Ankrhaltmigsblatt des Herwärts Nr. 221. Mittwoch, den 10. November. 1897. (Nachdruck verboten Dev Moman vinrv Vevfltzmövung. 23 Von A. R a n c. Ins Deutsche übertragen von Marie Kunert. „Wer weiß, wann man Ihnen die Freiheit wiedergiebt?" „Wir werden sie uns nehmen, Juliette." „Dann können Sie das ja gleich thun." „Nein." „Weil Du mich nicht liebst, Pierre! Wenn Du Deine kleine Juliette liebtest, würdest Du sie nicht immer � allein lassen und nicht in Dein abscheuliches Gefängniß zurückkehren." „Fernande, ich bitte Dich, versuche doch vernünftig zu sein." Bei dem Namen Fernande flammten Jnliette's Augen zornig auf, sie stampfte ungeduldig mit dem Fuß, sagte aber nichts. „Sprechen wir von unseren Angelegenheiten", sagte Nochercutl.„Haft Du Louis heute Abend gesehen?" „Ja", antwortete sie,„er erwartete mich am Pranger platz." „ES ist Euch nichts Außergewöhnliches begegnet?" „Siein; wir sind durch die Stadt gegangen, und die Agenten folgten uns; das ist alles. Ach, ich bin sehr müde. Sie setzte sich auf das Bett und stützte den Kopf auf das Kissen. „Wir werden gehen, damit Sie sich ausruhen können, mein Kind," sagte der Abbe.„Es ist Zeit für uns zum Gehen Auf Wiedersehen! Kommst Du, Rocherenil?" „Ja," sagte dieser.„Ans baldiges Wiedersehen, Juliette." Er beugte sich herab, um sie zu küssen. Juliette schloß erschauernd die Augen. Dann sagte sie mit den Lippen an Rochereuil's Ohr: „Ist es auch wahr? Auf baldiges Wiedersehen? Willst Du, da Du fortgehen kannst, mir nicht einen Abend, einen ganzen Abend schenken. Aber ohne den Abbe. Ich mag ihn gern» den Abbe; aber er braucht nicht immer zwischen uns zu stehen. Wenn er da ist, werde ich immer ganz dumm und wage nichts zu sagen. Du kommst bald wieder?" wiederholte sie leise, wie ein schmeichelndes Kind. Es war beinahe zwei Uhr und keine Zeit mehr zu ver- licren. Rochereuil und der Abbe gingen vorsichtig fort und erreichten die Gärten. Sie kannten die Oertlichkeit sehr gut. So waren sie nach ivenigen Minuten auf geradem Wege an der Ruette de la Visitation angekommen. Es waren nur zwei oder drei Mauern zu übersteigen. Sie mußten diese sehr enge Gasse passircn, um den Punkt der Umfasinngsmauer zu er- reichen, wo die kleine Thür sich befand, und Descofses sie erwarten mußte. Während dieses kurzen Augenblicks konnte man von der Schildwache bemerkt werden. Rochereuil und der Abbe über- schritten glücklich die gefährliche Stelle. Der getreue Descofses spähte, seine Laterne in der Hand, schon nach ihnen aus. Er war leichenblaß. „O, meine Herren," sagte er,„in welcher Unruhe war ich! Ich stürbe vor Angst, wenn Sie nicht wiederkämen." „Seien Sie ruhig, Herr Descosses, an dem Tage, da wir nicht zurückkehren, werden wir Sie benachrichtigen." „O, Sie stürzen mich ins Verderben, meine Herren, ins Verderben! Haben Sie Mitleid mit einem Familien- vater." „Wie denn nicht, Herr Descofses! Gewiß haben wir Mitleid mit Ihrer Familie, gewiß. Vorläufig guten Abend; und wenn Sie morgen früh mit Ihrem Schlüsselbund an unserer Thür nicht rasseln wollten, wäre es uns sehr angenehm, denn wir sind schrecklich müde." Juliette hatte Rochereuil vom Fenster ans so lange mit den Blicken verfolgt, als es möglich war. Als die beiden Schatten, die an der Mauer entlang schlichen, verschwunden waren, trat sie zurück und fing an, sich langsam zu cnt- kleiden. „Glücklicherweise," sprach sie bei sich,„bin ich todtmüde. Ich werde schlafen... Er muß kommen... und dann wird er mich lieben." Einige Augenblicke später schlössen sich ihre Augen, und sie- athmete so sanft und gleichmäßig, daß man hätte glauben können, in diesem Bette schlummerte ein Kind. In demselben Augenblicke fuhren die Rollwagen aus dem Hofe der Herberge du Grand Cerf ab. Philopoemeu hatte den Mantel unigehängt und ließ seine mit rothen Chenillcknoten gcschniückte Peitsche über den Köpfen seiner Pferde knallen. Um acht Uhr morgens hielt eine leere Postkutsche vor der Thür des Bürgermeisters von Poitiers. Fauche stieg hinein, nachdem er mit Vater Jaeotin, der wie zufällig seinen Morgen- spazicrgaug nach dieser Seite hin gemacht hatte, eiliige Worte gewechselt. XVI. Während des ganzen Abends, als Rochereuil und Juliette sich von den Polizeibeamtcn verfolgen ließen, um sie von dem Boulevard du Grand-Cerf fernzuhalten, war Frau Rochereuil, die Mutter, in tödtlicher Unruhe gewesen. Louis hatte sie, ohne iveiter etivas zu sagen, davon benach- richtigt, daß er spät nach Hauss kommen würde. Sie hatte ihn nicht weiter gefragt, aber dennoch begriffen, daß er auf Befehl seines Bruders handelte. Sie wußte, daß ihre Söhne an dem erbarmungslosen Kampfe betheiligt waren, in dem schon ihr Gatte gefallen war. Sie hatte ihn'glühend geliebt, ihre Söhne ivaren ihr Leben, aber nienials hatte sie ein Wort des Vorwurfs, eine Bitte über die Lippen gebracht, um sie ans dem betretenen Wege aufzuhalten. Sie verbarg ihre Leiden und verzehrte sich heimlich in Thränen. Wenn sie aber bei den Ihrigen weilte, war ihr Antlitz immer un- bciveglich und heiter. Sie schloß sich in ihr Zimmer ein, um zu weinen. Während der ersten Jahre der Revolution hatte ihr Gatte, der mit fast allen hervorragenden Männern der konstituircnden und der gesetzgebenden Versammlung befreundet war, einen Einfluß in Poitiers ausgeübt, den er nur mit Fernand Roy, seinem Freunde, theilte. Er wollte weder für die eine noch für die andere der beiden Versammlungen gewählt werden. Doch wurde er in den Konvent geschickt. Frau Rochereuil folgte ihm nach Paris. Bis dahin hatte sie noch nicht ge- merkt, welcher Haß ihr Gatte in der Großbourgeoisie, aus der sie stammte, gegen sich heraufbeschworen hatte. Man fürchtete Rochereuil und schmeichelte ihr als der Frau des mächtige» Mannes. Als sie mitten in der Reaktion des Thermidor nach Poitiers zurück kam, als Rochereuil, der nach dem Prairial") verbannt worden war, sich für einige Monate verbergen mußte, hatte sie eine grausame Prüfung zu ertragen. Die Revolution war besiegt, und das ließ man sie fühlen. In den früher be- reundeien Häusern wurde sie nicht niehr empfangen, oder die Zeule, die sie aus Neugier oder um ihre vergifteten Pfeile auf ie zu richten, sehen wollten, erwiderten ihren Besuch nicht. Für die Einen war sie die Frau eines Königsmörders, eines Seplcmbristen, eines Gottlosen, wie mau damals sagte; für die Andern, die bis zu einem gewissen Grade die Revolution mitgemacht hatten, war sie kompromittirend. Die ehemaligen Freunde Rochereuil's mit Ausnahme von zwei oder drei, grüßten sie nicht mehr. Die Stutzer, die es auch in Poitiers gab, würden sie insultirt haben, wenn sie es gewagt hätten; aber durch ihre feste, würdige Haltung, ihren ruhigen Blick, die Reinheit ihres Lebens, das die Verleumdung nicht berührt hatte, gebot sie wenigstens äußerliche Achtung. Frau Rochereuil litt sehr, aber sie zeigte es nicht. Wenn >e auf der Straße einer Jugendfreundin begegnete, die den Kopf abwandte, lächelte sie, denn sie fühlte sich über die Ver- achtung erhaben und wußte auch, daß dieses geringschätzige Lächeln ihre Rache war. Minunter sah sie gar nicht. ivas um sie her vorging, und die guten Seelen der Stadt hatten nicht einmal die Gewißheit, daß sie gekränkt, verletzt war. Sic schenkte ihnen nur vollkommene Gleichgiltigkeit. Kurzum, sie lebte stolz und unbeugsam in der Einsamkeit. Sie ivußte, daß ihr Gatte ein Ehrenmann und ein guter Bürger war; sie liebte ihn. Sie wußte, daß ihre Kmder ihrer und seiner würdig waren. Was war ihr alles übrige? Die Welt war ihr fremd. Prairial, eigentlich der Wieseninonat, ein Monat des franzö« fischen Nevolntionskalenders, vom 20. Mai biS 18. Juni. Nochcrcuil jmtvbe nach dem Komplot des Nivüse ver- haftet, einige Zeit gefangen gchallen und dann nach den Seychellen deportiert. Wahrend er im Gefängniß zur„Heimsnchnng" mar, besuchte die ninthige Frau ihn dort so oft, als das Reglement es erlaubte, und sie besaß die Kraft, niemals sehm zu lassen, ivie verziveifelt sie war. Alles verschloß sie in sich. Sie trat lächelnd zu ihm ein, brachte dem Gefangenen Nachrichten von seinen Kindern, die ihn nicht besuchen durften, erzählte ihm von dem, was in der Stadt vorging, und unterhielt sich mit heiterer Miene mit ihm, wie wenn ihre Seele ganz ruhig gewesen wäre. Sie that es, nicht weil sie es für uöchig hielt, ihren Gatten aufznrichleti und z>t ermnthigen, denn sie wußte, daß er über jedes Miß- gcschick erhaben war tnid sich niemals beugen ließ; allein sie wußte auch, daß, wenn etwas ihn beunruhigen und ihm das Gefängniß bedrückend erscheinen lassen, ihm Furcht vor der Zukunft einflößen konnte, es der Schmerz um sie war. Frau Rochcrcnil schien frei von jeder Unruhe, damit der Gefangene ruhige Nächte hätte. Er wiederum that, als glaube er an seine bevorstehende Befreiung; er wiederholte es ihr täglick, und sie schien nicht daran zn zweifeln. Sie täuschten sich gcgeuscitig! Rocherenil kannte Boita- parte und wußte, daß er sowohl wie alle Patrioten, an welche die Polizei Hand augelegt chatte, geliefert waren. (Fortsetzung folgt.) MMelvenkfche Erdbeben im»eunzehttteu»md in frühere» Jahrhittlderte». Starke Erdbeben sind in Deutschland selten. Auch das neueste voiglländische Erdbeben erweckt nicht wegen seiner Stärke, sondern wegen seiner häusigen Wiederholungen allgemeines Interesse. In früheren Zeiten scheinen Erdbeben im mitteldeutschen Gebiete mehr- fach ausgetreten zu sein und müssen sogar, wenn nicht die aber- glänbische Angst des Volkes in inutelalterlichen Zeiten die Ereignisse stark übertrieben hat, zuweilen recht bedeutend»nd verheerend ge- wese» sei». Es liegt uns da eine alte Druckschrift aus dem Jahre 169 t vor init dem merkwürdigen Titel:„Das erschütterte und bebende Meißen und Thüringen", von dem Pfarrer Nikolaus Hvpffner zu Drascbwitz im Stifte Nauenburg, worin nach den weiteren Worten des aussührlichen Titelblattes die Beschreibung eines am 24. November 1690 in Meißen und Thüringen erfolgte» Erdbebens verheißen wird. Der Inhalt des Buches geht aber über diesen Vorsatz weit hinaus n»d liefert uns eine ziemlich durcheinander geivnrselte Chronik aller möglichen Erdbeben, unter denen die milteldentschen Beben freilich betonders berücksichtigt sind. Die Darstellung hat außer dem historischen Interesse noch ein kulturgeschichtliches, indem sie die damaligen abergläubischen Vorstellungen, die sich au die Eut- stehnng und die Folgen von Erdbeben knüpfen, kennen lehrt. Es seien hier nur einige ans Mitteldeutschland bezügliche Angaben dieses Buches erwähnt. Von dem aussührlich berücksichtigten Erdbeben, das zur Zeit der Sintfluth unseren ganzen Planeten in Aufruhr versetzt haben soll, abgesehen, wird das erste Erdbeben i» Mitteldeutschland aus dem Jahre 577 nach Christi erwähnt; es heißt an der betreffenden Stelle:„Im Jahre des Herrn 577 sind neben einem Erdbeben viel andere schreckliche Wnnderzcichen mehr in Thüringen ge- wese», da man am Himmel brennende und in de» Lüsten schwebende Fackeln gesehen." Daß bald darauf Siegbcrt, der damalige Landesherr von Thüringei', ermordet wurde, «nd ferner Theuerung und Pest das Land befielen, wird nach der damaligen Anschauung als eine Strafe Gottes gedeutet, deren Eintritt durch das Erdbeben angezeigt werden sollte. Im Jahre 662 war in Mitteldeutschland„ein Erdbeben, so gantzer 30 Tage an einander warte, und stunle zugleich mit großen Erstaunen aller Menschen ein großes Schipcrdt am Himmel, worauff in Thüringen große Em- pörung und Unruhe entstünde". Aus dem Jahre 637 wird folgendes merkwürdige Geschehniß berichtet:„Es stund in Thüringen ei» Baum, der war 40 Schuck) hoch und in der Dicke 14, der ging frey von ihm selbst erhoben, wanderte fort,- und setzte sich an einen anderen Orth. Es wars sich auch ein Wall von dem Erdboden von ihm selbst anff, etliche 1000 Schritte lang, und darauf erfolgte ein Erdbeben, daß viel Flecken und Dörffer übern Haussen ivarff." Nu» folgt eine große Lücke in unserer Chronik bis zum 14. Jahrhundert, ans welchem der Naiynburger Pfarrer auch nichts weiter zu erzähle» weiß, als daß 1346 nach einem heftigen Erdbeben in Kärnthen über ganz Denlschland„ein jämmerlich Sterben" entstanden sei. auch habe es nach dem Erdbeben„heftig Kröten geregnet". Aus � dem 16. Jahrhundert wird eine ganze Reihe von Erdbeben verzeichnet. unnchst eines vom 26. März ISN, wo im Orte Lentmeriz in öhmen ein so starkes Erdbeben geivesen sein soll, daß im Kirch- thnrme die Glocken anfingen zu läuten und von der Thnrmspitze das Kreuz herabfiel,„die Bürger sind davon so erschrocken, daß sie alle aus der Stadt entlanffen". Sehr interessant ist eine Angabe aus dem Jahre 1S17, wo in Thüringen ein Erdbeben eintrat,„darauff den Leuten vssters Kopffweh, und Verwirrung des Verstandes er- folget ist, wiewohl wenig davon gestorben. Es entstund eine UN- bekandtc Seuche miter den Leuten, davon ihnen die Zunge und der Schlund, gleich als mit Schimmel überzogen, daß sie weder essen noch trinken könten oder möchte», mit einem Haupt- wehe, nicht ohne Pestilentzische Fieber, welches die Leute von Ver- nnnft und Sinne» brachte". Man könnte hier fast an einen Feldzug der Grippe denken. 1553 wurde die Stadt Meißen von einem heftigen Erdbeben erschüttert, sodaß die Bürger meinten, die ganze Stadl würde untergehen und deshalb flohen; mit diesem Erdbeben wird der Tod des Kulfürsten Moritz von Sachsen in Verbindung gebracht. Ans dem Jahre 1578 wird ein Erdbeben in Thüringen und Meißen erwähnt. Für das 17. Jahrhundert hänfen sich die Erdbcbennachrichten der Chronik. Von einem Erdbeben des Jahres 1601 sagt der Versasser, man habe es„eigentlich und be- scheidentlich(das heißt in der Sprache jener Zeit: genau und deutlich) fühle» können". Das böhmisch-mährische Erdbeben von 1619, das mit dem Ausbruche des dreißigjährigen Krieges i» Verbindung gebracht wird, wird anssührlicher behandelt, ebenso ivird einem Erdbeben in der Mark aus dem Jahre 1628 eine Beziehung zn den damaligen Kricgswirren in Deutschland zugeschrieben. Von 1669 wird angegeben, daß„zu Schmiedeberg bey Willenberg eine Entzündung der Erden entstund, allivo das Feuer häufig herausgefahren". Am 7. Juli 1663 war Mittel- und Süddeutschland der Schauplatz eines sehr ausgedehnten Erdbebens, von dem der thüringische Pfarrer erzählt, daß„davon hier bey uns in theils Häusern die Fenster geschüttelt, und das in den Stuben anff den Simsen stehende zinnerne Gesäße geklungen».s.w." Dieses Erdbebe» galt als der Vorbote einer HungerSnoth»nd der Belagerung Wiens durch die Türke». Schon 1689 und 1690 ersolgleu neue Erdbeben in Meißen und Thüringen. Als Gegensatz zn diesen chronistischen Auszeichnungen mögen nun einige Worte über Erdbeben in Mitteldeutschland während der letzten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts folgen, die eine gründliche wissen- schastliche Bearbeitung erfahren haben. Das bedeutendste dieser Erd- beben ist dasjenige vom 6. März 1372, über welches der durch viele ausgezeichnete Arbeile» bekannte deutsche Geologe Karl v. Scebnch eine besondere Abhandlung geschrieben hat. Dieser Gelehrte bewirkte. daß an sämmlliche Telegraphenstationcn des Deutschen Reiches Fragebogen gesandt wurden, welche die Beantwortung der ivicbligsten ans das Erdbeben bezüglichen Fragen veranlassen sollten. In der That gingen ans diesem Wege zahlreiche Nachrichten ein, die noch durch eine Menge von Zeitungsnotizen vervollständigt werben konnten. Die Ansdehnung dieses Erdbebens war eine ganz be- deutende und erstreckte sich auf eine Fläche von 3100 Quadratmeilen. Rur wenige Beben in diesem Jahrhundert habe» einen größeren ErschüllerungskreiSkgehabt, z. B. dasjenige von Visp von 1655 und vielleicht das rheimsche Bebe» von 1846. Die Zone stärkster Er- schütternnge» lag in der Gegend zwischen Gera und Altenbnrg. Beschädigungen von Gebäuden ersolgleu innerhalb einer Linie, die die Orte Chemnitz, Älllenbnrg, Apolda, Weimar, Elsterberg und Stolberg vcrbindel. Erdbebengcräusche waren in einem Umkreise von Wittenberg, Bernburg, Franlenhanse», Erfurt, Suhl, Coburg, Egcr, Leilineritz, Bautzen, Lübbenau zu vernehme». Die äußerste Grenze der wahrgenommenen Erderschülterungen ivurde etwa durch eine Linie über Berlin, Brannschweig. Kassel, Marburg, Frankfurt, Heidelberg, Hechingen, Regensburg, Prag, Breslau, Gtogau be- zeichnet. Es mögen hier wenigstens einige der interessantesten Nach- richten über dieses Erdbeben erwähnt sein. Im Hildesheimschen wurden zrvei Erdbebe» deutlich nnlerschiedcn, die eine» Tisch ins Schwanke» brachte», ei» vor dem Fenster angebrachtes Thermometer ivild hin und her bewegte» und die Außenwand des Hauses schein- bar vor- und zurückweichen ließen. I» Magdeburg ivurde nach einem Berichte der„Magdebnrgischen Zeitung" ei» viermaliges Schwanken des Fußbodens in Häuser» bemerkt. I» Köthen ließe» die Leitungsdrähte an dem Tclegrapheiigebäude ein Geräusch vernehmen, als sollte» sie gervallsam zerrisse» werden; ei» Ruck spannte sie plötzlich an, sie schnellten zurück und vibrirlen noch einige Zeit. I» Berlin war die Erschütterung der Hänser noch stark genug, nur viele Einivohner in großen Schrecken zu versetze»; verschiedentlich gericthen Möbel ins Schwanken, Spiegel zitterten an den Wänden, Fenster klirrte» und Uhren bliebe» stehen. In Görlrtz wurde eine Schrvnrgerichtssitzung durch ein Helles Knistern und Knacken in der Decke des Saales unterbrochen, worauf eine Panik entstand und alles nach den Ausgängen stürzte, so daß einzelne Personen zu Bode» getreten wurden. In Breslau beobachtete der berühmte Astronom Prof. Galle erhebliche senkrechte Schwankungen an einem Fernrohr. Nnch Berichten der„Breslaner Zeitung" wurden heftige Erdbebeucrscheinunge» noch in verschiedene» anderen schlesische» Städte» verspürt. In München ivurde die Er- schütterung der Erde sehr wenig bemerkt. In Nürnberg schwankte der Bode» derart, daß in einer Steindrnckanstalt verschiedene lithographische Steine aneinander schlugen, eine Mauer einstürzte und die Bettstelle eines Kranken um einen halben Fuß verrückt wurde. Aus Frankfurt a, M. berichtete der Thürmer auf der Paulskirche, daß das Haus ziemlich heftig ins Schwaiike» gericlh und er selbst nicht vom Stuhle aufzuspringen vermochte, da er sich wie betrunken fühlte. Diese Nachrichten stammen erst aus der äußere» Zone des Erd» bebengebietes, aus den« südlichen Sachsen und aus Thüringen laute» die Meldungen noch ganz anders. I» Köse» folgten zrvei überaus Heftige Stöße, die beide Male von»nterirdischeni, starkem Donner begleitet wurden; hier wie an vielen nudereü Orten geriethen einige Sekunden vorhex Pferde und andere Hausthiere in sichtliche Unruhe- Zu Halle wurde zur Zeit des Erdbebens ein unterirdisches Geräusch gehört wie von einem schnellfahrenden, schweren Wagen. In Dresden wurde das Erdbeben weniger von de» Mensche» als von den Thieren des Zoologischen Gartens empfunden und angezeigt, viel heftiger waren die Erdbewegungen in Freiburg und in Meißen, wo die Oefen in den Zimmern schwanlten, Deckenbekleidungen und sogar Schornsteine herabfielen. In Leipzig geriethen in einem Hause der Querstraße leichte Gegenstände auf den Tischen und Schränken in eine hüpfende Bewegung, und allgemein wurden starke, zuweilen sehr eigenthümliche unterirdische Geräusche vernommen. In Chemnitz wurden in fast allen Wohnungen, besonders in den höheren Stockwerken der Häuser, sehr starke Schwankungen wahrgenommen. In Gera war die Erschütterung eine ganz außerordentliche, so daß viele Häuser Risse bekamen, mehrere Personen durch herabfallende Steine verletzt wurden und ein Mensch sogar getödtet wurde, dabei war ein so furchtbares Krachen und Prasseln vernehmbar, daß man in der fürstliche» Bibliothek glaubte, daß das ganze große Gebäude ein- stürzen würde; in einem Zlugenblick stürzten tansende von Büchern von den Brettern, so daß fie in große» Hansen den Boden bedeckten. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit dieses Erdbebens wurde bis aus 4ö Kubikmeter in der Minute berechnet. Ueber die Entstehung des Erdbebens konnte Karl v. Seebach»och nicht ins Klare kommen. Das vogtländisch-erzgebirgische Erdbeben vom 23. November 1875 wurde von Hermann Credner in Leipzig behandelt. SIm heftigste» wurde die Stadt Plauen betroffen. Hier war die Erschütterung bedeutender als die des Jahres 1372. Von vielen Personen wurden rollende Geräusche bis zur Stärke von Donnerschläge» vernommen, fast sämmlliche Bewohner wurden aus dem Schlafe geweckt und ver- ließen bestürzt die Bette». Die Anskkdhnung dieses Erdbebens war im Vergleich zu dem von 1872 nur gering»nd wurde auf etwa 40 Quadratmeile» berechnet. Am 17. Juli 1876 fand eine Erderschütlernng in Chemnitz statt, am 5. Oktober 1877 eine solche in Dippoldiswalde. Am 28 No- vcinber 1878 geschahen zwei Erdstöße in der Gegend von Thum nördlich von Annaberg im Erzgebirge. Im Dezember 1380 wurde» nicht weniger als drei Erdstöße innerhalb zweier Wochen verzeichnet, der erste am 4. Dezember in der Gegend von Großenhain; der zweite im Ritlergnte Weischlitz bei Planen am 12. Dezember; der dritte am 15. Dezember in dem Landstrich von Waldenburg an der Mulde über Mecrane nach Crimmitzfchan. Ein Erdbeben vom 22. Mai 1881 wurde in der Zwickauer Gegend sowohl a»f de» Straße» als in den Häusern der Stadt und auch in Bergwerke» der Umgegend beobachtet. Zuverlässige Nachrichten liegen auch über mehrere Erdstöße am Morgen des 16. Oktober 1831 vor> die de» Untergrund der Stadt Leipzig erschütterte». Am 29. September 1333 wurde das Gebiet von Lvbenslein und Bad Elster im Vogtlande von einem mäßigen Beben heimgesucht. Das größte Erdbeben dieser Jahre war das sächsisch-renßische vom 20. Oktober 1883, das eine Ausdehnung von mindestens 160 Qnadratmeilen hatte und in 80 Orte» verspürt wurde. Bald darauf erfolgte» im llteußischen einige weitere Erdstöße.—(„Kölnische Zeitung".) Vloinos Isettillokon — w— Die Schlepper. Es ist am Wahltage. Die Dämmerung schleicht durch die Straßen und in die Häuser. Die Treppen sind noch nicht erhellt. Unsicher tappt es die Stufen herauf und bleibt vor der Thür stehen. Ei» Suchen und Tasten an der Thür, dann klingelt es. Vor dem Oeffneuden steht ein Dienst«»«»»; in der immer dichter iverdenden Dunkelheit erkennt man ihn Ntlr an dem Ausleuchten des Messingschildes seiner rothe» Mütze. „Wohnt hier Herr Büttner?" fragt der Dieustmann. „Nein, eine Treppe höher." „Aber vielleicht—" Der Dicnslmann versucht von einem Zettel, den er dicht vor die Augen hält, Namen zu entziffern. Doch es ist i» der Dunkelheit unniöglich. Der andere kommt ihm ihn« zu Hilfe:„Hier«vohnt Mähr." „So; ach bitte, ich soll das hier abgeben." Der andere nimmt den iveißen Zettel und schließt die Thür. Er hört noch, ivie der Dicnslmann die Treppen ivieder hinunter tappt»nd fluchend auf dem nächsten Absatz stolpert. An der Ziinmerlampe, die er erst anzündet, liest Mähr de» Zettel; es ist eine Aufforderung des bürgerliche» Wahlkomitees, sofort seine Stimme für seinen Kandidaten abzugeben.„Fein, innner fein sind unsere Bürgerlichen!" sagt er zu seiner Frau;„Sie schicken Dienstmänner. Sie haben's nicht nölhig, selbst zu kommen." Gleich daraus tappt es ivieder die Treppe herauf und klingelt. Diesuial steht der Portier aus dem Nachbarhause draußen. „9!a Pleschke.«vas haben Sie denn?" � „Na Hii, Mähr, Sie sind ja heule zu Hause?" „Ja, ich bade»och'»«vichtigen Gang vor." „An die Wahlurne?" „Das»«öchten Sie«vohl»vissen?" „Na— hier haben Sie eine Aufforderung dazu." „Sie schleppen auch, Pleschke?" „Ich bin von meiiieui Hallsivirth dazu konimandirt." „Also freisinnig." „Jaivohl--- Na, die Loreuzen hätte auch schon Licht machen könne»!" schimpfte er, indem er die Treppen hinaus stolpert. Da hört«»an von nuten schon ivieder jemand nahe««. Vom nächsten Treppenabsatz ruft er Mähr an, der eben die Thür, durch die ein schivacher Lichtschein von der Ziniuierlampe bricht, schließen«vill. „Wohnt bicr Mähr?" „Jawohl." Mähr sieht sich den vor ihm Stehenden an; niit Mühe glaubt er einen Arbeiter zu erkennen. „Sind Sie Herr Mähr?" fragt dieser schüchtern. „Ja" „Dann«nöchten Sie doch gleich Ihre Schuldigkeit thiin," kling! es schon fester. Mähr sieht erstaunt auf den Zettel; er hält ihn in de«« Licht« schein nud liest.„Na, jetzt kominen unsere Leute erst?" meint er. „Ja«veni« man geivissenhaft bis in den vierten Stock alles ab- fertigt— und dann ist noch alles dunkel." „Na«varten Sie, ich bringe Ihnen die Lampe," sagt Mähr. „Hier in, Hause wohnen lauter Rothe, da müsse» Sie bis unler das Dach." So gehe» sie beide im Hanse Trepp auf, Trepp ab. Der Ar- beiter erzählt, daß er arbeitslos ist—„da macht man sich auf solche Art nützlich!" Dann geht er ins nächste Ha«ls,«vo eben die Treppenlichter angezündet«verde».-- — Tokajer. Der Tokajer wächst in der Hegyallja. Unter diese««« Namen versteht«na» die«ingefähr 50 Kilometer breite und 30 Kilometer lange Weingebirgsgegend,«velche die Ortschaften Tokaj, Torzal. Maüd»nd Tacha in Ober-Ungarn umfaßt und den weit- berühmte» Tokajer Wein««nd Ausbruch liefert. Wir finde» hier ca. 7600 Hektar Weingärten, ans«velchen i» guten Jahren 85 000 bis 90 000 Hektoliter Wein erzeugt«verde». Schon länger als ein Jahrtause>«d«vird hier der Weinbau betriebe», dessen erste Anfänge man sogar in der Zeit des römischen Kaisers Probus sucht. Der bcrühinteste Wein«vächst übrigens nicht gerade bei Tokaj, sondern in der Nähe der Ortschaft Talya,«velche auch ivegen ihres alljährlich iin Oktober abgehaltenen Jahrinarkts, a»«velche»« eine««»glaubliche Menge Weinfässer zum Verkauf gebracht werde», weithin be- kannt ist. Der Wein der Hegyallja verdankt seinen Weltruj hauptsächlich der äußerst emsigen Pflege, den« sorgfältige» Sortiren der Trauben und der späten Lese, durch ivelch' letzteren Umstand die Beere» fast zu Nosineu«Verden und»uninehr einen ««»gemein süße» dicklichen Saft zurückbehalten. Man unterscheidet hinsichtlich der Qualität dreierlei Sorten:„Tokajer Essenz" oder Ausbruch 1. Klasse, d. h. den Saft,«velcher durch die eigene Schwere der Trauben ansfließl. serner den„Tokajer Ausbruch 2. Klaffe" und de» sogenannten„Maschlasch", d. i. die geringste ,i»d leichteste Qualität,«velche ineist in, Jnlande konsumirt«vird,«vährend die beiden ersteren Sorte» hauptsächlich zum Export gelangen. Aber ebenso,«vie nicht alles,«vas glänzt, Gold ist, so giedt es auch viele goldig glänzende süßliche Weine, ungefähr 60 Sorten, die«vohl als„echte Tokajer" etiqneltirt und verkauft«verde««, aber nie- «»als die Hegyallja gesehen haben, sondern minderiverthige Wein- sorten sind, die ans Italien. Griechenland und Kleinasien«ach den verschiedensten Gegenden Ungarns eingeführt sind und dann als Tokajer kultivirt und in de» Handel gebracht«verde». Die Weinlese beginnt in der Hegyallja erst am 17. November und ist ein«vahres ungarisches Nationalfest,«velches seinen Mittelpunkt in dem Markt- flecken Maad hat, der dann zugleich Börsenplatz des Weinhandels ist. Die„Tokajer Berggruppe",«vie die Hegyallja auch genaiint «vird, erzeugt ungefähr 3t vorteil edle Weine, aber die Krone aller dieser Weine, der„Mczös-Mäle", zu Deiltsch„Honigsein«", gedeiht nur auf dem 250 Fuß hohen„Tokajer Berg", a» dessen Ostseite die sonst««««bedeutende kleine Stadt Tokaj«»alerisch gelegen ist.— Theater. — Die Dramatische Gesellschaft z u B e r l i n hat für das laufende Vereinsjahr(1. Oktober 1397 bis 30. Septeinber 1893) vorläufig folgende Stücke in Ausstcht genommen: Juliane Dery,„Die sieben magere» Kühe". Maurice Maeterlinck, „L'Jnirnse". Maurice Maeterlinck,„Aglavaine und Selysette". H. von H o f n« a» n s t h a l- L o r i s,„Der Thor und der Tod". Julius S ch a n m b e r g e r,„Ein pietätloser Mensch". Oskar P a n i z z a,„Ein guter Kerl". Gunnar H e i b e r g,„Der Balkon". Die Aufführnngen finden im„Residenz-Theater" statt, die erste»och im Lause des November. Die Mitgliedsbeiträge für das Vereinsjahr betragen 20. 12 und 6 M. Anmeldungen sind an Herr» Th. Eulsch, Jägerstr. 20, zu richten.— Geschichtliches. Uomembsr, rsmembsr D b v fifth of November! (Gedenket, gedenket Des fünften November!) So ivurde vorigen Freitag überall in England gesungen zur Erinnerung an die Pulv ervers chivörnng; und um zu be- «veisen, daß der Grimm noch iinnier groß ist auf die bösen Papisten. «velche die Pulververschlvörnng angezettct haben,«vard eine Puppe, die Guy(Guido) F a«v k e s, einen der Verschivorenen. darstellen sollte, feierlich«liiter«vildem Gejohle verbrannt. Und so ist es im protestantischen England seit nunmehr 292 Jahren alljährlich am 5. November getrieben worden, den» die Pulververschlvörnng>va«e im Jahre 1605, und die Engländer sind sehr konservativ. Wie lange es noch getrieben werden wird? Wer weiß� Wenn das Volk kritisch veranlagt wäre, dann hätte allerdings schon in diesem Jahre keine Feier mehr stattfinden dürfen, denn in diesem Jahre hat ein katholischer Geistlicher es unternommen. sich die Pulververschwörung einmal anzuseh», und da ist es ihm denn ergangen, wie in den meisten derartigen Fällen: die„Geschichte" ist ihm zwischen den Fingern zerflossen. Die Pulververschwörung soll bekanntlich zni» Zweck gehabt haben, König Jakob I. nebst seinem Hosstaat am Tag der Parlamentseröffnung in die Luft zu sprenge»— natürlich mit sammt dem ganzen Parlament. Aber wie durch ein Wunder wurde das Attentat noch entdeckt. Und wer sehen will, wo Guy Fawskes mit seiner Laterne versteckt saß, um die fürchler- liche That zu verrichte».— der braucht blos einmal nach London ins Parlamcnlshaus zu geh», da wird ihm alles gezeigt. Unser Geistlicher, Pater G ererb, betrachtete sich'» auch; er hatte jedoch gelinde Zweifel, s Uchte nach Dokumenten, und— entdeckte, daß es sich mit diesem alten Attentat gerade so verhielt, wie mit den meisten modernen Altentaten— es war von der Polizei gemacht. Und dafür brachte er massenhafte Urkunden. Ein gelehrter Protestant, der in seiner christlichen Liebe nicht dulden kann, daß dieser Flecken von den Katholiken entfernt werde, ein Herr Dr. G a r d e n e r. hat Gererd zu widerlege» versucht, jedoch mit wenig Erfolg. Das höchste, was er zu erreichen vermochte, ist, daß es nicht feststeht, ob die Polizei alles gemacht hat, oder ob sie einen„ehrlichen" Dummeria» vorfand, der ihre Arbeit ver» richtete und sich mißbrauche» ließ. Daß die„Pulververschwörnng" eiu ganz unbedeutendes Ereigniß war, das zu politischen Zwecken „sruktistzirt" wurde, das muß auch Herr Dr. Gardener zugeben. Jedenfalls weiß nun der Leser, daß den Regierungen und der Polizei schon vor nahezu dreihundert Jahre» das Geheimniß der Staats« und Gesellschaflsrettung durch Attentate bekannt war. Kultur-Geschichtliches. Hebet die Geschichte des Damen muffs enthält das „W Fr. Bl." folgende Angaben:„Das Auftreten des Muffes ist Ende des 1V. Jahrhunderts in Venedig festgestellt worden. Damals war der Muff ei» nicht allzu großes Objekt aus Saminet, Brokat oder Seide, mit Pelzwerk gefüttert und an beiden Enden mit kost- baren Knöpfen geschlossen. Im 16. Jahrhundert benutzten auch die Herren sehr prunkvolle Muffe; es waren das kleine, nutzlose Toilettenobjekte mit Bändern, Goldfäden, Passementerien, Franse» und Stickereien geschmückt; die ersten Zobelmnffe sah man in dem Besitze der Fontanges. Scarron hat eine seiner schärfsten Satiren gegen den Mißbrauch des„Handwärmens" geschleudert. Unter Ludivig XVI. sollten nur Stoffmuffe getragen werden. Später hielten der Hermelin, der graue Bär, der Zobel de» Record der Eleganz; das Otternfell und der Blaufuchs kamen später hinzu, ebenso die unverhältnißmäßig kolossalen Muffe aus Augora- ziegenfell, die im Schlitten beinahe die Decken ersetzten. Ende des IS. Jahrhunderts wurde der Muff klein und elegant, im „Diotiomrairo amoureux" wird er zitirt als„init Atlas gefütterter Briefkasten, der, auS sibirischem Wolspelz hergestellt, von den Jahr- Märkten in Nischnij- Nowgorod in alle Welt verschickt wurde. Mit dem Reifrocke und de» Keulenärineln des Jahres 1S30 harmonirt« der unförmlich große Muff, der eigentlich erst wieder zu ver- ständigen Proportionen z»rückk«hrte, als die Schauspielerin Deselse sich weigert«, 18SS anders als mit einem kleinen Muff auszutreten, der auch heute seine Borherrschaft behauptet.--- Völkerkunde. Ein englischer Weltreisender, der kürzlich aus Indien zurück« gekehrt ist. schildert die Töchter Bangkoks als geborene Tänzerinnen. Die Geschmeidigkeit dieser dunkelhäutigen Schönen ist— so schreibt der Engländer— geradezu bewuuderns. werth. Ei» bei den Siamese» sehr beliebter Tanz ist der„Becher- Tanz", der allerdings nur von de»„berufsmäßige»" Tänzerinnen ausgeführt werden kann. Eine Reihe junger Mädchen, von denen jedes eiuen Becher auf dem zierlichen Kopf trägt, stellt sich in der Mitte der. großen Tanzhalle auf. Die Musik setzt voll und kräftig ein. Bei dem ersten Klange knieen die Tänzerinnen nieder, schlinge» ihre Hände ineinander und beugen ihre Köpfe so lief zur Erde. daß die Stirnen fast den glänzende» Marmorboden berühren. Eine merkwürdig geschickte Bewegung des Halses veranlaßt den Becher, sein Gleichgeivicht auf dem Kopf zu behalte». Dann plötzlich aufspringend, beschreiben die Sylphiden schnell auseinander folgende, eigenartig verwickelte Figuren, indem sie Arme und Kops stets im Takte der Musik bewegen. Diese wird zuletzt immer lauter und feuriger. Die Tänzerinnen erheben sich auf die Fußspitzen und biegen die schlanken Körper. Arme und Finger mit staunencrregender Ge- lenkigkeit. Ei» von großer Geschicklichkeit zeugendes Knnststückche» der siamesischen Tänzerinnen ist— einen Strohhalm mit dem Augenlid aufzuheben. Dies müssen schon die fünfjährige» Elevinnen lernen und täglich üben, da man glaubt, daß sie dadurch eine außerordentliche Geschmeidigkeit des ganzen Körpers erlangen.— Medizinisches. d. Bor der Vergiftung mit Zinkpnder warnt Dr. Scholz in Lähn in der„Aerztl. E. Z." Einem gesunden Maime wurde zur Heilung eines Ausschlags auf der Hand das Bestreuen mit dem allgemein gebräuchlichen Zinkpuder verordnet. Der Patient war, bis auf de» Ausschlag, vollständig gesund. Nach einigen Tagen erkrankte der Mann unter Erbrechen, Fieber, Beklemmung uud Schwindel. Zuerst war die Erklärung für diese Erscheinungen gar nicht zu finden, und nur zufällig kam Dr. Scholz ans die Vermulhung, daß es sich um eine Zinkvergiftung handeln könne. Als darauf die Hand gründlich gewaschen und die Zinkstrenung unterlassen wurde, verschwanden die Vergiflungserscheiuungen nach kurzer Zeit voll- ständig. Dieser Fall beweist, daß Zinkpuder durchaus nicht so ungefährlich ist, als vielfach angenommen wird, weshalb seine An- weudnug namentlich bei Kindern mit Vorsicht vorzunehmeu ist.— Technisches. — Ein N i e s e n s ch i r m. Das Zugstück cher im nächsten Sommer in Omaha(Nebraska) stattfindenden Trans- M i s s i s s i p p i« A u s st e l l u» g wird ein riesiger„Regenschirm" sein, wenigstens der Form nach; im übrige» soll er dazu dienen, «inen Rundblick auf die Ausstellung und ihre Umgebung zu ge- ivähreu. Das eiserne Ungethnm hat Aednlichkeit mit einem Riesen- schirm, dessen Stange und Gerippe aus solidem Stahl hergestellt wird. Die Spangen des Schirmes, eisernen Armen gleich, werden sich, wen» in Bewegung gesetzt, langsam und gleichzeitig vom Erd- bodeu erheben und, bis zu einer Höh« von 325 Fuß ansteigend, sich gleichfalls langsam im Kreise drehen und dann in eben solcher Weise, wie sich die Steigung vollzog, auch wieder zurück zum Erdboden gebracht werden. Die Stange oder besser gesagt der Schaft, der einen Durchmesser von 45 Fuß haben soll, wird aus Stahl und Eisen hergestellt, 35V Fuß hoch und in einem 3V Fuß liefen und 1VV Quadratmeter Umfang be- sitzenden Slcinfundaiueute verankert werde». Die eisernen Arme dieses Risenschirmes, zehn an der Zahl, werde» 110 Fuß vom Träger desselben seitwärts abstehen und an ihrem äußersten Ende werden knischeuähnliche Behälter zur Aufnahme von je 40 Personen an- gebracht werde». Von den Enden der eisernen Arme werden Draht- seile nach der Spitze des Schaftes gezogen, die zur Herstellung des Gleichgewichts dienen. Die Wagen zur Ansuahme der Personen sollen aus Eisen und Stahl hergestellt werde». Die Triebirafl für den Niesen schirm ist Elektrizität. Die Dauer der Rundfahrt ist aus zwanzig Minuten berechnet. Die verschiedene» Wage» werden elektrisch beleuchtet, mit farbigen Lampen illuminirt und ans der höchsten Spitze des eiserne» Mastes wird eiu elektrisches Licht an- gebracht.— Humoristisches. — Erholung. Feister Spießbürger am Biertisch:„Wenn oaner den ganz'» Tag nix thuat, muß er doch am Abend sei' Ruh' hab'n!"— — Nationalliberal. Vater zum Bewerber:.Einen» Frei- geist und Revolutionär ivie Sie werde ich nie meine Tochter zur Frau geben. Auch»nein Herz glüht unendlich sine die Freiheit, aber jür eine Freiheit mit hoher obrigkeitlicher Beivilligung."— („Simplicissimus.") Vermischtes vom Tage. — Terracotten aus röinischer Zeit sind, nach der „Königsb. Hart. Ztg.", von einen» Oberförster bei Ger bauen in der Erde gefunden»vorbei». Es ist das erste Mal, daß ein derartiger Fund i» Oftpreuße» gemacht»vorbei» ist.— — Ein Nagelschmicd aus Oberschönau(Kreis Cchiual- kalben) erstach aus offener Landstraße einen Schloffer uud verletzte einen ziveiteu Schlosser tödtlich. Hierauf erstach er sich selbst.— — Bei H ö r s h o l in auf Scela»»d hat die Frau eines Land- arbeiler- sich und ihre vier Kinder in» Meere ertränkt. Vor zwei Jahren ist«ine Schwester der Verstorbenen niit ihren beide» Kindern von einem Dampfer ins Meer gesprungen und er- trunken.— — In Wie» wurde eine unter sittenpolizeilicher Aussicht stehende Drechslerfrau von eincin achlzehnjäbrige», Schuh« »»acher e r st o ch c». An der Todlei» zählte»na» 25 Messerstiche.— — Eine Wiener Maschinenfabrik wnrde seil zivei Jabren bestohlen. Jetzt hat es sich herausgestellt, daß die Urheber aller Diebstähle die beiden Söhne des Fabri» kanten geivese» sind. Sie hatlen auch den Lö>ve»anlheil von dein Erlöse der gestohlenen Gegenstände gezogen.— — Unter oe» Kalmücken des Goiivernemenls Archangel ist der Hungertyphus ausgebrochen.— t. Reines Wasser>» n d Sterblichkeit. Von»vie großer Bedeutung reines Triiiiwasser für die Sterblichkeit in Städten»st, lehrt von»enen» ein« Sialistik der französische» Stadt Cberbonrg, die>831 eine große Filtriranlage errichtete, seit jener Zeit hat die Sterblichkeit unter den Bewohner» dauernd abgenomiiien; ivährend 1394 von 1000 Personen»och 30 starben, starben 1833 im Mittel»ur 24 von 1000. Eine besondere Abnahme zeigt die Sterblichkeit an» Typhus, die von 6,03 von 1000 im Jahre 1334 auf 3,63 im Jahre 1897 heruntergegangen»var.— — Der Frachtdampfer„Idaho" ist ans dem Eriesee (Nordamerika) gesunken. Von der Be»ia»»ung sind 19 Mai», ertrunken, zwei»vurden gerettet.—_ Veraiitwortlicher Redakteur: Angnst Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.