Anterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 219. Sonnwg, den 7. November." 1897. tNalhdruck vsrbots» Dev Dontnn rinev VevsAzivörnttr;. 21 Von A. R a n c. Ins Deutsche übertragen von Marie Kunert. XIV. K r i e g S m i n i st e r i n m. 5!abi>ist des Ministers. An Herrn H.. Privatsekretär Sr. Exzellenz des Herzogs von Feltre. (Vertraulich.) Paris, im September. Werther Herr! . Ich sitze so sebr in der Tinte, wie es nur möglich ist doch habe ich die Spur entdeckt und meinem Vertreter einen Triumph vorbereitet. Denn, werther Herr, es ninß jemand nach Poitiers geschickt werden und zivar so schnell wie möglich Dieser Brief wird Ihnen heute Abend beim Empfang Sr. Exzellenz durch einen sicheren Mann ausgehändigt werden Ich werde nicht zn Ihnen kommen können, da ich die Ehre einer besonderen Ueberwachung seitens Rovigo's genieße. Ich bin sogar sehr überrascht gewesen, als ich nach Paris kam und bemerkte, daß ich envartet wurde. Ich hatte indeß die Vor sicht gebraucht, außerhalb von Poitiers in die Post zn steigen; in Orleans war ich ausgestiegen nnd hatte mir den Luxus eines Postwagens gegönnt, der schneller fuhr als der Omnibus und dreiviertel Stunde» vor diesem eintraf. Das war gewiß nicht schlecht berechnet, und doch summte es schon an der Barriäre von dem lästigen Flicgcngesindel Rovigo's. Ganz entschieden, die Gebrüder Chappc*) sind boshafte Menschen, und es gicbt nichts Niederträchtigeres als den Telegraphen Seitdem werdeich ans gaiizanßcrgcwöhiilicheWciseanfSchriltnud Tritt begleitet. Die Agenten Rovigo's haben entschieden cinTalent, gut zn spionircu: es ist ihr einziges und wir wollen es ihnen nicht bestreiten. Ich sagte Ihnen dock, werther Herr, daß ich in der Tinte sitze. Der Gedanke, daß Degrange nicht glücklicher gewesen ist ats ich, ivürdc mich nicht trösten können, wenn ich nickt einige genaue Fingerzeige und Einblicke in die Sache erhalten hätte, die ich für richtig zn halten schwach genug bin. Wie ich in meinem zweite» ans Poitiers darirtcn Briefe begründet habe, kommen die von dieser Stadt ans an Se. Exzellenz gerichteten vertraulichen Berichte der Wahrheit ziemlich nahe. Ja, es geht hier etwas vor,»»d meine bescheidene Meinung ist, daß eine ganz kleine Zahl von Personell im Geheimniß ist. Alles muß zwischen den beiden Gefangenen nnd einer Person von außen, die ich nicht entdecken konnte, eingefädelt sein. Bis jetzt birgt die Sache aber noch einen völlig dunkeln Punkt. Iii den ersten Tagen, als ich in Poitiers ivar, habe ich die beiden pensionirten Olfiziere, ans die ich aufmerksam gemacht worden lvar, altssorschen ivollen. Sic blieben ebenso zngcknvpst wie ihre untadeligen Röcke. Gewiß sind es schlecht- gesinnlc Mäilner, die ans Dinge, die sie lächerlicherweise Grundsätze nennen, envas halten, aber ihr beschränkter Kops hat niemals eine Idee erfaßt, ivicvicl weniger gar zwei. Wenn sie an der Verschwörung bctheiligt wären, so dürfte Rocherenil ans diese bcldcn Lieutenants nicht sehr stolz sein. Ich habe dann an einen hervorragenden Advokaten gc- dacht, der des Liberalismus verdächtig ist. Er heißt Boncenne. Ganz Poitiers meint, daß er noch einmal der Ruhm der Stadt lvcrdcn wird. Ich habe einige Erkundigungen über seinen Charakter, seine Sitten und sein Leben eingezogen. Er ist ein schwacher, ängstlicher Mensch, ein tüchtiger Redner, aber nn- fähig, ciiicil Plan zu fassen nnd vor allem irgend etivas dabei anss Spiel zu setzen. Ich iväre auch sehr erstaunt gewesen, «venu ich einen Advokaten bei einer mit äußerster Vorsicht geführten Sache bctheiligt gefunden, in der noch kein Wort zn viel gesagt ivorden ist. Nachdem die Offiziere nnd der Advokat ivegficlcn, muß ich Ihnen«mtlinwundeu gestehen, daß ich niemand mehr ivnßte, aus den ich nicin besonderes Augenmerk richten konnte. Ich «vollte ivisseu, wie«veit Degrange war, ob er mehr Glück ge- ') Die Gebrüder Chappe sind die Erfinder des Telegraphen. habt hatte als ich, nnd vielleicht die Kastanien für mich ans dein Feuer geholt hatte. Schon am zweiten Tage nach unserer Ankunft erfuhr ich, nach«velcher Seite er vorging, und zwar erfuhr ich dies zufällig. Der alte Gänsebälgehändler, von dem ich Ihnen erzählt habe, der mit uns in den„Trais Piliers" wohnt und speist, ist«vohl der unerträglichste Schwätzer auf der Welt, aber mitunter ist sein Geplapper doch von Nutzen. So fing er bei Tische an, Degranqe«vcgen seines Benehmens aufzuziehen. Er warf ihm vor, dcß er jungen Damen am lichten Tage nachlaufe nnd sie bis zn ihrer Thür begleite. Und als Degrange that, als wüßte er nicht, ivovon jener redete, sagte der brave Mann:„O, ich habe Sie ganz genau gesehen. Sie verfolgten ein Mädchen, das«virklich sehr hübsche Waden hatte, von der Place d'Armes bis zun« Boulevard du Grand-Cerf. Ich ging gerade auch dort ent-. lang. Pest! Sie sind aber ein Schivercnöther!" Degrange lachte, innerlich jedoch wüthcte er. Ich da- gegen segnete den ehrlichen Alten, der sich die Mühe gab, inich gratis zn informiren. Das Mädchen vom Boulevard du Grand-Cerf ist eine gewisse Inliette Lefran?ois, die für die Geliebte des älteren Rocherenil gilt. Sic geht nicht in das Gefängniß, aber da der junge Rocherenil sie initnnter besucht, hat Degrange«nit Recht vermnthet, daß sie bis zn einein gelvissen Grade in die Sache verivickelr ist, nnd er glaubte infolge dessen, daß er etivas er.rhre» würde,«venu er sie überwachte. So spürte also Degrange Inliette nach, nnd ich spürte«vicder Degrange ilach. Nun, geehrter Herr, dieses Mädchen ist sehr entschlossen, denn Degrange hat"nichts bei ihr erreicht, absolut nichts. Ich lachte über seine Enttäuschung. Wenn ich niich aber an seine Stelle denke, so begreise ich seine schlechte Laune, denn es«st doch«virklich zu ärgerlich! Bedenken Sie, geehrter Herr, Frau Rocherenil, die Mutter, geht in das Gefängniß. Das ist der einzige Besuch, den ihr Sohn empfängt. Nach Hause gekommen, übermittelt sie dem Jüngeren die Jnstruklionen des Aelteren. Der Junge geht ans. Wohin geht er? Ent- weder geht er ruhig spazieren nnd spricht«nit niemand oder er geht zu Inliette. Soweit hält Degrange den Faden in der Hand, nnd ich folge ihm. Aber von da ab iveiß«veder Degrange»och ich weiter. Inliette empfängt niemand. Wenn sie ausgeht, so geht sie wie Lonis Rocherenil spazieren. Sie redet keine lebende Seele an. So reißt der Faden bei ihr also ab. Man kann ihn«vohl von Pierre Rocherenil zur Mutler, von der Mutter zum Sohn und zi« der Geliebten verfolgen, aber es "t unmöglich, darüber hinaus zn kommen. Bei dieser Lage der Dinge begriff ich, daß Degrange seine Zeit damit vergeudete, Inliette und Lonis Rocherenil zu über- ivachen und daß ich die meine verschwendete,«venu ich Degrange überivachte. Ich mußte an die Quelle hinuntersteigen nnd mich an den älteren Rocherenil nnd den Abbe Georget wenden, um zu ehe», ivas für Pläne sie im Leibe haben. Aber bequem war es nicht, wenn ich auf natürlich scheinende Weise zn ihnen ge- langen«vollte und Degrange's Argwohn nicht zu sehr geweckt «verde» sollte. Dam« bedeilken Sie, wie schivierig meine Stellung ivar. Ich sage das nicht, um das relative Mißlingen meines Planes zn erklären. Das«verde» Sie gleich sehen. Ich habe, glaube ich, noch das Menscheilinögliche erreicht. Ich stecke mitten zwischen den Verschivörern und einer Polizei, die beide die gleichen Gründe haben,«mr zn mißtrauen. Ich handle ohire offiziellen Auftrag; d. h.«venu Herrn Degrange die Laune angetvandclt hätte, mich in einen nnterirdischen Kerker sperren zn lassen, so hätte ich nichts dagegen sagen können, da ich mich auf die, die«nich gebrauchen, nicht berufen konnte. Kurz, ich ivar«vie ein Opferlainni. Sc. Exzellenz haben ans meine Erfahrung und Geschicklichkeit gerechnet,«nit der ich den Gencral-Polizeiminister überholen nnd Se. Majestät bcivcisen sollte, daß Savary- Rovigo ihres Vertrauens nicht würdig ist. Die Sache liegt schließlich ähnlich der, die Fouch« zu den Zeiten Georges' und Moremsis geführt hat. Aber achten Sie auf den Unterschied. Fouche hatte die Zolizei selbst geleitet. Er hatte die Listen serncr Agenten zurückbehalten nnd mit den geschicktesten unter ihnen Beziehungen aufrecht erhalten. Er kaimte die Verschwörer, nnd endlich wußte er ans England eine Menge. Ich stiche allein mib babe mich sogar verpflichtet, mich vor der eigenen Polizei Jlires Ministerinms und der Gendarmerie in acht zn nehmen. Ich soll alles selbst ersinnen nnd ausführen. Glücklicherweise hat dieser triefäugige Spürhnnd, der Tegvange, mir selbst Atittel nnd Wege gewiesen,»m in das Gcsängniß einzudringen, wo Rochereuil und der Abbö Georget inhaslirt sind. Eines Abends saß ich gerade im Speisesaal des Hotels des Trois-Piliers und dachte nach, wobei ich Pfirsichstnckchen in ausgezeichneten Wein tauchte(was für Tafelgenüsse, werther Herr, bietet doch dies Poiton!), als ein Polizeikommissar, der zweifellos den Anweisungen Degrange's folgte, sich im Hotel vorstellte. Er kam zn einer Inspektion der Reisenden und wollte ihre Pässe prüfen. In dem Augenblick war mein Entschluß gefaßt. Ich gab meinen Namen und meine Stellung au:„Pavie, Beamter bei den Armeeliefernngen," aber ich bekannte auch, daß ich keine Papiere hatte. Ach, mein lieber Herr, ich hätte sterben mögen vor Lachen, als ich in diesem Augenblick das kleine, unruhige Auge von Degrange sah, der gern dazwischen gefahren wäre, es aber nicht wagte. Er war halb befriedigt, halb ärgerlich. Auf der einen Seite begriff er, daß ich eine Idee verfolgte, ans der anderen sah er eine Gelegenheit, aus meiner Anwesenheit in der»Heim- snchnng" und aus den Beziehungen, die ich nach seiner Ansicht zu Rochereuil hatte, irgend welchen Vortheil zu ziehen. Ich möchte wetten, daß Degrange mich im Grunde für einen roya- listischen Agenten hält. Am Abend also schlief ich im Gefangniß unter demselben Dach mit Rochereuil und Abbo Georget. Nun, mein Herr, ich habe diese beiden Männer gesehen, die von ihrer Zelle ans die kaiserliche Re- gierung in Schach halten und das Kissen, auf dem der häßliche Kopf des Herzogs von Rovigo ruht, mit Dornen spicken. Ich habe sie gesehen und mit ihnen gesprochen. Gesprochen ist etwas viel gesagt, denn in unserer kurzen Unterredung war ich es nur, der sprach, und als sie mir antworteten, geschah es, um mich zu verabschieden. Mit solchen Burschen darf man nicht hinter dem Berge halten. So habe ich mich ihnen denn auch frei und offen ge- nähert und gesagt: Ich bin Möhn de la Gniche. Ich wußte wohl, daß ich ein gewagtes Spiel spielte, aber ich hatte ihnen genügende Erklärungen über meine Beziehungen zu Drake, dem englischen Minister, zu geben; ich konnte ihnen beweisen, daß die Broschüre über die Jakobiner und die englische Regierung, die unter meinem Namen erschien und ans der kaiserlichen Druckerei hervorging, nicht von mir war, kurz, um sie endgiltig zn überzeugen, wollte ich mich auf Abb« Lafon berufen, dem ich bei seiner Flucht ans Paris geholfen habe. Aber leider haben sie mich nur wenige Minuten reden laffe». Plötzlich unterbrach Rochereuil mich mit den Worten: „Sie haben ilnter dem Namen Müller die Philadclphen von Besa»?on ausgeliefert."_(Fortsetzung folgt.) SonttkngsprÄttderei. Gegenüber dem allen Hans des Reichstages in der Leipziger- straße erhebt sich ein neuer sellfanier Geschäslspalast. Wer in ven Abendstunde» dort vorübergeht, sieht ihn von weitem schon blinken und leuchten. Das Licht ans elektrischen Bogenlampe» uinflirrt das GlashauS; weil hinein in Fl»r nnd Gänge blickt das Auge, dem es über all dem grellen Glanz wohlthnt, daß tiefer drin im Hanse das wildere Glühlicht wenigstens wohltdälige Abwechselung schafft. Man kann nicht vorübergehe», ohne dast daS gläserne Hans zu Nlfeu scheint: Dn ninßt wich betrachten, Dii»»cht! Man hat in der jüngsten Zeit stets so viel von der dekorativen Politik gesprochen, von den Jnbelsesten nnd Prnnknianöver», von Paradefeierlichkeile» nnd Fürstendesuche», und mancher BürgerSwan» gewöhnte sich die bleiche, klapprige Furcht an, iven» er von Ver- stiinmungeu irgendwo in Tarm'üadl ober Karlsruhe las. Das Dekorative, das Arrangement spielt aber in, modernen Leben auch aiijierhalb der Politik seine bedenlsawe Rolle. Da? ivcite gläserne Gebäude in der Leipzigerstraße stützt sich auf eiserne Rippen. Alle übrige bauliche Bertleidmig ist zur Nebensächlichkeit herabgesunken. GS ist eben eine leichte steinerne Ver- tleidnng, eine ornamentale Zier. Wie ans der Biitzenscheidm-Phantastik, die anfangs a» alldeutsch trauliches Kneipenlebe» erinnern wollte, nach mancherlei Stil- nuiwaiidlungen der moderne Bierpalast enlstand, so hat das Reklame- schansenster allmälig sich zum riesigen ReklaineschanhanS entwickelt. Mck romantischer Dentschlhüwelei. wie beim Bierhause, hat dieser Prozeß freilich nichts zu schaffen. Immer weiter nnd tiefer wurde daS Schaufenster, nicht selten machte es de» Haupt- Werth des Kaufladens ans. Mit Hilfe der Eisenkonstrnklionen erhoben sich die modernen Kaufhäuser; immer uilifaffender winden die Glasflächen, die Einblicke in den Waärenbazar gestatteten; den „Eisenrippen" gehört die Zukunft, riefen einzelne Architekten ans; das moderne Waarenhans wird uns den heißerschnlen neuen Baustil bringen. Nun steht in der Hauptverkehrsader der Stadt der typisch- moderne Bazar vollendet da: von oben bis unten zn begucke»," ei i ungeheurer Schankaste» in mannigfachen Abtheilungen; nirgend-? mehr Heimlichkeiten, überall freier Raum für das blendende dekorative Arrangement, bei dessen verwirrender Fülle selbst der wohlfeile Trödel bestehen kann. Längst ist der Marklschreier. der seinen Wllz und seine Lunge oft bis zur Erschöpfung abrackern mußte, in weit- ferne kleine Orte verbannt. Dort mag der arme Hanswurst er, Bctleldasein fristen. Nicht wie im erstarrten orientalischen Bazar tritt der Handelsherr mit dem Käufer in direkte Berührung; und hat der Verkäufer gar ein besonderes liebes, kostbares Stück, so weist er es heiinlich dem bevorzugten Gast.. Die moderne Elasburg steht stumm da in ihrer protzigen Macht nnd doch schreit sie unvergleichlich lauter, schriller und eindringlicher, als die gewitzrestcn Marktschreier der Welt nnd al? die blumigste Beredsamkeit der Orientalen. Sie glitzert und flimmert bei Tage, und in den Abeiidstmideii gleiten elektrische Fluthivellen über sie hin. Sie lockt den müßig schlendernden Gaffer und sie zwingt den rasch Vorüberschreiteude» zum Ansschauen. Sie läßt niemanden los; sie ist ein Tempel der Reklame. Die zentralisirte Kapitalsmacht eines spekulativen Kaufherrn kam auf den Einfall, sich den riesigen Schankasten nicht weil von der Stalte zn erbauen, wo vor nicht allzu ferner Zeit, ehe noch der Zug nach dem Westen vorherrschte, das Potsdamer Thor in? Freie nnd Geüne führte und wo jetzt noch der runde Leipziger Platz mit feiner ruhigen, wenn auch nicht erhebenden Archileklnr eine freundliche Oase bedeutet. Dieselbe Kapitalsmacht wird in den bauchigen Nämnen der neuen Glasburg hunderterlei Dinge ans» speichern, Bedarfs- und Schmnckgegenstände: in Massen für die Masse; ein Magazin für alles. Von ManscheUeuknöpsen und armselig dünnen Kiuderstrümpfchen bis zu de» Erzeugniffcn der Literatur: dem spekulativen Machthaber ist das alles willkommen. Er sag!: Nichts, was in Massen verschlungen werden kann, soll mir fremd sein. Ich kaufe auch Literatur, stoß- und ballenweise. Literatur, die harmlos ist und unschädlich Schöngeistige Arbeit sür das deutsche Mädchen, schöngeistige Arbeit für die deutsche Frau, das Heimchen am Heerd. Vor allem sei sie wohlfeil und frei von unnütz individuellem Gepräge! In diesem Punkt treffen sich der Handels- Herr in Waarenbranchen aller Art mit dem Großkansmann, der auf seinem Zeitungspapicr i» parteilos öffenllicher Meinung für 200 000 Abonuenlen macht, wie im brüderlichen Verein. Darum wird die dekorative Glasbnrg, so nothwendig sie auf gruiid gesellschaftlicher Zustände und als Huldigung der heiligen Reklame kommen mußte, ein schlimmer Bildner des Geschmacks werden. Die gläserne Burg als Erzieher, das wird ein unfreund- liches Ergebnis werden. W? das Flache verbreitet wird, ans dem jedes individuelle Streben geflissentlich verbannt ist, wo man allen- falls noch mit wohlfeilem Glanz anzureizen sucht, da wird kein gediegener Geschmack sich bilden. Oder man müßte an die Lehre glauben, von der zum Beispiel einzelne Verleger von Hintertreppenromanen ausgehen. Wenn man denen Vorhaltungen macht, so erwidern sie kaltblütig:„Was wollen Sie? Zuerst muß man die Leute ans Lesen gewöhnen. Mit dem Hintertreppenroman fängt's an; dann kommen die Leute von selber drauf, ein volts- wissenschaftliches Buch von Werth beim Kolvortenr zu bestellen." Das überaus gemülhliche Wort: von selber! Als ob die gleich- müßige Fortbildung im Flachen selbst bessere Jnftinkle nicht er- schlasste und endlich erstickte! Da versucht man mühselig, den kunstgewerblichen Sinn bei uns zu beleben. Erst jüngst war ein Artikel über diese lastenden Be- mühmigeii im„Borwärls" veröffentlicht. Der Aufsatz alhmete viel Hoffniuigsfreude. Wenn ich an die gläserne Schanburg denke, schrnnipit meine Hoffnung nrg zusammen. Die Stack- Knltnr sitzt uns z» fest im Geblüt, das heißt die Kliltnr, die fluckarligen Aufputz nnd Nebcrladnng der karger scheinenden, aber echten Gediegenheit vorzieht. Diese Sluck-Knltur aber nnd die gläsernen Burgen stehen in einem innerlichen Verwandtschaftsverhällniß zn einander. Es wäre ja so schön, den allen Zusammenhang zwischen Handwerk und Kunstbemübe» wiederzufinden. Die banausische Verachtung der Kunst, die man in dem Preußen-Deutschland der Gegenwart selbst bei ganz intelligenten Köpfen findet, müßte schwinden, wüchse die Einsicht, daß eben die Kunst eine nothwcndige Lebensäußerung ist; daß sie das Alltagswesen erhöbt, wen» sie zugleich das Alltagsbcdürfniß bc- rücksichligt und verschönt. Künstler mit hochfliegenden Absichten haben längst, zumal in England, daran gearbeitet, dem Knnstgewcrbe individnelle Wege zu weisen. Ein Walter Crane hat selbst an die Bedürfniss« der kleinen Jugend gedacht. Und welchen rein wirthschastlichen Lohn hat das gebracht, von der ideellen Seite ganz zu schweigen. Bei nns wird hierin die fortschrittliche Arbeit nicht blos darum schwieriger, weil wir iiachhiimpeln, sondern weil inzwischen die Stiick-Knltur so vieles verbildet hat. Gewiß, die modern« Glasburg als Kaufpalafl ist an fick als Maffenzentrale kein Hindernib für die Entivickliing des einfach- gefmiden Kimstgeschmacks. Wenn man in ihr nur wollte! Ob man in ihr mit vervielfältigten Gegenständen der Stnck-Kultur handelt, oder ob man vervielfältigte Erzeugniffe kunstgewerblicher Art um- 'etzt, die im Originalentivurf wirklich gediegenen, persönlichen Cha» rakler trugen, das ist den großkapitalistischen Handelsleuten höchst yleichgiltig. Nur ist eS bequemer und eZ erfordert so qar keine Nachdenklichkeit, auf die Stuck-Kullur zu reagireu. So ivie bösartige Naturen die billigsten Präsent-Zigarren mit den buntesten Bauch- binden beklebe», damit das Gelchenk schreie: so geht es im all- gemeinen mit der protzigen Stuck-Kultur. Für etliche Groschen falscher Glanz, falsche Masse. Aber schreien muß das Ding! Ins Weite schreien, so ivie die Glasburg schreit, die in der Leipzigerslraße steht. »_ Alpha. Mteines Lsenilleton — Wie der Teiifel aussieht. Im katholischen Herz-Jesu» Kalender erzählt ein Vicar I. P. G. i» Dalheim von emein gott- losen Manne, der auf dem Todteubette von einer Krankenschwester bekehrt wird. Der Teufel, der sich wahrscheinlich schon auf die Seele gefreut hat, wird, als er sich um die Beute betrogen sieht, natürlich sehr ungemüthlich und nun höre man seine Rache:„Nach- de»» die Schwester die Leiche verlassen und den Weg nach Hause eingeschlagen, hört sie hinter sich ein Platschen. Da plötzlich ein Ruck— und der Regenschirm, den sie fest r» der Hand hielt, ward zur Seite geschoben. Nebe» ihr stand ein Ungethüm, das ihr aus weil aufgerissenen Nüstern einen überaus übelriechenden Schwefeldainpf ins Augesicht blies, so daß die Schwester wie angebannt stehen blieb und all« MiiHe hatte, sich ausrecht zu erhalten. Auch das Ungethüm blieb stehen. Es hatte die Größe eines Pferdes und sein schwerfälliger Gang hatte das Platschen verursacht. Dazu schnaufte es sürchterlich. Schwester Katharina machte das Kreuzzeichen und ging voran; aber mit ihr hielt ihr Begleiter gleichen Schritt. Sie wollte beten und begann wohl zwanzig Mal das Vater Unser, aber sie kam nicht voran und nicht zu Ende mit dem Gebet. Dazu streckte das Ungethüm alle drei bis vier Schritte seinen häßlichen Kopf vor das Gesicht der Schwester, glotzte sie mit den großen funkelnden Augen an und gab ihr wieder eine Dosis' Schivefeldampf zu ver- losten. So platschte es an ihrer Seite fort, daß die Spritzen ihr ins Antlitz fuhren, bis sie an das Gartenthor der Schwester- Wohnung kamen. Als die Schwester sich links zur Thüre wandte, schlug ihr Begleiter nach rechts den Weg zum Kirchhofe ein. Die ganze Nacht schloß Schwester Katharina kein Auge. Als am folgenden Morgen Schwester Louise die beschmutzte» Kleider ihrer Milschwester sah, fragte sie nach der Ursache. Aber nur den, Herr» Pfarrer theilte sie de» nächtlichen Hergang mit, der in dem Ungethüm den bösen Feind erkannte, der sie seine siiache fühlen lassen wollte, ihr aber weiter nichts anhaben konnte."— Dieser schnaufende Teufel scheint der Asthma-Teufel gewesen zu sein.— — Ucbcr die Behandlung der Seide vor dem Färben sprach im Verein deutscher Chemiker Dr. Erlenbach. Die Seiden- erzeugung der Erde beziffert sich gegenwärtig auf über 28 Millionen Kilograim». Daran ist Europa mit etwa einem Fünftel belheitigt. China liefert 12>/s, Japan 6, Italien 4 Millionen Kilogramm, Frankreich 900 000, Oesterreich-Ungarn 250 000, die europäische Türkei 200 000, Spanien 60 000, Griechenland 35 000, die Balkan- läiider und die Schweiz je 30 000, daZ- europäische Rußland 1000, Deutschland 500 und England 200 Kilogramm. Gegen die Krank- heilen der Seidenraupe geht man»ach Pasteur's Vorschlag jetzt derart vor, daß»inn jeden Schmetterling seine Eier in einem bc- sonderen Pappkästchen ablege» läßt, ihn dann an dies Kästchen an- heftet und mikroskopisch»ntersnchr. Findet man Pilze au ihm, so wird er mitsainint der Brut verrichtet. Die Versuche, eine Blut- auffrischuiig»»serer Seidenraupen durch Kreuzung mit frisch eingeführten asiatischen Thiere» herbeizuführen, habe» sich nicht bewährt und sind durch eine sorgfällige Zuchtwahl erseht worden. Zu diesem Zwecke wählt mau die verpuppte» Itanpe», die durch Größe aufsallcu, aus, schneidet de» Coco» auf,»imint die Puppe heraus und wägt die Hülle. Entspricht ihr Gewicht der gehegten Er- Wartung, so legt mau das Thier wieder hinein und schließt den Cocon. Der ausgekrochene Schmetterling wird zur Zucht verwendet, und mau hat aus diese Art Erlragsvermehrungeii bis 25 pCt. erzielt. Zur Beschivcrnng des Seideiifadens dient Ehlorziun, mit dessen Lösung der Fade»— ab- wechselnd mit einer Lösung von phoophorsaurcm Natron— mehrmals gelränkt wird. Man erreicht Geivichtszunahmeu bis 90 pCt., kann aber auch für schwarz zu färbende Seide»och viel weiter gehe». Neuerdings wirb auch Wasscrglaklösuiig beim Be- schivere» benutzt. Die beschwerte Seid« verliert etwas an Festigkeit und Elastizität, namentlich aber Bestrahlung mit Sonnenlicht schadet ihr>»» so mehr, je niehr sie beschwert ist. Künstliche Seide wird ans Cellnlose(Holzfaser) hergestellt, indem man Nitrocellulose millels Schwefelaimuoiiiuiiis nahezu stickstofffrei macht. Sie übertrifft die Naturseide an Glanz, erreicht sie aber nicht an Festigkeit, ist auch nicht ividerstandSfähig gegen Nässe. Einstweilen wird sie nur im Gemisch mit Ralurjeide oder VaumwoUe verwebt.— Literarisches. g. b. Guy de Mau Passant. D e r N e g e n f ch i r III und andere Novellen. Mäiicheu, 1397. Alber! Lauge».— Auch aus dieser Sammlung scheinen mir die Skizzen die werihvollsteu zu sei», welche Manpassaut als Bauernschildmr zeigen. Wie er das»ormännische Landvolk in seiner ganzen geistigen Schwerfälligkeit oder seiner un- glaublich niederträchtige» Baiicruschlauheit uns vorführt, hat er in der ganzen Literatur nicht seines gleichen. Dort, wo er die Geheim- nisse des Doppelichs zu erhellen versucht, wo er sich über Vorgänge, die sich«nbeelnfliißt von unserem Willen in unserem Unterbeiviißt- ein vollziehen. Klarheit zu verschaffen sucht, ist er von einer Fein- ühligleit, in der ihn vielleicht nur Knill Hain sin» übertrifft. Und elbst in den Stücken, die vermöge ihrer eulsetzkiche» Brutalilät uns abstoßen, müssen ivir die Größe seiner Wellnnschaiiiuig bewuiidern, die ehern und unerbittlich, wie das Leben selbst, hinter dem Ganzen steht, und lins zwingt, zu folgen vom ersten bis zum letzleu Wort.— Musik. —er—, Konzerte. Das erste Programm des von Siegsried Ochs geleiteten Philharmonischen Chores bedeutete ciin: glänzende Huldigung für zwei Meister, welche die Wahrheit und Innerlichkeit ihrer Kunstwerke niemals durch eilken und prahlerischen Stil befleckten und allen Gaben ihres Genius die ergreifende Weihe einer starken und ehrlichen Empfindiiiig verliehen. G l n ck' s „Orpheus" und M c n d e I s f o h n' s„Erste Walpurgisnacht" bilden zwei charakteristische Höhepunkte des lebenskräfligen Schaffens der beiden Meister. Der seinerzeit geschätzte Dichter Calzabigj. welcher die farblosen Kiinstelcieii der italienischen Gcsangsvirtuose»- Oper durch dramatische Wahrheit und Einfachheit im Ausdruck der Leiden- schasteu beseitigen wollte, lieferte Gluck den Text zum„Orfeo". Die Oper gelangte 1762 unter dem Titel„Orfeo ed Enridice" in Wien zur ersten Anssührung und bedeutete durch die kraftvolle Schilde- rung erhabener Gefühle, durch die scharfe AusprSgung von Charak- tereu und Leidenschaften, durch die kühne Einführung milhandelnder Chöre eine völlige Umwälzung im damaligen musikalischen Drama. Und noch heute ergreifen uns einzelne The ile des„Orpheus" in ihren edlen lind einheitlichen Forme», in ihrer innigen Melodie und leb- haften musikalisch-dramatischeu Gestaltmigskraft als Offenbariingen eines gewaliigen Mnsikgeistes, mit dessen Namen der statuarische Stil und die klassische Größe des gesammlen deutschen Musikdramas aufs innigste verknüpft find. Für die Auiführung brachte der philharmonische Chor seine glänzende technische Herrschaft über alle dynamischen Feinheiten'und eine bedeutende malerische Lebendigkeit der Charakteristik mit, welche sich besonders in den Unterweltschören effektvoll offenbarte. Von den Solistinnen ragte der Orpheus des Fräulein Saudi hervor, allerdings mehr durch die tadellose Bildung ihres tiefen Mezzosoprans, als durch überzeugende innere Anthcil- nähme au dem Klinstiverke.— Zur Feier der 50. Wiederkehr des Todestages Meiidelssohn's war, wie bereits erwähnt, die nach der Goelhe'schen Ballade für Soli, Chor und Orchester kompouirte „Erste Walpurgisnacht" als zweite Programmnummer gewählt worden. Der seltene melodische Neichthmn, die krystallklare themalische Arbeit und die poetische Beweglichkeit seiner romantische» Phautasie lebt in diesem Werke, welches be- sonders in den beiden Chören,„Veriheilt Euch, wackere Männer" und „Kommt mit Zacken und mit Gabeln" eine geradezu überwältigende Macht künstlerischer Steigerung ausüben. Kapellmeister Ochs, der sich keine rythmische oder deklamatorische Ansdrucksfeiiiheit entgehen ließ, der wie ein großer Künstler im Tolaleindriicke wirkende phil- harmonische Chor und der ausgezeichnete Dresdener Opernbariton Scheidemaulel nahinen sich der künstlerischen Bedeutsamkeit des in seiner poelisch quellenden Frische unvergleichlichen Werkes mit wahrer Begeisterung au und errangen stürmische Beifallsbczeiigiingen. — Von Solisteiikonzerte» dieser Woche sind die Lieder» abende der Herren zur Mühlen und G u r a, der Chopin- Abend des Herrn P a ch m ann zu erwähnen. Herrn zur Mühlen' s Organ, welchem als ursprünglichen Bariton die Tcnorlage mit Sinist und Energie abgetrotzt worden zu sein scheint, klingt verwelkt und läßt sich nur sehr widerspenstig zu reinen Ton- wirklingen gebrauchen. Aber ein seltener Vorlragskünstler ist zur Mühlen, welcher den Gehalt eines Liedes oder einer Ballade mit intimstem Spürsinne zn entdecken n»d auszuschöpfc» vermag. Herr G u r a strebt seinem berühmten Bater mit Eiser und Talent nach, und snr manche Löwcksche Ballade hat der Sohn des Vaters Geist mid Können sich angeeignet. Herr P ach mann ist wohl der kongenialste Chopin-Spieler iinserer Zeil. Der aus romantischem Empsinden, origineller Künstler» hidividnaliläl und graziösem Wellschnierz zusailimcngesetzte Kompo- silivnscharallcr CHvpin's findet in Pachmann den zärtlichsten, poetischeste» und selbst äußerlich cigeuthümlichsten Interpreten. Kunst. — Für die N a t i o n a l g a l e r i e sind nach der„Kirnst für Alle" folgende Bilder angekauft: Von Arnold B L ck l i n die „Meeresbrandung", welche in diesem Jahre in München ausgestellt ist, und der durch Klinger's große Radirnng bekaniite„Liebes- frühliug"! ferner von Wilhelm Leibi, der bisher nicht in der Sammlung vertreten war, die„Dachauer Bäuerinnen"; endlich eine Landschaft von S i s l e y und„Landhäuser" von Pissarro, welche das vorhandene Bild der letzten Entwickeliuig französischer Landschaftsmalerei zn ergänzen geeignet sind. Die neuen Werke sollen in einigen Wochen, gleichzeitig mit den neu ausgestatteten Räumen des ersten Stockwerkes, den Besuchern zugänglich gemacht werden.— Erziehung und Unterricht. — In nellil abgelaufenen Monaten des JahreS 1397 sind in den Bibliotheken des Wiener Volksbildungs-VereinS 606 096 Bätide verliehe»»vorden, um 30 000 mehr als in der gleichen Aiit des vorigen Jahres. Bei einigen Bibliotheken ist ein Rückgang zu verzeichuen, die meisten weisen jedoch wesentliche Fortschritte auf, die bedeutendste» Landstraße, wo 18 000, und Ottakring, wo 29 000 SSiiube»ichr verliehen wurden; die jüngste Vidliolhek des Vereins(Margarethen) brachte es bereits im ersten Monat ihres Bestehens ans einen Unisatz von 34S7 Büeberin Aerbnlinistniäßig mit den stärksten Anfschivnng hat die Lektüre der Klassiker und der»> i s s e n s ch a f t l i ch e n Werke genoinmen; während Romane, Zeitschriften und Jngendschriften nur nm 3 pCt. gestiegen sind, haben Klassiker nm 12, Geographie um 19, Literatur- gcschichle nm 24, N a t n r iv i s s e n s ch a f t e n um S3 pCt. zu- genommen. Sehr verschieden ist die Betheiligung der einzelnen Bibliotheken an diesem Aufschwung; während in Ottakring die leb- hafleste Nachfrage nach Natnrivissenschafle», Klassikern und Geo- graphie herrscht, zeigt sich in der Leopoldstadl vor allem Interesse für Literaturgeschichle, in Favoriten und Döbliug für Geschichte und Geographie, Meidliug und Donanfeld verlangen noch fast ansschließ- lich belletristische Lektüre. Boranssichllich wird der Umsatz der Bibliotheken des Vereins in diesem Jahre 600 000 Bände bedeutend übersteigen und es dürften ans die wissenschaftlichen Abtheilungen mehr als 100 000 Entlehnungen entfallen.— Aus dem Thicvlcbe». — Die Fruchtbarkeit der Hasen. Anfang November 1894 wurden auf der holländischen Insel S ch i e r m o n n i k o o g 12 Hasen ausgesetzt und im November 1396 noch weitere vier. Im Frühjahr 1895 wurden auch noch 12 Fasanen, 10 Hennen und 2 Hähne auf der Insel ausgesetzt. In voriger Woche wurden nun dort in drei Tagen von fünf Schützen 133 Hasen und 43 Fasanenhähne ge- schössen. Der Wildfiand der Insel wird jetzt»och auf 800 Hasen und 600 Fasanen geschätzt.— — Der in D» b l i n soeben verstorbene Dr. Samuel Hanghton hatte vor Jahren einmal Gelegenheit, unter großer persönlicher Gefahr einen Tiger des Zoologischen Gartens der irischen Hauptstadt an der Tatze zu o p e r i r e n. Das Thier litt an Verkrümmung einer Klane, die schon ganz in den Fuß hineingewachsen war. und es stand zu befürchten, daß der„Altersbrand" hinzutreten würde. Es mußte also zu einer Operation geschritten werde», und Dr. Haughton wurde gebeten, die Amputation zu vollziehen. Der Arzt willigte ein. Tie Wärter warfen daher, um das Thier zu fesseln, ein Netz über den Tiger und zogen ihn damit nahe an die Eisenstäbe dcS Käfigs heran. Jetzt entwickelte sich eine furchtbare Szene, welche durch die grenzenlose Wnth der Tigerin, die von ihrem Genossen getrennt, von einem Seitenkäfig aus der Ueberwältigung des Tigers zusah und an den Stäben raste, noch aufregender gemacht wurde. Während nun ei» Wärter den Kops des Gefessellen mit dem Netz gegen das Gitter preßte, andere die Füße des Tigers fest anzogen, packte Dr. Haughton die kranke Tatze und schnitt die verwachsene Klane fort. Danach wurde der Operirte freigegeben und auch die Tigerin wieder zu ihm gelassen. Die Freude des Weibchens, ihr Antheil, ihr Be- Mühen, den verletzten Fuß zu karessiren und die Wunde zn lecken. war rührend. Eine Woche später kam Dr. Hauglhon wieder nach dem Zoologischen Garten, um nach feinem Patienten zu sehen, und fand ihn in guter Besserung. Diesmal war das Betragen beider Tiger ein ganz anderes gegen den Arzt. Als wären sie von Dank- barkeit gegen den Helfer in der Roth erfüllt, pnrrten die zwei Raubthiere ihm wie die Katzen entgegen und bezeigten auf alle Weise ihre Freude. Der Tiger ließ sich den operirten Fuß ohne Widerstand examinire», während die Tigerin aufmerksam zuschaute, und noch Jahr« später, wenn Dr. Haughton gelegentlich sie zn be- suchen kam, legten die Thiere die größte Freundschaft für den Arzt an den Tag.— Astronomisches. — lieber die a st r o n o m i s ch e n Beobachtungen, die während der Fahrt des„Fr am", wesentlich von Lieutenant . Ecott-Hanseu, 1893—1895 ausgeführt wurden, veröffentlicht der Direktor des Observatoriums in Christian»» Professor Geelmnyde» in den„Astronom. Nachr." mit Dr. Nansen's Erlanbniß einige Mittheilungen. Die Durchführung dieser Beobachtungen in einer Kälte, die bis— 50 Gr. C. betrug, war kein Vergnügen; sie mußten aber ausgeführt werden, um Länge und Breite zu ver- schiedenen Zeiten, also die Route des Schiffes, zu bestimmen. Zu den allgemeinen Längenbestimmungen gehört ein Chrono- nleter, das anzeigt, was die Uhr in Green auch ist. Man konnte aber nicht erwarte», daß ein solches Chrono- »neter in den drei Jahren, die die Expedition dauerte, richtig gehen würde, und man war deshalb auf weitere Beobachtunge». angewiesen,»»» dessen Gang zu kontrolliren. Namentlich benutzte man die Finsternisse der Jnpitermonde dazu. In jenen Gebieten befand sich der Jupiter stets über den, Horizont und konnte also,»venu es das Wetter zuließ, in» Winterhalbjahre zu beliebiger Zeil beobachtet»verde», denn die Sonne verschwand z. B. iin Jahre 1895 schon am 7. Oktober und zeigte sich erst am 4. März 1396»vieder. Die Zeiten für daS Eintreten eines Jnpiter- »nondes in de» Schatten des Jupiter oder das Austreten auS diesem konnten 80 Male wahrgenommen»verde». Darnach konnte mau be- rechnen,»vieviel die Uhr in Greenwich war und somit sehen,»vicvicl das Chronometer geivonne» oder verloren hatte. Während des gegen fünf Monate langen Tages konnte der Jupiter nicht gesehen»verde», dpch hatte nia» das Glück, drei Sonnenfinsternisse zu erleben. Die letzte, Verantwortlicher Redakteur: August Jacobe» in B am 20. August 1895, war allerdings ciiies Schneesturms»vegen nicht wahrnehmbar, doch konnte man bei den zwei ersten, am 6. April 1394 und am 26. März 1895, die Zeilen für Beginn und Ende, die Verdunkelung beobachten, woraus man»vieder berechnen konnte, wie- viel die Uhr in Greenwich»var. Als interessantes Beispiel der Er- gebuisse dieser Beobachtungen führt Professor Geelnimiden die Trift des Polarschiffes in der Zeit,»vo es dem Pol am nächsten lag, Mitte November 1395, a». An» 15. November lag' es am iiörd» lichsten ans 85 Gr. 55' 50" nördlicher Breite und 66 Gr. 4' östlicher Länge vou Greenwich. Am Tage vorher hatte es sich 500 Fuß süd- licher und 3/4 Meile östlicher befunden. Drei Tage darai»s lag es l/2 Meile südlicher und 1 Meile»vestlicher.— Bergbau. t. P e t r 0 l e u m q u e l l e n in Japan. Auch in seinem Petrolenmverbrauche beginnt Japan sich von ausländischen Erzeug- nissen iinabhängig zu machen und man kann nicht wisse», wie bald es mit der Aussiihr einheimischen Erdöls auf den Weltmarkt treten wird. In Japan wird das Petroleum nicht nur znr Beleuchtung, sondern auch vielfach als Kraftquelle benutzt. Das Jnfelreich besitzt ziemlich ausgedehnte Oellager, welche sich von der Insel Jcsso im Norden nach dem Distrikt Akita im nördlichen Theile der Haupt- iusel und dann durch diese hindurch über die Proviugen von Echigo, Totomi und Sinane nach Süden erstrecken; im Gebiete von Tosa» werden allein über 50 Bohrlöcher gestoßen und 30 weitere sind noch in Aussicht genominen. In früheren Jahren hat man sich mit der Ausbeutung des Erdöls nicht viele Mühe gegeben und hat die Bohr- löcher höchstens bis 600 Fuß lief gestoßen, jetzt aber wird der Boden mit verbesserten Bohrmaschinen bis zu 800 und sogar bis zu 2000 Fuß durchfunken. Auch die Reinigung des Erdöls wird jetzt sehr ver- bessert, so daß das japanische Oel bereits den Wettbewerb mit dem ausländischen soll ausnehmen könne».— Huuioristischcs. — Selber essen macht fett.„Ficde", sagte der Elementarlehrer eines Tages z» einem seiner Schmcrzensjuiigeii, „wenn Du nun eine Tüte Buntjers hast, und Heiner sitzt dabei und hat keine, was lhälst Du dann?"„Denn äl ick se op", meinte Fiede grinsend.„Ja, aber wenn Du recht viele Buntjers hast, was lhut Du dann?"„Denn ät ick se vk op!"„Jaaa— aber wenn Du nun satt bist, Fiede, und Du hast noch'« paar Buntjers nach, was machst Du dann?"„Denn— denn quäl' ick de annern ok noch rin!"— — Auf dem Lande. Der Regierungspräsident besucht ein kleines Dorf und fragt den Ortsvorsteher:„Wie kommt es, daß in diesem Dorfe fast alle Kinder barfuß laufen?"—„Elitschnldigen Sie, Herr Präsident, aber bei uns kommen sie so auf die Well."— — Auch ein Pfand. A.:„Mein Junge hier hat gestern ein Zwanzig-Markstück verschluckt!"— Psandleiher:„Der Arzt wohnt nebenan!"— A.:„Ja. ja, er hat uns für diesen Nach- mittag bestellt— ich möchte den Jungen aber so lange hier lassen. Können Sie mir vielleicht zehn Mark darauf geben?"— Vermischtes vom Tage. — Tageblatt-Wildpret. Herr Brandes schreibt seinen» Blatte ans London:„... Melancholisch rauschte in den Baum- riefen der Herbslwind, und hier und da stand das W i l d p r e l, durch das Geräusch deS Wagens aufgescheucht, ans einsamer Blöße, furchtsam den schiveigcndeu Zug a u ä u g c n d..." Hat den Herrn vielleicht auch einmal ei» ausgescheuchles Schnitzel an« geäugt?— — Das Elsflether E i s e n s ch i s f Magnat ist mit großer Ladung von Costarica komuiend bei G u a») q u i l vollständig verloren gegangen.— — Im Schnellzug München— Berlin hat sich ein Student. der Sohn eines Poscner Fabrikbesitzers erschösse 11. Er hatte seit Milte März sein ganzes Erblbeil, 52 000 M., verlumpt.— — Der frühere Bürgermeister von Caub in der lllheiii- provinz, der bereits wegen Nrkiindeufälschung mit ZnchthailS vorbestraft ist, ist verhaftet ivorden, weil er in» begründeten Ver- dacht stebt, sein verkrüppeltes Kind ermordet zu haben.— — I» der Stadt S t e y r e g g uiiweit Linz(Obcrösterreich) sind 26 Häuser niedergebrannt.— — In der letzten Zeil haben sich in T y r 0 l Bären wieder häufiger bemerkbar gemacht. An verschiedenen Orten lvnrdeii Schafe von ihnen zerrissen. Jetzt ist unter den Tproler Bauern die Meinung ausgetancht. daß die Baren von dem Personal der großen Jagd- Pächter absichtlich geschont würden. Wenn den Bauern recht viel Schase zerrissen wurden,, bürden sie den Schaf- Austrieb endlich ausgeben, und die bisher von den Schaseu abgegraste» Weiden sielen dem Wilde zu.— — Im Dorfe H ö l l ft e i»1(Basclland) ist der ä l t c st e Schweizer Bürger, Jacob Thommaii, im Aller von 102'/, Jahre» gestorben.— — Wie der„Frankfurter Zeitung" aus New Jork gemeldet wird, beabsichtigt der Nordpolfahrer Nansen, Süd polar» s 0 r s ch«» g e n zn nnternebnien.— rli». Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.