Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 203. Freitag, den 22. Oktober. 1897. (Nachdruck verboten. Vev Vom«« rinev Vevsrtiuiörmu;. 10 Von A. Ran c. Jus Deutsche übertragen von Marie K n n e r t. Sie las ihn wirklich noch einmal, lächelnd uild mit feuchtem Auge. Daun ließ sie den Kopf auf das Kissen zurücksinken und träumte. Ihr müder Körper streckte sich, ohne daß sie daran dachte, in anmuthigcr Hallung aus, und ihre großen, von tiefen, dunklen Rändern umgebenen Augen blickten ins Leere, Juliette, die sonst häßlich mar, sah so reizend ans. Alan hätte sie für ein junges Mädchen gehalten. Ihre dichten, halb ge lösten Haare umrahmten mirr das Gesicht; sie wahr nicht mehr entwickelt als ein siebzehnjähriges Mädchen; selbst die Arme waren schmächtig; aber die kernige Weiße der Haut, die Festigkeit d-s Fleisches offenbarten die außerordentliche Lebenskraft Jnliette's. Sie wurde plötzlich durch ein eigenthümliches Klopfen an ihrer Thür, das ihr bekannt erschien, ans ihren Träumen aufgeschreckt. Dasjenige ihrer beiden Zimmer, in welchem sie schlief, ging nach dem Boulevard du Graud-Ccrf hinaus. Sie rührte sich zuerst nicht. Nach Verlauf einiger Sekunden wurde ein ziveites Mal auf dieselbe Art geklopft. Sie stand ans und lief nach der Thür, um den Niegel zurück- zuschieben. „Warten Sie einen Augenblick", sagte sie. Dann lief sie auf das Bett zu, dessen Decken sie sorgfältig bis zu den Armen hinaufzog. „Gut," rief sie,„treten Sie jetzt ein." Ter Eintretende war ein junger Alaun von etwa zwanzig Jahren, der mit Pierre Rocherenil eine große Familien- ähnlichkeit hatte: dasselbe blaue Auge, dieselbe breite, intelligente Stirn, dasselbe Lächeln. Sein Gesicht drückte gleichzeitig Ent- schlossenhelt und Schüchternheit ans. „Guien Tag, Fernande," sagte er, etwas verlegen auf das Bett zugehend. „Guten Tag, Louis. Wie, Sie kommen zu dieser Stunde zu mir?" »Ja, Fernande, ich komme.. „Ach, ich bitte, lassen Sie doch den Namen Fernande; Sie wissen wohl, daß es mir schrecklich nußfällt, wenn mau mich so nennt. Ich heiße Juliette...." „Aber, mein Bruder,.." „Ihrem Bruder wage ich nichts zu sagen; aber das ist kein Grund für Sie, ihn nachzuahmen. Vor Ihnen habe ich keine Furcht, Lonis. Uebrigens wolleil Sie mich nicht kränken, während Ihr Bruder mich mit Aosicht Fernailde nennt, um uüch zu betrüben. Ihr Bruder ist grausam, Lonis." „Sie sind ungerecht, Juliette." „Ach Sie sind nett. Juliette ist doch nicht schwieriger auszusprechen als Fernande," sagte sie, indem sie sich lässig zu Lonis Rocherenil neigte.„Ich bin nicht ungerecht, aber Ihr Bruder ist nicht niehr gut zu mir. Seit er in der„Heim- suchnng" ist, hat er nicht ei» einziges Mal an mich geschrieben. «Ich dagegen werde nickt müde. Da ist wieder ein Brief. Sie werden ihm den Brief heute aushändigen lassen, nicht wahr, Louis?" „Gewiß, aber Sie haben unrecht, ihm böse zu sein; er ist so beschäftigt." „O, so beschäftigt! Ich wette, daß er Zeit findet, an Madanie de Puygarrean zu schreiben?" „Sie sind toll, Juliette." „O ja, toll. Freilich hat er sie nicht geliebt und liebt sie vielleicht jetzt noch nicht, seine schöne Madame de Puygarrean! Sie ist nicht einmal jung! Sie ist wenigstens drei Jahre älter als er!" „Werden Sie etwa eifersüchtig, Juliette?" Juliette erblaßte und autworlete nicht. „Ich bin noch niemals zu Ihnen gekommen," begann Lonis Rocherenil von neuem, den Gegenstand der Unterhalinng wechselnd.„Nicht wahr, Sie haben ein Zimmer, das nach den Gärten der„Heimsuchung" hinausgeht?" „Ja," anlivortete Juliette,„öffnen Sie diese Thür, ani Eilde des Korridors können Sie es sehen." Lonis Rocherenil ging wirklich dorthin, und als er zurückkam, sagte er zu Juliette, die ihn mit Neugier be« trachtete: „Wird die Thür, die sich nach dem Garten zu öffnet, jede Nacht geschlossen?" -Ja Aber Sie haben einen Schlüssel dazu?" »Ja." Wollen Sie ihn mir geben, ebenso den Schlüssel zu dem simmer? Sie können sagen, daß Sie die Schlüssel verloren aben und sich andere machen lassen." „Wie, der Gartenschlüssel und meinen Zimmerschlüssel, Lonis?" fragte sie, ihn mit sonderbarer Miene ansehend. Jetzt erröthetc Louis Rocherenil gerade so wie Juliette vorher erblaßt war. Er zuckle die Achseln und antwortete: „Sie können sich doch denken, daß Pierre dahinter steckt, weini ich Sie um die Schlüssel bitte." „Will er fliehen, will er sich hier verbergen?" fragte Juliette, die Decken heftig zurückschiebend und sich im Bette aufrichtend. „Sie verlieren den Kopf, Fernande; es giebt wohl keinen sichereren Ort als Ihr Zimmer, wenn Pierre flicht. Es würde nicht zwei Tage daner», bis die Polizei eine Haussuchung vor- nimmt; aber es handelt sich»m keine Flucht. Man braucht ehr Zimmer und Ihre Schlüssel für eine oder zwei tnnden. Am Morgen werden Sie benachrichtigt, denn es wird wahrscheinlich nöthig sein, daß Sie an dem Tage ab- wesend sind." „Ach, ich brauche die Leute, die kommen, nicht zu sehen? Hat Pierre kein Vertrauen zu mir? „O, Sie sind unausstehlich! Pierre hat alles Vertrauen zu Ihnen, aber bei denen, die Sie nicht kennen, kann es doch nicht ohne Weiteres der Fall sein. Machen Sie es wie ich, Juliette; ich trachte niemals mehr zu wissen, als man mir sagt." „Weil Sie keine Frau sind, Lonis. Nehmen Sie die Schlüssel. Sie liegen ans dem Kamin. Gut. Jetzt, LouiS, sehen Sie mir in die Augen! Pierre wird sich in keine neue Gefahr stürze»?" „Aber nein, nein. Es ist ganz ruhig in der„Heim- suchnng". Das Schlimmste, was ihm passiren Jaiin, ist, noch einige Monate dort bleiben zu müssen." „Damit Sie es wissen, ich lasse ihm Nachrichten zukommen in meinem Briefe; vergessen Sie nickt, ihm denselben heute zu geben. Die Stadt ist voll von Polizei. Gestern ist ein Agent hierher gekommen, der mir gesagt hat, daß er von dem Geueralpolizeiminister geschickt wäre und ich glaube, einem andere» in der Rue de la Mairie begegnet zu sein." „Deshalb beunruhigen Sie sich nicht, Juliette. Ich werde seit drei oder vier Tagen auch überwacht. Heute Morgen wurde ich bis zu Ihrer Thür verfolgt. Halt! sagte er, sich dem Fenster nähernd, ich sehe meinen Bursche» da zwischen den Maulaffen, die den Arbeiten beim Austrocknen des Sumpfes zusehen. Er wartet auf mich. Haben Sie indeß keinerlei Unruhe. Ich wiederhole es Ihnen: Je mehr die Polizei sich mit Ihnen und mir beschäftigt, desto besser." „O, ich begreife, wir lenken sie auf eine falsche Spur." „Ganz recht. Aber erzählen Sie mir genau alles, waS Ihnen gestern begegnet ist. Ich bin sicher, daß Sie in dem Briefe an meinen Bruder von ganz anderen Dingen sprechen." „Lonis, Sie werden boshaft; Sie verdienen, daß ich Ihnen garnichts sage. Nun, nun, machen Sie nur nicht Ihr ernstes Gesicht. So werden Sie ihrem abscheulichen Bruder ähnlich, und ich bekomme dann Lust, Sie zu umarmen. Runzeln Sie nicht die Brauen! Ich werde ganz ernsthaft sein." Und Juliette erzählte ihm Punkt für Punkt ihre lange Unterredung mit dem Untersuchungsrichter Drault und ihre kurze Unterhaltung mit Degrange, dessen Namen sie nicht kannte. Sie vergaß auch den alten Herrn mit dem zimmet- braunen Beinkleid nicht und das Rendezvous, das für heute Mittag 12 Uhr in der St. Hilariuskirche angesetzt war. Louis Rocherenil schien dem letzten Umstand einige Be- deutung beizumessen. Er ließ sich den alten Herrn zweimal beschreiben. „Sie sind geiviß," sagte er,„ihn niemals früher gesehen zu haben?" „Niemals." „Sie wurden daraus schwören, daß er nicht aus Poitiers ist?" „Ich würde darauf schwören." „Was haben Sie darauf gethan?" „Ich habe Ihren großen, häßlichen Enitarrespielcr auf- gesucht, wie für solche Fälle verabredet war, wenn mir etwas Unerwartetes passirt. Ich habe ihn uns der Place d'Armes gefunden und ihm eine Decüne gegeben. Am Abend hat er, bevor er in seine Herberge ging, vor meinem Hause gespielt. Ich habe ihm ein Füuszehnsousstück in ein Papier gewickelt hinunter geworfen, ans dem ich Stunde und Ort der Zusammenkunft, die mir der alte Herr augegeben hat, aufschrieb." „Das ist gut, Iuliette, das genügt." „O, er ist häßlich mit seinem wirren Kopf und dem großen Bart, der dreiviertel des Gesichts bedeckt. Warum rasirt er sich nicht! Sagen Sie mir, Louis, ist Ihr Bruder dieses Mannes auch ganz sicher?" Louis Rochereuil lächelte ohne zu antworten. „Adieu, Juliette," sagte er,„es ist elf Uhr vorbei. Biel Glück und seien Sie vorsichtig? Mein Bruder wird Ihren Brief heute noch haben." Und schnell ging er hinaus. Juliette sah ihm lächelnd nach. Dann kleidete sie sich an, nahm eilt Gebetbuch und ging fort. Sie stieg den Boulevard bis zur Höhe von St. Hilarius hinan und betrat die Kirche in dem Augenblick, als das dritte Läuten zur Messe ertönte. (Fortsetzung folgt.) Dio SckxctllmirlrttttA cruf dem IMeeee.*> Wer bei nebligem Wetter eine Seereise gemacht, hat den durch- dringenden Klang der Dainpspleife gebikt und de» miederholte» Hilfeschrei der Sirene eines beladenen Dampfers vernommen. Und wie abscheulich, trübselig, niederdrückend diese Töne auch geklungen haben mögen, mir habe» sie in Stühe über uns ergehen lassen, da wir wohl wußten, daß die Dampfpfeife und die Eirene zwar nicht das Aergnügen, aber die Sicherheit der Reise erhöhen. Die wissen- schafiliche Forschung hat nun in letzter Zeit nnsern Glauben an die Wirksamkeit dieser Warnuugssignalc wesentlich erschüttert. Es ist nämlich festgestellt worden, daß die Fortpflanziliig des Schalles durch das Medium des Nebels nicht ganz de» bekannten Gesetzen der Schallbewegung folgt. Bisher nahm man an, daß ein Nebelsignal, das einmal er- klunge", ist, an jedem Punkle des Hörbereiches vernomme» werden könne, und zivar mit einer Schallstärke, ivelche nach dein bekannten Gesetz der umgekehrten Quadrate mit der Eiitsernung abnimmt. Aber so überraschend es auch sein mag, es kann keinem Ziveisel länger nuterliege», daß dieses altgemein erkannte Gesetz aus irgend einem vorläiisig»»bekannten Grunde bei Nebelsigualen, ivelche aus der See gehört werden sollen, keine Geltung hat. Es dürste noch erinnerlich sei», daß im August vorigen Jahres im Englischen Kanal ein Zusaminenstoß zivischcn dem englischen Schiff„Seasord" und dein französische» Schiff„Lvon" stattfand, dem zufolge der„Seasord" unterging. Der Zusanunenstob geschah aus folgende Weise. Als der„Seasord" ungesähr noch fünf oder sechs englische Meilen von dem Schauplätze der Katastrophe entfernt war, kam eine Nebelbank in Sicht. Bald nachher trat der„Seasord" in die Nebclbank, und das Nebelsignal eines herannahenden Dainpfschiffes würbe vernominen. Das Signal klang schwach und gedainpst. Eine Miiiilte später ertönte ei» ziveites Nebelsignal, aber diesmal bei ivciteni lauter, und nach einer weiteren Minute sah Man bereits das Schiff„Lyon" den Nebel durchschneide». Man muß festhalte», daß zwischen dem ersten äußerst schivache» und dem zweiten laut vernehinbare» Signal nur ein ganz kurzes Zeitintervall lag, und daß das Schiff demgemäß inzivischen»ur eine ganz kurze Strecke hatte zurücklegen können. Man weiß scrner, daß auch der„Seasord" seine Pfeife ertöne» ließ. Heber die Vorgänge an Bord des„Lyon" liegen leider nicht so authentische Berichte vor, ivie sie uns in beziig aus die Geschehnisse an Bord deS„Seasord" von Seite des be- rühmten ainerikanischen Seerechtslehrers Mr. Lewis-zur Verfügung stehen. Es ist jedoch mit Sicherheit festgestellt worden, daß der Unterschied zwischen der Intensität des ersten und des kurz daraus folgende» ziveitcn Signals für die an Bord des„Seasord" befind- licheir Personen sich als ein ganz geivaltiger darstellte. Diese Beobachtungen gelangte» in Amerika zu sehr lebhafter Diskussion. Leider ivurde das Urtheil des erfahrensten Experten (ivelches dahin ging, daß. der Klang der Nebelsignale zur See dem Gesetze der umgekehrte» Quadrate nicht folgt), ans Schell vor der *) Aus der Wiener Wochenschrist„Neue Revue". wissenschastliche» Häresie durch andere Experten lächerlich gemacht. welche vielleicht hierbei ihre eigene Erfahrung Lügen straften. Das große Publikum aber nahm diese Mittheilungen mit jener Ungläubig« keit auf, welche seit jeher überraschenden und bedeutsamen Ent« deckungen zunächst entgegengebracht wird. Diese eigenthümliche Abweichung von dem allgemeinen Gesetz ist zunächst in Fällen beobachtet worden, wo die Nebelsignale von Küstenstalionen ausgingen. Nachher stellte man fest, daß die Ab- iveichinlg in erster Linie wahrgenommen werden kann, wenn die signal- gebende Station sich auf einem Felsen befindet, der gegen zivanzig Meilen außerhalb der See gelegen ist. Der Zusaminenstoß zwischen dein„Seasord" und dem„Lyon" scheint nun, soweit ich über den- selben iuformirt bin, zu zeigen, daß eben dasselbe merkwürdige Ans- nahniegesetz, welche das allgemeine Gesetz von der Schallbewegnng durchbricht, auch für den Fall gilt, wenn ein Schiff auf hoher See im Nebel einem zweiten sich nähert. Die wichtigsten Versuche, diese interessante Erscheinung zu ergründen, wurden bis zetzt an der Küste von Deutschland und von New-Engla»d nnternommen. Es ist jedoch nicht daran zu zweifeln, daß angesichts der merkwürdigen Resiiltale, die an den Mündungen der Elbe ilnd Weser, soivie an den nordöstlichen Gestaden von Nordamerika erzielt worden sind, auch die Engländer nicht länger zögern werden, ähnliche Experimente vorzunebmen. Betrachten wir eininal solgende Thalsache, welche durch die Erfahrung sännullicher Slenerlente an der deutschen Küste erhärtet ist. Die Stakete», welche auf der Insel Helgoland abgfeenert werden, sind zniveile» auf eine Entfernung von 20 Meilen zuhören. Aber ivenn sich das Schiff der Küste Helgolands nähert, so nimmt der Schall zunächst an Intensität z», wird aber nach einer Weile gänzlick un hörbar, um dann wieder, wenn das Schiff ganz nahe an die Küste hcrangekonnnen ist, mächtig anziischivellen. Genau dieselbe merkwürdige Beobachtimg wurde bei dein Nebelhorn deS Leuchithurmes an der Weserinündung gemacht; nur daß hier noch eine ziveite, nicht minder seltsame und ebenso unerklärliche Erscheinung hinzutrilt. Wenn der Klang des Nebelhornes zum ersten Male auf einem herannahenden Schiffe ge- hört wird, so scheint er von einer ganz anderen Richtung auszugehe», als in ivelcher er später allmälig verhallt. Ans den zahlreichen bisher angestellten Versuchen in dieser Be« ziehung führe ich im folgende» nur einen an. Ein Schiff steuerte in einer Eulfcrnung von s>/s Seemeilen in gleichförmigein Teinpo durch einen Nebel gegen den Lenchtthiirin hin. Der Klang der Leuchtlhurni-Sirene war anfangs in einer Entfernung von 23/4 Seemeilen nur ganz leise hörbar; als das Schiff dem Leilchtthurm um >/4 Meile näher kam, nahm plötzlich der Schall an Krast z». uiid diese Jntensilät blieb durch eine iveitcre Viertelnieile siel ig. Dann, je näher das Schiff kam, begann die Jntensilät immer mehr ab» zmiehme», so daß die Sirene i» einer Enlfernuiig von U/z Meilen vom Leilchtlhiirm gar nicht mehr gehört ivurde. Dann wurde sie ans einmal wieder so kräftig gehört, als wenn der Lenchtthiirin nur zwei Kabellängen entfernt geivesen wäre. In einer Enlfcrnung von einer halben Meile verschwand der Ton abermals vollständig, um in einer Distanz von einer Vierlelnieile wieder aufzutaiichen, worauf er bis zum Ende der Fahrt gleichförmig an Krast znnahin. Das Exverinient wurde soivohl bei der Aniiäheriing des Schiffes, als auch bei seiner Enlfernuiig vom Leilchtthurm wiederHoll; jedesinnl mir dcniselben Ergebniß. Diese Versuche scheinen geeignet, die Ursachen des eingangs erwähnte» Ziisainmenstoßes zwischen dem„Seasord" und dem„Lyon" in ein neues Licht zu rücken. Bei der EutseriiiiNg von einer halben Meile verschwand der Ton vollständig; eine Vierlelmeile näher erschien er mit bedeutender Intensität ivieder. Der Zusammen« hang wird klar, wenn uia» sich des leisen, kamn vernehmlichen Klanges erjiniert, der ziierst thatsächlich auf dem„Lyon" gehört wurde und dem eine Minute später ein mächtiger, dröhnender Schall folgte. Man muß demnach annehmen, daß auf dem Meere nngefahr etwa 1>/s Meilen weit von dem Nebclsignalapparar eine Zone be» steht, in welcher das Nebelsignal»»hörbar wird. Die Breite dieser Zone dürfte, wie aus zahlreichen Experimenten hervorgehl, zivischen 1 bis IV'i Meile» schwanken, deren Durchmessung bei rascher Fahrt eines Dampfers nur eine» sehr kurze» Zeilraui» in Anspruch nimmt. Ein Punkt von großer praktischer Bedeiiiung soll hier noch hervorgehoben werden. Ans Beobachtungen, ivelche besonders von amerikanischen Forschern an der nordaiuerikaiiischen Küste aiigestellt wurde», erhellt»äinlich, daß, wenn die Nebelsigiialstalion am Küstensainn gelegen ist, und ivenn sich hinter oder nebe» derselben steile und hohe Klippe» befinde», mehrere solcher für de» Schall undurchlässiger Zone» sich z>l bilden scheinen. Nun ist es wohl »othiveiidig anzuführe», daß gerade dies die häufigste Lage.der Nebclsignalstationen ist, da naturgemäß Nebelsignalstationeii zumeist an gefährliche», zerklüfteten lind klippenreichen Kästen angelegt zu werden pflegen. Auf einem Schiffe, das sich einer solchen Küste nähert, wird demnach in periodischem Wechsel mehrmals das Nebclsignal gehört, bis der Eintritt des Fahrzeirges in eine undurchlässige Zone de» Schalt nnvernehmbar macht. Welche Bedeutung diesen Beobachluiigen inneivohnt, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Im wissenschaftliche», wie auch im praktischen Interesse wäre es höchst wün'schenswerth, ivenn über Breite und Zahl dieser abwechselnden Zonen durch fachmäniiische Autoritäten genauere Untersuchungen angestellt würden. Und zwar sollte die Lösung dieser bedeulsameii Frage aus internationalem Wege versucht iverden. Vielsältige und bei weitem ge»auere Untersuchungen. als bisher angestellt wurde», scheinen hier erforderlich� Die Wissenschaft, das muß offen eingestanden werden, vermag vorläufig noch nicht die Natur der geschilderten Erscheinung zu erklären. Wohl ist es nicht unmöglich, daß man es hier mit akustischen Erscheinungen in der Art der bekannten Interferenz- Phänomene des Lichtes zu thnn hat, wo das Zusammenwirken ge- wisser Lichtstrahlen unter bestimmten Umständen völlige Dunkelheit erzeugt. Doch ist dies nur eine hypothetische Annahme. Es ist Sache der exakten Forschung, volles Licht i» das Dunkel dieses interessanten und praktisch so wichtigen Fragenkomplexes zu trage».— Dr. Edward Aveling(London). Dileinos Fcuillekott. — O— Zettclvcrthcilcr. Sie gehören zu den ständige» Figuren der Großstadlftraße. Wir beachten sie kaum, weil wir an die Reich. halligkeit des Lebens in unseren Straßen gewöhnt sind; doch der Fremde ist erstaunt, wenn ihm plötzlich ein Stück bedruckten Papiers fiberrsicht wird. Und während wir höchstens einen kurzen Blick auf den Zettel werfen und den Zettel dann zur Erde flattern lassen, liest der Provinzler aufmerksam die geschäftliche Anpreisung, ja, fleckt sie wohl gar in die Tasche. Wie nun in der Großstadt ein jedes Viertel sei» bestimmtes Aussehen, sein eigenes Straßen- publik»», hat, ebenso verschieden sind auch die Zettelvertheilcr. Ein Psychologe kann ans dem Inhalt der Zettel mit Leichtiglei! die Art der Gegend und ihrer Bewohner ertemieii. Im schillernden Gewimmel der Friedrichslraße siebt ein Mann a» der Straßenecke; er ist einfach, aber sauber und gut gekleidet. Mit Kennerblick sucht er sich seine Leute anS. Die Dame» läßt er ausnahmslos unbehelligt passirc». Auch die meiste» Herren sagen ihm nicht zu— Arbeiter beachtet er gar nicht.— Aber da koinnieu junge, elegante Herren an; die Langeweile einer'Arbeits. losigkcit. die ihnen der Herr Papa mit seinem Gelde gestattet, liegt in ihrem schleudrige» Wcien. Mit einer gewissen Würde tritt der Mann ans sie zu und drückt ihnen vertraulich, mit einer Beivegung. die unbedingte Annahme beischt, ein kleines, buntes Kärtchen in die Hand. Auch die Vorübergehenden niit dem verivunderten, neu- gierige» Blick der Fremdeil erhalten, ebenso ivie der greise, stutzer- hast gekleidete Bnminler der Friedrichstadt, eine solche srenndliche Einladung in die Hand gedrückt. Es sind Anprcisunge» jener Lokale, die sich abends durch bunte Laternen kenntlich mache». Auf den Kärtchen ivird der geinülhliche Aitsenthalt, die fesche Bedienung durch Araberinnen, Polinnen und Fraiizösinnen im Kostüm und das Freikonzcrt der russischen Kapelle gerühmt. Für die„anständigen" Leute ist der zweite Eingang vom Flur. Weiler Iiiuaus nach dem Norden, Osten und Süden treten die Zeltelvertheiler nicht mit solchem Seldstbewußlseiii ivie die der Friedrichstadt auf. Ihre schäbige Kleidung verrälb, daß sie nicht fest angestellt sind, sondern das Zeitelvertheilen als GelegenheitSdiensl iniinehmeii. Sie stehen auch nicht den ganze» Tag über a» einer bestiniinte» Stelle, nur stnndcnivcise theilen sie ihre Gaben an jeder- manii aus, die Kinder jedoch lassen sie unbedacht vorbeiziehen. Schüchtern/ fast bittend strecken die nieist alten, gebrechlichen Leute die Zettel hin. Es sind keine Einladuiige» zu Amüsements, sondern Geschäflsreklanien, die sie verlheilen. Slbzahlungsgeschäfte sind am Hänsigste» an dieser Neklame bclheiligt, die ein guter Werthmesser für die wirlhschasllichen Verhältnisse der Umwohner ist. D'.e Slraßenpassanlen lassen selten den Zetielvcrlheiler unnütz die Hand gusstrecken; dje jungen Mädchen nehmen ausnahmslos— ans Mitleid— die Gabe entgegen, wenn sie sie auch kurz daraus wieder fortwerfen,>vo sie von Kindern gehascht wird, die kein anderes Spielzeug habe».— u. Menschliche Nnkiestelsttlig auf einem ä)ci». Es erscheint uns selbstverständlich, daß wir lins auf beide Füße stelle», wenn wir eine ruhige, bequeme Stellung cinnchmeu wollen. Den» wenn wir die Last unseres Körpers auf beide Bein« gleichmäßig vcrlheilen, ist natürlich jedes Bei» weniger angestrengt, als wen» wir uns in Storchmanier aus einen Fuß stellen, um bequem zu stehen. Dennoch komnit es vor, daß Menschen als bequeinsle Körperstellung das Cleheu ans nur einein Bein ansehen, wobei das andere Bein im Knie gebeugt und gegen das stehende Bei» gestützt wird; ja, diese Storchstellnng ist sogar sehr verbreitet. Eine ganze Reihe von Ethuogrnphe» hat sie in den verschiedenste» Theilen von Afrika beobachtet. Professor W. Joest hat sie bei einem Eingeborenen in Egypten gesehe», in der Nähe der Köuigsgräber von Theben; der verstorbene'Robert Hartmaun hat einen Barineger vom ivcißen Nil i» dieser Stellung photographirt; Schweiiisurth hat im Herze» Afrikas die Haltung auf einem Bei» bei mehreren Völkern konstatirt, und Dr. Hans Meyer, der erste Ersteiger des Kilimandscharo, erklärt sogar, er habe diese, aus den erste» Blick so unbequem erscheineiide Stehweise in ganz Asrika allgemei» verbreitet gefunden. Aber nicht nur ans diesen einen Erdtheil ist die aiisfällige Erscheinung beschränkt, sondern Australieiircisende, wie Lninholtz, Semon und Jnkcs, fanden sie ans verschiedenen australischen Inseln und auch i» Asien wurde sie.von Sarrasin auf Ceylon beobachtet. Es schemt also fast, als handelte es sich hier um ein« bei Siaturvölkeru ganz allgemein verbreitete Geivohuheit— und wenn wir nns eriniiern, wie oft wir selbst. wenn wir auf der Straße, etwa im Gespräch, stehen bleiben, il»s auf de» Schirm oder Stock lehnen und eigentlich nur auf einem Fuß stehen, während der andere lässig gegen de» ersten gelehnt ist, so müsse» wir vielleicht zugeben, daß hier noch ein Erbstück ans jener Zeil vorliegt, da unsere eigenen Vorsahreu ein Naturvolk waren.— Theater. — Gründung einer„Freien Volksbühne" in Wien. Der Direktor des Burgtheaters. Dr. Max B ur ck h a r d, hat sich bereit erklärt, in der demnächst stattfindenden Versammlung zur Gründung des Vereins„Freie Volksbühne" einen Vortrag über den Entwurf des neuen Theatergesetzes und die Arbeiten der Theatergesetz-Kommission zu halten. Anschließend wird über die Gründung der„Freien Volksbühne" referirt und berathen werden.— Dieser Burckhard! Na, dem würde man in Berlin das Liebäugeln mit den„Freien Volksbühnen" schon austreiben!— Musik. — Was eine m Verleger passiren kann. Unter diesem Spitztitel schreibt die„N. Fr. Pr.": Dieser Tage wurde uns als„interessante Neuheil" ein Band Klavier- Kompositionen zu- gesendet unter dein Titel:„Ein Sludienwerk für Piauoforte, zusammengestellt von Enge» d'Albert." Ein so bedeutender Name fordert zu besonderer Beachtung auf. Diese haben wir dem Werke auch angedeihe» lassen— wollen. Das Hinderniß, an dem sich unser guter Wille stieß, war gleich das zweite Titel- blatt. das uns eine auffallende Achnlichkeit mit einem nns wohlbekannten pädagogische» Kouipilalionswerke zu haben schien. Richtig! Genau dieselben Komponisten, genau die gleichen Etüden derselben, nur in anderer Ordnung abgedruckt, sonst aber ohne Aenderung irgend eines Fingersatzes oder irgend einer Be- zeichuung, ohne Spur einer„Revision". Die Herren Heransgeber haben also offenbar total darauf vergesse», daß genau dasselbe Werk bereits einmal unter dem Titel:„Ein Studienwcrk, dem Hochmeister der musikalischen Künste Franz Liszt«hrsurchlsvoll gewidmet von de» Verlegern", bei ihnen erschienen war. Wir machen die Herren Nozsavöglyi u. Comp, in Budapest hiermit auf diesen fatalen Lapsus ausmerksam. Das Werk an sich zu empfehlen, stehen wir natürlich nicht au. Es hat sich ja bereits bewährt!— Aus dem Thierleve». — Hund und Katze. Ein Leser schreibt uns: Die Ge» brüder T. in Berlin halten auf ihrem Grundstück zwei große Jagd-. Hunde, einen Marder und mehrere Katzen. In einer Nacht brach der Marder atts seinem Stalle und erwürgte sechs Junge, welche die Jagdhüudin nicht lange vorher geworfen. Auch die daraus- folgende Zucht mißglückte; die Hündin fraß ihre Jungen selbst auf. Jetzt freundete sich eine fünf Wochen alte Katze an die Hündin an, kroch zu ihr in die Hütte und legte sich zwischen ihre Pfoten nieder. Dabei»mßle das kleine Thier wohl die Entdeckuiig gemacht haben, daß die Hündin noch Nahrung bei sich führte, und bald begann es, an den Warzen zu sauge». Jetzt konnte man jeden Tag ein sonder« bares Schauspiet sehen. Die kleine 5katze kroch in alle Ecke», die große Hündin konnte ihr nicht folgen und stand ängstlich schwänz- wedelnd umher; kam die Katze wieder hervor, so beleckte sie das kleine Thier und sprang lustig um dasselbe. Am meisten schien es der Hündin zu gefallen, wenn ihr die Katze auf den Rücken gesetzt wurde; dann ging sie vorsichtig in ihre Hütte, wo die Katze sich wieder satt trank. So ging es wohl gegen drei Wochen, ehe die Huude- und Katzenlicbe sich abkühlten.— Astrouomisches. — Bemerkenswerthe Beobachtungen über das diesjährige Auf« tretendes sogenannten L a u r e u t i u s str o in es, des seit mehr als tausend Jahren alljährlich in der ersten Augusthälfte er- scheinenden Slernschnnpppen- Schwarmes, werden soeben in den „Astronomischen Nack, richten" von der Utrechter Sternwarte bekannt gemacht. Im Gegensatz zu den Novembermeteorcu, die immer nur nach 33 Jahren in großer Menge auftreten, sind die Augustmeteore oder Perseiden, wie sie nach dem Sternbild, ans dem sie heraus- zuschießen scheinen, auch genannt werden, alljährlich, aber nicht in so ungeheuren Mengen sichtbar. Ilm zahlreichsten treten die Perseiden in den Tagen vom Il>. bis 12. August auf, aber bei der großen 'Ausdehnung der Meteorwolke treffen auch schon von Ende Juli ab diesem Schwarme angchörige Meteore mit der Erde zusammen. Es ist nun sehr auffällig, wie die Zunahme in der Zahl der August» meteore sich in den Utrechter diesjährigen Beobachtungen niit der 'Annäherung au die Haupttage des Phänomens ausspricht. Die Beobachtnngeu begänne» aui LS. Juli und endigten am 4. August. Am LS. und 27. Juli wurden durchschnittlich stündlich drei dem Schwarme angehörige Meteore beobachtet, am LS. Juli fünf Meteore, am 2. August aber zehn Meteore stündlich, am 3. August acht und am 4. August elf Meteore stündlich. Gleichzeitig wurde auch eine größere Anzahl anderen Schwärmen angehöriger Sternschnuppen beobachtet; von 112 beobachteten Sternschnuppe» gehörte» ö6 dem Laurenliiisstrome an. Von den letzteren erschienen neun im Glänze der Sterne erster Größe, 19 in der Helligkeit der Sterne zweiter Größe. IS zeigten den Glanz der Sterne dritter und sechs und vier Persciden kamen den Sternen vierter und fünfter Größe gleich. Von den helleren Perseideu- Meteoren leuchteten neun in einen« grünen Lichte, und zwei Meteors zogen in einer gekrümmten Bah» einher.— — Ein neuer Komet. Der„Franks. Ztg.- wird ge- schrieben: Am Abend des 16. Oktober sand auf der Lick Slerinvarte der Astronom Perrine einen neuen Kometen im Sternbilde der Giraffe. Derselbe zeigt einen Kern achter Größe und einen kleinen Schiveif. Wenngleich derselbe also auch jetzt dem freien Auge un- sichtbar ist, so zeigt doch die nur den helleren Kometen eigenlhmn- liche Schweifbildung an, daß wir dies vielleicht noch erwarte» dürfen. Der Komet steht die ganze Nacht an unserem Himmel. Er ist bereits der fünfte, den Perrine, der auf der Berg-Stcrnwarle des Monnt Hainilton als eifriger 5komete»jäger in die Fuhstapfen seines berühmten Vorgängers Barnard getreten ist, seit zwei Jahren e»l- deckt hat.— Meteorologisches. ie. Der höchste Drache» aufstieg für wissen- schastliche Zwecke wurde am 19. September von dein Blne Hill Observatorium bei Boston erzielt. Ein 3 Pfund schwerer, selbständig registrirender Apparat, welcher für die Aufzeichnungen von Luftdruck, Temperatur und Lnftgeschwindiakeit eingerichlel war, wurde an einer 136 Fuß langen Leine an zwei große Drachen von Kistenform angehängt, die Drache» wurden aufgelassen und der über sechs Kilometer lange Stahldraht, um welchen die Hauptdrachen schivebteu, noch durch fünf kleinere Flugdrachen gestützt. Die gesainnile Tragfläche der benutzten Drachen betrug etwa 200 Quadratsuß. Die zwei oberste» Drachen erreichten eine Höhe von nicht weniger als 10 016 Fuß über dem Meeresspiegel, diese Höhe ivurde durch Messuiigen mit Theodolite» von der Erde ans bestimmt und durch die Lustdruckangaben des an den Drachen befestigten meteorologischen Instrumentes be- stätigt. Der Aufstieg erfolgte gegen Mittag und erreichte bald nach 4 Uhr die höchste Höhe, das Justrument blieb fünf Stunden lang in der Höhe von mindestens etner englischen Meile über der Erde. Die Danipfkurbel, welche de» Stahldraht aufzuhaspeln halte, brauchte dazu über zwei Stunden, und es ivar gegen 7 Uhr, als das Jnstru. ment zur Erde zurückkam. Die Aufzeichnunge» des letztere» waren sehr interessant. Obgleich der Himmel während des ganzen Versuches klar erschien, war die Fenchtigkeit in den verichiedenen Luftregionen doch bedeutend wechselnd. An dein Erdboden betrug sie etwa 60 pCt., stieg aber in einer Höhe von 4000 Fuß schnell, da in dieser Höhe eine Neignng zur Vildung von Hauseuwolken vorherrscht. Dabei fiel die Fenchtigkelt wiederum»nd stieg nochmals fast bis zur Sättigung der Luft mit Wafferdauipf in der Höhe von 7000 Fuß. wo der Drache sich einer zweiten in der Bildung begriffenen Wolkenschicht näherte. Nachdem er diese durch- schnitten hatte, fiel die Feuchtigkeit bis unter 20 pEt. Die Tein- peratur betrug in der größten Höh« etwas über 3 Grad Zelfius, während zu gleicher Zeit auf dem Erdboden 17 Grad gemessen »vurde». Technisches. — Ein künstlicher See. Im Sihkthal, daZ südlich oberhalb Einsiedel» im schweizerischen Kanton Schivpz seinen Aus- gangspunkt hat, wird ein großartiges Wasserwerk geplant, das, wenn es zur Ausführung gelangt, seines Gleichen i» Europa nicht haben ivürde. Das kessclartige Thal hat dort eine Fläche von nahezi, 10 Millionen Quadratmeter und ist ringsum von Bergen um- schlössen, mit Alisnahme der Stelle, wo die Sihl, ein oft recht wildes Bergwasser, ihren Durchgang nimmt. Bor Zeiten ivar hier «in See, bis der Fluß sich hindurch gearbeitet Halle. Nun ist von der bekannten Maschinenfabrik Oerlikon bei Zürich ein Projekt ausgearbeitet worden, das nichts geringeres be- zweckt, als die Wiederherstellung jenes Sees, wodurch gewaltige Wasserkräfte gewonnen und niitzbar gemacht werdet» könnte». Z» diese»» Zwecke soll bei der Ausmündnng der Sihl ans dem Thnle dieses durch ein 20— 25 Meter hohes steinernes Wehr abgesperrt werden, damit das Wasser der Sihl gestaut werde und so ei» riesiges Reservoir bilde. Das Terrain ist hierzu so gnnstig, daß es mit Ausuahine dieser Absperrung keiner weiteren künstlichen Anlagen bedarf. Die Länge des Sees»vürde etwa 3 Kilometer inid die Breite 1400 Meter betragen. Die n»ter Wasser zu setzende Fläche mißt etwa 9 700 000 Quadratmeter und der Wassergehalt 65 Mill. Kubikmeter. Aus diese»» künstliche» See soll in erster Linie i» der sogenannten Sihlschluchl ei» Tnrbineniverk von 2000 Pferdekräften betrieben»verde»,, zu dem das Waffer lheils durch offene Kanäle, theils durch Stollen geleitet»vird. Diese Anlage soll zunächst die Ortschaft Einsiedeln bedienen. Das Hauptwerk aber soll druiiten bei Psäffikon an» Züricher See hergestelll»verde». Zu den hier an- zulegenden Turbinen n»d Dynamomaschiiien wird das Wasser»inler- irdisch durch den Etzel geleilet»Nittels eines Stollens von 1230 Meter Länge. Vom Stolle»ai»sga»g führt ans«inen» offenen Reservoir eine Drnckleittvig zu den Turbinen hinunter. Die Dnickleitnng be- steht aus vier neben einander liegenden Rohrfträngen von 2850 Meter Länge»nd 1,10 Lichtweite. Die Drmamomaschinen sollen einen Nutzeffekt von 24 000 Pferdekräften liefern. Selbstverständlich kann eine so enorme Kraft mir dann gehörig ausgenutzt werden,»venn sie in»vettere Gegenden geführt»vird,»ach den Ortschaften an» Züricher See,»ach Zürich selbst, nach Lnzern ec. Humoristisches. c. e. Eine I»n b r i a n i- A n e k d o t e. Bon dem bekannten italienischen Abgeordnete» Jinbriani, der vor einigen Woche»«inen Schtaganfall erlitt, sich jetzt aber ans dem Wege der Besserung de- finden soll, erzählt ei» Mailänder Blatt folgende Anekdote: Jmbrimii fuhr eines Tages in einen» Konpee erster Klage iiiit dein Irrenarzt Prof. Occioni zusammen, der ihn nicht persönlich kannte. Die Beiden kamen ins Gespräch miteinander. Dann plötzlich fragte F>n- briani:„Was halten Sie von M. R. Jmbriani?*—„Ein Ehren« mann,- erividerte Occioni,„aber so verrückt, daß er gefesselt»verde» müßte!"— Und was hallen Sie von seinen» Binder Vicior?" fragte Jmbriani weiter, ohne ans der Fassung zu geralhen.—„Ein Ehren- mann, aber ebenfalls total verrückt!"—„Und»vi« denken Sie über den Vater der beiden?"—„O, der, sehe» Sie, der ivar ein Ehren- mann und ivar nicht verrückt!"—„Gestatten Sie." sagie Jmbriani beivegt,„daß ich Sie umarme aus Liebe zu meinen» Vater!..." Tableau!— — Moderne Orthodoxie. Neuer Pastor:„Man bat sich über meinen verehrten Vorgänger beklagt,»veil er zu orthodox gewesen sei» soll. Ich»väre Ihnen daher sehr dankbar, Herr Deka»,>»'«»»>» Sie mir über die Ansichten»»einer Gemeinde in den wichtigsten Glaubenssätzen eiiiige Winke gebe»>vürd«u." Dekan:„Es kam allerdings des Oefleren zu Differenzen. Aber so lange Sie für de» Freihandel und billiges Bier eintreten, dürsten sich kaum Schivierigkeilen ergebe»»."— (Jll. Bits.) Vermischtes vo»n Tage. Zr.„ N u b i t i n" heißt ein nenes„Massage- rcsp. Einreibnngs- nnd Stärk»»» gSimtttl für Radfahrer". Das Wort staunnt nicht n»S einer fremden Sprache, es bedeutet nichts»veiler als—„Reib' es ein" (Rubitin).— — Im Forst bei Krassen sähe» zn'ei Förster zwei Wild« d i e b e, die mit dem Ausiveidcn enies Rehes beschäftigt waren. Als die Wilderer auf den Ruf der Förster die Flucht ergriffen, machten die Beamten von ihren Büchsen Gebrauch. Einer der Fliehenden»v u r d e erschossen.— Verordnung Hauuuer« stein!— — Ein adeliger Gutsbesitzer zu Niedermörmter bei Kleve»vnrde nntec den» Verdachte,«»»er inlernationalen Falsch- »»ünzer-Gesellschast anzugehören, verhaftet.— — I» der Nacht znin Mittwoch erstickten in Hüls die Ehesran eines Musikers nnd«in Kind durch den Dunst der Petroleumlampe. Zwei andere Kinder erholten sich.— — Bei Niederlahn stein sollte» vor ein paar Tagen zwei junge Mädchen in den Rhein gegangen fein. Die ganze Sache beruht auf Erfindung. Eil» 13jährige»; Bursche hat die Geschichte znsammengeloge».— — Ans einem Draht-Walzwerk zu M ühlheim a. R. flog ein großes Seilscheibe n- Schiv ii n grab au-eiliander. Zwei Ar» beiter»viirden verletzt, der«ine schwer.— y. In R o e s b e d bei Skanderborg(Jütland)»vnrde«in 72 jähriger Taglöhner vollständig verkohlt in seinem Bell aus- gesniiden. Der alte Man» halt« eine Pseife»u» Bette geraucht und ivar eingeschlafen.— — I» Graz zogen Studenten lärinend vor das Ha»? eines Professors, der abfällige Aeilßernngen über eine Sektion des deiltsch-österreichische» Alpenvereins gel ha» halte. Zivöls Studenle» »vnrde« verhastet, bald aber»vieder sreigelassen.— — Algier, 20. Oktober. In Mustapha wurden sechS Arbeiter nnter den Trümmer» eines einstürzenden Hanfes begraben. Bisher»vnrde ein einziger, schrecklich verstniumelt, ans den Trünunern hervorgezogen.— c. e. Nach dem S e r p e n t i n t a», z der Feuertanz. Dieser»ene Tanz»vird in einen» Londoner Theater von der be- rühmten Lo>e F»»Uer getanzt. Der Zuschauer glaubt, daß die Tänzerin von Flamme»»»»gebe» sei, die bald erlöschen, bald»vieder au- gefacht werden, bald wieder erlösche», je»ach den Beivegnngen der Tänzerin.— — N e w- D o r k, 20. Oktober. Bisher sind 951 Erkrankungen am gelben Fieber in N e>v- O r l e a» s vorgekommen, von denen 110 tödllich endelen. In Mobile sind 23 Todesfälle vor- gekommen.— — Seuche. Eine Krankheit, man glaubt, es sei Pest, breitet sich in einen» Distrikt von Jnklundiir in, Pendschab(Ost- indien) aus. 23 Todesfälle kamen vor. Man glaubr, die Krankheit sei durch von einer Pilgerfahrt zurückkehrende Hindus einzeschleppt »vordeu.— — Wirbelstnrin. Ein schrecklicher Zyklon verivüstete die zur Gruppe der Philippinen gehörige Insel L e y t e uird ver- ursachte erhebliche Verluste a» Menschenleben. Auch der Sachschaden ist sehr bedeutend.— Die nächste Nummer des Uuterhaltnngsblalles erscheint Sonn- tag, den 24. Oktober. Veranlivorllicher Redakteur: August Jacobet) in Berlin. Druck»nd Aerlao von Max Babing in Berlin.