Anterhaltungsblatt des Horivärts Nr. 218. Freitag, den 5. November. 1897. (Nachdruck verboten. Dev MomAN einvv VevMmövung. 20 Von A. Ranc. Ins Deutsche übertragen von Marie K u n e r t. Der Unterpräfekt und der Polizeikommissar haben die ein« gehendsten Nachforschungen bezüglich der Fremden, die sich in Poitiers befinden können, angestellt. Es giebt niemand, absolut niemand, der nicht sowohl in Poitiers wie in der Umgegend genau bekannt wäre. Ich hatte schon an einige Royalisten gedacht, die ausgewandert waren und nun zurückgekehrt sind. Wir haben sie ins Auge gefaßt. Nichts! In diesen Provinzflädten sich zu verbergen, wo die Häuser von Glas sind, und keiner etwas Besseres anznfangen weiß, als über den Nächsten zn schwatzen, ist sehr schwierig. Kurz, meine Meinung ist, daß wenn die Zensur der„blauen Brüder" in Poitiers zusammen getreten ist, wie der an Sie gerichtete Bericht sagt, so kann dies nur zufällig gewesen sein. Rochereuil und Abbe Georget sind zwei sehr gefährliche Männer, die aus Gründen der öffentlichen Sicherheit gefangen bleiben müssen. In diesem Augenblick beschäftigen sie sich mit keinem Plan, es sei denn mit dem einer Flucht. Schließlich, Poitiers ist durchaus nicht das Aktionszentrum der geheimen Gesell- schaft, wie wir geglaubt hatten. Kann man nach alledem sagen, daß meine Reise unnütz war? Nein, Herr Minister, schon deshalb nicht, weil ich mehr und mehr die Ueberzeugung gewonnen habe, daß der Mann mit den großen Taschen, der sich Pavie nennt— er hat hier einen Name», den er früher trug, angenommen— wenn nicht der Führer, so doch einer der Hauptagenten der Ver- schwörung ist. In der ersten Woche seines Aufenthaltes in PoitierS hat der Mensch sich nicht gerührt. Er aß reichlich und trank gut, verbrachte den Tag im Cafe, lief am Abend den Frauenzimmern nach und fing am nächsten Tage von vorn an. Ich gc- stehe, daß ich mich fragte, weichen Plan er wohl verfolgen mochte, als er sich mit einem Male ganz offen enthüllte. Als der Polizeikounnissar meiner Anweisung nachkam und allen Reisenden im Hotel die Pässe abverlangte, weigerte mein Bursche sich, sie zu zeigen, trotzdem er seine Papiere vollkommen in Ordnung hatte, wie ich seitdem erfuhr, und erklärte, daß er sich durch niemand in Poitiers legitimiren lassen könne. Der Polizeikonimissar verhaftete ihn. Augenscheinlich wollte Pavie dies. Sein Ziel war, in das Gefängniß zur Heim- suchung einzudringen. Um mich dessen zu vergewissern, ließ ich die Dinge gehen, wie sie wollten, und der Mann mit den großen Taschen wurde noch am selben Abend in die Gefängniß- liste eingetragen. Am nächsten Tage während der Stunde des Spazierganges war die erste Person, mit der er sprach, der Abbe Georget. Dann kani Rochereuil herunter, und alle drei unterhielten sich einige Minuten. Plötzlich trennten sie sich ohne Gruß. Seit- dem haben sie kein Wort mehr mit einander gesprochen. Was war der Gegenstand dieser kurzen Unterredung? Ich weiß es nicht. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Mann mit den großen Taschen eine Auskunft brauchte, die Rochereuil ihm allein geben konnte. Vielleicht handelte es sich um Abbe Lafon. Ew. Exzellenz werden nicht vergessen haben, daß Pavie es war, der diesem Mitschuldigen Malet's bei seiner Flucht aus Paris behilflich war, und daß wir seit- dem seine Spuren in Poitiers verloren haben. Vielleicht kennt Rochereuil sein Versteck. Wie dem aber auch sein möge,— nachdem sie ihre Nachrichten ausgetauscht hatten, thaten Rochereuil und der Mann mit den großen Taschen, als ob sie einander mißtrauten. Ew. Exzellenz wollen den Beweis haben, daß sie Kommödie spielten und unter einer Decke steckten? Nun, Rochereuil hat mit Hilfe seines Bruders und der Juliette Lefran�ois dem„Mann mit den großen Taschen" die Mittel an die Hand gegeben, um meine Wachsamkeit zu täuschen. Ich komme jetzt auf das, was gestern geschehen ist. Gegen drei Uhr nachmittags benachrichtigte einer der städtischen Polizei-Kommissare den Unlerpräsekten, der mich davon in Kenntniß setzte, daß am Abend in einer übelberüchtigten Schenke„Zu den vier Cypreffen" in geringer Entfernung von Poitiers eine Zusammenkunft stattfinden sollte. I Der Polizeikommissar war durch den Wirth davon benach- richtigt worden, zu dem ein Unbekannter gekommen war, um den Saal zn bestellen. Ich begab mich unverzüglich nach den „vier Cypreffen". Der Wirth bestätigte mir die Sache und verbarg mich in einem Verschlag, von wo aus ich alles sehen und hören konnte. Ich wartete vergebens. Um 11 Uhr nachts begriff ich, daß die Versammlung entweder verschoben, oder daß ich augeführt worden war. Ich kam nach Poitiers zurück, ohne eine Minute zu verlieren; aber trotz größter Beschleunigung konnte ich erst um zwölf Uhr dort sein. Ich fand nieine Agenten vor, die mich zum Rapport er« warteten. Alle vier benachrichtigten mich, daß sie während des Abends Louis Rochereuil, einen seiner Freunde und Juliette Lefrau?ois auf sonderbare Art gehen und kommen sahen. Sie waren ihnen bis ll'/s Uhr ohne sonderliches Resultat nach- geschlichen, denn um Uhr waren Louis Rochereuil und Juliette jeder für sich ruhig nach Hause gegangen. Die vier Berichte, die wunderbar übereinstimmten, waren ei» Lichtstrahl für mich. Es war klar, daß man mich von Poitiers entfernen wollte und ebenso klar, daß auch meine Agenten ihre Zeit vergeudet hatten, indem sie den Spuren Louis Rochereuil'S und der Lefranyois folgten, die sich über sie lustig gemacht hatten. Aber weshalb? Zu welchem Zweck geschah dies? Ich eilte sofort zum Unterpräfekten, den ich aus dem Schlafe wecken ließ. Er wußte nichts, und seine Spezialagenten hatten ihm nichts berichtet. Er theilte mir nur mit, daß er auf An« ordnung des Präfekten den Befehl, Pavie wieder in Freiheit zu setzen, in das Gefängniß geschickt habe. Dieser Mensch hatte deni Gericht Papiere übersandt, die seine Persönlichkeit fest» stellten; und da keine Anklage auf ihm ruhte, hatte der General- prokurator sich seiner Entlassung nicht widersetzt. Herr Minister, bei dieser Nachricht begriff ich alles und kehrte in der sicheren Erwartung in das Hotel zurück, daß ich den„Mann mit den großen Taschen" dort nicht mehr finden würde. In der That war er daselbst nicht mehr er« schienen. Es war indeß zu spät, um Nachforschungen an« zustellen. Aber am nächsten Morgen begann ich sofort damit. Von dem„Mann mit den großen Taschen" war auch nicht das Geringste zu hören. Niemand hatte ihn gesehen. Mein« Agenten durchsuchten die Dirnenhäuscr: nichts. Ich ging selbst zu den Fuhrwerksbesitzcrn: nichts. Schon verzweifelte ich, seine Spur wiederzufinden, als der Zufall mir zu Hilfe kam. Ew. Exzellenz haben vielleicht nicht vergessen, daß ich in meinem ersten von Poitiers datirten Briefe eines Pelzwaaren« Händlers erwähnte, der mit uns reiste. Dieser brave Mann hält sich seines Geschäftes wegen noch immer hier auf. Als er mir heute Morgen beim Frühstück guten Tag wünschte, sagte er: „Nun, unser Reisegefährte hat unL ja verlassen, er ist nach Paris abgereist." „Wie! abgereist?" „Ja, gestern Abend ging ich auf dem Wege jenseits de? Pariser Thores, an der Herberge„Zum weißen Roß" vorüber spazieren. Wen sah ich da? Herrn Pavie. Das überraschte mich, denn ich glaubte, er wäre" noch im Gefängniß. Im selben Augenblicke kam die Post von Bordeaux an. Herr Pavie gab ein Zeichen zum Halten und fragte, ob noch ein Platz nach Paris zu haben wäre. Ter Kutscher antwortete„ja", und Herr Pavie stieg dann in den Wagen. Unter uns gesagt, war mit diesem Herrn nicht viel los. Er hätte doch vor der Abreise wenigstens feine Hotelrechnung bezahlen können. Ach, mein Herr, wie leicht kommt es doch auf Reisen vor, daß man sich mit unehrlichen Leuten einläßt!" Ich ließ den braven Mann seine Erzählung zweimal wiederholen, und er versicherte mir, daß er sich nicht getäuscht habe. Kurz, Herr Minister, alles klärte sich aus: Das Ver- schwinden des„Mannes mit den großen Taschen", die falsche Denunziation, die mich nach der Herberge zu den„Vier Cypreffen" gelockt hatte, schließlich das Gehen und Kommen von Louis Rochereuil und der Lefran?ois. Durch hinterlistig, Täuschung des Herrn Präsekten und des Herrn General. proknrators erlangte der erwähnte Pavie seine Freiheit wieder, und da wir ihn nicht ewig hier behalten konnten, war eS ja anch nicht weiter schlimm, voransgesetzt, daß ich ihn nicht aus den Augen verlor. Damit er mir entwischen konnte, hat man mir die Posse von den„Vier Cypressen" vorgespielt und hat Louis Rochereuil den ganzen Abend hindurch meine Agenten spazieren geführt. Wenn ich offen sein soll, Herr Minister, so muß ich gestchen, daß ohne den zufälligen Spaziergang des braven Gänscbälge- Händlers auf dem Wege hinter dem Pariser Thor die Sache nur halb geglückt wäre. Ich ziehe ans all dem zwei Schlüsse, Herr Minister. Erstens: Rochereuil und der„Mann mit den großen Taschen" verstehen sich und handeln nach Uebereinkunft, obgleich sie sich im Gefängniß nicht zu kennen oder erzürnt zu sei» schienen. Zweitens: die Verschwörer legten großen Werth darauf, daß dieser Mensch meine Wachsamkeit täuschte, denn sie haben ihm alle hilfreiche Hand geleistet, und der ältere Rochereuil hat sogar offen seinen Bruder und seine Geliebte dabei benutzt, was er sonst nicht thnt, aus Furcht, sie zu kom- promittiren. Es ist also dringend nöthig, dein„Manne mit den großen Taschen", der sicher einer der Führer, wenn nicht der erste Führer des neuen Komplots gegen die Autorität Sr. Majestät des Kaisers ist, ans die Spur zu komnien. In derselben Stunde, als ich diese Nachrichten erfuhr, konnte ich eine Depesche an den Direktor des Kabinets Ew. Exzellenz aufgeben. Ich benachrichtigte ihn, daß er die Barriären über- wachen lassen möchte, da unser Mann wahrscheinlich einige Meilen vor Paris absteigen und von einer anderen Seite als dort, wo man ihn erwartet, hineinkommen wird. Zugleich hat einer meiner Agenten einen Wagen und Post- pferde genommen und fährt nach Paris zu. Er wird auf den Vorspannstationen, den Post- und Eilwagen- Bureaus Nach- sorschungen halten. Es wäre nämlich möglich, daß der„Mann mit den großen Taschen" unterwegs Aufenthalt nähme. In diesem Falle wird sich der Agent, den ich ihm nachgeschickt habe, ohne Zeit zu verlieren darau machen, seine Spur wieder aufzufinden. Ich werde noch zwei oder drei Tage in Poiticrs bleiben, um mich zu vergewissern, daß incine Befürchtungen begründet und daß Rochereuil und Abbö Georgct für den Augenblick unthätig sind. Hierauf werde ich, wenn nicht andere Befehle von Ew. Exzellenz eintreffen, nach Paris zurück- kehren und dafür Sorge tragen, daß ein intelligenter Mann hier bleibt, um die Ueberivachnng fortzusetzen nnd sich dem Untersuchungsrichter Drault zur Verfügung, zn stellen, der ein Beamter mit viel gutem Willen ist. Sie beide und der Unterpräfckt Bourgnon müssen für den Augenblick, da die Lage keine besonders verwickelte ist, genügen. Ich glaube, daß Eiv. Exzellenz ruhig schlafen können. Genehmigen Sie gnädigst, Herr Minister, die Versicherung meiner Ergebenheit und Hochachtung. Degrange. (Fortsetzmig folgt.) Vom modernen Dinnpfgemeede. Es ist jetzt in allen Kunst-Zeitschriften, in allen Diskussionen über Kunstfragen von einer durchgreifende» Umgestaltung des Knust- geivcrbes i» modernem Sinne die Reds. Man will die Dinge, die uns täglich umgebe» nnd die'wir sortwäbrcud gebrauchen, i» einer Weise künstlerisch durchbilden, die den Bedürfnissen und dem Empfinden der heute Lebenden entspricht. Man sucht»ach einem neuen Stil und setzt sich in schroffen Gegensatz zn dem, was bisher als schön galt. Gelänge es dieser Bewegung, an ihr Ziel zu kommen, so wäre sie bedeutsamer als jede»och so tiefgehende Wandlung in der reinen Kunst, weil sie viel weitere Kreise berühren würde. Die Erkenutniß, daß unser Kunstgewerbe darniederliegt, ist nicht etwa neu. Schon ans der ersten Weltausstellung, die in London löbl ver- anstaltet wurde, kam es den Urtheilsfähige» allgemein zum Bewußtsein, daß die damaligen kunstgewerblichen Leistungen, verglichen mit denen früherer Jahrhunderte, eine» beschämend geringen künstlerischen Werth hatten. In allen Länder», besonders auch in Deutschland, begann damals eine äußerst rege Arbeit; eine ganze Anzahl von Schulen und Museen, Vereinen und Zeitschriften zur Förderung des Kunstgewerbes wurden gegründet.�Und heute, nach einer bald fünfzigjährigen An- strengung, muß man sich eingestehen, daß man so eine neue Bllllhe deS Kunstgewerbes nicht hat Herbeiführen könne». Wer sich einmal in einem Kunstgewerbe-Mnseum Arbeiten ans früheren Jahrhunderten, etwa alte Möbel, angesehen hat, der wird ihre strenge Sctlidilät, die gediegene Dirrchbildung des Ganzen wie der einzelnen Theile bewundert haben. Es ist, als sähe man an ihnen die Liebe zur Sache, die behagliche Ruhe, mit der sie gearbeitet wurden. Ihr Werth beruht auf der individuellen Leistung des ein» zelnen Meisters, der sie entwarf und zugleich ausführte. Die in de» Museen gesammelten Stücke sind natürlich die besten ihrer Art. Aber auch die einfacheren jener Zeit zeigen eine große Sicherheit in der Konstruktion und praktische Brauchbarkeit. Und auf der anderen Seite ist in den Zeiten blühender Ent» faltung der Künste eine strenge Abscheidung dieser Werke gegen die der reinen Kunst nicht vorhanden. Die berühmten Bahnbrecher in der Kunst der Nenaiffance stehen unter Handwerken als ihresgleichen. Sie arbeiten zum theil auch für das Kunstgewerbe, entwerfen Zeich- nungc» für Geräthe und modelliren selbst. Die großen Bildhauer des 15. Jahrhunderts in Florenz gehörten der Zunst der Gold- schmiede an, und in Deutschland haben Dürer und Holbein viel- bewunderte Modellzeichuiingen geliefert. So ist die gesammte künstlerische Bethätigung von einem einheit- lichen Geiste erfüllt. Die hervorragenden Kräfte treiben die künstlerische Enlwickelung vorwärts, während die einfacheren Meister durch die »»»littelbare Berührung mit ihnen Anregungen empfangen und ihnen folgen. Herne hat sich die Gesammllage völlig verschoben. Immer mehr tritt an die Stelle der Eiiizclnrbeit die M a s s e n w a a r e, an die Stelle der Handarbeit die Maschine. Es kommt nunmehr vor allem daraus an, die Mittel der Maschine möglichst auszunutzen. Nach einem passende», gesälligeu Modell werden Hunderle nnd Taufende von Exemplaren des Stückes hergestellt, die dann in kaufmännischem Betrieb abgesetzt werden. Von einem individuellen Werth des ein- zelnen Stückes kann dabei nicht mehr die Rede sei». Zwischen dem sinkenden Handwerk und der Kunst hat sich z» gleicher Zeit eine völlige Trennung vollzogen. Die Künstler haben sich losgelöst und bilde» eine Klasse für sich, die gesellschaftlich weit über den Handrverkern steht, ja mit Verachtung aus den herabsieht. der den niedrigen Bedürfniffeu des Lebens dienen muß. Dadurch sind dem Haudiverk die beste» Kräfte entzogen, zivischen Handrverk und Kunst hat sich eine Mittelschicht geschoben, das Kunst- g e w e r b e. das verivöhntere Ansprüche zu befriedigen sucht. ZIber die ganze Art, wie dieses Gewerbe betrieben ivird, ist nicht ge- eignet. Resultate zu zeiligen, die wahrhast künstlerischen Werth hätten. Die Bearbeitung der knnstgeiverblichen Aufgaben liegt im all- gemeinen in den Händen von Musterzeichnern, Modelleuren, die auf einer kunstgewerblichen Schule ihre Ausbildung cinpsange» haben. Als man in de» fünfziger und den folgenden Jahren so energisch daran ging, deni Kunstgewerbe aufzuhelfen, da lag es nahe, sich an die bewährten Muster der Vergangenheit zn halle», deren An- blick ja die Auge» für die Mängel der eigenen Leistungen geöffnet hatte. Und so nnterrichtetc man die Zöglinge der Schulen in den verschiedenen Clilforme» früherer Epochen. Man sing aber dabei genau am verkehrte» Ende an. Man vergaß, daß die Haupt- fache bei einem gewerblichen Gegenstand nicht die Schmuck- form, sondern die K o n st r» k t i o» ist. Es sei ein- mal zugegeben, daß jemand, der künstlerisch arbeiten will, sich ohne weiteres der Fonuen früherer Stplarte» bedienen darf. Die Be- folgung der konstruktiven Gesetze ist und bleibt aber erste Bedingung seines Schassens. Sie ist es auch für seine Vorbilder gewesen. Jene Alten waren tüchtige Handiverker, die ihr Fach gründlrch kannten und wußten, was sie darin erreichen konnten. Der Musterzeichner unserer Zeil aber hat solche Fachkenntnisse nicht. Er gehl ans von denr Schmuck, er entwirft aus den Formenelementen, die er aus« wendig gelernt bat, durch neue Verbindungen eine neue Zeichnung. Jede innere Beziehung zu dem besonderen Material, der besonderen 'tlufgabe, der besonderen Technik fehlt. Das Schaffen aus diesen Be- dingungen heraus ist ihm fremd. Und so kommt denn der überladene nnd verständnißlose Prunk- schmuck zu stände, der für die überwiegende Masse der heutigen knnstgeiverblichen Produktion charakteristisch ist. Den, Protzenthnm dieser Zeit entspricht es, daß man sich gar nicht genug thun kann init schmückendem Beiiverk, das überall die klaren und einfachen Beziehungen der Kouftruktion und des Zwecks verdeckt. Ans derselbeir Linie steht die so viel angeivandtc„Imitation" werthvoller Materialien. Selbst ivenn es wirklich möglich wäre, ivie kann es ein künstlerisches Prinzip sein, etwas vorzutäuschen, ivas in Wahr- heit nicht vorhanden ist? Aber es ist doch nur für de» flüchtigen Blick und den gänzlich Unkundigen möglich. Der köstliche Reiz echter Stoffe ist nun einmal durch keine Bcarbeitniig iveniger werthvoller Materialien zn erzielen, und die versuchte Täuschung ivirkl um so beleidigender für das geschulte Auge. Wenn man statt dessen die zwar bescheidenen, aber doch vorhandenen Reize auch der einfachsten Materialien durch eine geeignete Bearbeitung herausholen würde. so könnte man ästhetisch durchaus befriedigende Wirkungen er- zielen. Eine ähnliche Täuschung wie mit dem Material versucht man auch mit der Technik. Seitdem die Maschine die Handarbeit zu verdrängen begann, hat man ihr die Anfgabe zngemuthet, die Hand« arbeit zn imitiren. Tie Arbeit soll aussehen„wie mit der Hand geniacht." Wieder wäre es ästhetisch richtiger, die Eigenheiten der Maschinenarbeit zn verwerthen nnd innerhalb der hierdurch gc« zogenen Grenzen etwas Neues zu schaffen. Daß man auf die prak- tische Brauchbarkeit keine Rücksicht nimmt, hat wohl jeder oft genug unangenehm empfunden. Selbst wenn aber das heutige Kunstgewerbe diese sachlich unbedingt erforderten Prinzipien von den Alten mit herübergenoinmen hätte, eine hohe Werlhung würde es bei deni gänzlichen Mangel an Originalität doch nicht finden können. Es kann nicht Anfgabe unserer Künstler sein. Vergangenes zu wieder- holen. Wir haben neue Bedürfnisse, neue Wünsche, neue Forde- rungen an die Schönheit. Diesen zu entsprechen und das Kunstgewerbe wieder auf die gesunde Basis einer sicheren Konstruktion z» setzen, das ist die Auf« gäbe, die die neue Bewegung sich gestellt hat. Vor ihr hatte im 19. Jahrhundert nur die Malerei eine selbständige Entwickelnng durchgemacht. In schwerem Ringen war es ihr gelungen, rein künstlerische Werths zu entwickeln und so im allgemeinen das Gefühl für künstlerische Wirkungen zu verschärfen. Das geschulte, sein empfindende Auge des modernen Malers mußte aber durch das barbarische, disharmonische unserer ganzen Umgebung empfindlich verletzt werden; und es ist daher verständlich, daß gerade»o» modernen Malern die Bemühungen ausgehen, diese Unkultur durch »in künstlerisch vollwerthig durchgebildetes Ganzes zn ersetzen. So bahnt sich die Verbindung zwischen der„hohen" Kunst und dem Kunstgewerbe wieder an, durch die allein es möglich ist, daß ein neues, gesundes modernes Kunstgewerbe entsteht. Man weiß heute, daß der Entwurf eines gewerblichen Gegen- standes auszugehen hat von der Konstruktion, die ihn zunächst geeignet für de» praktischen Gebrauch gestallen muß. Auch bei dem prachtvollsten Geräth bleibt die Brauchbarkeit die Hauptsache; genügt es in diesem Punkte nicht, dann ist das Ganze verfehlt, mag auch noch so viel Kunst im einzelnen daraus verwendet worden sein. Mau hat ferner eingesehen, daß das ganze Bestreben darauf hinaus- gehen»inß, die Eigenart und die Vorzüge deS Materials und der Technik herauszuarbeiten.und ins rechte Licht zn setzen. Es hat sich bei diesen Künstlern ein sehr seines Gefühl für die Besonderheiten der Materialien entwickelt, n»o sie nutze» die durch keine» Kunstgriff zu ersetzenden vornehmen Netze edler Stoffe ausgiebig ans. Was sie aber besonders auszeichnet, das ist die intime Kennlniß der Technik. Diese Künstler tischlern und töpfern selbst und wissen daher genau, welche Techniken sie am besten verwenden können, und welche Wirkungen diese erziele». Diese drei Bedingungen, Gebranchszweck. Material und Technik, legen dem Künstler erhebliche Beschränkungen ans, aber er vermag auch gerade durch deren verfländnißvolle Verwendung anßerordent- liche künstlerische Wirkungen ansznlösen. Sie sind dem groben Künstler nicht ein Hemmniß. sonder» ein Hebel des Schaffens. Sie fordern ihn auf zu einer streugcii Beschränkung im formalen Schmuck. Der ganze Reiz liegt in der klaren tkonstruktion, dem schöne» Material und der vollendeten Technik. In leisen Biegungen, i» diskret an- gebrachten Ornamente» ist oft alles erschöpft, was über das un- bedingt Nolhwendige hinausgeht und eine schöne, vornehme Wirkung erzielt, besonders gegenüber der marktschreierischen Ueberladenheit der früheren Werke. Und diese Ornamentik zeigt einen durchaus neuen originelle» Stil, dcffen außerordentlich mannigfaltige Formen de» verschiedensten Motive» entnommen sind. So einfach und auch selbstverständlich diese Prinzipien er- scheinen, eine so große Kunst gehört zu ihrer vollendeten Durch- sührung. Es gehört eine andauernde bewußte Arbeit und ein feiner künstlerischer Takt dazu, sich im Rahmen der Bedingungen zu halten und doch etwas Freies, Künstlerisches zu schaffen. Es hieße freilich zn oplimislisch sehen, wenn man glaubte, daß die bisherigen Anfänge mehr bedeuten, als daß ein verheißungs- voller Weg eröffnet ist. Noch sind erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden. Die Bewegung würde sich ans einen kleinen Kreis be- schränken und eine verhältnißmäßig geringe Bedeutung haben, wenn es ihr nicht gelänge, in die Maschinenproduktion gesunde Prinzipien hineinzubringen und für die übergroße Mehrheit der Gebrauchs- gegenstände einfache, aber doch gefällige Formen zu erfinden, die der Technik entsprechen und eine gediegene, praktische Konstruktion zeige». Bis jetzt hat sich die Thärigkeil fast ausschließlich ans Einzelarbeiten beschränkt und im Material»nd in der Arbeit mit Preisen gerechnei, die nur von sehr Wenigen zu erschwingen sind. Aber man ist sich mich dieser Aufgabe bewußt geworden»nd wird ihre Lösung ver- suche». Ueberall gehen junge Künstler rührig an die Arbeit, im Ausland schon seit längerer Zeit als bei uns. Seit dem 1. Oktober d. I. erscheine» auch gleich drei Kunstzeilschriften, die sich fast nur mit diesen Fragen beschäftigen. Die großen Älnstrengungen«nd auch die bis- berige» Erfolge lassen hoffen, daß wir an» Anfang einer großen, folgenschivereu Be>vegung stehen. kl. Vloinos Fouillckon lieber die zwvlfstündiac Rede des vsterrcichischeu Ab- geordneten Lecher äußert sich das„Nene Pester Journal" u. a. folgendermaßen: Man muß sich nur vorzustellen suchen, ivas eine zivölsstündige Rede bedeutet. Nehmen»vir an, daß die dem Redner nicht einmal erivünschten Unterbrechungen durch die Freunde, die dem Sprecher kleine Rnhepansen crzrvingcn sollten, volle zivci Stunden verschlungen hätten. Blieben noch zehn Stunde» Beredt- samkeit. Ei» ruhiger Redner, der im Besitz seiner vollen Nerven- traft ist, spricht i» der Minute 90, also in der Stunde 5400 Wörter, das sind etiva 12 000 Silben. I» zehn Stunden sage und schreibe hnndertundztvanzigtauscnd Silben oder nach annähernder Schätzung achtinalhundertvierzigtauscnd Laute. Jeder Laut erfordert eine besondere, von der frühere» abweichende Haltung der Zungen- und Lippen- mnskeln. Die deutsche Sprache ist an und für sich keine der be- quemsten, wie jeder Ausländer weiß, der sie in reiferen Jahren er« lernt hat. Sie leidet am Ueberflnß der Konsonanten und Mangel der Vokale. Sie mulhet den Sprachiverkzengen iveit größere Arbeit z», als etwa die französische, englische und italienische Sprache. Dr. Lecher aber spricht mit geringe» Unterbrechungen 840 Y00 Laute dieser Sprache. Da uns das Maaß für Gehörtes iveniger geläufig ist, als für Gesehenes, mag noch eine andere Art versucht»verden, die Leistung Dr. Lecher's festzustellen. Eine Druckzeile enthält durch- schnittlich 6—7 Wörter, eine mäßige Buchseite etiva 33—40 Zeilen, das ist 250 Wörter. Dr. Lecher hal nach unserer obigen Berechnung 54 000 Wörter gesprochen, also einen Band von 216 Seiten.— Theater. Ermete Z ac c on i ist nun nacheinander in mehreren Rollen aufgetreten, und der Zweifel, dem er in der unglücklichen Aufführung der Gespenster begegnet war. hat sich in Enthusiasmus geivandell. Beisallsstürme, wie sie in T n r g e n i e w's„G n a d e n b r o t" den Künstler belohnten, sind im Neuen Thealer wohl noch nie ver- nommen worden. Ohne Ziveifel ist Zacconi ein Schauspieler von ganz ungewöhn« licher Willenskraft. Während der begabte. Deutsche im genialischen Wahn über das Handiverksinäßige in seiner Kunst gerne hiniveg- sieht, wird die technische Arbeit von den Romanen oft mit erstaun« lichein Fleiß bezwungen. Man verläßt sich nicht gerne auf die Improvisation, die augenblickliche Stiinmung, den jähen Einfall. Nichts wäre thörichter, als im Ermete Zacconi einen Künstler zu sehe». der sich vom jeiveiligen Moment völlig beherrschen läßt. Wie in vollendeter Dressur ist jeder Nerv, jeder Muskel seines ganzen Körpers dem Willen des Künstlers untertha». Das gäbe freilich erst ei» artistisches Geschick; und damit allein wäre die Wirkung seines Spiels nicht erklärt. Die ist dort am mächtigsten,>vo Zacconi«in Genreport.rät entiverfen kann. Im Genre decke» sich bei ihm änßere Vollendung »nd innerer Wahrheilsdrang. Darin steckt ei» gutes Stück modernen Wesens in ihm. Der monumentale Schmerz, die große tragische Wucht, alles was ans Düstere und Erhabene reicht, scheint die merkivürdige Begabung Zacconi's wenig zu berühren. Wo aber die Seele zum Mitleiden gestimmt wird, ,vo die arme Kreatur erliegt, ein grausames AUtagsschicksal sich vollendet, rvo ei» braves Menschen- kind dem Hohn und Ucbermulh ausgesetzt ist oder eine ursprünglich feinangelegle Natur im Schmutz sozialer Verhältnisse verdirbt, da findet Zacconi das Instrument, worauf er mit ergreifender Meister- schaft spielen kann. Ei» verlumpter Adliger will dem Glück und der Reinheit seiner Tochter nicht im Wege stehe»; was dem Zyniker noch an innerem Werth, an Scham übrig geblieben »var, das rafft er zu einem letzten befreienden Ent« schlnß empor. Er macht seinem zerstörten Dasein freiwillig ein Ende. Aus diesen und ähnlichen Vorivürfen holt Zacconi sein bestes Können; und wenn er Mitleid init den Verlorenen erivecken kann, so ergreift zugleich seine Kunst am tiefsten. Der arme Teufel, der das Gnadenbrot ißt, wird von vornehmen Bilde» gehänselt. Er merkt es nicht, man hat ihm einen Rausch angezecht; da man ihn aber vollends zum Narre» machen will, da erivacht er zur Selbst- »vürde, und hier entfaltet der Künstler alle seine Stärke: das kleine Genre erfährt einen Zug natürlicher Größe. Ilm deutlichsten viel« leicht ließ sich die Begrenzung und Art von Zacconi's schau- spielerischem Genie am Mittivoch in Shakespeare's„Lear" erkennen; und zugleich ließ sich auch wahrnehmen, durch ivelch' schroffe Einseitigkeit so machtvolle, energische, schauspielerische Ein« drücke hervorgebracht werden. Wenn Zacconi als Lear die Szene betritt, so wackelt der alte, graue Kopf. Keines Königs stolze Majestät steht vor uns, ausgezänut und aufgebügelt. Ein Bild hinfälligen Alters ist dieser Lear. Sein Geist hat bereits zu schivärmen begonnen. In dieser Grundauffassung ist das Gebilde durchgeführt, nicht iur Freskostil Shake- spearc's, sondern in eine Reihe von Genrezügen aufgelöst, von denen einzelne mit unwiderstehlicher Gcivalt die Seele des Hörers erobern, während andere nach der Natur fludirt, gemacht erscheinen. Wenn Zacconi der Tochter Goneril flucht, so vermeidet er Deklamation und»vuchtige Pathetik, und doch ivie kann der ge- kränkte, alte Lear hassen. Zacconi's Lear stöhnt bei seine»» Fluch. Jedes Wort,»vie es sich heiser von der Kehle losringt, bohrende Leidenschast und Empörung. Noch einmal erreicht Zacconi»nit ähnlich einfachen Mitteln eine gleich niedcrzivingende Wirkung: das ist, als dem»vahnsinnigen Lear aufdämmert, er sei bei seiner Tochter Cordelia. Wie eine Ahnung dessen,»vas er begangen, kommt cs über ihn und»vie«in Bettler»nd dennoch»vie ein edler Greis beugt er, Iii» Verzeihung bittend, sich über Cordeliens Hand.— Dagegen wäre über den„Verismus" der Jrrsinnsftudie, die so»veit geht, daß Lear einmal»vie ein vertrotteltes Alterchen forthnmpelt, mancherlei zu sage». Ein Schlußivort über Zacconi behalten»vir uns vor.— — Luisen-Theater. Ganz überraschend ist die Ver- änderung, die in diesem vor gut Jahresfrist eröffnete»» Theater vor sich gegangen ist. Es»vard gegründet als Spezialitäten-Theater mit Kneiptischen im Parterre, doch ging die Direktion des Unternehmens schon nach einigen Wochen daran, die Reckturner und Trompeten« virtuosinnen zu verabschiede» und völlig die Berliner Lokalposse zu pflegen. Und als am lllusgange dieses Sommers die neue Spielzeit begann, da»varen die letzten Erinnerungen an die Eröffnungsperivde, die Kneiptische verschwanden, und der Zuschauerraum war gleich dem der anderen vollgiltigen Theater hergerichtet. Die Bühne fand in Herrn Julius Türk einen tüchtigen Leiter. dem das Wagestück der Aufführung klassischer Dramen mit Erfolg gelang. Nunmehr ist ein neuer Schritt gemacht. Das Luisen« Theater brachte am Mittwoch Abend ein wenn auch älteres Stück eines modernen Autors zur Aufführung. Felix Philippi's Schauspiel„Das alte L i e d das vor Jahren im Deutschen Theater und dann im Lessing-Theater gegeben wurde. liegt dem Ensemble wie dem Publikum des Hauses in der Neichen- bergerstraße allerdings insoweit nahe, als namentlich der erste Akt derb berlinerisch ist; hier verstand vor allem Frl. Milbitz die Rolle der Kupplerin mit humorvoller Naivetät zu geben. Aber auch die ernsten Szenen wurde» mit gutem Telüigen dargestellt. I» Frl. Jenny Marba hat das Luisen-Thcater eine Künstlerin engagirt, welche, nach ihrem Debüt zu schliehen, die Eutwickelung der Bühne wesentlich förder» helfen wird. Sie gab das kokett« Weib, das mit dirneu- haster Leichtfertigkeit den Gatten betrügt und in dirnenhaftem Trotz der Katastrophe gegenüber steht, wirksam, ohne in Effekthascherei zu verfalle». Von den übrigen Mitgliedern erwähnen wir ehrend die Herren Nichter, Laudeck. Arno und Reiff, sowie die Damen Martens»nd Bendix. Mit ergreifender Lebenswahrheit wußte Herr Türk die Episodenrolle des aus dem Eesängnip kommenden Luckhardt zu spielen.— — Wie Theater geleitet werden. In einer der letzten Sitzungen des Mainzer Stadtverordneten-Kollegiums wurde darüber debattirt, ob dem Direktor des Stadttheaters sofort zu kündigen sei oder nickt. Zur Charakterisirung des Direktors brachte «in Stadtverordneter folgendes vor: Die Balletineisterin des Theaters hatte ein neues Ballet vorgeschlagen. Zur Aussührnng hätte man acht neue Schleier gebraucht. Das dänchte aber dem Direktor eine so große Ausgabe, daß er den Vorschlag der Balletineisterin ab- lehnte.—- Ans dem Thierlebe». —„Instinkt" oder Verstand? Ich habe, so schreibt uns ein Freimd. einen Kanarienvogel, der in jedem Sinne des Wortes sehr aufgeweckt ist— manchmal zu sehr. Neulich bekam ich einen Sonnenblumeukopf mit Samen. Der Samen schmeckte dem kleinen Burschen vorzüglich, machte ihm aber Schwierigkeiten beim Oeffnen. Dieser Tage fiel ein Kern, an dem er herumbiß, hinunter i»S Wassernäpfchen. Lange sprang das Kerlchen um das Wassernapf, sehnsüchtig hineinschauend, bis es sich plötzlich Mnth faßte, und den Kern herausholte, was natürlich ohne Beuetzung des Kopfes nicht abging. Doch das Experiment scheint gefalle» zu haben. Seit gestern bemerke ich, daß mein Vogel jeden Sonnenblumenkeru, den er de- kommt, in das Wassernäpfchen trägt, ihn etwas durch- weichen läßt und— dann in aller Geinütbsruhe verspeist. Offenbar hat er bei dein Unfall mit jenem Kern die„Entdeckung" gemacht, daß das Wasser die Schale aufgeweicht und das Oeffnen erleichtert hat. Wie anders„entdecken" und„erfinden" wir Menschen?— Physiologisches. u. Empfindlichkeit bei Geschmackssinnes. Vor einiger Zeit angestellte Untersuchungen haben die merkwürdige Thal- fache ergeben, daß wir Süßigkeiten um so deutlicher empfiuden, wenn dem süß schmeckenden Körper geringe Mengen eines bitteren oder salzigen Stoffes beigefügt find. Dabei dürfen diese salzigen oder bitteren Substanzen in so geringer Quantität beigemischt sein, daß man sie. allein genossen, überhaupt nicht schinecken kann; thnr man aber eine solche an sich unmerkliche Menge z. B. von Kochsalz oder falzsaurem Chinin zu einer zwölfprozentigen Zuckerlösung, so schmeckt diese süßer, als eine fünfzehnprozenlige. der man keinen salzig oder bitter schmeckende» Stoff beigegeben hat. Je mehr einer anders schmeckenden Substanz man beifügt, um so süßer erscheint der Hauptbestandtheil der Mischung; doch darf man dabei eine gewisse Grenze nicht überschreiten, sonst tritt wieder«in salziger oder bitlerer Geschmack auf und dieser beeinträchtigt dann den süßen Geschmack deS Zuckers.— Medizinisches. k. B e i» l ä h m n n g e n durch Arbeiten in knieender Stellung. Eine Lähmung der Unterscheukelnerven aus einer eigenartigen Ursache beschreibt der Nervenarzt Dr. Krön in der „Deutsch, med Wochenschr.". Ein lsjähriges Mädchen zog sich durch mehrtägiges Umlegen von Torfftücken, wobei es saft den ganzen Tag knieend aus dem feuchten Boden zu verbringen hatte, eine typische Lähmung des einen Unterscheukelnerven zu, die sich in Schwäche der Füße und in der Unmöglichkeit, die Zehen vom Boden zu erheben, äußerte. Eine ganze Reihe ähnlicher Lähmungen an de» unteren Extremitäten, die in der Hauptsache durch Quetschung der Unter- schenkelueroen in der Kniekehle bei länger dauerndem Knieen bedingt sind, wurden schon von anderer Seite früher beschrieben. So bei Personen, die Tage lang Kartoffeln„gebuddelt" haben, bei einem Asphaltleger nach mehrstündiger Arbeit in kniehockender Stellung, bei einem Tischler nach dem Abhobeln eines Fußbodens, bei einem Mann, der beim Legen von Wasserleitungsröhren längere Zeit knieend in einem Grabe» zugebracht hatte, und schließlich bei mehreren Feldarbeitern, die beim„Rübenversetzen" beschäftigt waren. Da die Lähmimg oft eine recht hartnäckige ist und schon»ach wenigen Stunden dauernden Knieens auftreten kann, so hat eS allgemeines Interesse, ans sie hinzuweisen. Dem knieenden Körper durch Aufstützen einer Hand eine weitere Hilfe zu geben, oder, wenn das nicht möglich ist. die Arbeit im Liegen auszuführen, ist ein zweckmäßiger Rath. Jedenfalls aber muß die bedenkliche Lage sofort geändert werden, sobald das geringste Gefühl von Kriebel». Ein- schlafen oder Schwäche in den Füßen auftritt.— Mineralogisches. — Neue Uraniumfuude sind im Staate Washington bei Kittetas County gemacht worden, und zwar nahe an der Erd- oberfläche, während es an den bisher bekannten Fundstellen S00 bis 1000 Fuß tief herauf geholt werden mußte. Urauinm ist eines der seltensten und darum auch werthvollsten Metalle; eS ist etwa fünfmal so lheuer wie Gold. Das reine Uranium findet noch keine Verwendung, wohl aber Uraniumpräparale bei der Photographie, sowie bei Glas- und Porzellanmalerei. Fei» gemahlene Uranpech» blende eignet sich besonders zur Herstellung eines schönen Sckwarz auf Porzellan. Urangelb wird als feine Malerfarbe, sowie zur GlaS- und Porzellanherstellung verwendet. Man stellt damit die bekannten grünlich-gclben Gläser(Uranglas) her und durch Zusatz von Kupfer- oxyd die smaragdgrünen. Salpelersaures Uranoxyd sowie cssig- saures Uranoxyd dient als Reagens und zur quantitativen Be- stimliinng der Phosphorsäure in Düngemitteln. Das salpetersaure Uranoxyd ist lichtempfindlich und hat daher in der Photographie Verwendung gefundeii.— Humoristisches. — Morganatisch. Frau Plaschke: Sage mal, Männe, wat is det eijeullich: cene morjanatische Trauung?— Plaschke: Det is eene Tranunz zur linken H a» d.— F r a n Plaschke: Zur linken Hand? Det is also een Brautpaar, wat k e e n e rechten Hände hat?— Plaschke: Nee, nee, Olle, so iS det nich uffzu fassen.— Frau Plaschke: Eene Traumig zur linken Hand? Achso, im weeß ick et.— Plaschke: Na?— Frau Plaschke: Det is man, det die Hochzeilsjäste ivissen, wo se an- zuklingel» haben, det se nich rechter Hand mit de Jeschenke rin- loofeii.wojarkeeiieTrattnng is.— Plaschke: Doch falsch, alleus falsch.— Frau Plaschke: Na, wat is et denn?— Plaschke: Det weeß ick ooch nich so janz jena». Ick weeß blos, det so wat bei uns jemeine Leute überhaupt nich möglich is, det jiebt et blos bei die oberen zehn Tausendsassas.— Frau Plaschke: Ach, NU wieß ick schon: eene Trauung zur linken Hand is, wenn eener nich de Rechte heiralhet.— Plafcbke: Umjekehrt, jerade wenn er die heiralhet, die for ihn die„Rechte" is, darf er ihr blos die Linke reichen.— Frau Plaschke: Wanun denn?— Plaschke: Weil sie weiter keine„Rechte" uff ihn hat.— K. T. Vermischtes vom Tage. — In T h o m a s d o r f(Schlesien) hat sich ein 13 jährigeS Mädchen mit Karbolsäure vergiftet, weil die Eltern eS nicht zum K i r m e ß b a l l„ach Einsiedel gehen ließen.— — Der Scharlach ist in B r z e z i n k a(Oberschlesten) sehr stark unter den Kindern aufgetrelen; es sind bereits einige Todes« fälle vorgekommen.— — Durch E i n a t h in e n von K o h l e n g a S sind in Bingen ein 70jähriger Weinhäudler und fein Enkelcheu erstickt.— — Deutschböhmen— nicht gestattet. Aus Kindberg in Steiermark hatte Einer eine Postkarte nach einem deutschen Ort Böhmens gesandt, nachdem er zur Adresse das Wort„Dentschdöhnien" hinzugefügt. Der Postbeamte hat das Wort„Deulsch" mit Blau» stist unlerstricheil, die Adresse kreuzweise durchgestrichen und an den Rand den Vermerk geschrieben„nicht gestattet", worauf dem Ab- sender die Postkarte zurückgesandt wurde.— — In Wien ist der Privatier Bobelle im 101. LebcuS- jähre gestorben. — Eine„internationale Assoziation der Aus« f i ch t s k a r t e n- S a m m l e r" hat sich in Wien gebildet.— Eine Narrheil mehr!— — In P ö tz l e i n s d o r f bei Wien sind zahlreiche Brände vor- gekommen. Als Brandstifter hat sich ein Kutscher entpuppt, dem es um die Prämie zu lhuii war. die er erhielt, wenn er mit seinem Gespann als Erster auf der Brandstätte war.— — Aus der Rennbahn in V i n c e n n e s wurde ein Rad» sahrer vom Schlage gerührt und war sofort tobt.— — Die Leg u n g deS afrikanischen transkon» t i n e n t a l e» Telegraphen begann im April 1896. Am 20. Juli 1897 war er schon 8S engl. Meilen über Fort Johnston am Südeude des Nyassa-Sees hinausgeführt. Um den 15. August haben sechs Ingenieure die Strecke von Karonga nach Tanganyika zu ver« messen begonnen. Ende Juli sind 4000 Zentner Telegraphen- Material, genug für 150 engl. Meilen, in Chinde eingetroffen. Major Fordes ist überzeugt, daß die Linie im nächste» April schon bis uack Abcrcorn am Südeude des Tanganyika-Secs fertig sein wird. Bon da wird er durch Uganda weiter nach Norden gehen, bis er an den egyplischen Telegraphen angeschlossen werden kann.— Die nächste Nummer des Uuterhaltungsblatles erscheint Conn- tag, den 7. November. Verantwortlicher Redakteur: Augnst Jarobetz in Berlin. Druck«nd Verlag von Max Babing in Berlin.