HnterhaltungMM des Vorwärts Nr. 224. Sonntag, den 14. November. 1897. (Nachdruck verboten.) Dev Itantmt rinvv VevschmöruttA. 26 Von A. Ran c. Ins Deutsche übertragen von Marie K n n e r t. Rochereuil war in strenger Einzelhaft, die nur unter- brachen wurde durch die Bcsuchserlaubuiß, die der Unter- präfckt ihm und seiner Mutter nicht abzuschlagen gewagt hatte. Frau Rochereuil brachte ihrem Sohne Bücher, die er zu lesen wünschte, in das Gefäugniß. Heimlich steckte sie ihm geituugen zu, denn die Leute, welche mit der Gefäugniß- rdnuug und ihrer Ueberwachuug betraut sind, verbieten gern die Zusendung von Zeitungen, selbst von solchen wie der „Mouitenr" oder andere Blätter, die unter dem ersten Kaiser- reich erscheinen durften. Die Gründe dafür sind niemals bc- kannt geworden, aber die Sache ist so. Frau Rochereuil ver- barg die chiffrirten Briefe bei sich, die Pierre ihr gab, um sie seinem Bruder auszuhändigen. Sie brachte Pierre auch die Antworten. Bein« Eintritt und beim Verlassen des Gefäng- nisics durchsuchte man sie. Die Frau eines Profoßen befühlte sie mit ihren unsauberen Händen. Wenn die Briefe gefunden wurden, setzte sie sich der Pein ans, von einem Descosscs verhöhnt, beleidigt und gedebmnthigt zu werden. Einnial nöthigte man sie, in das Zimmer von Frau Descosscs ein- zutrete», wo sie von zwei Weibern vom Kopf bis z» den Füßen entkleidet wurde. An diesem Tage trug sie glücklicher- iveise weder Briefe noch Zeitungen bei sich. Der Gefäugniß- inspektor stammelte einige Entschuldigungen. Sie antwortete nicht. Was lag ihr daran! Die gröbsten Beleidigungen hätten sie gleichgiltig gelassen; sie hätte sie nicht einmal beachtet. Wenn sie ihrem Sohn einen Augenblick der Freude verschafft hatte, wenn sie einem seiner Wünsche zuvorgekommen war, wenn sie ihn endlich heiter und in besserer Stimninng als am Tage vorher verließ, dann dachte sie nicht au das, ivas es sie etwa kosten konnte. Trug sie nicht ihren Trost, ihre Belohnung mit sich fort? Seit einigen Tagen hatte Frau Rochereuil eine Ver- änderung in dem Wesen Pierre's bemerkt. Er schien eher stark beschäftigt als gelangweilt zu sei», und oft war er zerstreut oder in so angestrengtes Nachdenken vertieft, daß ihn die Anwesenheit seiner Mutter nicht einnial abzulenken vermochte. Bald aber wurde er iviedcr er selbst und sprach leichter und heiterer als sonst. Frau Rochereuil hätte darauf schwören mögen, daß diese Heilerkeit erkünstelt >var, und sie verstand sich gewiß darauf. In dem Augenblick, als sie das Gefäugniß verließ, hatte er sie herzlicher geküßt und nmarmt als geivöhnlich. An dem Abend, als sie sich diese Thalsachc eingestand, suhlte sie sich bis ins Herz getroffen. Sie konnte einen Gedanken, der ihr unaufhörlich durch den Sinn ging, nicht los werden.„In dieser Umarmung scheint Pierre mich im voraus um Ver- zeihung bitten zu wollen wegen des Kummers, den er mir verursachen wird." Da beobachtete sie ihren Sohn Louis wie eine Spionin und übcrivachte ihn in jeder Aiinnte. Sie merkte sich jedes seiner Worte; sie notirte sich die Stunden, in denen er von Hanse abivesend war, sie achtete ans jede geringste Bewegung, auf die leiseste Veränderung in seinen Zügen. Aber Louis, dem sein Bruder mit bczng hierauf hundertmal die genauesten Vorschriften gemacht hatte, war sehr vorsichtig und fiel nicht in die kleinen Fallen, die ihm gelegt wurden. Er beschäftigte sich nur scheinbar mehr und war geräuschvoller als sonst. Das >var seine Art, sich zu verstellen. Als er an dem Abend, da die Mitglieder des Aktions- komitces der„blauen Brüder" sich in Jnliettc's Zimmer ver- sammelt hatten, überrumpelt worden und gezwungen war, im- verzüglich den Anordnungen des Italieners zu folgen, hatte er nicht daran gedacht, seine Mutter z» benachrichtigen, was er sonst stets that, wenn er spät nach Hanse kam. Er war fort und etwa eine Viertelstunde auf dem Platze spazieren ge- gangen. Jnlielte Lcfrangois, die Frau Rochereuil sehr wohl kannte, war ihm dort begegnet. Sie hatten einige Worte gc- wechselt und sich dann-schnell entfernt. Das war Fran Rochereuil sonderbar erschienen. Als Lonis zur gewohnten Stunde nicht nach Hanse kam, ging sie nicht schlafen. Er kam erst gegen 1 Uhr morgens. „Wie, Mutter", sagte er,„Du hast ans mich gewartet? Das rst nicht gut! Du wolltest mich strafen, weil ich Dich nicht benachrichtigt hatte." „Du hast Fräulein Lefrangois heute Abend gesehen, Louis?" „Ja, das Wetter war so schön. Da sind wir lange spazieren gegangen. Ich habe sie bis zu ihrem Hanse begleitet und mich ivahrhaftig beim Plaudern rnit ihr verspätet." „Höre, Louis", sagte Frau Rochereuil rnit bewegter Stimme.„Ich will Deine Geheimnisse und die Deines Bruders, die Euch vielleicht nicht allein gehören, nicht wissen; aber meine lieben Kinder, ich habe eine Bitte, eine einzige. Ich bin stark, ich bin muthig, davon seid Ihr Beide überzeugt. Wohlan, wenn Ihr im Begriff seid, etivas zu unternehmen, rvenn Ihr in Gefahr schwebt, dann bitte ich Euch, benachrichtigt mich vorher. Ich iverde nicht weinen, wenn ich Euch nrnarme, meine Hand wird nicht zittern. Fürchtet nichts von mir! Aber sagt mir die Wahrheit, sagt sie mir! Ich bin zu Eiche mit meiner Kraft; die schreckliche Angst, in der ich lebe, tödtet mich. Lonis, ich beschwöre Dich, schreibe es Deinem Bruder; ich habe nicht den Muth, mit ihm davon zu sprechen." Lonis Rochereuil senkte das Haupt. „Ich iverde es thnn, Mutter," antwortete er sanft. XVIII. Beglaubigte Abschrift eines Briefes von Herrn Drault, Untersuchungsrichter am Gerichtshöfe von Poiliers, an den Herrn Herzog von Rovigo, kaiserlichen General- Polizei» minister. Poitiers, im Oktober 1313. Herr Minister? Ich erlaube mir, Ihnen diesen Brief in anbetracht seiner Dringlichkeit direkt zu übersenden. Die Aushändigung auf dem Wege durch Ihre Bureaus währt so lange, daß ich ge- glaubt habe, in diesem Falle die amtliche Ordnung einmal durchbrechen zu dürfen. Ich werde übrigens eine Abschrift dieses Berichtes dem Herrn Generalprokurator von Poitiers übergeben, der ihn Cr. Exzellenz dem Herrn Oberrichter aus- händigen wird. Seit der Abreise des Herrn Dcgrange, dieses hervor- ragenden Beamten Ihrer Verwaltung, den Ew. Exzellenz mir gnädigst zur Verfügung stellten, ist bis zu den letzten Tagen nichts geschehen, was werth wäre, vermerkt zu werden und Ihre Aiifnierksaiiikeit in Anspruch zu nchnien. Am letzten Montag jedoch hat der Agent, den Herr Dcgrange in Poitiers zurück- gelassen, mich von einem ziemlich ernsten Vorfall benach- richtigt. Fünf in der Stadt unbekannte Individuen, gut gekleidet, aber von verdächtigem Aussehen, waren in einer Postkutsche beim Hotel des Trois-Piliers angekommen. Sie hatten sich dort zum Essen aufgehalten und angeordnet, daß ihnen be- sonders servirt wurde. Sie sprachen leise miteinander und schwiegen, sobald der Kellner dcs Hotels sich ihrem Tische näherte. Nichts desto weniger hatte nian einige verfängliche Worte auffangen können. Schließlich hatte der Kellner bemerkt, daß einer von ihnen, der der Führer zu sein schien und zufällig seinen Reisemantcl öffnete, bewaffnet war. Als er sich von der Tafel erhob, befahl er einem seiner Gefährten, Postpserde zu holen. Der Agent wurde von der Anwesenheit dieser verdächtige» Männer durch einen der Pensionäre des Hotels benachrichtigt, einen Herrn Tribot, Kaufmann ans Paris, den seine Geschäfte hier zurückhalten, und mit dem er geschickt Bekanntschast an- geknüpft hat. Ich ließ augenblicklich den Kapitän der Gendarmerie rufen, der sich persönlich nach der Post begab, um sich dort zn erkundigen. Die fünf Menschen waren schon abgereist; sie fuhren nach Paris zn. Ans der Post wie im Hotel war man von ihrem sonderbaren Auftreten überrascht gewesen. Sie schienen es sehr eilig zn haben und bezahlten doppeltes Trinkgeld. Der Kapitän stieg mit sechs entschlossenen Lenken zu Pferde ** sich an die Verfolgung des Postivagens. Vorher schickte er einen sehr tüchtigen Berittenen ab, der die Umgegend vorzüglich kennt und schärfte ihm ein, möglichst Richlwege zu benutzen und so, wenn möglich, die Unbekannten vor Chatellerault einzuholen. Es sind bis dahin zehn Meilen auf der Chaussee und nur sieben ans dem Richtmege. Der Gendarm ritt sein Pferd fast zu Schanden, aber er kam an, und als die � Unbekannten sich einstellten, benachrichtigte der Post- Meister sie, daß sie vor Ablauf von zwei Stunden keine Pferde- bekommen könnten. Sie schienen dadurch sehr un- angenehm berührt und erkundigten sich, ob mau ihnen nicht in der Stadt zu gleichviel ivelchem Preise die Mittel ver- schafscu könnte, ihre Reise sofort fortzusetzen. Der Postmeister antivortete ihnen, am nächsten Morgen würde dies sehr leicht möglich seil«, aber zu dieser Stunde der Nacht könnten sie nichts Besseres thun, als geduldig warten. Darauf begann der eine ganz schrecklich zu fluchen. Er fragte den Postmeister, ob dieser sich über ihn lustig mache und bedrohte ihn sogar. Vielleicht hätte er sich selbst zu einer Gewaltthat hinreißen lassen, wenn einer seiner Gefährten ihn nicht zurückgehalten und lebhast und leise mit ihm gesprochen hätte. Alle diese Einzelheiten finden sich in dein Bericht der Gendarmerie ausgezeichnet. (Fortsetzung folgt.) Smmksagsplswdtfvei. Als der jnnge Ulrich Hutten nnter Mühsal und Auslegungen durch die deutschen Lande wanderte und»och dazu von einer Krankheit geplagt wurde, die i» der ganzen ehrbaren Welt für schimpflich und geheim erklärt wird, da kouule er auf die Frage, wer er denn eigentlich fei, keine Antwort geben. Er hatte kein Zehrgeld auf- zuweisen, noch wußte er recht, wo er Herberge erhalten werde. Er war zu einer Zeit, da Jeder und Jegliches nach Würde, Titel, Amt und Zunft sorgsam verzeichnet wurde, ein cnt- wertheter Manu. Der erste Mensch großen Stils, der von sich sagen konnte, er sei„der Niemand". Ei» fahrender Dichter und Zcitungs- schreiber, in der heiße» Seele ein Rebell. Vom Geschlecht der Niemaude! Und damals gab es noch nicht einmal, wie in unserein dreifach gepriesenen und hoch entivickelten Zeilungswesen, de» seß- haften, beamteten Redakteur, der doch gelvissermaßeu auch eine ernste Obrigkeit darstellt und dafür sorgen uiuß, daß keine Windbeutelei und keine Ketzerei sich in seinem Theil einschleiche. Die mittelalterlichen Regeln waren damals zersprengt. Eine neue geistige Welt meldete sich an und der wiedergeborene Geist duldete Menschen, die vom Geschlecht der Niemaude ivare»; die weder mit dem Geld im Sack klimpern konnten, noch irgend welchen be- glanbiglen Stempel herumreichen konnte». Sie müssen sich furcht- bar traurig vorgekommen sein, diese Leute ohne Ausweis und Diplom. Heutzutage lacht der aufgeklärte Mensch von liberaler Ge- sinnung, selbst wenn sie himmelblau nationalliberal schillert, über dieZSchrnllen jener armseligen, in Znnftbegriffen erstarrten Epoche. Wir kennen heutzutage die liberalen Berufe, wir haben Freizügigkeit und selbst im fernen Spanien drunten haben die Kellner letzthin sich die Bartfreiheit erobert. Schon Leopardi sagt in einer feiner bissigsten Satiren, daß wir mit Riesenschritten vorwärtsgehen und daß wir demnächst werden„Bärte tragen ellenlange". Aber Leopardi war ein kranker, galliger Dichter. Wenn also auf diese Weise die Bestimmungen frei und unfrei sich verwische», wie soll man in Zukunft noch unterscheide», wie soll mau die Menschen nach Stand. Art und Beschäslignng, sondern, wie soll man das tiefinnerllche Bedürsniß dcr Menschen nach Uiuforinirnng und Reglementirnng befriedige»? Schon lange haben die sinnenden Gelehrten, denen undiplomirte oder unabgestempelte Menschlichkeit immer ein Greuel war, über diese Frage nachgedacht. Man bedauert, daß die allen Kleider» ordmuigen schwinden. Man hat in Gebirgsgegenden sogar Vereine zur Erhaltung bäuerlicher Sonderlrachten gebildet.(Wenn man vornehm sein will, sagt man Nationaltracht.) Und solche knuter- bunte Auslösung, solche nichtswürdige Demokratie sollten jene Lente billigen, die vor tiefem Respekt erschauern, wenn sie daran denken, wie herrlich iveit wir's in der Gegenivart gebracht haben? Wir leben in einer militaristischen Epoche. Ist das nicht im logische» Sin» ei» Widerspruch, daß im Militarismus jeder streng geregelt sein Abzeichen, das sichtbare Merkmal seines Wesens und Werths trägt, nnd daß anderseits ein wildes Wirrsal unter den Menschen besteht ohne Gradbczeichnung, ohne Etikettirung? Als der oberste Feldmarschall der Heilsarmee, Herr Booth in London, in aller Welt zum Sammeln wider das Laster blies, da wußte er. was er that, als er seine Leute nach Soldaiengraden ein- theille. Dieser merkwürdige Mann, der durchaus nicht wie ein Mystiker erschien, als wir ihn hier in Berlin i» der Nähe sahen, erwies sich nicht gerade als ein tiefer Geist, aber als schlauer Menschenkenner. Ein Cäsar, ein oberster Befehlshaber kann nicht jeder sein; das Gemnth, das sich der verdammten Bedürfnißlosigkeit anbequemt hat, wird die geringere Auszeichnung schon mit dankbarer Genugthunng begrüßen. Darum hat Minister Bosse diese dankbaren Gemüther so innig begriffen, als er neulich im Reichsanzeiger das Preisaus- schreiben wegen der sogenannten Ehemedaille erließ. Die Medaille im allgemeinen war eine Nothwendigkeit in unserer Zeit. Die Medaille ist ein wichtiger Ersatz in dem Widerspruch zwischen dem Geist des Militarismus nnd der wüsten Unordnung im Zivilleben. Sie löst diesen Widerspruch nicht völlig, aber sie hebt ihm zum Theil auf. Mögen die Witzblätter nur ihren wohlfeilen Spott mit der Ehemedaille treiben; das muthwillige Volk begreift nicht, daß sie dem Würdebewußlsein nnd Würdebedürfniß entgegen kommt. Wer wird gern der Niemand sein wollen und sich als räudiges Schaf in die Ecke verkriechen? Sie ist ein Ansporn zur inneren Reglementirnng, die Medaille, ivenn dies Abzeichen allgemeinere Geltung gewinnt, wenn sie gleichsam zur weit kennt- lichen Bestätigung des geregelten, soliden Lebenswandels wird. Es giebt äußere Prämien genug, die in der Regel jeder Gemeindediener erhält, wenn er dreißig Jahre oder länger sein Aull geübt hat. Darum wird ein Dorspolizist, der nach langen Dienstjahren keine Medaille erhält, diesen Verlust gerade als Kränkung, als Strafe ansehen. Das sind thörichte Spötter, die da meinen, der Begriff Medaille verliere an Werth, wenn die Medaille, wie Herrn Bosse's„Eheabzeichen", im Ueberflnß auftauche. Sie unterschätzen eben die negative, erziehliche Seite der Medaillen- frage. Wenn beispielsweise nur der kirchlich Getraute die Medaille erhält, wird der kirchlich Getraute nicht schon dankbar eine höhere Selbstbewerthung verspüren? Nur ein bösartiger Sozial- demokral oder sonst jemand, der entrechtet außerhalb der Gesellschaft lebt, kann das leugnen. Und selbst wenn die Ehemedaille an Fromme und Unfromme ohne Wahl vertheilt wird, ist sie ebenfalls ein Sonderzeichen und kann jeden mit stolzer Genugthunng erfüllen. Er darf als Familienvorstand über den ganz armen Teufel der »iemandem vorzustehen hat, oder über den selbstsüchtigen Tropf, der die Familie als sittlichen Faktor in der Gesellschaft nicht voll an- erkennt, immer noch in selbstbewußter Würde Hinivegsehcn. Die Medaille ist wirklich ein geistiger Ausdruck unserer Tage. Das Geschlecht der Nwiuand soll es empfinden, was es heißt, ohne Medaille, ohne Stempel nnd Diplom durch die Welt zn kommen. Wenn ein Paria dcr bürgerlichen Gesellschaft, ein verzagter nnd verziveifelter Jung- geselle sich anschickt, zur Grube zu fahren, dann soll ihn eine Ahnung davon beschleichen, was in den Worten steckt: Verdorben, gestorben. Verdorben, gestorben, das war auch das Grnudthema, das kürz- lich aus Anlaß einer Tragödie in der honuete» Welt Italiens angeschlagen wurde. Eine Schrislstellerin, Komtesse Lara, war er- mordet worden. Der Fall ist bekannt und lag gewiß einfach genug. Komtesse Lara geHörle zn den deklassirten Frauen. Eine Ge- schicdene? Schon hier wittert die Bourgeoisempfindung etwas Reglementwidrigcs. Schon hier wird sie unduldsam. Frau Lara war also von ihrem Mann getrennt, aus ihrer Klasse geworfen. worden und gewann ihren Lebensunterhalt selbständig. Sic schrieb Aufsätze, Skizze» und Novellen für die Zeitungen; iver's versteht, weiß, daß es ringen heißt und für eine Frau zumal, um so durch- zukomme». Die Dame war jung nnd intereffant, sie hätte es wirk- lich bequemer haben können, wenn sie sich je hätte verkaufen wollen. In ihrem Lebenskampf war sie im höchsten Sinne tapser und sittlich; über das Recht ihrer Liebe glaubte sie frei verfügen zn können. Am Ende konnte sie doch den strengen Sittenrichtern lachend erividern: Ihr habt mich aus Euren Reihen gejagt. Was kümmert's Euch, wem ich ineine Liebe schenke? Die alternde Komtesse verliebte sich zum Schluß in einen nichtswürdigen Kumpan, den„Maler Pierautoni". Wiederum deklamiren die Neunmalweisen dasc-priich- lein, ein edles überlegenes Weib muß solches Subjekt durchschauen. Die verdammte leidenschastslose Abstraktion aller Korrekten und aller Heuchler. Komtesse Lara war eben verliebt, und wie alternde Frauen leicht zu sein vermöge», besonders schwach in ihrer Liebe. Es geht übrigens alternden Männern nicht um ein Haar besser. Mit Zuhälterinstinkten benutzte Pierantoni die Schwäche des Weibes, um Geld von ihm zu erpressen. Das Weib gab und gab, so gut es konnte. Aber als geistige Arbeiterin konnte sie doch nicht für die Gier Pierantoni's genug Geld erwerben, und in einem Anfall von Erbitterung und Grausamkeit ermordete sie dieser Pierantoni. Wie tief bürgerliche Klassenvorurtheile wurzeln können, bewies der Gerichlsprozeß. Man sollte meinen, über eine» Menschen, wie dieser Pierantoni ist, sollte nur eine Meinung herrschen. Wenn ihn sei» Advokat Barzilai zum Märtyrer verhängnißvoller Eifersucht, die von einein„dämonische», vainpyrarligen Weib" ge- nährt wurde, machen wollte, so kann man das zur Roth»och be- greifen. Das ist leider Rechtsbranch geworden: für den öffentlichen Ankläger ist der Angeklagte der Teufel, für den Verlheidiger ei» weißer Engel. Aber auch das bürgerliche Interesse wandte sich dem An- gekiagte» zu, namentlich das dcr Frauen aus der bürgerlichen Gesellschaft; und Geschworene und Richter maßen dem Mörder mildernde Umstände bei. Es sei hier gewiß nicht bedauert, daß Pierantoni nicht nach dcr vollen Schwere des rächende» Gesetzes gestraft wird, sondern es sei nur betont, wie leicht„die Gesellschaft" sich über das Ende einer„gefallenen Frau" mit der heuchlerischen Phrase hinwegsetzt:„verdorben, gestorben"..Alpda. Mteines �VulWefon. — Die verschwnudene» historische» Fußspuren. Am Genfer See im allehrivürdigen Schloß Chillou. das allsommerlicd von so und so viel hundert Engländern und andern Fremden heimgesucht wird, ist eine schauerliche Dunkelkammer, wo der edele B o n i v a r d vier Jahre lang in Banden lag und allwo seine Fußspuren deutlich, sehr deutlich zu sehen si»d> Es ist ein Heiligthnm der Umgegend, besonders der Hotelbesitzer und Fuhrleute. Und nun stellen Sie sich vor, wird der„Franks. Ztg." geschrieben, die Fuß- spuren, die viel bewunderten, verehrten— sind nicht mehr, d. h. sie waren nicht mehr; denn sie sind mittlenveile wieder zum Vorschein gekommen. Das kam so: Die Ausregnng, die sich der ganzen Gegend über das während der Restanratiousarbeiten im Schlöffe Chillon festgestellte Verschwinde» der Fußspuren bemächtigt hatte, veranlaßt« den streb- samen Depntatus Paul Vullict, die Regierung über dieses Ereigniß zu interpellircn. Die Interpellation kam Montag, den 8. November, zur Sprache. Staatsrath Viquerat erwiderte, aus dem Berichte des bauleitende» Architekten gehe hervor, daß diese h i st o r i s ch e» Fußspuren nicht von Bonivard's Füßen herrühren, daß sie viel- mehr jeden Winter mittels einer E i s e n s ch a n f e l wieder aufgefrischt wurden, zur Befriedigung der Fremden. Die Reklamationen feien gegenstandslos geworden, da die Spuren sofort nach Einbringen der Interpellation wieder her- gestellt worden seien. Mit Geuugthunng nahm der Große Rath diese Eröffnungen entgegen, und die Aufregung im Lande wird nun einer versöhnlichen Stimmung Platz machen. Im nächsten Soinmer können die Fremden wieder die historischen Fußspuren mit demselben hehren Schauer betrachten, wie in Verona das Grab Julieu's oder beim finstern Schloß am Meere in Helsingör das Grab Hamlet's.— — Ueber die Lebenövcrhältnifse i» dem Lirk-Observakorinm auf dem Mount Hamilton in Kalifornien berichtet v. Schweiger- Lerchenseld. Gleich zu Beginn der Thätigkeit des großartigen Ob« servaloriums gestaltete sich der Aufenthalt ziemlich unbehaglich. Die Winter brachten Zustände, welche fast an die Schrecken einer Polar- statiou erinnerten. Die Häuser der Astronomie- und Beobachtnngs- gebäude versanken in Schncemnffe» von 4 Meter Höhe, aufgelhürmt von orkanartigen Stürmen, uuter deren Anprall 5 Ceutimeter starke eiserne Stützen wie Holzstäbe zusammenbrachen. Die großen Beobachtungskuppeln froren ein, wodurch der Beobachtungs- Mechanismus versagte; die Wege waren ungangbar, aller Verkehr mit der Außenwelt hörte auf. In den Wohnräumen herrschte tagelang. ja durch Wochen, eine Temperatur, welche nicht über de» Nullpunkt hinauf zu bringen war, so daß das Waffer auf dem Speisetische gefror und Linsen, wenn sie gewaschen wurden, sich mit einer Eis- schicht überzogen. Die Heizung versagte, weil der Sturm die Kamin- flammen 2 bis 3 Meter weil in das Zimmer blies. Zu all dem Schlimuien trat Holzmangel ein. Allerdings waren und sind dies nur Episoden, denn drei Viertel des Jahres hindurch herrscht auf dem Mount Hamilton ein fast ungestört heiteres Wetter. Mitunter aber stellten auch im Sommer sich gewisse Bedrängnisse ein. Die Wasserreservoirs wurden trocken, Erdbeben machten die Grund- fesicu des Observatoriums wanken und fügten ihnen bedenkliche Riffe bei. Literarisches. — Für eine geschichtliche Darstellung der Volks- erheb»» g von 1348 und der damit zusaminenhängendeu Kampfe durch Deutschland hat die Deutsche V o l k s p a r l e i beschlossen, zwei Preise auszusetzen. Die Schrift soll etwa 10 Druckbogen »infassen. der Inhalt geschichtlich zuverlässig klar sein. Die Arbeit ist bis IS. Februar 1893 fertig zu stelle». Der erste Preis wurde auf INGO M., der zweite Preis auf SOO M. festgesetzt. Der engere Ausschuß der Volkspartei erhält das Publikations- und Verlagsrecht der prämiirten Arbeiten.— — Das Kuratorium der V a n e r n f e l d- S t i f t u n g (Wien) hat einstimmig beschlossen, Ehrengaben zu je tausend Kronen zu verleihen: N o s c g g e r sür fei» Werk „Ewiges Licht", dem Schriftsteller I. I. David für seine Novellensammlung„Frühschein", der Schriftstellerin Emilie v. M a t a j a(Emil Marriot) für den Roman„Junge Ehe". den Dichtern Martin Greif und Detlev v. L i l i e u c r o n für ihre Leistungen auf dem Gebiete der Lyrik.— Theater. — r. Schiller-Theater. Ein frischer, temperamentvoller ug ging am Freitag durch die Aufführung von„Wallenstein's ager" und der„P i c c o l o m i n i". Man hatte sich aus der tristen Energielosigkeit, mit der am 10. November„Wallenstein's Tod" gegeben wurde, zu gebührender Anstrengung aufgerafft, und ein guter, ivohlverdienter Erfolg war das Ergebniß solcher Bemühungen. Die Regie des Schiller-Theaters hat mit rechtem Takt verstanden, die buntbewegtcn Bilder des Lagerlebens übersichtlich zu gruppire», ohne daß das flulhende Durcheinander zum leblosen Slatisteukram wnrde. Und auch im einzelnen war alles recht tüchtig. Besonders gefiel uns, daß Herr S ch m a s o w, ein sonst stark zu Ueber- treiblingeu neigender Komiker, den Kapuziner nicht als Hanswurst. sondern nach Gebühr als eifernden Pfaffen gab, der mit Witz und Wortspielen keinerlei leeres Amüsement, sondern eine das Gemüth packende Wirkung ausüben will. Aber auch die Piccolomini wurden besser gegebe», als es nach den wenig er- freulichen Leistunge» vom Mittwoch erwartet werden durste. Der Walleustein des Herrn Palegg war gewiß noch keine Juiperaloren- gestalt, aber der Künstler benahm sich doch freier und selbstbewußter als am ersten Abend: Herr P a t r y als Questenberg kehrte mit recht weniger den Höfling, als den scharszielenden Diplomaten hervor. Die Bankettszene im vierten Akt verlief sehr munter; von dem trunkenen Jllo des Herrn F r o b ö s e will uns bedüiiken, daß er etwas zu stark von modcrn-naturalistischen Vorbildern profilireu wollte.— Musik. -er-. Konzert». Im dritten philharmonischen Konzerte ist von Sofek Suk, dem zweiten Geiger des löst- lichen„Böhmischen Streichquartetts", eine Serenade sür Streich- orchester gespielt worden, in welcher sich neben einem seltenen Reichthum an Harmoniebildnngen eine ungewöhnliche poetische Ausdrucksform offenbarte. Die Ueberraschungen. besonders origineller thematischer Erfindung, finden sich zwar in keinem der vier, in blühenden Wohllaut getauchten Sätze, aber die anmuthigen Modulationen der schwärmerischen, heiter graziösen und mild leiden- schaftlicheu Stimmungen entschädigen dafür in ihrer lebhaft gc- steigerten Mannigfaltigkeit nnd in ihrer, angesichts des tonlich be- engten Slreichquintetts.außerordentlich innigen poetischen Beredsainkflt. Besonders der 3. Satz.ein in zwei Hauptgesängen durchgeführtesAdagio, bringt das Bild einer von mildem Mondschein überstrahlten Land- schaft mit den zarteste» Farben einer musikalischen Idylle vor die Seele. Das Pnblikuin bereitete dem anwesenden Komponisten, deffen Bescheidenheit nur von seiner Begabung übertroffen zu werden scheint, eine förmliche Ovation. An Jnstrnnientaluummern brachte das Programm Beethoven's„Coriolan"- Ouvertüre, deren Wiedergabe die entscheidende innere Energie inangelte, und Schnmann's tl-cknr- Symphonie, deren kontrapunktische Großartigkeit ja fast ohne gleichen dasteht. Kapellmeister Nikisch fand besonders in der melancholischen Größe nnd sanften Schmerzensklage des Adagio und in dem senrigen Jubel des hinreißend rhythinisirten Finale Gelegenheit, seine geistig stets fesselnde Dirigentenkunft und den Glanz nnd die seine Schniiegsamkeit seines Orchesters zu zeige». Die Solistin des Abends war Frl. Land i, deren so vortrefflich gebildeter Stimme der große Raum zwar nicht die Gesangskunst, aber die Seele im Ausdruck zu nehme» scheint. Man kann kaum technisch vortrefflicher nnd empsindungsleerer Arien von Händel und Gluck vortragen hören als von Frl. Land!, wenn sie in der— Philharmonie diese Stücke singt.— Uuter der Leitung des General- Musikdirektors Fritz Stein dach eröffnete die M e i- ninger Hofkapelle ein Zyklus von vier Konzerten, deren Reinertrag für ein Brahms-Denkmal bestimmt ist. Die Intentionen des geschiedene», einsamen Meisters sind durch nahe freundschaft- lich künstlerische Beziehungen dem genannten Kapellmeister wie wenigen offenbar geworden. In der scharfen rhythmischen Kraft, in der möglichst klare» Lösung spröder Brahms'scher Gedankenräthsel und vor allein im Glänze des bis an die äußerste Grenze gesteigerten materielle» Orchesterklanges lebt noch immer der große Geist Bülow's, welcher die Meiniuger Hofkapelle einige Jahre unter feine unwiderstehliche Individualität beugte und in seinem Geiste erzog. Nun, Herr Steinbach ist kein Genie wie Bükow, aber er ist ein begeisterter und den Stoff unbedingt be- herrschender Kapellmeister, welcher sein aus ca. 60 Mann be- stehendes Orchester au die energische Sprache seines Stabes meisterlich gewöhnt hat. Eine edle Weichheit und Klang- fülle besitze» die Holzbläser, während in der Blechgrnppe(be- sonders in den Hörnern) absolute Verläßlichkeit und bei den Streichern das Berauschende des gesättigten Tones vermißt wird. Das Programm bestand ausschließlich aus Brahms- Arbeiten: Tragische Ouvertüre, Konzert für Violine und Cello mit Orchester (Solisten Jos. Joachim und Rob. Hausmann), Orchester- Variationen über ein Haydn'sches Thema und die erste(IS-moll) Symphonie. Nach dem mit überwältigender Intensität gespielten Finale der Symphonie, in welcher die für Brahms so charakte- ristische spröde Pathetik auch nicht einen?lugenblick zu bescheidener Gefiihlscinfachheit abschwenkt, brach das zahlreiche Publikum in einen geradezu enthusiastischen Beifall aus.— Unter den Einzelkonzerten der Woche muß der Klavierabend des Herrn Konrad A n s o r g e mit voller Bewunderung erwähnt werden. Die poetischen Anschlagsarten, sei», die geistige Wesenheit eines TonstückeS ausschöpfender Kunsternst nnd eine erstaunlich» Re- produktionskraft, welche den Eindruck des eben ursprünglich Selbstgeschaffenen macht, lassen Ansorge als einen Pianisten bedeutendster Art schätzen. Beethoven's Sonate op. 110, nicht Liszt's pittoreske und erklügelte Souateninusiken, bildete den rechten großen Rahmen für Ansorge's Künstlerthum.— An Süßigkeit des Tones kommt der Violinist Arigo Serato seinem Ideale Sarasate ziemlich nahe; der Bewältigung des Technischen jedoch fehlt die Mühelosigkeit, welche das Virtuose nie verdrängt, sondern stets in den Dienst des Kunstwerks stellt. So gelange» Serato die langsamen Gesaugssätze ans dem Mendelsfohn'schen und Bruch'schen Konzerte recht schön, während die Allegro-Thcile von vielen unsauberen Elementen befleckt wurden.— Erziehung und Unterricht. — In der Stadt Mülheim am Rhein wurden während d« diesjährigen Herbstserien, ebenso wie im Vorjahre, zur Erholung und Kräftigung erholungSbedürftigcv Kinder Ferien spiele ab- gehalten. Sie fanden in den Gärten der städtischen Turnhalle und des Schützenhauses statt. Die Zahl der theilnehnienden Knabe» und Mädchen belief sich auf etiva 2200. Die Spiele fanden in den drei ersten Wochen viermal wöchentlich statt, und zwar von morgens S'/a bis ll'/e Uhr. Gegen 10 Uhr war eine Frühstücks- pause, in der jedem Kinde ein Glas Milch mit einem Brödchen verabreicht wurde. Zur Deckung der hierdurch entstandenen Koste» hat die Sladtverordneten-Versammlung den Betrag von 900 M. bewilligt. Zur Ueberwachuug der Spiele halte sich eine Anzahl Lehrer und Lehrerinnen bereit erklärt. Die Kinder wurden in Gruppen eingetheilt, und jede der theilnehmenden Lehrperfoneu erhielt eine Abtheilung zugewiesen. Die Knabe» trieben mit Borliebe Ballspiel (Schleuderball, Schlagball. Stehball, Fußball), außerdem Weltlauf, Hinkekampf, Barlauf w. Die Mädchen bevorzugten Ringel- und Reigenspiele mit Gesang. Betreffs der körperlichen Kräftigung der Kinder haben die Ferienspiele gute Ergebnisse erzielt.— Medizinisches. k. Nachweis von Fremdkörpern im Auge durch Röntgen-Photographie. Die Erkenntniß des Sitzes von Fremdkörper» im Innern des Auges ist mit großen Schwierigkeiten verbunden. Fremdkörper im Lid oder in der Hornhaut können ohne weiteres mit bloßem Auge erkannt iverden. Sind sie aber in den Glaskörper, die Linse und weiter in das Augen-Jnnere gedrungen, so ist die Schwierigkeit sehr groß. Die Folgen der Gewalleiuivirkung am Auge selbst geben gar keinen Anhaltspunkt dafür, ob der Fremd- körper sich noch im Auge befindet, und an ivelcher Stelle. Die Unter- suchnng mit den» Augenspiegel versagt gleichfalls, denn Vorbedingung für dieselbe ist die völlige Durchsichtigkeit der inneren Thcile des Auges, welche gerade bei Verletzungen meist durch Blutergüsse oder Gewebs- Veränderungen undurchleuchlbar iverden. Für eine Reihe von Fremdkörpern, für eiserne oder stählerne Splitter, kann der Elektromagnet die Anwesenheit einer anziehbaren oder anziehen- den Masse im Augeninnern feststelle», über den Sitz derselben aber sagt er auch nichts aus. Bei kupfernen Splittern und bei Schrot- sckußverletzungen jedoch hat man sich mit Eiser der Röntgen- Photographie zugewendet. Gerade hier am Auge aber hatte die Radiographie bisher keinen rechte» Erfolg. Man glaubte dies auf die sehr geringe Durchlässigkeit des Auges für die X-Strahlen, auf die große Dicke der umgebenden Schädelknochen beziehen zu müssen und beschränkte sich meist darauf, das Auge von einer Seite zur anderen zu durchleuchten. Diesen Weg hat ei» New-Iorker Arzt, Dr. Fridenberg, wie er in der„Deutsch. Med. Wochenschrift" mittheilt, verlassen. Er ging davon aus, daß iven» das Auge so schwere Schalten im Röntgenbilde giebt, ei» im Innern desselben sitzender metallischer Körper nur einen um so stärker aus- fallenden Schatten ergebe» müßte, und durchleuchtete das Auge in feinem ganze» Durchmesser von vor» nach Hinte». Durch eine sinn- reiche Anordnung gelang es ihm, bei einer Schrotschuß-Berletzung beider Augen durch Kombination eines Profil- und Enface-Bildes nachzuweisen, daß links S, rechts 2 Schrolkörner saßen, die aber alle das Auge durchschlagen hatte» und in den Weichtheile» zwischen Auge und Schädelkuochen gelegen waren. In dem vorliegende» Falle konute die Röntgen-Photographie die Behandlung nicht fördern, da die mehrfachen Zerreißungen des Angemnnern beim Durchschlagen die Sehschärfe fast vollkommen vernichtet hatten. In anderen Fällen aber wird die genaue Erkennung des Sitzes fremder Körper im Auge durch die Röntgen-Photographie die Heraus- besörderung derselbe» ermöglichen.— Aus dem Thierleb«». — Den„Flensburger N." schreibt man: Bei einem jüngst unter- nomine»«» weiteren Spaziergang wurde Schreiber dieser Zeilen Zeuge eines interessanten T h i e r k a m p f e s. I» einer Entfernung von ungefähr 200 Schrittlängen lief ein nicht ganz aus- gewachsener Hase auf einer größeren Koppel an mir vorüber, als ich auch plötzlich über mir ein heftiges Rauschen veruahm. Kaum hatte ich meinen Blick nach oben gerichtet, so schoß ein Habicht auf den Hafen nieder und schlug seine Krallen i» dessen Weichen. Der Hase fiel nieder und fing laut an zu klagen. Mit aller Gewalt suchte er sich wieder zu erheben und den Habicht abzuiverfen. Er schlug mit den Hinterläufen aus, schnellte den Leib mit größler An- strengung empor. Er vermochte aber nicht, sich von der Last zu befreien, der Habicht breitete seine Flügel über ihn und versuchte, ihn mit seinen Krallen und mit seinem Schnabel zu verwunden und zn betäuben. Der Kampf war hart. Zuweilen lösten sich vom Pelzrock des Hasen kleine Wollsetzen, die Krallen des Habichts glitten nieder, aber von neuem wurden sie in des Hasen Leib getrieben. Ich stand im Begriff, hinzueilen, um unserem Freund Lampe Befreiung und Rettung zn bringen, als eine neue Erscheinung mir zu Gesicht trat. Mit lautem Feldgeschrei kamen mehrere Krähen geflogen. Die Klagelöne des Hasen waren zweifellos an ihr scharfes Gehör gedrungen und ihr weitschweifender Blick hatte gewiß ans der Ferne diese Kampfesscene entdeckt. Mnlhvoll griffen sie den Habicht an. Mehrere Meler hoch erhoben sie sich über ihn und stürzten nun mit Schnabelhieben auf ihn ein. Der Habicht leistete tapfer Gegenwehr, indem er sich zurückbog und den Angriffen mit schnellen, kräftigen Flügelschlägen wehrte. Die Stellung unseres Raubvogels wurde«nn recht schwierig. Mit Verzweiflung krallte er sich an dem armen Hasen fest, während er unermüdlich mit de», Schnabel bald nach diesem, bald mit dem abwebrenden Fang nach den Krähen schlug. So tobte der Kampf bunt durcheinander. Wollbaare des Hasen und Federn der Krähen stoben umher. Endlich sah sich der Räuber besiegt; er ließ den Raub fahren, und mit ge- walligem Flügelschlag erhob er sich in die Luft. Die Krähen aber, noch nicht zufrieden mit ihrem Sieg, verfolgten den fliehenden Feind unter stets erneuten Angriffen. Der Fliehende dachte nicht mehr an Widerstand, sondern suchte außerhalb ihres Bereiches zu kommen. Endlich kehrten die Krähen einzeln zurück nach dem Kampfplatz, vielleicht um den„Geretteten" für sich zu„retten". Er aber hatte sich unterdessen seitivärts in die Büsche geschlagen.— Humoristisches. — Ein überaus k o ni i s ch e r Zivischenfall ereignete sich unlängst in dem dichtbesctzte» Wagen für Nichtraucher des Zuges Baar-Moßhei m. Während der Fahrt— der Zug halte eben Rosheim verlassen— erscholl plötzlich aus zartem Franenmunde der ängstliche Ruf:„A Schlang! a Schlang!" Sämmtliche Passa« giere sprangen entsetzt in die Höhe und drängten sich nach der Ecke, welche von dem Ungeheuer am weitesten entfernt war. Die Bestie schien hierdurch mulhig zu iverden; den» i» kühnen Windungeustürzlesieansdie furchtsam Zurückiveichenden zu Bald befanden sich alle weiblichen Fahrgäste auf den Sitzbänkcn stehend und heulten und quietschten. während �ie im Wagen anwesende» Herren(ein Schnarcher aus- genommen) mit Stöcken und Regenschirmen ans das gesährliche Reptil losschlugen. Durch den Krakehl wurde der Schnarcher aus seinen süßen Träumen anfgerültelt. Nachdem er sich die Auge» ge- rieben, wurde auch er der Bestie ansichtig. Er holte gelassen einen unter seinem Sitze stehende» Korb hervor, warf einen Blick in denselben und rief dann mit dounerähnlicher Stimme:„Halte d'Schnnrrs mit eurem Gebrülls, s'esch jo min großer Ool (Aal), wie i denne Morje zur Ewernahu uff Marik kaust Hab." Mit diesen Worten faßte er die„Schlange" beim Wickel, setzte sie ivieder in den Korb, und unter allgemeiner Heiterkeit nahmen die Reisenden ihre Plätze wieder ein.— — Eine» tüchtigen aber etwas groben schwäbischen Arzt zog einmal eine norddeutsche Frau wegen ihres brustkranken Töchterchens zu Rathe. Leberthran war als Heilmittel verordnet, und auf die Frage der Mutter, ob sie wohl auch stets ganz frische» Stoff bekommen werde, erhielt sie die Antwort:„Ja, vöret Se, moinet Sia denn, wege Ihrem Mädle dhä' der Apotheker I. drübe alle vierzeh' Tag en Walfisch m e tz g e?"— Berniischtes voi» Tage. — Ein sonderbares Thier. Im„Nachrichtsblalt und Anzeiger für I o h a n u g e o r g e u st a d t und Nmgegend"(Nr. 130) ist zn lesen:„Im Ritlersaal des Schlosses Burgk sieht ma» in einem Glaskasten einen steinernen Hund, welchcr in einem alte» Gemäuer einmal gefunden und wahrscheinlich bei Erbauung dieses Gebäudes lebendig vermauert worden ist."— — Aus Altrip(Pfalz) wird gemeldet: Als hier die Seil« tänzertrnppe Frank ihre Vorstellungen gab und gerade der 19 jährige Sohn mit seiner 17jährigen Schwester über ein hochgespanntes Seil lief, brach der Flaschenzug, der dieses hielt und die Geschwister st ü r z t e n ab. Ihre Verletzungen sind so schwer, daß nur wenig Hoffnung aus Erhaltung des Lebens vorhanden ist.— — Die„Wests.' Volksztg" meldet die Entdeckung einer über den ganzen westfälische» Jndnstriebezirk verbreiteten Falschmünzer- Gesellschaft. Bisher wurden 54 Mitglieder verhaftet. Die Werkstätte befand sich i» Esse n.— — Die Erdbeben i in Vogtlande und Böhmen danern immer noch an. Am Donnerstag wurden auch in Wald- fassen(Oberpfalz) starke Erdstöße verspürt.— — In Wien schoß sich der Lektor an der Universität Max Gumplovicz wegen verschmähter Liebe eine Kugel in den Kopf und verwundete sich fchiver. Max Gumplovicz ist ein Bruder des in Berlin bekannten Ladislaus Gumplovicz.— — Die Anla der Wiener Universität war am Sonnabend Vormittag der Schauplatz lärmender Auftritte zwischen S t u d e n t c», welche Hochrufe theils ans Lueger, thcils auf Wolf ausbrachleu; die Ramve des Ilniversiiätsgebändcs wurde durch Polizeimannschaft besetzt. Vor dem Gebäude sammelte sich eine zahlreiche Menge Neugieriger an.— — Ans Palermo wird gemeldet: Die Entdeckung von drei Leichen i» einem Brunnen in der„Arenclla" soll ans die Spuren einer großen in der Ilmgegend von Palermo verbreiteten Ver- brecherbande geführt haben, der etwa vierzig schwere Ver« brechen, die im Laufe der letzten drei Jahre begangen sind, zuzu- schreiben seien. Der Führer der etwa 100 Mann starken Bande sei ein Gastwirlh Dalba, der seit dem 12. Oktober spurlos verschwunden ist.— — Der König von Belgien will in Marokko, an der Küste bei Tanger einen„großartigen Winlerkurort � ü r die vornehme europäische Welt" gründen.— — Bei den U e b c r s ch w e m in u n g e» in der Umgebung von Valencia(Spanien) sind 15 Personen u m g e k o m in e».— c. e. Die Legislatnr desj nordamerikanischen Staates Georgia hat ein Gesetz votirt, welches das Fußballspiel streng verbietet. Veranlworllicher Redakteur: Augnst Jacobe» in Berlin. Druck und Verlag von Max Bnding in Berlin.