Nttterhaltungsblatt des Nr. 211. Mittwoch, den 27. Oktoder. 1897. (Nachdruck verboten. Der NoMAN rinev VvvsAzwövnnZ. IS Von A. R a n c. Ins Deutsche übertragen von Marie Knnert. Seit bald fünf Monaten wurden nächtlicherweile Diebstähle von außerordentlicher Kühnheit begange». Es verging keine ' Woche, ohne daß ein Einbruch geschah. Die Diebe hatten die Dreistigkeit gehabt, sich sogar an die Kasse des Gcneral-Zahl- incisters zu wagen und waren nicht einmal vor dein Bellen eines riesigen Cevennenhnndes, der im Bureau schlief, entflohen. Am anderen Morgen hatte man die Eisenblcchplatte, welche das Feilster schützte, von äußerst geschickter Hand durchsägt gesunden. Es ivar eine Arbeit, die mir von cinein gewandten Arbeiter oder einem Einbrecher von Beruf herrühren koniue. Eine wahre Panik herrschte in der Stadt; man verriegelte die Thüren dreifach, die Kanfleute schliefen in ihren Läden, die Dienstboten standen zwei- oder dreimal des Nachts auf, n»i die Runde zu inacheu, und waren schon vollsländig erschöpft. Die Diebstähle nahmen dabei ihren Fortgang, und die Diebe ivarcu un- saßbar. Der Polizcikommissar Galcrne setzte den Behordeil vergebens auseinander, das; es bei der kleinen Zahl von Beamteil, über die er verfügte, schwierig, um nicht zu sagen unmöglich wäre, eine ernstliche Ueberwachnng einzurichten; mau häufle darum die Verautwortllng für das Ucbel nicht iveniger ans ihn, und er fürchtete sehr, beim ersten Anlaß, der sich bot, abgesetzt zu werden. Man begreift jetzt seine llnentschlosseuheit. Wenn er Herrn Pavie in das Gesängnißregister einschrieb und dieser Pavie ein ehrsamer Bürger ivar, wie ivürde er es bereneil! Anderer- seits, lvenn Pavie einer der Männer ivar, welche Drault suchte, oder wenn er vielleicht zu der Band« von Dieben gehörte, welche die Stadt ausplünderten, welch' Gespött dann, wenn Galcrne ihn enlivi'chcn ließ! Nachdem er alles ivohl erwogen hatte, entschloß Galcrne sich für das Gefängniß und führte Aiehu selbst nach der �Heimsuchung". Es ivar neun Uhr abends und alles schon zu Bett; der ehrliche Dcscosses murrte sehr wegen der Slörnug. Nichts desto iveniger ivnrde er sehr liebenswürdig, als er sah, daß sein»eiler Pensionär gut gekleidet war und im Besitz einer wohlgefüllle» Börse zu sein schien. Er schritt un- verzüglich zu de» Formalitäten der Aiifnahnie, schrieb das Signaleilieiit Mvhn's auf und maß ihn. Darauf nahm er ihm geivaudt die Uhr, die Berloqnes und das Geld ab. »Es ist in Ihrem Interesse, mein lieber Herr." sagte er. „Es giebt so schlechte Menschen, die sich kein Geivissen daraus macheu iviirdcn, sogar einen armen Gesaugenen zu bestchlc». Man wird Ihnen morgen, ivcn» Sie das Gefängniß verlassen, alles iviedergeben, denn ich hoffe, daß ich Sie nicht tauge beherbergen werde; Sie sind zweifellos das Opfer eines Irr- thunis, der bald erkannt werden wird; nian sieht dem Herrn sofort an, mit wein nian es zu thnn Hai. Ich brauche Sie wohl nicht zu frage», ob Sie eine gute Zelle haben ivolle». .Za? Ich habe Zimmer für zehn Sons und andere für einen Frank. In der ersten Nacht kostet es dreißig Sous wegen der frischen Bettwäsche." „Also, ein Zimnier zu dreißig Sons, Herr Aufseher, und wie wird hier das Essen geregelt?" „Ganz wie Sie wollen, mein Herr. Wenn Sie es wLnsche»i, können Sie dieselbe Küche wie im Hotel des Trais- Piliers haben. Bevor»neine Frau Madame Descosses wurde, »var sie Köchin bei dem Herrn Bischof." „Sehr gut. Führen Sie mich also in mein Zimmer, Herr Aufseher, und bringen Sie mir eine Flasche Guten." »Das ist gegen die Vorschrift, Herr. Jndeß, weil es das erste Mal ist, und um es Ihnen nicht abzuschlagen, iverde ich es übernehmen, Sie zu bedieneil; aber Sie müssen es geheim hallen. Man soll den Gcsaligeilen zu so ungewöhnlicher Stunde keinen Wein geben." „Ein letztes Wort noch, Herr Anfseher. Giebt es unter Ihren Gefangene»»vohl einige Leute, mit denen man ver- kehren könnte?" »Wie denn nicht,»nein Herr! Wir haben hier zwei Politische, Herrn Pierre Rochereuil rnid den Herrn Abb« Eeorget, die wahrhaft gelehrte und überhaupt feine Leute sind. Sie werden sie morgen Mittag, wenn das Wetter schön ist, auf dem Hofe scheu." „Um so besser; guten Abend, Herr Anfseher. Noch ein Glas Wein und guten Abend. Ich werde den Schlaf der Unschuld schlafen." „Ich zweifle nicht daran, mein Herr, glauben Sie, das ich »licht daran zweifle." Nichts wahr dem ehrcnwerthen Descosses unangenehmer, als die beleidigende Benennung„Herr Aussicher", und gewöhnlich litt er nicht, daß man sie ihm gegenüber anwandte. Aber Herrn Pavie gegenüber hatte er es für paffend ge« halten, nachsichtig zu sein. Erstens hatte der Anköminling ihm ein Glas Wein angeboten, eine Höflichkeit, die Descosses zurück- zuweisen nicht im stände ivar; sodann machten die zwanzig Napoleons, die in der Kanzlei deponirt waren, den Herrn Ober-Jnspektor geschmeidig wie einen Haudschnh. Wenn diese glänzenden Goldstücke in den Zkochtöpfen der Frau DescosseS geschliwkzeu waren, ließ nian sich, weim keine aitderen nach- folgten, nicht mehr„Herr Anfseher" nemien. Denn Descosses rechnete daraus, seinen Pensionär einige Zeit zu behalten. Eine lange Praxis in den Gefängnissen des Kaiserreichs hatte ihn gelehrt, daß es viel leichter war, hinein, als hinaus zu kommen. X. Am andern Morgen früh trat Descosses am Ende seiner ersten Runde bei Rochereuil ein, um seine Aufträge entgegen zu nehmen nnd ein»venig mit ihm zu plaudern, ivie ihm dies von Drault und dem Unterpräfckten Bourgnon, der speziell mit der Aufsicht der Gesängniffe betraut war, empfohlen worden ivar. Allabendlich richtete er an Bourgnon einen Be- richr,»nid dieser Bericht schloß unabänderlich mit der Bcmer- kmig, daß der Gefangene Rochereuil nichts gesagt hätte, was der Mühe verlohnte, zu Papier gebracht zu werden. Au diesem Tage empfing Rochereuil den Oberinspektor mit offener Miene. „Sie kommen gerade recht, Herr Descosses", sagte er,„ich habe Sie»un die Vergünstigung einer Unterredung zu bitten." „Zu Dienste», Herr Rochereuil." „Nun, dann nehmen Sie einen Stuhl, denn es wird ein wenig lange dauern." Descosses ivar sichtlich gespannt. „Herr Descosses, leihen Sie mir Ihre ernste Aufmerksam» keit," fuhr Rochereuil fort.„Sie wissen, daß die Polizei sich nicht nur sehr angelegentlich mit mir, sondern auch niit den« jeiiigen meiner Freunde beschäftigt, welche frei geblieben sind, und selbst mit den Mitgliedern meiner Familie. Sie iverde» es also, denke ich, ganz natürlich finden, daß, da die Polizei sich um Nils kümmert, wir nnsererseits uns um die Polizei küm- mcru. Man überwacht»ins. Wir überwachen ebenfalls, kurz- um wir spielen, frei heraus gesagt, ein wenig Kontrepolizei." „Aber, Herr Rochereuil, Sie sagen mir da Dinge... Bedenken Sie doch, ivenn ich nicht ei» ehrlicher Mann wäre nnd ivenn ich nicht so viel Achtung vor Ihnen hätte, könnte ich es ja weiter sagen." »Nein, Herr Dcscosses, nein, Sie»verde» es nicht weiter sagen; ich kenne Sie nnd»veiß, daß Sie dessen nicht fähig sind... Aber wollen Sie mich, bitlc, nicht unterbrechen, sonst kommen ivir nicht zu Ende. Sie, verde» sehen, daß ich Ihnen interessantes zu sagen iveiß. Es ist also jetzt zivei Monate her, als einer meiner Freunde, der in der Rne des Grandes-Ecoles wohnt, um MittnT.acht Stimmen auf der Straße zu hören glaubte. Er stand auf, näherte sich dem Fenster, und sah durch die Scheiben trotz der Dniikelheit sehr deutlich,»vie vier Männer über die Mauer stiegen. Diese vier Männer blieben gerade dem Zimmer meines Freundes gegenüber vor dem Bijontericladcn der Gebrüder Gorini stehen. Dort beriethen sie einen Augenblick, dann gingen sie schleichend wie die Wöise auf der Seite der Place d'Armes weiter. Unser Freund sagte sich, daß diese vier Kerle zweifellos Polizeiagenten seien. Er zog eine Hose an, schlüpfte in ein Paar Tuchpantoffel, die ausgezeichnet waren, um beim Gehen nicht gehört zu werden und folgte der Spur. Es schien ihm, daß die vier Männer, als er ihnen nachging, ihre Vorsicht verdoppelten, wahrscheinlich um nächtliches Gesindel oder die Spitzbubech über die sich die braven Bürger von Poitiers in diesem �ahre so sehr beklagen, um so sicherer zu überraschen. Bei zedem Schritt drehten sie sich um und sahen, ob sie nicht beobachtet würden. So ist es doch, nicht wahr, Herr Descosscs? Aber unser Freund ist listig wie ein guter Jäger; er weiß, wie man an das Wild heranschleicht, und dieses Mal merkte das Wild es nicht. Ans der Place d'Armes trennte sich einer der vermeintlichen Agenten von den übrigen und ging ans die Herberge du Plat-d'Etain zn; aber er kam sogleich wieder. Dann gingen die vier durch die Rue de la Mairie, die Rue Saint-Fra»?ois, die Place Saint-Didier, die Rne de la Regratterie, die Place du Marchs, die Rue de la Tste noire, die Rue des Flageoles und kamen endlich aus dem Pranger- platz an. Dort blieben sie vor dem Hanse des Registralors stehen, und einer rüttelte sogar am Schloß, zweifellos um sich zn vergewissern, daß es im stände war, den Brecheisen und Meißeln der Diebe zu widerstehen. Das Schloß war gut, und sie setzten ihren Weg fort. Sie stiegen wieder in die Stadt hinauf durch die Rue de la Prsvöls, die Place des Petits- Jcsnites, die Place Saint-Didier, die Rue de la Mairie, die Rue Saint-Porchaire; aber unstatt sich wieder nach der Place d'Armes zn wenden, bogen sie in die Rue des Basses-Treilles ein und erreichten die.Heimsuchung". Herrn Descosses ran» der Schweiß in großen Tropfen herunter. .Ganz dicht, ganz dicht am Ecfängniß angekommen, fuhr RochcreuU fort,„verschwanden sie, und unser Freund konnte niemals begreifen, wo sie geblieben waren. Gestehen Sie doch, Herr Descosscs, daß er für jemand, der nicht seinen Beruf daraus macht, nicht allzu ungeschickt gewesen war." (Fortsetzung folgt.) lMachonnl verboten.) Mnoevgängliche Trmtvv. Von H. du Plcssac. (Autorisirte Uebersetzung.) Mit peinlicher Regelmäßigkeit kam Frau Boucheron jeden Sonnabend zwischen 9 und 19 Uhr auf de» Kirchhof. I» strenger Trauerkleidung, den Kreppschleier vor dem Gesicht, schritt sie daher, i» der einen Hand ei» Deckelkörbchen. in der anderen eine» .Jmmortelleukranz. Langsam, fast feierlich ging sie durch die Allee, aber trotz des gemessenen Tempos, konnte man doch an jeder ihrer Bewegungen merken, daß sie noch recht jung war. Kaum einmal schweiften ihre Augen nach rechts oder links zn den Grab- monnmeiiten, bis sie endlich an einem Hügel Halt machte, der mit einem glatten weißen Stein und einer Urne aus imitirler Bronze geschmückt Ivar. Auf dem Stein stand folgende Inschrift: Sussums Bouebsron, Schlossermeister. Geb. zu Paris den Ib. XII. 1845. Gest. daselbst am 17. IX. 1892. Daun waren zwei Reihen frei geblieben und darunter stand: „Unvergängliche Trauer!" Diese beiden nnansgefülllen Reihen waren Frau Boucheron eine große Sorge. Sie wollte darauf etwas ganz besonderes Gefühlvolles anbringen lassen, ctivas,>vas für ihren verstorbenen Mann ein Lob und zugleich eiir Ausdruck tiefen Schmerzes sein sollte. Bis jetzt 'hatte sie aber nichts Passendes gesunden, und der Steinmetz wartete noch immer auf ihren Auftrag. Wenn Fran Boucheron an dem Hügel angelangt war, kniete sie nieder und verharrte einen Zlugcnblick in stiller Andacht, dann hob sie de» Kreppschleier und ließ ei» rosiges jugendliches Gesicht sehen, das im Verein mit de» lichtblonde» Haaren einen seltsamen Kontrast .zu der schwarzen Wittwcnschncbbe bildeten. Aus ihrem Ilörbchen holte sie eine kleine Harke, ein Kinderschippchen und eine zierliche Gießkanne und fing an das Grab in Ordnung zu bringen. Darnach nahm sie niit einem Seufzer den Kranz ab, der in der verflossenen Woche dort gelegen hatte und durch Wind, Regen oder auch durch die Vögel stark mitgenommen worden war und legte an seinen Platz den mitgebrachten neuen. Dann zog sie den Schleier wieder über das Gesicht und ging, diesmal durch die Seilengänge, dem Ausgangs- thore zu. Seit fünf Monaten pflegte sie auf diese Weise das Andenken an de» Verstorbenen. Da benrcrkte sie eines Sonnabends, daß die dritte Grabstelle zur linken Hand von dem Grabe ihres Gatten nicht mehr frei mar. Die frisch ausgeworfene Erde verrietb, daß es erst kürzlich belegt worden ivar. Ans dem Hügel befand sich, jedenfalls nur provisorisch, ein einfaches Holzkreuz, und neben diesen» stand in tiefen Schmerz versunken, ein Herr. Uinvillkürtich empfand Fra»l Boucheron für den.Einsamen ein tiefes Mitgefühl, denn sie wußte, was es heißt, einen geliebten Tobten betrauern. Ii» der nächsten Woche war- der Hügel mit einem schönen»veiße» Stein»»nd einer imitirlen Bronze- Urne geschmückt, genau so wie das andere Grab. Auf dem Stein war folgende Fnschrift zu lesen:'>'•:■ EuphrasieLodoine Gandillot, geb. L e c b a t, Geb. zu Coulommiers am 20. April 1848. Gest. in Paris am 8. Februar 1893. Erwarte mich! Frau Boucheron mußte bei dem frischen Hügel vorbei, und un< willkürlich machte sie eine leichte Verbelignng gegeil den Leidtragenden» der den Gruß artig erividerte. Ein eigenthnuiliches Zusammentreffen! Auch Herr Gandillot kam jeden Sonnabend Morgen an das Grab seiner Frau, genau zur selben Stunde, da Fran Boucheron den Hügel des verstorbenen Gatten schmückte. Der jungen Wiltwe entging es nicht, daß Herr Gandillot ein stattlicher Man» von einigen dreißig Jahren war. Er seinerseits schien nicht ohne Jntcreffe die hübsche junge Frau zu beobachten, die das Andenken des verstorbene» Gatten so treu in Ehren hielt. Jedesmal grüßten sich die beiden, und in dem Gruße lag die Theilnahme des einen für den Schmerz des anderen� Gesprochen hatten sie einander noch nicht. Eines Sonnabends jedoch hatte Frau Boucheron ihre Gießkanne vergessen und bat Herrn Gand»llot um die seinige. Daraus entstand dann eine gewisse Nachbarschaft; kleine Dienstleistungen, Nalhschläge über die Pflege der Blumen, die man in die Urnen steckte oder auch Adressen von Geschäften, wo Grabkränze gut und billig zu haben ivaren. wurden ausgetauscht, und die so entstehenden kleinen Unter« hallnngen wurde» bald die Veranlassung, daß die Verstorbenen sich länger und immer länger der Gegemvart der beiden Lebenden au den Gräbern zu erfreuen halten. Eines Tages»varen beide genail zur selben Zeit gekommen und infolgedessen auch zur selben Zeit fertig. Gesenkten Kopfes schritte»» sie zusammen dem Ausgange zu und spräche»» über den lranrigen Verlust, den sie erlitten. An der Pforte trennte» sie sich. und ohne daß sie einander vorgestellt waren, klang es herüber und hinüber: „Adieu, Herr Gairdillot!" „Auf Wiedersehen, Frau Boucheron!" Drei Wochen später hieß es: „Auf nächsten Sonnabend, Frau Boucheron!" „Ja, auf Sonnabend, Herr Gandillot." Eines Sonnabends schien die Sonne in voller Pracht. Die Vögel schmetterten ohne jede Rücksichtnahme aus diese Stätte der Todten ihre fröhlichsten Lieder nnd spielten flatternd zivischen und hinter de» Gräbern Versteck. Ueber dem ernsten Ort der Ruhe lag es wie ein Hauch von Jugend und Freude. An diesem Tage halte Herr Gandillot sich von Frau Boucheron den Spate» geliehen— diesmal war er der Vergeßliche geivesen— und nun lehnte er an dem Gitter, das den Hügel des seligen Ouesyme umgab und plauderte mit ihr. Seit»vaun sie Wittive sei? Woran ihr Mann gestorben? Ob sie Kinder habe?— Es ivar eine ganze Fülle von Fragen, die sicherlich indiskret geivese»»vären,»venu die beiden Trauernden sich nicht schon so oft gesehe» hätten, und sich nicht dadurch gleichsam ein kameradschaftliches Verhältniß wie zwischen Leidensgefährten ge- bildet hätte. „Ach." seufzte die junge Wittive,„das Leben ist nicht sanft mit mir iiingegangen-- drei Jahre war ich verheirathet, nun bin ich schon mit 24 Jahren allein,— kein Kind, das mich trösten und er- heitern könnte!— Armer Onesyme." „Sie habe» geiviß Ihren Mann sehr gern gehabt!" „O geiviß, Herr Gandillot— ich habe es erst so recht gemerkt, als ich ihn verloren hatte. Als»vir noch zusammen»varen, da ivaren wir nicht immer einer Ansicht. Er war eben viel älter als ick».... Unser Geschmack ging oft sehr auseinander— es ist ja auch erklärlich. Der Unterschied der Jahre»var so bedeutend! Denken Sie nur! 23 Jahre»var er älter als ich... Aber seit er mich verlasse» hat,»»ein trenestcr und bester Freund, weiß ich erst, wie sehr er mir fehlt! Ich kann mich z. B. absoliit nicht daran geivLhnen, allein auszugehen... eine allcinstehende Fran ist so vielem ausgesetzt!— Denken Sie nur, neulich-- aber nein, ich kau» Ihnen das nicht erzählen. Wie gesagt, es ist für eine junge Fran traurig, niemand zu haben, bei dem sie Schutz findet!— Doch, erzählen Sie mir von sich selbst!-- Sie habe» Ihre Frau auch sehr geliebt?" (Schluß folgt.) Vleinrs Fcnillektm. —„Tic Würde der HauSfran". In einem Nachruf, den Emile Blauet, der Pariser Plauderer, dem nunmehr geschlossenen Salon des Malers Münkacsy»vidniet, erzählt er nachstehende lustige Anckoote über Christine Nilsso». Zur Zeit, da Blauet seine Thätig- kcit als Chroniquenr beim„Figaro" begann, wnrde er zil einem Feste bei einein„prmee de la finance" geladen. Besagter Millionär hatte vor kurzem eine Fran heimgeführt, die eine mehr als beivegte Vergangenheit hinter sich hatte, und die nunmehr mit ihrem Prunke ihre ehemaligen Kameradinnen verblüffen wollte. Die Ein- ladungen waren zu hundert?»» an der Börse verlheilt»»»»d vielfach auch angenoiiünen, da für den Empsangsabend ein wahrhaft glänzendes Programm in Aussicht gestellt worden war. Christine Nilffon hatte sich erst nach langem Zureden dazi» beivege» lassen, für ein Honorar von 3000'Fr.- bei der Dame zu singe». Chrisline sang den» auch,.und. all« Amvesenden üb?rschiittelei> sie förmlich mit enthusiastischen Komplimenten. Nur die Hausfrau rührte sich nicht von ihrem Lehnstuhl und winkte Blavet zu sich heran. -SRein lieber Herr," sagte sie,„in Ihrer Eigenschaft als erfahrener Weltmann klären Sie mich, ich bitte, darüber auf. ob meine Würde als Hausfrau es gestattet, einige Lobesworte an Frau Nilsson zu richten." Blavet wollte sich einen Spaß machen, schien ein« Weile nachzudenken und meinte dann mit der unschuldigsten Miene von der Welt:„Alles wohl überlegt, Madame, können Sie, ohne sich etwas von Ihrer Würde zu vergebe», einer großen Künstlerin die Hand reichen." —„Oh, die Hand geben, das wäre übertrieben. Fuhren Sie sie aber zu mir her, und ich werde ihr die Ehre erweisen, ihr zu sagen, daß sie für meine dreitausend Franks sehr gut gesungen bat." Der Journalist bewahrte seinen Ernst mit aller Mühe, ging auf Christine Nilsson los, die von Bewunderern umschmärmt war, und brachte sie zu der protzige» Dame, indem er die Sängerin mit folgenden Worte» vorstellte:„Madame will Ihne» dafür danke», daß Sie ihr für ihre ISO Louisdors Genügeudes geleistet haben."—„Madame irrt sich," gab die Nilsson mit stolzer Berachtung zurück,„wir sind noch nicht quitt... Ich habe erst zwei Stücke gesungen... Ich schulde noch ein drittes... und ich bezahle pünktlich." Christine Nilsso» kehrte der Hausfrau den Rücken, schritt aus das Klavier los und bezahlt« ihre Rechnung reichlich.— — Eine elektrische Fcrnschrcibmaschine hat der Ingenieur H o f f m a u» erfunden und dieser Tage in Berlin vorgeführt. Die Fernschreibmaschine gleicht im allgemeinen einer Schreibmaschine mit ihren den einzelne» Buchstaben geividmelcn Tasten. Die Maschine liefert aber nicht nur dem Schreiber selbst eine in Antiqua- Druck- bnchstaben hergestellte Fixirung seiner Gedanken, sondern auch eine völlig identische Nieverschnsl dem beliebig weit entfernten. mit einem gleichen Apparat versehene» Adressaten— vorausgesetzt. daß dieser mit dem Schreiber durch einen Draht verbunden ist, der die in elektrischen Strom übersetzten Schriftzeichen weiter besöcdert. Versuche im Betriebe der Pfälzischen Eisenbahnen in Ludwigöhasc» am Rhein habe» ergeben, daß die F e r n s p r e ch l e i t u n g zu dieser Beförderung verwendet werden, also zugleich zum Feruspreche» und Fernschreiben dienen kann. Von der Reichs» Postverwallung sind bereits einige dieser Apparate probeweise i» Dienst gestellt worden. Der Erfinder hat acht Jahre aus das Problem verwandt, ehe es ihm gelang, seine Idee zu verwirklichen.— Literarisches. — F ü r Detlev von Lilie ncron sind bis jetzt im Ganzen 4i50 M. eingegangen, ein Betrag, der— wie das Sammelkomitee miliheilt—„nicht einmal zur Tilgung aller Schulden des Dichters hinreichte". Da wurde also in Wuklichkeit für die Herren Gländigcr gesammelt. Der Dichter hat die Demülhigung und kann sich den Mund wischen. So etivas war auch»och nicht da im lieben Deutschland. Zum kapitalistischen Protzenthuiil paßt aber dieser Zug ganz vortrefflich.— — Eine Bibliothek der ans dem Index stehenden Werke. In F l o r e» z beschäftigt man sich mit dem Gedanken, eine Bibliothek zu gründen, die alle voin römischen Inäex verbotenen Werke enthalten soll. Den Anlaß dazu gab die bevor- stehende Hundertjahrfeier des Geburtstages des größten italienischen Lyrikers unseres Jahrhunderts, Giacomo Leopardi, dessen Werke von der römischen Inquisition natürlich auch auf den Index gesetzt worden sind, wie die hervorragendste» Geistcswerke aller Jahr« hunderte. Von der italienischen Monatsschrift„Nuova Antologia", ist der Gedanke dieser Bibliothels- Gründung ausgegriffen worden.„Welche große, erhabene Bibliothek," heißt es in der jüngsten Nummer der„Nnova Antologia",„welch ein Deiikmal für die gegen geistliche Reaktion und Bergewaltigniig ankäiilpfendc» Künste lind Wisscnschasten ließe sich nicht an der Hand des Index errichten, in dein sich die gesaininte Geschichte der Ver- solguiigeil des Menschengeistes zusauimengedrängl findet. Keine große Kühnheit, kein genialer Forschungsblick in die Geheimnisse der moralischen Welt und der Natur, keine ehrliche Rebellion des Geistes gegen geistlichen Zwang ist der römischen Inquisition entgangen. Man kann sagen, daß sich der Geist der Reaküo» Jahrhunderte hindurch abgemüht hat, den Katalog der schönsten Vibliothek zu bilde», die das freie JiaUe» als eine Huldigung für das Genie gründen kann."— Musik. -er- Königliches Opern ha ns. Herrn Marwitz, dem Leiter der heurigen Sommer-Öper im Westen-lGoethe«) Thealer, hat der für die Oberflächlichkeit maßgebende äußere Lärmerfolg der Oper ,A basso porto"(„Am unteren Hasen") von Spinelli eine volle Kaffe und den Nils eines Direktors von sindiger Initiative gebracht. Gebildete Musiker und geschmackssichcre Leute fanden die Handlung mit ihrer Zuhilfenahme der ältesten italienischen Dolch- und Rache- Psychologie zum Gruseln läppisch und ivaren über die Herabgekommenheit unserer Ansprüche erstaunt, welche eine wirkliche Melodie und einige oriose Trivialitäten für ein Meer instrumentaler und vokaler Brnla- liläte» zu entschädigen vermochten. Älber jeuer unfaßbare Zwang, ivelcher selbst den Unsinn und die Widerwärtigkeit dem Urtheil der Allgemeinheit ausdrängt, hatte seinen gewichtigen Schutz dem Werke des Jung-Jtalieuers augedeihen lassen. und so mußte man„a basso porto" gehört habe». Jenes Berlin, ivelches im Sommer an der See, im Gebirge nichts von neu- italienischem Opernverismo wissen mag, hat nun Gelegenheit, die musikalische Sensation der Ferien im Nahmen des königlichen Opern- Hauses zu hören und als solchen zu sanktioniren. Nun die Ueber- raschung eines halben Mißerfolges berührte uns wie eine freudige Versöhnung niit jenem Publikum, dessen Urlheils» Unfehlbarkeits- dünkel so oft schon durch die Folge im günstigen oder negativen Sinne beschämt worden. Man fühlte in diesen räche- und verrathgeschwängcrten Vorgängen, in denen angeblich die leidenschaftliche Volksseele des Neapolitaners pulsiren soll, nicht das schöpferische Walten einer dichterischen Kraft, und selbst von der einzigen ivahrhast tragischen Figur des Stückes, von der Mutter Maria, ließ sich der Schatten lang- weiliger Rührseligkeit und erdrückender Sentimentalität nicht verscheuchen. Es ist eine Tragikomödie, deren Gestallen das Kostüm und die Pose einer grotesk feierlichen Pathetik nicht einen Augenblick ablegen. Der erste Akt, ans welchem nur ein seltsam aufgebautes Quintett wie eine originelle Kühnheil hervor- ragt, versagte auch musikalisch. Im nächsten Aufzuge zeigt sich Spinelli als Melodiker, der sich zwar um die Ürsprünglichkeil seiner Erfindung keine quälenden Zweifel bereitet, aber in einer arigen Stell« der Maria die Echtheit einer tief empfindenden Individualität aufleuchten läßt. Dieser kurze keusche Gesang einer vom eigene» Kinde tiesgekränkten Mutter, und das Vorspiel zum 3. Akte, ivelches, mit obligater Mandoline. eine vor- treffliche thematische Arbeit darbietet, lassen uns Spinelli immerhin ein wenig höher einschätzen, als viele aus dem Neuadel der italieui- scheu Opernmoderne». Die Darstellung stand mit einer einzigen Ausnahme auf einem künstlerisch«rnslhafleren Niveau als im Westen-Theater. Fräulein R e i n l(Maria) besitzt zwar die fast beleidigende Tonwncht der rau Mornn-Olden nicht, aber sie übertrifft diese au musikalischer ornehmheit, an Reichthum diskreter ZluSdrucksmiltel und vor allem an Jllusionsmacht der äußeren Erscheinung. Die früher erwähnt« Caniilene sang Fräulein Reinl mit ergreifender Wehmuth. Ihre Tochter Sesella verlangt zwar ausgiebigeren Stimm- klang, als ihn Fräulein Dietrich besitzt, aber der dramatische Inhalt dieser glieoerloseu Figur läßt sich auch mit einer Soubretten- stimme ausschöpfen. Erstaunlich echt in Ton, Kleidung und Ge- habe» war Herr Sommer als pittoresk verlotterter Sohn der Maria Lnigino. Nur Herr B u l ß, welcher den Verräther Cicillo durch eine Slrt peinlicher Salon-Jtatiener-Eleganz und unnatürlicher Deklamationsumstäudlichkeit wider Willen zur lächerlichsten Karrikatur machte, unterlag im Vergleiche mit seinem Vorgänger im Westen« Theater.— Aus der Vorzeit. — Bei C a n n a t e l l o in der P r o v i n z G i r g e n t i, dem alten Agrigent auf Sizilien, bat Professor G. E. Rizzo nach einer Mitlhcilung im„Bullet, di pal. ital." eine wichtige Entdeckung aus präbist arischer Zeit gemacht, die geeignet scheint, auf die Kultur Siziliens vor der Einwanderung der Griechen unter den Sicularen und Sicanern ein helleres Licht zu werfen. Während die bisher gemachten Funde ausschließlich Nekropolcn oder Einzelgräber ans dieser Periode betrafen, hat Prof. Rizzo eine Anzahl Wohn- Häuser entdeckt, die ohne Zweifel ehemals eine zusammenhängende Ortschaft bildeten. Leider hat der Einspruch des betreffenden Grund- besitzers die Fortsetzung der begonnenen Ausgrabungen verhindert, so daß die Untersuchung nicht abgeschlossen werde» konnte, und mancher Zweifel noch ungelöst geblieben ist. Die Anzahl der frei- gelegien Gebäude beträgt etwa acht oder wenig mehr; wie viel sich »och ans dem undnrchforschten Gebiet befinden, läßt sich auch durch Schätzung nicht annähernd bestimmen. Die Form der einzelnen Hütlen ist rund, ihr Umfang gering, ihr Durchmesser nicht größer als drei Meter. Die Gegenstände, die sich darin gesunden haben, sind außer Knoche» von Menschen nnd Thieren lhönerne Gefäße und Waffen aus Bronze. Von den«rsteren ist am merkwürdigsten eine große dickbäuchige Urne mit acht Henkeln an der Mitte der Außen- seile, die vielleicht dazu dienen mochte», das Gefäß an Stricken auf- zuhängen. Die Form ist bisher noch unbekannt. Andere Gefäße ähneln in Forin und Material den im archäologischen Museum zu Syrakus befindlichen, aus Nekropolen stammenden Funden. Die Waffen bestehen aus Schwertern, Dolchen, Lanzeuspitzen und Beilen aus Bronze. Unter de» Dolchen befindet sich einer, der »och ungebraucht und sogar noch nicht völlig fertig ist. Die Folge- rung, die Prof. Rizzo daraus zieht, daß das Haus, worin dieser Dolch gefunden wurde, als die Wohn- und Werkstätte eines alten Waffenschmiedes anzusehen sei. dürfte allerdings etwas zu weit gehen. Im allgemeinen zeigen die Gegenstände viel Aehnlichkeit mit den Funden der sogenannten mykeniswen Zeit; doch fehlt es auch nicht an einzelnen Abweichungen und Besonderheiten. Als die Zeit ihrer Herstelinng dürfte die Mitte oder das Ende der älteren Bronze« Periode zu betrachten' sein.— Aus dem Thierlcbet«. — Ueber den Flug der Brieftaube hat Profeffor Ziegler in Freiburg i. Br. neue Untersuchungen angestellt. Er berichtet darüber in den„Zool. Jahrbüchern": Für große Entfernungen, 100 bis 600 Kilometer, überschreitet die Fluggeschwindigkeit nicht 1100 bis 1500 Meter per Minute. Allerdings kann ein günstiger Wind die Zahl bis aus 1600 Meter, ja in sehr seltenen Fallen bis aus 1620 Meter bringen; dagegen wirkt konträrer Wind hemmend aus den Flug ein, so daß die Geschwindigkeit bis aus ö00 bis 800 Meter per Minute sinken kann. Auch wird durch unsicheres Wettex, Siegen, Nel'el, tiefgehende Wolken, die Geschwindigkeit ungünstig beeinflichl, indeni dein Thier dann die Orientirung erschwert wird. Die Briestanbe erhebt sich nieinnls in größere Höhen, kann also die große Schnelligkeit der i» Höhe von 2(MX) Metern und darüber wehende» Winde nicht ausnützen. Meist fliegt sie in einer Höhe von 1000 bis 1500 Metern, manchmal, besonders bei konträrem Winde, nimmt sie ihren Flug sehr niedrig.— Astronomisches. b. Ob der Mond eine Atmosphäre besitzt, will nach einer Mitlheilung im„Bulletin astronoinique" der Astronom Ceraski durch ei» neues Verfahren zu ermitteln suchen. Er ist ans diesen Gedanken durch die Thalsache hingeführt worden, daß man jetzt mittels der Photographie im stände ist, den Zustand der Sonnen- oberfläche bis in seine Einzeldeilen hinein zu beobachten. Wenn nun während einer partiellen Souneiifinsterniß der Mondrand sich mit seinen Unebenheiten auf dem Sonnenkörper abzeichnet, so müßten sich, so meint Ceraski, die Spuren einer Atmosphäre, falls eine solche den Mondkörper umgicbt oder wenigstens in seinen V-r- tiefungen vorhanden ist, durch die Erscheinung einer Absorption oder Brechung des Sonnenlichtes an den betreffenden Stellen ver- ratheu. Dieser Vorschlag verdient sicher eine Berücksichtignug, die ihm wohl auch bei der nächsten Gelegenheit einer partiellen Sonnen- sinsterniß zu iheil werden wird. Wie»us die totalen Sonnen- finsterniffe Aufklärung über die Atmosphäre der Sonne selbst bringen, so könnten uns also partielle Versiuuerungen der Sonne von einer Atmosphäre des Mondes Nachricht gebe».— Bergbau. is. Neber dieProduktion nutzbarer Mineralien in Großbritannien erfahre»>vir durch ein soeben ans- gegebenes Blaubuch der Negierung interessante Angabe», die auch abgesehen von dem rein statistischen Material manches Bemerkens- «erthe enthalte». Es ist darin die Geiviminng nutzbarer Mueralie» aus Bergwerke», Steinbriichen und Soolen berücksichtigt. Tie Gesammtausbrute an Kohle betrug 1890 195 301 200 Tons, also beinahe vier Milliarden Zentner, davon wurden etwa 200 000 Zentner in offenen Brüchen gewonnen, das übrige in Bergwerken. Die Mächligkeil der Koklenflötze ivechfell in England zwischen 11 bis 12 Zoll und 30 Fnß, mir die Flötze von der sogenannten Kämiel-Kohle, in Schottland, der besten britischen Steinkohle, werden noch bei 0 Zoll Dick« abgebaut. Kobalt und Nickel werden nur in dem Bezirke Flintihire gewonnen; dieser Bergbau hat lange Jahre brach gelegen und wurde erst kürz- lick wieder aufgeuomme«. Diese Metalle sinde» sich in uuregcl- mäßigen Hohlräumen im Kohlenkalkstei», welche mit rothem Thon ausgefüllt sind. Der Kupferbergbau in England nimmt rasch an Bedeutung ab. Im Jahre 1803 wurden 4 200 000 Zentner Kupfer erzeugt, im Jahre 1890 nur noch 18 330 Zentner. Ein Unikum ist die Gewinnung von Feuerstein bei dem Orte Brandon in der Gras- fchaft Snssolk. Dieser Bergbau, der auf eine ziemlich primitive Art betrieben wird, deckt den immer geringer werdenden Bedarf an Fliulensteiue», welch« für den Gebrauch der wilden Völker zum Feuer- schlagen nach Afrika, Amerika und Australien exporlirt werden. Gold ist in Britannien verhällnißinäßig wenig zu holen, jedoch haben die Erzadern in Nord-Wales von Zeit zu Zeit nicht unbedeutende Mengen goldhaltigen Quarzes geliefert. Die fünf Mine» in Merionetsbire brachten 1890 55 200 Zentner Erz, voraus 1352h'« Unzen Gold im Werth« von 100 700 M. gewonnen wurden. 1895 war der Ertrag bedeutender. Eisen wird am meisten i» den Gebieten von Clevelaud und im nördlichen Iorkshire ausgebeutet, hier allein über 100 Millionen Zentner jährlich, dazu kommt in Cumberland und im nördlichen Lancashire eine Produktion von über 40 Millionen Zentner. Das Cleveland-Erz ist erdig und kohlenreich und entbätl nur etwa 30 pCt. Metall, während das rothe Erz der beiden anderen Grafschaslen 50 bis 00 pCt. Eisen giebt. Aus sämmllichen englischen Minen wurde im letzten Jahr« eine Menge von 250 Millionen Zentnern Eisenerz erhalten.— Technisches. — Von der neuen 91 hei»brücke bei Bonn. Die Arbeilen an dem mittleren Bogen der Rheinbrücke, der bei 184 Meter Weite zur Zeit der größte in Deutschland ist, sind vollendet. Mit Spannung sah man dem Siesultat entgegen, welches das Nieder- lassen der ungeheueren Eisenlast von 1 700 000 Kilogramm ans die Brückenpfeiler ergeben würde. Das ist nunmehr erfolgt und über- raschend günstig ausgefallen. Die beiden Pfeiler haben nur eine seitliche Verschiebung von 3 Millimetern aufzuweisen, wodurch ihrer Bauart das beste Zeugniß ausgestellt wird. Der Bogen hat sich um 35 Millimeter in der oberen Kante gesenkt.— — Amerikanisches D ö r r g e m ü s e. Die Zeitung„San trancisco Call" beschreibt eine neue Industrie, die in Santa Clara ounttz betriebe» wird, daS Dörren von Gemüsen. Zunächst handelt es sich hauptsächlich um Kartoffeln, gelbe Rüben und Zwiebel». Die verschiedenen Knollenfrüchte werde» gereinigt, geschält und haufenweise in weite Behälter geschüttet, in denen sie von Messer- klingen, die sich in fortwährender Drehung befinden, geschnitten werden. Tann werden sie in einem chemischen Zimmer mit Vorsicht angeschwefelt, um sie gegen Bakterieubildnng zu schützen und ihnen ihre Farbe zu erhalten. DaS Dörren geschieht nicht an der Sonne, I sondern im Innern eines Backsteinofens mit Glasthüren, in den die Hitze durch eiserne Slöhren geleilet wird. In diesem steinernen geheizten Häuschen dreht sich ein Rad, in der Art eines russischen Karussells, also mit eingehängte» offenen Wägelchen, die das geschnittene Gemüse enthalten, inehiere Stunden dindurch hart an den eisernen Slöhre» vorbei. Danach werden die Wagen durch die Glasthüren herausgezogen und das Erzeng,, iß wird zur Ver» fendnng verpackt. Zu einem Pfund Törrkartoffclu braucht man 0—7 Pfund frische, zu einem Pfund Dörrmöhre» 9 Pfund frische, zu einem Pfund gedörrter Zwiebeln, die zuletzt noch an der Sonne dörren und bedeutend einschrumpfe», sind 20 Pfund frische«öthig. Am meislei! empfiehlt sich solches Dörrgeinäfe für abgelegene nn« srnchtbare Bergwerksbezirke, wo es auch bereits in größter Gunst steht. Mit anderen Gemüsesorlen werden Versuche angestellt. Das Blatt meint, es würde wohl besser sein, die Knollen statt der Schiveseliing einem sterilisireudeu Tampsbad auszusetzen, ehe sie getrocknet werde».—. Humoristisches. — Vom A m t s f ch i m m« l ch« u. Das Amtsblatt der Wiener Zeilimg" veröffentlicht solgeudes:„Das k. k. Kreis- als Preßgericht in Eger hat nut dem Erkeunlnisse vom 0. Oktober 1397 die Weiter- Verbreitung der im n i ch l a n g e g e b e n e n Verlage uud Druck- orte erschienenen Druckschrifteu ces Inhalts: a.)„Hu...." bis ..... land"; b)„Nied...* bis„�.... neu"; c)„Hallet..." bis ,.... braus" nach§ 53, lit c St. G.(Hochverraihf verboten.— Jetzt weiß inan's! Wo ist den» übrigens der Verlag dieses Herrn „Nichlangegeben"?— — Siecht hat er! Vor ein paar Tage» war es, in der W i e n e r H o f o p e r. bei der letzten Probe der„Zauber- flöte". Bei der Thiersjen« hatte der Inspizient einige Knaben als Löwe», Tiger. Assen K. eingekleidet und anbin instrnirt, daß sie auf sein entsprechendes Kommando hcransz,, kommen hätten. Es tonnnl also das Stichivort. Der Inspizient ruft hinter der Koulisse: „Löw' derans!" Der Bub gehl nicht. Unwirsch fragt er:„Ja, warn», kommst Du denn nicht heraus, Löw' V" Da antwortet der Knabe schüchterut„Ich heiße doch nicht Löw, sonder» Low y."— Bermischtes vom Tage. — Di« Sitte, die Buchstaben U. A. w. g. auf Einladungskarten zu setzen, dürfte in Deutschland erst zu Ansang dirfes Jahr- hiliiderls aiifgetomme» sein. Mit Beziehung aus diese neue Mode schrieb Kotz-bne(etwa um ILIO) seinen kleinen Schwank„U. A. w. g. oder die Bisitkarteu."— — In Hamburg fand am Dienstag die Feier der Er» ö f s n u ii g des neuen St a t h h a u s e s statt.— — Im UnlerfuchungSgefäuguiß zu St a t i b o r hat sich der Rittmeister Schulz, gegen den wegen versuchter Erpressung gegen den Herzog von Ujest verhandelt werde» sollte, mit einem Handtuch erhängt.— — Zwei st a r k e Erdstöße, die in der Richtung von Süd» West nach Nord- Ost verliefen, hat mau am Montag Abend in F a l k e ii st« i» i. V. verspürt.— — Im Z w i ck a u e r Kobleu bezirk haben nach der„Köln. Zeitung" der Schader Steinkohlcnbaii- Verein, der Forst-Siein» kohlenbau-Verein und die Besitzer der Werke„Hcrschel'S Erden" de- schlöffe», den Betrieb einzilstcllen,„weil sie nicht in der Lage sind," das bnrch die Hochflulh am 31. Juli in die Grub«» gedruugen« Waffer zu beseitigen.— — Vor 14 Tagen hat in der H i u t e r r i ß ei» Bär über ein Dutzend Schafe zcrrisicii.— — Nach den Schätzungen der Stenerkommission bat der Fürstprimas von Ungarn das Slutzuiigsrechl von 94 408 Joch Feldern, die einen Weich von ca. 19 Mill. Gulden repräseuliren, ferner von eine»! Kapital von 4t/r Millionen Gulde», das jährlich 171 000 Gulden Zinsen abwirft. Das Einkommeu deS Kardinals beträgt täglich 1418 Gulden 18 Kreuzer.— — I» einem Cafe cbaiitanl zu Lütt ick verbrannte ein« Sängerin, deren Kleider Feuer stnge», auf offener Szene.— — Brüssel, 25. Oltobcr. In einem Hanse, welches an der durch den Wald von Villers bei N a in n r führenden Straße steht, fand man geiler» einen 60 Jahre allen Mann, dessen verwillwele 50 Jahre alte Tochter und die 24jährige Tochter der letzteren er- mordet. Es liegt Raubmord vor.— — Die Pulverexplosion in Cherbilrg geschah auf einein alten Küstenwachtschiff, auf das man Pulver gebracht hatte, um es zu deniolire». Durch die Explosiv» wurde eine Person ge- tödtet, drei verwundet.— — Ei ii Wunderkind. Im Verlauf« eine? vor dem KaffalionShofe in Algier verhandelten Prozesses wegen Eipressmig und Fälschung stellte es sich heraus, daß dem Bürgermeister einer größereu algerische» Ortschaft als Beigeordneter der eigene Sohn und als Bürgermeisterei-Sekretär der eigene neunjährige Enkel zur Seite stehen. Der hoffnungsvolle „junge" Beamle bezieht ein Gehalt von 1800 Frauken jährlich.— — In Aibis-Echat, einem Vororte von Baku, ist aber- mals eine 31 a p h t h a q» e l l e in Brand gerathen.— Beraulwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin,