist wahrscheinlich, daß er in der Malet'schcn Sache als Vermittler zwischen den Royalisten und den Jakobinern gedient hat. Es hat cinen Danican in der royalistischen Kontrcpolizei des Herrn Hyde de Neuville gegeben. Aber ist dies derselbe? Ein sehr genauer Bericht theilt mit, daß der Mann mit den großen Taschen(Ew. Exzellenz werden mir bis auf neuen Befehl gestatten, ihn so zn bezeichnen) an dem Tage des nn- sinnigen Malet'schcn Versuchs dem Abbe Lafon bei der Flucht geholfen hat. Er hat ihn vier Tage lang verborgen und ihm die militärische Verkleidung verschafft, nnrer der dieser Haupt- mitschuldige Malet's Paris verlassen konnte. Arbeitete er. allein im Interesse des Abbe Lafon und der Verschwörung oder für Rechnung der Royalisten? Folgte er nicht vielmehr, als er eilten Mann von schwachem Charakter, der so vieles ivitßte, entweichcit ließ, den Jitstruktioneu Fnche's oder der Leute, die gegen Ihre Verwaltung und gegen Sie selbst, Herr Minister, so ungerechte Anklagen erhoben? Dies sind so viele Fragen, ans die zn antivorleu mir jetzt unmöglich ist. Es genügt mir, Eiv. Exzellenz versichern zu können, daß der Mann mit den großen Taschen bis an den Hals tn die Sache verwickelt war und es noch ist. Seine Abreise nach Poitiers beweist reichlich, daß wir ihm ans der Spur sind. So könncu Ew. Exzellenz sich wohl denken, daß ich ohne eine Minute zu verlieren, meine» Koffer zugeschnallt habe und auf die Post geeilt bin. Die Post nach Bordeaux sollte gerade abgehen, ich sprang in den Wagen, wo Nr. 7 mir einen Platz belegt hatte. Ich nahm eilte Ecke, und in der anderen hatte ich sofort den Mann mit den großen Taschen erkannt. Wir waren drei im Konpee! Der Platz in der Milte ivard von einem biederen Pelzhändler cingenommen, der nach Poitiers geht, nm dort Gänsebälge zu kaufen, die er unter dem Namen französischer Schwan wieder verkauft. Es ging nicht an, den Mann mit den großen Taschen zum Sprechen zu bringen, denn er ist zu sehr auf der Hut. Auch habe ich mich, da man selbst auf der Reise arbeiten mnß, mit dem Gänsebälge- Händler be- schäftigt. Dieser einfältige Mensch ist mit der Regierung nicht zufrieden. Ich habe einiges über die Meinung im Publikum und über das, was die Handelstreibenden sowohl in Paris als auch in Poiticrs reden und denken, aus ihm herausholen können. Dies ivird der Gegenstand eines Spezialberichts sein, den ich die Ehre haben werde, an Ew. Exzellenz zn richten. Sonst hat sich anf der Reise von Paris nach Poitiers nichts bemerkenslverthes zugetragen. Ich bin geiviß, daß der Manu mit den großen Taschen mit niemand verkehrt hat, weder auf der Vorspauustation, noch in den Hotels, wo ivir gegessen haben. Wir sind heute Nacht-in Poitiers angekommen. Er ist im„H.l.'tcl dcs trois-Pilicrö" abgestiegen, wo tr sich unter seinem alten Nanien Pavic eingeschrieben hat. Er bar sich für cincil AiigcstclUeu bei den Armeclicserungc» ausgegeben. Natürlich bin ich ihm nach der„Trois-Pitiers" gefolgt. Von dort ans schreibe ich an Ew. Exzellenz. Bevor ich das Ministerinin verließ, habe ich meinen Ver- trcter über die lanfendcn Sachen unterrichtet, die er übrigens zum größten Theile schon verfolgt hatte. Ich denke also, daß der Dienst nicht leiden wird. Gegenwärtig brauche ich hier niemand. In diesen kleinen Städten, wo alle einander kennen, würde eine größere Zahl von Agenten eher verwirrend als nützlich sein. Wenn es indessen nothivendig werden sollte, so bat mein Vertreter die Nummern der Leute, die man mir schielen müßte. Ich habe die feste Hoffnung ans Erfolg. Geruhen Sie, Herr Minister, die Versicherung meiner Er- gebenhcit und der Hochachinng entgegenzunehmen, mit der ich die Ehre habe zu sein Ew. Exzellenz uuterthänigstcr und ge- horsamster Dcgrange. ?. S.— Der Untersuchungsrichter Dranlt ist seit einem Monat von der möglicherweise erfolgenden Ankunft eines Be- austragten unserer Verwaltung benachrichtigt. Ich bitte Ew. Exzellenz bei der Rückkehr des Conriers mir Vollmacht zu geben. Damit ich den Telegraphen zu nieiner Vcrsngnng habe und im Nothfalle den Präfektcn itnd den Generalprokiwator vor- gehen lassen kann. Kriegsministerinm.' Kabinet des Munsters. Privatsckcetariat. Bericht Nr. 2005. Ali Herrn H., Privalsekrctär Sr. Exzellenz des Herzogs de Feltre, Kricgsmiuister. Weither Herr! In Ausführung der Befehle, die Sie mir von Sr. Exzellenz, dem Herrn Herzog de Feltre übermittelt haben, bin ich nach Poitiers gereist, von wo ich diesen ersten Brief an Sie richte. Vor allein muß ich Sie benachrichtigen, daß ich immer die Agenten Rovigo's ans den Fersen habe. DaS stört mich nicht; sie könneil mich überwachen, soviel sie wollen, wenn sie iiicht merken, daß ich sie anck überwache, wird alles gut gehen. Nun, sie ahnen nichts; sie können iiichts ahnen. Arn Tage meiner Abraffe bin ich im Palais Royal, wo ich einige Napoleons riskiren wollte, von einem Agenten der Brigade Tegrange abgefaßt und bis zur Post verfolgt worden, aber so ungeschickt, baß ich sofort sah, mit wem ich cs zu thnn hatte. Dieser Tölpel trat in demselben Moment in das Bureau, als ich meinen Platz erhielt. Ich habe beim Fortgehen ans ihn gewartet, und da ich ihn los werden wollte, weil ich noch — wie Sie wissen— einen wichtigen Gang vor hatte, bin ich Schritt sür Schritt hinter ihm hergegangen, ohne ihn einen Fuß breit loszulassen. Er begriff, daß er erkannt war und ließ mich in Frieden. Aber ich machte mich darauf gefaßt, ihn oder einen seiner Genossen am Abend an der Post zu finden. Das hat den» auch nicht gefehlt. Das Konpce war ziemlich vollständig besetzt. Zunächst befand sich darin Ihr ergebener Diener, dann ein unbedeutender Bürger und schließlich ein kleiner Herr mit vor- witziger Miene, bei dem ich sofort dachte: das ist mein Niann. Wahrhaftig, Rovigo sollte seine Agenten doch besser aussnchcn. Diese Kerle machen der Verwaltung Sr. Majestät des Kaisers keine Ehre. Ich habe nicht das Vergnügen, den Polizcidirektor Rovigo's zn tenneu, aber nach dem Bilde, das man mir von ihm gemacht hat, wäre es sehr wohl möglich, daß es Tegrange selbst war, der mit mir im Wagen saß. Ich werde sehen. Stellen Sie sich vor, daß dieser elende Wicht sich damit unter- hallen hat, einem armen Kerl von Kaufmann, der mit uns reiste und in Gänsebälgeu handelt, die Würmer aus der Nase zu ziehen. Es scheint, daß es im Poiton eine sehr schöne Raffe dieser iutcrcssantcn Vögel giebt. Alle Gänicriche sind weiß, ohne einen einzigen Fleck und sehen zum Verwechseln Schwänen gleich. Unser Keuffmann hat uns das erklärt. Er bar auch über Politik gesprochen und besitzt seine eigene Meinung über die kaiserliche Regierung. Er denkt nicht zu viel Schlechtes von ihr, und wenn die Verwaltung sich mehr irnl der Gänsezucht beschäftigte, wenn er vor allem keinen Zoll mehr für die Einsuhr seiner Bälge nach Paris bezahlen brauchte, wäre alles ans das Beste geordnet. Ich habe ihm gerathen. ein Schreiben an den Kaiser zu richten, dem keine kleinste Eimclheit fremd ist, und der nichts vernachlässigt, was das Glück seiner Untcrthancn angeht. Er antwortete mir, daß der Gedanke vortrefflich wäre, und er darüber nachdenken wolle. Während er so schmatzte und allerlei Nichtigkeiten sagte, horte der Spion Rovigo's mit beiden Ohren zu. Ich wette, daß er bereits au seine Vorgesetzten einen Bericht über diesen braven Mann verfaßt hat. Und durch solche Berichte glaubt die Regierung sich über dte- Ansichten im Volke zn unter- richten! Schließlich geht es mich aber nichts weiter an, und ich kehre zn besagtem Hammel zurück. Hammel kann man in diesem Falle mit Recht sagen. Unsere Reise ist sehr gut ver- laufen, und ich habe darüber nichts weiter von Interesse mit- zntheilen. In der Nacht tfiat der brave Aufpasser, als ob er schliefe. Aber selbst in der Dunkelheit fühlte ich sein kleines Auge, das mich durchbohrend ansah, auf mir ruhen. Ich habe ihn nach Gefallen wachen lassen und dafür den Schlaf des Gc- rechten genossen. Erst in Poitiers erwachte ich, als der Postillon beim Einfahren in die Stadt mit der Peitsche knallte. Ich kannte kein Hotel; ick) ließ mich deshalb von dem Gänse- bälgehändler führen, nud wir stiegen zusammen in den Trais- Piiiers ab. Natürlich ist Dcgrange(lassen Sie mich ihn so nennen, obgleich ich nicht bestimmt weiß, ob er cs ist, aber es ist mir bequemer) uns gefolgt. Von morgen Vormittag ab werde ich mit Hilfe der Anwcisnnge», die Sic mir von dem Herzog de Feltre gegeben haben, das Terrain studireu,»md so bald ich etwas Neues habe, au Sie schreiben. Ich bin, mein Herr, Ihr sehr ergebener Diener Möhn de la Gniche. ?. 3. Unter uns gesagt: ich habe im Palais Royal am Tage meiner Abreise nicht viel Glück gehabt und die Na- polcon's, die Sie mir gegeben, etwas angegriffen. Kurz, ich bin wie das Kruzifix von Alonne, sehr entsiibcrt. Schicken Sic mir doch eine Anweisung auf den Zahlmeister für Herrn Pavie, Beamter bei den Armceliefcrnngcn. Das ist der Beruf und der Raine, den ich hier angenommen habe. (Fortsetznng solgl.) Sotttttstgsplculdruci. „Glftfllj«! Sie denen nicht, die Sie niederziehe!! wollen," sagte mir Liebknecht gelegentlich einmal. Ost wurde ich an dieS Wort erinnert. Man braucht es manchmal, will man einiges Selbst- vertrauen fassen. Denn zu hänsig erfährt man im Leben, daß jene», die mit wvhlseiieu kkiiusten vertraut sind, leicht der billige Ltrbeer zustiegt. Tas ist nicht nnr bei imS so; es ist internationaler Brauch; und veriviuideu fragt man sich. wie konnte der oder jener so viel Anhang gewinnen, ja mitnnter geradezu zu Hcidcn- ruhm gelangen In Frankreich lieble man eZ früher, dc� nationalen Eitelkeit mit dem Spruch zn schmeicheln: Bei de» espril- reichen Franzosen tödtet die Lächerlichkeit. Längst sind dort die ver- schiedenstci! Leute lächerlich gen>ordei>, und die Lächerlichkeit hat ihnen nichts angehabt. S>e leben und iminer iiocii sainmell sich Volk»in sie und Imffchl ihren abgeklavpertcii Tuaden. So ist es zum Beispiel mit dem Schreihals Tvrvnlvde in Pari?. Einst galt er für den Ton Qnixole des lollgcwordenen Chauvinismus. Tas war damals, als die Ritterschaft von der Patuolciiüg.r entstand. Dann fing der„gesunde Menschenverstand", dessen der Pariser Bürger sich ebenfalls gern zn rühmen pficgt, ivioer das ewige Geschrei der Dervnlede und Genossen zu protestireii an: man spöttelte und lachte endlich. Es Wae aber nicht da? echte, fivhiiche Lachen des Gesunden, der sich über die Töronlüde?. die da? zerschnndenc Frankreich in ewig gleichen, einförmigen Jcrriniadeu betlagirn, lustig machen durfte, dazu war die bourgcoise Republik nicht recht im stände. Sie erleble ihr Panama; und heule darf ein Deronlöde wiederum kommen und darf selbst das Gespenst des Bonlangisiniis beschwören. Es fegt den einsamen Narren kein kräftiges Gelächter hinweg. Im Gegentheil. es gelingt ihm, wieder von sich sprechen zu machen. Bor ein paar Tagen ivnrde in Paris ei» Pätriotendrama von ihin ans.zelührt: „Der Tod des Generals Hoche". Darin hält der Dichler seinen Landsleuien einen Spiegel vor. Er fleht darin», daß ein Mann, ein eiserner Held kommen möge, wie einst Ponaparte war, und wie nach Tvrouloze's Anschannug Bonlanger hätte werde» können; ein Mann, der sich den Teiffel nm ein verrottetes Par- lainent, eine verlumpte feile Presse schcert und den frischen, froden Staatsstreich wagte, und das Pariser Pnbliknm hört die Deila- mationen des staatsslreichlnslernen Döronlede mit einer Art von Scnsaljoii. Terouläde's wüste Palhetik wird nicht durch gallische Heiterkeit erstickt; man ivagl cs nicht mehr, liell- lant anfznlachen, iveini oas Andenken des komödianlischeu Bonlanger, der ans seinem tänzelnden Rosse manchmal den Eindruck eines Zirkus- oder Operettengenerals machte, wieder lebendig ivird, und wen» ein donqnixolischer Mann erklärt: Seht, dieser Bonlanger war ein Mann für Euch. Tas iväre ein Rächer»nd Reiter zn- gleich für Eure Gesellschaft gewesen, ein eisenbcivchrter Diktator! O daß doch bald ein ziuciter, ihn, gleich, erstände! Vielleicht giebt es bängliche Franzose» genug, die in dem Staais- sireichprediger am Ende einen erliste» Denker erkennen. Es gieöl — 795— ja auch in«userer BkirAcrschasi eine b°!r?chtliäie Nnzirl,! kueäit- seliger Leute, deue» es feierlich über de» Atiute» Ki isl.»»»» micbcr irgend ein Cchn.idigkeitsapostel 511 kurz enischlossrurr Tyat, zu(Äc- wattstreickreu rälb. In Oesterreich haben es die Eescsle» init den»'ohlseilrn ktiinitc» noch leichter ols im heinigen Frankreich. Man kann dort Helten- glorie erwerben und doch nichts anderes sein, als ein lungenkiästigrr Mann, der sich imch wilder urlenlonenhaster Art gcbeidel. SMS die Schiegafsä« des Ministers Badcui, diese nngehenerliche Eselei, vorüber war, da erhielt Badeni's Gegner, der pollernte Wols, hnnderle von feierlichen Erklarnngen. Er lonnle sich leicht>vie ein heldenhajter Reller des bedränglen DclltschlhnmS vorgekommen sein. In den liberalen Zeiinugen aber stand»n lesen, der Pinolenschnß des denlschnalionalen Wolf schasse jklarheit für die verworrene Situalion. J»l schönredncrischen Slik der Wiener Schule liest sich derlei sehr hübsch. Die Fleisch. ivnnde des Grasen Badem war bald verheilt, mit der Beruiorre»- heit in Oesterreich stand es nicht um ein Haar besser: und die hcmdsnrinligen Urlenlonen thu» ihr möglichstes, um den Parka- ineninrisinns in der Welt herabzusetzen. W>S braucht es der seinen Geister,»in den Knlliniverth einer Nation zn erklären i? Die Mozart und Grillparzer thtin es nicht. Ter radikale Nieiflcr des Radaus lm»t»iit der Faust ans de» Tisch und brüllt ans: Will inir wer ivas'i Ich bin den! scher Knliurlrägcr. Eo lhiit er kann, als Halle er mit Goethe am selben Cchreiblisch gedici/tct, iiiit Kant brüderlich gedacht; und die Lenlc, die so oft im radikalen üirtmer die lüclstigstc Entschiedenheit sehe», jnbrln ihnen z», als wärci, wirklich erlösende Worte gesprochen worden. Wenn derVcrlegenheilspolililerVadrni fällt, der heule leiehlfcrlig eine» Gewallstrcich diklirt,»in inorgc» i» nervöser Angst vor einem renommistisehe» Schreier zum„Duell zu flüchten", so habe» ihn gewiv nicht die Nadanparlaincnlarier geslüizt, die inil wülhigeu Gcbcrdcu sich vor den Tribnnrn breit machen und als schliiipscude Polierer gläiizcn. Mit so billigen Miltrln ist man lein Mimsieisiihzer. Derlei la>in man nur ganz naiverl Lculeu ein- reden. Flammende Proteste gegen Vergeivalligung der Freiheit oder drr stt tion tvcrden in Wahrheit weil nachhalligcr wirken, ivenu st» nicht in knabetthast»nrcise» Exzessen verpnsscn. ktiid dann sollteii die Herrfchastcu, gleichgiltig ob sie deiltscher oder slavijcher Nation sind, noch eines erwikgen: der Parlanienlarisiiins veipstichtet sie gerade gegenüber den Gegnern des parlanienlalischen Wesens, die benlziikage überall sprungbereit auf der Lauer sind und je nach ihrem Temperament oder ihrer Ecsiinuing eilten au'geklä: len oder einen ehernen barschen Slbsolulisniiis herbeisehne». In Momente» leidrnschasllicher Exaltation wird das heiligste Wort von selbst sich einstelle»; dah aber Leute i» ewiger Exallalion sich besänden. das glaubt»inn nicht. Dieselben Leute mache» sich lächcilich und schädigen zugleich den Parlaineiilaiismus überhaupt. Neulich bat ein denischcr Echrislsleller die Aeinerknng gelhan. ivie der Parlainentarisiiins seil ei» paar Jahrrehnlen 1» Kunst und Lebe» au äußerliche m Ansehen verloren habe. Früher pflegte man den Parlanieutarier zu»dealisiren: er war Helo der Gesell- schofl, Held dee Komödie oder deS Ronians i» der Kunst. Das bade jehl zum arößic» Tlieile ai.fgehörl.— Das wäre mm gewiß lischt das grösile aller Nebel. Ein guies©liicl verklärender Nonmntil hallo da inilgespielt. Mil jugendlicher Einbildui gskrasl datle man den ja» gen den lscüeu Parlirmrutailkmus wohl ziiptgrulasti ich angeschaut. Ter be/encrude, jchwunghasle Sprecher galt damals wohl»och niehr, als der beschei enerc parlaiiieiMar iche Stratege, der, in Harle», andauernden Küruipse.i die reale» Machtverhältnisse zu überschauen und z» prüfe» gelern t hat. Für Nomanschrisisteller, ivie die Spielhagen sind, geben diese Par anrentarirr freilich feine Hcltenmedrlie ab. Sl> gesehen aber von aller verklärenden Noinantik: Znr Sehädigung am Ansehen parlamentarischen Weiens trage» ohne llnleriebred der Fraktionen jene Elemente ohne Frage bei, die änberlich radikale»», innerlich scichle i üiadan mit höchster Lebcnscnergie verwechsslu, ivie es schi die leulouischen Cchwäimer Oeslerreichs hallen. Diese irorteeichen Schn'äriiier. sauiinl denen, die ihnr» berauscht folgen, pflegen ra'ch in ihren Stimmungen zu ivechseln; und auf Geogihnerei slrllt sich bei ihnen gerne»veinerliche Verzagtheit ein. Seh-väriiier ühiilicheu Charakters haben»vir auch bei nns. Jnmal ist»»scre Künstlerschasl leicht e»lh»siasi»iet und ebenso leicht dit'.er ve» letzt. Was Halle in»» sich von der„inonnnieiilalen E»l- falliiiigder»alionalcn Knnst",!ii»c dasSchlagwort lautete, versprochen? Was ist daraus gcivoroeu? Mehrfach bereiis ist dies Thema au dieser Slestc berührt worden. Mein fach ist ans die Schwärmerei der Künstler miö die nachfolgende Enllänschnug hingewiese» worden, auf den starken Widerspruch zwischen Wolle» und Könne». Ganz merk würdig trat dieser Widerspruch ans. als es sich»»> das Bisniärck-Moiiunieut Handelle, das de» Formen des Wallostschen NelchSlagspakasles stch anschmiegen soll. Die Vlc-inarck-Enlhnstastc» »nler de» Künstlern ivare» im brenneiidsten Elser. Ein gc- ivaliiges»alioualcs Moniiinent, riefen sie. Linn werde ivirklich das e»»fache künstlerische Tollinieiit entstehen, das „Zenguiß einer Zeilgeschichle". Und kann» jemals zuvor ivar eine kläglichere künstlerische Niederlage erlebt ivordeu. Selbst die Schönfärber tonnten durchaus keine Besriedignng heucheln. als man die Entivnrse znii» Bismarck- Tcnkmal n» Slnsstellnugspalast sah. Man vertheilt« ja erste und ziveite Preise genug; es gab ja heidenmäslia viel Geld dafür. Aber man machte einen Berlegenheitsantrag. Tie Träger der ersten Preise und einzekne hinzubernfene Künstler, die übrigens Enlschädignng für ihre Arbeil erhallen haben, sollien zu einem engeren Welt- beiverd zusaminciitrelen. Das geschah und die Preisrichter kamen in dieser Woche zusammen und vergäbe» den Auftrag au Neinhold Begas für dessen Entwurf. Darob erhebt sich in der Presse, ivie in der Künstlerschasl wieder die alte Jeremiade. Ge- radc der Entwurf von Begas, heißt es, ivird gewählt und er ent- lernt stch am meisten vom Siil und den Formen des neuen Neichs- tags?" Die Jury hätte sich schon auf den Begas'schcn Entwurf von vornherein geeinigt.— Die Künstler werde» nie recht gescheit; und nie rnckeu sie offen mit der Sprache heraus. Warnm tritt man »illit mit begründetem Prvlest vor die Oesscntlichkeit, für den Fall, daß die Inn) anderen Einstüsien, als rein künstlerischen, nntmhan war?— So enden unsere„künstlerischen Großthaten". Zu Anfang kann man den Mund nichi voll genug nehmen; der Schluß ist Reizbarkeit und Gezänke._ Alpha. Vlcitteis Iseuillekotr. — o— Dir Bank der Altcu. Ans den Bällllicn des Platzes, der ivie ein Thal zwischen die schroff und massig anfragende» Hänser sich einschiebt, liegt die helle Oktohersonne. Ans einer Bank sitzt ein aller Mami. Nur wenige SchaNenftecke werfen die schwach» belanblcn Bäinne über ihn, ans die Bank und aus den gelben Kies- weg, der dicht an der Straße hinlänft. Der Alte sitzt gekrihniiit; er stützt die knochigen Hände, deren Finger schief und steis sind, ans .einen alten Stuck und blinzelt mit seinen rolhränderigeu Augen nach ; der nächsten Bniik hinüber. Zwei kleine, schmäch l ige, krummbeinige Kinder siehe» vor ihr und formen Sand. Ter Alle drückt seine zerknillerte, ver» schosjene.Kaitnnniütze nocli liefer in die Slirn und hält einen Augen- biiik die Hand»or das eckige, cingesallene Gesicht,»>» das ein langes, mühevolles Leben tiefe Runen gemeißelt hat. Zwei Gestalten kommen langsam näher. Auch sie gehe» nicht mehr gerate und jnacndleicht. Der eine zieht sei» linkes Bein immer nach. Er ist kleiner»vie der andere, der dadurch, daß er scincn Nock bis an den Hals zp.gelnöpsl hat, noch dürrer aussieht, als -er wiiUlch ist. An der Bank bleiben sie stehen und begrüße» ihren Alieisgrnoffcii.„Wie wann»och die Sonne scheint!" sagt der Kleine ansslöhukild, als cr stch. die Schöße seines langen Rockes ansiuhmend,'..eben dem Sitzenden ans die Bank jallcn läßt.„Das ihnt mir sehr wohl," aulnortet dieser»iit sliisteruder, leiser Slniiistr. Tic wenige» Worte reize» ihn so, daß er in einen heftige» Huste» ausbricht. der ihn vor- nnd rückwärlL um st nnd ihm den Kopf zu sprenge» droht. Der Dürre zieht sich gelassen eine angclohlle Holjpsetse ans seiner Brnstlafche. steckt sie in tcn fast zahnlosen Mnnd. klappt langsain den Teckel hocl, und slrchcrl mit dein Ftigitsiug« im Pfeifeukopf hernin.„Na, Fritz," sagt er zu dem Hustende»,»vahreud cr sich ans dissen anderer Seil« letzt.„Tu hast ivoll wieder Beschwerden?" Fritz, btsscn Hnstc» naclkäßl nnd sich in einzelnen Stößen austobk, »eh»> mit der Hai d ab.„Hat denn Dein Junge Arbeet?" fragt ihn der Kleine nach einiger Zeil Fritz schüttelt verneinend den Kops, während cr sich sein»vollencs Halstuch fester zieht. Dann schweige» die Alle» nnd blinzeln hinüber nach der Straße, auf der die Pserdebahne» dicht hinter einander vorbeirolle», zwischendurch die mit lebhaste» Farbe» bemallc» Geschäslswage» nud Omnibusse. Frauen gehe» vorüber. Die»»eisten haben eine» Kord am Ar»». „Wat»nacht denn Dein Schiviegeisohii?" fragt der Kleine. „Wal soll er»nacheii?" meinte mürrisch der Dürre, der sich inzwiichcn die Pseise nngezüiidet hat.„Ick bleib' eben bei ihm wohne»." Die Alle» sitze» lchweiaend i» der Conne unter den Bäumen und blinzeln hinüber»ach der Straße, ans der die Menschen eilen nnd haste».— Literarisches. — K r a» ß, N i c y l a» s. Ii» W a l d w i» k e l. Skizzen ii»d Ecschichlen. Berlin W., F. Fontane u Ko. l kk S., kl. 6°. In den» vorliegenden Bande der schäl ausgestallelen Sainui- liing von„Foulnne's I Marl-Bücher" hat der Verfasser einige seiner besten,»1 Zeitschrislen nnd Zeiliingen zerfirenlen Skizze» nnd Geschichten vercinigt. Die Titel derselbe» sind: Der Tod in» Walde, Das Hirschgranl, Er« Stenz Heiderer's Sladlgaug, Weihnachten im Walde. Verhaue» ist der Wald. Br. Musik. — Neues Oper n thealer. Am Freitag brachte die „skinderoper" des Herrn Sossredini ihr erstes Stück„Salva- lorello" heraus. Knaben im Aller von U— 17 Jahre» traten in der Oper ans und gaben sich alle Mühe, erwachsene Künstler zu lopiren. Das Stück fand Beifall.— Ueber diese» Geschmack, der kein Geschmack wehr ist,»vollen»vir nicht streiten, es»väre nutzlos. Was»IIS betrifft, so lehnxn wir die Idee, Kinder auf diese Weise ans die Bühne zu bringen, diese ganze„Kiiiderorbeit" überhaupt, ganz energisch ab. Es ist ein Frevel, degangni an jungen Mensche». Daß die Leunng einer Hosbnhnc z» diesem klnsng die Hand bietet, zcngl höchstens von Gejchäilsgeist.— Knnst. — Die große internationale K n n st- A n S- st c l l u u g»>» Kopenhagen ist gänzlich mißglückt. Das Defizit bcträgt gegen l2lllX)0 Kronen. Während deS ganzen Svmmevs»vnrden für 1000 Kronen Kunstwerke verkaust. Eine Lotterie, mit der für 30 VW) Krone« Kunstwerke angckanst werden sollten, inußte aufgegeben werben.— Völkerkunde. — Abessy nische Sitte». Der in?Iddis Zlbebn weilende Korrespondent des„Temp-" berichtet nbcr mancherlei Merlwiiidiges, was er bei de» Abessynier» gefunden bat. Dahin gehört die g-ohe Nolle, die in der Religion der Zlbesfyuier das Faste» spielr Von den 363 Tagen des Jahres fasten sie 132, also mehr als die Hälfte. Dabei ivird das Faste» äußerst streng gehalten. Sin de» Fasliagen giebt es nichts bis nach Mittag, und dann nur Brotkuchen, ohne Butter. Fleisch ist natürlich verböte», ebenso die Eier und jedes Fett, zuweileu auch die Fische. Vom Gründonnerstag bis zum Ostcrtag früh wird von manche» Leuten,»ainenllich von Geistlichen und sonstigen Würdenträgern, vollständig gefastet. Kein Wunder, daß die Leute zu Ende der Fastenzeit ganz heruntergekommen sind und wie Schalten herumlaufe». Der Tag der Fleischtöpfe erregt darum auch die größte Freude, und alles begrüßt sicn mit de» Worten;„Endlich hat der Herr uns vom Joch des Fastens befreit!" Dann geht man daran, sich schadlos zu halten. Es ist unglaublich, was ei» ans- gesafteter Abessynier im Esten und Trinken leisten kann, aber sehr häufig empören sich Magen und Gedärme gegen das Uebermaß der ihneir zugemulheten Schadloshallung, und Verdauniigs. Krankheiten sind die regelmäßige Folge der Fasttage. Dieie Betonung des Fastens ist eure uralte Sitte; schon von den abessynischen Heiligen des früheren Mittelalters erchhlt die Legende wahre Heldenthate» des Fastens, die Mönche pflegten und befesirglen die Sitte, und schließlich lag im Fasten auch ei» Gegensatz zum Mohaminedanismus, von dein die abessynischen Christen sich unterscheiden rvolltem So wurde das Fasten zllin Mittelpunkt der stieligion der Abessynier, die im übrigen weder viel zur Kirche gehen, noch darin sehr an- dächtig sind,„Ich gestehe." fährt der Berichterstatter fort,„daß die Monomanie des Fastens mich sehr wunderte bei diesem äthiopischen Volke, das sich sonst so sebr durch seineu praktischen Verstand auszeichnet. Ei» Frauzosc. der sich hier niedergelassen hat und vor einigen Jahren gestorben ist, hmterließ eine Tochter, Die Mutter derselben, eine Abessynierin, kam zu»rir gerade in der Zeil, wo sich die Tochter verheiralhen sollte,„Sie werden doch zu Ihrer Tochter ziehen?" fragte ich sie.„Ach nein," war die Slnl- wort,„das schickt sich in nnsereur Lande nicht,"—„Wie so? Das schickt sich nicht?"—„Nein; die Mutter darf ihre jung ver- heiralhete Tochter ein ganzes Jahr lang nicht sehen. Eist»ach Verlauf eines Jahres darf sie dieselbe sehen, aber es gehört znm guten Ton, diese Erlanbniß nicht zu mißbrauche», damit man nicht den Schein auf sich lade, als wolle man sich in die Angelegerrheile» des jungen Ehepaares»nische»."— Gcvgraphischos. — Hebet die Entsteh rt n g der norddeutsche» Haide sprach in der letzten Sitzung des Vereins zur Beförderung des Gartenbaues Dr. Paul Gräbener, Wir folgen dem Bericht der «Voss. Ztg," Lauge Zeit war man über die Ursachen gänzlich im Unklaren, um so mehr, als man aiiS den allen Chroniken ivußtc daß jene Striche: die Lüneburger Haide, die Haidefläche» der Lausitz und die langen Küstenstriche von Mecklenburg und Pommern bis zur Danziger Bucht znm großen Theil noch bis ins Milte!- aller hinein mit Wald bestanden ivarc». Insbesondere ans der Lnneburger Saline wurdet» jährlich große Mengen von Holz abgefahren. So nahm man zunächst an, daß die Umwandlung jener Strecke» in Haiden aus die Thäligkeit des Menschen zurnckzu- führe» sei. Diese Erklärung war aber schon um deswillen haltlos, we>l Eichen- und Buchenivald eine große Verjüngnng-kraft besitzen, so daß sich mindestens ein Theil des früheren Waldbestandcs wieder ergänzt hätte, wenn es sich lediglich um Abholznug gehandelt hätte Erst durch die neueren Forschungen unserer Qaaitärgeologen erhielt man Aufschluß über die wirklichen Ursachen. Es wurde festgestellt. daß die Haiden nur da«ine große Ausdehnung gewinne», Ivo große Mengen von Niederschlag falle» Während in»nseren Gegenden die Menge deS jährlichen Niederschlages 55 Zentimeter nicht nberfleigt, erreicht sie nach Westen zu eine Höhe bis zu 70 Zenliineter und darüber. Durch solche Niederschlagsmengen lasse» sich auch jene eigentbümliche» Ver- änderuiigen erklären, welche im Lause der Zeil im Boden der Haide- gegenden vor sich gegangen sind. Wenn alljährlich 10—20 Kiibik- meter Feuchtigkeit mehr durch die obere» Bodenschichten sickert, als bei uns, so werden naturgemäß die oberen Schichten auch mehr aus- gelangt. Die löslichen Salze wandern i» liefere Schichten»nd der Sand ivird nach und nach seiner Nährstoffe beraubt. So haben sich auch die ans den giesten der alte» Wälder gebildeten Huninssänre» iminer mehr in den untere» Schichten angehänst«»d sich hier mit dem Sand verkittet, bis sie diese» schließlich i» eine Art Sandstein umgeivandelt hatten. der für Pflanzcnwurzcln ganz uudurch- dringlich ist. Dieser Humusfaudstein— in der Lüncbnrger Haide iiennt mau ihn Oristein— wird bis über l/z Meter dick und verhindert das Nachwachsen der Wälder, während er de» alten Bäninen höchstens dadurch schadet, daß er das Dickerwerden der tiesliegenden Wurzeln verhindert. Diese Oeffnunge», welche durch alte Baumwurzeln im Ortstei» zurückgebliebe» sind, die sogenaunte» Ortsteintöpse, ermöglichen es allein, daß vereinzelt Bäume in der Llinebnrger Haide gedeihe» können. Oberhalb des Orlsteins hat der Bode» nur einen sehr geringe» Gehalt an Nährstoffen, höchstens 1 bis 3 Theile auf 100 000 Theile Sand, so daß hier nur die echten Haidepflanze» ihr Fort- koinme» sinden. Zur Anforstnng ist die Lüneburser Haide also keinesialls befähigt. Mau hat mit Hilfe des Datnpfpfluges den Oristein durchbrochen, und wen» die Ortsteinbildnng nicyl zu weit vorgeschritten ist, gelingt es auch häusig. die Bäume so weit zu bring««, daß sie mit de» Wurzel» bereits in tiefere Schichte» gelangt sind, ehe der Ortstein sich wieder ge- »ügend gebildet hat, A» Nachwuchs ist aber auch hier nicht zu denken. Weit schlechter»och sind die Erfolge in solchen Strichen. i» denen die Ortsteinbildung eine sehr große Stärke erreicht hat. In den ersten Jahren gedeihen die angepflanzte» Bäume ganz gut. Dan» aber zeigt sich eine eigen thümlrche Erscheinung. Nach dein Maischuß verdorren die jungen Bäume plötzlich reihenweise und i» kurzer Zeit ist die ganze Anforstnng zu gründe gerichtet. Die i» den Pflanzlöchern vorhandene gute Erde ist ihrer Nährstoffe beraubt, der Haideboden vermag dirse natürlich nicht herzugebe», -nährend die lieseren nährstoffreiche» Bodenschichten, die bis über 30 Theile gelöste Salze ans 100 000 Theile Erbe enthalten, durch ten Ortstei» abgeschlossen sind. Hand in Hand mit der Haide« bildnng gebt die Torsbildung, Wenn nicht durch eine sehr iulensive Forstwirihschaft die weitere Ausbreitnng der Ortsteinbildiiiig ver- bindert wird, so werde» die Haiden eine immer weitere Slnsdehnung nach Südaden gewinnen und schließlich die ganze norddeutsche Tief- ebene ausfülle».— Huniorisiisches. — Gemächlich« Fahrt, Vor einigen Tagen fuhr der Zokalbnbnzng von Freystndt»ach Gr, Die Fahrgäste wnnderten sich allgemach über die große Gemächlichkeit, weil er gar nicht vorwärts koininen wollte. Sie schaute» zum Fenster hinaus und siehe da, der Heizer der Lokomotive lief nebe» dein Zuge her und suchte seine Lokomotive einzubole», was ihm auch bald gelang; dann gings ctiiieller. Böse Leute sage», daß anfangs der Heizer de» Zug schiebe» mußle.— — Eine drollige Geschichte wird aus dem Wiener Naimund-Theater berichtet. Vor einige» Tage» erschien knapp vor Beginn der VoisteNnng eine Psänduiigskomn-ission, geführt von einem Advokaten, in der DirekiionSkauzlei des Naimuud- Tbealers. Ter zerichiliche Auftrag lautete auf Psänduug der Fahrnisse einer Künstlerin. Der Theaterdirektor nah», sich der Schauspielerin, die nicht zu den feslangestellle» Mitgliedern des Justituls gehört, -nergrsch an»nd meinte, es gehe doch nicht an, eine Künstlerin in dem Augenblick zu pfänden, wo sie sich rüste, anszntccten. Die S-banspielerin würde jede Fassung verliere», vielleicht wäre der Abend verloren. Der Advokat bestand auf si-i-ieiil Schein. Kährend in der Kanzlei eine lebhafte Debatte h.n- und her- ivogte, trat der Anwalt des Rainluiid- Theaters in das Zinnner. Ailch seine Einmischnng fruchiete niclitS. Plötzlich zuckte ei» -eilender Gedanke durch seinen Kopf„Sie wollen pfände», Herr ktollege", sagte er zmn Gegner,„Sie wollen auf der Bühne eine Exeknlioii in Vollzug setze»? Ja, wissen Sie den» nicht, daß laut aehördlicheu Anslrages nur den ans der Bühne Aeswnstigten der Zutritt gestallet ist? Sie können gar nicht die Bühne betreten, »eil Sie sonst einer Ucberlreluiig sich schuldig machen." Tablea»! Der gegnerische Advokat prolestirle gegen diese Auslegung einer bebör. lichen A»ord„uug; sriuc Beinübungen waren umsonst und er maßte iiiil der Kommission abziehen, um einen i5>crich>sbelchlnß ein- zuholen. Woher einen Beschluß zu nachtschlafender Zeit»ehuirn? Die Erekutiaasparlei»mßie sich in Gedntd fassen. Jtuwischen kam ein Ausgleich zu stände.— VcrmischteS Vom Tage. — 20 000 M, für zivei Briefmarke» sind unlängst in Berlin gezahlt morden.— Einlach dn»»»!— — Im Walde bei K a t l o w i tz snchle ein Man» durch Er- hängen leinein Lebe» ein Ende zn machen. Als es wehe tdat, schrie er, Leiile kainen herbei und tusreiien ihn. Kanin Halle der Maiin sein Beivltßlscin wiedererlangt, nahm er eine» Holzknüpp.l und ver« snchle, ans seine Retter etiiznichlagen,— — Ein in Karls r» h e lebender„Heilkünstler" gab gegen Rbeninalismns vier mit Schwefel in pulverisirler Fori» gesüllte Päckchen, zwei größere und zwei kleinere. Die letzteren werden in bei, Hosentaschen getragen, auf de» beide» größeren sollte der Leidende nachts im Belle liege». Jeder Abnehmer mußte sich ans Ehrenwort verpflichten, keiucs der Säckche» zn öffnen, und eine Ur- kiinde nulerzeichnen, daß er im Falle der Znividerhandlung eine Biiße von 2000 M, zu entrichten habe. Als die Geschichte zur An- zeige kam, erhängte sich der Man»,— — Wegen furchtbarer Schueestür in e ans der öflerrcichischeu Nordbahn nilißte der Gesamiulverkehr aus der Strecke W igsta v« ,. A a u t s ch eingestellt werden.— — Fiume, 8. Oktober, Aus der uaheliegendeii Ortschaft Klane wird geweidet: F ü» f A r b e i t e r, die aus dem Walde hallen heimkehren wollen, ivurden auf dem Wege erfroren auf- gesunde», nur einer von denselben konnte noch ins Leben zurück- gerufen werden.— t. Ii, K l o u d y k e ist der Typhus ausgebrochen.— Druck und Verlag von Max Vading in Berti». Veraulwortlicher Redakteur: August Jacobe« in Berlin.