Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 217. Donnerstag, den 4. November. 1897. (Nachdruck verboten. Vuv Nonrnn rtnvv VevMmövnnA. 19 Von A. R a n c. Ins Deutsche übertragen von Marie K u n e r t. „Nein," sagte Rochereuil,„der Abbs hat Recht. Nur sagt er Jkinen nicht die wahren Beweggründe seines Handelns. Am Tage nach dem Triumph, am Tage nachdem wir Bonaparte inmitten seiner Armee und in Gegenwart des Feindes festgenommen haben, sind wir unmöglich; fühlen Sie das nicht? Wir geben dem Vaterlande mehr als unser Leben. Wir haben Absolution durch das Volksgewissen. Die Völker werden uns segnen, aber unter der Bedingling, daß auch nicht einmal der Verdacht des Ehrgeizes oder persönlicher Interessen uns berührt. Wir müssen verschwinden.... Vor der Abreise iverdeu wir dem Rath nilser Entlassungs- gesuck, übersenden: Für den Fall der Niederlage sowohl als des Erfolges werden unsere Plätze durch andere ausgefüllt. Es muß sein. Es ist übrigens wirklich sonderbar, daß wir über die Zukunft grübeln, während unser Leben uns nicht mehr gehört. Ich spreche für meine Person, Abbe. Dil hast stets ein unverschämtes Gluck im Trictrac;*) Du wirst Dich auch diesmal herausziehen. Ich spiele besser als Du, nur der Würfel ist mir immer ungünstig. Diesmal werden wir ge- winuen. Freunde, ich hoffe es; nur ich werde verlieren. Deshalb will ich meinen Bruder nicht mitnehmen." „Bah! bah!" unterbrach der Offizier in Kntschertracht ihn, „das ist dasselbe, was wir in de: Armee Vorahnungen nennen. Nun, mein alter Rochereuil, das will durchaus nichts sagen. Ich habe jedesmal vor der Schlacht solche Vorahnungen, und mein Körper, auf den ich etwas halte, hat auch noch nicht die kleinste Schramme abbekomnien. Die Vorahnungen, siehst Du, sind nichts weiter als die natürliche Scheu, die jeder vor dem Tode hat. Bei diesem Mantel aus Ziegenhaaren, den ich seit acht Tagen schleppe, und der reichlich sechzig Pfund wiegt— ich iverde es Dir vergelten, Rochereuil, daß Du mir diese Verkleidung und einen so wichtigen Posten im Fuhr- wesen gegeben hast— bei diesem Mantel, wir werden alle in sechs Wochen in Paris sein. Abbe, ich biete Dir einen Punsch bei Corazza an und werde Dich in die Galerie de Bois hinein- lotsen. Ach, Abbe, welch' bezaubernder Ort! Das ist das Asyl der Grazien und des Spiels!" Abbe Georget zuckte die Achseln. „Ach, Abbe," fuhr der Offizier fort,„werde nicht gleich böse und laß' mich ein wenig lachen. Du siehst doch, daß ich scherze. Ich kenne ja Deine. strengen Grundsätze. Bei mir ist das etwas anderes. Sagen Sie, Herr Michel, Sie werden doch nicht etwa die Enthaltsamkeit dekretiren? Schön, da sieht mich nun noch einer unwillig an! Herr Michel, bedenken Sie— ich flehe Sie an— daß doch nicht alle Leute Ihre Strenge haben können. Ich bewundere, ich verehre Sie, aber ich kann Sie nicht nachahmen." „An den schlechten Sitten," sagte ernst der Italiener, „gehen die Republiken zu Grunde." „Aber ich versichere Sie, daß meine Sitten nicht schlecht sind. Ich bin nur insofern schuldig, als ich Rochereuil, der zur Melancholie neigte, etwas aufheitern wollte. Zum Teufel, alles hat seine Zeit! Die Bcrathung ist zu Ende, die Sitzung ist aufgehoben. Wir sind alle einverstanden. Bei meinem härenen Mantel, ich habe Nechr, wenn ich lache.. In diesem Augenblick Hörle man ein leises Geräusch im Garte». Der Italiener ging sofort hinunter. Nach einigen Minuten kam er wieder herauf. „Alles stellt gut," sagte er.„Die Wege nach dem Garten und dem Boulevard sind frei. Fernande, Louis und einer seiner Freunde haben während des ganzen Abend mit Degrange's Leuten Versteck gespielt. Ihm selbst ist durch einen Bericht die Herberge zu den vier Zypressen, eine Meile von Poitiers entfernt, als von verdächtigen Per- sonen besucht angezeigt worden. Er hat sich in Person dorthin begeben und ist noch nicht, zurückgekehrt. Sie können, fuhr er, sich an den Offizier wendend, fort,„ruhig fortgehen und in Ihre Herberge zurückkehren." ') Trictrac, eine Art Brettspiel. Der Offizier erhob sich. Er war wieder ernst geworden. „Adieu, meine Herren," sagte er,„vom 1t). Oktober ab werde ich Sie erwarten. Wenn ich bis dahin gefallen sein sollte, so weißt Du, Rochereuil, wie Du bis zum Marschall gelangen kannst..." Er war bewegter, als er zugestehen wollte. Er umarmte Rochereuil und den Abbe, drückte dem Italiener die Hand, grüßte und ging hinaus. „Wann wird er wieder bei der Armee sein?" fragte Rochereuil. „O, bald!" erwiderte der Italiener.„Er wird mit seinen: Rollivagen nur bis Tours fahren. Dort wird er in einer neuen Verkleidung die Post benutzen, und in Paris ver- wandelt er sich wieder in den Generalstabsoffizier. Aber meine Herren, wir müssen uns trennen, es ist Zeit. Wollen Sie mir folgen, mein Herr," sagte er zu Fouche;„die Nacht ist finster, Sic würden Ihren Weg in diesen wenig gepflegten Gärten nicht leicht finden. Ich werde Sie bis zur Hinterthür des Bürgermeisterhauses führen." „Ah. Sie sind bei Herrn Bourgeois abgestiegen?" sagte der Abbe. Er ist ein sehr liebenswürdiger Mann." „Ja, und was mehr ist, er gehört mir." „Aber da muß er ja in Todesängsten sein." „Gewiß, aber er wagt nicht einmal seine Furcht zu zeigen. Wir kennen uns seit 92. Er wird mich übrigens bald los. Morgen Vormittag fahre ich ab. Ich habe einen Abstecher nach Poitiers gemacht, um Sie zu sehen, aber es ist un» erläßlich, daß ich mich so bald wie möglich in Mailand zeige. Ich lasse Jacotin hier, der unser Vermittler sein ivird. Er ist sehr geschickt, beinahe ehrlich, und mir ergeben. Ich habe ihn oft auf die Probe gestellt, und er hat mich nie verrathen." „Hat er andere verrathen?" „Vielleicht, dann aber aus Passion; er ist seinem Beruf ganz und gar ergeben und hängt nicht zu sehr am Gelde. In diesem Augenblick ist es seine fixe Idee, sich au Rcvigo zu rächen, der ihn sortgejagt hat. Seien Sie im übrigen vor- sichtig und sagen Sie ihm nur das Nöthigste. Er erräth ohne- hin schon zu viel." „Es ist schlimm, daß man sich solcher Werkzeuge bedienen muß." „Es ist schlimm, aber nicht zu umgehen. Adieu, Herr Rochereuil: auf Wiedersehen Herr Abbe. Herr Michel, ich folge Ihnen." Als sie fortgegangen, herrschte zwischen Rochereuil und dem Abbe für eine Weile Schweigen. „Um welche Stunde erwartet Descosses uns?" fragte der Abbe. „Um zwei Uhr früh," erwiderte Rochereuil;„es ist kaum zwölf." „Wird Jnliette zurückkommen?" „Ja, sie sollte schon hier sein, vorausgesetzt, daß ihr mitten in der Nacht allein auf der Straße nichts zugestoßen ist." XIII. General-Polizciniinisteriiim. Nabinet des Ministers. Bericht Nr. 8421. Sr. Exzellenz dem Herrn Herzog von Aomgo. Poitiers, im September 1313. Herr Minister! Ich bestätige Ew. Exzellenz den Inhalt meiner Depesche von heute Vormittag. Es ist dringend nöthig, daß die Person des Herrn Pavie, genannt der„Mann mit den großen Taschen" auf das Sorgfältigste überwacht wird. Er wird wahrscheinlich morgen in Paris ankommen. Dieser Mensch hat zweifellos die Schlüssel zu der ganzen Sache in der Hand. Ich beharre bei meiner Ansicht, daß Rochereuil und der Abbe Georget nur einen untergeordneten Rang in der geheimen Gesellschaft bekleiden. In jedem Falle sind sie jetzt aus vollständige Unthätigkeit beschränkt. Der Gesängniß- inspektor ist sehr intelligent, und seine Pensionäre können keine Bewegung machen, die mir nicht genau berichtet wird. Während der zwei Stunden, in denen es ihnen erlaubt ist, mit einander zu verkehren, spielen sie Trictrac. Abbe Georget empfängt keine Besuche. Rochereuil sieht nur seine Mutter. Diese ist eine sehr respektable Damx, die in PoltierZ viel Achtung genießt; dies hat mich indeß nicht gehindert, sie eines Tages beim Verlassen des Gesang- nisses zu durchsuchen. Sie hatte jedoch nichts bei sich. Frau Rochereuil lebt mit ihrem jüngsten Sohne sehr zurückgezogen. Ich habe natürlich geglaubt, daß dieser junge Mann zusammen mit dem Mädchen, von dem ich Ihnen bereits gesprochen habe, zwischen seinem Bruder und den Uebrigen als Vermittler diente. Seine Ausgänge sind vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen bewacht worden. und ich habe nichts Verdächtiges entdecken können mit Aus- nähme des gestrigen Tages. Doch dies bezieht sich mehr auf den„Mann niit den großen Taschen", und ich werde sogleich darauf zurückkommen. Louis Rochereuil geht zuweilen zu Jnlictte Lefran?ois; das ist ganz natürlich: er langweilt sich und will sich bei der Geliebten seines Bruders zerstreuen, in die er ebenfalls verliebt ist, ohne daß er es vielleicht weiß. Ich nenne sie Rocherenil's Geliebte; das Mädchen behauptet dagegen, daß sie nur die Freundin Rocherenil's sei, der den Frauen sehr gefällt und vor einiger Zeit Beziehungen zu einer Frau von Puygarrean unterhalten hat. Ich habe sie ebenfalls überwacht, aber sie denkt schon lange nicht mehr an Rochereuil und hat ihm einen Nachfolger gegeben. Kurz, Louis Rochereuil und Jnlictte haben uns noch keinen Anhaltspunkt gegeben. Sie sind ans der Hut, aber so als wenn ihnen empfohlen worden wäre, im allgemeinen mißtrauisch zu sein. Es scheint nicht, als ob sie in diesem Augenblicke etwas zu verbergen hätten. (Fortsetzung solgk) Die geologische Lvond iur Mtttnboldtszcmu Im Humboldthain, dem lieblichen Parke, den die Berliner Gtadlverwaltnng für den fabrikreichen Norden als Lnft und Leben spendende Lunge angelegt hat, befindet sich eine den meisten Berlinern unbekannte Sehenswürdigkeit, die ein iressliches AnschanungSmittel für jeden bildet, der sich einen Tinblict in den Bau der Erdrinde verschaffen will: die sogenannte geologische Wand. Die mosaische Schöpfungsgeschichte, die das phantafievolle Bild enthält, welches sich die alten Hebräer von der Erschnffiing der Welt bildete», und die im Aolle der Denker merkwürdigerweise noch heute den Kindern in nnseren Schulen vermöge der Autorität der Lehrer unter dem Scheine absolnter Wahrheit gelehrt � wild, läßt sich allerdings mit der Schöpfnngsgefchichle, die uns die Erdrinde erzählt, nicht in Einklang bringein Nicht von 6000 Jahre», wie die Bibel, sondern von ungezählten Millionen und Billionen von Jahre» giebt uns die Sprache der Eesteine Kunde. Am dritten Tage schuf Gott nach dem Berichte Mosis die Sonne, damit sie der zwei Tage alten Erde fortan am Tage leuchte? die Naturforscher nehme» dagegen an, daß die Erde ein Kind der Sonne, ans der Sonne enl- standen sei. Die Materie, welche heute die Sonne und die Planeten bildet, dehnte sich einst in sein vertheiltcni gasigen Znstande über unermeßliche Räunie bis zu den Grenzen unseres Planetensystems aus. Da die ganze Masse in einer Rotationsbewegung begriffen war, so wurden durch die Kraft des Umschivilngs am Aeqnator Thcilc losgeschleudert, die sich zu einer Kugel zusammenballend den sich zusammen- ziehenden Hanptkörper nunmehr als Planet nmkreisen mußten. Indem dieser Vorgang sich mehrmals wiederholte, entstanden die verschiedenen Planeten,»nter ihnen auch die von uns bewohnte Erde, während der Rest der großen Gasniasse sich bis zur Heuligen Sonne verdichtet hat. Nach dieser Anschaunng ist die Erde selbst ei» sonnenähnlicher Körper gewesen, der nitr sehr allmälig seine Wärme und sein Licht an den kalten Weltenraum ausstrahlte, bis sich schließlich auf ihm eine harte Rinde bildete, die das feurige Innere umschließt und durch die langsame Erkaltung des Ganzen stets dicker und fester wird. Ist auch die in obigem kurz skizzirle An- schaumig von der Entstehung der Erde ans der Sonne nur eine Hypothese, eine wenn auch sehr wahrscheinliche, so doch nicht durch unumstößliche Thatsachen bewiesene Annahme, so ist das allmälige Entstehen der Erdrinde durch die Erkaltung des Ganzen eine That- fache, von der diese Erdrinde selbst und die Vorgänge, die wir noch täglich auf ihr beobachten können, jberedtes Zeugnis! ablegen. Noch heute brechen zuweilen aus den Vulkanen ungeheuere flüssige Gluthinasscn hervor, die sich über weite Gegenden er- gießen, alles organische Leben ans ihnen vernichtend und unter sich begrabend. Allmälig erkaltend, bilden jetzt die aus der Tiefe gekommenen Massen die feste Oberfläche, ans der sich von neuem wieder Mensche» ansiedeln, die bisweilen erst nach mehreren Jahr- Hunderten und selbst Jahrtausenden die Ueberreste einer unter- gegangenen Kultur durch Ausgrabungen aus der Tiefe, der frühere» Oberfläche der Erde, hervorholen. Doch sind diese gelegentlichen Ausbrüche, wodurch plötzliche, gewaltsame Aenderungen der Erdoberfläche hervorgerufen werden, nicht so überaus hänsig, daß sie dieselbe Rolle spielen, wie die langsam, aber stetig wirkend« Kraft des Wassers. Durch diese wird beständig die Küste des Festlandes zernagt, die Flüsse führen dauernd Bestandtheile der hohen Gebirge, die ihnen die Bäche aus den Bergen zuführen, zum Meere? im Meere wieder, verde» be- ständig die unlöslichen Bestandtheile als Kies, Sand und Schlamm abgelagert, und bilden so die Grundlage für die sogenannten Sediment- gcsteine, die hier, wenn das Meeresivasser zurückgetreten sein wird, die künstige Oberfläche bilden werden. Daß langsame Verändernnge» in der Lage der Kontinente und Meere eintrete», zeigt die unzweifel« hafte Beobachtung der heute bestehenden Fcstlnndsmassen, und es ist daher ganz zweifellos, daß überall, wo die Erdoberfläche durch geschichtete Massen, durch Sediinentgesteine, gebildet ist, ehemals die Wogen des Meeres über sie hingingen. Legen so die Gesteine, aus denen die Erdrinde besteht, deutliches Zeugniß ab von gewaltigen Veränderungen, zu deren Vollendung Millionen von Jahren»öthig waren, so scheint doch kein Anhalt dafür geboten, die Zeit dieser Umwandlungen und Bildungen auch nur einigermaßen zu bestimmen. Allerdings läßt sich bei den ge- schichteten Gesteinen annehmen, daß die ältesten Ablagerungen am tiefsten liegen, daß die neuen Ablagerunge» immer sich auf die allen ausgelagert haben. Wenn man so auch in manchen Gegenden sich ei» ziemlich zutreffendes Bild von der relative» Auseinanderfolge der Gesteinsinaffen und der Zeiten, in denen sie sich bildeten, machen kann, so würde man doch über das gleichzeitige oder nicht gleich» zeilige Vorkommen verschiedener Gesteine in verschiedenen Gegenden gar nichts enischeidcn können. Aber in diesem Gesteinen finden sich die redenden, allerdings nur durch ihre Zlnwesenheit redenden Ueberreste der Thiers und Pflanzen, die zu jener Zeil das Meer und das Land bevölkerten. Beständig sinken ja auch die Reste der Thiers und Pflanzen zu Boden und werden in dem sandigen und thonigen Schlamm eingebettet; in diesen werden sie fest eingepreßt und zeigen ihre Forme» als Fossilien und Petrefakte», d. i. Versteinerungen,»och»ach Millionen von Jahre», wenn der damalige Schlamin feste Gesteinsiuassen bildet. So spärlich diese Ueberreste des vergangenen Lebens ans der Erde auch sind, so wichtig sind sie für die Erforschung der Ge- schichte der Erde geworden. Die Versteinerungen in den unteren, von den Bergleuten„liegende" genannten Schichten müssen naturgemäß älter sein, als die in de» oberen„Hangenden" Schichten. Da nun die Lebensformen auf der Erde einem stete», durch den Wandel der äußeren Verhältnisse bedingten Unnvandelnngsprozesse unterworfen sind, so zeigt jede Schicht-ihr eigenlhümliche Formen, eine Fauna und Flora*), die speziell der Zeit ihrer Bildung zukommt? somit hat die genaue Erforschung der auf ein- ander folgenden Schichten der Erdrinde und ihrer zugehörigen Versteine- ränge» die Möglichkeit gegeben, durch die Versleinerungen, die man in einer etwa neu aufgefundenen Schicht findet, deren Zeitalter zu bestimmen, ivohl verstanden, nicht etiva die Zeit ihrer Bildung in einer bestimmten'Anzahl von Jahren, etwa 100 Millionen Jahre vor Christi Geburt, sondern ihre Zeit in bczng auf andere Schichten? es ist also möglich, zu bestimmen, mit welche» sie gleichzeitig gebildet wurde, welche schon vor ihr da waren»nd welche sich erst später gebildet haben. Wie viel Jahrhunderle oder Jahr- taufende oder auch Jahrmillionen jedoch zur Bildung jeder einzelnen Schicht nolhivendig waren, entzieht sich völlig unserer Kennlniß. Durch das sorgfältige Studium der Erdrinde in den ver- schiedensten Ländern und der in ihr enthaltene» Versteinerungen ist es möglich gewesen, eine bestimmie Anseinanderfolge der Schichten festzustellen, so daß man die Geschichte der Bildung der Erdrinde und der Entwickelung des Lebens aus der Erde, wenigstens in großen Umrissen, heule kennt. Dies in einem anschaulichen Bilde darzustellen, ist die Aufgabe der etwas über Mauncshöde hohen»lud ivohl zwanzig Meter taugen geologischen Wand. Schon die flüchtigste Beirachlung zeigt das ungemeine Ucbcrivicgen der geschichteten Gesteine über die sogenannten Masseugesteiue, deren Entstehung man sich analog dein heule zuivcilen beobachteten vulkanischen Empordringen von Gesteins- »nassen denkt. Der Gipfel von Feld XVII*') ist z. B. durch alte Lava ge- bildet, und daneben befindet sich, nach Feld XVIII zu, ein großer Basallkegel, der»vohl ebenfalls vulkanischen Ursprunges ist. Da- gegen nimmt bei den» in den beiden ersten Feldern vertretenen Granit, auch ein Massengestei»,»vege» seiner körnigen Struktur an. daß er bei seiner Bildung nicht sofort bis an die Oberfläche gedrungen ist. sondern daß er sich in unterirdischen Hohlräumen angesammelt und durch seine ganze Masse hindurch gleichmäßig abgekühlt habe. Die Gesteine»verde» daher auch als Tiefengesteine bezeichnet. In den ersten Feldern, die die ältesten Gcsteinsforinationen dar- stellen, befinden sich außer den Massengestciuen noch verschiedene Arten der sogenannten krystallinischen Schiefer,»vie Gneis, Horn- blendeschiefer, Glinnnerschieser zc.; nach ihren» geschichteten Aussehen könnte»na» sie für echte Sedimentgesteine halten, die jedoch erst bei Feld V beginnen. Die krystallinischen Schiefer nehmen zivischen diesen und den Massengesteincn eine merkwürdige Zwischenstellung ein; ihre deutliche Schichtung»viirde sie den ersteren anreihen, *) Gesammtheit der Thier-«nd Pflanzemvelt. **) Tie Wand ist in rö durch Ho:».»selu bezeichnete Felder ge- lheilt. während der Gehalt an Mineralien ihre Zugehörigkeit zu den Tiefengesteiuen anzudeuten scheint. Vollständige Klarheit herrscht über ihre Entstehung noch nicht. Betrachtet nian die einzelnen Felder der Wand, so fällt vor allem aus. daß nur die wenigste» Schichten horizontal liegen, während sich die Sedimente doch ursprnngtich horizontal abgesetzt haben müssen. Mail beobachtet au ihnen die verschiedensten Neigungen selbst bis zu SO Grad, so daß sie geradezu vertikal stehen. Wir wissen aber, daß der Erdboden sich an manchen Stellen gehoben, an manchen gesenkt hat; hebt stch ein Gebiet, so müssen die Schichten eine geneigte Stellung annehmen, wie man sich leicht klar machen kann. Breitet man zum Beispiel eine Neihe Tücher auf einem Tisch aus, die nun die horizontalen Sedimentschichte» darstellen sollen, und erhebt ihre Mitte, indem man etwa einen flachen Teller unter sie schiebt, so werden die Enden geneigt sein. Prcjjt man die Tücher seitlich zusammen, so iverven sie sich falten, und solche Faltungen beobachtet man auch an manchen Schichten der Erdrinde. Freilich müssen es ungeheure Kräfte gewesen sein, die im stände waren, das harte, spröde Gestein so zu biegen und z» falten, wie wir es mit den weichen, nachgiebigen Tüchern thun. Zuweilen freilich waren die ülnforderuugen, die die pressenden Kräfte an das Gestein stellten, zu groß; dann brachen und barsten die Steine entzwei, es bildete» sich„Verwerfungen", die, wo sie vorkommen, die lilrbeileii in den Bergwerken außerordentlich erschweren. Die zahlreichen Einzelheiten, welche die Wand in den ver- schiedeuslcn Theilen zeigt, kann man natürlich nicht bei eiueui ein- maligen kurzen Besuche erfassen; leider ist sie nur selten zu be- sichtigen,»Ur Mitlivochs n»d Sonnabends von I— K Uhr. Den Grnnd hierfür vermag ich nicht«inzusehe»; es würde mir richtig erscheine», wenn der Besuch dem Publikum möglichst oft sreiftäudc. b. b. TUrineoi Isonillekon Daö Jnbiliium des Chloroforms. Am 4. November 1897 sind es fünfzig Jahre, daß I.§). Simpson, Professor der Geburls- Hilfe in Edinburgh, die Verwendbarkeit des Chloroforms zur all- gemeinen Narkose(Veläubnng) enldeefte. Bis dahin waren nur zwei Mittel bekannt, mit deren Hilfe es möglich ivnr, zu„narkoti- siren", d. h. Menschen oder Thiere bewußtlos zu iiiachen, sodaß sie von Operationen, welche an ihnen vorgenommen werde», nichts ver- spüren. Das erste dieser Mittel war das Sticfsloff-Oxydiilgas— auch Lachgas genannt— ivelches der amerikanische Zahnarzt Horn« Wells im Jahre 1844 zuerst zur Narkose verwandte. Das Mittel eignet sich aus verschiedenen Gründen nicht für länger dauernde Eingriffe niid für den Gebrauch außerhalb des Krankenhauses, bez. der Wohmmg des Arztes; es hat daher n»r in der Zahnbcilkunde allgemeine Anwendung gesunden. Die Narkose als Hilssinitlel bei größeren Operationen erlangte erst weitere Verbreitung, nachdem im Jahre 1846 ein Schüler von Wells, Morton, gelehrt hatte, den Schweselalher— auch schlechthin Äletder genannt-- für diese Zwecke zu gebrauchen. In der Geburtshilfe wurde die Narkose zuerst von I.?). Simpson angewendet, den dann seine iveiteren Versuche ans das Chloroform führte». Das Chloro- form verdrängte aus Gründen, die hier nicht erörtert werden können, bald die anderen Beläubnugsmittel fast vollständig, so daß außerhalb der Fachkreise das Wort„chloroformiren" viel- fach für gleichbedentend mit„narkotisiren" gehalten wird. Und die allgenieine Anwendung der Chloroformnarkose er- möglichte— neben der von Lister eingeführten antiseptische» Methode(Verfahren zur Vernichtung der Eutzündungs- und Eiterungserreger)— erst die gewaltigen Fortschritte, welche die Chirurgie in den letzten Jahrzehnten gemacht hat. Ohne Mittel zur Betäubung der Kranken hätte man überhaupt nicht daran denke» können, so eingreifende und daher schmerzhafte Operationen vorzu- nehmen, wie sie von Chirurgen gcgenivärlig mit überwiegend glück- lichen, Erfolge durchgeführt werden. Andererseits ist zu bedenken, daß das Chloroform kein ganz ungefährliches Mittel ist. In ver- einzelten Fällen geht die Betäubung unmittelbar in den Tod über, indem nicht allein das Bewußtsein und die willkürlichen Bewegungen durch den Einfluß des Chloroforms auf das Gehirn ausgehoben, sonder» auch Athimiiig und Herz zum Stillstand gebracht werden. Wie häufig die Chloroforinnarkoie einen so traurigen Ans- gang hat, läßt sich»i. n. deshalb nicht»nt Sicherheit sage», iveil Herz und Athniung während einer Operation auch durch andere Ursachen zum Stillstand gebracht iverden können. So wird berichtet, daß Siiiipson, als er zum ersten Male das Chloroform bei einem Kranken anwenden ivollte. iiu letzten Aligenblick durch äußere Umstände daran gehindert wurde; der Kranke aber, der nun ohne Narkose operirt wurde, starb plötzlich schon nach dem ersten Schnitt. Jedenfalls kommt aus iveit über tausend Narkosen erst ein Todes- fall. Die Bemühungen, diese Zahl noch zu vermindern, haben dazu geführt, eine Unzahl von Mitteln zur Narkose zu versuchen, ohne daß es jedoch gelungen wäre, das Chloroform ganz entbehrlich zu machen.— k'- — Ei» schweizerischer Brauch. Im Kanton Appenzell- Anßerroden ivird von einem Landesweibel, der bei der jedes Jahr stattfindenden, oft zwölftansendköpfigen, im Freien tagenden Landesgemeinde-Versammlung alle Abstimmungen und Wahlen aus- zurufen niid zu leite» hat, in erster Linie eine sehr kräftige Stimme verlangt. Damit die Landesgemeinde selbst urlheilen kann, müssen die Bewerber um diese Stelle ihr Gesuch der Landesgemeinde münd- lich vortragen. Die Rede des vor einiger Zeit neugewählteu Landes- weibel, Emil Tobler, lanlet, der„Slangen'schen Verkehrs-Zeitung" zufolge:„Herr Landammann, geehrte Herren, getreue, liebe Mitlands» leule und Bundesgenossen! Ich ivage, vor der versammelten Landes« gemeinde mich als Aspirant um das Amt eines Landesweibels Eurer Gunst zu empfehlen. Mein Name ist Emil Tobler, bürgerlich, von Lutzenberg, auserzogen in Wald und wohnhast in Walzenhausen. Da ich hier in Trogen-- dort fand die Landesgemeinde- Bersamm- lung statt— die Realschulbilduug genossen und nachher den Beruf eines Schriilsetzers getrieben habe, darf ich mir schmeicheln, in sämmtlicheu schristlichen Arbeiten wohlbewandert zu sein, und alle Funktionen, die einem Landesweibel das Jahr hin- durch übertragen werde», zur besten Zufriedenheit der Vorgesetzten versehe» zu können, und daß nieine Slimm« die Kraft und Volltöuig» keit besitzt, um eine lvürdige Landesgemeinde-Versammlung zu beherrschen, um in jedes Plätzchen hinaus vernommen zu werden, und ob ich de» Muth in mir sühle, eine so ehrwürdige und so zahlreiche Versammlnug anzureden, davon, liebe Mitbürger, könnt Ihr Euch jetzt selbst überzeugen. Sollte meine Stimme»och zu schwach be- fiinden werden, so hat es Aerzte genug in unserem Ländchen, um sie kuriren zu können, und mein Patriotismus geht so weit, daß ich keine anderen als nur appenzellischc Pillen schlucken werde. Indem ich mich Euerem Wohlwollen empfehle, bleibe ich dem Wahlspruche gelreu:„Tritt frisch auf, thu's Maul aus und hör bald aus!"— Literarisches, n. A. v. Villa m o s y:„M o r d e n d e F r a u e n." Berlin. 1897. August Deubner.— Der Inhalt der ersten Novelle„Die Sünderin", ist direkt widerlich; der Form nach steht sie auf der denkbar niedrigsten Stufe literarischen Könnens. Ein betrogener Ehemann ertappt seine fast 50 Jahre alte Frau und seine häßliche, einäugige Tochter bei einem ekelhaften Gelage mit dem buckeligen Liebhaber beider. Er prügelt die Drei ganz barbarisch durch und wird von seiner Frau erschossen.— Der Stoff der zweiten Erzählung, „Die Märtyrin", ist wenigsten? sauber; aber die ungeschickte Hand des Verfassers verdirbt auch hier alles. Schwere Nolh ist über eine 'Arbeiterfamilie hereingebrochen. Der Mann ist ein Fanlenzer und Säufer, die Frau, vom Elend zerrieben, unfähig zur Arbeit. Hätten sie nicht eine» Sohn, einen kaum der Schule entwachsenen Burschen,-der wöchentlich 3— 4 Gulden verdient, sie wären verhungert. Eines Abends, nachdem die Mutter wieder einmal die ganze Verzweislnng und Deinüthigimg ihrer Nothlage durchkostet hat, kommt der Sohn betrunken nach Haufe und schimpft über die Wassersuppe, die man ihm vorsetzt. Die Mutter verliert in ihrem gereizte» Zustande alle Besinnung und sticht den Burschen mit dem Brotmesser nieder. Hätte der Verfasser seine Erzählung hier beendet, so wäre die Leistung wenigstens eine mittelmäßige ge- blieben. Statt dessen hat er es für nölhig gehalten, einen langen Schluß zu schreiben, in dem er das Seeiculeben der Mörderin zu zergliedern sucht. Dies ist ihm aber so gründlich mißlungen, daß man diese ziveite Novelle der ersten würdig zur Seite stellen kann,— Etzichnng und Unterricht. — Die W i s s e Ii s ch a s t im O b o t r i t e n l a n d e. Das orthodoxe„Mecklenburger Schnlblatt" wendet sich gegen die Absicht, be» nnturwisseuschaftlichen Unterricht in den Lehrplan der mecklen- burgischen Volksschulen aufzunehmen, mit den Worten:„Hüte Dich vor dem erste» Schritt, noch stehst Du unberührt von dem falschen Götzen der Wissenschaft. Hast Du diese», Satan erst den kleinen Finger gegeben, so erfaßt er nach und»ach die ganze Hand, Du bist ihm rettungslos verfallen, mit geheimer Zauberkraft umgarnt er Dich und führt Dich hin an den Baum der Erkeuntniß, und hast Du einmal davon gekostet, so zieht er Dich immer wieder mit magischer Gewalt zu dem Baum« zurück, ganz zu erkennen, was wahr und was falsch, was gut und was böse sei. Wahre Dir das Paradies Deiner wiffen- schnstlichen Unschuld!"— Aus dem Thierreiche. —„Pul ex, der Springer im braunen Trikot", ist ein Dunkel- mann, nicht nur seinem ganze» Dasein, sondern auch seiner Herkunft nach. Bislang habe» sich die Zoologe» vergebens bemüht, seine Ab- stammung und Verwandtschaft zu ermitteln. Im allgemeinen wird er de» Fliege» zugesellt, aber diese Zuordnung hat vielen Widerspruch erregt, und es ist jetzt üblich geworden, die Flöhe als Vertreter einer besonderen Jnseklenordnnng anzusehei.. Nun endlich scheint ihre Verwandtschaft sich aufklären zu wollen. Professor Friedrich Dahl i» Kiel hat nämlich, wie er dem„Zoologischen Anzeiger" mit- theilt, unter den Infekte», die er aus dem Bismarck-Archipel heim- gebracht, eine B u ck e I s l i e g e(Phoride) mit heimgebracht, die in einer Reihe von Merkmalen mit den Flöhen übereinstimmt. Vor allem fehlen ihr Flügel und die kleinen gestielten Knöpfchen(Schwing- kölbchen), die bei den Fliegen an der Stelle stehen, wo andere Insekten, wie Schmetterlinge, Biene» u. s.>v. ein zweites Flügel- paar tragen. Der Brusttheil des Körpers(Dborax), der bei den geflügelten Phoriden weil Innger uikd dicker ist, als der Kops, ist bei dem neue» Insekt viel kleiner als dieser, ein Zeichen, daß auch die Flugmuskeln schleu oder verkümmert sind. Auch bei den Flöhen ist die Brust sehr kurz und dünn, lind tritt gegenüber dem mächtigen Hinterleibe sehr zurück. Professor Dahl hat das von ihm entdeckte Thier mit dem Gattungs- nmneu Puliciphora belegt, um anzudeuten, daß es eine Zwischen- fori» zwischen Phoriden(Vuckelfliegen) und den Puliciden(Flöhen) bildet. Die Art nennt er kicifera,„da sie zum ersten Male Licht in eine dunkle Sache zu bringen scheint". Pulicipdora. lucifera ist brau» gelb, oben fast schwarzbran». Die Größe des Weibchens schwankt zwischen 3/4 und IV* Millimeter; das Männchen ist kleiner, nur etwa 3/s Millimeter lang. Professor Dahl fand das Thier zahl« reich in den Fängen, die er mit einein todten Bogel als Köder im Bismarck-Archipel gemacht hat. Einige wenige Exemplare wurde» neben anderen Aasinsekten auf der unangenehm nach Aas riechende», fast bodenständigen Blüthe von Amorphophallus, einer Aroidee, ge- funden. Puliciphora ist also enlschieden ein Aasfresser wie die anderen Phoriden.— Geologisches. — Erdbeben im Vogtland und im Egerland. Der „Köln. Ztg." wird unterm I. November aus Plauen geschrieben: Eine ganze Woche hindurch ist der sudliche Theil des sächsische» Vogtlandes und das angrenzende Egerland durch häufig sich wieder- holende Erdstöße bennruhigt und am letzten Tage der Woche, wo die Erderschütterungen stärker und andauernder wurden, in wirkliche Sorge»nd Furcht versetzt worden; doch ist das Naturereigniß bis jetzt vorübergegangen, ohne wesentlichen Schaden anzurichten. Die Gegend in der weiteren Nmgebung des Kammerbnhls bei Franzens- bad, den Goethe, wie spätere geologische Untersuchungen ergebe» haben, mit Recht für einen erloschenen Vulkan hielt, gehört zu den erdbebenreichsten in Deutschland und wird seit etwa 120 Jahren in jedem Jahrzehnt ein oder mehrere Male von Erderschütterungen be- troffen. Die Ursache der Häufigkeit dieser Erscheinnua, gerade in der Gegend zwischen Hof in Bayern und dem sächsischen Erzgebirge glauben die Geologen aus den bisherigen Beobachtungen Über den Verlauf der Erdstöße erkannt zn haben. Achtet man nämlich auf die geologische Beschaffenheit der betroffenen vogtländischen Landstriche n»d die Rich- tung, welche die Bodenbewegnng zu nehmen schien, so ergiebt sich, daß die Erdbeben mit dem Gesteinsaufbau des Vogtlanves i» engem Zu- sammenhang stehe». Dem(»ach Prof. Credners„Schrumpfungs- theorie") noch in langsamer Hebung begriffenen Erzgebirge parallel laufen kleinere Gesteinsfalteu. In ihnen findet fortwährend noch ein seitliches Schiebe» und Drängen statt. Wo die Spannung in den starren Mafien zu groß wird, bersten sie und an schon vor- handenen Bruchstellen verschieben sie sich um ein geringes. Wir ver- nehmen diesen Vorgang als Erdbeben mit kanonenschußartigem Getöse, wie es auch in der verflossenen Woche wieder an verschiedenen Orten die Erdstöße begleitet hat. Am häufigsten muß dies aus kleinerem Räume vorkommen, wo ein Landstrich besonders reich an Gesteiusfallen und Verwerfungen ist. Nun stellt das Vogtland in der That ein wahres Netzwerk von Gesteinsfalten dar, wie die vom Staate veranlaßte Aufnahme der geologischen Karte von Sachsen ergebe» hat. und es läßt sich der Verlauf der in de» letzten zwanzig Jahre» im Vogtlande beobachteten Erdbeben mit dem Verlaufe dieser Gesteinsfalte» überraschend leicht in ursächlichen Zusammen« hang bringen, sodaß man vulkanische Einwirkungen nicht anzunehmen nöthig hat.— Technisches. — Rieseneisbrecher für Forschungs« und Schifffahrts- zwecke im Eismeer will die russische Regierung auf Anregung des Admirals Makarow bauen lassen. Es sollen vier Eisbrecher von je 10 000 Tons gebaut werden, die mit Maschine» von 53 000 Pferde- kräften arbeite» und im stände sein sollen, mit einer Geschwindigkeit von zwei Knoten die Stunde durch 12 Fuß dickes Kerneis zu gehen. Zivei Eisbrecher sind dazu bestimmt, die Schifffahrl im Karischen Meer und im Jenissei aufrecht zu erhalten, die ander» beide» sollen in der Ostsee und im Finnischen Meerbusen Verwendung finden. Alle Eisbrecher werden so eingerichtet, daß sie zusammengekoppell werden und so unter Anwendung von Puffern ohne Gefahr für die Fahrzeuge selbst eine unerhörte Kraft entwickeln könne». In dieser Beziehung sind aus dem Michigansee in Amerika gute Erfahrungen gesammelt worden. Wahrscheinlich werden zunächst die für den Jenissei bestimmten Eisbrecher gebaut werden. Die für die Ostsee bestimmten Eisbrecher sollen nach Makarow's Idee nach beendeter Winterarbeit nach Spitzbergen gehen und anßer Forschungen im Eismeer versuchen, bis zum Nordpol vorzudringen. Eisbrecher von der beabsichtigten Stärke sind, wie erwähnt, im stände, 12 Fuß dickes Kerneis zu durchbohren. Im August ist das Polareis halb so schwach wie Kerneis. Berücksichtigt man nun, daß das Polareis eine Dicke von 4 Metern erreicht und im Laufe des Sommers um 1 Meter schmilzt, so daß es im Herbst nur 3 Meter dick ist, sowie daß die zusammengeschraubten Eismassen nicht ganz zusammenfrieren, so muß die Erreichung des Nordpols mittels Eisbrecher als möglich erscheinen, sofern kein Land die Annäherung verhindert. Da der„Fram" aber auf dem 63. Breiten- grab 3200—4000 Faden tiefes Wasser gefunden hat, kann nicht an- genommen werden, daß der Meeresboden plötzlich wieder so bedeutend steigen sollte.— — Der Erfinder der Dhj in p f t u r b i» e n- S ch i f f e, C. 21- Parsons. will in Newcastle«inen Torpedofänger bauen, welcher 36—40 Knoten Fahrt haben wird. Anßer der Parsons'schen „Turbima" ist bisher noch kein Fahrzeug gebaut worden, ivelches mehr als 32 Knoten lief. Die Mehrzahl der englischen Schiffs- ingenieure sind der Ansicht, daß sich das Parsons'sche Dampfturbinen» System ohne erhebliche Schwierigkeiten auf Ozeandampser und Kriegs- schisse anwenden lassen wird.— Humoristisches. — Der Teufel im Casö. Der Kaufmann Joseph B. ist Stammgast eines Kaffeehauses in Wien. Der Mann lebt in guten Verhältnissen und ist seines Humors wegen überall beliebt. Zu einer seiner Schwächen gehört oder vielmehr gehörte, daß er in seinem Kaffeehause, sobald er auf irgend einer Tasse ein Stückchen Zucker liegen sah, dieses sofort annektirle, um seinein Kaffes so viel Süßigkeit wie möglich zu verleihen. Sprach B. bei Tische mit einem Freunde, der ein Stück Zncker ans der Taffe liegen hatte, dann suchte seine Hand langsam aber sicher in die Nähe des Zuckerstückes zn gelange». Im gegebenen Moment wußte er dem Gespräch eine so iuteressante Wendung zu geben, daß sein Gegenüber ganz Ohr war. ein kühner Griff und— der Zucker ivar stibitzt. Alle kannten diese Schwäche des Herrn B. und lachten darüber. Ein gleichfalls das Kaffeehaus sreqnentirender Uhrmacher beschloß aber, seinem Freunde B. einen Schabernack zn spielen. Mit großer Mühe präparirte der Uhrmacher zwei Zucker» stücke, die er spaltete, innen aushöhlte, in jedes ein Brausepulver hineinpraktizirte und sie wieder verschloß. Die Gäste des Kaffee- Hauses kamen diesmal früher als sonst zum Schwarze». Alles wartete gespannt ans B. Dieser betrat das Lokal und bestellte sich seinen Schwarzen. Der Uhrmacher, der am gleichen Tische mit B. saß, hatte feinen Schwarzen bereits getrunken, zwei Znckerstücke lagen auf der Tasse. B. sah die zwei Stück« Zucker, und da sich der Uhrmacher eben abwendete, benutzte er die gute Gelegenheit, sie schnell i» der eigenen Mokkaschale verschwinden zn lassen. Da drehte sich der Uhrmacher auch schon wieder um. Herr B. nahm die Schale i» die Hand, machte das unfchnldigste Gesicht von der Welt und begann umzurühren. Da— was war das? Der Schwarze begann zu siede», zu wallen und zu zischen— und vor lauter Schreck ließ Herr B. die Schale fallen. Das Gelächter der schadenfrohen Gäste erschütterte das Lokal.— Vermischtes vom Tage. y. Einen 3 Zentimeter langen Nagel hatte vor etwa 3 Jahren der jetzt 6jährige Sohn eines Malermeisters in Lulter a. B bg. verschluckt. Dieser Tage stellte sich bei dem Knaben plötzlich ei» Husten ein und im Verlause desselben brach der Knabe den von der Magensäure halbansgezehrlcn Nagel mit etwas geronneueiii Blute aus.— — Beim Hochwasser in Hirschberg war der Jäger Dunkel. nachdeni er mehrere Personen gerettet hatte, ertrunken. Jetzt ist seine Mutter in Trübsinn versallen und hat sich in der Reisse ertränkt.— — In U g st e i n bei Dürkheim a. H. erhängte sich ein Ackerer. Bevor er das that. stieg er in feine» Keller hinab n»d ließ ein Faß auslaufen, das 1400 Liter Wein enthielt.— — Eisenbahn- Unfälle. Auf der Strecke Witt« m a n n s d o r f— G u t» n st e i n(Niederösterreich) ist am Dienstag Abend die Lokomotive und zehn Wagen eines Güterzuges ent- gleist. Ein Hitfsbremser wurde gelödtet, zwei Personen wurde» schwer, eine Person wurde leicht verletzt.— In der Nähe der Station Szabatsgalas(Ungarn) streifte der Orient- Expreßzug einen ihm begegnenden Güterzug. Die Lokomotive des Expreßzuges und drei Waggons des Güterzuges entgleisten. Ein Bremser wurde ver« mundet.— — In Graz kam es zwischen deutschen und slavischen Studenten z n einem blutigen Zusammenstoß; es gab sechs Verwundete. Mehrere Personen wurden verhaftet.— — In der Grube der österreichisch-ungarischen Staals-Eisenbahu» Gesellschaft zn R e sch i tz a fand ein großer Einsturz stall, bei dem zwei Zlrbeiter getödtel wurden.— — Im Gebirgsdorf S t. S o r l i n bei St. Jean de Manrienne sind 37 Häuser niedergebrannt; 40 Familien sind obdachlos.— — Wie die englische medizinische Zeitschrift„Dbo I-anast." mittheilt. hat Dr. A. M. Berger in der Bibliothek des Vatikans eine Sammlung von Ordinationen und B o r s ch r i s t e» zur Behandlung von Augenleiden vorgefunden, die von der Hand Michel Angelas herrühren. Berger hat die Schrift« lücke im italienischen Original mit deutschem Kommentar ver» öffentlicht.— — In Patras, Zante und M i s s o l n n g i(Griechen- land) wurden starke Erdstöße verspürt; am heftigsten trat daö Erdbeben in L e v k a s auf.— — Valencia, 3. November. Der Turin- Fluß über» ' ch w e m m t e einen ganzen Sladltheil. Der Schaden ist be- trächtlich.— — In London hat sich der 76jzhrige Komponist und Gesang- lehrer B o r s ch i tz k i, dem Erblinden drohte, die Kehle ad- geschnitten. Sein letztes Geld wandle er an den Druck seiner Manuskripte.— — Bei einem Pferderennen, das in der vorigen Woche in W o r c e st e r stattfand, habe» s ä in in t I i ch e Pferde de» Weg verfehlt. Es war starker Nebel.— Verantwortlicher Redakteur: Angnst Jacobe») in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.