Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 226. Mittwoch, den 17. November. 1897. (Nachdrnil verdolin.) Vev Vomsn einvv VevMzmövnng. 28 Von A. Ranc. Ins Deutsche übertragen von Marie Kunert. Frage: Wo kommt die Gesellschaft zusammen? Autwort: Ich weiß nicht. Ein Herr kam zu mir und sagte mir, wohin ich gehen sollte. Einmal sagte er zu nur, ich sollte am nächsten Tage eine Stunde lang im Garten des Palais Royal spazieren gehen. Ich bin dorthin ge- gangen. Da ist er mit einem anderen großen Herrn vor mir her gegangen. Sie haben mich augeschen und dann gelacht. Der große Herr sagte mit sonderbarer Betonung:„Gut, treu auf dem Posten!" Darnach kam ein dritter, und sie sagten:„Centurio, Sie können Ihre Leute nach Hause gehen lassen." Ick erinnere mich sehr gut daran. Frage: Können Sie diese Personen wiederfinden? Antwort: Den großen, den mit dem fremdländischen Akzent nicht, auch Herrn Centurio nicht; aber den andern; ich weiß, wohin er des abends geht. Frage: Sie haben nichts weiter zu sagen über die Gesefi schüft? Antwort: Mein Herr, ich schwöre Ihnen, daß man nur nichts weiter gesagt hat. 'Frage: Mag sein; wann haben Sie Paris verlassen? Hat man Ihnen anvertraut, um was es sich handelte? Antwort: Nein, ich sollte in Saint-BenoU warten, bis man mich abholte. trage: Wann kam man? ntwort: Gestern Morgen; es waren die Vier, die mit mir verhaftet worden find. Sie ließen mich in einen Wagen steigen. Ter Führer, den ich schon in Paris gesehen, hat drei oder vier Mal iviederholt, daß es Zeit wäre, los z» gehen. Ich habe gefragt, wohin wir gingen. Er antwortete, daß ich es erfahren würde, wenn wir angekommen wären. Da habe ich gefragt, was wir thun sollten. Er antwortete, daß ich es zur rechlen Zeit sehen würde und daß ich ihn langweilte und ein Unschuldsengel wäre. Da habe ich nichts weiter gesagt. Ich hatte Furcht. Frage: Ist der Name Nochereuil in ihrer Gegenwart von diesen Leuten ausgesprochen worden. Antwort: Nein. Frage: Mau hat ein paar Pistolen und einen Dolch bei Ihnen gefunden. Woher hatten Sie diese Waffen? Antwort: Man gab sie mir in Paris. Alle Mitglieder der Gesellschaft haben solche. Frage: Sind diese Pistolen englisches Fabrikat? Antwort: Ich weiß nicht. Die Antwort lautete beharrlich: Nein. Vorstehendes Verhör»ut seinen Fragen und Antivorten wurde verlesen. Der Angeschuldigte beharrte dabei, daß sie die Wahrheit enthielten,»nd unterzeichnete mit dem oben ge- nannten Gerichtsschreiber zugleich, dem die erwähnlen Dolche und Pistolen anvertraul sind, damit er sie in der Kanzlei des genannten Gerichtshofes dcponire. Gezeichnet: Drault, Ginot, Gsraud. Dies, Herr Minister, ist das Verhör, dem der pp.Gerand unterzogen wurde, in seinem genauen Wortlaut. Dieser Bursche ist offenbar von sehr geringer Intelligenz, unfähig, sich zu vcr- stellen, und es ist ivahrscheinlich, daß er alles gesagt hat, was er weiß. Vielleicht kennt er die Namen eines oder mehrerer seiner Gefährten. In der instinktive» Redlichkeit, welche die Angeklagte» beim Beginn einer Untersuchung zeigen, thut er, als ob er hierüber nichts iveiß, um sie nicht zu kompromittiren. Aber wer einmal den Weg der Geständnisse betreten hat, geht ihn auch bis zu Ende. Ich werde Gerand morgen zum zweiten Male verhören und ihn gewiß zwingen, seine Enthüllungen zu vervollständigen. So unbestimmt auch die Ergebnisse dieses ersten Verhörs sind, so werden Ew. Exzellenz doch benierkeir, daß insolge dieser naiven Geständnisse die Existenz der Gesellschaft von nun an für die�Uiitersuchilng feststeht. Es geht auch daraus hervor, daß in dieser infamen, gegen die Autorität Sr. Majestät des Kaisers gerichteten Verschwörung die Royaliste» wiederum mit den Jakobinern unter einer Decke stecken, ein monströses Bündniß zwischen den Anhängern des Königthums und denen, die es beseitigt haben, eine Koalition, die alle rechtlich denkenden Herzen mit Abscheu erfüllen muß! Und welchen Moment wählen diese Elenden zu ihrer Verschwörung zu einem tödtlichen Stich in den Busen des Vaterlandes? den Augenblick, da alle Kräfte des Auslandes sich vereinigen, um einen großen Mann zu stürzen, den sie aber nicht einnial erschüttern werden, den Augenblick, da barbarische Horden de» heiligen Boden Fraiikreichs bedrohen und überfallen würden, wenn nicht der größte Heerführer aller Zeiten da wäre, um ihnen die unüberschreitbare Schranke seines Genies entgegen« zusetzen. Ew. Exzellenz mögen mir diesen Erguß aufrichtiger patriotischer Entrüstung, den ich nicht zurückzuhalten ver- mochte, gnädigst verzeihen. Ich komme aus das Verhör deS Gvraud zurück. Es wird Ihrem Scharfsinn nicht entgangen sein, daß dieser Mensch, für den ich im Falle der Noth die Nachsicht der kaiserlichen Regierung erbitte, denn er ist mehr mitgeschleppt worden, als selbst schuldig.— daß dieser Mensch erklärt hat, im stände zu sein, einen der Führer der Gesell» schaft, dessen Gewohnheiten er kennt, wieder zu finden. Durch diesen könnte man zweifellos zu den anderen gelangen. Ich erivarte'Ihre Befehle, Herr Minister, um Gvraud eventuell nach Paris zu schicken. Was seine vier Gefährten betrifft, so halte ich sie für entschlossene Leute, und sobald man nicht ihre Identität fest« gestellt hat, ist es schwierig, wenn nicht unmöglich, irgend etwa» aus ihnen heraus zu holen. Gegewärtig habe ich sie in der .Heimsuchung" untergebracht und— wohlverstanden— jeden Berkehr zwischen ihnen und den übrigen Gefangenen, wie Rochereuil und Abbö Georgct untersagt. Kann ich hoffen, Herr Minister, daß Ew. Exzellenz ge« ruhen werden, mein Verhalten in dieser Angelegenheil zu billigen? Meine Fähigkeiten sind vielleicht nur schwach, aber mein Eifer ist ohne Grenzen. Wenn Ew. Exzellenz die große Güte haben würden, meine Ergebenheit und Verehrung zu den Füßen Sr. Majestät niederzulegen, würden Sie die heißesten Wünsche eines Beamten erfüllen, der bereit ist, sich für das Wohl des kaiser« lichen Thrones zu opfern, und der sich nennt den ergebensten und lreueften Ihrer Diener Drault, Untersuchungsrichter. »» Telegraphische Depesche des Generalpolizei-MinisterS. Herrn Drault. Richter in Poiliers: Instruktionen abwarten, die mit nächstem Konrier kommen. Rochereuil und Konsorten streng abgeschlossen halten. * Kaiserliches Generalpolizei-Ministerium. An Herrn Drault, Untersiichuugsrichter. Paris, im Oktober 1813. Se. Exzellenz der Herzog von Rovigo übermitteln Herrn Drault seine Koniplimentr und benachrichtigen ihn, daß sein Vertrauen niißbrancht und sein Eifer irre geleitet wurde. Es hat niemals einen Posamenlierivaaren-Verkäiiser Namens Gvraud gegebe», der in der Passage Sanmoii wohnte. Es hat niemals einen ehemaligen Hoflieferanten Namens Loiseau ge- geben. Schließlich ivarei» alle Auskünfte, die der aiigebliche Gvraud über die Gesellschaft der blauen Brüder gab, an höherer Stelle längst bekannt. Herr Degrange, der durch dringende Geschäfte zurückgehalten ivird, kann erst in einigen Tagen in Poiliers eintreffen. Bis dahin muffen die Ver» dächligen in strengster Abgeschlossenheit gehalten werden. Se. Exzellenz legt Werth darauf, daß Rochereuil vom Tage der Verhaftung ab isolirl worden ist und daß man niemand zu ihm gelassen hat, der ihn hätte benachrichtigen können. Er würde sehr unwillig sein, wenn der Herr Untersuchungsrichter diese Vorsicht iuiterlassen hätte. Bis zur Ankunft des Herr» Degrange möchte Herr Drault nichts unternehmen. Im Austrage des Ministers: Der Kabinetsches Easancra. XIX, Juliette saß auf einem niedrigen Seffel zu Rochereuil's Füßen. Es war etwa 10 Uhr abends. Sie hielt eine Hand Pierre's ui der ihrigen und sagte zu ihm: „Küsse mich noch einmal." Pierre neigte sich zu ihr herab und küßte sie ans die Stirn. Sie fuhr fort: „Du bist so gut, daß Du an Deine kleine Juliette denkst, die Dich liebt und die so sehr leidet, weil sie Dich nicht öfter scheu kann. Aber Du glaubst es ja nicht. Und dann, was geht's Dich auch an? Du denkst nur ail Deine Republik. Ich werde noch eifersüchtig auf sie." „Ich ivciß, daß Du mir ergeben bist, Juliette.. „Ach, das nennst Dn Ergebenheit, Tn!" „Ich fühle auch eine warme Neigung zu Dir; ich bin nirgends ruhiger und glücklicher als in diesem Zimmer." „Ja, ja, ich verstehe schon. Du kommst hierher, nicht weil Tu mich liebst, sondern um Dich auszuruhen." Rochereuil fing an zu lachen. „Mich auszuruhen?" sagte er;„Nein, Juliette, ich ver- sichere Dir, daß ich große Mühe hatte, heute Abend zu Dir zu gelangen. Es war draußen nicht viel Heller als auf dem Grunde eines Brunnens; die Mauern sind außerdem noch immer ziemlich hoch, und die verteufelten Hausbesitzer be- kränzen sie mit Glasscherben und zerbrocheneu Flaschen. Es ist durchaus nicht bequem, da hinüber zu gelangen. Meine Hände sind ganz zerschunden." „Wahrhastig, Du blutest! Hast Dti Dich sehr verletzt?" „Nein..., es ist höchstens eine Schramme." Jilliette stand auf; sie holte einen Streifen feiner Lein- wand, um ihn um Picrre's Hand zu schlingen. Aber vorher preßte sie in einer ungestümen Bewegung ihre Lippen auf die Wunde. Es war, als ivollte sie das Blut daraus saugen. Rochereuil betrachtete sie überrascht. „Keiue Kinderei, Juliette," sagte er.„Setze Dich und höre mir zu, wenn es Dir möglich ist." „Ich werde zuhören, aber unter der Bedingung, daß Du mich dort auf dem Sessel zu Deinen Füßen und meinen Kopf auf Deinen Kuieen läßt. So werde ich zuhören und ganz artig sein." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Der Viesen hnk. Hnnioreske von Richard O'Monroy. I. Vor dein Diner war ich im Mirlilon- Klnb dem Herrn von Chastelnne begegnet, der mir gesagt hatte: „Was sangen Sie denn hent Abend an?" „Nichts, bei der Kälte! Ich werde zu Hanse bleiben und mir hübsch die Füße wärmen." „Da kann ich Ihnen etivas Besseres vorschlagen; einen Fantenil zur Preiilibre von Gandillot's neuem Stück. Ich hatte zwei Plätze bestellt für mich und meinen Schwager; der ist aber geschäftlich verhindert. Wollen Sie mitkommen?" „Abgemacht!" Und so fuhren wir zusammen nach dem Boulevard du Temple. Eine Hundekälte, brr! Wir kamen ins Theater, und ich setzte mich neben meinen Freund i» einen Fantenil. Eben ivollte ich mit dem Opernglas das Publikum Revue passiren, als ich in die Reihe vor mir eine große, schlanke, blonde Dame treten sah, die sich gerade in dem Fauteuill vor mir niederließ. Und dabei bemerkte ich zu meinem Enlsetzen, daß sie auf dem Kopse eine Art Rembrandlhut trug, der vorn niedergeklappt und Hinte» wie ein Gendarmen-Dreispitz aufgekrempt war, nur mit dem Unterschied, daß diese Hintere Hälfte mit allerhand Blumen, Geniüseu, ich glaube sogar mit einigen kleinen Slräuchern sehr splendid garnirt war. Da sie den Hut nach der neuen Mode lief in der Stirn trug, kam natürlich dieser ganze Obstgarten hinten vollends in die Höhe, so daß ich von der Bühne auch nicht mehr das geringste sehen konnte. Das Zeichen zum Anfang wird gegeben; der Borhang geht i» die Höhe, und es beginnen die„Beiden' Assozies", gespielt von Hur- teanx und Matrat, aber— ivohlverstanden— sehe» kann ich sie nicht, nur hören. Auf die Gefahr hin, mir eine Genickstarre zuzuziehen, beuge ich mich bald nach rechts, bald nach links. Doch ich hatte ohne die Ballonärmel meiner Blondine gerechnet, zivci richtige Balloncaptifs aus aufgeblähter Seide, die die beiden Ecken rechts und links, meine letzte Hoffnung, vollständig aus- füllten. „Teufel!" sage ich mit halblauter Stimme zu Chastclune,„der Hut da vorn ist recht störend!" Die Dame hört das, dreht sich halb um, betrachtet mich mit äußerster Verachtung, zuckt die Achseln, wobei die beiden Ballons majestätisch in die Höhe stiegen, und lächelt spöttisch. Gleichzeitig richtet sie sich in ihrem Fauteuil auf, reckt sich, und es gelingt ihr, durch dieses gymnastische Manöver den Obstgarten noch um einige Zentimeter höher zu heben. Zu meinein Freunde gewendet, fahre ich fori: „Na! Ich hätie doch wohl besser gethan, mir zu Hause die Füße zir wärmen, was? Von dem Stück hätte ich dabei genau ebenso viel gesehen, wie hier!" Abermals dreht sich die Dame um und schickt mir das ironischste Lächeln von der Well zn. Das ist die Herausforderung in optima, korma. und verlangt eine Lektion. Ich füge mich also zunächst mit Geduld in mein Schicksal... E- kommt mir vor, als säße ich vor einem Theatrophon. Ich Köre, aber ich sehe nichts. Ich komme mir vor. wie ein Blinder, den man ins Tbeater geführt hat. Mit einem Wort,— ein ziemlich gemischter Genuß! Euvlich ging der erste Akt unter lautem Beifall zu Ende. Alle Welt schien sich famcs zu ainüsirc», alle Welt, nur i ch nicht!... Und die Dame hatte mich inzwischen von neuem mit ihrem perfiden Lächeln angestarrt. Um so höhnischer war dieses Lachen, als sie vor sich einen kleinen Menschen mit verwachsenen Schultern zn sitzen hatte, über den sie bequem hinweg sah. Ich betrachte diesen kleinen Menschen: zerdrücktes Jacket, Zweifel- hafte Wäsche; der geborene Freiberger. Ich ziehe ihn in einen Winkel und sage zu ihm mit leiser Stimme: „Mein Herr, ich hätte ein ganz besonderes Interesse, Ihren Faulenil Nr. 4S einzunehmen; wollen Sie mir gestatten, Ihnen den Platz für zwanzig Franks abzukaufen? Ich werde Ihnen dafür den ineinigen, Nr. 92, überlassen, der allerdings etwas weniger gut ist!" Das Gesicht des kleinen Mannes verklärt sich. Er steckt meinen Louis glückselig in die Tasche und sagt: „Mein Herr, Sie sind außerordentlich liebenswürdig und ich nehme Ihren Vorschlag mit dem größlen Berguüge» a»!" II. Nun war ich also glücklicher Besitzer des Fantcnils Nr. 48! Mein erster Gedanke war, mich dort niederzulassen und meinen Hut ans dem Kopse zu behalten; aber ich überlegte, daß diese Knud- qebnng vom Pnbliknm mißverstanden und als Mißachtung für die Künstler gedeutet werden könnte. Plötzlich kam mir eine tolle, aber ruppige Idee— wie gesagt, genial, aber ruppig! Ich verließ das Theater und ging den Boulevard ein Stück hinunter, bis ich eine Modistin gefunden habe. Es war gerade an der Ecke der Rue Böranger noch ein Laden ans. Ich trat ein nnd bal die Verkäuferin, mir das riesigste, auffallendste, pyramidalste Exemplar eines Hutes, das sie ans Lager habe, vorzulegen. Sie öffnete einen Schrank»nd holte ein wahres Monuinent aus schwarzem Filz mit einer riesigen Saniiuetschleif« hervor; ans diesem Band prangte zum Uebaflnß noch ei» Puff von drei sehr hohen Federn! Ich erstand den Hut: nur sechzig Franks— rein geschenkt! Dann ließ ich ihn einpacken und kehrte ins Theater zurück. Zur Bestürzung Chasteknne's, der über mein Ver- schwinde» ganz außer sich war, setzte ich mich auf Nr. 43 vor die Dame, die sich etwas unruhig hin nnd her beivegte. Dann holte ich meinen Revanchehut aus seiner Hülle hervor nnd setzte ihn mir auf den Kops. Ich weib nicht, wie ich mich mit meinem langen Schnurrbart unter diesem Kopfschinnck ausgenommen habe; aber gewiß hätte eine Bombe, wäre sie ins Parket eingeschlagen, keine größere Wirkung erzielt. Man schrie, man lachte, man tobte, man trampelte, man stieg auf die Bänke, um mich bester sehen zn können. Die meisten Herren verstanden sofort den synibolischen Sinn meines Protestes und schrieen:„Bravo!"„Er hat recht!"„Bravo!" während Chastelnne mir sehr ärgerlich zurief:„Mensch, Sie sind ja verrückt!" Ich aber blieb inmitten des Sturmes, den ich entfesselt hatte. unbeweglich und begnügte mich damit, von Zeit zn Zeit die Dame hinter mir verächllich über die Schulter anzusehen. Unglücklicherweise war die Fortsetzmig der Vorstellung lintcr solchen Umständen unmöglich. Was zn fürchten war, blieb nicht aus. Zwei Polizisten drangen in den Zuschauerraum und baten mich sehr höflich, diesem geist- reichen Scherz ein Ende zn machen. „Sagen Sie Madame," erwiderte ich mit Würde.„daß ich meinen Hut abnehme» werde, sobald sie den ihre» abge- noinmen hat!" Diese Antwort weckte den Enthusiasmus von feiten der Männer, bestige Schmähungen von feiten der Frauen, nnd in- mitten dieses Tohubohn wurde ich mit»»einen» Riesenhut hoch- gehoben und von den beiden Polizisten ins Foyer getragen,>vo man mir gegen das ausdrückliche Versprechen, meine Maskerade nicht zn wiederholen, ineine Freiheit»viedergab. III. Die Dame mit dem Obstgarten sollte also trinmphiren! Das ivar unerhört! Trostlos! Was lhun? Wüthend stand ich im Foyer, da fiel plötzlich»»ein Blick ans eine kleine Arbeiterin, die sich eben auf die obere Galerie begebe» wollte. Sie trug nur einen einfachci» kleinen Strohhut aus den» Kopfe,»var aber mit ihrem Stilnipsnäschen, ihren lachende» Auge» und ihrer blonden Tolle über der Stirn sehr niedlich. Ich ries sie an, bat sie höflich um Gehör und sagte: „Mein Fräulein, wollen Sie mir gestatten, Ihnen eine» gm»? neuen Hut anzubieten, den ich für drei Louis vor einer Viertelstunde erst gekauft habe?" Dabei enthüllte ich mein Monument, bei dessen Anblick die Kleine in Ekstase gerieth. .Und was muß ich dafür thun?" fragte sie. „Weniger als nichts! Zuerst sollen Sie ihn sich auf den Kopf und dann sich selbst in den Fauteuil Nr. 43 setzen!" Die Verhandlung dauerte gar nicht lange. In zwei Minuten war der einfache Strohwisch durch meine» Niesenhut, der übrigens brillant saß, ersetzt, und die Kleine huschte behend ins Parket, nachdem sie sich ihre Löckcheu vor dem Foyerspiegel zurecht gemacht hatte. Die Freude des Publikums, als es meinen Hut auf einem weib- lichen Kopfe wieder anflaucheu sah, war einfach unbeschreiblich. Man hielt sich die Seiten vor Lachen. Und diesmal hatte die Polizei nichts zu sage»! Ich war auf die Gallerie gestiegen, um mich des Anblicks zu erfreuen, und war wirklich gerächt! Die Dame sah gar nichis mehr und diente allen Operngläsern des Theaters als Zielscheibe. Sie wollte sich nun auch wie ich nach rechts oder links beugen, aber sie mußte schließlich auf den Kampf verzichten und unter donnerndem Applaus das Theater verlassen. Endlich war ich Herr des Schlachtfeldes!.«, Mleinvs Ilenilletan. o-cl. Von der Straße. Der Kohlen zu g. Die Straße zieht sich durch die«införmigen Häuser wie ein Hohlweg. Nirgends mehr leuchtet ein Licht aus de» vielen Fenster», die Häuser liegen todt und starr im weißliche» Licht des vollen Mondes, der gerade über der Straße steht, sodaß kein breiter Schatten die nächtlichen Wanderer einhüllt. Der Mondschein ist so stark, daß selbst die Gas- laternen schlanke Schalten aus das helle Pflaster werfen. Durch die graue Häuserreihe, die im Mondlicht beller wie anr Tage erscheint, schlürft langsam mit schwerem, müden Gange der Nachtwächter, der den Kragen vor den Stößen des kühlen Nachtwindes hochgeschlagen hat. Ab und zu nur unterbricht er mit den, Klappern der Schlüssel, das mau durch die ganze Straße hört, die nächtliche Stille. Am Ende der Straße tauchen plötzlich Lichter auf, ein Pusten und Zische» nähert sich, das von einem fortwährenden Geklingel übertönt wird. Etwas Schwarzes wälzt sich heran, über dem eine grau- braune Liauchmähne flattert, in der ab und zu ein rother Feuer- schein aufleuchtet. Es rollt und rottert näher. Im Lichtschein zweier greller Lampen, die vorn von der Brust des schwarze» Nnthieres leuchte», schreiten zwei Männer. In der einen Hand tragen sie eine kleine Lampe, i» der andern Hand halten sie an einem Holzstiel eine Klingel, die sie unaufhörlich aus und Nieder bewegen. Es sind gebückte, bärtige Gestalten in schmierigen, schwarzen Kleidern; sie scheinen zu der Lokomotive zn gehören, die wenige Schritte hinter ihnen, das Pflaster erschütternd heranrollt. denn so mechanisch und gleichmäßig, wie sich die Maschine vorwärts bewegt, erheben sie ihre Klingel und lassen sie wieder fallen. Die Töne solle» warnen— und doch ist niemand ans der Straße, der gewarnt werden müßte. Nur der Nachtivächter steht an der Bord- schwelle und blinzelt mit kleinen Augen hinüber nach dem Eisenbahn- z»g. Aber die Arme der Männer werde» von der Vorschrift bewegt, die sie ebenso unsichtbar und doch so sicher regiert, wie der Hebel in der Hand des Lokomotivführers die Umdrehungen der Räder. Der Zug rollt vorbei. Auf de» niedrigen Kohlenwagen leuchten die weißbespritzlen ikohle» auf. Das Zischen und Pusten eulsernt sich — aber durch die wieder wachsende Stille trägt der Nachlwind noch die grellen Töne von dein Läuten der beiden Männer. Man glaubt sie»och lange z» sehe», wie sie. ein Stück der Maschine, im Takte die Füße vorwärts setzen und klingeln— klingeln-- — Ter Teufel in» Bügclrock in der Stephan ikirche zn Goslar am Harz. Im Jahre 1719 fand sich der hochweise Rath der freien'Reichsstadt Goslar veranlaßt, eine wohl ganz einzig da- stehende Verfügung zu erlassen. Durch den Reinertrag einer Lotterie war es nämlich dem Pastor Trautmann gelungen, eine Renovation der Stephanikirche zu bewerkstelligen. Zugleich ließ er auch an den Tbürc» der Kirchenstühle Szenen aus der biblischen Geschichte malen. Ten Satan stellte der Maler in einem Bügelrocke— das Tragen des Bügelrockes war bei den Frauen damals Sitte— dar, und zwar gerade am Eingange bei der kleinen Kirchenthür. Der Rath zu Goslar, dem über das Anstoß-errcgende dieses Bildes Beschwerden zugegangen waren, wünschte, daß Beelzebub entweder gänzlich aus« gelöscht werden oder wenigstens eine andere Kleidung bekommen sollte, weshalb er folgende Verfügung erließ:„.A.oUm Gloslariae in arctidn Senat» 13. Nov. 1719. Als vorkommen, wie der in der St. Stephanikirche bisher gemachten Malerei halber, absonderlich, daß der Satan gar unbedachtsam und in einem besonderen Habite abgemalet allerhand Inconvenienzien daher schon entstanden; so ist dem Rathsdiener anbefohlen, dem Maler anzudeuten, bei Verlust seiner Bürgerschaft den Satan auszulöschen, und, wann er da stehen sollte, es. bei dem ordentlichen, anderwärts üblichen Haditn bewenden gelassen werde."—(„Ntedersachsen.") Kunst. — Eine V ö ck l i n- A u s st e l l u n g soll vom I. Dezember bis zum IS. Januar in den Räumen der Akademie der K ü» st e, Unter den Linden 33, stattfinden. Sie»vird gegen 100 Gemälde, Skizzen und Zeichnungen des Meisters und einige hnudert zum theil ivenig bekannte Reproduktionen seiner Werke enthalten.—- Erzieh«,»g und Unterricht. — Ein preußischer S ch n l p a l a st, der demnächst unter den Hammer kommen soll, befindet sich in dem Dorfe L a u t h in der Nähe von Königsberg. Seine» Werth habe» die Hausväter der Schnlgemeinde auf 200 M. geschätzt. Das alte Gebäude wurde seinerzeit in Lebm aufgeführt. Die Wände sind größtentheils buckelig und die Fenster ivindschief geworden. Die Fensterköpse und Rahmen sind verfault, einzelue hat man durch neue ersetzt. Die einzelnen Rahmen weisen große und kleine Scheiben in buntem Ge- misch auf. I» dem erste» Klassenzimmer sind die Balken zum thei! ganz abgefault und vom Holzschwamm befallen, der die Schultafel nicht selten mit rötlichen Sporen wie mit feinem Sand überstreut. Die Klassendecke stürzte während der Sommerferien des ver- gangenen Jahres ein und mußte erneuert werden. Auch sie ist schon wieder vom Holzschwam», befallen. Im zweiten Klassen- zimmer ist die alte Lehmdccke gleichfalls theilweise herabgestürzt und durch einen Brctterbelag nothdürslig reparirt. Jeder, der diesen „Schulpalast" in Augenschein nimmt, wünscht ihm einen baldigen Untergang. Archäologisches. — Zu in Schutze des Parthenons. Die griechische archäologische Gesellschaft wird noch in diesem Winter mit den Arbeiten beginnen, um dem weiteren Versall des Parthenons vor- zndengen. Soll jedoch die Ausbesserung alle-durch- die verschiedenen Zerstörungen verursachten Schäden- ausgleichen und die Dauer- haftigkeit des gewaltigen Bauwerkes für ein- weiteres Jahr- hundert gewährleiste», so dürfte- hierzu eine Summe von etwa 2 Millionen Mark erforderlich fein. Die englische Gefellschaft, welche die Marmorbrüche des Pentelikon gepachtet hat, er- bietet sich nun zwar, einen Theil der Marmorblöcke unentgeltlich zu liefern, doch würde ohne eine unmittelbare Unter- stützung des Werkes durch ausländische wissenschaftliche Gesellschaften bei der gegenwärtigen traurigen Lage Griechenlands das Unter- nehme» kaum zu Ende geführt werden können. Es haben daher die in Athen bestehenden vier archäologischen Gesellschaften(Deutsch- lands, Frankreichs. Englands und- Nordamerika's) der-griechische» Gesellschaft versprochen, bei ihren bezüglichem Regiernngen und anderen Körperfchaste» um eine Unterstntzmig- der Erneuerungs- arbeilen am Parthenon nachzusuchen.-- Medizinisches. K. Die Gefahr der Chloroform- und Aether« narkose wird in neuerer Zeit immer mehr betont. In der so- eben erschienenen Nummer der„Therapeutischen Monatshefte" er- greift zur Narkotisirungsfrage Stabsarzt Radestock(Dresden) das Wort,»nd seine Ausführungen sind nicht allein für die medizinische Welt von Interesse, da die Meinungen der Aerzte über die beste Rar- kotisirungsmethode noch stark auseinandergehen; auch für das große Publikum muß eine Aufklärung nach dieser Richtung hin von Jnter- esse sein, da viele Menschen alljährlich in die Lage kommen, sich narkotisiren lassen zu müsse», und es für diese von Wichtigkeit ist, zu erfahren, daß sie namentlich bestimmte Krankheitssymptome oder Störungen nicht verschweigen dürfen. Der Berliner Chirurg, Pros. Gurlt, hat eine Statistik aufgestellt, nach der auf 2039 Narkotisirungen ein Todessall kommt. Die Gefahr der C h l o r o f o r m n a r k o s e beruht aber nicht allein darauf, daß i» der Narkose Herzlähmung und dadurch der Tod eintreten kann, die Chloroformnarkose kann auch, woraus neuerdings Dr. Bandler aufmerksam gemacht hat. unter Umständen eine akute Verfettung der innere» Organe, nament- lich der Leber, hervorrufen. Diese Vergiftungscrscheinniigcn führen nach 4—10 Tagen zum Tode, und man hat lange Zeit ihren Zusammenhang mit der Narkose nicht erkannt. Daher warnt Dr. Bandler, bei solchen Menschen die Chloroformnarkose in An» wendung zu bringe», die eine nicht ganz gesunde Leber haben, und sei es auch nur eine Leberstauung, eine Fettleber, einen Magen- katarrh mit Leberstanungserscheinungen. Auch vorhergegangene starke Blutverluste können leicht zur Ursache einer Leberverfettung nach einer Chloroformnarkose werden. Der letztere Umstand ist namentlich für Kriegschirurgeu undFrauenärzte von Bedeutung. Fehlen der A e t h e r» a r k o s e manche der nnangeuehmen Eigenschaften der Cloroformnarkose, so ist sie doch namentlich für Lungenkranke ge- jährlich, und die große Menge des verdampfenden Aethers erzeugt eine nicht zu unterschätzende Feuergefährlichkeit. Eine Narkotisirungs- Methode, welche der unangenehmen Eigenschaften der Cloroform- und Aethernarkose entbehrt, ist diejenige mit einer Mischung von C l o r o s o r m und Aether. Diese sogenannte„österreichische" Mischung besteht aus �/s Gewichtstheile» Cloroform und 3/ä Gewichts- theilen Aether. Die Statistik Professor Gurlt's, die derselbe für die Jahre 1L9S— 97 aufgestellt hat. ergiebt, daß diese Mischung bei weitem die gefahrloseste ist. Auch gewisse unangenehme Begleit. erscheinungen, wie Erbrechen, das ost nach der Cloroform- narkose auftritt, bleiben bei Anwendung dieser österreichischen Mischung ans, weshalb Stabsarzt Radestock dieselbe den Aerztcn aus das wärmste empfiehlt.— Aus de«. Thierlebe». — Ein Ort ohne Sperlinge. Rechtsanwalt Kollibay in Neisse veröffentlicht im„Ornitholog. Jahrbuche" eine Abhandlung über die von ihm im Mähris ch-fchlesischen Gesenke veranstalteten ornitholviiifchen Forschnnge» Er theill unter anderem mit, daß in dem 753 Meter hoch gelegenen Dorfe Reih wiesen, Bezirk Frei' Waldau in Oesterreich-Schlesien, trotzdem hier Getreide gebaut wird, der Sperling nicht vorkommt.— Technisches. — Nach einer Veröffentlichung des französischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten über die Eisenbahnen Europas waren Ende 139 6 in Europa 256 493 Kilometer Eisenbahnen in Betrieb, d. i. eine Zunahme von 5072 Kilometer oder 2 pCt. gegen Ende 1395. Die größte Zunahme wies Oesterreich-Ungarn auf, nänilrch ISCK) Kilometer, wovon B04 Kilometer auf Oesterreich und 996 Kilometer aus Ungarn entfalle». Nachher kommt Deiiischland mit 935 Kilometer, wovon 624 auf Preuße» kommen, dann Rußland 395 Kilometer, aber ohne die Transkaukasische Bahn(1613 Kilo- Nieter) und die Transsibirische Bahn(3938 Kilometer), wovon die Hälfte eröffnet war. Bergleichsiveise mit seinem Ländergebiet hat in Europa Belgien die meisten Eisenbahnen. 1969 per IlXIV Quadrat« Kilometer, dann Großbritannien 1099, Deutschland und die Nieder- lande 389, die Schweiz 879, Frankreich 779. Die Gesammtlänge des Eisenbahnnetzes der einzelnen Länder war die folgende: Staaten Deutschland, Oesterreich-Ungarn...... Belgien.......... Dänemark......... Spanien......... Frankreich......... Großbritannien und Irland., Griechenland........ Italien.......... Niederlande Luxemburg Portugal......... Rumänien Rußland......... Finnland......... Serbien Schweden........, Norwegen......... Schweiz.......... Türkei, Bulgarien und Numelien Inseln Malta, Jersey und Man 251421 256 493 5 972 Astronomisches. t. DieEntfernung des großen Bären von der Erde. Es gehört zu den ailerschwierigsten Aufgaben der Astronomie, die Entfernung von Fixsternen von der Erde oder, was dabei fast dasselbe zu bedeuten hat, von dem Sonnensystem zu bestimmen. Jede neue Bestimmung dieser Art ist daher als ein bedeutendes Er> eigniß in der Wissenschast zu betrachten, um so mehr, iven» es sich um so bekannte Fixsterne handelt wie um die des große» Bären. Es ist bereits seit einer Reihe von Jahre» für die Astronome» kaum ein Zweifel mehr, daß 5 von de» 6 hellen Sternen, welche dieses Sternbild zusamniensetze», trotz ihres großen Abstandes von ein- ander, zu einem System gehören, d. h. eine gemeinsame Beivegung im Weltenraum besitzen. Es hat nun in dem letzten Hefte der „Astronomischen Nachrichten" Höffler eine Berechnung der Eni- sernung dieser Stern« von unserem Soniiensystem versucht und ist auch zu einem greisbaren Ergebniß gelangt, welches nicht nur durch verschiedene Umstände besonders bestätigt wird, fondern auch für die Astronoinie eine Neuigkeit von ganz außer- ordentlichem Interesse darstellt. Die Entfernung von Fixsterne» wird in der Weise bestimmt, daß man die Verschiebung ihres Ortes an unserem Himmel, d. h. ihre Bewegung im Verhältniß zu der Bewegung des Somieusystems ststfielll, was bisher nur bei sehr wenigen Sternen gelungen ist. Höffler hat nun unter der Annahme, daß die erwähnten sechs Sterne des Großen Bären sämmtlich eine Beivegung in gleicher Richtung haben, ermittelt, daß d>e Ge- schivindigkert dieser Sterne in bezug aus die Bewegung unserer Sonne etwa 9�/s Erdbahn-Radien pro Jahr beträgt, daß also diese Sterne eine Strecke wie die von der Erde zur Sonne(29 Millionen Meilen) 9>/2 mal i» jedem Jahre zurücklegen. Trotz dieser fabel- hasten jährlichen Geschwindigkeit von 19u Millionen Meilen erscheint uns die Bewegung dieser Sterne an unsere», Himmel nur als eine außerordentlich geringe Veränderung, die überhaupt nur in langen Zeiträumen wahrgeiiommen werden kann; das ist nur möglich, wenn die Euljernung dieser Fixsterne von uns«ine ganz außerordentlich große ist, wie man sie nach der Helligkeit dieser Sterne, die bekanntlich zu den größten unseres nördlichen Himmels gehören, garnichl vermuthe» sollte. In der That hat Höffler die Entfernung dieser Sterne vom Soniiensystem ans 12s/z Millionen Erdbahn-Radien berechnet, ivelcher Werth in Meile» ausgedrückt einer Zahl eiitsprichl, die hinter den Ziffern 25 noch 13 Nullen besitzt. Das Licht braucht 299 Jahre, um diese Eilt- sernung von den Sternen des großen Bären bis auf die Erde zurück- zulegen. Falls diese Sterne am Anfange des vorigen Jahrhunderts zu gründe gegangen wären, so würden wir sie heute trotzdem noch an unserem Himmel sehen, weil wir 299 Jahre altes Licht von diese» Sterne» empfangen. Auch der Abstand dieser Sterne von einander ist ein ganz außerordentlich großer, z. B. sind die beiden Sterne ß und Z des Sternbildes 14 mal soweit von einander ent- fernt, als der nächste Fixstern von unserer Sonne entfernt ist. Es erscheint danach garnicht mehr begreiflich, durch welche Kraft zwei soweit von einander entfernte Sterne in einer gemein- samen Bewegung erhalten werden sollten. Die Größe und Leucht- kraft der Fixsterne des großen Bären muß eine geradezu fabelhaste sein, wenn wir sie trotz der enormen Entfernung mit solchem Glänze an unserem Abendhimmel leuchte» sehen. Höffler berechnet, daß z. B. der Stern e des größe» Bären 49 mal soviel Licht aussenden muß als der Sirius, der hellste Fixstern unseres Himmels. Der amerikanische Astronom Pickering hat übrigens für die Masse eines dieser Sterne ein Minimum berechnet, das die Masse unserer Sonn» 49 mal übertrifft.— Humoristisches. d. g. Nächstenliebe. Gutsbesitzer von A. zum Gutsbesitzer von B.:„Haben schon gehört. Herr Baron? Komtess' Loni hat schon ivieder mal neue Passion. Legt sich aus Gänsezucht."— Baron B.:„Reine Nächstenliebe!"— — Ein P a r t i k>t l a r i st. 91.:„Also, Sie sind kein Liberaler und kein Ultramontaner, kein Sozialdemokrat sind Sie auch nicht, >vas sind Sie denn eigentlich?" B.:„Wisseir's was, i bin a Münchner, und dös is Sach' gnua!"—(„Simplieisstmus") — Herbst-Verse. In den Weingegenden am gibein werden zur Lesezeit häufig folgende. durch die Umstellung der Hauptwörter charakteristische Verse hergesagt: „Borig' Jahr im Handschuh, Verlor ich meinen Herbst; Da ging ich drei Tage finden, Eh' ich ihn suchen konnte. Da kam ich a» einen Guck, Da locht' ich hinein, Da saßen drei Stühle auf ihren Herren, Da that ich meine» Tag ab Und sagte: Gute» Hut, meine Herren, Gebt mir ein Glas Durst, Uni meinen Wein zu stillen." Vermischtes vom Tage. — Ein zehnjähriges Mädchen hat sich in Kiel in der Schwentine ertränkt, an derselben Stelle, an der vor einem Jahre seine Muiter in de» Tod gegangen. Grund: Mißhandlungen von seile» des Vaters und der Pflegemutter. — S e l b st v e r st ü ni u» e l u n g. Um sich dem Dienste mit der Waffe zu entziehe», hat sich in N e i s s e ein Soldat mit einer Scheere das erste Glied sämmtlicher Finger der linken Hand voll- ständig abgeschnilte».— — Ein Steinadler wurde am 19. d. M. auf der Feldmark Münchhof bei Münsterderg(Schlesien) erlegt. Er klafterte 2,29 Meter.— — 9luf dem Bahnhof in L a u s ch a riß beim Rangiren ein Gülerivagen die Ecke des Stationsgebäudes Iveg und drang in das Bureau ein. Da die meisten Beamten schon zum Mittagessen gegangen ivaren, ist außer dem Materialschaden kein anderes Ungliick vorgekonunen.— — In Döbeln hat ein Fabrikant seine Schwägerin mit einem Hammer erschlage», seinen Schwager schwer verletzt und sich dann erhängt.— — In M ü»che» ist der Kulturhistoriker Riehl gestorben. Riehl war sehr vielseitig. I» seiner Jngend war er Journalist, Novellist und Musik-Schriftsteller, späwr wurde er Prosessor in München und Direktor des dayerische» Nalion-ilmuseums. Als sein Hanptiverk gilt die„Natnrgescdichte des Volks". Seine„Kultur- geschichlliche» Novellen" werde» heute noch gelesen.— — In K o iv» o ivurde in einer Menagerie ein junger Thier- bändiger während der Vorstellung von einem Tiger zer« s l e« s ch t. Unter dem Publikum brach eine Panik anS, achi Personen wurden erdrückt, mehrere schwer verwundet.— — Venedig soll durch eine Brücke für Fußgänger und Wagenverkehr mit dem Festlande verbunden werden. Bisher war die Lagunenstadt mit dem Festlande nur durch vre 1846 voll- endete Eisenbabnt'rncke von 3699 Meier Länge verbtinden, auf der aber jeder andere Verkehr ausgeschlosse» war.— — Ei» verkaufter Ehemann. Anfaiig Oktober wurde in St. L o u i s(Nordamerika) ein Slrabenbahn-Koildukteur, namenS Truitt, für 4990 Dollars von seiner Frau an eine Frau Slepheiis verkauft, die sich i» ihn verliebt hatte. Er selbst ist mit dem Handel zufrieoe». Das bisherige Ehepaar hatte vier Kinder.— — D i e P e st in P o o» a(Vorderiiidien) hält an. Während 43 Slundeii sind 134 Erkrankungen und 94 Todesfälle vorgekommen. Auch aus de» benachbarten Distriklen werden viele Pestsälle gemeldet. In den Hospitäler» der Stadl Poona liege» etwa 639 an der Pest erkrankte Personen Die Stadl ist fast völlig verlaffen.— Verantwortlicher Redakteur: August Jnrobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading i» Berlin.