Mnterhaltimgsblatt des Vorwärts Nr. 210. Dienstag, den 26. Oktober. 1897. (Nachdruck oerbulem Vev Vomstt rinvv Vevsitzmövung. 12 Von A. R a n c. Ins Deutsche übertragen von Marie Kunert. VIII. Am selben Abend um sechs Uhr ging es an der Tafel im Hötel des Trois- Piliers sehr fröhlich zu. Die schwatzenden und lärmenden Handlungsreisenden hielten das obere Ende der Tafel besetzt. Degrange hörte zu und sprach kein Wort. Wiöhu de la Guiche leerte die zweite Flasche Saumnr. Vater Jacotin, der ein starker Esser war, nahm ein Rebhuhn in An- griff, nachdem er die Hälfte eines Hasenrückens mit saucs poitevine erledigt hatte. Noch größer als seine Schwäche sür die Verschwörer, war die für Wildprel. Jacotin oder vielmehr Tribot— dies war der Name seiner Schwester, der Pelzhändlerin in der Rue St. Sanvenr, den er angenommen hatte— war die Zielscheibe des Witzes der Handlungsreisenden. Er hatte unglücklicherweise ge standen, daß er in Gänsebälgen arbeitete, und das war für die Weinreisenden ein unerschöpflicher Vorwand für Scherze der verwegensten Art. Jacotin ertrug sie mit der aller- friedlichsten Miene und versäumte darum noch keinen Bisse» Degrange und Möhn saßen in sich versunken da und waren voller Sorgen. Mehu, der den Wein von Saumur nach seinem Geschmack fand, ertrug sein Schicksal in Geduld aber Degrange war sehr verdrossen. Er kam nicht vorwärts und sah auch nicht, wann er vorwärts kommen würde er hatte LouiS Rocherenil, er hatte Jnliette Lefran?ois überwacht; er überwachte Mehu. Louis Rocherenil führte das denkbar regel» mäßigste Leben. Er ging wenig aus, wenn er nicht seine Mutler nach der„Heimsuchung" führte; nichts in seinem Be nehmen schien geheimnißvoll. Er sah keine verdächtige Person. Jnliette Lefranyois bot ans den ersten Blick mehr, und Degrange hatte einige Hoffnung geschöpft, aber er hatte nichts aus dem Mädchen herausholen können. Was Mehu betraf, so kümmerte er sich um Degrange so viel wie um eine leere Flasche. Jeden Morgen schlürfte er 2—3 Dutzend Austern und spülte sie mit einer Flasche Saumnr hinunter. Am Tage nahm er im Cafe der Offiziere eine unendliche Menge kleiner Gläser Liqueur zu sich. Am Abend lief er den Mädchen in der Rue des Arönes und der Rue Corne-de-Bouc nach. Der Agent Nr. 7 hatte ganz richtig behauptet, daß er ein lasterhafter Mensch wäre. Möhn hatte die Situation mit einem Blick beurtheilt. Die Nachrichten des KriegsnnnisteriumS waren ebenso genau wie die der Gcneralpolizei. Die Zensur der geheimen Ver- einignng der„blauen Brüder", der ehemaligen Philadelphen. d. h. der oberste Rath derselben tagte in Poitiers und plante von dort ans ein Unternehmen. Die Berichte der beiden Agenten, die Zutritt erlangt hatten, der eine in der Centurie von Paris, in der Zivilsektion, der andere in der Militärsektion, stimmten vollkommen überein. Aber da diese Agenten in der Ver- einignng nur einen sehr nntergeordnctcn Rang einnahmen und zwar den allerniedrigsten, hatten sie nichts weiter sage» können. Sie wußten nur, daß die Befehle von Poitiers a»S an die Führer der Centurie gelangten und daß die Vereinigung sich aus etwas vorbereitete. Der Herzog von Feltre, der Kriegsminister, welcher sich aus das äusterste bemühte, die Unfähigkeit des Herzogs von Rovigo als Polizeiminister nachzuweisen, hatte Möhn nach Poitiers geschickt. Gleichzeitig waren Agenten, ehemalige Militärs, in solche Regimenter gesteckt worden, von denen man argwöhnte, daß sie zahlreiche Anhänger der„blauen Brüder" besäßen. Mehu hatte begriffen, daß er mit den ge- ivöhnlichen Mitteln nichts erreichen würde. Er war ent- schloffen, alleS auf eine Karte zu setzen und suchte nun eine Möglichkeit, um bis zu Pierre Rocherenil zu gelangen, ohne sein Mißtranen zu erregen. Als Garnison waren in Poitiers nur eine Kompagnie von Veteranen und eine Abtheilung eines Kavallerieregiments. Möhn hatte einen Veleranenoffizier, der ihm als Schlcchtgestnnter be- zeichnet worden war, ans die Probe gestellt, aber dieser war nicht in die Falle gegangen. Nun halte Mehu eine fixe Idee, und zwar die, aus natürlich erscheinende Weise in die „Heimsuchung" einzudringen. Inzwischen führte er ein lustiges Leben und rechnete im übrigen ans Degrange, um das Wild auszuheben, wenn es in Poitiers welches gab. Er be- trachtete Degrange wie einen Spürhund, und sein Blick folgte ihm unablässig auf seinen Kreuz- und Qnersprniigen, den Moment erspähend, in dem er still stehen würde. Degrange überwachte Möhn, Möhn überwachte Degrange, und ihre Ge- hälter gingen dabei weiter. Vater Jacotin fühlte sich glücklich wie ein Fisch im Wasser. Er hatte neue Anweisungen von Fonche bekominen, und diese Instruktionen waren dahin zusammenzusassen, daß er fort- fahren sollte, den Agenten des Kriegsmiuistcriums und der Generalpolizei in inöglichster Nähe zu folgen. ihnen Steine in den Weg zu rollen und nichts zu vcrsnuinen, um sie an einem Erfolg zu hindern. Jacotin war wie im Himmel, er erreichte das Ziel seines Lebens; seine Geschicke erfüllten sich, er sollte endlich in Verschwörungen eingreisen und selbst Polizei spielen. Schon war er mit stillem Behagen Zeuge von dem Miß- geschick Mehu's und Dcgrange's, die inuner ins Leere griffen. „Der berühmte Degrange," dachte er bei sich,„ist bei der ersten armseligen Gelegenheit, da er es mit zwei etwas ent« schlossenen Männern und einem kleinen verschlagenen Weibe zu thun hat. mit seinem Latein zu Ende. Ja, suche, mein Freundchen, suche jetzt! Ach, Du glaubst, daß die Polizei alles weiß, alles sieht und alles hört! Nun, versuche doch nur, die„blauen Brüder" in Poitiers zu ent- decken, da Du sicher bist, daß sie hier sind. Ach, D« sagtest ja, daß ich Malet am Verlassen des Krankenhauses hätte hindern sollen! Du Einfaltspinsel, der ein richtiger Polizist sein will und nicht ahnt, daß wir jedesmal, wenn nicht ein Verräther. ein Trunkenbold oder ein Weib uns die Arbeit erleichtert, ohnmächtig sind. Suche, Degrange. suche!— Mit Mehu liegt die Sache anders. Der treibt sich zu viel in der Stadt herum, trinkt zu viel, hält sich zu viel bei den Frauen« zimmern auf, giebt sich zu sehr das Ansehen eines leichtsinnigen, ausschweifenden Menschen, um nicht einen Plan zu verfolgen. Ich habe in jedem Falle gut daran gelha», heute Morgen die kleine Jnliette zu benachrichtigen. Sie wird gewiß soviel Verstand haben, um Rochereuil und Georget zu warnen. Während Jacotin, genannt Pipette, sich diesem stillen Monolog überließ, ging das Diner im Hotel des trois-PckierS zu Ende. Die Reisenden erhoben sich von der Tafel und machten sich zum Fortgehen bereit. Aber an der Thür des Speisesaals wurden sie durch den Besitzer deS Hotels aufgehallen. der sie bat, in ein Nebenzimmer einzutreten. Und wen fanden sie in diesem Zimmer? Den Polizeikommiffar Galerne, der sie mit dem nöthigen Ernst aufforderte, ihm ihre Pässe zu zeigen. Die Handlungsreisenden waren damit vollkommen in Ordnung. Es blieben noch Degrange, Jacotin und Mehu. Degrange übergab dem Polizeikommiffar einen Brief, und der Beamte verneigte sich respektvoll mit den Worten:„Ich bitte den Herrn Generalinspektor um Ver» �eihung, allein ich erfülle die Pflichten meines Berufs." Jacotin >atte einen Paß auf den Namen Jean Baptiste Tribot vom Hause Tribot und Sohn, der sich in Geschäften von Paris mch Bordeaux begab. Der Kommissar prüfte das Schriftstück orgsältig und gab es zurück, ohne ein Wort zu sagen. „Und Sie, mein Herr", sagte er, sich an Mehu wendend, .Ihr Paß?" „Ich habe keinen", anlworlele Möhu einfach. „Ihr Name?" „Pavie, Beamter bei den Armeelieferungen." „Sie haben keine Papiere. Können Sie sich durch irgend jemand hier empfehlen lassen?" „Durch niemand." „Nehmen Sie sich in acht. Ich werde gezwungen sein, einen Haftbefehl gegen Sie vollstrecken zu lassen." „Um so schlimmer für Sie; der Herr Kriegsminister wird Sie dafür schön rüffeln," antwortete Mehu in grobem Tone. „Ach, so steht's? Nun wohlan, folgen Sie mir?" Degrange konnte eine lebhafte Regung des Aergers nicht unterdrücken. Jacotin murmelte zwischen den Zähnen: „Ah, Pest! Der Bursche läßt sich extra einsperren!" IX. Der Polizeikommissar Galerne nahm den großen Möhn nach der Mairie mit und unterzog ihn in seinem Kabinel einem zweiten Verhör. Möhn blied bei dem, was er zuerst geantwortet hatte, er hätte keinen Paß, er kenne niemand in Poiticrs, aber wenn der Herr Polizeikommissar ihn dasür im Gesängniß schlafen ließe, so würde der Kriegsminister den Herrn Polizeikominissar ganz gewiß rüffeln. Dies wurde alles in einem fast provozirenden Tone vorgebracht wie von einem Manne, der seiner Sache sicher ist. Der Polizeikommissar war ganz perplex; er hatte Befehle vom Untersuchungsrichter Drault; aber wenn er zufällig einen Schnitzer machte, und der Herr Pavie wirklich ein Schütz- ling des Herzogs von Feltre war, so würde der Untersuchnngs- richter den Polizeikommissar ganz gewiß nicht aus der Verlegenheit ziehen. Galerne wußte sich bedroht, nicht politischer Sachen wegen — sie fielen nicht in sein Fach— aber der Ataire und der Präfekt warfen ihm in seinem gewöhnlichen Dienst große Nach- lässigkeit vor. Am Abend vorher hatte der Präfekt ihm einen derben Verweis crthcilt.„Sie sind unfähig oder faul/ hatte er zu ihm gesagt,„wählen Sie davon, was Sie wollen." Die schlechte Laune des Präsektcn und des Maire war begreiflich. Alle Plagen Egyptens waren mit einem Male über Poitiers gekommen. Die ständigen Feinde des öffentlichen riedens hatten diese unglückliche Stadl zum Mittelpunkt ihrer nternchmnugen auserwählt, und die geschicktesten Spitzbuben hatten sie zum Schauplatz ihrer Thaten gemacht. (Fortsetzung folgt.) Gvöttlanv. (Nach einem von Dr. von Drygalski in der Urania gehaltenen Vortrag e.) Die wiffenschaflliche Erforschung der Polarländer, der in der zweiten Hälft« unseres Jahrhunderts ein ganz besonderes Interesse entgegengebracht wird, hat am Südpol and am Nordpol zu gaiij entgegengesetzte» Resultate» geführt. Während jedes weitere Vor- drmgen in den antarktischen, d. h. den Gegenden in» den Südpol, zur Entdeckung neuer Läudermasse» führt, hat die neuere Forschung in de» arktischen, d. i. den Gegenden um den Nordpol, die Annahme der Geographen, daß der Äiordpol in einem großen Kontinent liege, als vollständig falsch er- wiesen. Nansen's Fahrt hat vielmehr gezeigt, daß sich rings um den Pol«in großes, tiefes Meer erstrecke; den» aus den Eisver- Hältnisse», die er beobachtet hat, gehl hervor, daß die von ihm ge- fundene Tiessee sich noch sehr weil über die von ihm befahrenen Gegenden erstreckt. Mithin ist Grönland,»ach ihrem wenig zu- treffenden Namen die grüne Insel, das bebenlendste zusannne»- hängende Landgebiet i» der nördlichen Polnrregio». Zur genauere» Erforschung dieses großen Landes sind i» de» letzten SO— 4v Jahren ein- ganze Reihe von Expeditionen ansgesandt worden; wir erwähnen nur die deutsche Nordpolexpcditio» 1869—70 unter Koldewey und Hegemann, deren eines Schiff von» Eise zerdrückt wurde, worauf die Mannschast. die sich mit ihren Vorräthen und Instrumenten auf eine Eisscholle gerettet hatte, sieben Monate südlich trieb, während es dem andere» Schiffe gelang, die Ostküste von Grönland bis zum 77. Grad nördlicher Breite zu dnrchsorsche»; zahlreiche Expeditionen sandle die dänisch« Slegiernng, der das Land zum größten Theil gehört, aus, um genau« Aufnahmen der Küsten zn erlangen. In das Innere des Landes suchte 1883 der Schwede Nordenskjöld und 1886 der Amerikaner Peary«lnzudringeii; letzterer erforschte 1332 durch eine Schlittenrcise de» äußersten Norde» und den Verlauf der Nordostküste, wodurch ziemlich unziveifelhafl seftgcstellt wurde, daß Grönland eine Insel ist, die im Norden mit keinem Festland ziisammenhäiigt. Weiler ist die Expedition von Nansen zu erwähnen, der im Jahre l88S Grönland auf Schneeschuhe» durchquerte und dadurch die Verniulhung, daß das Innen- land vollständig unter Eis begraben nnd vergletschert sei, zur Gewißheit erhob. � Die Natur und die Art der Bewegung der Jnlauds-Eismassen sollte die Expedition näher erforsche», die in de» Jahre».1892—93 von der Berliner Gesellschaft fürErdknnde unter Herr» v. Drygalski a»s- gesandt lviirde; diese Aufgabe ist um so wichtiger, als der Charakter, den Grönland gecienwärtig zeigt, sicherlich auch dereinst der Charakter liiisercr Gegenden gewesen ist. De»» unser norddeutsches Tiefland ist einstmals auch von Eisnmffen bedeckt gewesen, die sich von Norwegen aus über die Ostsee u»d die Tiesebene bis zum Harz und Rieseiigebirge erstreckten. Grönland ivird vielfach mit Norivegen vergliche». Vom Kap Farve! unter 60 Grad nördlicher Breite erstreckt es sich, allmälig breiter werdend, bis über den 33. Breitegrad. In dieser lang- gestreckten Gestalt hat es eine gewisse Aehnlichkeit init Norivegen, die durch die zahlreichen Fjorde und Sunde, die der Küste ein seltsam zerklüftetes Ailssehen geben, noch größer wird. Auch die Land- und FelSiimssen sind in beiden Ländern ans demselben Gestein gebildet, hauptsächlich aus Gneis und Granit. Eine voll« kommene Verschiedenheit herrscht jedoch, in bezug auf das Klima. Norwegens Küste ivird von dem warmen Golfstrome bespült, der aus dem Mexikanische» Meerbilse» kommt und die tropische Wärme weil nach Norden,»och über Norwegen hinaus bis nach Nowaja Semlja trägt; Grönland dagegen wird an der Oft- und Westküste von den kalleii Strömlinge», die ans Norden kommen nnd maffeu- Haftes Eis südwärts treiben, förmlich blockirt. Daher sind die grön» ländischen Küsten nur im Hochsommer, von der Mitte Juni bis in den August hinein, eisfrei und gestatten einen spärliche» Schiffs- verkehr, ivährend Norivegen eine stattliche Handelsflotte besitzt. In Norivegen kann bis in seine höchsten Breiten hinauf in nicht zn großer Höhe Ackerbau getrieben werden; Grönland dagegen ist voll- ständig unter Eis begraben, so daß an Pflanzeniviichs nicht z» denken ist. Nur ein kleiner, schmaler Streifen an der Küste ist nicht völlig vereist»nd gestaltet der Bevölkerung, den gutmülhigeu, intelligenten Eskinios, ein spärliches Lebe». Das Merkwürdigste an dem grönländischen Jnlandseis ist seine stetige Beivegiing zum Meere, so daß nia» von gewaltigen Gletscher- strömen rede» inuß, die im Meere ihr Ende finde». Ii» Innern des Landes bildet das Eis eine gleichmäßig glatte Oberfläche, auf der man keine Höhennnlerschiede des darunter begrabe»«» Land» gebietes erkennen kann; je näher man zur Küste kommt, um so mehr bilden sich solch« Uiitcrschiedc ans; nian erkennt deutlich Tdäler nnd Hügel, Mulden im Eis»nd Erhebnnge» bis zu 20 Meier über die- selben. Die zerklüftete Masse rückt nnwiderstehlich n»d mit großer Geschiviiidigkcit gegen das Meer vor. Während sich die Alpeiiglelscher i» 24 Stunden höchstens uiii 20 Zentimeter vorwärts bewege», ist bei den grönländischen Gletscher» eine hundertmal so große Geschwindigkeit. 20 Meter in 24 Sliinden, beobachtet worden. Diese große Geschwindigkeit der geivalligen Eismaffeii muß natürlich ihre Wirkungen auf das Land ausübe». Durch den nngehenren Druck der schnell darüber hinziehenden Eismasse» werden die darunter liegende» Feist» glatt geschliffen n»d polirt, indem ihre rauhe Ober« fläche vollständig zerkrümelt wird. Der durch Berwilterung gebildete Schult wird durch das Eis fortgetragen, wodurch viele leere Becke» ciilsteheii, die sich später mit Wasser füllen nnd Seen bilden. Die viele» kleiimi See», die auch das norddenlsche Tiefland aufweist, sind durchaus charakteristisch für ein ein»>al vergletschert geivesenes Land. Drygalski zählte ans ciiiem Melle breiten und 3 Meile», langen Gebiete in Grönland über 100 solcher Seen, die sich am Rande der Gletscher gebildet hatten»nd durch Abflnßkanälo mit ihnen in Ber- bindiing standen. Denn wenn die Temperatur auch bereits im August ans 10 bis IS Grad Kalte herabgegangcn war, so brannte an heiteren Tagen doch die Sonne noch recht heiß. sodaß das Thermometer in der Sonne bis auf 2S Grad stieg. Es bildet sich also reichliches Schmelzwasser,»vodnrch große Rinnen und Spalten in den Gletschern entstehen. Durch eine» solche» Abflnßkanal bekam Drygalski auch Gelegenheit, aus den festen, vom Eis« überdachten Erdboden selbst zn gelange». Schon hundert Schritte vom Eingänge der Grotte, auf die er gestoßen war, konnte er die Temperatur vo» 0 Krad feststellen, während draußen eisige Kälte herrschte. Leider konnte er nicht sehr weil vor- dringen, da er nicht reichlich genug init Licht verseben war, nnd am nächsten Tage war die Grotte uuter dem Druck der darüber lastende» Eismassen jusainineiigesiilrzt. Die Oberfläche des eigentlichen Inland- Eises ist rein und frei vo» jedem Schutt, da sie mit Land nnd Felsmassen nicht in Be- rührnng kommt; erst iveiter zur Küste hin sollt der Schutt ans die Gletscher herab, die ihn zu ihren Füßen als imuier inächtiger iverdende Moräne weiter treiben. Er ivird dadurch im Eise vertheilt nnd geschichtet»nd zuweilen durch Stawinge» zu förmlichen Fallen gebogen. Ja, die SchliUinaffen ans Steinen und Geröll können so stark werden, daß sie die Bewegung des Eises zwar nicht völlig ersticken, aber doch in eine andere Richlmig lenke»; i» solchen» Fall« erblickt man»»geh euer aiisgeihürnite Moräne» ans Schutt. deren mächligstc von der deutschen ExpedUivu beobachtete sich bis zu 200 Metern Höhe erhob. Wo bie Gletscher schließlich ins Meer einiliünbe», bilden sie steil abfallende Wände, die bei den größeren gegen 800 Meter hoch sind. Wenn die gewallig« Eismasse sich vorschiebt, so bricht der äußerste Theil zuletzt ab n»d stürzt in das Wasser des Fjords.>vo er von der Siröiuiliig erfaßt und als Eisberg ins offene Meer hinaus- getrieben»vird, von ivo er seine Reise bis lies in den atlantischen Ozean antritt. Die Länge n»d Breite der Eisberge beträgt oft mehrere Kiloineter, während sie 100 bis 200 Meter hoch sind; doch tauchen sie noch 500 bis 600 Meter lief in das Wasser ein. Dieses frißt sich in das linregelmäßig abschmelzende Eis Überall hinein, und»venu die uiiter Wasser befindliche Masse an einer Seite zu gering geworden ist, so stürzt das Ganze um und sucht eine nciie Gleichgewichtslage. Für etwa in der Nähe befindliche Schiffe ist dies ein gefährlicher und gefürchteler Moment; denn man weiß ja nie. wie iveit sicki die Masse noch»nter dem Wasser erstreckt, so daß es gerathen ist, sich möglichst e»tser»t zn halten, uiii vo» dem mit unwiderstehlicher Wucht liuiftürzenden Eise nicht getroffen zn werde». Wo stammen diese gewaltigen Eismassen her, die immer von neuem aus dem Innern des Landes meerwärts ziehen? Der dänische Forscher Heinrich Renk hat hierauf eine Antivort zu geben versucht. I» einem so gewaltigen Gebiete wie Grönland, das 35 000 Qnadratmeilen umsaßt und das von so vielen Niederschlägen getroffen wird, wüßte man ein ziemlich großes Flnßsystem vermuthen; denn der Himmel ist auch im Sommer keineswegs immer heiter. Tagelang andaaernde Schneestiirme, di den Aufenthalt im Freien völlig unmöglich mache», find durchaus nichts Seltenes. Da aber Flüsse von irgend welcher Bedeutung dort nicht vorhanden sind, so schließt Renk, daß, wie in andern Gegenden die Wafferfluthen das Land überschwemme», hier dasselbe regelmäßig mit den Eismasse», den gefrorene» Niederschlägen, der Fall ist. Wie der Nil alljährlich seine User überfluthet, so ist es auch mit dem Eise der Fall, das in mächtiger Ueberschwemmung das ganze Land Überdeckt und allmälig zum Meere abfließt. So bietet Grönland einen eisstarreuden, univirthlichen Anblick, der auch durch die aus dein Eise hervorragende» nackten, kahlen Fkls- spitzen nicht gastlicher wird. Warum führt es trotzdem den Namen: das grüne Land? Durchbricht man den Eisgürtel an der Küste, so erblickt mau in den sonnigen Thälern nahe der Küste eine schöne Vegetation; in den südlicheren Gegenden erblickt man grüne Bäume und Sträncher, weiter nach Norden Moose; auch Torsmoore finden sich vor. Aber stets haben wir eS mit kleinen Gebieten zn thun, die in die Felsküste förmlich eingesprengt und für den Charakter des Landes in keiner Weise maßgebend sind. An eine Aus- Nutzung des Bodens ist, abgesehen von den südlichsten Theilen, gar nicht zu denken; die Bewohner des Landes leben ausschließlich vom Fischfang und der Jagd, insbesondere der Jagd auf den See- Hund, der ihnen das Feil zur Kleidung, das Fleisch zur Nahrung, den Thran als Breunmaterial liefert. Sie jagen ihn im Sommer im Kajak, dem eigen thümlichen Boote mit Holzrippen und Fell- «mkleidnng, in welchem sie ihm geräuschlos nahen, dann anrufen, und wenn er den Kops hebt, schießen und schnell Harpuniren, ehe er i» die Tiefe sinken kau»; im Herbst beschleichen sie ihn mühsam, indem sie sich hinter einem Schlitten verbergen, den sie allmälig bis nahe an das Thier heranfchieben. Außerdem erhalten sie durch den Handel mit Fellen einige Kolonialprodnkte, von denen sie den Kaffee am meisten liebe»; freilich muß er in einem solche» Lande auch besonders schätzenswerth sein. Grönland ist vor 9t>0 Jahren von dem isländischen Normannen Erich dem Rothen entdeckt worden; derselbe brachte zwei Jahre an der Südiveslküste zn und berichtete in seiner Heimath Island so günstig über das grüne Land, daß er zahlreiche Ansiedler dorthin führen konnte. Man hat deshalb geglaubt, daß das Klima in frühere» Jahrhnnderten dort ein anderes, milderes gewesen sei als jetzt; doch haben sich hierfür keine Älnhaltepnukte ergeben. Entweder bat Erich eine besonders gesegnete Stelle getroffen oder au anderen Gründen de» Namen des grünen Landes gewählt. Die normannischen Kolonien bestanden LOO— 400 Jahre, in welcher Zeil sie einen regelmäßigen Verkehr mit dem Mntterlande nnterhiellen; dann nnterlagen sie dem Andringen der eingeborenen Eskimos, vermutblich nicht in mörderischen Kämpfen, sondern sie gingen ivohl in dieser dem Polarleben weit besser angepaßten lliasse allmälig auf. Denn die EskimoS bilden keinesivcgs eine reine Rasse, sondern sind stark mit europäischem Blute vermischt. 1721 wurde das Land von neuem und zwar von Dänemark ans besiedelt; gegenwärtig cxistiren 13 größere Plätze, deren Verkehr mit Dänemark von acht Segelschiffen und einem Dampfer versehe» wird. Diese bringe» Felle, Federn, Eiderdaune» nach Europa, ivofür sie den Grönländern Kaffee, Tabak, Zucker und Holz und i» letzter Zeit selbst eiserne Oese» verlausen; mau kann gegenwärtig dort bei manchem Eskimo eine geheizte Stube finde». So wird auch dieses un- wirlhliche Land allmälig in den Strom der allgemeine» Kultur- enlivicklung hineingezoge».— Sl- ZNeincs Fonillvkon — Eil,«cncö Schlafmittcl. Der„Fraukf. Zig." wird geschrieben:„Gelegentlich einer Diskussion über die Behandlung der Schlaflosigkeit in der Abtheilung für Pharmakologie und Thera- peulik, auf der soeben in Montreal staltgehablen Jahresversamm- lung der Britischen medizinische» Gesellschaft, haben, wie die Oktober- nummer des„British Medical Journal" in einem sehr ausführlichen llieserat berichtet, hervorragende Vertreter der Wissenschaft neue werlhvolle Beiträge über Schlaf, Schlaflosigkeit und Schlafmittel niedergelegt. Von Interesse war ein Vortrag von Dr. Learued- Northamplon. Mass., über ein neues Verfahren zur Herbeiführung des Schlafes. Dr. Learned's Aussührungen lauten etwa folgender- maßen: Ein Sturz beim ersten Ausritt mit einem neu gekauften Pferde im Jahre 1883 war die Ursache einer hartnäckigen Schlaflosigkeit, ivelche mich zwang, der Praxis zn entsagen. Ich probirte nicht erst die Hilfsmittel der Apotheke, sondern griff zn einfachen VerfahrnngSweifeii. Heißes, kaltes Wasser in allen Anwendnngssormen. Frottiren, Abänderungen der Diät und im son- stigen Verhalten, Körper- Uebnngen der verschiedensten Art,«in Spaziergang im Freien vor Schlafenszeit, lange, tiefe Athemzllge mit oder ohne Methode der geistigen Älblenknng, kurz, alle vorgebrachten Rathschläge wurden versucht, aber vergebens. Ich überlegte: Was ist zu thun, um in dem Gehirn die kranken Zellen umzustimmen, welche de» Schlaf störe»? Kann nicht eine Gegenwirkung in Gang gesetzt werden, ivelche das Gleichgewicht in der Blutströmung und in den vitalen Borgängen wieder herstellt, so daß der Schlaf un- getrübt zn stände gebracht werden kann? In diesem Bestreben ex- perimentirte und probirte ich mit der Willens- und Muskelkraft in der Schlafenszeit die verschiedensten Verfahren. Ich versuchte Anspaunungen und Erschlaffungen unb gelangte zu de», Schluß daß eine systematische, wohlgeordnete Methode der Muskel- und Nervenspaunung die Bedingungen zum Schlafe» herbeiführen würde. eine» gewissen Grad körperlicher und geistiger Müdigkeit, die dem Schlaf vorangeht und ihn bedingt. Meine Methode, ivelche die natürliche» Vorbedingungen des Schlafes in bezug auf Diätetik und Hygiene voraussetzt, geschieht folgendermaßen: In der Rückenlage suche ich das Kopf- und Fiißeiide durch Slrecken und Heben des Körpers gleichermaße» zu erreichen. Diese Körperbeweguiig setzt viele Muskeln in Thätigkeit, die während des Tages nicht in Aktion ge> treten sind. Ich hebe nn» den Kopf um etwa einen Zoll, eine Be- weguug, die auf die Daner Anstrengung kostet. Gleichzeitig bringe ich die unwillkürlichen Athembewegiinge» in ein lang- sameres Tempo und zu größerer Vertiefung. Ich fetze etiva sechs oder acht Einathmungen tief und voll an stelle von etwa sechzehn pro Minute. Jede Einathmung wird gezählt. Nach Ablauf von zehn bis zwanzig wird der Kops so schwer, daß er nicht mehr frei gehalten werden kann. Man lege ihn nieder. Tritt der Schlaf nicht ein, so wird der rechte Fuß und uiil ihm die Bettdecke um einen oder mehrere Zoll von der Lagerstätte geHobe», das Strecken des Körpers nach dem Kopf« und Fußende, das Zählen der EinathmungSbewegungen forlgesetzt. Bald beginnt der Fuß gleich wie der Kopf die eigene Schwere zu fühlen»»d senkt sich. Tritt Schlaf»och nicht ein, so wiederholt ina» dasselbe Versahren mit dem linken Fuß. Diese Hebunge» und Senkungen werde» fortgesetzt, während die Respiratioiisbewegungeu das ganze wie ein Uhrwerk regeln, bis auch dieses seinen gewöhn- lichen Gang annimmt. Im weiteren kau» das Heben deS Kopfes und eines Fußes in der rechten und linke» Ceitenknge ge- schehen. bis Müdigkeit eintritt und Schlaf folgt.„Ich kenne." sagt Dr. Learned.„kein einfacheres,»alurgemäßereS und sichereres Verfahre» zur Erzielnng eines gesunden Schlafes. Energie und Uebnng sind unerläßliche Grundbedingungen. Der Träge wird sich hierzu nicht entschließe». Auch chronische Krankheiten aller Art bilden eine Koulraindikatio». Im übrigen können die Uebungen je »ach de», Kräflezustand de? Individuums abgekürzt, verlängert, modisizirt, insbesondere kann das Heben des Körpers durch die Muskulatur des Arms unlerstützt werden. DaS Gefühl der Er- müdung und nachfolgende» Echläfrigkeit muß über die Zeitdauer und de» Grad der aufzuwendend«» körperlichen und geistigen An- spanMiNg entscheiden. Es giebl eine große Menge von Menschen, welcbe die Gedankeiijagd»ach dem Ringe», Gelingen, sowie nach den Eiittäiischunge» des Tages nicht schlafen läßt. Allen diesen ist ein Versuch dieser kombinirten Methode der Belhätigung der Willens- und Muskelkraft zu empfchleii."— — Tie Veunöt'ögclchc». Ein merkwürdiger Galanterie« Artikel wurde 1634 mit außerordentlicher Abnahme ans der Leipziger Michaelisniesse verkauft— die Venusvögelche, ,. Sie waren ein italienischer Artikel, aus Karpfenblase angrfcrligt, b»iit bemalt, mit einer Art von Gas angefüllt und so eingerichtet, daß sie bei stärkerer Berührung zerplatzten und einen starken angenehmen Geruch um sich her verbreiiete». Die Damen kansteu die Venusvögelchen al» Toilelte»gegeiistä»de und für das Boudoir. Wenn Herren solche des Dameii anböte», so galt dies für eine Galanterie, die von letzteren dadurch erwiedert wurde, daß sie ihre Bonbonnisren oder Konfekt- schächtelchen in die Westentasche der Herren leerten. Die Venns- vögelchen scheinen sich nicht lange in der Mode erhalte» zu habe».— Literarisches. 5 g.b. Hugo Salus:„Gedickte". München 1838. Albert Langen.— Hugo Salus fiel schon längere Zeit als einer der best- veranlagten lyrische» Mitarbeiter des„Simplicissimus" auf. und einen Theil seiner„Gedichte" keiineii ivir schon von dort her. Jetzt iiiter- essirt es, ein Gesanimtbild vor sich zu sehe», um die Grenzen seiner Begabung ziehen zu können. Einem Dehmel, Lilieiicron oder selbst Gustav Falke ist Salus nicht an die Seite zu stellen. Ihm wird das Letzte und Feinste in der Lyrik wohl nie erschlossen werden, dazu scheint seine Seele zu kinderfröhlich zu feiii. sein Leben zu geordnet dahin zu fließen. Aber Hugo Salus ist sicherlich ein echtes Talent, das es versteht, einen hübscheil Einfall niedlich darzustellen, und besonders da, wo ihm sein junges Eheleben die Stoffe bot, bat er die glücklichsten Treffer. Ja„die Erinnernng" hat sogar eine Gefühlsnote, welche das Gedicht über das Mittelmaß hebt. Ein gewisses graziöses Tändeln, eine Freude am Idyll stelle» ihn Gustav Falte am nächste», mit dein ihn aus anderer Seile eine Sehnsucht nach Philisterthui» und kleinbürger- lichem Alltagsglück verbindet; und deshalb glaube ich nicht fehl zu gehen, wenn ich annehme, daß Salus bei znuehmender Verfeinerung einmal ähnliche Bahnen wie Falke wandeni wird. Heute will ich nur seine lyrische Begabung sestgestellt habe».— Theater. Die Herren E ch ö n i h a» und Koppel-Ellfeld werden, so schwer es ihnen auch fallen mag, sich um einen neueii Spaß iimlhnn müssen. Ihr jüngster Kostüinschivank„ H e l g a' s Hochzeit" hatte weder in Wien noch r» Hamburg gefallen; im hiesigen Schauspielhaus kam er ain Sonnabend ivohl mit liiidem Beifall durch, aber man weiß ja, zu welcher Geduld unk» Harmlosigkeit das Publikum des Schauspielhauses gedrillt ist. Möglicheriveise haben es die Verfasser damit versehen, daß sie dies- mal aufs Reimgelliiigel verzichten. Die Zuckerpoesie in„Nenaissanee" und der„Goldene» Eva" lullte die Hörer gleichsam ein. Es ist auch möglich, daß das Pablikain der Verkleidungspossen fürs erste ganz und gar überdrüssig geworden ist. Es lohnt sich im übrigen nicht, viel Worte über die »uisagbar dürftige Hochzeit Helga's zu verliere». Im Mittelpunkt der Handlung steht der schneidige Lienlenant, ein Teufelskerl, de» Weibern hold und immer in Schulde», trotzdem ein liebenswürdiger, ritterlicher Held. Diesmal trägt er das Kostüm der kurmainzische» Reilcr aus dem vergangene» Jahrhundert. Seiner vielen Schulde» wegen muß der Lieutenant sein Büsche» Helga heiralhen. Anfangs mögen sich die Leutchen nicht, aber im Feuer des forschen Lieutenants erwacht die kleine Helga zum liebende» Weibe.„Sie hat ihr Herz enideckt."— Von gemüthlicher Naivetät ist bei allem keine Rede. Helga ist der Tdeaterbackfi'ch mit seiner unglaublichen Einfalt und wurde auch von Fräulein H a u s n e r nach der Theater- schnbloue gespielt, und der Lieutenant ist ei» verblaßter Reiff-Reiff- lingen.— — Antikes Theater. Ein Graf Frankenstein, der in der Nähe der römischen Dianabädcr am Albanersee große Terrains bc- sitzt, und der in Paris lebende Besitzer des„Neu,- Jork Herald", Beimet, haben sich an die Spitze des Komitee's gestellt, welches die Errichtung eines großen, areu aartigen Theaters am Alban ersee plant, wo im Frübling 1899 unter Leitung t>' A n u u n z i o' s von der Gesellschaft der D u s e zwei antike und zwei moderne Stücke gespielt werden sollen. Die Duse hat mit dem Studium der Nassandra und der Antigone bereits begonnen.— Volkskunde. — lieber„Biiidebriefc" wird der„N. O. Ztg." ans NordschleSwig geschrieben: Eine alte Sitte hier zn Lande — ob sie auch in Holstein bekannt gewesen, habe» wir nicht in Erfahrung bringen können— die sich aber bis in die neuere Zeit erhalten hat, ist die AuSsendnng der„Bindebriefe". Anonym stellte sie der junge Bursche seinem Mädchen zu, und dieses hatte aus Handschrift und anderen Umständen den Verfasser zu errathen und sich durch Einladung zu einem Gastmahl zn„lösen". Der„Bindebries" war stets poetisch abgefaßt und trug oft äußerlich das Zeiche» des Bindens, indem zwischen zwei Siegel» ei» Goldiaden, ein Bastfadcn oder ei» Haar gespanur war. Die Bielumworbeue erhielt oft zahlreiche solcher„Bindebriese", die am Namenstage übersandt wurden.— Medizinisches. b. Ein Fall ait geboren er Gesichtslähmung wurde von Dr. Minor ans Moskau besprochen. Der Patient war 2« Jahre alt. als er in die Behandlung diese? Arztes kam. und stammte von einer Mutter ab, die dem Alkoholismns ergebe» war. Trotzdem feine Geburt verhällnißmäßig gut von stalte» gegangen war, erlitt das Kind kurz danach einen Erstickungsanfall, wodurch sein Körper über und über dunkelblau wnrde und beinahe der Tod erfolgt wäre. Man hatte sofort nach der Geburt beobachtet, daß sich das Gesicht des KindeS stark nach der linke» Seite zog. Diese Lage der Gesichtsmuskeln blieb und verschlimmerte sich sogar mit den Jahre», ohne daß die geistige Entwicklung beejnträwtigt ivorde» wäre. Im 13. Jahre stellten sich epileptische Anfälle ein. Es wurde uu» Gesichtslähmung ans der rechten Seile festgestellt. Nur einzelne wenige Gesichtsmuskeln zeigten bei Behandlung mit Elek- trizität eine Reaktion, alle übrige» Gesichtstheile waren für einen »och so starken elektrischen Strom uuempsänglich. Dr. Minor sucht die Veranlassung dieser merkwürdigen Erscheinung, die bisher nur selten beobachtet wurde, in einer Verletzung innerhalb des Gehirn- knotens, vielleicht infolge einer Blutung, die sich während der Ge- burl ereignete, vielleicht in Zusammenhang mit dein erwähnte» Er- sticknugsansall. Andere Aerzl« habe» in solchen Fällen eine Ver- letznng der Nerven angenommen. A»atomischeS. k. lieber auffallende Verschiedenheiten in der Zahl der Rippen und Wirbel bei unseren Ha tiS« t h i e r e n berichte» Cornevin und LeSbre im Rocuoil de medec. veter. Daß das Schaf mannigfaltige Variationen in der Zahl der Schwanzwirbel aufweist, ist bekannt, doch fanden die Untersucher, daß auch oft statt der normalen 4 Krenzwirbel 5 vorkomme», statt IS Brustwirbel 14.— Bei den untersuchten Pferden schwankt die Zahl der Lendenwirbel zwischen S und 7. die der Kreuzbeinwirbel zwischen 4 und 7, die der Schwanzwirbel, je»ach der Klasse, sogar zwischen 7 und 21. Auch beim Esel schwankt die Zahl der Wirbel und Rippen in oft auffallender Weise. ES fanden sich 4 und 6 Lendenwirbel vor, 19 und 20 Brustwirbel, 4 und KKreuzbeinwirdel, während bei normaler Wirbelzahl die Zahl der Rippenpaar« 20 beträgt. Ebenso wie beim Schaf, Pferd und Esel find«» sich solche Abnormitäten in der Zahl der Wirbel und Rippe» auch beim Rind, wo k ttreuzbeinwirbel statt der normale» Zahl von b, 5 und 7 Lendenwirbel statt K, statt IS Rippenpaare 14, keine Seltenheit sind. Von 1461 untersuchten Echweizerkühen wiese» KS solche Anomalien in der Zahl der Rippe» auf. Große Schwankungen namentlich in der Zahl der Wirbel weist endlich auch das Schwein auf, bei dem die Zahl der Brnst. wirb«! zwischen 14 und 16 schwankt, die der Lendenwirbel zwischen 4 und 7, die der Echwanzwirbel sogar wieder zwischen 14 und 23.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobe») in B Aus dem Thierlebet». — Verirrte Vögel. Vom Bodenfee wird de» „M. N. N." geschrieben: Die in letzter Zeit über dem See lagern« de» Nebel waren den Vögeln verhängnißvoll, indem diese häufig de« Rückweg zum Lande nicht mehr fanden. Die Fischer auf dem Ober« see finden täglich tobte Vögel. Manchmal dient«in den Nebel durch« schneidendes Schiff den armen T Hieren zur Rettung, doch find sie meist schon so müde, daß sie in kurzem zu gründe gehen. Oft lassen sich auch die matten Thierchen auf die Hüte und Schultern der Matrosen oder Passagiere nieder.— Humoristisches. — Aus der Schule. Schulinspektor:„Peter, seht frage ich Dich, weißt Du, was Recht und Unrecht ist?" Schüler (verlegen sich reckend):„Nee!" Schulinspektor:„Nun, ich will Dir zu Hilfe kommen. Du kannst Dich nur nicht richtig aus« drücke». So sich einmal, wenn dort Dein Mitschüler Erich vo« seiner Mutter eine Semmel erhält, und Du nimmst sie ihm weg, was thust Du da?" Schüler:„Ick sress' sie uff!"— Lehrer: „Wer vo» Euch kann mir sagen.>vo wir in der letzten biblischen Geschichtsstunde stehen geblieben sind?" Die kleine Marie:„Da wo Joseph aufs Dach saß."— Lehrer:„Was?... Dach?"-— Die kleine Marie(weinerlich):„Herr Lehrer haben doch ge> sagt, und da setzte ihn Pharao über sein ganzes Haus."— Vermischtes vom Tage. — In K ö n i g S h ü t t e wettete ein Schlossermeister um 100 M., er würde ein Pfund Petroleum austrinken. Kaum aber hatte er das Petroleum im Leibe, als er bewußtlos zusammeu« brach. Jetzt liegt er schwer krank darnieder.— — Ein in Oppeln in Arbeit stehender Maurer wollte an einem der letzten Abende nach Hanse,»ach Dometzkohammer, gehen. In der Dunkelheit stürzte er kopfüber i» einen schlammigen Feld« grabe» und erstickte darin.— — In Oberilm(Thüringen) schlug ein Arbeiter mit einem eisernen Hammer statt aus einen Psahl auf den Kops eines den Pfahl haltenden Arbeiters. Der Verletzte ist kurze Zeit darauf gestorben.— — lleb er schwemm»»gen in Italien. Nach den letzten Meldungen sind in Chiaravalle viele Häuser und Magazine sortgeschwemmt. Bei A» c o n a stürzte die Brücke über den Mnsone ein. Bei L o r e t o ist jede Komuniration unterbrochen. In G a I t e o in der Provinz Forli kam ein Kind unter den Trümmern einstürzender Hänser um. In Forli überschwemmte der Fluß Montone die Felder und riß Bäume»in. In der Nähe von M e l d o l a stürzte ein Hans ei» und begrub neun Menschen unter seinen Trümmern. In der Provinz N a v e n n a in der Nähe vo» Faenza durchbrach der Fluß Lanione den Deich in einer Breite von 80 Meter». In der Provinz T e r a in o stürzten drei Brücken ei». Man hält diese Ueberschwemmung für die größte seil dem Jahre 1342. � In der Umgegend von Porto Sunt' Elpidio sind 40 Häuser ein- gestürzt. Mehrere Eisenbahnlinien sind unterbrochen.— — Am Sonnabend raste über das adriatische Meer eine Bora; viele Schiffe litten Schaden.— — Wege» umfangreichcr Betrügereien im Betrage von mehrere» Hunderttausende» wurde» in Genna der ll» i v« r« silätsprofessor Pipia und der junge Graf Dattili festgenommen.— —„ Sl u s den Höchsten Kreisen". Elvira, die durch« gegangene Tochter des Don Karl o's, hat dem Gerichtshof in Genua die Klage gegen ihre» Vater wegen Herausgabe des Muttererdes im Betrage vo» 2 Millionen überreichen lassen. Die Klageschrift beschuldigt Don Karlos der Verunlreuniig karlistischer Parteigelder.— — In Le Havre sind in der großen Oelfabrik der Firma Deutsch drei Magazine niedergebrannt. Der Schaden beträgt fast«ine Million.— — Eine Steuer auf die Motorwagen schlägt die Budgelkoinmission der französischen Kamnier vor. Die Taxe schwanlt je nach de» Sitzen der Motorwagen und den Städte», i» denen diese Wagen zur Verwendung kommen von 10 bis 100 Franks.— — I» Oran wurde am Freitag ein starkes Erdbeben, welches sich von Osten nach Westen bewegte und vier Sekunden dauerte, verspürt.— — Ans der H u n d e» A u S st e l l u n g im K r y st a l l p a l a st zu London wird ein alter Spitz gezeigt, der mit einem regel« rechten f al s ch e n G e b i ß seine Nahrung laut. Sein Besitzer ist ein Zahnarzt.— — E i f e n b a b n» U n g l ü ck. Der Expreßzug von B u f f a l o nach N e w- I o r k der New- Jork« Zentrallinie stürzt« ani Sonntag früh in der Nähe von Harrison in den Hudson. Der Damm, der die Schiene» trägt, ist wahrscheinlich vom Wasser unterspült gewesen und hat nachgegeben; die Geleise sind dann mit der Maschine und sieben Wagen in den Fluß gerutscht. Die Zahl der getödteten Personen ivird aus 23 geschäht. Einige Reisende wurden dadurch gerettet, daß man von Booten auS die Wagendächer einschlug und die Insassen herauszog.— rliu. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.