Hlnterhaltmigsblatt des vorwärts Nr. 228. Sonntag, den 21. November. 1897. «Nachdrutt vsrbolen.) Dev Noinnn rinov Vevsiszuiimmg. 30 Von A. N a n c. Ins Deutsche übertragen von Marie K u n e r t. XXI. Die Völkerschlacht bei Leipzig war geschlagen, die fran- zösische Armee auf der Flucht. In dem ersten Augenblick, als die äußerste Vorhut der fliehenden französischen Armee in Erfurt ankam, fuhr ein von fünf Männern besetzter Wagen von der entgegengesetzten Seite ein. Es waren Rochereuil, Abbs Georget und ihre Freunde. Sie hatten einander einige Meilen vor Erfurt getroffen, denn sie hatten verschiedene Neisewege gewählt. Rochereuil über Trier, Koblenz und Gießen, der Abbe über Mainz und Frankfurt. In Erfurt erfuhren sie einige Einzelheiten über die Schlacht. Sie hörten, daß die Trünuner der Armee sich ans die Stadt zu bewegten, um sich dort zusammen zu schließen. Sie fragten, wo der Kaiser wäre. Man wußte es nicht. Wo das Korps des Marschalls H... wäre.... Ein Soldat, für den sie Branntwein kommen ließen, sagte ihnen, daß dieses Korps sich— fast ganz aufgerieben— noch in der Gegend von Weißenfels befinden müsse. Rochereuil war voller Sorgen; leise sagte er zu dem Abbe: „Michel hatte recht; wir haben zu lange gezögert. Wer weiß, ob diese Niederlage nicht alles ändert? Wie sollen wir uns inmitten dieses Wirrwarrs zurecht finden? Was thun? Hier warten? Oder Philopoemcn suchen? Ach, ich habe kein Zutrauen niehr. Bevor die Feindseligkeiten wieder auf- genommen wurden, während des Waffenstillstands mußten wir handeln. Schließlich können wir nun aber die Lage nicht mehr ändern. Wir wollen wenigstens das beste noch aus ihr heraus- ziehen. Was ist Ihre Meinung, meine Herren?" Tie fünf Freunde bcricthen, und nach einer lebhasten Diskussion kamen sie überein, daß sie versuchen müßten, nach Weißenfels zu kommen. Vor allem war es unerläßlich, Philopoemcn oder Tecius aufzufinden, um sich mit ihnen ins Einvernehmen zu setzen. Philopoemcn und Tecius waren unter ihren wahren Namen in der Armee sehr bekannt. Ein Gcneralstabsoffizier, der im schnellsten Galopp in Erfurt an- kam, wurde von Rochereuil befragt und antwortete, er glaube nicht, daß die beiden gefallen wären. Noch zwei Stunden nach der Niederlage habe er Philopoemcn in Lindenau gesehen. „Mein Herr," sagte Rochereuil, wir haben einen Brief für den Marschall H.. Es handelt sich um eine Familien- angelegenheit, die keinen Ausschub duldet. Können Sie uns genau augeben, in welcher Gegend er sich mit seinem Armee- korps befindet? „Sein Armeekorps? Sie scherzen wohl. Es giebt kein Armeekorps des Marschalls H.. mehr. Und mit den anderen ist es ebenso. Wissen Sie wohl, daß uns allerhöchstens vicrzigtansend brauchbare, unverletzte Soldaten bleiben werden? Sic kommen aus Paris, meine Herren? Glückliche Männer! Ich habe seit acht Tagen meine Stiefel nicht ausgezogen, und meine ledernen Beinkleider kleben mir fast am Körper. Seit dreißig Stunden habe ich nichts in den Magen bekommen als eine Brotrinde und ein Glas Branntwein. Und ich bin noch einer der Glücklichsten, denn nirgends findet man etwas. Die versprengten Soldaten und die Marodeure räumen gründlich auf überall, wohin sie komnien, und sie kommen uns überall zuvor. Glücklicherweise bin ich so erschöpft, daß ich nicht einmal Hunger habe, aus mein Wort! Ich halte mich nur noch durch die Gewöhn- heit auf dem Pferde ausrecht. Ach, dieser erbärmliche Krieg! Was fragten Sie mich doch? Wo der Marschall H... ist? Wer weiß das? Vielleicht noch in Wcißenfels, wenn er nicht auf dem Marsche nach Freyberg ist. Aber, meine Herren, sagen Sie mir etwas von Paris. Ist die schöne Friesin noch im Palais Royal? Und was für Kleider trägt sie? Eckige oder spitzige Taillenschöße?" „Sie sind glücklich, mein Herr, wenn Sie noch an solche Dinge denken können," sagte ernst der Abbä. Der Offizier wandte sich ihm mit bitterem Lächeln zu: „Das wundert Sie, mein Herr? Wenn Sie seit zehn Jahren Krieg führten, wenn Sie die Metzeleien von Eßlingen, Wagram, Eylau und der Moskwa gesehen hätten, dann wären Sie wie ich und würden sich für nichts und nie- mand mehr interessiren. Die Wundärzte arbeiten im Blut bis zu den Knöcheln, und noch sind zwei Drittel der Verwundeten nicht verbunden. Ja, lieber Herr, wenn man da ein gefühl- volles Herz hätte, würde man wahnsinnig, oder man bekäme zum mindesten eine Nervenkrankheit. Vorgestern galoppirte ich zwischen Verwundeten hindurch, den armen jungen Kon- skribirlen, von denen die Hälfte schon vor der Schlacht kaum die Kraft hatte, das Gewehr zu tragen. Wissen Sie, was ich bei jedem Schritt hörte:„Ach, Mama! meine Mutter! meine Mutter! Mama!" Ja, Herr, alle diese Kinder jammerten und riefen nach ihrer Mutter! Das habe ich gehört, und Sie wollen, daß ich immer daran denke, und tadeln mich, weil ich Sie nach der schönen Friesin und ihren Kleidern frage? Wissen Sie, wie weit ich gekommen bin, wissen Sie, welcher schreckliche Gedanke mir neulich während der Schlacht gekommen ist, als die Brücke in die Luft ging? Nun, ich hätte gewollt, daß die ganze Armee bis auf den letzten Mann, mich mit ein- geschlossen, vernichtet würde. Ja, auf mein Wort, dann wäre ich zufrieden gewesen! Es wäre doch mit einem Schlage zu Ende gewesen und hätte vielleicht Sr. Majestät die Lnst genommen, noch einmal anzufangen. Adieu, meine Herren; ich will versuchen, meine Stiefel auszu- ziehen. Dann werde ich mir einen Schmaus gönnen, der aus einer Wurst und einem Glase Bier bestehen soll. Das ist noch das einzig Wahre im Leben. Ach, da fällt mir ein, ich rathe Ihnen nicht, nach dem Marschall zu suchen. Sie würden doch nicht zu ihm gelangen. Der Hauptweg ist von den Fuhr« werken der Armee besetzt, und die Nebenwege sind unpassirbar; übrigens können Sie leicht Trupps von Marodeuren begegnen, die Sie nackt wie einen Wurm ausziehen würden." Rochereuil und seine Gefährten waren noch bestürzter als vorher. Sie begriffen, daß der Offfzier recht hatte, und daß sie alle Mühsal der Welt ausstehen müßten, wenn sie durch die Massen dringen wollten, die sich zurückzogen. Außerdem konnte der Kaiser in jedem Augenblick in Erfurt ankommen, und wenn ihre Papiere auch vollkommen in Ordnung waren und sie ihre Anwesenheit im Heere ans das Harmloseste er« klären konnten, so lag ihnen doch nichts daran, in allzu großer Nähe des Hauptquartiers zu bleiben, ehe sie nicht den Marschall oder wenigstens Philopoemcn gesehen hatten. Sie mußten also sofort einen Entschluß fassen: ob sie in Erfurt warten oder abreisen sollten, ohne eine Minute zu ver« lieren. An ein Zurückweichen dachte Rochereuil nicht. In der Herberge, in der sie abgestiegen waren, fragte er, ob man ihnen nicht einen Führer nach Weißensels verschaffen könnte. Der Wirth zuckte die Achseln und antwortete nicht einmal. Sie waren Franzosen, und das genügte ihm, um ihnen seine Hilfe zu verweigern. Uebrigens war es auch völlig unmöglich. Niemand hätte es gewagt. Es gab zu viele Marodeure und Kosaken. „Wir wollen immer auf der Seite der Straße nach Leipzig gehen," sagte Rochereuil.„Wir werden ja sehen. Wenn wir uns noch fünf Pferde verschaffen können, werden wir sicher ankommen." Sie begaben sich zu Fuß nach dem Leipziger Thore. So weit der Blick reichte, war die Straße frei. Einige Trupps Kavallerie ivaren eben vorüber gezogen, aber die große Blasse der Armee war zweifellos noch weit. Plötzlich jedoch näherte sich aus der Ferne schnell eine Schwadron. Es waren Husaren. Nach den Husaren kamen berittene Gardegrenadicre, dann ein Stabsmajor in reichgestickter Uniform, daraus Gendarmen, dann eine mit vier Pferden bespannte Kutsche. Zwei Manie- luckeil ritten an jeder Seite. Dahinter kamen wieder Gendarmen, Gardegrenadiere und sogar Marschälle. Die Vorhänge des Wagens waren herabgelassen. So konnte man das gelbe, feiste Antlitz des besiegten Zäsaren nicht sehen. Im schnellsten Galopp eilte der Zug vorüber und hielt seinen Einzug in die Stadt düster und schweigend. Ein Soldat, ein einziger, rief: Es lebe der Kaiser! Traurig verhallte dieser vereinzelte Schrei. Aller Augen richteten sich auf den, der ihn ausgestoßen hatte. Er selbst schien über das, was er gcthan hatte, ganz erstaunt zu sein. Zehn Minuten später bedeckte der Weg sich mit einer unermeßliche» Reihe von Woge», Kanonen, Truppen, die sich ausdehnten, so weit der Blick reichte. Das Gedränge war furchtbar, und die Langsamkeit, mit der das Ganze vorüberzog. außerordentlich. Keine Ordnung in dem Marsch. Nach einer Batterie kam zuweilen ein Wagen voll Verwundeter, die auf Stroh gebettet lagen. Jeder ging seinen Weg, ohne auf den Nebenmann zu achten. Wie vom Instinkt getrieben, marschirte die ungeheure Heerde vorwärts. Rochereuil, der Abbe und die drei andern hatten sich der Straße auf einige hundert Schritte genähert. Von der Höhe einer Böschung betrachteten sie das Werk Bonaparte's. In Schweigen versunken wechselten sie nicht einmal einen Blick. Eine Gruppe von höheren Offizieren zog vorüber aus schlecht dcschlagencn Pferden, die nicht einmal imstande gewesen wären, einen Trab einzuschlagen. An der Spitze ritt ein junger Mann, den Arm in der Binde und einen Streifen Lein- wand uin die Stirn gebunden. Erschöpft hing er halb zusammen- gekauert in seinem Sattel. Zufällig hefteten sich seine Blicke auf die Seite der Straße,>vo Rochereuil sich befand. Lebhaft richtete er sich auf und gab ein Zeichen mit der Hand. An dieser Bewegung erkannte ihn Rochereuil trotz der Binde, die einen Theil seines Gesichts bedeckte. „Er ist es!" sagte Rochereuil,„es ist Philopoeuien! kehren wir in die Stadt zurück." Eine Viertelstunde später umarmten sich Rochereuil, der Abbo und Philopoenien. „Sind Deine Verwundungen leicht?" fragte Rochereuil. „Es ist fast nichts; ein Lanzenstich in den Arm, eine Schramme an der Stirn." „Und Decius?" „Gefallen an der Spitze seiner Schwadron! Eine Kugel in die Brust; er hat nicht gelitten." „Die anderen?" „Ich bin allein geblieben! Welche Schlacht! Debray in der Elster ertrunken, La Nogeraie ist Gefangener mit cineni abgerissenen Arm. Warum sind Sie nicht acht Tage früher gekommen!" „Und jetzt?" „Jetzt, nichts zu machen? Alles ist verloren." „Was ist denn los, Bruder? Es scheint, Du wagst nicht zu sprechen. Decius, Debray sind todt. Wohlan! wir werden sie rächen. Die blauen Brüder sind noch da." Philopoenien schüttelte den Kops. „Unmöglich," sagte er,„die Arme sind uns gebunden; wir müssen einen neuen Plan ersinnen." Rochereuil erblaßte. Bis dahin hatte er seine Erregung verborgen. Mit unbeweglichem Antlitz hatte er von dem Tode seiner Freunde gehört. Die letzten Worte Philopoemen's schmetterten ihn nieder. „Wie!" sagte er mit hohler Stimme,„der Marschall hält uns sein Wort nicht?" „Er hält uns sein Wort nicht," erwiderte Philopoemen. „Du sagst das so kalt zu uns." „Nicht kälter, als ich zu ihm gesprochen habe, nachdem er mir seinen Entschluß mitgethcilt hatte. Was willst Du, Rochereuil? Ich habe weder die Kraft, noch den Mnth mehr, mich zu entrüsten. Ach, ich habe nur bedauert, daß der Säbel des Ulanen mir nicht den Schädel gespalten hat!" „Wie hat er seinen Verrath erklärt? Denn es ist ein Verrath, und wenn ich am Leben bleibe, werde ich ihn daran erinnern. Hat er Dir wenigstens Gründe angegeben?" „Ja, und zwar vortreffliche," antwortete Philopoenien; „oh, es hat ihnl an Offenheit nicht gefehlt. Rochereuil, ich fiebere, meine Wunden brennen, aber das ist nichts gegen die Bitterkeit, die meine Seele erfüllt! Höre, und unterbrich mich nicht mehr, denn ich halte mich kaum noch aufrecht; die Kräfte wollen mich verlassen. Ich werde meine Unterredung mit dem Marschall ivortgetreu erzählen.' „Am Morgen nach der Schlacht ließ er mich in sein Bivouak rufen; er saß auf einem Holzblock und wärmte sich an einem Feuer, das einige Soldaten eben angezündet hatten. Alle übrigen hatten sich entfernt. Zuerst fragte er mich nach Euch. Ich antwortete ihm, daß Ihr nicht weit von Leipzig, wahrscheinlich in Erfurt oder Gotha sein müßtet. Nun gut," sagte er,„suchen Sie mit ihnen zusammen zu kommen und be- stimmen Sie Ihre Freunde, sofort abzureisen." Ich blieb stumm vor Erstauiicn. Als er die Ueberraschung auf meinen Zügen sah, fügte er hinzu:„Nun, was giebt's dabei Sonderbares? Können wir Ihre Freunde jetzt brauchen? Das letzte Heer, das der Kaiser hatte, ist vernichtet, er wird kein neiics aus die Beine bringen können. Er ist verloren; es chandelt sich nur noch um einige Monate. Wozu jetzt einen so gefährlichen Streich wagen? Ihre Freunde sollen also so schnell wie mög- lich abreisen; sie sind nicht sicher in der Armee." (Fortsetzung solgt.) SonukKJöspltrnvevei. Von dem Kauossagaiig eines merkwürdigen Mainies möchte ich hente erzählen. ES handelt sich um A u g u st S t r i u d b e r g, der von sich behaupten durste, daß ihn die schwedische Jugend einmal zwischen 188» und 18g» zu ihrem Bannerträger machte. Sein Name hat internationalen Klang, und so gewiunt der Einzelfall, der Strindberg betrifft, erhöhte Bedeutung. Zugleich in Stockholm, ivie in Berlin, das Strindberg seine zweite Heimath nennt, erschein! in diesen Tagen ein Buch „Inferno'-(„Hölle"). Es ist eins der selisamstsu mensch» liche» Bekenntnisse, die Geueralbeichte eines Mannes, der von keckstem Wagemiith zu buösertiger Berzaglheit niedersank, voll Trübsal, wie ein Novembertag mit Nebelgespenstern in der Luft. Strindberg bat darin die Geschichte seiner Seelennolh, seiner Irrungen und Gedanken verzeichnet. Von Berlin war er fort« gezogen, als er an seinem Leib verspüren sollte, was preußisch- denlsche Gcistesfreiheil sei. In seiner„Beichte eines Thoren" soll er die Sittlichkeit untergrabe!! habeii und dafür wurde er zu zwei Jahren Gesängniß verurtheilt. Er ging nach dem Norden zurück und dam» nack Paris, wo er stck gegenwärtig aufhält. Es find drei Jahre etwa seitdem verflossen, und aus dem Sanlus ist ei» Paulus geworden. Beuge Dein Haupt, stolzer Sigarnbrer! Bete au, was Du ver- bräunt hast, verbrenne, was Du angebetet hast! Diese Zeilen hat Strindberg selbst seinem Buch als Motto vorgesetzt. Persönliches und Gesellschaftliches wirkten znsamme», um aus dem Empörer von ehedem den reuig zerknirschlen Menschen von heute zu machen, von dem ei» mönchisch-beschaulichcr Katholizismus Besitz ergriffen hat. Er träumt von einer großen Wiederversöhiumg!„Der Traum der Sozialisien von der Wiederherstellung der vereinigten Staaten des Abendlandes werde erfüllt werden." so sagt Strindberg,„aber in einem geistigen Sinne gesaßt." In dieser Wandlung des Poeten kehrt ein altes Schauspiel wieder. Eine wunde, empsiudliche Seele flüchtet vor dem Kamps und der Welt nnd sucht Tröstung im übersinnlichen Geheiinniß. Das ist das persönliche Symptom bei Strindberg. Das gescllschast- licke Merkmal ist, das, unsere herrschenden Klasse» ihren hochbegabte», geistig auserlesenen Naturen keine Stütze, keine» inneren Halt mehr schaffen können. Ans dieHerrschendeuaberistdic künstlerischeProdiiltion. wie unsere Wirthschaflsverhältiiisse einmal liegen, vorzugsweise an- gewiesen. Der künstlerische Geist empfängt da keine ideelle Anregung und es stellt sich die cigenlhümliche Müdigkeit ein, die ei» so charakteristisches Zeichen niiserer gesammte» literarischen EpccheJst. In einem alten, nordischen, herrlichen Volkslied fragt der Säuger: Rauscht mein Lindcnbanm noch? Singt meine Nachti« gall noch? Weint mein TLchterlein sehr? Lächelt mein Weib noch je? Die Antivort lautet: Dein Lindenbanin rauscht nicht mehr. Deine Nachtigall singt nicht mehr. Dein Töchterlein weint Tag mid Nacht, Dein Weib lächelt nie mehr, nie mehr! Dies Liedchen voll trauriger Verlaffenheit findet sich bei Strindberg wieder. Railscht mein Liudeiibanm noch? Mit Strindberg fragen es so viele, die nicht voll von edlem Ehrgeiz die literar-künstlerische Bah» betraten. Ein kurzer Frühlingsransch, heftig eiiiporflackernde Begierde, der alsbald Melancholie»nd Er» schlaffnng folgen. Der sozialistische Boden ist noch im Werden, nnd die gewordene Gesellschaft strahlt keine Wärme mebr aus. Daher die besondere Zwiespältigkeit und daher die kurzen Frühlinge in unserer Literatur. Vom orgiastischen Taumel stürzte man in Paris in jähem Umschwung zu mystischer Verzückung: und ans den Ansturm in der deutschen Kunst folgte eine herbstlich angehauchte Rcsiglialion, die man vergebens als»olhwendigc Klärung anpreist. Nicht im ästhetische» Silin, sondern als den Ausdruck geistiger Stimmungen unserer Tage möchte ich das Hüllen-Bnch Strindberg's und seine Wanderung durch die Geheimwissenschaslen, das occnllistische Fegefeuer gleichsam, zum Paradies ekstatischer Religiosität be- greifen. An mehr als einer Stelle des Buches kehrt der Stoß- eufzcr wieder: Wehe dem Einsamen! und eine verhängniß- volle Vorliebe, ini schmerzhaften Buch Hiob zu grübeln, offenbart sich stets anfs neue. Dazwischen tönt ein Wort von nüchternerem Gepräge und dennoch sehr gewichtig durch: die ewige Geldnoth war es, die den Dichter einst aus dem engere» Stockholm ins iveitere Berlin trieb; und daß der geistige Arbeiter, selbst wenn er zu internationalen Ehren gelangt ist, durchaus noch nicht auf Rosen gebettet ist, braucht hier nicht besonders hervorgehoben zu werden. Auch er wird häufig in den journalistischen Frohn» dienst gespannt. DaS verstärkt die Neigmigen zu verzagter Schwer- »inth. Die Welt, aus der er erstanden, für die er schaffen soll, reicht ihm nicht nur kein innerliches Ideal, sie kargt und feilscht sogar mit dem äußerlichen Preis, dem baaren Lohn. Also wird das Nervensystem noch reizbarer, das Gefühl der Leere, der Vereinsamung iinnitlen der bewegten Welt noch mehr aufgeregt. Wäre ich ein freisinniger Stndtncrordnctcr von Verlin und trüge eine schwere Geldkatze um den Leib und sähe in meiner siraffen Wohlgefinntheit den Lehrer immer noch als den armen Schulmeister von ehedem an, oder ivnre ich sonst ei» gerechter Kammmacher und würdiges Milglied der menschlichen Gesellschaft: Ick, könnte wenigstens mit der Moral antanzen. Mit der Moral im allgemeine» und mit der Hanshaltniigs- moral im besonderen. Man muß sich beherrschen können, man muß sich strecken nach der Decke! O, der Geist der Philistrosität hat so schöne Sprichworte ersonnen, mit denen aber derjenige, der duldsam begreift, so garnichts anzufangen weiß. Man kann mit eine», tüchtigen, anständigen Moralkodex bewaffnet jeden Mensche» in Verdainmniß bringen und dann kann man freilich jeden einzelnen von seiner Umgebung, von den Bedingungen, unter denen er lebt und wirkt, loslösen und ihm die Sitlenparngraphen um die Ohre» schlagen, dasj es nur so saust und klatscht. Wozu brauchte Strindberg im„schwarzen Ferkel" in der Neuen Wilhelmstraße mit bösen Kanieraden bis in die Stacht hinein zusniiimenznhocke», und wozu i» der Brasserie des Lilas zu Paris vor grünliche», Absinth zu sitzen und zu träumen? Gin tüchtiger Dichter sitzt vom frühen Morgen an bis zu». Abend spät" auf seinen Hose». Dan» schafft er was Erkleckliches, bei Stacht schläft er friedlich und endlich spart er seine Batzen. Aus den, Alkohol aber stammt die nervöse Ucber- reiznng und der seelische jtatzcnjaiiiincr, der einerseits bis zum Verfolgungswahn und dann bis zur inbrünstige» Sehnsucht reicht, sich selbst, wie ein büßender Mönch, zu kasteien und zu geißeln. Strindberg war von vornherein, trotzdem oder gerade weil er gegen das Weib als die»alürlichc Feindin des Mannes wettert, eine sensible, beinahe weiblich-weiche Statur. Georg Brandes, glaube ich, fragte einmal, wo den» eigentlich bei Strindberg die Männlichkeit stecke. Mit diesen Anlagen, mit seiner leichten Empsänglichkeit kommt er auf der Flucht von Berlin und vor seinen Berliner Erlebnissen nach Paris. Selbst die republikanische Bourgeoisie krankt an innerem Unvermögen. Auch sie weiß nicht recht eine ideale Aufgabe zu erfüllen. Man bat dort nicht die straffe geistige Beschränkung eines Berliner Bürgerinanns; aber die krankhafte Lteizbarkeit in allen öffentlichen Verhältnissen steigt ganz empsindlich. Wir haben es beim weibisch-iollcn Ruffentummcl erlebt; wir sahen es jetzt bei der Drepsus-Affäre wieder. Phantastereien iverde» lebendig; überall wittert man Geheimnisse und gebeimnißvolle Bc- Ziehungen. Es ist, als ob ein Alp die normale Kraft lähmte. Diese ucknnge» und Fieberschauer im bürgerlichen Gcsellschaftskörper rankreichs mußten sich zur litcrar-künstlerischen Grnndstiiinnnng unserer Zeit noch gesellen, um Slrindberg's Sensibilität noch mehr zu reizen. In der That ist sein Buch nicht etwa um seiner Origi- nalität wegen eine so merkwürdige Beichte. Es ist vielmehr darum so markant, weil es wie in einem Brcnnspiegcl manche Wirrsale in der geistigen Arbeiterschaft von Frankreich auffängt, Wirrsale, die an das schmerzliche Wort einer geniale» Jbsen'jchen Gestalt er- innern: Borg' mir ein paar abgelegte Ideale. In einem Schauer vor sich und vor Paris floh Strindberg plötzlich in die Einsamkeit. Mit seiner ziveite» Frau, einer Wienerin, lebte er in Scheidung, weil seine alte Furcht vor dem Weibe, das ihn angeblich an seiner Arbeit, an seiner wissenschaftlichen Eni- Wickelung hindere, ihn wieder,»» übermannt halte. Das Töchterchen zweiter Ehe lebte in einen» Torfe Oberösterreichs. Nordwärts der Donau erstreckt sich dort von Passau und dem bayerischen Wald her eine der eigenthiinilichstc» deutschen Landschafte». Sie hat i» ihrem Waldgebiet an Nebeltagen zumal einen Zug von düster-phantastischer Einsamkeit. Auch das kam der grübelnden Phantaslik Slrindberg's zu Hilfe. Wunder des Alltags, Waldspnk, bizarre Felsen- Formationen verwandelte» sich»hrn zu Symbolen, die in sein persönlichstes Lebe» eingreifen. Das Bauernleben wurde ihm zun, Idyll, das sich auf dem geistigen Wesen des katholische» Kults auf- bau«. So kam der Schwede Strindberg, dem einst eine junge Generation gelauscht halte, zu seiner kalholizisirenden Gläubigkeil. Die aufgewühlten Sinne, die in der peinlichen Erdeufahrt ein Dante'fches„Inkerno", ein Höllenniartqrinm erblicken, brauchen eine» süßen Trost, eine himmlische Sehnsucht. Und so erscheint dem Dichter sein ganzes bisheriges Leben verraucht und verronnen; ein„Sprüchivort, um die Nichtigkeit des Nnhmes und Gefeiertwerdens darzuthn»; ei» Sprüch- wort er(Strindberg) selbst, der sich für einen Propheten hielt, und nun enthüllt als ein Prahler dastehe." Er kommt sich vor. wie Hymcnäus und Alexander, die dem Satan übergeben wurden,„auf daß sie gezüchtiget werden, nicht mehr zu lästern". Sensible Künstler und Poete» sind wandelbaren Stimmungen unterworfen. Vielleicht erhebt sich Strindberg rascher als man glauben könnte, zu freierer geistiger Krast, die nicht in der Wellflucht und in asketischer Inbrunst ihr Heil sieht. Doch das ist ein ganz persönliches Moment, mag es auch einen weltbekannten Schriftsteller betreffen. Hier sollte n»r au einen, typischen Fall erörtert werden, wie selbst ganz hervorragende Talente zwischen zwei Welten irren könne»; der einen, die sie nicht mehr aufrecht halte» kann, weil sie selber schon schwankt, und der andere»,, der sozialistischen, die den Künstlern noch nicht geben kann, was sie zur Entjaltung ihrer innersten Kraft bedürfen. In diesem Zwiespalt wird so»mncher vor der Zeit flügellahm..&Jxha. Vileines Lsettille?o»t — Empfind»ug cincs Bictzclc- Wettsahrcrs i» voller Karriere. Man schreibt dein„Hann. K'our.":„Ter englische Sind- sahrer Michael aus Wales, der den Ruf genießt, der schnellste Fahrer der Welt zu sein, giebt eine interessante Schilderung seiner Empfin- dünge» während einer rasenden Fahrt. Bei den ersten vier bis füns englischen Meilen, die er noch in ziemlich gemäßigtem Tempo zurück- legt, hört und sieht er fast alles, was um ihn her vorgeht; bald aber achtet er nur noch auf die Stimme des Trainers, um eventuell dessen Siathschläge zu befolgen. Hat er jedoch eine Strecke von zehn englischen Meilen hinter sich, dann überkommt ihn das Gefühl, als se, er von allem isolirt. Er sieht einen hellen graue» Streife» sich endlos zu seinen Füße» hinziehen, und der Tumult und die Zurufe der Menge ersterben allmälig zu einem leisen Rauschen. Dagegen erhebt sich in der Luft, die er mit immer größerer Geschwindigkeit durchschneidet, ein eigenthümliches Brause», das wie fernes Branden der Meereswogen an sei» Ohr tönt. Nach weiteren süns bis sechs Meile» scheint sich der hellste, sonnigste Tag in immer dichter werdende Dämmerung zu verivaudelu, und nach zwanzig Meilen ist das einzige Geräusch, was sich ihn» noch ver- nehmbar macht, ein leises Summen und Surren, das von der dahin- sausenden Maschine herrührt. Nach etwa 2S englischen Meilen verliert sich das Gehör vollkommen, ebenso die Kraft zu denken und zu fühlen. Dem buchstäblich durch die Luft fliegende» Fahrer ist zuletzt zu Muth, als sei er absolut bewegungslos, als sei jedes Leben von ihm gewichen. Am Ziel augelangt, bedarf er einiger Zeit, um überhaupt wieder einigermaßen zu sich selbst zu kommen.— Literarisches. — Der Verwaltungsrath der S ch i l l e r- S t i s t u n g A u g s- bnrg giebt bekannt, daß das Stipendium für 1397 Herrn Ernst Weber, Lehrer und Schriftsteller in München, sür eine im Manuskript vorliegende Sammlung von Gedichten zuerkannt wurde. Dieses Stipendium wird nach§K 1 und 2 der Statuten an einen jungen Mann verlieben, welcher durch besondere Leistungen auf dem Gebiete deutscher Poesie oder überhaupt deutscher Literatur sich auszeichnet.— Mnsik. —er—. Konzerte. Die„Mein inger" haben sich in ihre» vier Konzerten, zu welchen noch eine Kammermusik- Matinee hinzukam, als glaubwürdige Interpreten Brahms'scher Klassizität erwiesen. Sie brachte» in ihrer herzhasteu, gesund unreflektirten Weise besonders in die vier Symphonien des Meisters, dem es fast immer an klarer Gestaltungs- und Empfindungsnaivetät gebrach, viel Licht und Hobe» in ihrer intensiven Spielfreude alle Theile der Brahms'schen Gedankenwelt zu deutlichster Plastizität empor. Mit Ausnahme des bedeutenden Klarinettisten Mühlseld scheinen die Meininger über keine uennens« werthc» Solisten zu verfügen. Der Klanggehalt ihrer Streicher strahlt selbst im Fortijsimo mehr spröden Glanz als berauschende Wärme aus, nur die Holzbläser mit ihren, linden, mateuensreien Tone bilde» eine Gruppe auserlesener Jnstrumentalschönheit. Aber in der Fähigkeit, ein Stück rhytmisch zu meistern und mit ungeahnte'.', Steigerungen geradezu agitatorische Wirkungen zu erziele», werden die Meininger nicht leicht zu übertreffen sein. So ist dem Kapell- meister Steinbach die schwerste und seltenste Kunst gelungen, viel zu bringen, ohne zu ermüden, und das Schaffen eines Meisters anregend zu reproduzire», der es eigentlich nie verstanden hat, zum Ver- ständniß der Allgemeinheit herabzusteigen. Die Waguervereiue und Wagnerkonzerte, soweit sie ihren Zweck in der Propagirung der Werke ihres Patrons suchen, fangen a», recht überflüssiig zu werden. Heute, wo fast jedes»littlere Stadt- thealer die höchste Befriedigung seines Ehrgeizes darin findet, die Werke des Bayreuther Meisters in möglichster Vollzahl aufzuführen, ermangelt die Darbietung von Bruchstücke» seiner Opern- dramen jedes Reizes und jedes innere» Werthes. Diese ans der dramatischen Situation gerissenen, des Jllusions» zaubers der Bühne beraubten, ohne Kostüm und Dekoration erbleichenden und wankenden,'Torsos verliere» in, Konzert« saal jene gewaltige Ueberzengungsmacht, welche sie sonst in, vollen geistigen Zusammenhang mit de», Gesammtknnstwerk ausüben. War unter diesem feststehenden Gesichtspunkte das letzte Konzertprograin», des hiesigen Wagner-Vereins mehr als ei» Zeugniß ver- legener künstlerischer Rathlosigkeit und Arn,, Ith? Die Vorspiele zu „Lohengrin" und„Meistersinger", die große„Fidelio"-Arie und die Schlußscenc der„Götterdämmerung"— sie werde», im Opernhause von hinreißender Wirkung. in, Konzertsaale zu einer Art neutraler Musik, die nur platonische Effekte erzielt. Werden diese Stücke, wie diesmal, von einen» Kapell- meister.rhytmisch so verzerrt, daß als künstlerisches Resultat nur gerechter Unwille übrig bleibt, werden die Solo-Geso.ngsvorträge durch sehr schlimme Detonationssünden befleckt, so ist die Steigerung des Skeptizismus, womit man einen, sogenannten„Wagiier"-Ko»zerte heute begegnet, nur zu begreiflich. Es bleibt als einzige Nummer, welcher wenigstens ei» Narilätswerth zukommt, nur Wagner's Jngendwerl „Liebesuinhl der Apostel", eine frostige Gelegenheitskomposilioi, von geschminkter Frömmigkeit, die sich am Schlüsse kopfüber in rein äußerliche theatralische Mache stürzt. Dieselbe Empfindung erregte auch die am Bußtage in der Oper aufgesührle„Legende von der heiligen Elisabeth" von L i s z t. Wieviel rnsfinirter Orchestcrwitz. ivelcher Uebeefluß n» musikalische» Mätzchen, welche krampshafte Masie der Frömmigkeit— und doch welche Heuchelei des Geistes und der Seele. welche Erfiuduugsarmuth, welche er- barmnngslose Langeweile stigmatisirl diese Musik! Vorüber- huschende Gedanken, einige poelisch konstrnirte Silnalionen, ein zn- weilen überschwenglicher Lyrismns und starker malerischer Ausdruck des Orchesters sind das Beste, was man dieser, von tönender Be- schanlichkeit so weit cnlfernten, modernen Legende nachrühmen kann. Kapellmeister Dr. Muck, die hervorragendsten Solisten der königl. Oper und deren Chor nahmen sich des Werkes mit Liebe an und— thaten Buße!— Erziehung und Unterricht. — Sechsunddreißig P h i l o s o p h i n n e n. Das Dekanat der Wiener philosophischen Fakultät ist vom Unter- richtsministerium verständigt ivorden, daß von den 19 junge» Damen, über deren Zulassung zum Universitätsslndium der Unterrichts- minister zu entscheiden halte, nur zwei, die in Rußland die Maturi- tätsprüfung an einem Gymnasium mit gutem Erfolge zurückgelegt haben, approbirt wurde». Die übrigen 17, zumeist Sprachlehrerinnen, sind abgewiesen worden. Das Unterrichtsniinisterium hat hiermit die Gleichwerthigkeit der russischen mit den österreichischen Gymnasien an- erkannt. Die zurückgeiviesenen Dame» hatten überhaupt keine Zeugnisse von höhere» Bildungsanstalte». Da bereits zu Beginn des laufende» Semesters 3 Damen als ordentliche und 31 als außerordentliche Hörerinnen inskribirt ivnrden, so belänft sich die Gesammtzahl der Studentinnen an der Wiener Universität auf 36. De» inslribirte« Hörerinnen wurden von» Dekanate Legilimationskarten ausgefolgt, die zurückgewiesenen Damen können nur lediglich als Hospitantinnen einzelne Vorlesungen gegen jeweilige Erlaubniß besuchen. Die Zu- lafsnng der Frauen zu den medizinischen S t u d i e n hat sich das Unterrichlsministcrinm für eine spätere Zeit vorbehaUen.— Archäologisches. — Wann der auf der Akropolis zu Athen befindliche Tempel der Nike Apteros erbaut worden, war bisher nicht bekannt. Ebenso unbekannt war der Name des Baumeisters. Erst jetzt ist dank einer inschriftlichen Tafel, die bei den Ausgrabungen am Nord- abhang der Akropolis von der griechischen archäologischen Gesellschaft gefunden worden ist, erwiesen, daß der Tempel der Nike Apteros (der nngcflngelten Nike) ebenfalls von Perikles erbaut worden ist, und daß als Baumeister fnngirtc Kallikrates, der zusmnmen mit Jktinos den Parthenon erbaute. Die inschriftliche Tafel giebt u. a. auch darüber Nachricht, welches der Kultus der Nike'llpteros war, wie die Priesterin derselbe» gewählt wurde und welches Gehalt die- selbe erhielt. Der Tempel selbst gehört zu de» schönsten und best- erhaltenen Denkmälern des Alterthnms.— Geographisches. — Eine dänische Grönkands-Expedition. Ans Kopenhagen wird der„Franks. Zlg." geschrieben: Die„Gesellschaft der Wissenschaften" hat soeben beschlossen, eine Expedition zur Er- sorschung der theilweise noch immer»ubekannten grönländischen Ost* iiste auszurüsten und für diesen Zweck einen Betrag von Ik-l) 030 Kronen(ca. 176 660 M.) angewiesen. Zum Chef der Ex- pedition wurde Schiffslieuteuant Aindrup bestimmt, welcher mit arktischen Verhältnissen genau vertraut ist. Im nächsten Juli geht die Expedition von hier aus nach der Station Angmagsalik in Grönland ab; dort iverde» die iveileren Dispositionen getroffen, bevor die eigentliche Forschungsreise angetreten wird. Wenn alle Vorbereitungen beendet sind, ziehe» die Mitglieder der Expedition, gegen Norden der Küste folgend, entweder landwärts oder seewärts, und überall iverde» an passenden Stellen Proviant- depols errichtet. Die Expedition hat als Endziel Kap Breivster am Scorely Sund(76 Grad nördl. Breite); hier wird bis zum Frühjahr 1899 überwintert und die Expedition kehrt dann nach ihrem Ausgangspunkt und vielleicht noch im Herbst, vielleicht erst im Jahre 1966 nach Kopenhagen zurück. Dieser erste Theil der Expedition ist indessen nur als der vorbereitende anzusehen; die Mitglieder derselben gehen nämlich nach dem schon in allen Einzelnheiten ausgearbeiteten Plan, sobald das Frühjahr wieder anbricht, von hier nach Island und von dort»ach dem nördlichsten der von ihnen errichteten Proviantdepots an der grönländischen Ost- küste. Von hier werden sie von Depot zu Depot»ach Süden vor- dringen und überall die Kartographie der Küste ausarbeiten. Diese Arbeiten dürsten etiva zwei Jahre in Anspruch nehmen. Verschiedene dänische Expeditionen und die deutsche„Germania-Expedition" (1369— 1676) haben die grönländische Ostküste bereits von Kap Breivster aus bis gegen den 78. nördlichen Breilegrad erforscht.— Aus dem Thierleben.Z — Brütende Männchen der Vögel, wie bei den Straußen, kommen noch bei anderen Vögel» vor, z. B. bei den schwarzen Schwänen(C�anus atratus) Australiens, wenn sie auch nur während 2—4 Tagesstunden die Stelle des Weibchens im Neste einnehme». In gewissen Fällen aber dehnen sie, wie Prof. Milne« Edivards kürzlich in einer Sitzung des Pariser Museums berichtete, diese Pflichten weit aus. Zu Nogent-le-Rotrou hatte ein Pärchen des schwarzen Schwanes vor einiger Zeit sein Nest gebaut, aber das Weibchen, das mit Brüte» begonnen hatte, wurde von einem Schäferhunde erwürgt. Man fürchtete natürlich, daß die Brut verloren sein würde, aber das Männchen »ahm sich der drei frisch gelegte» Eier an und erfüllte 41 Tage lang treu die Pflichten des ihm geraubten Weibchens, indem es mit Aus- »ahme kurzer Morgen- und Abendzeiten, in denen es seine Nahrung und ein Bad nahm, ans den Eiern ausharrte. Zwei von den Eiern kamen glücklich ans, und der Schwan benahm sich gegen feine Kleinen wie die erfahrenste und sorgsamste Mutter, indem er sie zum Wasser führte, unter seine Flügel aufnahm und völlig serzog. Während dieser Zeit ließ er ein fremdes Weibchen, welches man ihm zur Ge> fährtin gebe» wollte, nicht a» sich heran komme», verjagte es viel» mehr mit Schnabelhieben und nahm die neue, ihm aufgedrängte Galtin erst an, als die jungen Schwäne sich selbst versorgen konnten. (�.Prometheus".) Technisches. — A l n m i n i n m- T a p e t e n. Die Verwendung des Aluminiums macht rasche Forlschritte; nun werde» gar schon Tapeten ans Aluminium angefertigt, und zwar in allen Farben und in den verschiedensten Mustern, wie Fliesen oder wie Ledertapeten wirkend. Ihr Hanptvortheil ist, daß sie nicht brennbar sind und abgewaschen werden können. Daher eignen sie sich besonders für feuchte Räume, für Korridore, Treppenhäuser, Kranken- und Bade- zimmer, Klosets, für Ladenlokale der Fleischer, Butter- und Wildprcl- Handlungen, sodann, ivegen der Unvcrörennbarkeit, für Theater, Konzert- und Ballsäle, auch als Theater-Dekoratiou. Solche Alnmi- nium-Tapeten werde» in Würzen i. S. angefertigt.— Humoristisches. — Rücksichtslose Hasen. Herr Wamperl hat zu einer Treibjagd mehrere Freunde eingeladen. Während diese munter dar- ans lospuffen, kommt Herr Wamperl nie zum Schuß. Da naht sich endlich ein Hase— aber auch der kebrl um, ehe Herr Wamperl schießen kann. Wülhend schreit der Jagdhcrr:„Gehst gleich hier her, Malefizvich, dummes! Wer hat denn die Jagd gepachtet— i ch oder die anderen?!"— — Zeichen d c r Z u n e i g u n g im iv i l d e st e n W e st e n. Frl. Smith(in Oklahoma, zn ihrem Liebhaber):„Du. Billy, ich glaub'. Du hast bei meinem Vater einen große» Stein im Brett. Ich Hab' heute mit ihm ivegen Dir gespiochen, und er hat zwar nichts darauf erwidert, aber ich weiß ganz sicher, daß er Dir ge- wogen ist." Liebhaber:„Ja, ivoher willst Du es denn wissen?" Frl. Smith:„Ich sagte ihm. Du kämst heute her, und da hat er seine Büchs' statt mit Rehposten blos mit Vogeldunst geladen."— („Jugend".) Vermischtes von» Tage. — Am 2. Februar nächsten Jahres iverde» es SS0 Jahre, daß das L y c« u»t I z u H a n» o v e r als städtische Schule besteht.— — Das in der L ü n e b li r g e r Haide gelegene Dorf Einem wird nächstens verschwinden. Ein reicher Mann hat die beiden Höfe, aus denen das Dorf besteht, angckanst, und wird das Ackerland aufforsten lassen.— — Ein Habererprozeß wird sich am IS. Dezember vor dem Landgericht in Trannstei n abspielen. Da dieses Landgericht eine Nädelsführerschaft angenommen hat, kommt der Prozeß vor die G e s ch w o r e» e n.— — In der Nähe von Ulm wurde in der Donau ein 39 Pfund schwerer R o t h f i s ch gefangen. AlS mau ihn öffnete, fand man einen goldenen Kugelring mit den Buchstaben A. L.— — In den ersten sieben Monaten des lausenden Jahres wurden 3363 amerikanische Pferde nach Deutschland ein- geführt.— — In der Kirche ermordet wurde der Pfarrer von Santa Anina bei Messiua durch seinen Neffen.— — Auch ein Geschenk. Ein verliebter Franzose hat vor einiger Zeit einer Engländerin, die ihn nicht erhören wollte, ein blutgetränktes Stück Flanell und ein ärztliches Zertifikat Über einen Selbstmordversuch zugehen lassen.— c. o. Die Rehabilitirnng zweier Tobten. Die Strafkammer des französischen Kaffationshofes wird am L.Dezember den Antrag ans Stevisiou eines altersgrauen Prozeffes prüfen. Am LS. Juni I3S2 vernrlheilte das Schwurgericht des SaSne- und Loire- Departements zwei Männer namens Pierre Vaux und Jean Petit wegen zahlreicher Brand» stistungen zu lebenslänglicher Zwangsarbeit. Vaux und Petit sind in Guyana gestorben, nachdem sie zwanzig volle Jahre im Bagno verbracht halten. Sie belheuerten immer ihre Unschuld, und es steht jetzt unumstößlich fest, daß sie thatsächlich ganz unschuldig waren. Die Familien der beiden Unglücklichen haben die Wiederausnnhme des Prozesses durchgesetzt und werden die traurige Genngthuung erleben, die als Brandstister Verurtheilten, die bereits seit 25 Jahren im Grabe modern, rehabilitirt zu sehen.— — London, 19. November. Durch das Feuer in Aldersgate Street und Cripplegate wurde ein Hänserblock von zwei Acres Grundfläche mit etwa 166 großen Waarenhäufern zerstört. Der Schaden wird auf etwa drei Millionen Pfund Sterling geschätzt.— Infolge dieses Brandes ist in London eine Hausse in Strauß- federn eingetreten. Der Preis stieg um 20—36 pCt.— Aerantwortlicher Redakteur: August Jacobe») in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.