Hlnterhaltungsvlatt des Vorwärts Nr. 203. Freitag, den 15. Oktober. 1897. (Nachdruck verbalen. Der Nomsm rinev VevschwörunZ. 5] Von A. Ran c. Ins Deutsche übertragen von Marie Kunert. III. Julktte Lefraiisois war die Tochter eines Trödlers, der seinen Laden bei den kleinen Kranibuden ans dem Marktplatz an der Notre-Dame-Kivche hatte. Es war nur ein ganz be- scheidenes Geschäft. Und nur darum und nm keiner anderen Sache willen Halle seine Tochter, wie Gnnde sagte, nicht das Recht, einen Hut zu tragen. Jeder muß in seiner Klasse bleiben. Diese Meinung ist in Poitiers noch immer stark vcr- breitet. Ter alte Lcfran?oiS war während der Revolution ein fleißiger Beiucker des Klubs gewesen, der in der ehemalige» Augustiner-Kirche tagte, und dessen Vorsitzender Fernand Roy war. Jnliette war als Kind in dem Respekt vor Fernand Roy groß geivorden, der zuweilen vor dem Laden stehen blieb, wo sie alle Kleider ausbesserte. Dann wechselte er einige Worte mit ihrem Vater. Der Expräsidenl des Klubs achtele nicht weiter ans das kleine, ichmächlige Mädchen, das kein Wort sagte und ihn immer verstohlen mit seinen großen, grauen, beständig wechselnden Augen ansah, Augen, die, ivenn es lebhaft wurde, eine fast meergrüne Farbe annahmen. Wenn Jnliette sich bemerkt glaubte, senkte sie den Kopf und nahin erschreckt ihre Arbeit wieder ans. Als junges Mädchen war Jnliette nicht hübscher als sie als Kind gewesen. Sie besaß nicht einmal die Schönheit der ersten Jugend. Jbre Formen waren wenig entwickelt und verrietden sich kaum unter dem Leibchen. Sie hatte eine niedrige Stirn, sehr seines und sehr dichlcs Haar von unbestimmtem Braun. Der Mund war klein, aber die Lippen zu schmal und zu- sammengepreßt. Wahrhaft schön waren nur die wunder- voll geschwungenen Brauen und die sehr dichten Wimper», die, von etwas dunklerer Farbe als das Haar»nd die Augen, dem Gesicht einen fremdartigen Ausdruck gaben. Die sehr große» Augen wären herrlich gewesen, wenn ihr Ausdruck sich mit Julictte's Alter in Uebercinstimmung befunden hätte. Aber das ivaren die Augen eines Weibes und nicht die eine? jungen Mädchens. Fast immer sehr bleich, erröthete sie selbst bei stärkster Erregung nur wenig. Das Blut, das ihr dann rn das Gesicht stieg, färbte den matten Teint ihrer Wangen kaum etwas dunkler. In dem Viertel galt sie für häßlich, und sie war es auch. Aber wenn ihre von bläulichen Ringen umgebenen Augen sich zufällig auf jemand richteten, so fühlte man sich bis ins Mark ergriffen. Am Abend bei Lrcht gewann ihr Teint Leben, und wenn mau nicht genau hinsah, konule mai. wahrhaftig glauben, die kleine Kokette hätte unter den Augen Schwarz ausgelegt, um ihren Glanz und ihre Tiefe noch zu heben. Kokett war Fräulein Lcfrangois nicht. Sie wußte nicht einmal, ivas das Wort sagen ivollte. Alan hätte sie auch sehr in Erstaunen versetzt, wenn nian ihr gesagt hätte, daß sie Fernand Roy liebe. Sie bcivnnderte den großen ernsten jungen Manu, der mit fünfundzwanzig Jahren der Herr der Stadl gewesen war, vor dem die Aristokraten gezittert hatten, und der seit Eintritt der Reaktion ruhig und widerwillig inmitten seiner Feinde lebte. Die Achtung, die er forderte und die seine Gegner ihm nicht ver- sagen konnten, buvirkte, daß er der Rache der Thermi- dorianer und der goldenen Jugend entging. Zur Zeit der Verschwörung Babens's fand man bei Bnonarolli einen ganz unbedeutenden Brief von Fernand Roy, und sofort wurde ein Steckbrief gegen ihn erlassen. Er verbarg sich einige Zeit und erschien dann wieder, als die Sache cingeschlafc» war. Es war im Jahre 1805, als die kaiserliche Polizei, die ihn fürchtete und ihn nicht mehr überwachen wollte, Hand an ihn legte. Ohne irgend welches gerichtliche Verfahren wurde er aus der Insel Oleron internirt, wo er seine Kameraden von der Ver- fchwörnng Babcus's wiederfand. Nein, Jnliette Lefrangois liebte ihn nicht, wenigstens kam es ihr nicht zum Bewußtsein. Wie hätte sie auch daran ge- dacht, sie, die nicht einmal wagte, ihm zu antworten, und die zusammenfuhr, wenn er ein freundschaftliches Wort an sie richtete? Wenn er mit Vater Lefranyois sprach, verschlang sie seine Worte, und in der Nacht dachte sie während langer schlafloser Stunden an ihn. Wenn sie einschlief, so beunruhigte Fernand Roy ihre Träume, aber sie glaubte nicht, daß sie ihn liebte. Im Jahre 1803 starb der alte Lefraixjois, der Trödler und Jakobiner. Julielte war kaum achtzehn Jahre alt. Sie hegte für ihren Vater eine lebhafte Zuneigung; die Mutter, die sie nicht sonderlich liebte, fürchtete sie. Diese schalt immer, ivenn Lefrangois in den Klub ging und machte ein böses Gesicht, wenn Fernand Roy an dem Laden des Trödlers stehen blieb. Frau Lesranyois war fromm, und an dem Tage, als die kleine Jnliette in weißem Kleide mit dreifarbiger Scvärpe, ein Bündel Aehren in der Hand, auf dem Wagen der Göttin der Vernunft stand, hatte sie in tiefster Verschiviegcnheit eine nenntägige Andacht begonnen. Am Tage nach der Beerdigung von Lefran?ois arbeitete Jnliette im Laden, der für drei Tage geschlossen gewesen war. Sie weinte nicht mehr, aber sie dachte daran, daß sie sich künftig sehr langweUen werde. Sie wußte nicht recht, warum, aber sie war dessen sicher. Als sie darüber nachsann, ließ sie die Scheere fallen, mit der sie die Silberstickereien eines alten Kleides abtrennte. Ihre Mittler rief sie heftig zur Arbeit. Julielte, dieansihrerTräumereigerissen war, erbebte nudnahm die Scheere aus. Zugleich hob sie die Augen und erblickte Fernand Roy, der über den Marktplatz ging und ihr freundschaftlich zunickte. Aber er hielt sich nicht auf und setzte seinen Weg fort. .»Das ist einer," sagte Mutter Lcfrauyois,«den wir Gott sei dank los sind. Er soll nur konimen, dieser Heide, ich werde ihm schon Bescheid sagen. Vorwärts, arbeite!" Jnliette erwiderte kein Wort uild trennte und nähte mit überraschender Schnelligkeit. Die Mutter hatte zuviel gesagt. Jnlieire wußte jetzt, warum sie sich langweilen, warum sie unglücklich sein würde. Am Tage erhob sie den Kopf nicht mehr. Als die Stunde des Abendessens kam, sagte sie, daß sie keinen Hunger hätte, und ging schlafen. Die ganze Nacht blieb sie wach, ans ihr Kopfkissen gestützt, den Kopf in der Hand. Als der Tag kam, ivar ihr Entschluß gefaßt. Sie stand auf und machte ein kleines Packet aus den Gegenständen, an denen sie hing: der dreifarbigen Schärpe, die sie bei den republikanischen Festen getragen, zwei Büchern, die ihr Vater ihr geschenkt, einem getrockneten Stiefmütterchen, das Fernand Roy ibr einst im Scherz gegeben und dak sie in ein kleines Riechsäckchcn eingeschlossen halte. Dieses Riech- säckcye» trug sie»im den Hals gehängt auf der Brust, und ihre Millter glaubte, daß es eine ReUgnie wäre. Jnliette wollte das Haus schon am Morgen verlassen, aber sie wagte es nicht. Es schien ihr, daß die Mutter ihre Absicht errathcn und sie zurückhalten würde. Den ganzen Tag verbrachte sie in einer schrecklichen Ver- wirruug. Sie war entschlossen zu gehen und hatte nicht ein- mal den Muth, sich von ihrem Stuhle zu erheben. Sie war bleicher als gewöhnlich und zitterte, wie wenn sie Fieber hätte. „Bist Du krank, Jnliette?" fragte die Mutter. „Nein," antwortete sie. „Nun, dann versuche ein anderes Gesicht zu machen. Solche Mienen liebe ich zu Hanse nicht." Tann ging Mutler Lefran?ois in den Hinterraum deS Ladens, um das Abendeflen zu bereiten. Da stand Juliette ans. Sie öffnete die Thür und blieb einige Augenblicke auf der Schwelle stehen. Als die Mutler sie nicht beobachtete, machte sie zwei, drei Schritte hinaus und eilte, ohne zu zögern, über den Marktplatz. Von da ging sie schnellen Schrittes weiter. Eine Viertelstunde später war sie bei Fernand Roy. „Wie! Sie sind es, mein Kind," sagte er etwas erstaunt aber lächelnd zu ihr.„Was giebt's denn?" „Ich will nicht mehr zu Hause bleiben." „Und warum? Mißhandelt die Mutter Sie? Sie ist etwas streng, aber sie ist im Grunde nicht schlecht. Sie müssen vernünftig sein, Juliette, und ihr ge« horchen, selbst wenn sie Ihnen in heftigem Tone befiehlt. Ihr armer Vater hatte Sie an mehr Sanftmuth gewöhnt, ich weiß üs irohl. Glcichvicl, scicn Sie eine gute Tochter. Wollen Sie, daß ich gehe, um mit Ihrer Mutter zu sprechen?" „Meine Mutter nnlzhandelt mich nicht, ober sie hat mir gestern gesagt, dasi sie Ihnen Bescheid sagen würde, wenn Sie in das Hans kämen." „Nun?" „Nun, ich will dort nicht bleiben!" So, und der Grund? Ich frage Sie noch einmal dar- nach, kmm ich ihn wissen?" „Nein! Aber ich ivilt nicht! Ich will nicht!" Und JuUcttc schüttelte verzweifelt den Kopf. „Aber wenn es so steht, was denken Sie denn zu thnn?* „Nichts." „Sehen Sie, Jnlielte, keine Kinderei! Sagen Sie mir, weshalb Sie so erregt fortgelausen sind? Wagen Sie nicht wieder allein nach Hanse zn kommen? Wenn es das ist, so werde ich Sie znrücksührcn. Ihre Mutter mag mich nicht leide»; aber, seien Sie ruhig, sie wird es nicht wagen, Sie schlecht auszunehmen, wcim Sie mit mir kommen." (Forlsehnng folgt) Vöcklin. (Zum 70. Geburtstag des ttünstlers.) 9Tm Mein, im allen, gcwcrbreicben Basel, unweit der Grenz- scheide deutsche»»»d romanischen Wesens, wurde am 16, Oktober 1627 Arnold Böckliu, der Maler, gebore». Jüngst hat der italienische Dichter Gabriel D'Annnnzio, der vor kurzein ins italienische Piulmncnl gewälill wurde, vor den Bauern seiner Heiinath in den Abrnzzen eine merkwürdige Wahlrede geHallen. Sie war cigenllich«ine Jnbclhymue auf alle heidnische Lust, ans alte italische Schönheit. Von der warmen Selinsucht nach dieser reichen sinnlichen Fülle, durch die ei» moderner Wahlrcdner die Bauer» in entlegenen Gebirgsnestern niilreijze» konnte, war auch der Baseler Bürgerssohn all seine Tage entflammt. So viele Merkmale dieser Sehnsuchl finde» wir in der dcntsdie» Gciftesgeschichte, vo» früheren Zeiten bis aus Goethe. Sie hat anch de» Maler süddeulschcn Slannnes in ihren Bann gezogen und das Frcndigstc, ivns er zu geben wnvlc,— denn mich er ist ein tlieuaissaucemeusch und ein Verlündiger stolzer Sinnensrcnde— in ihm zur süßen Ncise gebracht. Es wird zur Zeit kaum einen' Künstler denlscher Nalion geben, um den man sich mit Schlagmorte» so sehr bemüht, wie um Vöcklin. SIbcr mit dem seierlichslen Schellcngellittgel«rklürt man sein still fiuchtbarcs Wesen nicht. Wie soll die lanle, poniphafle Phrase den Mann lennzeichncn, dessen Grundnatur scierliche, dem Lärm abholde Heiterkeit ist? Alan hat ihn mit Vorliebe den„Dichter unter den Malern" gciiannl. als könnte man sich bei solchem bequemen Zeüiliigsschreibcr-Dcnlsch ctivns Besondtrcs vorsleUc». Das innchl kein uulcrscheidendrs Merkinal aus; denn aiil Ende ist kein einziges Knnstiverk von Werth denkbar, anch das slreng-rcalistiscl e nicht, in dem kein lyrisch-pcrsönlicher Gnindklang lebte. Nur elende, schablonenhaft arbeitende Techniker unter den Naturalisten konnten daran denken, ans ihren„Werken" die Poesie zu ver- treibe». Einer der hervorragendslen modernen Landschafls- uialcr, der bedenicnde Franzose Millet. ei» Haupt neu- realistischer Kunst, legte eimnal über sich selbst eine Nechenschafl ab, die geradezu, wie ein lyrisches Vclennlniß klingt. Als er in der schönen Umgebung von Paris Natursludicn»lachte, sngle er:„Ich weist nicht, ivas dieses Gesindel von Bönnien mit einander plaudert, aber elwas sagen sie sich. Etwas, ivas wir nicht versichen. tveil wir nicht dieselbe Sprache reden. Nur ciucS glaube ich, daß sie leine schlechte» Wihe machen!" Mit mißverstandenen'Ilnschaunngcn also kommt man nicht aus i nicht bei„Farbeiiphantafteii", ivie das Schlagwort sür Böckli» lautet, noch bei denen, die sict, an den reale» Nalnransschnilt hallen. Desgleichen geht es nicht an, eine Künstlerschast, wie die Bock- lin's, unabhängig von den Lebens- und Zeitbedingungeii, etwa als eine bizarre 3!alitrlau»e zn betrachten.„DaS ist ein Eingänger; er schöpft eine Welt aus sich selbst; er halte keinen Lehrmeister, als seine Phantasie" und wie die Nedewcndungen sonst lauten mögen, sie umgrenzen Böcklin's Wirken nicht. Wenn Böckliu als Nninmer- Einsiiian» so apart hervorzuragen scheint, wie nebe» ihm in der denlsche» Kunst der Gegcmvart nur Menzel und vielleicht der»ach- strebende, jüngere Leipziger Max Kliiiger, so beweist das nur die relative Höhe, nichl die völlige Uiigcbnndenheit. seines Könnens. Es ist lein Znsall. daß Bvcklia's reichste Kunst in der Land- schaftS-Malcrei sich offenbart. Wenn inan die künstlerische Eni- wickelnNg nach größeren Maßstäbe» mißt und in ihr dcii wärmsten Ausdruck des jeweiligen Enipsiiidens einer bestimmten Epoche erkennt, so ivird die Lmidschaslsnialcrei für unsere Zeit das charakie- »islische Merkmal bedenle». In der Landschaft— dieses Wort ist im weitesten Sinne zu fassen— haben die Künstler der Gegenwart allein neue Werthe geschaffen. Hier hat das gesammte Einpfiiidnngs- leben eine wirkliche Bereicherung erfahren. Hier hat das Auge vor- dem unge'annte Reize enldcckt. Dichter sind leine Propheten. wie das schön klingende Wort von ihnen meldet; und bübenve Künstler gewiß anch nicht. Selbst wem» sie Utopien schildern und Zukiinflspläne ersinnen, wie ein Bellamy, geben sie nur Wünsche aus. die in einer Bewegung ihrer Gegen- wart wurzeln. Znkunftsgedanke» zu formen, neue Weltanschauungen vorznbereilcn und auszubauen, das ist Sache der Philosophen und Forscher. Die Gesellschast, wie unsere kiünsller sie vorfanden, bot ihnen kein fchwungkräftiges Ideal. Es wartete ihrer kein voll- gcmsies Leben, wie etwa das Leben der deuischen mittelaUerlicheu Reichsstädte war oder wie es die Zeit mit sich führte, da das junge Vürgerthrnn zur Selbständigkeit sich emporrang. Das sozialistische Ideal strckie noch ui den Anfangsstadie»; und so deckte sich ikine» Kniist und Leben nicht. Da der Knnsttrieb aber eine»olhivcndige Ariißcruiig der Meiischensecle ist nnd niemals völlig unterdrückt iverdc» kann, so pflegt in solchen Tagen der Disharmonie und des Mißbehagens die Künstlerschast sich der Nalursehnsucht hin- zugeben. Tie Stiiiimnngsgefnhle für die Landschaft, das Idyll herrschen vor; ob sie heiter"belebt sind, wie bei Böckliu, ob sie elegisch ans- klingen, das sind nur Unterschiede des künstlerischen TeinperameutS. Iii Vöcklin. der das Land Italien mit seiner Seele suchte, wirkt der Geist der Älntike so kräftig nach, daß ihm selbst die Stätten des ewigen Friedens wie Idylle» voll großartig heiterer Feierlich- keir erscheinen. Der Tod verliert seine Schauer. Er wird grvß, ruhig-crnst. Wie lief in Böckliu die lmidschasiliche Seele lebt, das beweist der idccüe Ton der meisten seiner Gemälde. Die Menschen in seinen Landschasle» sind iminer in engster Abhängigkeit der Natur, die sie iinigiebl, gedacht. Sie wachsen lörmlich mit der Natur zusammen. Sie trete» nichl allzu charnklcristisch in ihrer liienschlichen Besonder- heit hervor; sie schinicgen sich in ihrem Ausdruck a» den Friede» eines Nase»a»ssch»llles, an die erhabene Ein- samkcit der See an. Baun» nnd Vnsch iverden lebendig. sruchlbar; und Böcklin's ungewöhnliche Phantasie brauchte nur ivcitcr auszngreiseu nnd der Maler erfand jene Märchen» and Fabelgeslalle» voll grotesken Hiimois, die ihm besonders eigen- lhümlich sind. Jede Meereswelle, jede Felsklippe bevölkert und An- regungen aus der Antike werden nach seiner Weise neu beseelt. Da lnnnneln sich die sclisainen, sischäugigen Ungeheuer, und Meergreise, Nixen und Trilonc». Hier bildet Böcklin's Schassen, dessen Phantasie ans dem Jiiiicnlebeii heraus gestallcl, einen ganz prägnanten Gegen- sah zu belli scharfätigigcn, gcinreichen lind ilnerbiUIich realen Bcobachler der Riißeuivrlt, zu Menzel. Menzel weiß alle Ataße erstaunlich korrekt abzuschätzen, er ist ein Zeichner ersleir Rangs. Böcklin's Phanlasie und sein eminent lebhaster Farbensinn vernach- lässigen nicht selten die korrclte» Maße; er„verzeichnet sich", so bc- sonders auffällig i» der„Kren-abnahme ans Golgatha". Und trotz- dem. ivie weiß Vöck'in auch in wenige» Zügen ein genialischer Scelciikündiger zn sein, wenn er will. Selb» in dem vielbekaunten Capriccio, der Eingabe einer lustigen Künstlerlaiine,„Susanne un Bade", zeigt es ncki denlllch. Jedeiifalls hat die Hinneigniig zur Jdeallandschaft, verblinden mit dein prachtvoll beranlchcndcn Farbensian, es verursacht, daß BLckii» erst linvrihältnißinäßig spät allgemeine Ancikennnng gewann, bc- sonders im spröden, sinulichcr Naiveläl sreince» Berlin. Heute klingt es beinahe niiglanblich, wie»na» hier über Aöckli» sprac!?. (Die Belkiner bcloncn, durch das Wort Berlin und die vielen jlavischen Ortsnamen in gcrinauisirten Landen verführt, die ziveiie Silbe des Namens,»vorüber sich der süddeutsche Böckliu oft ärgerle.) In Berlin» ill man immer an die Kunst sich erst mit Verstandes- mäßiger Reflexion hinanivinden. Man spoitete. man lachte über das„Fabelgesindel" aus den Böcklin'schcu Bildern, das„es in Wirklichkeit gar nicht gebe". Ter Mann kann ja nicht zeichnen, hicß es nnd was dergleichen Liehenswürdigkeilc» mehr sind. Ja, das Merkwürdige kam vor, daß in ältere» Aliflagcu von Mcycr's großem Konversalious- Lexikon vo» Böckliu, dem bedeutsamsten Kolo- risten der Gegenwart, zu lesen ist, er achte der F�rbe nichl recht. Zur Bcrubigiing der Leser sei inbcsjeu milgelhcilt, daß die nenestkn Auflagen des Lexilons vom„Farben- zandercr" Böckliu sprechen. Fardenschivnng, Farbenpracht war eben i» Deutschland verblaßt, der Sin» für intensive, saftige Farbe ver- kümmert. Durch tüstelnde llionianliker nnd Asketen, die sich ans mystisch-sromnie Gebiete verlegte», war die naive Sinnensreudc gelähmt. Böckliu Holle sie sich in Rom und Paris durch Slndien aller Farbenineisler wieder. Sie haben ibn befruchtet, weniger die Düsseldorjer Slkadeinie, wo er die erste technische Ausbildung erfuhr. Böcklin's Kraft reizte das Farbcnproblem und er beging darin manches Wagniß, das nur dem Genie gelingt. So in dem Bilde „Piraten im Sturm ans ein Schloß", wo der grellroth geivandele Räuber im Vordergrund einen mächtig malerischen Eindruck hinterläßt. Böcklin's äußeres Leben ist im ganzen einfach verlause». Bekannt ist, daß Graf Echack den Künstler förderte, als dieser noch schwer gegen rohen Nnverstaiid und Roth zu käinpseii halte. Lenbach in München hat zwar unlängst sehr biller über das Mäcenat des Grasen Sctiack geklagt; ihm gegenüber wäre Schack ein Knauser und Drücker gewesen. Wie dem immer sei: es ist charakteristisch für unsere Epoche, daß geniale Naturen, wie Böcklin und Lenbach, nur dnrck die kärgliche Hilse Scback's sich überhaupt ihrer Art gemäß cnlwickeln dursten. Aon 1659 bis 1661 war Böckliu anch als Pro- seff'or in Weimar thälig. Beengendes Leben, beengender Lehrbcrns waren rlrw»-.cht angemessen. Als freier Künstler in München, m seiner Schweizer Heimath,»md zumal in Italien, woher er auch fein Weib holte, fühlte er sich wohler. In der Schack'schen Gnllerie finden sich die Hauptwerke aus Böcklin's älterer Zeil,„Mörder von Furien verfolgt",„Ritt des Todes",„Panischer Schrecken",„Höhle des Drachen" und verschiedene Meeresidylle. In der Berliner National-Gallerie ist das Gemälde„Die Gefilde der Seligen" zu sehen, ein Bild, sehr charakteristisch für die heitere Erhabenheil Böcklin'scher Jdeallandschaft. In neilcrer Zeit ist die„Piela." wieder aufgehängt worden(im Erdgeschoß), die viele Jahre lang versleckt blied, bis wir Zeitungsschreiber Lärm zu mache» begänne». In Basel selbst, wo man in diesem Herbst zugleich das Andenken an den alten deutschen Meister Hans Holbei» d. I., den Schöpser des„Todlentaiizes" feiert, wurde eine große Böcrlin-'Ausstellung ver- anstaltet. Böcklin's Hauptwerke, so die stiminnngsliese„Todten- insel" und„Der gefesselte Prometheus",— sind ui der Ausstellung vereinigt. Die Ausstellung sollte auch nach Berlin kommen. Leider wurde nichts aus dem Plan, die Privatbesitzer Böcklin'scher Bckder weigerten sich. Böcklin, der stets die Sehnsucht nach froher Erhebung in sich trug, der sie in künstlerische Thaten umzusetzen verstand, wurde vor ein paar Jahren von trüber Melancholie befallen. Sei» Leiden ist behoben und seine Schaffensfreude wieder hergestellt. Wer— und märe er noch so sehr des Dankes voll— könnte dem fruchtbaren Manne etwas Schöneres gönnen, als einen Lebensabend, in rüstiger Kraft verbracht's—f. Mleincs Feuilleton. ho. Herbstliches. Uebcr die breite Brücke fahren die letzlcn Pserdebahnwagcn; schläfrig und malt traben die Pferde zwischen den Geleisen.'Auf dem Bürgersteig gehen einzelne Menschen mit hochgellappten Krage», die Hände in den Taschen. Ueber dem Fluß schwebt ein graner Dunst, der die Laternen der nächsten Brücken und die bunte» Signallichtcr der 5tähne verhängt. Die Speicher am Ufer ragen schwarz und niassig wie Felsblöcke ans dem graue» Fluß. Weiter hinten wächst ein Schornstein empor, den ein schwarzbrauuer lliauchwipscl krönt. Die Feuchtigkeit der Lust drückt den Rauch nieder, der wie riesige welke Blätter zur Erde stallcrt und sich dort mit dem aussteigendem grauen Dunst verwebt. Ter Dunst wächst immer höher, er quillt riesenhaft dick an und frißt immer mehr Licht. Er streckt seine Arme über das Usergcländcr und legt um die Laterne» in den Querstraßen dichte Schleier, immer mehr Licht zehrt er auf. Nur ans dem Lokal an der Ecke des Users fällt ans den trüben nngelansenen Scheiben der Thür ein spärliches Licht über den Bürgersteig. Die nächsten Gaslalernen sind schon in Nebel gehüllt, durch den kaum ein mattes Licht schimmert. Nur die Doppellateriic» auf der Brücke durchbrechen mit ihren starken Strahlen nocn den Dunst, der vergeblich in dichte» Wellen sie umlagert und auch sie ersticken will. Bon der Straße her hört nia» Tritte— ein Klirren von Glas und Eisen— die Tritte kommen näher. Eine dunkle Gestalt lmicht i» unsicheren Umrissen auf. Im Lichtschein des Lokales erkennt man einen Mann, der eine Stange über der Schulter trägt. An ver ersten Brückenlaterne bleibt er stehen. Mit gcrötheten. müden Augen schaut er auf zum Licht, eine hastige �Bewegung mit der Stange, ein Klirren, die volle, üppige Flamme der Laterne rvird mager und kraftlos. Wieder ein Klirren, der Mann geht mit müde gesenktem Kopf, aber eilenden Schrittes weiter. Die Lichter der Brückenlaterne» werden nach einander schwach und klein. Die entfernteren erlöschen ganz, der Nebel hat sie verschlungen. Ein Kratzen und Scharreu nähert sich. Ein Straßenkehrer fegt den Rinnstein entlang. Ein Trappen und stlottern, auf dem fenchte» Pflaster rollt eine Droschke vorbei, deren ärmliche Lichter nur einen 'Augenblick aus den, Dunst ansschimniern. Sie ist schon wieder im Nebel untergetaucht, nur das vorsichtige Traben des Pferdes auf tem schlüpsrigeu Pflaster hört mau noch; bald verklingt es. Fast alle Laternen und das Licht ans dem Lokal sind nun vom Nebel getödtct; nur die nächste Laterne leuchtet noch. Sonst dringt nur ein ungewisser Schimmer durch den grauen Dunst, der mit Qualm und Ranch durchsetzt ist. Der Sllebel hat sich zum Riesen gefressen.— Litcrarischcs. — Die soeben erschienene B ö ck I i n- N u m m c r der„Jugend" bringt unter anderin Beiträge von Max Klingcr, Hans Thoma, Fritz Erlcr, Fidus, O. Greiner, Augelo Jaul. Sascha Schneider, Robert Engels. Durch literarische Beiträge sind vertreten: Hart- leben. Halbe, Birnbaum, Ferdinand Avenarius, Liliencro», Dehmel. — Bertha v. S u t t n e r' s Roman„Die Waffe» nieder" ist jetzt auch in italienischer U e b e r s e tz u» g(nach der 21. Auflage des Originals) bei Fralelli Treues in Mailand erschienen.— Theater. — Neue freie Volksbühne. An Stelle de? Herrn Haid ist Herr Claudius Merten Regisseur geworden. Er wird sein Ami mit der Jnlzenirung von Anzengruber's Schauspiel„Der G'wisienswiirm" antreten. Herr Merten, langjähriges Mitglied des Deutschen Theaters und deSLessing-THeaurs, wird von der nächste» Saison an am Neuen Theater als Regisseur und Darsteller thälig sei».— Musik. — Der Komponist August B n n g e r t beabsichtigt, für die Aufführung seines ans mehreren Mnsikdramen gebildeten Odyssee- Zuklns nach dem Borbilde von Bayreuth ein eigenes Theater zu schaffen, daß in Godesberg am Rhein errichtet werden soll. Bungert habe, so heißt es, eine'Anzahl seiner Freunde und Anhänger für dieses Unternehmen interessirt; jeder habe 500 M. für die Er- richtuiig des Theaters gezeichnet. Uebrigens ist der gesammte Odyssee- Zyklus auch bcreils vom Dresdener Hoflhcaler erworben; ein Theil „Die iliückkebr des Ulysses", wurde bercils ansgeführt, der erste Theil, beiiiell„Circe". foll in der nächsten Salson aufgeführt werden; zwei weitere Mufildrauieu sind für ILM angekündigt.— Medizinisches. — Kohlenstaub u u d L u u g e n t u b e r k lt l o s e. Det „Köln. Ztg." wird geschrieben: Eingehende ärztliche Untersuchungen werfen auf die Einwirkung deS Kohlenstaubes auf die Lungen- tuberkulöse einiges Liebt. Es wird vielfach, nicht allein von Laien, sondern auch von Aerzten angenommen, daß der Kohlenstaub der Eulwickelung der Lungentuberkulose entgegenwirke. Andererseits fehlt es nicht au entschiedenen Gegnern dieser Ansicht. Es litten nach Hirt von hundert erkrankien, anorganischen Staub inhalirenden Arbeiter» au Schwindsucht 26pCl, organischen 17, gar keinen II, Kohlenstaub 1,3. Es starben ferner an der Lnngentuber- knlose in einem Zeiträume von zehn Jahren von je 1000 Arbeiter» im oberschlcsische» Knappschastsverein 1,1 pCl., Saarbrncker 2,0, Bochumer 1,8, in der Krnpp'schen Fabrik 5,1. in der Zinkhütte zu Borbeck 3,2, bei der Rheinischen Eisenbahn 2,5, bei der Oesicrreichischen Südbahn 2.1. Die Thalsache, daß im Kohlen- revier weniger Leute als andere Arbeiter ergriffen iverden, dürfte somit eine Bestätigung finden. Durchschnittlich sind die SIerbefälle der Lnugenkranken bei den Arbeitern, die in Gegenden, wo gesunde WaldeSlnft ist, beschäftigt sind, bcdcnlcnd zahlreicher, als die der Bergarbeiter. Es muß also dem Kohlenstaub in der Grube eine einigermaßen schützende Wirkung zuerkannt werde». Der Kohlen- stand in der Kohlengrube ist seiner Beschaffenheit nach und daher auch bezüglich seiner Eimvirkung ans die Athmniigsorgane wesentlich verschieden von dem Kohlenstaub auf den Eiscniverken. Jener ist sencht und weich, dieser trocken, hart und häufig »och mit feinen Eiscnslaublheilckcn verbunden. Der Fabrikarbeiter ist daher den Verletzungen der Schlcimhänte, der feinen Bronchien und daher der Einwanderung der Tuberkelbazillen weit mehr aus- gesetzt als der Kohlenhaiier. Ob die rohe Steinkohle an nnd für sich gewissermaßen als Antiseptikum der Ansteckung durch Tnber- lulose eiiläczenwirkt, lassen wir dahingestellt sein. Jedenfalls findet man bei den Obduktionen von Bergarbeiter», falls der Verstorbene längere Zeil in diesem Beniie gearbeitet hat, die Lunge in kaum geahntem Maße von der Kohle durchseht. Fast alle Bergleute leiden an dem sogenannte» Schlvarzspncken. Namhafte Forscher sind der'Ansicht gewesen, daß ein wirkliches Eindringen von Etcinkohlenpartikel» in das Lniigengewcbe überhaupt nicht stallsindet. Wahrnehmung«» bei den Obdnklioncn haben gelehrt, daß bei ällerc» Bergleuten nicht allein Parlikelche» Kohle, sondern zuweilen feste Siücke bis zu der Größe einer Walnuß im Lungen« gewcb« vorkomme»»»d daselbst aseptisch eingeheilt sind. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß das Lungen-Eiuphysem, welches bei fast allen Berglenle» vorkommt, nach den Erfahrnngen an nnd für sich einen gewissen Schuh gegen die Lungentuberkulose zu gewähren scheint. Die zahheiche» von den Knappschnflsärzlen vorgenommenen Niitersnchnngc» ans Tuberkelbazillen bei Berglcnlen mit chronischem Lnngenkalarrh, welcher den Verdacht der Tuberkulose hätte begründen könne», fiele» vorwiegend negativ aus.— Llnö der Pflanzenwelt. n. Merkwürdiger P f l a» z e» s a m e n. Nach einer iveit verbrcilcle» BoUSmeinung soll die Achre des wilden Hafers zweierlei Saineu enthalten; einen, der in dem ans die BliitHezeit folgenden Jahre leimt, und einen, bei dem die Keimung erst ei» Jahr später erfolgen kau», der also, wenn die Reise der Aehre eingetreten ist, »och ein Jahr lang nachreifen muß. Professor I. C. Arthur unter» suchte genauer, ob diese Volksmeinung begründet wäre und fa»d, daß dies wirklich der Fall ist. Aber nicht nur der wilde Hafer zeigt diese Eigenthümlichkcit, sondern sie kommt auch den ver- schiedenen Arten der Spitzklette zu. Es sind dies Pflanzen, deren Samen leicht i» der Wolle ivcidcnder Schafe hängen bleiben, an anderen Stellen herausfallen»ud dort keimen, so daß die Pflanze in Gegenden mit bedeutender Schafzucht sehr verbreitet sind. Diese Pflanzen also und der wilde Hafer zeigen die merkwürdige Eigenschaft des Besitzes in verschiedenen Jahren keimende» Saniens, ganz allgemein und regelmäßig, nicht etiva blos als Anomalie. Diese Eigenschasl hat für die Pflanzen, denen sie zukommt, den Borlheil im Gefolge, daß auch wenn einmal ein Mißwachs eintritt, im nächste» Jahre dennoch eine genügende Menge keimfähigen Samens vorhanden die Erhaltung der Art also mehr', als bei anderen Pflanzen, gesichert ist.— Astronomisches. b. Die erste astronomische E» t d e ck»» g durch d a S neue Riese nferur oh r der Y e r k e s- S t e r u w a r l e be i Chikago ist der Eröffnung dieses Observatoriums auf dem Fuße gefolgt. Zu de» Sternen, auf welche das größte Fernrohr der Welt zuerst gerichtet wurde, gehörte selbstverständlich die Wega im Bilde der Leyer, jener Fixstern erster Größe, der zu gewisse» Stunden in der Nähe des Zeniih steht und durch feinen starken Glanz auffällt. Durch das neue Fernrohr beobachtete man, daß in einem Ab- stände von etwa 53 Bogensekunden von diesem Sterne ein kleines Sternchen steht. Diese Eutdeckung durch den 4l1«Zöller der Jerkes- Sternwarte ist übrigens nicht ohne Vorgang, was jedoch den neue» Fund nur noch merkivürdiger macht. Der englische Astronom G. Anderson erinnert nämlich daran, daß er schon im Jahre 1881 mit dem 2-tzölligen Fernrohre der Sternwarte in Washington einen schwachen Stern in der Nähe der Wega in einein Abstände von 51,5 Bogeniekunden gesehen habe. Falls dieser Stern mit dem in Cdikago beobachteten idenlisch sei» sollte, so würde derselbe in den vergangenen sechzehn Jahren eine ganz»n- gewöhnlich bedeutende Bewegting vollbracht haben, welche durch die eigene Beivegung der Wega nicht erklärt werde» könnte. Erst die weitere Beobachtung kann feststellen, in welcher Beziehung diese? Sternchen zu der Wega eigentlich steht. Uebrigens ist ei» anderer Begleiter der Wega von zehnter Größe schon seit langem de» Astronomen bekannt und bat es sogar zn einer Beruhiiilheit in der Geschickte der Wissenschaft dadurch gebracht, daß der Astronom Struve in Dorpat in de» dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts ihn benutzte,»in die sogenaiiiile Parallaxe der Wega und dadurch ihre Entfernung vom Suuncniyilein festzustellen. Wege» dieses Be- gleiters wurde die Wega schon bisher als Doppelftern bezeichnet, ob- gleich jenes Slernche» zehnter Größe in feiner Beivegung jcdeusalls nicht an den Hanplster» gebunden ist Erst wen» dies von dem nenettldeÄlen Begleiter festgestellt werde» würde, würde die Wega mit Fug und Stecht den Namni eines Toppelsterns verdiene».— Meteorologisches. k. Dem vor 50 Jahren gegründete» Meteorologischen Institut zu Berlin uuterslehe» heute 110.Stationen zweiter Ordnung". An diesen Stationen wird dreimal täglich— nämlich um 7 Uhr Utorgens, 2 Uhr nachmittags nnd 9 Uhr abends— Luft- druck, Temperatur. Feuchtigkeit, Beinöllung, Wiiidrichtuttg und Windstärke registrirt, inindeslcns einmal täglich die Menge der gefallenen Niederschläge geinesse» und endlich die Köchsle und niedrigste Temperatur während des ganzen Tages(2-1 Stunden) an bestiuimten, hierzu besonders eiiigerichteten, sogenani.ten„Exireiulbermomelern" abgelesen. Ferner berichten etwa 70„Slatioiieu dritter Ordnung", welche die Temperatur, Beivölkung. Windrichtung. Windstärke und die Menge der Niederschläge brstiiiunen. Dan» gicbt es noch ungefähr 25„Stationen vierler Ordnung", die besonders die Menge der Niederschläge zu berichten haben; endlich noch etwa 1000.Regen- stationen" und fast 1500.Gewitterbeobachlec". Außerdem sind noch verschiedene selbstregistrireude Apparate ausgestellt.— Technisches. — Herstellung von Formen für den Eisenguß. Der Gtiß eiserner Objekte verlangt bekanntlich Formen, ivelche mit Hilfe eines hölzernen Modelles des herzusirlleuden Gege> standes aus sogen. Foruieniand herzustellen sind. Dieser Sand, welcher in ganz bestimmten Gegenden gesunde» wird und durch allerlei Zusätze ver> bessert werden kann, kann im großen und ganzen desiuirt werde» als ein besonders feiner Quaizsand. welcher mit Thonlheilchen aus das innigste vermengt ist. Das Aibeiteu-mit diesem Sand erfordert eine sehr große Geschicklichkeit und Bedulsamkeck. Infolge der lockeren Beschaffenheil des Materials haben die Sandiormeu die Tendenz, bei der geringsten Erschütlernng auseinander zn fallen, nnd es kann dies nur dadurch verhindert werden, daß der Former de» Sand höchst gleichmäßig in die Formen eindrückt und alsdann in ihnen feststampft. Andererseits hat der gewöhnliche Formsand den Fehler. daß der in ihm enthaltene Thon sich durch die Berührung mit dem weißglühenden Eisen brennt, d. h. fest und hart wird. Dadurch entsteht der Fehler, daß das Forminaterial in den veriieflon Partien des Gußstückes mitnnter sehr fest sitzt nnd nur mit großer Mühe aus demselben herausgemeißelt werde» kann. Ei» Formmaterial, welches die dem Formsand entgegengesetzten Eigenlchasle» besäße d. h. vor dem Formen größere Bindekrast zeigte, durch die Berührung mit dem heißen Eisen aber dieselbe verlöre, würde namentlich sür die Herstellung kleinerer und feinerer Gußstücke sehr große Vorlheil« besitzen. Seit langer Zeit hat man Grund, zn vennuthen, daß viele amerikanische Gießereien, deren große Geschicklichkeit im Fa?on- guß häufig bewundert wird, im Besitz eines derartige», ver- besserte» FormmaterialS fein müßten. Näheres über seine Natur nnd Zusammensetzung aber ist bis jetzt nicht bekannt geworden. Neuerdings nun ist, wie der„Prometheus" berichtet, unserer Gießerei- lechnik ei» ähnliches Produkt zugeführt worden, von welchem man sich viel verspricht. Dasselbe ist patentirt und besteht im wesentliche» aus Gemischen von feinem Saud mit Gips und Oel. Durch das Oel wird die Masse in ähnlicher Weise plastisch wie der Formsand. Erhitzt man aber die so hergesteUlen Forme» auf etwa 250 bis 300 Grad, so erhärtet das Material, und die Formen erhalten große Widerstandsfähigkeit. Wird dann die Form durch den Guß auf hohe Temperaturen erhitzt, so behält sie zwar Bindekraft genug, um Berantwortlicher Redakteur: Angnst Jacobcy in B das Eisen, so lange es flüssig ist, zu tragen, aber sie wird so spröde daß ein einziger Hammerschlag ans das fertige Gußstück genügt, um das Formmaterial zu Pulver zerfallen zu lassen, so daß anhaftende Reste mit einer gewöhnlichen Bürste abgeivischt werden können. Es ist dies uameutlich wichtig sür die Herstellung der sogenannte» Kerne, welche bisher besonders schwierig ivar. Ueber die Vorgänge, welche das merkwürdige Verhallen deS neuen Materials bedingen, ist bisher nichts bekannt.— Humoristisches. — Abgeführt. In einem Pariser Restaurant bestellt ein übermüthiger Protz eine Portion„Sphinx ä la Marengo". Kellner:„Es thnt mir leid, davon ist nichts mehr da, Monsieur." Protz:„Was? Nickt mehr Sphinx? Das ist doch stark!" Kellner:„Verzeihe» Sie, Monsieur, wir haben allerdings noch etwas Sphinx, doch, um die Wnmdeil zn gestehe», ich möchte es Ihnen ungern geben. Es ist iiämlich— nicht mehr ganz frisch."— — Der Herzog der JünglingSvereinler. I» de», Stndenlenliede„Sind wir nutzt zur Herrlichkeit geboren" lommen bekanntlich die folgende» Worte vor: Ganz Europa ivnndert sich nicht wenig, Welch ein neues Reich«»lsläiideu in: Wer an» meiste» lrinken kann, ist König, Bischof, wer die in e i st e» Mädchen küßt. � Einem Jünalingsverein in B. schien die letzte Reihe bedenklich and er setzte statt dessen die Worte: „Herzog»»ver de» meiste»» Käse i ß t."— — Preis iverth. 91.: Sie haben ja da einen prächtigen Hund;»vollen Sie ih» nicht verkaufen? B.: Ja. wenn ich hundert Mark dafür bekomme. 9l.: Ist er denn klug? 99.: Na od! Ich sage Ihnen, der Hund ist ebenso geschcidt, wie ich! A.: Na, dann»verde ich Ihnen drei Mark dafür geben.— („Lust. Bl.") Vcrinischtcs vom Tage. — In dem Dorfe Elfi»ig bei Arnsberg herrscht seit 13 Tagen eine Typhus- und S ch a r I a ch- E p i d e u» i e. Die Behörde hat eine Komiuissioii hiugesaiidt, um die Nisacheu zu ersolscheu.— — I m Schlafe e r st i ck t ist i» W o r m s ei» altes Ehepaar. Es hatte vergessen, den Gasölen z» verscvließen.— — Das in» 13. Jahrhnuderl erbaute, früher als Cistercienser Kloster dienende Schloß Stadtilm»st total niedergebrannt. — I» der bayerischen Kam m e r debaltirle man unlängst über die Felivieh-Einfnhr, Manl- nnd Klauenseuche zc. Da stand ver Abg. Hofsteller aus und versicherte, daß er noch nie die Maul- und 51lalle»seuche gehabt bade, voriges Jahr aber habe er sie be» kommen. Und woher? Vom Oklooerfest. Allgemeines Halloh der Abgeordneten, die lhalen, als verstünden sie nicht, daß ihr Herr Kollege seine Ochsen meint».— — In» großen Sl.iche zn Basel ist ein 91>ltrag auf Gründung einer s ch>v e» z e r» s ch e»» K n n st a k a d e m i e in Basel eingebracht worden.— — Mehrere belgische Vlälter melde», der Verlehrsminister, der vor euiigeii Jahren die Wagen erster K l a s s e i» ven Züge», die lleine Slrccke» besatzren, abschaffte, wolle vom 1. Januar ab diese Wagenklasse auf säniiniliche» Zügen eingehe» lassen, die nicht über die Greiize hinails fahren.— — I» bei» Gießhause der Siaal--Wasfenfabrik i» V o n rges (Frankreich) fand eine Explosion statt, durch»velche zwei Arbeiter schiver verwundel»vurdru.— — London, 13. Okiober. Die Behörden des Univer» sitätshospitals ersl.iilelen die Anzeige, daß niiler den P i l e g e r»»» e n und Bediensteten des Hoipitals 13 Erkrankmige« am Typhus vorgekommen sind. Peosessor Corsield leitete die An- steckmig ans das Triiikwasser im Speisezimmer der Pflegerinnen zurück.— — Ans den» P o st d a m p f c r„M e d ,v a y", der in P l y» mo ntl) ans Bardados eingetroffen ist, sind auf der Fahrt zwei Man» der Besatziing am gelbe» Fieber gcsiorbe».— — Eine„Franen-Sch önheils-Schuke"»vnrde am 1. Oktober in Neiv-Iork eröffne!. In derselben erhallen Frauen und Mädchen jedes 9l!lers in dreinionallichei» Lehrgänge die gründ- lichste Unterivelsiing i» allen Künsten: den Körper zu pflegen, den Gang und die äußere Haltung zu veredel», die Hautfarbe zu ver» feinern, das Haar künstlerisch zu fristre», den richtigen Geschmack in der Ansivnhl der Kleidung zu finde» K. K. Mit der Schule ist ein — Heirathsburean verbtinvei».— — Der über 17 00 Jahre alte Tempel Jssami» Sinscha i» der japanische» Stadt Takatamatschi ist nieder- gebrannt. Der Oderprieftcr M. Kono wollte den uralte»» Tempel- schätz reiten, kam aber dabei selbst in den Flamme» um.— Die nächste Nuimnet des UnterhaltlingsblaUes erscheint Sonn- tag, den 17. Oktober._ rlin. Druck und Verlag von Max Badina in Berlin.