WnterHaltungsblatt des Horwärts Nr. 214. Sonntag, den 31. Oktober. 1897. tNachdriill verboten. Dev Nonrnn einvv Vcvsiszmövuttg. 16 Von A. N a n c. Ins Deutsche übertragen voll Marie Ennert. „Immer noch der alte Unbengsalne," erwiderte Fouche lächelnd.„Fahren Sie fort/ sagte er, sich au Philopoemen wendend. „Wir selbst können nichts mehr durchführen. Ich habe nicht einmal mehr drei entschlossene Männer an der Hand. Wir können Ihnen nur helfen, Ihnen Mittel und Wege er- leichtern. Der Marschall, Herr, hat mich beauftragt, Ihnen zu sagen, daß er immer bereit ist." Diese Worte waren an Fouche gerichtet. „Nun," sagte Rochereuil, den Abbs fest anblickend,„ist es an uns, zu handeln." Dieser machte ein bejahendes Zeichen und der Italiener nahm das Wort: „Ich wußte das, ich wußte, was Philopoemen uns soeben bestätigt hat, und darum haben wir," sagte er, sich an Fonchö wendend,„Ihre Hilfe in Anspruch genommen. Sic müssen bedenken," fügte er mit leiser Stimme hinzu,„was mich dies gekostet hat! Aber es ist schon zu viel Blut geflossen. Die Freunde der Gleichheit sind dezimirt, und ich will unsere Elitctruppe in Paris nur dann aufs Spiel setzen, wenn alle Umstände uns günstig sind. Es muß gleichzeitig in der Armee und in Paris losgegangen iverden. Wenn Bonapart? gcstürzr und die Nachricht da ist, muß die Revolution bereits Herrin in Paris und die Regierung ohnmächtig sein. Wenn nicht, so können wir an Händen und Füßen gebunden durch die Minister und Marschälle entweder einer Regentschaft oder den Bourboneu überliefert werden. Welches ist Dein Plan, Rochereuil?" „Sehr einfach der: wir sind hier zehn. Dn kennst uns alle, Michel. Der Abbe, ich und drei andere reisen zur Armee ab. Fünf sind genug. Alles ist in Ordnung: die Pässe und Verkleidnngen sind bereit, die Wagen auch, denn wir werden auf zivei verschiedenen Wegen reisen und uns mit dem Abbö erst dort unten treffen. Unsere Maßregeln sind getroffen, so daß wir unterwegs keinen Anfenthalc haben. Von zehn bleiben dann noch fünf; diese werden Degrange »nd die Bande Rovigo's beschästigen. Sic werden zn gleicher Zeit wie wir abreisen, aber nachdem sie Sorge getragen haben, daß die Polizei ihrer Spur folgt. Einige Meilen von Poiliers entferlit müssen sie sich abfassen lassen. Degrange wird beruhigt sein, er wird Verhöre anstellen, die Betreffenden ein- ander gegenüber stellen. Inzwischen haben wir dieses beiße Pflaster binlcr uns und sind am Ziele augekoininen. Nun, und das Ucdrige ist Ihre Sache, mein Herr," wandte er sich an Fonch«.„Sie haben Garantiecn in Händen. Sind Sie sicher, daß der Marschall uns aufnehmen wird?" „Ja, er wird Sie empfangen, er wird Ihnen die Mittel verschaffen, bis ins Hauptquartier vorzudringen. Einer Jbrer Freunde übrigens, der, den Sie Decins nennen, wird Dienst haben. Es ist nöthig, daß Ihre Ankunft mit dem Beginn des Wachldienftes seines Bataillons zusammentrifft; es wäre gefährlich, wenn nicht zur selben Stunde gehandelt würde. Wir dürfen nichts dem Zufall überlassen." Rochereuil verneigte sich. „Jetzt zn Dir," sagte er zn dem Italiener. „Ein Wort zuerst!" antwortete dieser.„Nimmst Du Deinen Bruder mit?" „Nein, er wird uns hier nützlicher sein. Und dann habe ich nicht den Muth, auch sein Leben aufs Spiel zu setzen. Die arme Mutter!..." Er blieb einen Augenblick in Gedanken verloren. Der Italiener begann: „In dieser Stunde", sagte er,„giebt es keinen wahrhaften Republikaner, der nicht Verschwörer ist oder wenigstens nahe daran ist, es zn iverden. Allein von nichts kommt nichts, Revolutionen ebenso wenig wie andere Dinge. Gelübde und unbestimmte Wünsche genügen nicht, um eine Regierung zn zerstören. Wenn Bonaparte kalt gestellt ist, so ist das viel, aber nicht alles. Die Freunde der .Revolution nnd der Gleichheit können am nächsten Tage ebenso unglücklich, ebenso geknechtet sein wie am Tage vorher. Die Royalisten spielen Jntriguen und sind bereit, sich der Herrschast zn bemächtigen. An uns ist es, sie ohnmächtig nnd uns zu Herren der Situation zu machen. Ich habe also die Sektionen der Gesellschaft zur That organisirc. Wir verfügen über zweitausend Mann, die in Centurien und Dcknricn eingetbcilt sind. Jeder Mann kennt nur die zehn Mitglieder seiner Deknrie und den Dekurio. Die Dekuri'onen nnd Centnrionen kenneu sich gegenseitig. So organisirt, ist die Verbindung vor der Polizei sicher. Dazu kommt, daß eine Deknrie oder Centnrie, wenn ihr Führer sich als Verräther erweist, sofort aufgelöst werden kann. Selbst wenn sich ein Verräther in den obersten Rath einschleichen sollte, so könnte er nichts anfangen. Denn der Rath steht in keiner Verbindung mit den Sektionären. Ich allein bin der Vermittler. Wenn ich sterbe oder verhastet werde, werde ich sofort durch ein Mitglied ersetzt, das die mechanische Einthcilnng unserer Kampftruppen genau kennt. Dreimal bereits habe ich über unsere Leute Revue ab- gehalten. Ter Befehl kam von mir an die Centnrionen, von den Centnrionen an die Deknrionen, von den Deknrioncn an die Sektionsmitglieder. Jede Deknrie tritt an dem ihr bestimmten Orte zusammen. Die Mannschaften wiffen nicht, weshalb sie einberufen werden, ob eine Inspektion statt- findet oder ob es zur That bereit sein heißt. Wir haben weder Listen noch Korrespondenzen. Es giebt auch keine Korrespondenz zwischen dem obersten Rath und den Sektionsfnhrern. Wir haben seinerzeit im Foreal*) gesehen, welche Unzuträglichkeiten daraus hervorgingen. Die Befehle werden von Mann zn Mann verbreitet selbst die Propaganda geschieht mündlich. Ich gebe Ihnen diese Erklärungen, damit Sic gewiß seien, daß die Polizei uns nicht in den Weg kommen kann. Selbst im Falle der Auf- lösnng einer Centnrie können nicht einmal alle Mitglieder derselben verhaftet iverden." „Haben Sic Waffen?" fragte Fonchö. „Ja, die Centnrionen und Deknrioncn sind vorschrifts- mäßig bewaffnet; viele Sektionsmitglieder ebenfalls. In jedem Arroudissement habe ich außerdem eine Waffemiiedertage, die ich allein kenne." „Wir müssen alles vorsehen! Wenn Sie nun verhaftet, gctödret oder krank werden?" »Ich sagte es Ihnen bereits. In diesem Falle ist mein Ersatzmann bereit, ein Mann, der, um nicht beargwöhnt zu werde», scheinbar kein Mitglied der Verbindung ist. Wenn mir ein Unglück zustoßen sollie, so würde er die einzelnen Vorschriften, die er braucht, in einem chifsrirten Heft finden, das ich ihm übergeben habe. Nur er hat den Schlüssel dazu." Fonchö machte ein bejahendes Zeichen, dann begann er: „Was weiß Rovigo von Ihrer Organisation?" „Weniger als. Sie selbst wissen, mein Herr," erwiderte der Italiener lächelnd.„Wir haben noch keinen Verräther unter uns gehabt; nur ein charakterschwacher Mensch nnd ein Schwätzer haben geplaudert. Zwei Tcknrien sind daraufhin überwacht worden; wir haben sie sofort ausgelöst. Der Gcneral-Polizeiminister weiß im großen und ganzen, daß wir existiren nnd bat auch eine unklare Idee von der Einrichtung unserer Organisation. Was thut's? Wenn Rovigo und Des- wärest gehört hätten, was ich Ihnen eben gesagt habe, so würden sie auch noch nicht weiter sein. Durch die Form unserer Verbindung sind wir unfaßbar." „Mag sein. � Wie denken Sie vorzugehen?" „An dem festgesetzten Tage— wir werden gleich sehen, ob ich zugleich mit Dir, Rochereuil, marschiren oder Nachrichten von der Armee abwarten soll— an dem festgesetzten Tage werden die Sektionsmitglieder zusammen gerufen. Wenn wir Revue abgehalten haben, fehlten niemals mehr als hundert bis hnndertundfüufzig Mitglieder. Ich vervierfache die Zahl nnd nehme an, daß dieses Mal vierhundert Mann beim Appell nicht zur Stelle sein werden; dann bleiben uns noch sechszehnhnndert. Hören Sie mir jetzt genau zu: Ich glaube— selbst wenn Bonaparte beseitigt ist— nicht an das Gelingen eines einfachen Handstreiches. Ich hatte zuerst daran gedacht, das Stadthaus zu nehmen, ivas ziemlich leicht ist, dort die ') Floröal, eigentlich Blüthenmonat, ein Monat des französischen Nevolulionzkatenders vom 20. April bis 19. Mai. revolutionäre Negicrung zu koustitniren, einen Aufruf an das Volk zu richten, dann uns so lange, bis die Vorstädte sich er- heben, im Stadtlianse zu vcrtheidigen, wenn wir angegriffen werden. Aber wird das Volk unserem Ausruf sofort folgen? Werden die Vorstädte sich erheben? Wer weiß das? Drei- zehn Jahre laug ist Paris nun an den Gehorsam gewöhnt. Nur in wenigen auserlesenen Herzen lodert die revolutionäre Flamme noch. Diese Elitetrnppe dürfen wir aber in einem vielleicht verfrühten Kampfe nicht opfern. Das heilige Feuer des Patriotismus muß wieder angefacht, Paris seiner revolutionären Bestimmung zurückgegeben werden, die Vor- städte müssen zum Bewußtsein ihrer Macht gelangen. Was haben wir also zu thun, da das Volk ohnmächtig ist? Wir haben unsere Feinde noch ohmnächtiger zu machen, die Behörden in die Unmöglichkeit des Handelns zu versetzen, die Räder der Regiernugsmaschine zu zertrümmeru. Kurz, Paris muß eines Morgens sich selbst wieder gegeben er- wachen, und wir brauchen zwei oder drei Tage, um die Re- volution zu organisireu. Hier mein Plan: Die vorher benachrichtigten Centuriouen und Tcknrionen berufen die Sektionsmitglieder zu einer nächtlichen Revue zu- sammen. Dergleichen ist schon vorgekommen. Um 11 Uhr ist jeder aus seinem Posten, um ll'/s Uhr fangen wir an. Vier Centnrien gehen auf die Zentralpuukte los; die eine auf das General- Polizeimiuisterium, die andere auf die Präfektur, die dritte auf das Stadtkommando, die vierte auf das Ministerium des Innern. Uni uns nicht zu zersplittern, lassen wir das Kriegs- Ministerium bei feite. Ohne das Stadtkommando ist dieses Ministerium ohnmächtig. Ich selbst werde in das Ministerium des Innern gehen, nicht weil Montalivct etwa besonders zu fürchten ist, sondern weil uothwcndigerweise an den Telegrapheil- bcamteu Haiid angelegt werden muß. Diese vier überraschenden Angriffe werden sicher gelingen, denn es handelt sich nicht darum, uns im Ministerium, der Präfektur oder dem Stadtkommaudo zuhalten, sondern darum, uns des Ministers, des Polizeipräsekten, ihrer hauptsächlichsten Beamten, des General-Platzkommandantcn uild seiner Offiziere zn bemächtigen. Der Befehl wird sogar dahin lauten, daß alle sich so bald wie möglich mit den Gefangenen nach deni Stadthanse zu begeben haben, Ivo der allgemeine Treffpunkt ist. Ich selbst werde bis Tagesanbruch im Ministerium des Innern bleiben. Bevor ich es verlasse, werdc ich eine Depesche an die Prüfektcn und Bürgermeister des Kaiserreichs schicken. Sie müssen unsere treuen Bundesgenossen werden. Während vier Centnrien ans diese Art beschäftigt sind, werden zwölf Trupps von je zehn Mann eine schwierige Ans- gäbe zu erfüllen haben, die viel Geschicklichkeit erfordert. Es handelt sich darum, die Polizeikommissare der zwölf Aron- disscments zu Hause im Bett zn verhasten. Ich habe selbst dazu hnildertundzivaiizig Mann einzeln ausgesucht, dencir ich diese Aufgabe bestimmt habe. Ich habe auch die zivölf Dekürionen ausgewählt, welche die kleinen Trupps zu bc- fehligen haben." „Vortrefflich!" unterbrach ihn Fouche.„Aber hundert- zwanzig anserwählte Männer, von denen immer je zehn für sich, d. h. fast isolirt arbeiten, ohne daß sie wissen, was um sie her vorgeht,— hundertzwanzig Mann, die sich verloren geben müssen, wenn sie losgehen, die ohne weitere Erläuterung gerade auf ihr Ziel zu marschiren und nicht fürchten, geopfert zu werden, sind sehr schwer zn finden. Es ist Ihnen ge- lungen. Ich glaube es, da Sie es sagen. Aber haben Sie sich auch gegen Verrath, tzegcn Feigheit gesichert?" „Ja. Wenn die elf Mann einmal beisammen sind, so wird einer den anderen überwachen. Der Dekurio wird kein Sekliousmitglicd sich entfernen lassen, und die Sektious- mitglieder wiederum haben Befehl, den Dekurio zn tüdten, wenn er sie verlassen will, und wäre es auch nur auf eiiie Minute. Das ist übrigens allgemeiner Befehl. Sobald die Sektionen zusammengetreten sind, ist jeder, der seinen Posten verläßt und sich von seinen Kameraden trennt, ein Verräther und abermals ein Verräther." „Sie haben auf alles und jedes eine Autwort, lieber Philipp." Bei dem Namen Philipp erhob der als Fährmann ver- kleidete Offizier lebhaft den Kops. (Jortsehimg folgt) SonnkAgspIcmvoLei. Wie kam es nur, daß Herr Dr. Neinhold zum Professor an der Berliner Universität gemacht wurde? Wer hat den neuesten „Wolkenbeschwörer" ans einen so auffälligen Platz gehoben? Ihn. dem der ganze Sozialismus wie ein düsteres Gewölke erscheint, das aber vor den Blicken des heiteren Siegers, vor dem energischeil Willen zur Macht sich zertheilt? Das mochte so mancher in der jüngsten Zeit gefragt haben, und es ist vielleicht nicht einmal so viel Erstaunliches dabei. Wodurch Herr Neinhold äußerlich gefördert wurde, sei hier bei Seite geschoben. Sicher ist, daß eine gewisse, prosessorale Art in ihm selber lebt. Neben dem Typus des trockenen Gelehrten nach Art von Faustciis Famulus Wagner gab es immer in deutschen Landen(und auch anderswo) den Typus des Professors, dessen Esprit schöngeistiger Natur in allen Farben schillert. Biel Empfind- samkeit, mitunter ein cynischer Seitensprung und vor allein die Fähigkeit, eine abgestandene Trivialität in eine möglichst bizarre Form zu kleiden, kennzeichnen diese lehrhaft prosessorale Manier. Solcher Scheingeist kann zn Zeiten verblüffen; man behauptet irgend eine platte Anschauung; und uni sie zu stützen, umnebelt man die Sinne des Hörers mit einem Brimborium feierlicher Aussprüche, von denen einer den anderen aufhebt. Aber das th»t nichts; der Schwall betäubt; aufs Einlullen kommt es an. Oder man reitet auf seinem Steckenpferd und bildet sich ein: Im Hui giugs nach den» Monde. Ein Musterbeispiel für diese ivirre Weise, die durch sprunghaften. bunt schillernde» Esprit fesseln will, haben»vir in Deutschland vor nicht langer Zeil erlebt, als das merkwürdige„Neinbrandt als Er- zieher" erschienen war. Dies Buch ist. was gerne zugegeben sei, innerlich reicher und lebendiger, als die Antrittsvorlesung des Herrn Reinhold>var. Zlbcr es herrscht ähnliche geistige Methode in ihm; und daß es durch bizarre Behauptungen verblüffte, das machte seinen erstaunlichen Erfolg aus. Sein ernstes literarisches Werk halle je bei uns so viel Aushebens verursacht, als das geistreicheliide Schaukelspiel des niederdeutschen NembrandlverehrerS.„Rembrandt als Erzieher" ivurde zum Schlagwort geprägt. Man berauschte sich in»vohlfeiler Kuust-Ekstase, bewunderte den niederdeutschen Mustermann, wie man Nietzsche's Uebermenschen angebetet hatte, und beklagte in»vehmüthigen Seufzern die geschichtliche Entwicklung, die der oberdeutsche» Sprache und Art den literar geistigen Sieg ver- schafft hatte. Wenige Jahre sind vergangen, und heute ist das paradoxe, bunt- schillernde Werk eines Mannes, der aus einem Steckenpferde einher- ritt und eine Welt zu erobert» verineinte, vergessen. Vielleicht wird bettle»och ii» einer stillen Leihbibliothek von Malchin oder Ö.llakenbrück ein Liebhaber im„Rembrandt als Erzieher" herum- stöber», sein Flackerleben ist dennoch erloschen. Verronnen,»vre eine glitzernde Seiseublase verrinnt! Nicht die strenge Denkthätigkeit zn beschästigen, sondern das Gefühl bald hierhin, bald dorthin z» lenken, das versucht auch Herr Reinhold in seiner prosessoralcn Manier. Sein„Bildchen- malen" erinnert manchmal an die bekannte Karikatur in den „Fliegenden Blättern". Ein armes Jüdchen konnut zum Herr» jiouiinerzienrath und schildert seinen Jammec. Der Kommerzienrath zerfließt in Thräne», ruft seine Diener herbei und sagt:„Schmeißt ihn heraus, den Jtzig. er zerfleischt»nein Herz!" So»veiß auch Prof. Neinhold die thränenreiche Rührung über die Roth dieser buck- lige» Welt mit dem Sinn der Weltkiuder zu verbinde». Ja, es ist grausai». schluchzt er, was ei» Theil uuserer Mitmenschen zn dulden hat. Es zermartert unsere Seelen; aber die gemarterten Seele» müssen sich ausrichten, da hilft keine Sentimentalität weiter, und sich nicht vom Mitleid niederbeugen lassen. Wer einmal Herr ist, bleibe Herr, darum: Schmeißt ihn hinaus, den Sozialismus, er bedrückt mein iveiches Geiuülh! Es steckt ei» gutes Stück von nationalliberalem Wesen in der prosesforalen Art deS Herrn Neinhold; von jenem Wesen, dessen man endlich selbst im Bädischc» überdrüssig wird. Man macht seine Verbeugung vor dem Erust und der Größe, die in» Sozialismus steckt. Ohne Zivcisel ist ein erhebender Grundgedanke vorhanden, aber die cynische Welt ist stärker und muß stärker sein, als leider unsere edle Empfindung ist, sagt der Professor. Dies„ohne Zweifel" mit dem darauf folgende»„aber" ,st so charakleristisch für die nationalliberale Welt, die jetzt versinkt. Seil Jahrzehnten hat sie mit dem„ohne Zweifel" und„aber gcwirlhschastet. Als in Karlsruhe, das heule den Nalionalliberale» entwunden ist, die Brüsewitzerei alle Gemüther aufgeregt hatte, konnte man dem ohne Zweifel und aber in allen Formen begegnen. Ohne Zweifel, so hieß es, sind Vorkommnisse,»vie die Brüsewitzerei, häßlich; aber man müßte sich bei dein Gedanken beruhige», das höhere soldatische Interesse lege dem Bürger auch u»bcquei»e Opfer auf. Jedes Niederducke», jedes Unrechtleideii ivurde mit dein verhüngniß- vollcii„ohne Ziveiscl— aber.." eingeleitet. Wohin das geführt, im Miisterläudle begiuirt man es einzusehen. Es hat die»veiche und answcicheude uationalliberale Weise auch die Deutschen im Nachbarland Oesterreich vor ein Verhängniß gedrängt. Die stürmischen Parlamentsszene» in Oeslerreich, die auf dem Weltschauplatz bisher nirgendwo noch Überbote»»verde»», sind nur eine Folgeerscheinung alter Sünden. Einst»vnr man»vohlfrisirt, nationalliberal. und heute»»»»ß man sich zum ruppigsten Radau be- quemen. Einst»vehrte man jede oppositionelle Energie mit dein vorsichtigen: Ihr seid jn ohne Zweifel im Necht, aber schonet dynastische Empfindlichkeite», schont alles möglickie i» der Well! Und beule lehrt die Roth dieselbe» sanften Lente murren nud lärme»»nd fluchen. Beinahe möchte es scdeincn, als ob man ini allzeit sanguinische», hoffnnngsdnselige» Deutsch- Oeslerreich die lliolh iviederuni zu einer Tugend, die Ruppigkeit zn einer Größe stenipeln wollte. Dann wird der temperamentvollste Radaumacher zum bewunderten Helden, und die Gefahr steigt, daß man die Harle schweigsame Arbeit im Kamps untersckäht. Ein parlamentarischer Neuling. Herr Lecher, hat im Wiener Parlament das Kunststück fcriig gebracht, zwölf Ctunde» lang ununterbrochen aus der Rednerlribiuie z» stehen und zu sprechen, und das unter beispiellose», Lärme» auf der rechten und linken Seile des Hauses. Man hat ihn, wie in den Tele- grammen stand, mit einem Lorbeerkranz geehrt, wie einen Helden. der Badeni's ivider-parlnmentarische Vcnvaltinigspolitik niedergezwungen hat. Was Lecher gelha», ist eine Leistung von körperlicher Ausdauer, die allen Respekt verdient. Aber am Ende sollte man mit dem Lorbeer doch spärlicher umgehen. Selbst im so»»erquick- lichen österreichischen Parlament wird zu», Schluß die Entscheidung im Kampf mit geistigen Waffen herbeigeführt. Vielleicht wird gegen die Deutschen eine absolutistische Faust sich emporrecken und da werden sie auf ganz andere Kampsiuillel sinnen müsse»; da wird der nationalistisch hochinülhigs VrüllhanS wohl ganz anders eingeschätzt werden, als heute, vorausgesetzt daß die Deutschen Oesterreichs sich wirklich als Bermitller und Vertreter moderner Kultur bewähren wolle». Es ist kläglich genug, wie in Oesterreich unter der nationalen Vergewaltigungspolilik die sozialpolitischen Auf- gaben leiden. Jn der vorjährigen Kairo-Nusstellnng zn Treptow brüllten die braunen', egyplischen Zuckerwaare»- Händler ihr immerwährendes: Billig, billig, billig, daß de» Besuchern die Ohren gellten. Damit bei uns die sozialpolitischen Aufgaben nicht verkümmern, fand sich ein gemischtes Komitee zusammen. das am 13. und Ii. November bei uns in Berlin. im Bürgersaale des Rathhauses sogar eine» Kongreß für Volksuuterhaltung abhalten will. Ein seltsam gemischtes Komitee ist es wohl, der Ideologe Egidy marschirt neben dem Direktor Grube vom Hofiheater. der Reimschmied Schmidl-Cabauis neben Frau Jennnelte Schirerin von der„Ethischei, Kultur".(Merkwürdigerweise fehlt Frau Lina Morgenstern.) Allein, in dein Einen vereinigen sich die alliirte» Brüder und Schwestern. Sie schreien süßes, sozialistische« Backwerk fürs Volk aus, und in schrillen Klängen ertönt es:„Billig, billig, billig!" Genau wie bei den Egypten» auf der Gewerde- Ausstellung. DaL sind andere Wolkenbeschwörer als Professor Reinhold. Sie wollen das düstere Gewölke mit der Heiterkeit, mit lieber Vergnüglichkeit zertheile»; sie sind überzeugt. daß„die Sorge um das leibliche Wohl die Pflichten gegen die ivirlh- schastlich Schwächeren nicht erschöpft, daß es vielmehr eine gleich wichtige und gleich edle Aufgabe sei, dem Bedürfniß von Hundert- tauscuden nach Bildung und geistiger Anregung nachzukommen". Universitätslehrer, Pädagogen, Mitglieder städtischer Ver- waltungen heran! So kann man im Ausruf lesen. Also soll der iveise Professor und ver Schulmeister wiederum voranmarschiren. Sie wissen ja das soziale Weh der Menge am beste» zu kuriren. Nun kann es nicht mehr fehlen, ,ve»n die gelehrten Häuser sich anschicken, dem Volk die verlorene Heiterkeit wieder- zuerobern; und Heiterkeit schafft zufriedene Lente. Darum ans zum fröhlichen Tage», das Volk will nuiüsirt sein, das Komitee rührt die Trommel. Wir schaffen ench das Ainüseineut. und dabei erhebt sich, was die Hauptsache ist, der Länu der neue» Volksbeglücker: Billig. billig, billig!__ Alpha. Liitoines Feuilleton. — h.— Der letzte Zug. In dem Schalterraum unter dem Stadtbahnbogen flimmert eine dicke Luft. Selten geht ei» Fahrgast die ausgetretcuen Stusen ziii» Bahnsteig am Alexandcrplatz hinauf, aus dem nur ivcnige Leute stehe». Eine alte Waschfrau sitzt auf einer Bank, am Dieustbäuscheu segt ei» Beamler den Bahnsteig mit einei» laugen Besen. Kleine Staubwolken fliegen vor ihm her. Jn dem toinicnartigc» Geivölbe, in dem die Eisengerüste zart und doch fest emporkletler». hört ina» unr das Kratze» des Besens. Die leeren RSimie der Großstadt machen so müde--- Ucber allem liegt Licht,— viel weißes, enthüllendes Licht von den eleklrischeu Kugeln. Ei» taklmäßiges Rollen, ein rallerndes Schlagen, dann ein Röcheln und Puffen, zwei arellgelbe Augen mit einem rothglüheilden Rauchschweif. Der Zug fährt ans der anderen Seite ein, den» es ist ei» Fernzug. Wie das in der hohe» Halle dröhnt und schallt! Wieder ei» taktmäßiges Rolle». blendende Lichler. Fauchend fäbrt ei» Stadlbahnzug ein und hält knarrend; Thüren klappen, der Zug fährt an. Ueber Etraßen ,veg. durch das veraltete finstere Zentrum; nur wenige helle Hochbauten zwischen niedrigen, dunklen Gebäuden vergangener Geschlechter. Drüben ragt der grüne, weißbeleuchtete Kirchthnrm auf. Der Mond steht hell und voll über ihm. Bahnhof„Börse". Thüren klappen— weiter. Breite Straße», große Bauten. Die Nationalgallerie mit dem Neiterstandbild davor sieht aus wie der Spiel, vagen eineS Riesenkindes.— Hü. Pferdchcii. hü! Schwarze, glänzende Wasserläufe, auf denen sich die spiegelnden Laternenlichter wie Licht- schlangen ringeln. Wieder stille Straßen, tobte Häuser. Einzeln- Fenster sind gelbroth erleuchtet; das einzige, was aus Leben deutet. Jetzt kommt die helle Friednchslraße. Jn ihr schieben sich noch viele Menschc» durcheinander; Mensche», die die Sucht nach Vergnügeil »nd Zerstrennng noch nicht zur Ruhe koimnen läßt. Wieder Halt. In die Wagen drängt eine ganze Menge Fahrgäste, Thürenschlage», der Zug fährt an. Zwei junge Herren kommeil angeeilt, springen auf das Trittbrett»nd kommen unter Lachen in das Wagenabtheil. Sie finde» noch Platz neben mehrere» jungen Genußbürgerii, diebicr- müde ihre Auge» schließe». Mehrere Herren rauchen noch. Der Ranch mischt sich mit dem Alkoholdimft, dcr den Schlafsiiden aus dem Munde strömt. Es geht nochmals über dnnkles Waffer und durch Häuserzüge. Jenseits glänzt die goldene Kuppel des Reichstags. gebäildcs. Zwei Eisenarbeiter, knochig, zäh, in geschwärzler, fettiger Kleidung, die von einer Versammlung koimnen. fange» an zn dis- lutire». Einige der junge» Herren blicken neugierig ans, als sie die Worte: Streik— Rechte— Solidarität höre». Der dicke Händler, der den Arbeitern gegenüber sitzt, nickt mit geschlossenen Augen vor sich hin. Seine feiten Hände, an denen dicke Ringe leiichtcn, liege» auf den runden Schenkeln. Die jungen Herren schließen schlaf- trunken wieder die Augen und leisten ihm Gesellschaft. Die Arbeiter reden weiter, die anderen schlafen, schlafen-- * Literarisches. — Manuel Schnitzer:„ Drillich« n er LebcnS- laufe". Berlin 1897. Friedrich Schirmer.— Charakterzeichnnnge» eines Fenilletoniste», dein es hauptsächlich auf de» scharfen Umriß seiner Figuren ankommt. Alle diese Originale aus dein galizischen Jndenstädtchen sind mit scharfen Augen gesehen»nd mit spitzer Feder abkonterfeit worden. Die Vortragsweise ist fließend, an Witz n»d kluge» Bemerkungen fehlt es nicht. Doch erscheint es uns, als wäre» alle diese Personen allznschr verstandesiliäßig erfaßt, ihre Gesichter werden nur von einer Seile beleuchtet, und so stellt sich beim Lesen das Gefühl ei», daß der Autor mit seine» Figuren spiele. Das beste Stück der Sainmlnng deucht inis„Seine Mitgift" zu fein. Der junge, von Gesiindheil und Faulheit strotzende Schnorrer ist prächtig herausgeko»»»e». Die Blüthezeit der Wiener Fellilletoiiisten- schule ist wohl vorbei. Der Geschmack von heute verlangt, ganze Menschen zn sehen, nicht Silhouelten, und wenn diese auch mit»och so großer Knust und Geduld angefertigt worden sind.— Theater. Im Neuen Theater hat als Oswald iu Jbsen's„ G e- s p e n st e r n" am Freitag ver Italiener Ermete Z a c c o n i sich dem Berliner Publikum vorgestellt. Es ist von hier aus nicht leicht, nach den verwirrenden Reklanie», die de,» Gastspiel von Zacconi's Truppe vorausgingen, zn be- urtheile», ivas Herr Zacconi in seiner Heimath gilt. Wahrheit und Ucbcrlreibung fließen da durcheinander. Jedenfalls tritt Zacconi bei uns mit der Absicht auf, sich als Haupt der„verislischen Schauspieler" zu präsentiren. Als solcher wurde er in Wien und Pest erst neulich gefeiert.„Beristen" nannten sich in Italien zunächst die Schriftsteller und Komponisten, die, ähnlich wie unsere künstlerische Jugend vor mehreren Jahren, strenge Wahrheit, strikte Naturlreue ans ihr Programm schrieben. Herr Zacconi war übel beralhen, als er in Berlin in Jbsen's „Gespenstern" zum ersten Male austrat, oder es fällt auf seine» sogenannte»„Verismus", ans seine Wahrheitsdarstellung, ein schiefes Licht. Jn Oswald's Krankheit gipfelt Jbsen's tragischer Aufbau nicht; an Frau Alwing erfüllt sich ein lragisches Geschick; das KrankheitSbild Oswald's ist ein episodisches Mittel, das sollten heute auch die ganz Philiströsen schon einsehe». Gewissenhafte Psychiater und Naiurkniidige haben längst erkannt, was Ibsen an dem Para- lytiker Osivald i» unrichtigen Zügen gezeichnet hat. Nur soll man voi» Dichter nichts allzu Kleiniiches verlangen. Im Wesentlichen. im Großen bleibt es wahr, daß die Sünden der Väter an de» Kindern heimgesucht werden. Nun konimt ein Schauspieler und sagt: ich entwersc das richtige. das einzig wahre 5kra»khcilsbild dieses Osivald. Wer will ihn konirolliren als etwa eine Bersaininlilng erfahrener Psychiater? Wie dieser Oswald von vornherein den Eindruck eines jäh verfallenden Menschen niacht, wie er mit offenem Maude nach den Worten zn schnappen scheint, wie er ans Apathie in krnnipfhafte Erregnngen verfällt, wie seine Jillelligenz gänzlich verblödet mid im Lallen erlischt, das ist ein Virtnosenstück Zacconi's, iiianchmal schreckhaft, aber doch niemals ergreifend. Es ist eine pathologische Studie, kein tragisches Menschenschicksal. Es fällt aus die Nerve» und greiit nicht an die Seele. Derlei kann stellenweise grausig wirken, nie de» Eindruck von Größe mache». Kann Zacconi nur das zerstörte Menschenbild veranschaulichen, so hat er eben ein rassiiiirtcS»iniststück gelernt, aber nicht schauspielerische Kmist im großen, persönlichen Stil geübt. Ei» klinisches Bild, so nnrnhig es erscheine, ist noch lange nicht das Bild bewegter menschlicher Leiden- schaft. Als künstlerische Person hat Zaceoni bisher nicht zn uns ge» sprachen; es ist vielleicht vorschnell geurlheilt, anzniiehmen, daß er das überhaupt nicht kann. Man muß eine tragende Rolle von ihm abwarten.— Musik. — er—. Konzerte. Eine langjährige Bühnenthätigkeit hat dem Baritoiiistcn Karl Mayer genügende Mittel übrig gelassen, um ans dein Konzertpodium selbst in rein stimmlicher Beziehung noch erfreuliche Wirkungen zu erzielen. Das i» veriiünsliger Schule herangezogene Organ, das selbst über die eng begrenzte Höhe hinweg riite sehr geschickte Steigerungsfähigkeit entwickeln veriimg, besitzt besonders für de» Ausdruck inniger Zartheit Warme und Poesie, so daß beispielsweise Schumanu's„Nußdaum", Lowe's„Mädchen sind wie der Wind" und Zninpe's„Begrabe nur Dein Liebstes" im nollen Werthe ihres musikalisch- seelische» Gehaltes erklangen. Andererseils brachte die kluge und wünschenSwerthe Ab- ficht, die dekorativen Akzente der Bühne vom Lieder- und Balladenvortrag fern zu halte», den Sänger in Gefahr, die akademische Ruhe des Konzertvortrages i» philiströse Physiognomietosigkeit zu verwandeln. Brahins' vier ernste Gesänge, die in ihrer grübelnden Düsterkeit so charakteristische Lebensabschiedsgabe des Meisters, ließ in der Wiedergabe Mayer's nicht Geist vom gleichen Geiste hören. In seltenem Feingefühle für Stimmungskraft wußte Dr. W ü l l» e r an seinem„Brahms-Abend" die pessimistische Daseinsabsage dieser vier Tongedichte in eine Art schwärmerischer Todessehnsucht auszulösen. Dieser seltsame Künstler, welcher bisher mit den widerliche» Mittelchen eines jämmerliche» Komödiantengeschmackes auf dem Podium tragirte und daher für sehr „inleressant" genommen wurde, sängt an. ganz prosaisch singen z» lernen und der Musik ihr Recht zu gewähre». Die Tenorstimnie Dr. Wüllner's, der aus eiue»i meininAische» Schauspieler ein uieiningischer Sänger posirender Gattung wiirde, ist nicht für starke Leidenschaftsergüsse geschaffen und auch nicht zur Beherrschung großer Räume. Aber es lebt in ihr eine energische geistige Größe, echtes Temperament und musikalische Wahrheit. Die Gesangskunst, welcher Dr. Wüllner seine uugewöhnlichen Gabe» dienstbar mache» will, steht zwar heute»och im Banne einer sehr primiliven Technik, aber sie ver- mochte schon jetzt jenen geschminkten Vortrag zu kläre», welcher ge- schmackschrliche Leute an Herrn Wüllner's künstlerischer Gesundung zweifeln ließ. Auf einige unverwelkliche Schätze von Schubert und Jensen griff au ihrem Liederabend Frau L i l i Lehman» zurück und bewies. daß eine bedeutende Bühnensäugerin sich auch die für die intime Kunst des Konzertgesanges erforderliche» Tugenden erwerben und erhalten kann. Schuberts«Junge Nonne" und„ülve Maria" können kaum mit weihevollerer Innigkeit, Jensen's„Dolorosa" nicht mit einem feineren Hauch duftiger Romantik ertönen. Einigen lyrischen Spielzeugs von Bungert nahm sich Frau Lehmann mehr aus künstlerischer Pathengüte, als aus Rücksicht ans den Werth dieser prätentiösen Salonnichtigkeite» an.— Aus den Reibe» der Justrumentalkünstler erschien i» dieser Woche nur ei» be- deutender: der Geiger Pe t sch» i k o f. Man kennt seine» süße» und klaren Ton, seine glänzende und unfehlbare Virtuosität. Sein Programni, altklassische Name» wie Bach, Locatclli und Biber e»t> haltend, schritt diesmal i» historischer Feierlichkeit daher; in einige» langsamen Sätzen erklang sei» Jnftrnment im prachtvollen Gesänge, den Allegro-Theilen war der Glanz moderner Technik angefirnißt worden. Am Klavier saß Fräulein P an th ö s. deren sonst so feuriges Temperament von der historischen üllhmosphäre bis zur Langweile beklemmt wurde und dem etwas spröde» Stoff gegenüber auregungslos verblieb.— Ans dem Thierlebe«. — Die Dasselmaden, die Larven der Bremsen und Dassel- fliegen, leben als Schmarotzer in der Nasen- und Rachenhöhle oder unter der Haut des Roth- und Rehwildes. Bis zu welchen» Grad sich diese Plage steigern kann, das lernte Oberforstralh Dr. Fürst, Direktor der Forstlehranstalt Aschaffenburg, an der Decke eines Schmallhieres kennen, das eingegangen der Forsllehraustalt Aschaffenburg eingesandt wurde. Auf beiden Seiten des Rückgrates, vom Blatt bis zum Weideloch, lagen hunderte großer Dasselbeule», jede etwa von der Größe einer Eichel und mit einer Larve besetzt. Eine Zählung der Beulen ergab annähernd 800 Stück. Man kann sich also einen Begriff machen, ivas das arm» Thier von feinen Peinigern gelitten hat, ja es ist sehr wahrscheinlich, daß es infolge dieser übermäßigen Besetzung zu gründe gegange» ist.— Astronomisches. ie. 31 u f ein für die H i m m e l s k u n d e noch nicht dagewesenes Ereigniß macht der bekannte Astronom der Lick-Sternwarte in Kalifornien. Professor Barnard. in der neuesten Nummer der„Astronomischen Nachrichten" aufmerksam. Dieser 3Istrono»i fand nämlich bei dem Vergleich von früheren Kometen- beobachtungen, daß im Jahre l6Sö ein Komet und im Jahre 1887 ein anderer Komet beinahe genau an derselben Stelle des Himmels gestanden hatten, so daß Barnard, um ihre Helligkeit zu bestimmen, sie unbewußt mit ein und demselben Sterne in ihrer unmittelbaren Nähe verglich. Erst jetzt hat Barnard diese Thatsache znfällig entdeckt und weist darauf hi», daß sie in der Geschichte der Astronomie ein Novum sei. Dem Laien, wird zunächst ein solches Zusanimenlreffen ziemlich gering- fügig erscheinen, in der That muß es aber als ein höchst sellener Fall bezeichnet werden, daß bei der geringen Zahl bekannter Kometen »m Verhältnib zu dem großen Räume des Himmelsgewölbes zwei Kometen einmal genau dieselbe Stelle des Himmels durchkreuzen. Der erste dieser beiden Kometen war der von Wiunecke im Jahre 1386 entdeckte, der zweite war von Barnard selbst 1337 auf- gesunde».— Technisches. — Versuche mit Schien engeleisen auf der Chaussee hat man im Altenlaude(Kreis Jork) schon vor mehreren Jahren gemacht. Jetzt sollen die Geleise, die ursprünglich nur für eine kurze Strecke zum Zwecke eines Versuches gelegt waren, demnächst von Hollern bis Stade gebaut werden. Zur Verwendung kommen zwei'Arten von Schienen. Hohlschienen, deren oblongarliger Hohlranni mit Ziegeln ausgefüllt und ausgemauert wird, so daß also der Eisentheil, auf dem die Wagen fahren, eigentlich nur durch eine dünne Platte gebildet wird, und Vollschienen, nach'Art der Eisenbahnschienen, nur von leichterer Konstruktion. Während letztere in der gewöhnlichen Weise verbunden und vernietet werden, dient zur Verbindung der ersteren eine Art von kurzem vier- kantigem Zylinder, der in die Enden der Hohlschienen hinein- geschoben und mit ihnen vernietet wird. Das ganze ist wiederum ein Versuch. Es sei noch bemerkt, daß die Schienen für gewöhn» liche Wage», deren Räder keinen Radkranz haben, bestimmt sind.— Humoristisches. — Wia da Raffe r-M i ch e l O h b i t t(A b b i t t e) l eistet. Js a gnata Lapp, da Kluiba-Hiasl, a herznsgnata Lapp. Oba schrecklih begriffssiützi. Ma kon nonh sa gmüatlih mit eahm redn und in Güatn plaudern und ralhn— gwiß fasst er's falsch auf, legt er's schlecht ans. und da Vadrnß is fiali. Zan Beispiel in da nahsi Wochu. Ban Grobnwirt. wia mar'n schwarzn Schuasta hob» ghaut. Steht da Hiasl glei hintameina, und af jo und na hat er oani in da Papp», daß n die roth Snppn owa rinnt.„Äff, nngschickta!" red ihn on,'n Hiasl,„siachst as dan nit, daß ih grod zbest in der Orbar bin! Was stehst ma dan »mer asn Weg! Js s dar eppa nit recht!" sag ih in olla Güatn, weil da Hiasl mei besta Kamerad iS gwen, sid er von Militär is zrnggkeina. Er will aufbegehrn.—„Halt's Maul", red ih'n freundschostlih zua,„oder ih reiß da Dei Haxn aus und fchnieiß s in Bodn eini, daß as anssastema inüassn!" As de gnatgmoaut Red— na ja, ih hon cahms doli sag» müassn, daß er sih zrichtn woaß. an ondersmal— geht er mih klag», da Donst! Klag« gehl er mih und Hab» ollzwen d Lafferei zan Gricht. 31 so a Richla vasteht natürli ab koan Gspoaß, und hoaßt's hiaz, ih hät'n Hiasl bileidingt!„Beleidingt!" frag ih ganz daschossn,„ih? wen?'n Hiasl?" „Drohung gegen die körperliche Sicherheit!" sagt da Richla. Da mnaß ih hell anflachn.„Däs hoassns a Drohung! wo ih'n gmüatlih zuagredt hon, wia ma's in oagnen Brnada» nit bessa moau' knnl? Ja, sagt da Richta, knut ma nit helfn, inüassad mih af a par Wochn in Kotta steck», s Gsetz valongads.'Aussganomm. ih bittad cahms ob, 'n Hiasl, und er nahms on.„Ohbitln", sog ih.„drum is er mir ah nod nit foal, weil ih gern in Fried» und Goanigkeit leb' mit mein Kamerad« und in selcht» Sach» is s ollamol zan gscheidern, ma vaständigt sih gnat mitanond. Gleih stell ih mih hin vorn Hiasl, halt» d Hand für und sag:„Hiasl!" sag ih,„Hiasl, Du bist a Rind- viech und bleibst a Rindviech, ober ih vazeich Dir's!" D'Ilngcn sein an nass worn.'u Hiasl. um an Hols hat er mih gnoman und guat is s gwen.—(Ans Roscgger's„Heimgarten".) ivermischtcs uuiu Tage. — Im Dorfe Bardo bei Miloslaw sollte ein vierzehnjähriges Mädchen seil Wochen in t i e f e in S ch l e f c liegen. Jetzt hat sich herausgestellt, daß die angebliche Schlafsucht des Mädchens ein Schwindel war, den der Vater ins Werk gesetzt hatte, um den herbeiströmenden Neugierigen Geld abzunehmen.— —„Wegen Mangel an Geld" kündigte in Klingen- t h a l(Sachsen) ein Uhrmacher einen 3l u s v e r k a n f an.— — In G r a s l i tz.'Asch und Umgebung(Böhmen) haben sich am Freitag und Sonnabend die E r d st ö ß e wiederholt; sie waren von donnerartigem Getöse begleitet. In Graslitz ist die Be- völkerung sehr beunruhigt, Einzelne Familien verlassen die Stadt.— Südlich von Asch, in der Nähe von Franzensdad befindet sich übrigens ein erloschener Nnlla», der„Kammerbühl". Goethe hat ihn einigenial aufgesucht.— — Zu O d e r h e i in am Glau wurde dieser Tage ein Wunder- doktor, der sogenannte„Knochenflicker", begraben. Er hinterläßt ein auf Millionen geschätztes Vermögen.— — In 3t n ch e n wurde die Leiche eines Kindes gesunden, das durch einen um den Hals geschlungenen Li o s e n k r a n z erwürgt worden war.— — Verstehen das Geschäft. Zwei Würzburger Zeitungen brachten am LS. Oktober einen ansführlicheu Bericht über das in den beiden evangelischen Kirchen der Stadt feierlich be- gangen« Resormationssest. Dieses Fest sindel aber erst am 31. Oktober stall.— — Im N y in phenburger Teich hat sich die F r a» eines Münchener WirlheS, der Konkurs ansagen mußte, mit ihrem kleinen Mädchen ertränkt. Der Mann ist einige Tage später gestorben.— — In der Warschauer Vorstadt P r a g a sind zwei Güterzüge z n s a in m e n g e st o ß e n. Mehrere Personen wurden verletzt, eine Lokomotive und zehn Wagen zertrümmert.— — Eine» ganze» E i s e n b a h n z n g s a in m t L o k o- motive wollte unlängst i» P a r i s ein Gerichtsvollzieher pfänden. Slls das nicht ging, pfändete er sämmlliche Dienstanzüge der au- wesenden Beamten.— — In Chartres sind kürzlich gegen 106 Personen nach dem Genuß von H u in in e r n erkrankt.— — Slnch in B e l f a st(Irland) herrscht der T y p h n s. Seit einem Monat sind 356 Fälle vorgekommen.— Berantwortlicher Redakteur: August Jarobcy in Bertin. Druck und Verlag von Max Vading i» Berlin.