Anterhaltungsblatt des'Dorwärls Nr. 222. Donnerstag, den 11. November. 1397. (Nachdruck verboten Dev Vom«» vinev VevsrTznrötmnA. 24 Von A. R a u c. JnS Deutsche übertragen von Marie K n n e r t. »Dieser Mensch hält uns fest, wir sind ihni lästig," sagte Rochereml sich,„er hat jetzt einen Vorwand und wird uns nicht schonen!" Instinktiv hatte Frau Rochereml denselben Ge- danken. Bis in den tiefsten Kern ihres Wesens hatte er sie getroffen. Mitunter träninte sie in der Nacht, daß sie Wittwe wäre, und schluchzend erwachte sie. Ihr Kissen war dann feucht voil vergossenen Thränen. Doch am Morgen badete sie die Augen lange in frischem Wasser uild suchte ihrem Gesicht einen heiteren Ausdruck zn geben. Länger als jemals früher blieb sie bei der Toilette, ivie wenn sie durch ihr Aclißeres ge- fallen wollte. Endlich ging sie fort und begrüßte ihren Gatten mit fröhlich lächelnden Lippen. Er empfing sie mit derselben Miene. Sie dachte nur au ihn, und er nur aii sie. Eines Tages, als Frau Rochereml sich im Gefängniß ein- stellte, sagte inail ihr, daß ihr Gatte nicht mehr dort wäre: er iväre am Abend vorher fortgeschafft worden. Was war mit ihm geschehen? Der Gefängnißinspektor wußte es nicht. Sie wandte sich an die Behörden von Poiliers: diese wußten ebenfalls nichts oder wollten nichts sagen. Sie schrieb an den Polizeuninister, und empfing keine Antwort. Sie reiste nach Paris und bat Bouaparte um eine Audienz, die verweigert wurde. Verzweifelt kehrte sie nach Portiers zurück; sie fand dort einen Brief, den Rochereml trotz der Ueberwachung ge- schrieben und der Post überuuttelt hatte. Er war im Ge- fängniß zn Nantes. Drei Tage später war sie in Nantes und stellte sich dem Präfekten vor. Dieser sagte, er verstehe nicht, wovon sie spreche. Sie bcharrte jedoch bei dem, was sie gesagt hatte; da wies der Beamte ihr höflich die Thür. Durch eifrige Nachforschungen erfuhr sie, daß einige Gefangene auf der Fregatte„La Chiffoune", die noch nicht in See gestochen war, eingeschifft waren. Frau Rocherenil eilte zn dein Kapitän der Fregatte. Diesem waren jedoch durch seine Jnstrnktiolicn die Hände gebunden. Es war rundweg verboten worden, die Deportirten mit irgend jemand, verkehren zu lassen. Der Kapitän handelte sogar seinem Befehl zuwider, als er zugab, daß Rocherenil an Bord der„Chiffonne" wäre und sich ivohl befände. Frau Rocherenil fragte, ob sie ihm Wäsche, Kleider oder Geld schicken könnte. Da er ganz unvorbereitet abgereist und mitten in der Nacht fortgeschleppt worden wäre, müsse er von allem entblößt sein. Ter Kapitän sagte, dies wäre unmöglich, weil Frau Rocherenil die Anwesenheit ihres Gatten auf der „Chiffonne" nicht wissen dürste. Aber, da er ein guter Mensch war, nahm er das Geld und versprach, es Rocherenil auszuhändigen, sobald der Deportirte das Schiff verlassen würde. Er that später auch, wie er gesagt hatte. Schließlich bat die arme Frau den Kapitän, ihr zu sagen, wohin die„Chiffoune" ginge, nach welchem Ort der Transport bestimmt wäre. Er gab ihr sein Ehrenwort, daß er es selbst nicht wisse und das versiegelte Packet, das seine Instruktionen enthalte, erst auf offener See öffnen dürfe. Dies war in der That so. Fran Rocherenil kehrte niedergeschlagen in ihr Hotel zurück; sie halte keine Thränen mehr. Sie war allein, denn sie hatte nicht gewollt, daß ihr ältester Sohn Pierre sie begleitete. Sie fürchtete das Ungestüm des jungen Mannes, das ihn vielleicht zu einer Gewaltthat hinreißen würde. Dann zog sie auch in Erwägung, daß eine Frau allein weniger Mißtrauen einflößt und mehr erreicht. Sie täuschte sich nicht. Wenn ihr Sohn bei ihr gewesen iväre, hätte man ihn wahrscheinlich ver- hastet. Mit ihr verfuhr man nachsichtiger. In ihrem Hotel fand sie eine Aufforderung vor, nach der Polizei zn kommen. Dort wurde sie in einem engen, schmutzigen Schreib- »immer von einem gemein aussehenden Beamten verhört. „Ihr Name?" „Ich bin Frau Rocherenil, die Gattin des ehemaligen Konvents niitgliedeS." „Ihr Paß?" „Hier." „Was wollen Sie in Nantes?" „Meinen Mann sehen." „Wer hat Ihnen gesagt, daß>r hier ist?" „Ich weiß es." „Sie wollen nicht sagen, von wem Sie es wissen?" „Nein." „Ich könnte Sie ins Gefängniß schicken." „Thun Sie es." Bei diesen mit fester Stimme gesprochenen Worten sprang der Polizeikommissar von seinem Sessel aus, trat auf Frau Rocherenil zu und stieß allerlei Drohungen aus. Mit ruhigem Auge hielt sie den schielenden Blick dieses Schurken ans. Wie alle solche Leute schließlich nachgeben, wenn man sich ihnen gegenüber nichts vergicbt, so auch dieser Beamte. Er rückte für Frau Rocherenil einen Sessel herbei und sagte: „Madame, ich habe Ihnen den Befehl zu übermitteln, Nantes noch heute zu verlassen. Wenn Sie morgen noch hier sind, sehe ich mich gezwungen, Sie verhaften zu lassen. Es ist Ihnen auch verboten, nach Paris zu gehen." Frau Rocherenil stand aus und ging ohne ein Wort zu erwidern hinaus. Am Abend reiste sie ab und kehrte nach Poitiers zurück,;wo sie ihren Kindern mittheilte, daß sie den Vater nicht habe sehen können. Fast zwei Jahre verflossen. Niemand in Frankreich wußte, was ans den Deportirten geworden war. Denn die Chiffonne war nach ihrer Ankunft ans den Seychellen von den Engländern gekapert worden und konnte keine Nachrichten geben. Ein Schiff, das von Jle de France kam, brachte zuerst einige Mit- theilungen, und die Familien der Deportirten erfuhren so, auf welchen Punkt des Erdballes die Unglücklichen geworfen worden waren. Einige Zeit später empfing Frau Rocherenil durch die Freundlichkeit eines englischeil Mariue-Offizicrs einen Brief; dann hörte sie wieder zwei Jahre lang nichts. Schließlich erfuhr sie, daß der Marineminister von dem Gouverneur von Jle de France einen Bericht über die Deportation nach den Seychellen und eine Liste der lebenden und verstorbenen Deportirten erhalten habe. Frau Rocherenil und ihr Sohn reisten nach Paris. Im Ministerium wollte man sie diesmal wohl nicht abweisen; ein Bureanvorsteher empfing sie. „Sie fragen," sagte er, in einem Aktenstoß blätternd, „nach einem gewissen Rocherenil, der nach den Seychellen deportirt wurde. Sehr wohl. Sehen wir zu, sehen wir zn... Rocherenil... Rocherenil... Ich finde den Namen nicht... ah! hier... hier... Rochereml... Jean Baptiste... Antonie... früheres Konventsmitglied. Er ivnrde sechs Monate nach seiner Landung auf den Seychellen nach den Komoren überführt, und seitdem... seit- dem... oh! seitdem... ist er gestorben. Das Fieber tritt dort unten sehr bösartig ans. Wenn Sie es wünschen, werde ich Ihnen die Bescheinigung darüber aushändigen.. So erfuhr Frau Rocherenil, daß sie Wittwe ivar. Pierre Rocherenil war von diese,» Vater, von dieser Mutter erzogen worden; er hatte sie niemals verlassen. Das will sagen, aus welcher Schule der Ehrenhaftigkeit, des Patriotismus, der Charakterfestigkeit er seine ersten Unter- Weisungen empfing. Er erhielt sogar seinen Unterricht durch seinen Vater, der in den Wissenschaften gelehrt war wie viele Männer am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Als Knabe erlebte er das Schauspiel der Revolution. Dann brach das Mißgeschick herein. Er hörte seinen Vater von dem glorreichen Tode seiner Freunde, der letzten Mit- glicder des„Berges", der Opfer des Prairial erzählen; er sah schließlich, wie dieser von den Schergen des Konsuls verhaftet wurde. Er hatte ihn nicht zum Abschied umarmen können, als er in das Exil ging, ans dem dieser unbekannte, gleich vielen anderen vergessene Märtyrer nicht zimickkehren sollte. Wer kennt heute noch die Namen der Deportirten des Nivüse! XVII. Solch schwere Schicksalsschläge hatten das heroische Herz von Frau Rocherenil nicht dauernd entmuthigen können. Trotz ihres tiefen Schmerzes hatte sie sich nicht gebeugt. Sie wollte die Trauer, die sie trug, in Ehreil halten. Weder in dem Augenblick, da ihr Gatte ihr entrissen wurde, noch bei der Nachricht seines schrecklichen Todes hatte sie eine Klage oder ein Wort des Bedauerns über das kampfreiche Leben, das ihr Gatte sich erwählt, ausgestoßen. Sie hatte ihm niemals vorher oder nachher den Vorwurf gemacht, daß er sie weniger geliebt als die Revolution, daß er seine Familie seinem Vaterlande geopfert hatte. Sie fluchte seinen Henkern, aber alles, was er gcthan hatte, war wohl gethan. Nicht etwa, daß sie den Kultus der Revolution mit Eifer gepflegt, die Ideen derselben getheilt und von derselben Leiden- schast, demselben Enthusiasmus erfüllt gewesen wäre, wie ihr Gatte. Aber sie war seine Gefährtin, und die Pflicht gebot ihr, sein Leben zu theilen. Zudem hatte sie, da sie gerecht und gut war, bald begriffen, daß Rochereuil und seine Freunde für die Gerechtigkeit, für die Menschheit wirkten. Die Ideen, die sie im Ansang fast gleichgiltig ließen, hatten sich für sie in Fleisch und Blut verwandelt in der Gestalt dessen, den sie liebte, und der Männer, die sie am höchsten achtete und bewunderte. Wenn Rochereuil in den rauhen Tagen der Revolutions- zeit an den häuslichen Herd zurückkehrte, fand er dort Ruhe und Rast, niemals Tadel, Entniuthigung oder Zwist. Wenn das Unmögliche geschehen wäre, daß er, schwach und müde gc- worden, die Grundsätze seines ganzen Lebens verrathen hätte, dann würde Frau Rochereuil sich nicht für berechtigt gehalten haben, ihn zu verurtheilen, aber sie hätte tief in ihrem Herzen die bitterste aller Enttäuschungen verborgen. Als sie sich in dem verödeten Hause mit ihren Kindern allein befand, als sie die schwarzen Kleider angelegt hatte, die sie hinfort nicht mehr ablegen wollte, richteten alle ihre Ge- danken sich auf den Jüngling und den Knaben, die mit ihr weinten. In beiden erkannte sie schon die Entschlossenheit und Scclengröße des Vaters, aber auch seine Zähigkeit, seine Heftig- keit, sein leidenschaftliches Temperament. Stach einer bewegten Jugend war Rochereuil an der Seite seiner über alles ge- liebten Frau ruhiger und maßvoller geworden. Der Jüngling und der Knabe weinten, aber an ihren ge- ballten Fäusten, dem Zucken ihrer Brauen, dem düsteren Glanz, der aus ihren Augen brach, erkannte die Mutter, daß sie noch nicht am Ende ihrer Leiden war. Sie sah nur zu gut voraus, daß Pierre schnell seine Thränen trocknen und entschlossen das Werk seines Vaters aufnehmen, daß auch er Leben und Freiheit daransetzen würde und sie einst auch vor ihm ihre Angst verbergen und mit dem Tode im Herzen eine heitere Miene werde zur Schau tragen müssen. Pierre schwieg. Kein Wort kam von seinen zusammengepreßten Lippen; aber der kleine Louis sagte, den Kopf auf die Knie seiner Mutter gelehnt, schluchzend: „Mutter, wir werden ihn rächen!" Ein herbes Wort für das Herz der Mutter, die ein ähnliches auf den Lippen trug und am liebsten auch gesagt hätte:„Rächt ihn, meine Kinder!" wenn sie nicht bei dem Gedanken an die Gefahr, der sie ihre Söhne aussetzte, fast erstarrt wäre. (Fortsetzung folgt.) (Nachdrinl»erboten.) Skahl. Von Hans O st w a l d. Auf dem schwarze», mit abgestorbenem Gras überwucherten Landwege geht vor mir ein breitschultriger, gebückter Mau». Er ist das einzige lebende Wesen außer mir auf der weite», öden Haide, die sich vor uns sanft hinaufzieht. Wildes, störrisches Gras, das nie gemäht worden, duckt sich im Herbstwinde; eine andere Pflanze gedeiht hier nicht. Die grauen Wolken, die sich langsam aber stetig am Himmel emporschieben, fressen die letzten hellen Flecken, es ist, wie wen» sie sich an ihnen mästen, so schwellen sie an, so blähe» sie sich auf. Vor uns taucht etwas Schlankes auf. Je höher wir die Haide hinaufsteigen, desto mehr sehen wir davon, wie eine Thurmnadel ragt ein Schornstein in die Luft. Daneben liegt ein Felsblock. Beim Näherkommen sehe ich, daß es ein verfallenes Gebäude ist. Dicht vor ihm erreiche ich den alten Mann. Er bleibt stehen und wendet sich nach mir um mit einem gemurmelten: Tag!" Dann gehen wir zusammen weiter. Unter einer schmierigen, bis oben zugeknöpften Jacke trägt der Alte ei» braunes Wollhemd, das am Halse zwischen einem rosa- und blangcstreiftem Tuch hervorschaut. Aus dem Tuch dringt fein breiter Kopf mit flacher Stirne, in die eine Kattmimütze mit schwarzem Lackschirm geschoben ist. Nach einem hastigen Blick über mich hin gehl er an dem zusammengestürzten Gemäuer vorbei und biegt i» eine Thüröffnung ein, deren Wölbung hernnlergefallen und von Gras überwuchert ist. Er setzt sich müde daraus und zieht die pämmigeil Beine an, während seine Brust keucht. Ich lehne mich ihm gegenüber an den Thnrpfoste»; dicht neben mir wächst der Schornstein cnipor, an dem der Wind mit wüthenden Händen vergeblich rüttelt. Als der Alte sich etwas erholt hat, erhebt er sich und geht über das Geröll in die gegenüberliegende Ecke, wo die Mauer»och besser vor dem Wind schützt. Dort sind Steine zu einer Bank geschüttet, auf der mau bequem sitzen kann. Als der Alle sich niedergelassen hat, zieht er ans seiner Jackeutasche ein Frühstückspäckche». Ich folge seinem Beispiele, und so sitzen wir stumm kauend. Nachdem er gegessen, streicht er die Brotkrume» von seinen Schenkeln, die von einer hellblauen, geflickten Hose bedeckt sind. Wir sitzen noch ei» Weilchen stumm bei einander; dann frage ich, nm die Stille, die hier im verlassenen, tobten Gemäuer doppelt schwer drückt, zu nnterbrecheii:„Hier stand eine Fabrik?" Der Alte stützt den Kopf in die starkknochigen Hände und sagt: „Ja, Hab' selbst drin gearbeitet"— er iveist durch die Fenster- öffnung auf vollständig zusannnengefastene Gebäudelrümmer—,„da war ein Bergwerk... Es ist schon lange todt... DaS ganze Werk steht jetzt weiter unten... Hier wurde das Erz geschmolzen und gegossen... Damals standen hier viele stolze Schornsteine. Es wurde gehämmert und gepocht.—— Ich, ich habe hier gearbeitet— mehr als dreißig Jahre... Mein Schiveiß floß aus das glühende Eise» und verdampfte zischend. O, damals war ich noch einen viertel Meter höher als heute, Herr! Die Arbeit, der Stahl hat mich soiveit verschluckt. „Damals ragte ich noch gerade hoch wie ein Schorn- stein, als ich hier zum ersten Male hineinging, ein junger Geselle, jetzt bin ich krumm wie eine alle Weide. „Ja, ja! Junger Herr! Meine Mutter erzählte mir. als ich noch ein unwissender Bursch war, dem die Welt wie ein großer Spielplatz erschien, ein Märchen: An einem feuerspeienden Berge lagerte ein Ungeheuer. Blutroth war seine Haut und grüngrnu sein Haar. Wenn ein Mensch vorbeiging, faßte das Ungeheuer den Ahnungslosen und warf ihn in den anfflammenden Berg. Der zischte und sprühte, und bald wuchs aus ihm eine Stange des feinsten Stahles empor. Aus dem schmiedete sich das Ungeheuer einen Ring um seinen Leib. Viele solche Ringe hat es schon um seine» Leib, und doch fehle» noch unzählige, um den Riesenrunips zu bedecken. Noch viele Menschen müssen in de» feuer- speienden Berg geworfen werden. „Ja, junger Mann; heute habe ich das Märchen verstanden— das Ungeheuer ist die Fabrik.... „Aber kennen Sie auch das schöne Lied: Der Gott, der Eisen wachsen ließ, Der lvollte keine Knechte! „Kennen Sie das? O. wir könnten die Herren des Eisens und des Stahles sein; aber jetzt sind wir seine Knecht«! Ja, wir haben uns selbst die Ketten geschmiedet."-- Er flüstert leise: „Da zogen sie herauf ans dem Grunde, mit den Gewehren und Degen, die wir ihnen gehämmert hatten. Sie schlugen uns, weil wir einen Willen haben wollten." Langsam wickelt er das bunte Tuch von dem starken Hals. Ich sehe eine hellrolhe lange Narbe vom linken Ohr bis nahe am Kehlkopf. Er steht auf und hüllt sich wieder ein. Bei dem Bemühe», den Nücke» möglichst grade zu drücke», lacht er. „Aber wir sind»och stark. Wir haben was abgekriegt vom Stahl, den wir bereiten helfen. Wir sind hart und zähe!" Dann geht er mit seinem breiten Gang aus den Ruinen hin- aus, während ich ihm zur Seile bleibe. Einige Schritte die Anhöhe hinaui, wir stehen am Scheitel des Hügels. Vor uns im Grunde kämpfen Rauchheere miteinander; sie dränge», schieben und vertilgen sich. Hier und da leuchtet es unter ihnen auf— spitze Flammen züngeln in die Reihen der schwarzen Qualm-Ungethüme, als wollten sie die Kämpsenden trennen und doch führen sie ihnen nur neue Massen zu. Der Wind dreht sich. Er kommt uns entgegen und trägt uns den Schall der Werke zu. Ein wildes Klopfen und Stampfen, Hämmern und Nieten dringt herauf. Dazwischen kreischt eine Säge und eine Dampfmaschine stößt mit Stöhne» ihren weiße» Athem aus. Je länger man hinblickt, desto deutlicher kann man alles unten erkennen. Lange, schwarze Dächer erstrecken sich wie der Rücken riesenhafter Thiers über die Erde. Die Schornsteine ragen wie flammende Fühler und Hörner empor. Der Wind treibt hier und dort die Rauchwolke» auseinander und man sieht die Flammen auf- lodern aus den Essen. Hier sprühen sie blutroth, dort hellgelb, drüben violett mit stahlblau, diesseits rehbraun mit grau. Die Wolken, die diese hochstrebenden Feuerquellen emporsenden, sträuben sich, aufzusteigen. Doch ihre jüngeren Geschwister drängen sie immer höher und dichter, wenn der eine dem andern nicht weichen will, verschlingt der Stärkere den Schwächeren. „Das Ungeheuer braucht wieder einen Stahlring!" sagt der Alte und geht mit leisem Lachen, während er mit dem Kopfe nickt, vor mir her in den brodelnden, qualmenden und stampfenden Feuer- grund hinab. Als ihn der streng riechende Dunst dichter umhüllt, scheint er innner kleiner zu werden, immer mehr zusammenzusinken.--- 887 Vlviues �Fcutllekon — Der Denunziaut. Eine recht überflüssige unv auf unsere öffentliche Moral gerade kein günstiges Licht werfende Prozedur ist die Umfrage, welche von schriftstellerischer Seite darüber veranstaltet worden ist: was von der Denunziation eines Schrift- stellers durch einen Schriftsteller zn halte» sei. Wohl- gemerkt: einer Denunziation an den Staatsanwalt. Wir hätten ge- dacht, daß unter anständigen Leute» und unter Menschen von Ehr« gefühl hierüber nur eine Meinung sein könne. Wozu eine Frage. wo die Antwort von vornherein feststeht? Fragt man, ob lügen, stehlen, morden billigenswerthe Handlungen sind, oder nicht? Die Thatsache der Fragestellung ist an sich ebenso wenig nuerfreulich, wie die meisten der Antworten, die zwar sämmtlich verurtheilen, aber zum Theil mit einer Argumentation, aus der nur zn schließen ist, daß der Verfasser nicht von vornherein die Antwort bereit halte, sich erst zu ihr hiiiaufargninentiren mußte. Ein Pfui! braucht keine Dar- legnng der Gründe.— — Neber de» Herbstsommer ans den Nlpcnhöhcn schreibt man der„N. Z. Z.° vom Eigergletscher am Fuß der Jungfrau: Im Spätherbst steigt der Sommer auf die Höhen. Seit Wochen schon ist auf den Bergen eine wundersam heilere, windstille Wilterungsperiode eingezogen, während unten im Thal die graue, kicht- und wärmearme Nebeldecke lagert. Hier oben in der großartigen, fast erdrückend hehren Gletscherwell— 2400 Meter überm Meer— athmen wir die sommerlich milde Lust der Riviera; die grünen Grasplätzchen auf der Scheidegg, am Tschuggen, Männlichen und Lauberhorn sind mit herbstlichen Blllthen geschmückt, weiter unten an der Wengernalp sehen wir die Thicre noch im Freien weiden. Eiger. Mönch und Jungfrau, kaum Büchsenschuß- weite von uns entfernt— scheine» im herrlichsten Silberkleide wie neu geschaffen, über dem Ganzen wölbt sich ein Himniel so blau und so rein, wie wir unten im Thale es niemals gesehe». Der Neu- schnee. welcher im September hier am Eigergletscher den Bode» schon nahe einen halben Meter bedeckte, ist vollständig verschwunden, bis iveit an den stiothstock hinauf. Mittags 21/2 Uhr— im Schatten— zeigt unser Thermometer am Rothstock 10 Grad Celsius, an der Sonne sind es nahe 30 Grad. dabei stehen wir in der Höhe des Sänlis, 2500 Meier über dem Meer! Unter uns hören wir im Felsen die Hammerschläge der Minenre, die an der„Prima Galeria bell' Eiger", dem Eingangstunnel der Jungfraubahn. arbeiten, es herrscht im Sonnenglanz ei» ge- schästiges Leben und Treiben da oben, das Worte gar nicht zu schildern vermögen. Doch erst der herrliche Abend! Dunkles Stahl- blau am Osthorizont, über den Wekterhörnern, der sinkenden Sonne gegenüber, darüber die Purpurfarben des Gegendämmernngsbogens, dann grüne, endlich blaue Tinte». Uebcr Eiger, Mönch und die wunderbare Jnngsran ergießt sich die purpurne Röthe des scheidende» Tagesgestirns; eine leichte Rosenfarbe umgrenzt de» Schalte», welche» das Schncehorn auf den Jungfrausirn wirst. Dahin, dahin, möcht' ich... — Der Schlaugcnbändiger. Ei» Mitarbeiter, der Indien bereist hat, erzählt der„Köln. Zig.":„Wünscht der Huzoor(hohe Herr) vielleicht, daß ich meine Schlange» zeige?" So redete mich ein Hindu auf der Veranda meines Hauses an.„Ich habe hier Cobras, Karitis, die flinke Dhamma(Peitschen-Schlange) und die giftigste von allen, die kleine Viugraj(Sand-Schlange). Eine Cobra- Königin zu fangen, ist mir»och nie geglückt, und die Bnndport- Schlange kann ich nicht gebrauchen, da dieselbe nur von Bienen lebt. Bei meinem Umherziehen könnte ich die nicht beschaffen. Auch sind diese Schlangen zu gefährlich; denn sie besitzen außer ihrem Giftzahn einen giftigen Stachel am Schivanzende. welcher tödlliche Stiche verursachen kann." Ans meine Frage, ob er ein Gegengift anwende, falls er gebissen würde, antwortete er, die Schlangenzähuier hätten ein Mittel, welches de» Biß jeder Schlange, außer dem der Saild- Schlange, unschädlich mache. Ich hatte noch nie dieses kleine, kau»» fünf Zoll lange Reptil ge- sehen. Der Hinvn griff in seinen Korb, holte ein kleines Kästchen hervor und entnahm demselben zwei dieser kleinste» aller indischen Vipern. Kaum vier Zoll lang, bewegten sie sich sehr träge, und nur die gespaltene Zunge fuhr rastlos hervor, während sich der platt ge- drückte Kopf, wie er allen Giftschlangen eigen ist, langsam nach rechts und links bewegte. Diese giftige kleine Schlange hält sich meistens auf sandigen Plätzen auf und lebt von kleinen Insekten. Da alle Hindus barfuß gehen, iverden sie oft von dieser Schlange gebissen. Der Tod tritt in der Regel sofort ein, nur nach einem Biß in der Brust erst nach und»ach; der Gebissene fühlt sich in letzterem Falle müde und schläft ei», nm nie wieder zu erwachen. Namentlich Frauen, welche ihrem Leben ein Ende machen wollen, suchen sich eine solche Schlange, die bei ihrer Trägheit leicht zu sangen ist. Die Selbstmörderin legt sich die Schlange auf die Brust und schläft nach dem Bisse ein, ohne, wie man allgemein vermulhet, Schmerzen zn fühlen, denn die Gesichtszüge zeigen nach den« Verscheiden ein ruhiges, zufriedenes Aussehen, wie das eines glücklich Träumenden. Das Gegengift— Nai ha-Thitha (die Galle der Cobra)— bewahrt, wenn es sofort auf die Wunde kommt, vor dem Tode; der Gebissene wird nur einige Tage krank bleiben»nd oft Ohnmachtsanfälle haben. Auch muß der Kranke täglich bis zur Genesung etwas von dieser Galle in Milch einnehmen. Die Schlangenzähmer gewöhnen sich an das Gift, indem sie beständig davon einnehmen; darum thnt ihnen der Biß einer giftige» Schlange keinen Schaden. Man gewinnt das Gift, indem man den Himer- köpf der Schlange preßt, das Gift sammelt sich an der Spitze des Giftzahnes und wird mit einem Strohhalm aufgefangen. Der Tropfe» wird dann auf ein Sarasarillablätlche» geträufelt und mit diesem hinuntergeschluckt.— Musik. — Eine merkwürdige Oper ließ der Italiener Rai» mondi in, Jahre 1777 zu Paris aufführen. Das Werk hatte weder einen Text, noch traten Sänger oder Sängerinnen darin auf. Die einzelnen Partien wurden nur durch Instrumente aufgeführt. Der Zettel dieser„Abenteuer des Telemach" betitelten Oper hatte folgen- des Aiissehen: Telemach erste Violine. Mentor Violoncell. Knlypso Flöte. Euchari's Nymphe der Kalypso Ein Hautbois. Nymphe» der Kalypso Blasinstrumente Das Musikstück begann mit einer Symphonie, die ein Ungewitter schildern sollte, dann folgte ein Duett zwischen der ersten Violine und dem Violoncell, Telemach und Mentor sprachen darin die Freude über ihre Befreiung aus. Nachdem sie geendet, lockt Kalypso den Jüngling in ihre Grotte, und die Nymphen führen vor beiden ei» Ballet ans. Eine ganze Weile dauert der übermüthige Reigen, dann fällt plötzlich das Hautbois mit einem schwärmerischen Solo ein, indem Eucharis dem Telemach ihre Liebe gesteht. Zum Schluß verkündet eine Symphonie des ganzen Orchesters den Brand der Schiffe, unterbrochen von den Klagerufen der Eucharis und Kalypso. Das eigenartige Tongemälde fand in Paris großen Beifall und wurde oft wiederholt. Noch 1813 wurde es von den Rezensenten gut kritistrt. Der eine empfiehlt es sogar jüngeren Komponisten zur Nachahinung,„da ein solches Konzert nicht blos das Gehör, sondern auch die Phantasie beschäftigen würde".„Freilich", fügt er Hinz»,„ist es nicht leicht, brennende Schiffe durch Geigenstriche zu malen".—' d • Kunst. i«; k'm — S ch m i d, Hans S e b.:„K u i> st- S t i l- U n t e r» s ch e i d u n g" für Laie», Kunstfreunde, Gewerbslente k. Kurz gefaßte Vorführung der augenfälligsten Kennzeiche» aller wichtigen Stilarte», vom altegyptischen Stile bis zur Gegenwart. Mit 240 JUu- stratione». München. 1897. Hermann Lukaschik(G. Franz'sche Hofbnchhandlung.) Dritte bereicherte Auflage. Das Büchlein hält auf knappem Räume voll das. was es im Titel verspricht. Die Darstellung ist klar und allgemein verständlich, die Illustrationen entsprechen dem angestrebten Ziveck. Der billige Preis— l,2S M. — wird es auch Arbeitern möglich machen, sich das Werkchen zu» zulege».— ,, Ans der Pflanzenwelt. b. Ueber die Safran kultur i» Kaschmir giebt die Zeilschrist„Gardcner's Chronicle" eine interessante Darstellung. Die indischen Eingeborenen brauche» diesen Pflanzenstoff sehr vielfach, erstens als Geivürz, vor allein aber als Färbemittel, mit dem sie sich die Stirn bemalen. Besonders wird der Crocus, von dem bekannt- lich der Safran gewönne»'ivird, in der Gegend von Pampur in großen Feldern angebaut, aber das Verfahren dabei ist noch sehr primitiv und ein wenig Unterricht in moderner Agrikultur-Wissen» schaft würde de» Ertrag dieser Felder jedenfalls bedeutend vermehren können. Gegenwärtig sind die Pflaiiznngen erheblich zurückgegangen, da ivährend der letzten Hungersnoth die Crocus- Zwiebeln von den Eingeborenen gegessen wurden, man sucht sie nun durch Aussaat wieder zu ergänzen, aber dies geht sehr langsam. Für den Anban von Crocus bedarf es abschüssiger Grundstücke von besonderer Lage, erst drei Jahre nach der Aussaat erlangt man Zwiebeln. die maii dann in Vierecken ans das eigentliche Feld überpflanzt. Diese Felder bleibe» acht Jahre vor ihrer Benutzung brach und erhalten weder Dung noch Bewässerung; sind sie mit Crocus de- pflanzt, so gebe» sie 14 Jahre lang einen Ertrag. Die Zwiebeln erneuen sich, ohne daß man sich darum zu kümmern braucht, denn die jungen bilden sich in dem Maße aus. wie die alten verwesen. Die Knollen iverden im Juli oder August gepflanzt und jedes Viereck mit einem kleinen Abzugsgraben umgeben. Die Blüthe erscheint im Oktober, dann wird sie sofort gepflückt und zum Verkauf in Säcke gesammelt. Die Safranbereilung geschieht dann in der Weise, daß die Blüthen i» der Sonne getrocknet und darauf die Griffel aus ihnen entfernt iverden, die äußersten orangeroth gefärbten Enden der letzteren liefer» den Primasafran, während der übrige Theil der Narbe de» Sasra» von geringerer Güte giebt. Die getrockneten Blüthen werde» dann»och ins Wasser geworfen, dem sie eine»och weniger gute Sorte Safran mitlheilen, der ebenfalls gewoirne» wird.— Geographisches. — Mit Hilfe artesischer Brunnen sind in der W ü st e Sahara bereits eine Menge Oasen hervorgerufen worden, nnd es unterliegt keinem Zweifel, daß auf diese Weise ein immer größerer Theil der Wüste nutzbar gemacht werden kann. So befindet sich südlich von der bekannten Oase B i s k r a. bis wohin von Algier ans eine Eisenbahn führt, der Distrikt Oned Rir', der zahlreiche Oasen enthält, die zum großen Theil den artesischen Brunnen zu danken sind, die hier von den Franzosen gebohrt wurden. Dev erste dieser Brunnen erstand ans Anregung des Ge- nerals Desvanx unter Leitung des Jngenieus H. Jus, und seitdem wurden diese Bohrungen in solchem Umfang fort- gesetzt, dag zu Anfang der neunziger Jahre der Berechnung nach über 104 Millionen Kubikmeter Wasser zur künstlichen Bewässerung der Oasen in Oued Rir' verwendet waren. Dadurch ist sowohl die Bevölkerung dieses Distrikts wie auch die Anzahl der Palmen tlud Obstbäume seiner Oasen verdoppelt worden. Gegenwärtig giebl es in der Wüste in Oued Rir', südlich von Biskra. aus einer Strecke von 120 Kilometern nicht weniger denn 43 Oasen mit mehreren 100000 Palmen und einigen 100000 Obstbäumen, und seit>875 werden dort anch beträchtliche Menge» Negerkorn gebaut. Ausgeführt wurden die Bohrungen nach dem System Lippmann in Paris nnd erforderten 354 600 Tagewerke und 17 000 Meter eiserne Röhre», die zusammen 340 000 Kilogramm ivogen. Die Röhren mußten mit Kameele» in die Sahara transportirt werden, was den Transport sehr kostspielig machte, denn die bis Biskra führende Eisenbahn ist erst 1888 fertig geworden. Außer den französischen artesischen Brunnen giebl es in der algerischen Sahara noch zahlreiche Brunne», die von Eingeborenen gebohrt wurden, doch haben diese keine längere Dauer als sünfzeh» Jahre, wogegen sich die französische» Brunnen als sehr dauerhaft er- weisen. Was den Salzgehalt im Wasser betrifft. so ist dieser recht hoch. In O u a r g l a, wo die letzte» artesischen Brunnen sind, ist es auch mit den Oase» und der Zivilisation, welche die Handels- karawanen zum Sudan hier zurücklassen, zu Ende. Die kleine Stadt mit 4000 Einwohnern und 1400 in langgestreckte», engen Straßen zusammengepackten Häusern hat zahlreiche artesische Brunnen sowohl französischen wie arabischen Ursprungs, die an der Grenze der un- ermeßliche» Wüste eine herrliche Oase niit unzähligen Dattelpalmen geschaffen habe». Es sind Pläne aufgetaucht, die Brunnenbohrungen noch weiter südwärts auszudehnen. Der schwedische Handelschemiker Landin hatte von seinem Aufenthalt in der algerische» Sahara Proben von Wüstensand mitgebracht, die vom chemische» Institut in Stockholm aus ihren Goldgehalt untersucht wurden. Es zeigte sich jedoch keine Spur von Gold. Dagegen bietet das artesische Wasser durch die darin gemachten Funde von lebenden Fische», Krnstaceen und Mollusken, soivie auch von Fossilien und Subfossilieii, theoretisches Jutereffe.— Bergbau. --- Ein Schwefelbrunnen. Eine eigenthümliche Förde- rungsweise ivendet man bei einem»ordamerikanischen Schwefellager von großer Mächtigkeit an, indem man dieses zum Schmelzen bringt und dann in die Höhe preßt. Zu diesem Zwecke brachte man, wie die„Oesterr. Zeitschr. für Borg- und Hiittenw." mittbeilt, ein Bohrloch nieder und kleidete dieses mit einem äußeren Rohr ans, in welchem konzentrisch ein zweite?, etwas engeres sla»d> das in sich wiederum ein drittes enthielt. Das mittlere und innere Rohr waren unten durch einen Flansch dicht verbunden. Man leitete nun in den so gebildeten Raum heiße Lust, die den Schtvesel schmilzt, so daß das Rohrsystem weiter nach unten sinken kann. Währenddessen preßt man gespannten Damps durch de» Zwischenraum zwischen dem äußeren und mittleren Rohr, der de» geschmolzenen Schwefel durch das innere Rohr nach oben drückt. Mau kann dazu keine eiserneu und auch keine kupferhaltigen Rohrck nehme», da beide vom Schwefel angegriffen werden, sondern man benutzt mit Aluminium platlirte Rohre.— Technisches. — Die Leichenverbrennung geschieht in Gotha ans folgende Weise: Der Leichnam konimt weder mit dem Brennmaterial noch mit den Flammen in irgend welche Berührung, sondern das Brennmaterial(Braunkohle) wird durch Erhitzung in gasförmig« Kohlenwasserstoffe verwandelt und in dieser Form mit atmosphärischer Lust gemischt; ein solches Gemisch gtebt bei der Entzündung eine ungeheure Hitze, diese Entzündung findet in einer Kammer statt, welche mit gitterartig geschichteten Chamottesteinen angefüllt ist. Sobald diese Steine weißglühend geworden sind, wird das Gas abgestellt und in die Kamnier atmosphärische Luft gelassen. welche sich an den glühenden Steinen auf zirka 1000» C. erhitzt. Wenn nun der Sarg nach beendeter Feier aus der Kapelle des Krematoriums herabgelassen worden ist, wird er zunächst in«ine durch eine eiserne Thür abzu- sperrende Kammer, de» eigentlichen Verbrenuungsraum geschoben, in welchen nun die an den Steinen erhitzte Luft gelassen wird. Schon»ach wenigen Minuten schmilzt das Zink des Sarges und wird infolge der großen Hitze verflüchtigt. Da der menschliche Körper eine ziemlich große Menge brennbarer Substanzen erhält, so geralhen dieselbe» durch die hohe Temperatur natürlich auch ins Glühen, aber ohne eigentliche Flammeiierscheiuiliig. Mit der fort- schreitenden Aiiflösung fallen die glühenden Ueberreste in sich zu- sammen und durch einen Rost von Chainottesteiuen in einen nach unten sich verengenden Schacht, durch ivelchen die erhitzte Luft eben- falls strömt, um so auch die letzten brennbaren Reste zu zerstöre»; schließlich sammelt sich in einem Blechbehälter ein kleines Häuflei» Asche. Der ganze Prozeß dauert kaum eine Stunde, das Blechgesäß mit der Asche, etwa zivei Kilogramm von einem erwachsenen Menschen, wird sofort verlöthet, mit dem Namen des Eingeäscherten versehen und den Hinterbliebenen übergeben.— Humoristisches. — Der P r o tz e n b a n e r. In ein Klaviermagazin in Kiel trat vor einiger Zeit ein Marschbaner und erstand um einen hohen Preis ein mit reictiem Schnitzwerk ausgestattetes Forte-Piauo, das dem elegantesten Salon zur Zierde gereicht haben würde. Wunderte der Händler sich schon, daß die Wahl gerade auf dieses theuere Prachtstück gefallen, so erstaunte er noch mehr, als nach kaum acht Tagen derselbe Bauer wieder bei ihm eintrat mit den Worten:„Ick wull noch ak'rat so'n Klavier köpen!"—„Ja, ak'rat so een is nich mehr da," entgegnete der Händler. „äwer hier sünn noch welk', de eben so god süun.*— „Ne, ne, dat mutt ganz ak'rat so si», as dat auner!" —„Na", fragte der Händler,„ward bi Se denn so veel speelt, dat Se twee Instrumenten bruken?—„Ne, speelen kann Keen", antwortete der Bauer,„äwer hebben mutt man ja doch so'n Dings, un nu seggt min Fru, dat uns' b e st e S t u w ganz u l s ch ä n d t w ö r d, wenn»ich an de a n n e r Wand g e g e n ü b e r j u st s o'n K a st e n st ü n n, so weer dat en scheefen Kram!"—„Ja. min leewe Mann, mal Sö köfft hebben, dat weer «n Wiener Instrument; ick müßt rein eerst een vun Wien ver- schrieben un dal kann Se licht en dreehnnnert Mark mehr lösten!"— „Na ja, denn verschrieben S' man! Laien S' man gan cn richtigen Passer kamen!"— Im Bollgesühle seines guten Geschmacks und stolz auf seinen Geldbeutel kehrte der Bauer auf seinen Hos zurück.— — Die Unentbehrlichkeit der Klaque. Unter dein zweiten franzölischen Kaiserreich hatte der Leiter der Pariser Oper beschlossen, die berufsmäßigen Klalscher abzuschaffen. Er ließ den danlatige» Häuptling der Klaque, einen gewissen David zu sich kommen und theilte ihm„schonend" seinen Entschluß mit, der auch von Napoleon III. gebilligt wurde. Der Mann stellte sich ganz unschuldig an und sagte nur:„Sehr schön! Aber wer wird dann dem Kaiser Beifall klatschen?" Die Klaque wurde— nicht abgeschafft.— Vermischtes vom Tage. — Ein Preisausschreiben für eine Hochzeits- medaille erläßt der preußische Unterrichtsminister. Soll die an de» Transchein gebandelt oder am Rock gelragen werden? Wehe Euch dann, Ihr nnbezeichnelen gezeichneten Junggesellen!— — D i e„Wiesbadener" bekommen Nachfolger. Auf Beseht des Herzog? von Sachsen-Koburg-Golha ist ein Preis» ausschreiben erlassen worden.„Es handelt sich darum, bedeutungsvolle Ereignisse aus der Bergan gen- h e i t der B e st e K o b u r g in dramatischen Bildern z n s a in m e n z u s a s s e n, so daß sie, aus schlichter Bühne von freiwillige» Kräften aus der Bürgerschaft dargestellt, ruhmreiche Eriniierungen zu wecken und das Vaterlandsgefühl zu kräftigen ver» mögen."— Der Sieger erhält 1000 M. und behält das literarische Eigenthnm, wie auch das weitere Aufführungsrecht seines Opus.— Wir hoffen. daß die Reihe mit Koburg noch nicht abreißt. Dann kommen wir wenigstens allgemach zu einer patriotischen„Ländle- Runscht".- .g tz,— Ein st a r k e r Erdstoß mit unterirdischem Rollen wurde am Dienstag Mittag in Oels nitz im Voigtland verspürt.— — Saures Bier. In Augsburg läßt der Magistrat in den Brauereien gegenwärtig Bierproben vornehme». Zwei Drittel der bisher untersuchten Biere erwiesen sich als„sauer".— — Bei T« p l i tz(Böhmen) ist der Walpnrgisschacht sammt dem Förderstuhle und den Nebengebäuden vollständig niedergebrannt.— — B l u m« n u a r r e n. Ein belgischer Züchter hat unlängst eine Orchidee zum Preise von 12 000 Franks verkaust. Das ist der höchste bisher für eine Orchidee erzielte Preis.— — Die Bilanz von Monte-Carlo. Die Spielbank hat in dem abgelaufenen Geschäftsjahr 14 8ö0 000ZFrm>cs Erträgniß gebracht. 35 Personen habe» sich wegen Spiclverluste entleibt.— — Sonst und jetzt: Nach der„Revue Universelle" hat sich die Reisedauer von Paris nach einigen Städten also gestaltet: 1650 1732 1834 1854 1897 Calais Stunden 123 60 23 6.40 3.42 Straßbnrg, 2l8 108 47 10.40 8.20 Marseille„ 359 184 80 39.20 12.30 Bayonne„ 358 200 64 27.45 11,11 Brest„ 270 175 61 36 3,15 — S o n d.e r b a r e R e k l a m e. In B o st o n hat jüngst ein Pastor eine Trauung in einem L ö w e n k ä f i g vorgenommen. Die Löwe» mußten aber erst mit ver Peitsche geschlagen werde», damit die Geschichte einen etwas gefährliche» Anstrich erhielt.— — Die e n g l i s ch e Bark„Cordillera" von Valparaiso nach Caleta-Buena unterwegs, ist verloren gegangen. Nur drei Manu der Besatzung konnten gerettet werden. — 31 cht Walsischfangschiffe mit iusgesammt 300 Menschen sollen im nördlichen Eismeer eingefroren sein. Diese Miltheilung hat ein aus dem Eismeere zurückgekehrtes Schiff nach Alaska gebracht.—_ Verantwortlicher Redakteur: Angnst Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.