Ilttterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 225. Dienstag, den 16. November. 1897. (Nachdruck verboten.) Dev VomAn einvv VevMzmövung. 27 Von A. R a»l c. Ins Deutsche übertragen von Marie K» n e r t. So waren die fünf Individuen also genöthigt, zu warten, da sie ihren Weg nicht zu Fuß fortsetzen konnten. Sie traten in die Herberge der Post, ließen sich Punsch geben und bc- fahlen, daß man sie benachrichtigte, sobald die Pferde angekommen wären. Durch diese Verzögerung ivar es unserem Gendarmerie- kapitän möglich, rechtzeitig anzukommen. Er umstellte die Herberge mit seinen Leuten und begab sich allein in den Saal, wo die Unbekannten tranken. „Im Namen des Gesetzes," sagte er,„verhafte ich Sie. Rühren Sie sich nicht; jeder Widerstand ist unnütz." In der That zeigte er ihnen die Gendarmen, die draußen vor den Fenstern ihre Fackeln angesteckt hatten, um die etwas öde Umgebung zu erhellen. Die Unbekannten beriethen sich einm Augenblick durch Blicke. Der Manu, welcher den Postmeister bedroht hatte, zog sogar eine Pistole aus dem Gürtel; aber auf einen Wink des Führers— wir halten ihn wenigstens dafür, so lauge wir nicht anders unterrichtet sind— legte er sie auf den Tisch. Der Anführer stand auf und sagte, auf den Kapitän zugehend: „Keine Gcivalt, mein Herr; es ist überflüssig. Wir leisten keinen Widerstand." „Sie ergeben sich?" erwiderte der Kapitän. „Der Ausdruck ist nicht zutreffend," antwortete der Mann spöttisch.„Wir wissen nicht, was sie wollen; wir iveichen der Geivalt, das ist alles. Weshalb verhaften Sie uns? Wessen sind wir angeklagt? Kann man wirklich nicht mehr ruhig seinen Geschäften nachgehen?" Ter Kapitän rief, ohne diese Unverschämtheiten einer Antwort zn würdigen, seine Leute und wollte, von seinem Brigadier unterstützt, zu einem Verhör schreiten. „Ihr Name?' sagte er zu dem, der schon das Wort er- griffen hatte. „Ich bin weniger neugierig als Sie, mein Lieber," ant- wartete der Mensch; ich habe Sie noch nicht nach dem Ihrigen gefragt." „Ihr Name?" wiederholte kalt der Kapitän. „Vor allen Dingen," erwiderte einer von den andern, die bisher noch nichts gesagt hatten,„welches Verbrechens oder Vergehens sind wir beschuldigt?" „Sie sind nicht hier, um zn fragen, sondern um zu ant- worten." „Wahrhaftig? Nun, mein werther Herr, hören Sie, ivas ich Ihnen zn sagen habe. Niemals, so oft ich die Ehre und das Vergnügen hatte, vor einem Untersuchungsrichter zn er- scheinen, habe ich den Mund geöffnet. Sie können sich denken, wie viel iveniger ich dies erst einem Gendarmen gegenüber thue." Wirklich hüllten sich die fünf Perjonen von diesem Augen- blick ab in absolutes Schiveigcn. Ter Gendarnieriekapitän begriff, daß er aus diesen Leuten nichts herausholen konnte, und ließ sie fesseln. Dann trennte er sie. Vier stiegen mit zwei Gendarmen in chrc Postkutsche, der fünfte, der der iveitaus Jüngste ivar, nahm in einem kleinen Einspänner zwischen zwei Polizisten von Chatelleraull Platz. Das war, wie sie gleich sehen wcrdcii, eine sehr glück- liche Eingebung. Nachdem dies gcthan war, liehen der Kapitän und seine Leute sich Brigadcpferde ans Chalelleranlt, denn die ihrigen waren ganz abgetrieben, und fuhren»ach Poiticrs. Der Kapitän ivollte keinem andern das Kommando der Eskorte überlassen. Ich kann diesen tapferen Soldaten nicht genug lobe», der i» einer Nacht für Se. Majestät de» Kaiser mehr als zwölf Meilen zurückgelegt hat, ohne ans den Steigbügeln oder de» Stiefeln zu kommen. Am nächsten Morgen wurden die fünf Verschwörer— ich habe wohl schon das Recht, sie so zu nenne»— mir im Justiz- palast vorgeführt. Vier davon sind in den besten Jahren und gehören, wenn nicht den höheren Klassen der Gesellschaft, so doch wenigstens dem Bürgerthum an. Mit Ausnahme eines Einzigen, der sich etivas gewöhnlich ausdrückt, haben sie offenbar eine gute geistige und gesellschaftliche Bildung. Der Fünfte, den der Gendarnieriekapitän in einer guten Eingebung von seinen Mitangeklagten getrennt hatte, ist ein ganz junger Mann von kaum zwanzig Jahren. Wäh- rend die Vorgeführten in einem Nebenzinimer warteten, wurden sie von mehreren Personen beobachtet. Sie sind fremd in der Stadt; man hat sie dort niemals gesehen. Es wird nöthig sein, sie mit den Beamten der Pariser poli- tischen Polizei zn koufrontiren. Ich muß Ihnen mittheilen, daß mit Ausnahme des Jüngsten, dessen Verhör Sie hier finden, die Leute die Antwort auf die ihnen vorgelegten Fragen verweigert haben. Sie haben nicht einmal ihre Namen angegeben. Die Drohung, sie sofort vor ein Kriegsgericht zn schicken, hat sie anscheinend ruhig und gleichgiltig gefunden. Es ivar deinnach nichts von ihnen zu erwarten. Ich entschloß mich also, mich an den Jüngsten zu halten, der, von zwei Gendarmen bewacht, sich mit seinen Gefährten nicht verständigen konnte. Ich habe ihn zuletzt verhört, nachdem er zwischen den beiden Gendarmen länger als eine Stunde hindurch seinen Betrachtungen überlassen ivar. Seine Wächter hatten Befehl, sehr sanft mit ihm zu sprechen, wie wenn sie Mitleid mit seiner Jugend und der traurigen Lage, in die er sich gebracht, hätten. Als ich annahm, daß der junge Mann genügend geängstigt ivar, habe ich ihn vorgeladen. Hier folgt eine Abschrist des Verhörs, dem ich ihn unterzog: „Heute am 6. Oktober 1813 wurde il»s, Marie— Marguerite— Alexis Drault, Unter« siichungsrichtcr am Gerichtshöfe des Departements Vienne, in Anwesenheit des vereidigten Gerichtssekretärs Andrö— Etienne Ginot, durch eine von dem Kapitän Jean Bigorne befehligte Ab- theilung der Gendarmerie ein Mann vorgeführt, der im Verdacht steht, an der Verschwörung gegen die Person Sr. Majestät des Kaisers und Königs und die innere und äußere Sicherheil des Staates betheiligt zn sein. Auf Befehl des Gerichtshofes mit der Untersuchung der erwähnten Verschwörung betraut, haben wir die vorgeführte Person aufgefordert, uns Namen, Alter, Stand und Wohnort anzugeben. Antwort: Charles Fran?ois Görand, einundzwanzig Jahre all, Verkäufer in einem Posauicntierwarcn-Geschäst, ivohnhast in Paris, Passage du Sanmon. Frage: Nur ein unumwundenes Geständniß kann Ihnen in anbetracht ihrer Jugend die Nachsicht Ihrer Richter ver- schaffen. Ihre Mitschuldigen iverden heute noch einem Kriegsgericht vorgeführt. Wenn Sie der schrecklichen Gefahr, die Ihnen und Ihren Freunden droht, entrinnen wollen, so erwerben Sie sich durch Offenheit ein Recht auf Gnade. Antwort: Ich weiß nichts. Frage: Sie wissen aber iveiligstells, wann und weshalb Sie Paris verlassen haben? Antwort: Ich habe Paris vor ungefähr einem Monat ver« lassen und in Saint-Bcnoit bei Poitiers Wohnung genommen. Dort sollte ich den Mann, der mir gesagt halte, ich möchte abreiieu, wiederfinden. Frage: Ist dies einer von denen, die mit Ihnen verhaftet worden sind, und wie ist sein Name? Antwort: Ich kenne ihn nicht. Ich hörte, daß er Antoiue genannt wurde. Ich sah ihn nur einmal. Frage: Wie haben Sic ihm denn aber gehorchen können, da Sie ihn doch zum ersten Male sahen? Die Antwort er« folgte mit sehr schwacher Stimme, wobei der Angeklagte den Kops senkte: Weil er zur Gesellschaft gehört. Frage: Zu welcher Gejclljchast? Haben Sie den Muth, alles zu bekennen. Ihr Wohl rnid Wehe hängt davon ab. Zn der Gesellschaft der blaneir Ärüder? Autwort: Ich weiß nichts von dem, ivas sie da sagen; sie heißt die Gesellschaft, das ist alles. Frage: Und welches war das Ziel der Gesellschaft? Antwort: Ich verstehe nicht. Frage; Ich werbe mich verständlicher ausdrücken: Wovon sprach man in der Gesellschaft? Antwort: Man sagte, daß die Regierung geändert werden müsse. Frage: Wie wollte man das machen? Antwort: Man sagte, daß man mit Gewalt vorgehen müsse. Frage: Wo glaubte die Gesellschaft die nöthigen Kräfte dazu zu finden? Antivort: In ganz Frankreich. Frage: Es giebt also in ganz Frankreich eine organisirte Macht, die zu Ihrer und Ihrer Mitschuldigen Verfügung steht? Antwort: Ich weiß nicht. Frage: Wissen Sie, was die Gesellschaft an die Stelle der gegenwärtigen Regierung setzen will? Antwort: O ja, den König. Frage: Welchen König? Antwort: Charles-Xavicr Stanislas, den ehemaligen Thronfolger, den man jetzt Ludwig XVIII. nennt. Frage: Sie gehören also nicht zu der republikanischen Sekte? Antwort: Die kenne ich garnicht. Frage: Wer hat Sie in die Gesellschaft eingeführt? Antwort: Mein erster Prinzipal, Herr Loiseau, der jetzt todt ist; er war Hoflieferant. Frage: Welches sind die Führer der Gesellschaft? Autwort: Ich kenne sie nicht. (Fortsetzung folgt) (Nachdruck verboten.) Eine Gefchichke von einem PcU und einev Keone. (AuS dem Tage buche eines Lebemannes.) Aus dem Dänischen des Gustav Wied. Ich laufte mir gestern einen Pelz. Es war hnndckalt, und eingehüllt in den Pelz, eine dazu passende Mütze aus dem Kopfe. schritt ich die Hauplstrabc der Stadt entlang. Ich grüßte die Passanten mit liebensimirdiger Handbewegung; oder ich hob, wen» es besser sitnirte Bürger waren, die Finger an den Rand der Pelz- mühe und zerrte daran, während sich mein Kops und Körper zu einem rechten oder stumpfen Winkel neigten, je nach dem Rang und der größeren oder kleinere» Steuer-Zahlnngssähigkeit der betreffen- de» Person. Draußen an dem Fenster des Buchhändlers, vor welchem ich stets stille zu stehen pstege, um mich in der Literatur auf dem Laufenden zu erhalten,— es schneit ja gerade- zu Dichter!— stände« ein paar Proletarier im Ge- spräch mit einander: ein jüngerer Mann und ein eben solches Frauenzimmer. Sie war baarhäuptig, halte nackte Arme und diente vermuthlich in einem der umliegenden Hänser. Er trug, trotz der Jahreszeit, Sommerkleider. Die Hände begrub er tief in de» Hosen- laschen, der Rockkrage» war aufgeschlagen, und der Kopf stak ganz »mteu zwischen den Schultern. Zusainmengekrochen stand er da, rundrnckig und mit krummen Knien. Augenscheinlich bemühte er sich, so klein wie möglich zu werden, um der Kälte eine möglichst kleine Angriffsfläche darzubieten. „Und wohin sollst Du jetzt?" frng das Mädchen. �Jch gehe nach Römmmg; vielleicht ist dort Arbeit zu be- kommen." Sei» Antlitz war weiß vor Kälte. Und man sah seine magere». eckigen Beine sich in den dünne» Sommer-Beinkleidern abdrücken, die nnte» zerrissen und ausgesranzt um ein Paar Gummistiefel ohne Gummi hingen. Die Gummistiefel waren zu klein für seine Füße, so daß die Hacken aus dem niedergetretenen Hinterledcr hervorschauten. Doch, was ging das m i ch an? Ich hüllte mich fester in meinen Pelz und ging. Zur Stadt hinaus schritt ich und die kahle Landstraße entlang. wo der vom Meere kommende Ostwind wie mit Messern schnitt. Aber ich zog nur die Mütze tiefer über die Ohren, steckte die Hände in die Aermcl des Pelzes und schritt vorwärts, meinen silber- beschlagenen Stock unter dem Arm. Es begann zu dämmern. Die Uhr war halb fünf, und die Sonne hatte jsich schon längst hinter dem Höhenrücken im Westen versteckt. Draußen über dem Meere hingen einige große, schwarzblane Wolken, die aussahen, als ob sie böses im Schilde führte». Sie glitte» leise, lauernd am Himmel umher. Das mochte wohl mit Schneesturm endigen. Aber ich mußte doch bis zu dem rothen Hause hinaus, dem täglichen Ziel meiner Nachmittags- Spaziergänge. Gerade vor der Luke, die im Giebel dieses Hauses angebracht ist. pflege ich kehrt zu niachen und ivandere heimwärts, mich auf die Zigarre und den Absinth vor dem Diner freuend. Der Weg lag öde und verlassen da mit seinen verkrüppelten, vom Winde zerzausten Bäumchen längs des Grabenrandes. Kein Mensch war zu sehen, kein Wagen zu höre». Nur das klagende Stöhnen der Telegraphendrähte und das dumpfe Branse» der Wogen draußen im Meere tönten unheimlich zu mir herüber. Und ich beschleunigte meine Schritte, um so bald wie möglich das rolhe Haus zu erreichen. Da vernahm ich plötzlich schleppende Schritte hinter mir. Ich wandle nervös den Kopf. Es war der Bursche, den ich in der Stadt mit dem Mädchen hatte sprechen sehe». Unwillkürlich zog ich die Hände aus de» Pelzärmcln hervor und packte kräftig meinen stlberbeschlagenen Stock. Man ist ja niemals sicher vor der viehischen Brutalität solch verhungerter Existenzen. Die französische Revolution mit ihrer ausgeschrienen fratern!-, über- und egalite, Sozialisteukongresse. Attentate auf gekrönte Häupter, Sardinendosen, Anarchistcnbombe» und der an dem Prä- stdenleii Caruot verübte Mord schwirrte» mir durch den Kopf, während ich dem berühmten rothen Haufe zueilte, das ich schon vor mir durch die Dämmerung schimmern sah. Ich hätte ja gleich umkehren oder einen Seitenweg einschlagen können. Keinesfalls! Ganz gewiß nicht! Man soll sich von den unteren Klaffen nicht terrorisire» lasse»! Das fehlte noch gerade, daß ein ansländig gekleideter, seßhafter Mann, der pünktlich seine Miethe bezahlt, so ohne weiteres vor jedem fchiefhackigen, zerlumpten Lazarus von einem Landstreicher, der die eine Nacht in einem Heuhanfe» schläft, die andere in einem Graben und die dritte Nacht vielleicht überhaupt nicht, einen Seilen- weg einschlagen sollte! Häh! Nein, wenn man wirklich in einer wohlorganisirtcn Gesellschaft lebte, müßte die Obrigkeit, die von uns Stenerzahlcnden erhalten wird, überhaupt nicht gestalten, daß sich diese Burscheu nach Anbruch der Dunkelheit draußen umhertriebcn! Sie müßte sie so gegen vier, fünf Uhr in sicheren Gewahrsam bringen und erst bei Sonnenaufgang wieder frei lassen!... Nim halte ich das Haus erreicht, stand mitten vor der Luke und machte Rechlsunikehrt. Der Bandit war nirgends zu sehen. Ich horchte: Ja, ich ver- nah», dennoch seine schleppenden Schritte. Und da tauchte er schon aus der Dunkelheit empor. Herr des Himmels, wie harmlos er im Grunde aussah! Die Arme halte er bis an die Ellenbogen in die Taschen hinein- gebohrt und er kam mir noch kleiner vor als drinnen in der Stadt. Und wie die Hosen ihm um die dünnen Beine schlotterten! Möchte wohl wissen, ob überhaupt Fleisch und Knoche» in dem Stoffe steckten! Huh, wie ihn friere» mußte! Hätte man nun ein Glas Madeira. oder eine Flasche Chamberlin gehabt, um es in ihn hineinzugießen! Und jetzt be- gann es obendrein noch zu schneien, kleine, feine Eisnadeln... Er humpelte ans seinen niedergetretenen Stiefeln an der Graben- kante entlang, den Rockkragen um die Ohren, und seine stumpf- sinnigen Auge» blinzelten nnS dem blaffen Antlitz hervor. Wind und«dchnee trafen direkt sein Gesickit... Plötzlich durchquerte ich den Weg und schritt ans ihn zu. „Tie sollen Sie haben," sagt? ich und reichte ihm eine Krone, die ich ans der Tasche hervorgeholt hatte—„die sollen Sie haben, weil Sie inich nicht in die Lust gesprengt haben!" Der Bursche' blickte wich mit großen, verständnihlosen Augen an. Aber er streckte doch die Hand ans und nahm das Geldstück. „Ich danke Ihnen, Herr, danke schön!"" murmelte er—„und Gott segne es Ihnen!" „Das wird er schon!" sagte ich, war aber schon in weiter Ferne. Es schnelle heftiger und heftiger»nd ich eilte mit schnelleren s-chritten heimivärls; denn es ist sehr unangenehm, wenn einem sein neuer Pelz naß wird.--- Kleines Feuillekon Eine Obftruktiousrcdc im alten Rom. Die neulich vom Abgeordneten Dr. Lecher im österreichischen Abgeordnetenhanse ge- hallene zwölfstündige Obstruktionsrede hat einen Leser der„Straßb. Post" veranlaßt, die Redaklion auf ein ähnliches Borkomimiiß im grauen Alterthnm aufmerksam zumachen, das beweist, daß die parla- mentarische» Obstruktionswitze so alt sind, wie der Parlamentaris- mus selbst. Dieses Beispiel kiaisischer Obstruktion wird von A n l n s G e l l i u s im Buch 4, Kapitel 10, ij 8 seiner„N o c t c s A 1 1 i c a e" berichtet. Gellins, geboren 180 n Chr., war ein römischer Schrift- steller, der in diesen 20 Bücher starken„Attischen Nächten" be- uierkenswerthe Fälle aus anderen Schrifistellern znsaininengetragen hatte, deren Werke uns zum größten Theil verlöre» gegangen sind; ihm verdanken ivir daher die Keimlniß wichtiger Vorkommnisse aus der Einzelgeschichle und dergleichen Die vorliegende Stelle bat AnIiis Gellius wörtlich ans einem Werke des Alejus Capito, Be- gründers der Sabinianische» Rechtsschule unter Kaiser Nugustns, an- geführt. Sie lautet in der Ucberfctzuiig: Cajus Jnlius Cäsar fragte den Senator Marcus Cato um seine Meinung. Cato wollte indeß nicht, daß die zur Bernlhnng gestellte Angelegenheit be- chlußrcif werde, da sie ihm für den Staat nicht nutz- bringend erschien. Um diese Sache in die Länge zu ziehen, bediente er sich einer Dan er rede und suchte so durch Sprechen die zur Verfügung stehende Tageszeit auszufüllen. Den Senatoren stand nämlich das Recht zu, daß. wenn einer von ihnen um seine Meinung befragt worden war, er vor Stimmabgabe über jede ihm beliebende Sache, so lange er wollte, sprechen konnte Da Cato nun kein Ende machte, rief der Konsul Cäsar den Amtsdiener und ließ den redenden Senator ins Gefängniß abführen. Da erhob sich der ganze Senat und begleitete den Cato ins Gesängniß. Als Cäsar dieses all- geineine Mißfallen bemerkte, gab er nach und ließ den Cato wieder frei.— Theater. Im Berliner Theater wurde am Sonnabend das Lust- spiel von Max Dreyer„In Behandlung" zum ersten Male aufgeführt.— Mit Schauspielen, die nach der Tiefe strebten, hat Dreyer begonnen. Das wußte eine Minderheit sehr wohl ein- znschätzen; aber die breite Menge blieb fern. Bei seinem neuesten Stück dachte sich der Autor: Nun wollen wir stdel fein mit den Fidelen, ohne viel Grübelei und Nachdenklich- teil, und die Menge wiederum hat es ihm mit reichem Beifall gelohnt. Das ist ein altes Kreuz mit dem Publikum. Wie wußte der verbitterte Grillparzer in seiner Einsamkeit darüber zu klagen! Und bei der breiten Entwicklung, dem Konkurrenzkampf in unserem Theaterwesen wurde es»och schlimmer mit dem Publikum. Es liebt den Mann nicht, der ihm ans dem Theater verwickelte, geistige Arbeit zumuthet; und es freut sich doppelt an jedem, der sich zu ihm niederbeugt. So hat es sich auch an der Komödie „In Behandlung" mit vollem Behage» gefreut. Der Scherz ist darin durchsichtig, und was an freierem Menschen- thnm sich in dem Lustspiel regt, das entfernt sich zu weil von de» Anschauungen, die ein leidlich zivilisirter Groß- städter von heute schon begreift. Da fühlt man sich denn doch den armseligen, pommersche» Kleinstädtern, die in Dreyer's Stück das große Wort führen, weit überlegen. Selbst der biederste Besircher des Berliner Theaters, der Bühne für die gnlbürgerliche Familie, wird nicht niehr Pfui! ausrufe», wenn er hört, daß eine Frau die ärztliche Praxis übt. Zlber in dem pommerschen Küstenstadtchen, in dem Frl. Dr. Weigel sich niedergelassen hat, ruft ihre ganze Sippe:„Pfui!" Frl. Weigel wird geächtet, ihre Ehre wird geschändet. Wie ein Auswiirsling wird sie von der Gesellschaft behandelt; und gerade darum empört sich ihr Trohköpfchen. Sie würde im aus- sichlslosen Kmupf wider die Bornirtheil verblute», wäre ihr über- legener Kollege, der Frauenarzt Dr. Wiesner, nicht da. Er liebt das Fräulein und möchte es gewinnen. Er muß sie aber vorsichtig„in Behandlung" nehmen, denn Fräulein Dr. Weigel ist arg verstimmt und besonders empfindlich in bezng auf das, was sie ihre Selbständigkeit nennt. Die Behandlung gelingt. Anfangs gehen Beide eine Scheinehe ein iiud die beiden scheinbar Vermählten entwaffnen die Vorurtbcile der Kleinstädter. Die Patienten laufen ihnen zu. Fräulein Dr. Weigel streift ihre Bitterkeit ab, und so erwacht zum Schluß in ihr die echte Frauenliebe. Aus der scheinbaren Ehe wird innere Gemeinschaft.— Dieser seelische Prozeß vollzieht sich in einem Akt, die Schilderung der bornirtcn Kleinstädter vertheilt sich auf zwei'Akte. Also schon räumlich legte der Verfasser auf die ivohlfeileren Lustspiel-Eleniente mehr Gewicht. Mit der Darstellung war es ähnlich bestellt. Die kleinstädtische Weise war packender veranschaulicht, als das Wesen zweier moderner Naturen, wie Frl. Weigel und Dr. Wiesner sie vorstellen. Frau Wenck als Aufwärterin, Ernst Formcs als braver und trink- barer Schiffskapilä», Marie Caßmann und vor allem Herr Basser- mann in der Rolle eines heuchlerische» Muckers aus der Großstadt Elbing, bildeten ein sehr belustigendes kölnisches Ensemble. Wirksam waren allerdings auch Frau P r a s ch(Dr. Weigel) und Herr S o in n> c r s t o r f f(Dr. Wiesner), jedoch wirksam, wie mau's mit guter Routine erreicht.— Im Thalia-Theater wird jetzt eins jener Londoner Stücke gegeben, die ans Artistenwesen erinnern. Es ist die Posse„Die D r i I l i n g s ni u t t e r",(bie ans deinselben Dünger gewachsen ist, wie Charley's Tante. Die angelsächsische alte Lust an Klownstreichen läßt derartige Possen gedeihen. Nur wird keine Kniistheuchelei damit getrieben; die Schauspieler geberden sich dreist wie die Akrobaten und das Publikum weiß, daß es einer Spezialitätcn-Vor- ftellung beiwohnt. Bei uns soll das alles als„Theater" gelte», und das ist der Widersinn darin. Die Drillingsmutter soll in London schon 600 Mal gegeben worden sein. Bei uns wird ihr kein allzu langes Leben beschieden sein. Der Berliner pflegt zu sagen: Mal was Neues. Also„Charley's Tante" war mal was Neues. Die Wiederholung reizte die Lachlust nicht mehr im alten Maße.— In„Charley's Tante" muß ein Mann in Frauen- inaskerade für den grotesken Clownspaß sorgen. Diesmal ist es umgekehrt. Ein Weib muß in Mäniierkleidern herumtollen: eine Mutter, die ihre drei Töchter gerne verheirathen möchte. Der Vater nämlich weilt seit vielen Jahren fern von den Seinen; aus wissenschaftlicher Narrheit. Das komnit den jungen Männern, die sich um die Töchter bewerben, bedenklich vor, und sie„schnappen ab". Mädchen, von deren Vater man nichts Rechtes weiß! Nun schlüpft die Mnlter in Mäniierkleider und reprüsentirt den Bater. der aber, ebenso wie bei Charkey, die echte Tante, iiiivermuthet wiederkehrt! Derartige Vorstellungen sind kritisch nicht zu behandeln und den Schauspieler kann man bedauern, der zu solchen Kunststücken abgerichtet wirk»? vorausgesetzt, daß er künstlerischen Ehrgeiz hat. Schade, daß ein munteres Soubretten- talent, wie das von Frau Dora, nliiiniehr in die Narrenjacke der Drilliiigsmutlcr gezwängt wird.— — s. Die„Neue freie Volksbühne" gab am Sonntag Hauplmaiin's satirisches Lustspiel„Der Biberpelz". Eine Schnabelweide für Verständige! Rein verstandesmäßig muß der Humor der Haiiptpersonen dieses Stückes erfaßt werden, dieser Humor auf Umwegen, der sich aus den Koiitrastivirkungen der fort- schreitenden Haiidluna ergiebt und dem Zuhörer meist erst nach einer Reflektionsthätigkeil seines Gehirns merkbar wird. Die Charaktere der einzelnen Personen stehen von Anfang an fest. Für den Schauspieler Handell es sich also um_ völlig naives Erfassen oder„Verhauen". Das Erster? gelang den Darstellern der Mutter Wolf'n(Josephine Dora), des Rentier Krüger(Claudius Merten), des Amtsdieners Mitteldorf(Hans Junkermann). Herr Worlitzsch gab den Amlsvorsteher Wehrhahn mit stellenweise leiser und lauter durchbrechender Selbstironie, und das war von Uebel. Dieser Amts- Vorsteher ist vom Dichter ebenso naiv geschaut und gefaßt wie die Wols'n. Die Regie war tadellos bis auf eine Stelle. Der Tumult und das Geschrei in der letzten großen Szene vor dem Amtsoorsteher entsprach nicht dem Orte, an dem sie vor sich ging. So spielt man, wenn man der Gallerie etwas deutlich machen will, in einer Posse oder Farce, in der zum Schlüsse Alle über sich selbst sich lustig machen. Das Hans war bis zum letzten Platze besetzt, und die Zu- schauer zeigten sich von der Vorstellung völlig befriedigt.— Völkerkunde. — Wie die holländischen Dorfschönen gefreit werden. Die niederländischen Dorfbewohner nennen die November- sonntage„Mnsteruiigs"-.„Eiitscheidungs"-.„Anfrage"- und„Ver- lobungS-Sonntag". Aus diesen Bezeichnungen kann man so ziemlich die Bedentiing der wichtigen Tage erkennen. Am Donnerstag vor dem ersten Sonntag im November nimmt in jedem Dorf eine Art Volksfest seinen Anfang; die ganze Landbevölkerung erscheint in ihrem schönsten Staat, tummelt sich zwischen den Buden und Karonssels»nd betheiligt sich an allen Lustbarkeiten. Besonders fröhlich geht es auf dem Tanzboden z», wo aber zu Anfangdes Festes nur wenig von anderen als bereits verheiratheten oder verlobten Paaren der holden Terpsichore gehuldigt wird. Die jungen Mädchen und Burschen, die noch nicht gewählt haben, stehen meist von ferne und sehen zu. Der erste Sonntag bringt schon einige Veränderung. Da spazieren die heirnthslustigen jungen Männer, nachdem der Vor- millagsgottesdieiist vorüber ist, in ganzen Reihen die Dorfstraße auf der einen Seite ans und nieder, während die noch ledigen Jung- fräulein dasselbe auf der gegenüberliegenden Seite thun. Beide Parteien starren sich dann ganz nngenirt an und mustern sich gegen- seilig nach Herzenslust. Gewöhnlich sucht sich ein Bursche zwei oder drei von den schmucken, blühenden Mädchengestalten zur engeren Wahl aus und entscheidet sich zuletzt für die, die seinen höflichen Gruß bei der nächsten Begegnung am freundlichsten erwidert. Zeigen darf er es allerdings erst am nächsten Sonntag, auf wen seine Wahl gefallen ist. Hat die Schöne nichts gegen den Freier einzuwenden, dann tanzt sie mit ihm und erlaubt ihm, ihr zarte Aufiuerksamkeit zu erweisen. Der dritte Sonntag wird dem mehr prosaischen Theil der Angelegenheit geweiht; es gilt die Zustimmung der Eltern zu erlangen und alle Details in beziig ans Hochzeit und Mitgift zu er- ledigen. Erst am vierte» Sonntag ist es dem jungen Pärchen ge- staltet, sich etwas deutlicher ihre Liebe zu bezeige», als nur durch zärtliche Blicke oder einen stummen Händedruck.—(„Post.") 3lns dem.Lllterthuur. — In P a l e st r i» a, dem anliken P r ä» e st e. sind neuer- dings Gräber bloßgelegt, die interessante Funde ergeben haben. Von geringerer Bedeutung sind die große» Sarkophage, denn diese sind nicht selten, aber wichtiger ist, daß einige davon ganz unver- sehrt waren, d. h. all ihre» Inhalt, alles was man dem Tobten initgegeben, bewahrt hatten. Darunter verdient eine Art kleiner Sack ans Lcder, der in Atetallplatte» eingeschlossen war, mit einem in Kelten laufenden Deckel, besondere Anfmerksanikeit; er diente zur Aufbeivahrung von Wohlgerüche». Noch wichtiger sind zwei Nach- bildnngen von Eiern aus Terrakotta, die weiß gesärbt und darüber bunt bemalt sind, wie unsere Ostereier. Nach Aussage der Ausgräber sind derartige Gegenstände schon öfter i» Gräbern ge- flinden worden, aber man hat ihnen keine Beachtung geschenkt; des« halb verdienen die jetzt gefundeneu besondere Hervorhebung, weil sie zum erste» Mal erhalten und wissenschaftlich beobachtet worden sind. Llns dem Thierlebc». — Ein sonderbares Verhalt.? n bei Libelle». das Charles Barrois, Professor der Zoologie zu Lille, früher einmal beobachtete, schildert in eine,» seiner letzten Hefte das„Bulletin de la Sociöte nationale d'Accljmalisation". Mitten im Sevtember sah Barrois längs einer Landstraße, die von Osten»ach Westen ging, große Schaar?» von Libellen, für die allem Anschein nach der Tele- grnphendraht, der sich längs der Straße dahinzog, eine besondere Anziehnugskrafl halte. Die Insekten saßen alle gleichmäßig aus dem Telegraphendraht, den Kopf nach Westen, der Sonne zugerichtet. Von allen Seiten schwärmten»nanfhörlich immer mehr heran, sie schwebten einen Augenblick über den andern und setzten sich dann ebenfalls auf den Draht, den Kopf auch der untergehenden Sonne zugewandt. Waren sie durch den glitzernden Draht, der in den Strahlen der untergehenden Sonne erglänzte, hypnotisirt worden, wie ein Huhn, vor dessen Schnabel man einen Kreidestrich zieht? Merkwürdig war es jeden- falls, daß sich keine Libelle uniniUeibar hinter die andere setzte, wo der Schatten des Thieres dem Draht den Glanz nahm, sondern die Thiere ließen mindestens einen Raum von 10 Zentimetern und mehr zwischen sich, und sonderbarerweise hörte die Anziehungskraft, die der blanke Draht auf sie ausübte, plötzlich dort auf. wo die Straße ein Knie nach Süden machte. Dagegen saß auf einer Strecke von 12 Kilometern, wo sie immer nach Westen ging, der Telegraphen- draht immer mit rund 20 Zentimetern Zwischenraum voll von diesen Thieren, deren Zahl Ch. Barrois auf gut K0 000 berechnete. Verließ eines einmal den Draht, so setzte es sich doch bald einige Meter nach Westen hin wieder darauf.— Geologisches. — Auffindung ein esGletschertopfes. Ans Goslar wird der„Magdeb. Ztg." unterm 10. November geschrieben: Etwa vor 14 Tagen entdeckte der hiesige Lehrer Wilh. Reitenicyer, der sich viel mit geologischen Studien beschäftigt, in dein Steinbruche bei Schlewecke» Harzburg einen ausgeivafchenen Hohlraum in den Kimmeridschichten. Dieser Hohlraum ist unzweifelhaft ein Gletscher- oder Stmdeltopf, ein sicherer Zeuge der Eiszeit in unserer Gegend. Auf dem dekannten Jberge bei Grund, etwa 4 Stunden von hier, befinden sich ebenfalls Gletschertöpfe. Spuren solcher Gletscher- töpfe hat man in jüngster Zeit auch in miserer Gegend, bei Langelsheim, gesunden. In dem Kalksteinbruche am„weißen Stein" bei Schlewecke- Harzbnrg, in dem die Kilnmiridschichten fast senkrecht stehen, ist ein 30 Meter tiefer Gletscherlops frei- gelegt worden. Da der obere Theil wohl 20 Meter der Länge nach zur Hälfte abgesprengt ist. ist man in der Lage, die innere Wandung des Hohlraumes genau in Augenschein nehmen zu können. So ist die abgeschliffene Fläche mit den spiralförmigen Verliesungen, wie solche die Töpfe in dem berühmten Gletschergartc» zu Linz aus- weisen, deutlich zu erkennen. Der untere, noch vollständig erhaltene, ziemlich ö— 7 Meter tiefe Schacht hat eine» ovalen Umfang von 60: 50 Zentimeter. Höchstwahrscheiulich wird der Hohlraum»och tiefer gehen, da die ihn abichließenden Steine bei dem Absprengen hineingefallen sind und ans dem Boden zu liegen scheinen.— Astronomisches. ie. Das Erscheinen des Kometen P o u s-W i n n e ck ei, der im nächsten Jahre in seine größte Sonnennähe tritt, wird von den Astronomen schon in diesem Monat an unserem Himmel er- wartet, wenigstens ist es möglich, daß er in nächster Zeit sichtbar wird, da er jetzt in östlicher Richtung durch den nördlichen Theil des Sternbildes der Jungfrau hindurch geht, welches jetzt in unseren Breiten gut zu beobachten ist. Dr. Hillebrand von der kaiserlichen Sternwarte in Wien, hat soeben alle nöthigen Berechnungen dieses Kometen in den„Astronomischen Nachrichten" veröstentlicht. Dieser Komet wurde zum ersten Male am 12. Juni 1819 von Pons entdeckt. einem französischen Astronomen, der in dem ersten Viertel unseres Jahrhunderts nicht weniger als 37 Kometen auffand. darunter den berühmten Encke'schen Kometen. Damals wurde aber die geschloffene Bahn des Pons'schen Kometen noch nicht bekannt, sondern erst bei seiner Wiederentdcckung durch Winnecke im Jahre 18S8 festgestellt, als dieser Astronom den Lauf des Kometen genau unter- suchte und zeigte, daß die Bahn eine elliptische wäre mit der kurzen Umlaufszeit von etwa 5>/- Jahren. Danach hätte das Gestirn im Jahre 1863 wieder erscheinen müssen, konnte aber nicht beobachtet werden, weil seine Stellung zu ungünstig war, dagegen kehrte es 1869 und 1875 sichtbar wieder. 1330 entzog es sich wiederum der Beobachtung, war dagegen wieder sichtbar in de» Jahren 1336 und 1392. Obgleich die Bah» dieses Kometen den Astronomen aus- gezeichnet bekannt ist, ist man sich doch nicht ganz sicher, ob man ihn in diesem und im nächsten Jahre wieder auffinden könne, da die Sichtbarkeit solcher Gestirne sehr von ihrer Stellung zu Sonne und Erde abhängig ist.— Technisches. t. Altrö mische Ziegel st eine als Gegenstand eines neuen Patents. Altrömische Ziegelsteine von besonderer Eigenart wurden unlängst in dem alten Bath. dem be- rühmten englischen Bade, bei Ausgrabungen unter den Ruinen der Bäder.Aguas solis oder calidae gefunden. Die Reste dieser alt- römischen Bäder wurden 1381 aufgedeckt, die in Rede stehenden Ziegel aber erst kürzlich.. Einer oder zwei dieser Ziegel sind noch ganz erhalten, und' außerdem liegen viele große Stücke sowie Blöcke von Mauerwerk vor. aus denen ersichtlich ist, wie diese Back- steine gebraucht wurden. Durch ihre eigenartige Form erreichten es die römischen Baumeister, flache Bogen aus Ziegelsteinen zu bauen, ohne daß diese durch ihr eigenes Gewicht zusammengestürzt wären. Diese Ziegel haben nämlich an einer Langseite einen großen halb- krcissörmigen Vorspruilg, der in eine ebensolche Vertiesnng des nächsten Ziegels eingreift, außerdem wurden sie leicht keilsörmig geformt, so daß sie innerhalb der Krümmung in senkrechter Stellung genau aneinander paßten. Ein großer Ziegelfabrikant ans London soll sich die Form dieser Ziegel bei einein Besuche in Bath genau abgezeichnet haben und beabsichtigen, ans dieselben ein Patent zu nehmen— gewiß ein merkwürdiger Fall, daß ein technischer Gegen- stand der allen Römer nach so vielen Jahrhunderte» auf dem Patent» markte erscheint.— Hiiinoristisches. — Er ahnte es nicht! In dem Dorfe Jevenbergen erschien der Bauer Pieter de Zotte im Nachmitlagsgottesdienste mit großem weiblichem Gefolge, voran die„weise Frau", welche seinen Jüngst- geborenen zur Taufe trug. Der Pfarrer taufte den Sprößling Adrian, und die Taufe wurde ivie üblich mit Tanz und viel Genever gefeiert. Am anderen Tage stellte sich Pieter wieder beim Pfarrer ein mit der Bitte, seinen„Adrian" gefälligst in— Petronella um- taufen zu wollen, denn das Kind war ein— Mädchen.— — Der Theaterdirektor, wie er sein muß. Der Pariser„Figaro" veröffentlicht folgendes Mot: Ein Agent empfiehlt einem unternehmungslustigen Kapilalisten einen Theater- direktor. Agent:„Das ist der Mann, wie Sie ihn brauchen. Er lebt und stirbt für die Bühne. Er hat das ganze moderne Repertoire gelesen." Der Geld mann(kopfschüttelnd):„Wenn er Stücks liest, wird aus ihm sein Leblag kein richtiger Theaterdireklor werden."— — Unerschrocken. 91.:„Denke Dir, dieser Herr lebt in einem Schloß, in dem Geister spucken sollen."— B.:„Das ist noch garnichls! Ich wohne in einem Hause, in welchem— drei Gerichts- Vollzieher wohnen..."— Vermischtes vom Tage. — An eine amtliche Verleihung der„H o ch z e i t s m e d a i l l e" sei. so meint die„Berl. Corr.", selbstverständlich garnicht gedacht worden. Das ist eine etwas vsrivegene 9lusdrilcksweise. Selbstverständlich? In Deutschland ist heute garnichls selbstver« ständlich. Es gili der Spruch:„Alles fließt".— — 9l u f einem Stein an einer Eiche zu S ch ö» e b e r g bei Berlin steht in Goldbnchstaben zu lesen:„General-Feldmarschall- Prinz.Friedrich-von-Preuße». Eiche".— So berichtet der„Kunst- wart".— — Bei einer Hochzeitsfeier in Petersdorf bei Gleinntz sprang eine Frau, die mit einem der Kränzelherren früher ein Verhältniß unterhalten haben soll, das nicht ohne Folgen ge- blieben ist, an die von dein belreffenden Herrn geführte Dame heran und entriß derselben ihr Bonquet, gleichzeitig ihr als Ersatz dafür ei» Tannenreisig in die Hand drückend mit dem Bemerken:„So, für dieses Bonquet iverde ich Kinderheindchen kaufen!" und ver- schwand hierauf unter höhnischem Gelächter.— — 9luch in N c u- M e d e w i tz bei Wriezen giebt es einen Nachtwächter, der nicht mehr als 10 Mark monatlich bezieht. Und die Bauern meinen, von diesem Gelds könne er sich»och etwas ersparen.— — Im Mühlthal bei Jena wurden zivei Handwerks- b urschen erfroren alifgesunden. In der Nähe von Greiz ist ein Z i e g e l e i« 9l r b e i t e r aus Neumark erfroren.— — Iii, F i ch t e l g e b i r g e hat der Versandt von Weih- n a ch t s b ä» m e n nach Norddeutschland bereits begonneii.— — Humor vor Gericht. In Deggendorf(Bayern) mußte ein Schlächter, weil er seine Zunge zu iveit gehen ließ im Sühnelerniin vor dein Verinittlungsbeaniten Abbitte leisten nnd zu gnnsten der Stadtarincn eine R i n d s z n n g e spendiren.— — Der deutsche Dampfer„ H i l in a Bismarck" ist in der Nähe von Goeteborg von einem englischen Dampfer nbersegclt worden und gleich.darauf gesunken. Die Mannschaft wurde gerettet.— — Ein Zusammenstoß zwischen einem Personen- und e i n e in L a st z u g e hat am Soniiabend bei der Station S k i r n i e w i c e in der Nähe von Warschau stattgefunden. Zwei Schaffner wurden getödlel, mehrere Passagiere schiver verletzt.— — Bei der vor einigen Tagen im Budapest er un gari- scheu Theater erfolgten ersten 9l»ffiihruiig von Hauptinann's „Hannelt" ereignete sich ein heiterer Zwischenfall. Während der tief ergreifeudeii Szene, da Hannelc, die im Glassarge ruht, durch ein Wunder zum Leben erweckt werden soll, äußerte ein kleines, von einem dreijährige» Mädchen dargestelltes Engerl erst mit leiser, dann dreimal mit sehr lauter, im ganzen Theater ver- nehmlicher Elimnie einen natürlichen Wunsch, der unter gewöhnlichen Umständen nichts ans sich gehabt hätte. Im vollbesetzten Hause aber folgte eine stürmische, wiederholt sich erneucrnde Lachjalve, welche die Illusion vernichtete und begreiflicherweise eine Wirkung hervorrief, welche nicht beabsichtigt war.— — c. e. Die sechs Eskimos, die der Nordpolfahrer Peary von seiner jüngsten Grönlandreise nach New Jork mit- gebracht hat, sind dort sämnitlich an Llingenenlzüiidnng bezw. Bron- chitis schiver erkrankt. Die Aerzte halten bisher geglaubt, daß Bronchialleiden in den Polarregionen gar nicht vorkoinmen, dagegen ist schon wiederholt beobachtet worden, daß Eskimos in südlichen Klimaleii in der Regel von Erkrankniigeii der 9Il!iniiingsorgane besalle» werden und zumeist an Liingenschwindsiichl sterben.— Beranlivortlicher Redakteur: August Jacobe» in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.