Anlerhaltungsblatt des Worwärls Nr. 244. Dienstag, den 14. Dezember. 1897. (Nachdruck«erboltiv) Vor ÄaubrvkKfkÄtr. 6] Roman von Soloman MitSzäth. V. In großer Gala erschienen unsere Freunde, den Säbel an der Seite. Herr Michael Lestyak zeigte sich als ein fescher, hübscher Jüngling. Er hielt die Ansprache, er beschrieb die traurigen Zustände in Kecskemet so treu, so schön, daß die vier hinter ihm stehenden Senatoren in Thränen ausbrachen. (Herr Jmecs wurde bereits gestern nach Hause gesendet.) Die Rede gipfelte nach vielen Stilblüthen darin, daß die Keestemeter dem Allgewaltigen mit dem Ersuchen zu Füßen fallen, dieser möge ihnen einen ständig in Keeskemet wohnenden Pascha be« willigen oder einen anderen Würdenträger, wenn er auch nur so groß wäre, wie ein kleiner Finger, der sie fortab vor den Plünderern bewahre. Blos das Faktum, daß ein Mann des erhabenen Sultans in Keeskemet ist, rettet den Frieden und die Existenz der Stadt. Nach einer rhetorischen Wendung malte er es sodann schwungvoll aus, welch herrliches Leben der Pascha dort führen würde; sie werden ihm ein Steinhaus bauen, werden ihn schätzen und achten, werden ihn bedienen, aus ihrer Hand werde er den süßen Honig essen können, und so weiter. Nun übersetzte der Dolmetsch des Ofner Pascha, Nazur Bey die Rede dem Sultan, der dieselbe mit apathischem Ge- sichte uud sehr gelangweilt zu Ende hörte. Im übrigen war dieser ein ganz sympathischer Herr; etwa vierzig Jahre alt. Hie und da nickte er dazu mit dem Kopse. Ibrahim Pascha, der Ofner General, stand neben dem Sultan mit verschränkten Armen und lauerte mit blutunter- laufenen Augen, wie wenn er sagen würde:.Die Rede haben wir nun gehört, nun lasset uns die Argumente sehend Diese olgten sofort. Gabriel Poroßnoki trat hervor, öffnete da? apfelgrüne seidene Futteral, das er vor sich hinhielt, er entnahm dem- selben die prächtig gearbeitete goldene Peitsche und den Fotos, dann legte er sie auf den Schemel zu Füßen des Sultans. .Wir legen zu Deinen Füßen, erhabener Herr, die Waffen Kecskemets/ Der Sultan bückte sich, hob die Peitsche auf und betrachtete sie eine Zeit laug. Dann wechselte er mit Ibrahim einige leise Worte. Unterdessen hatte der Herr Senator Jnokai gerade seine Kehle gewetzt und leierte dann mit ehrerbietigem Krächzen folgendermaßen:.Deinen heldenhaften Soldaten haben wir einen kleinen Braten gebracht, größter der Sultane, sei so gnädig und betrachte denselben durch das Fenster." Bey Nazur verdolmetschte auch dies mechanisch, worauf sich der Sultan unwillig vom Sopha erhob, um zum Fenster zu treten, von wo aus die prächtigen Rinder und Fohlen zu sehen waren, zu denen Herr Franz Kriston den Prolog ge- stamnielt. All' dies inleressirte den mächtigen Herrn des Orients nicht besonders, müde ließ er sich wieder aus das Sopha fallen.... Jetzt öffnete sich die Thür des Saales und ein kühlender Windhauch schlich sich ein. Vielleicht hatte dies das Knistern der vier Weiberröcke verursacht. Die Kecskemeter Mädchen traten ein, frisch und lieblich. Der Sultan sprang erregt empor. Christophus Agoston stellte sich in die Mitte des Zimmers, einem Schuljungen gleich und mit Gesten, als od er einen Strauß in den Händen hielte, den er dem Papa überreicht, deklamirle er ver- schämt:„Wir brachten auch ein klein wenig Blumen, gnädigster Herr." Der Sultan verstand gewiß nicht die ungarischen Worte, jedoch er geruhte jetzt auch ohne jedes weitere Hinzuthun zu lächeln. Dann rief er fröhlich dem Ofner Pascha zu:„Einen Schleier über sie, schnell, Ibrahim,"(dies wollte in orien- talischcr Sprache so viel heißen:.Befleckt sie nicht einen Augenblick länger mit Euren wollüstigen Blicken.") Während der Pascha hinausstürzte, um Verfügungen zu treffen, theilte der Sultan in langen gedehnten Worten etwas den: Dolmetsch mit. „Se. Majestät der Sultan, dessen Schatten Allah be- schirme, sagt Euch, Ihr Ungläubigen, daß er Eure Wünsche berücksichtigen wird. Verhaltet Euch bis dahin ruhig und wartet draußen." Der Dolmetsch winkte, und damit war die Deputation entlassen. Als aber Herr Agoston die gute Laune des Sultan sah, glaubte er die Zeit gekommen, irgend eine ewig denkwürdige That zu vollführen: er zog daher die hinausgehenden Vor- steher bei ihren Mantelflügeln zurück und sprach zu dem Dol- metsch:„Mächtiger Dolmetsch, rechte Hand Deines Herrn, vermittle noch eine Bitte!" Der Großvezier, die anwesenden Paschas und UlemaS be- trachteten den Tollkühnen betroffen, und nicht weniger über- rascht waren die Kecskemeter Herren, aber der Sultan, an die Blumen Keskemets denkend, lächelte noch immer, und wenn der Sultan lächelt, scheint die Sonne, die Gräser wachsen, die Steine spielen Harfe, und alle» ist in Ordnung. .Nun, was wollt Ihr noch?" rief der Stellvertreter Ibrahim Paschas, Hassan, aus.„Sagt es schnell, denn es warten noch viele Deputationen draußen." „Gerade das ist es," fuhr Christoph Agoston ermuthigt fort,„wir sahen draußen die Nagy-Köröser Deputation und wir bitten Se. Majestät ganz ergebenst, daß er ihr nichts ge- währe, was sie auch verlangen möge." Der Vertreter des Sultans lachte und interpretirte selbst dem Beherrscher der Gläubigen diese zweite Bitte. Auch der Beherrscher der Gläubigen lachte über den sonderbaren Wunsch(so etwas kam ihm in der Praxis noch nicht vor) und srug lebhaft, was der Grund davon sei. Lestyak gab die Antwort:„Nagy-Körös und Keeskemet sind so mit einander wie Mekka und Medina, wie Hund und Katze." Der Sultan gerieth in eine prächtige Laune, der Dol- metsch interpretirte gleichfalls mit freudestrahlendem Gesicht die Antwort des Herrschers:„Freut Euch! Der gnädige Padischah wird Eure erste Bitte genau überlegen, die zweite vollführen." Damit gingen die Kecskemeter in den Hos hinaus, den auf den Einlaß wartenden Köröser Nachbarn„guten Morgen" wünschend. Nach einigen Minuten schlich sich der Vertraute deS Sultans zu ihnen und vertröstete die Senatoren, ihnen auf die Schulter klopfend:„Ihr seid glückliche Spitzbuben! Ihr habt den Sultan ganz gewonnen und ihn erheitert. Kein Zweisel, alles wird geschehen." Er rieb sich zufrieden die Hände. Es waren ihm nachträglich hundert Dukaten ver- sprachen worden, wenn in Kccslemet eine türkische Behörde in- stallirt wird. Unter großen Hoffnungen schritten sie draußen aus und ab, die Rede des Oberrichters lobend und daS Auftreten Agoston's. Herr Agoston selbst war ganz entzückt.„Nicht wahr, daß ich etwas»verth bin? Da giebt es doch Verstand, Gevatter?" Nach ungefähr anderthalb Stunden kam der türkische Ver- traueusniann wieder zurück. Zornig schlenkerte er mit der and, sein Gesicht war roth vor Grimm wie Paprika..Run, chweine," schrie er von weitem,„Ihr habt Euer Glück mit Füßen getreten!" Die wackeren Herren sahen ,ihn versteinert an.„Was ist geschehe», uni Gotteswillen?" „Das ist geschehen, Ihr Esel, daß die Nagy-Köröser De- putalion, die Entfernung der Ofener und Szoluoker PaschaS beklagend, als Sitz einer zu errichtenden türkischen Obrigkeit Keeskemet wünschte." „Wir aber"... stotterte Josef Jnokai. „Ihr aber ließet den Sultan versprechen, daß er den Wunsch der Nagy-Köröser, welcher es auch sei, nicht erfüllen werde. Erstarret!" Damit drehte er ihnen den Rücken, nachdem cr zuvor einige Male türkisch vor sie hinspie. Man hätte die Betroffenheit sehen sollen. Lestyak nagte den Schnurrbart, der ehrliche Poroßnoki schimpfte, Kristo« bekam Nasenbluten vor Schreck, der alte Jnokai begann zu schluchze», während Herr Agoston direkt zu den Wagen ging, welche an der Donau standen, sich in den einen hineinlegte und mit der Bunda") zudeckte, weil ihn ein solches Fieber •) Ungarischer Pelz. schüttelte, daß es, gleichmäfjig vertbetlt, für hundert Schnupfen ausgereicht hätte. „Jetzt könnten wir nach Hause gehen," unterbrach Kriston das Schweigen. „Wir warten den Beschluß des Sultans ab," meinte der Oberrichter. Es mag Vesperzeit gewesen sein, als der Kaimakam des Sultans in Begleitung des Dolmetsch sie abholen kam. Er geleitete sie in einen Saal und übergab ihnen einen Kaftan, indem er durch dm Mund des Dolnietsch sagte:„Das schickt Euch Se. Majestät der Padischah. Ihr werdet gewiß einen guten Gebrauch davon machen!" Die Senatoren blickten traurig auf das dunkelgrüne Sammetkleidungsstück, welches mit goldenen Schnüren und Bändern geschmückt war, und erstaunt schienen die Kecskemeter einander zu fragen:„Also nur so viel?" Herr Poroßnoki gab seiner Unzufriedenheit auch in Worten Ausdruck:„Mehr ließ Se. Majestät nicht sagen?" „Mehr nicht," erwiderte der Kainiakan mit großem Phlegma. „Der Sultan war Euch gut gesinnt, aber er nmßte sein Wort einlösen. Ihr selbst habt es doch gewünscht." „Könnte man nicht noch einmal zn ihm gelangen?" „Das geht nicht." „Donnerwetter! Wir sind schön daran! Es wird zu Hanse eine Freude geben." „Wenn dem so ist," sagte der Oberrichter kalt,„dann fasse» Sie diesen Kaftan an, Herr Kriston." Franz Kriston ergriff sehr zornig und nnehrbietig den mit einer Bärenhaut wattirten Mantel, so daß das eine Ende des- selben die Erde kehrte, und schleppte ihn mit großem Lärm dem Oberrichter nach. Als er zu den Wagen gelaugte, warf er ihn in eine Ecke wie einen Fetzen. Herr Agoston war bereits verschwunden; der eine Kutscher konnte über ihn nur so viel Ausklärung geben, daß er sich im Wagen nach Waitzen führen ließ, wo er eine verheirathete Tochter hatte, er sprach wenig, denn seine Zähne klapperten sehr, aber so viel sagte er doch, daß er Kccskemet nie wieder sehen werde. Als nian die Pferde gefüttert und getränkt hatte, und die Unserigeu sich auf den Heimweg begaben, dunkelte es bereits, der Rauch der Schornsteine vermischte sich mit dem Nebel, die Frösche quakten häßlich in den Pester Sünipfcn, die Priester schrien unausstehlich von den Osuer Minarets, während ans der Pester alten Burg die Eulen geister- hast hcrvorhuschten. Nur weit, in irgend einem Dörfchen erklang eine weinerliche christliche Glocke. Der Nebel war röthlich-weiß, wie frisch gemolkene Milch, halb durchsichtig, so daß man spöttisch lachende kämpfende Drachen, gepanzerte Wunderthiere, Gespenster in Laken hervörscheinen sah. Am Himmelsgewölbe breitete sich eine einzige dunkelblaue Wolke schwerfällig ans. Als sie die Pester Hänser verlassen hatten und mit schwerer Roth aus dem Sumpfe jenseits des Hatvaner Thores heraus- kamen, wo der Wagen Kriston's beinahe in einer Linneubleiche stecken geblieben wäre, rückte die Wolke mit einem Male fort und verschlang plötzlich den Mond, wie wenn ein großer Silberthaler in einem blauen Strumpf versinkt. Es ward etwas finsterer,' eine feierliche, melancholische Stille kam über die schlafende Natur. Nur die Wagen knisterten in ihren Achsen und hier und da wurde ein Hahnenruf in den Pester Tanyen laut. Die Pferde zogen ungern weiter, die Kutscher fluchten, und die Senatoren saßen in tiefe Gedanken ver- funken wortlos neben einander, nur znweilen einige Worte austauschend. Und. doch hätten sie auch ihre Gedanken aus- tauschen können, denn diese waren die gleichen. Wenn der eine sagte:„Wie sollen wir zu Hause das große Nichts über- geben?" antwortete der andere, nachdem er in die Nacht hinein gestarrt hatte:„Ich wäre jetzt lieber ein Schäferhund, als ein Kecskemeter Senator." Der dritte hob sein gebeugtes Haupt und setzte seufzend hinzu:„Für hundert Ochsen und fünfzig Pferde einen grünen Mantel— das ist ein guter Markt." Daniit wurden sie wieder schweigsam und starrten neuerdings in den weißen Nebel, aus welchem sich jene bizarren Gestalten abhoben. Mit einem Male trat aus einer dieser Nebelsäulcn ein Gespenst hervor. Augenscheinlicher, wahrer als die anderen, es stellte sich den Pferden entgegen... und sein Schatten bewegte sich auf der Straße. Die Pferde der Voranziehenden stutzten. Der Kutscher blickte auf. Eine weiche weibliche Stimme erklang:„Bleiben Sie stehen!" Der katholische Jnokai machte das Zeichen des'Kreuzes: „Alle guten Geister loben den Herrn!" „Wer bist Dil?" fragte Kriston. (Fortsetzung folgt.) VÄvkel Tuvttsev. „Bartel Turaser", Drama von Philipp Längmann, einem Neuling aus Oesterreich, wurde am Sonnabend im L e s s i» g» Theater und zugleich am Deutschen Volkstheater in Wien zum ersten Male ausgeführt. Hier, wie in Wien, war der Erfolg stark, in Wien»och lebhafter, als bei uns. Das ist selten, daß sich ein neuer Mann so rasch die Bühne erobert. Ganz originalen Naturen wird es in der Regel anders gehe». Als Direktor Blunienthal im Herbst dieses Jahres uns die Aufführung des„Turaser" versprach, trat er mit großer, gönner- hafler Wärme für das Werk ei» und meinte in einer Bnreau-Notiz, der„Turaser" sei den„Webern" Hauptmann's mindestens ebenbürtig. Dadurch aber kam man zu einer irrthümlichen Anschauung. Denn Langmanu's„Turaser" ist wohl ein Drama aus dem Lebe» der Proletarier, jedoch ist es in der Grundidee wie der künst- lerischcn Methode nach von den„Webern", die nach meiner ganz persönlichen Empfindung trotz allem der größte Wurf unserer neuzeitliche» Literatur bleiben, wesentlich verschieden. Viel mehr vom Blute der österreichischen Volksdichter rollt in den Adern Langmann's. I» den Webern ist der Verfasser über die Entwickelung deS Dramas, wie er sie vorfand, hinausgegangen. Die Massennoth, nicht der Kampf des Einzelne» wurde ihm zur Tragödie; und darum werden die„Weber", die an sich gewiß nichts mit der Sozialdemokratie zu thun haben, aber ohne die vorausgegangenen Klassenkämpse nie hätten geschrieben werde» können, ein kulturgeschichtliches Denkmal bleiben. Der„Turaser" ist das Drama eines offenbar begabten, dichterisch empfindenden Mannes. Aber vom Wesen des Pfadfinders ist in dem jungen Poete» nichts zu finde»; und wie- wohl sein Drama, da es in Proletarierkreisen spielt und aus wirk- licher Anschauung heraus geschrieben ist, ans sozialen Voraus- setzungen aufgebaut ist, so kann es doch nicht— wiederum nach meiner ganz persönlichen Empfindung— als markanter Ans- druck der proletarischen Strömungen gelten. So wie Anzengrnber's.Meineidbauer" die Gewissenslragödie eines bestimmte» Bauern ist. so ist der Tnraser die Gewlssens- tragödie eines Proletariers, der zu Fall gekommen. Damit will ich die künstlerische Kraft in beiden Werken nicht mit einander messen und dem jungen Langmann nicht eine Anzengruber-Zukunft ver- heißen. Wer so wie ich im Laufe der Jahre so manchen austauchen sah, der zum Genie gestempelt worden war, als er austrat, und dann rasch wieder verblich, der hält sich gern abseits, wenn die Mode irgend wen krönt. Es steckt ein Zug zum Lehrhaften in dem Bartel Tnraser. Nicht vorn Kampf, von der Duldsainkeil im ethischen Sinne ist das Drama erfüllt. Ich habe gestern mit einem Reichstags-Abgcordneten über das Schauspiel gesprochen. Der»leinte: Endlich ein Drama, das den Hörer aufwärts leite. Vielleicht, im Sinne der allen drama- tischen Gerechtigkeit, die dem Sünder wider die Gemeinschaft Buße vor der verletzten Gemeinschaft auserlegt; also das Gerechligkeits« bedürfniß des Hörers befriedigt.?llleiii der Grnndton ist doch elegisch und pessinnstisch. Kein Aufwärlsdrängen, kein Himmelstürnten. Wir tragen die Erdenpein und werden sie immer trage».„Höllisches Vcrhängniß", das ist ein Wort, das Bartel Tnraser mehrfach ge- braucht; und kaum ein erdenfrendiger, heidnischer To» klingt aus dem Drama empor. Wer ist schuldig, wer unschuldig, da wir i»s- gesannnt schuldig werden können? Ginge es nach Verdienst, wer wäre vor Schlägen sicher? Eine Ethik der Demuth also durchströmt, manchmal allzu ivort- reich, das Drama. Wer begreift, der verdamnit nicht mehr, auch den Schuldig-Unschuldigen nicht. Damit ist zugleich ein ethno- graphisches Moment berührt; das Drama ist weichmülhig, im Schlußakt stelleniveise melodramatisch. Leichter lassen sich die armen öfter- reichischen Leute vom Gefühlsleben lenken und über wdichmüthigen Regungen vergefien sie oder vernachlässigen sie, was sie sonst ebenso verstandesscharf beurtheilen oder theoretisch erkannt haben, wie andere Menschen. Sie sind impulsiver, werden leichter mitgerissen, ertragen aber auch leichter ei» Unrecht, da? ihnen widerfahren ist.„Leilasse»",sage»die passiven Dentsch-Kärutuer; nur gehe» lassen, wir ändern es ja doch nicht. Es scheint, da Philipp Langmann sicher sehr gut gesehen hat,— einzelne proletarische Gestalten sind verblüffend einfach und lebenswahr gezeichnet. Auch innerhalb der proletarischen Bewegung ist dort das trotzige Selbstbewußtsein nicht entfernt so rege, wie bei uns; und von jeher waren die Norddeutschen die zähere» Rechtskämpfer. Zu bedenken bleibt auch, daß die deutsche Sozial» demokralie sich theoretisch reiner entwickeln konnte, daß sie zeitlich länger kämpft und daß sie keinen naliouale» Hemmschuh kennt, wie in Oesterreich. Nicht anklagen, nicht entschuldige» will ich, sondern nur er- klären, worauf es nach meinem Gesühl innerlich im„Tnraser" ankommt. Ueber die Judasthat des Tnraser's wären norddeutsche Älrbeiter nicht so hinweggekommen, wie die österreichischen Genossen. Das liegt an der Volksart und an der vorläufigen Erziehung. Roth entschuldigt, sie rechtfertigt noch nicht alles. In großer Bedrängniß wird der Färber Turaser- zum Verrälher. Sei» Kind, welches er zärtlich liebt, ist erkrankt; der Hunger ist Gast im Hause; die Färber streike», und Tnraser mit ihnen. Unerträglich war der Druck, den Werkmeister Klcppl, ein Leuteschinder„im Auftrag", ausübte;- dazu war der alte 5�leppl noch lüstern nach jungem Mädchenfleisch; und als er einmal ganz - ü" ausartete, da überlief de» Arbeitern die Galle. Kleppl imirde wegen seiner Lumpereien gegen ein Fabrikmädchen auf die Anklage- dank geführt, und Turaser ist der Hauptzcuge der jllägerin Marie Zelber. In seinem Elend naht dem Turaser der Berderber und die Verderberin, Herr Kleppl und Turaser's Weib Albine, auf die eine Bcstechungssumnie von 200 Gulden sinnverwirrend einwirkt. Tnraser hätte ividerstanden: aber Adam giebt dem Locken und Drängen seiner Eva nach, und Turaser ist gefallen. Er schwört falsch, er könne sich nicht recht erinnern, es sei wohl Möglich, daß er nicht recht gehört hätte, kurz, Kleppl wird frei« gesprochen, Marie Zelber zu Arrest verurtheilt, wegen Be- leidigung des„Ehrenmannes" Kleppl, niid die Streikende» sind entlassen. Das Alles spielt sich in einer leiden- schaftlich erregten Massenszene ab, in der eS zwischen der Frau Turaser und der Zelberin dald zu Thätlichkeiten gekommen wäre. Gegen den Verrath sträube» sich schließlich alle, aber rasch erregt, ist der Zorn auch leichter verraucht. Das Nechtsgesühl von Prolc- tariern, deren Bewußtsein noch nicht vollkräftig entwickelt ist, hat nicht Energie nnd Schulung genug, das häß- lichste Ding der Welt, den Verrath an der Gemeinsamkeit, so energisch zurückzuweisen, wie man sollte. Das ist nicht eine dichterische Schwäche, sondern eine Schwäche in gewisse» Volks- zuständen. Die Geivissenslragödie wird verschärft, als Turaser gerade das Kind, für das er zun« Judas wurde, durch den Tod vcr- liert. Ist das Zufall, ist's Bedeutung? Er sinnt und grübelt darüber, in einer Hallucination erscheint ihm selbst sein todtes Kind, bis er sich zur Selbstbesreiung aufrafft nnd die verletzte Gemein- schaft der Mensche» durch ein Schuldbekenntniß versöhnt. Er und Kleppl werden ins Zuchthaus wandern; Turaser aber als Sieger. Die beste Gestalt des Stückes, Frau Albine Turaser, eine fest- nmrissene Zeichnung, war leider von Frau Illing, einer spezifisch norddeutschen Schauspielerin gespielt worden. Sie quälte sich mit einem unmöglichen Wiener Dialekt ab nnd war in den Hintere» Parkeltreihen kaum zu verstehen. Warum sprach sie nicht lieber schriftdcntsch? Welcher Regisseur kann derlei Miß- Handlung des Dichlerivortes dulden? Klug nnd einfach spielte Frl. Grob die Zelberin, nnd schlichter, als er sonst zu sein liebt, stellte sich Herr Klei» zur Figur des Tnraser, die dem Autor, da er sie zuviel»>it eigenem Moralisiren und Spinlisiren überlädt, nicht enlfernt so gelungen ist, wie die Albine Tnraser.— kk. Mleincs Isottillekon — Die Schrecken der Wüste. Aus Chicago wird dem „Hamb. Corr." geschrieben: Von den furchtbaren Gesahren der große» Sandwüsten ün Südwesten der Vereinigte» Staate» zeugen wieder einmal die Nachrichten, die kürzlich ein Bnndes-Vermcssnngs- korps von einem 75 englische Meile» lange» Marsche durch die Mojavewüste ins südlichen Kalifornien mitgebracht hat. Die Gesell- schaft fand auf ihrem Wege nicht weniger als L80 Gräber von Opfern des Durstes, die alle erst ans der jüngste» Zeit stammen. An einer einzigen Stelle ruhten die Gebeine einer Familie, die acht Köpfe zählte. Die Leute hallen sich vor Antritt des gefahrvollen Weges zwar mit Wasser versehe», begingen aber die Unklugheit, dasselbe in irdenen Krügen mit sich zu führen. Infolge irgend eines Unsalles zerbrache» während des Marsches die Gesäße, die unersetzliche Flüssig- leit lief in de» Sand, und Vater, Mutter nnd sechs Kinder sanken erschöpft unter einem Mesquilebnsch nieder, um de» schrecklichsten To) zu sterben. Die Leiche» der Unglücklichen, die Scherben der Gefässe und die tobte» Pferde wurden von Prospektoren gefunden, ivclche die Verdurstelen verscharrten nnd der Gepflogenheit der Wnstenwanderer getreu die Gräber mit Kreuzen bezeichnete». An einer andere» Stelle fand das Verniessungskorps die Leiche» von drei Prospektoren, die nnr 50 Schritte von einem in dem Fels be- findlichen nalürlichen Wasserbehälter dem Durste erlegen waren. Um zu diesem Behälter zu gelangen, mußten die Männer etwa zwanzig Fuß emporklimmen, aber der Mangel an Waffer hatte sie bereits derartig geschwächt, dap sie dazu nicht mehr im stände waren und in der nächsten Nähe der ersehnten Flüssigkeit den Tod fanden. Den Mitlheilnngc» des eben jetzt zurückgekehrten Vermcssnngs- korps zufolge ist die Luft in der Wüste nngcmeiu trocken, sodaß die im Körper enthaltene Flüssigkeit überaus schuell verdunstet. Ein Mann bedurfte neun Quart Wasser vro Tag,»m das Eintrete» von Fieberhitze zu verhüten, und die tägliche Wafferrativn für jedes Maulthier betrug nicht weniger als zwanzig Gallonen. Bei einem Ingenieur zeigten sich schon Fiebererscheinnngen, nachdem er nur wenige Slrinden ohne Wasser gewesen war, und ohne Zweifel wäre er umgekommen, wenn er nicht bald erfrischt worden rväre. Dieser Zwischenfall trug sich zu bei 35 Grad Neanmur im Schatten, während die. Lllsl" fast ohne die geringste Feuchtigkeit war, nnd frisches Fleisch nicht in'Verwesung überging- sonder» zusammc»- schrumpfte. Der Tod. durch Verdurste» soll etwas Grauenhaftes sein. Zuerst suhlt das Opfer Schmerz zwischen den Schultern, dann wird die Zunge dick, nnd der Unglückliche hat die Empfindung, als würde sie von Nadelspitzen durchbohrt. In de» Augen stellen sich Schmerze» ein, und die geringste Bewegung wird von solchen begleitet. Schließ- 75— lich wird das Opfer von Tobsucht ergriffen, welcher erst der Tod ein Ende macht.— Theater. Das Berliner Theater bringt ein Schauer- und Grauen- stück„Die kleinen Vagabunden", das dem pöbelhaftesten englischen Geschmack seine Enlstehnug verdankt. Mit dem Familientheater des Herrn Prasch ist es soweit gekommen, daß die anständige Kritik angesichts solcher Attentate ihre Mitarbeit verweigert und daß selbst ei» Blatt, ivie der„Lokal- Anzeiger", der gewiß nicht hohen geistigen Ansprüchen dienen will, erklärt: Selbst der nichtigste Schwank steht lhnrnchoch über solchen Dingen, die aus den tiefsten Tiefen der Kolportageliteratnr geschöpft sind. Als Herr Prasch die Bühne übernahm, machte er im Berliner Theater im servilsten Sedan-Patriotismus. Jetzt in solchen Er- zeugnissen! Interessant war, daß das Publikum am Sonntag sich znni lheil gegen das Stück wehrte, während die Claque es in der Sonnabend-Premiere hochhob.— Die Mitglieder der Freien Volksbühne hatten am Sonntag Gelegenheit, das sonncndurchleuchtete warme„Jugend"- Idyll Max Halde's im Lessing-Theater kennen zu lernen. Das Stück selbst wie die Darstellung sind an dieser Stelle schon besprochen worden. Die Akten über Halbe's Drama mit seinen Vorzügen nnd seinen Schwächen, die zum Schluß hervortreten, sind geschlossen. Die Herzlichkeit der Dichtung, der Jugend- schwung, der wirklich darin lebt, riß auch das Publikum zu einmülhiger Herzlichkeil hin. Das Häuschen, das im kurzen Frühlingsransch ein jung aufblühendes Frauen- leben vernichtet, gab ein nicht unsympathischer, junger Schau- spieler, Herr Ulrich. Ein bischen jugendlich regsamer noch und es ist eine Leistung ans einem Guß. Frl. Krause(Anna) macht manches, so wie's die Theaternaivcn zu machen pflegen. Wo sie sich davon cmanzipirt, da wird die Gestalt der Anna reiner nnd erquicklicher. Den Kaplan Gregor giebt Herr Klein mit dem Nachdruck, der ihm eigen ist; klar und würdig ist W a I d o w' s Pfarrer Hoppe. ein katholischer Priester aus gemülhlichcren Tage». Alles in allem kann man aufathmen, wenn man die Vorstellungen in der Friedrich Wilhelmsladt da- gegen hält.— —s. Die„Neue Freie Volksbühne" gab am Sonntag „Barbara Holzer", Schanspiel in 3 Akten von Clara V i e b i g. Das Stück deckt sich inhaltlich mit der Erzählung der- selben Autorin:„Die Schuldige", die wir im August im„Unter- haltnngsblatl" zum Abdruck brachten. Aus dem Staatsanwalt ist in dem Schanspiel ein LandesgerichtSralh geworden, und einzelne Per- soue», besonders der Pfalzelbauer und die alte Katrein Holzer treten hier schärfer hervor, als in der Erzählung. Die Barbara selbst ge- steht ihre That erst ein, als ihr von dem Tode ihres Kindes Mit- lheilnng gemacht wird. Das Stück hat einen schwachen zweiten All, in dein die Titclheldin nicht einmal erscheint, der Landesgerichts- ralh„ehrbarelt" sehr stark, und der junge Pfalzel ist noch flüchtiger gezeichnet als in der Erzählung. Gut ist der erste Akt, ausschlaggebend die letzten Szenen des Stückes. Diese brachten auch denn in der„Nene» freuen Volksbühne" den Erfolg. Der Beifall ivar sehr stark, die Verfasserin konnte einige Male vor den Vorhang trete». Das Spiel des Herrn Merten(Psalzelbauer) nnd der Damen Grete Meyer(Barbara Holzer) und Elisabeth Gnndra (Katrein Holzer) war gut. Man wird erwarten dürfen, daß sich daS dramatische Gestaltungsvermögen der Autorin in einem neue» Werke noch stärker und wohlthnender zeigen wird als in der um- gegossenen„Barbara Holzer".— Musik. —er—. K ö n i g l. Opernhaus. Mozart- Cyclu§. 8.(letzter) Abend:„Die Zaubers löte".„Wenn wir ein Malheur haben, so kann ich nichts dazu, denn eine Zanberoper habe ich»och nicht komponirt"— mit diese» Worten ging Mozart ans die Bitte seines Freimaurer- Bruders, des schlauen Theater- direklors Schikaneder. ein, zur„Zauberflöte" die Musik zu schreiben. Z» welcher idealen Verklärtheit der Meister, der seinem Geiste noch einmal die höchste Steigerung seiner künstlerischen Potenzen abtrotzte, die Possenreißereien des Schikauedcr'schen Machwerks erhob; ivie aus bei» Trivialitäten und Lächerlichkeiten des Textes, der für die gntmülhige Lannigkeit und Wienerisch- furchtsame Komik des Federinnannes Papagen o zurecht gezimmert ivar, ein das Leben selbst in seineu» tiefsten Gehalt»vider- spiegelndes Opern- Märchenbild entstand,»veni wäre dieser hohe künstlerische Kultnriverth der„Zauberflöte", diesen» ivürdigen Ausgangspunkte aller Opernromantik,»»»bekannt! Was Mozart an Liebe nnd Zärtlichkeit genossen, das»viederholten noch eiinnal im innigsten Seelentone das edle, vielgeprüste Liebespaar Tamino und Pamina; ivas ihn» das Lebe»» an sittlicher Weisheit und erhabener Güte ge- offenbart, das liest er Snrastro, als Walter des reinsten Menschen- thuius, zumal i» den beide» unsterblichen Gesänge»:„In diesen heiligen Hallen" nnd„O, Isis und Osiris" ausspreche»; und»vie er sich im Lehenskampfe von den Empsindnngen schmerzlicher Sehnsucht immer zu seiner naive» Frohnatur hinüber rettete, so legte er den» heiteren Paar Papageno nnd Papagena im Gegensatze zum feierliche» Ernste der übrigen Gestalten. die graziöse Gefälligkeit seiner humoristischen Melodien in den Mund.— Die Darstellung hatte diesmal einer stehende» Nepertviroper gegenüber keiner besonderen Vorbereitung bedurft. Es war ein würdiger Abschluß des Cyclus, wenn es auch an böse» Jntonationssünden einiger der hervor- ragendsten Solisten nicht fehlte. Der künstlerisch ideale Gewinn dieser Mozart-Aufführnngen liegt in dein erfreulichen Zeichen der Zeil, daß, während eine unreife enthnfiastische Fortschrittsschaar alle dramatische Klassizität als über- wuiidenen Standpunkt zu erklären beniühl ist, doch die einsichtsvolle Mehrheit für das ewig frische Interesse an Mozart wieder mit herzlicher Theilnahme eintrat und sich aus den moderne» Orchester- und Bühnensensationen zu des Meisters menschlich wahrer Charakterifirnngsfeinheil, zu seiner unerschöpflichen Ersinduiigskraft, zu seiner durchsichtig geistvollen vokalen und orchestralen Polyphonie und zu seiner i» Form und Klangschönheit nnvergleichlichen Orchestersprachc zurückleiteu ließ. Ist imfern Künstlern, welchen leider das Tagesreperloir sehr selten «ine Erlabnng an den Mozart'schen Offenbarungen des voll- komniensten Gesangsstiles, der Grazie und des Humors gestattet, auch nicht die Erreichung einer idealen Stilreinheit gelungen, so mag ihnen hier die ungeschmälerte Anerkennung, für die edle Einfach- heil, die poetische Liebenswürdigkeit und die dramatische Schöpser« krafl eines der größten Genies mit allem Vermögen ihrer künst- lerische» Mittel eingetreten zu sein, ausgesprochen werden.— Kulturhistorisches. — In den Kellerwohnungen der früheren kurfürstliche» Landes- kellereien und besonders auch des Dresdener Schloßkellers finden sich, wie das„Leipz. Tagebl." schreibt, merkwürdige Angaben. So ist verzeichnet, daß in dem einen Jahre. 1639, der Kurfürst, die Kurfnrstin, die drei Prinzessinnen und die vier Prinzen zusammen 270 Eimer besten Mnndwein vertrunken hätten. Für der Prinzessin Meerkatze wurde täglich ein halbes Maß Zapfemvein, für Herzog Moritzens Hunde,.darin zu waschen", ein Maß»nd zum Baden der indianischen Naben und der„Papigoien" ebenfalls ein Maß geliefert.-- Geographisches. — Sterueck- Tiefe. Die malhematisch-natnrwissenschaftliche Klaffe der Akademie der Wissenschaften in Wien hat i» ihrer letzten Sitzung einstiittung beschlossen, die von dem Kriegsschiff„Pola" im Jahre 1892 gefundene merkivürdige Tiefe im Osten der Insel Rhodos in Erinnerung an die vom verstorbene» Admiral Jreiherni v. Sterneck der Wissenschaft geleisteten Dienste fortan als die.Sterneck-Tiefe' zu bezeichnen. Dieselbe beträgt 3591 Meter und ist die größte Tiefe in dein östlich von der Insel Kandia gelegene» Theile des Mittelmeeres. Sie liegt unweit von der kleinasiatischen Küste, an welcher sich der Berg Ak-Dagh 3000 Meter hoch erhebt, so daß von feinem Gipfel bis zur Tiefe eine Niveau-Differenz von etwa 29 000 Fuß besteht. Die ganze Lage ist 29 Grad I Minute 24 Sekunden östlicb von Greenwich, 35 Grad 52 Minuten 36 Sekunden nördlicher Breite. Die Temperatur des WasserS in dieser Tiefe beträgt 13,6 Grad Celsius und der Salzgehalt 3,88 pCt.— Astronomisches. — Das Spektrum eines Meteors. De ,.-s. Ztg." wird geschrieben: Aus der Sternwarle zu Areqnipa ge.ang es am 13. Juni d. I. zum ersten Male, das Spektrum eines Meteors zn erhalten. Will mau einen Stern spektriskopisch untersuchen, so richtet man einfach das Fernrohr ans ihn und läßt durch einen feinen, zwischen den beiden Linsen befindlichen Spall sein Licht auf ei» brechendes Prisma fallen, wodurch es in den bekannten langen Farbensaum des Spektrums anseinandergezogen wird, in dem man nun die einzelnen Linien studiren und daraus die Bestand- theile, die das Licht aussenden. ermitteln kann. Bei Meteoren ist dies aus dem Grunde unmöglich, weil sie nnerivartet erscheinen»nd längst erloschen sind, ehe man Zeit hat, das Fernrohr ans sie zn richten. Deshalb war das Spektrum eines Meteors bisher gänzlich unbekannt und nur eine sinnreiche in Areqnipa angewendete Abänderung des pe> wohnten Apparates ermöglichte eine solche Wahrnehmung. Dort ist statt deS kleinen Prismas zwischen den beide» Fernrohrlinsen ein großes vor das Objektiv gesetzt, das seinerseits durch eine photo- graphische Porträtlinse von großem Gesichtsfelde ersetzt war. Da- durch werden sämmtliche Sterne des ganzen Gesichtsfeldes nicht als Stern, wnder» als ausgezogene Spektra erblickt und können alle zn- sannne» übersehen Kezw. aus einer phologrnphischen Platte auf- genommen werde». Als dies am 13. Juni geschah, passirte zufällig ein sehr Helles Meieor die Stelle de? Himmels, aus die das Fern- rohr gerichtet war und zeichnete dadurch selbstthätig sowohl seine Bahn als sein Spektrum auf der Platt« ans. Das Spektrum bestand aus sechs helle» Linien, von denen vier dem Wasserstoff angehören, wogegen die zwei nnderen zwar durch ihre Lage schon bekannt waren, während ihre Zugehörigkeit zu bestimmte» Elementen noch unbekannt ist. Das ist nun i» doppelter Hinsicht höchst lehrreich. Erstlich entzünden sich die Meteore erst durch die Reibung an der Luft. Da indessen die Lust keinen Wasserstoff ent« hält, so muß der Wasserstoff, den das Meteor aufwies, von diesem auf seiner Reise durch den Weltraum mitgebracht worden sei» und demselben Sterne wie das Meteor entstammen. Zweitens treten die beiden anderen Linien, die daS Meteor noch zeigte, auch in den ver- «nderlichen Sternen von langer»nd unregelmäßiger Daner der " Merjltztivortlicher tlledaklenr: August Jacobei, in B Lichtverändernng aus, so z. B. in dem Sterne des Walfisches, Bit de» Namen der„Wunderbare", Mira Coeli führt, dieser Stern er» strahlt bisweile» als ein Stern zweiter Größe hell am Südhimme� und dann nimmt er wieder ab bis zur neunten, dem freie» Auge nicht sichtbaren Größe. Als ein Erklärungsversuch für diesen wunderbaren Vorgang ist eine Theorie von Pros. Seeliger in München anzusehen, wonach, ebenso wie unsere Erde bisweilen durch Meteorwolken hindurchgeht, auch im Weltraum solche Meteor» molken größerer Dimensionen als Nebelmassen bestehen. Wenn ein Stern auf seiner Bahn hindurchsaust, so stürzen die Meteore i» Massen auf ihn nieder und leuchten verbrennend auf._ So wird dann dessen Helligkeit bedeutend gesteigert und zwar je»ach der Dichtigkeit der Meteorwolke und der Zahl der aufstürzenden Meleort verschieden stark. Es ist eine ganz gewaltige Stütze dieser Theorie, wenn das einzige Meteor, dessen Spektrum wir kennen, dieselben zwei Linien ausweist, die sonst nur noch in diesen Sterne» auf- treten, denen übrigens auch die„neuen" Sterne zuzuzählen sind, Sterne, die plötzlich auftauchen und nach einiger Zeit für immer verschwiuden.— Technisches. — Um eine genaue Feststellung der Zeit des Ankomme»? und des Weggehens eines jede» Beamten, Briefträgers, Kastenleerers ec. zu ernröglichen, ist bei alle» größeren amerikanischen Poftanftalten ein automatischer Zeitanzeiger,„Bundy Time Recorder" genannt, in Gebrauch. Die„D. Verk.-Z." schreibt darüber: Der Apparat gewährt äußerlich das Ansehe» einer gewöhnlichen Regulator» Uhr. In dem unteren Theile des Uhrkaftens ist ein Mechanismus angebracht, der bewirkt, daß durch einfache Rechtsdrehung eines Schlüssels in dem dazu bestimmte» Schlüffelloche die Zeit mit der Nummer des Schlüssels auf einem im Innern des Kastens befindlichen Papierstreifen sich abdruckt. Wenn es sich darum handelt, die Zeit des Weggehens zn marriren, so ist außerdem ein Hebel zu drücken, ivodurch«in sternsörmiges Zeichen neben die anderen Angaben zu stehen kommt. Jeder Angestellte hat einen Schlüssel mit seiner darauf geprägten Nummer. Die Schlüssel hängen nach der Nummer» folge geordnet an Brettern neben der Uhr. Der Streifen ist nur für diejenige Person zugänglich, welche den Schlüssel zu der Thür des Apparates besitzt. Ans arund des Streifens, der täglich heraus- genommen wird, ist ersichtlich, wann jeder Beamte seine» Dienst an- gefangen und beendigt hat, bezw. wann er vom Postkaufe weg» gegangen und dahin zurückgekehrt ist. Außer bei den Postanstalten werden einige Tausend dieser Zeitanzeiger in den Vereinigten Staaten auch in lausmännischen Geschäften. Fabriken u. f. w. ver- wendet.— Humoristisches. y. Ein eigenartiges Grabmal mit einer originellen Inschrift befindet sich in der Marienkirche zn Lübeck. Der im Jahre 1515 verstorbene Siathsherr Johann Kerkering ließ es sich schon zn seinen Lebzeiten herstellen, damit es »ach seinem Tode in St. Marien über seinen Gebeinen errichtet würde. Der Rathsherr hatte viele Kinder und«>n Paar schiefe Beine. Beide Eigenschasten ivünsckite er»um auf seinem Grabstein verewigt im Bild n»d im Wort. Und so ließ er denn sich und sein« Söhne und Töchter abkonterfeien in Gestalt einer Heerde Schaf«, der er selbst als Leithammel voranging aus dem Wege zum Himmel. Darnnler stehen folgende plattdeutsche ilieime: Hir ligt begraben Hans Kerkering, De schef up sine Bene ging. Herr, mak ein doch den Schinken lik, An niinm ei» an in bin Himmelril, D» letzt de Schap tho di nah», So Int den Bock ok mit gah»!— Vermischtes vom Tage. y. Infolge Kentern des Bootes sind bei der Insel F a N 3 zwei Fischer, Brüder, ertrunken.— — In Horrem(Rdeinprovinz) schoß bei einem Streite Einer auf seine Gegner. Die Kugel ging fehl und t ö d t e t e den am Streit gänzlich nnbetheiliglen Bruder des Schütze».— — In Mülheim a. d. Ruhr käme» inehrer« Arbeiter in Streit, in dessen Verlans der eine auf zwei andere Revolver- schlisse abgab. Beide wurden schwer verletzt ins Krankenhaus über- geführt. Die Frau des einen verletzten Arbeiters, die bei dem Streit anwesend war, wurde, als sie ihren Mann zusaminenbrechc» sah, vom Schlage getroffen und sank t o d t zu Boden.— — Wegen Berufsbeleidigung der Lehrer in Nagel »nd Mühlbühl Hot das Amtsgericht Wunsiedel zwei Nageler Männer stark in Strafe gelioiniiien. Es hat laut„Regensb. Tgl." de» einen zu 14 Tagen Haft verurtheilt, weil er„Gute Stacht. Schulmeister!" gerufen, den anderen zu 8 Tagen Gesängniß, weil er das Lied vom„armen Dorsschulmeisterlein" zum Trotz gesungen.—, — A» der R a m i n g o- B r ü ck e, zwischen Nizza und Mentone sind in den letzten drei Jahren 20 Radfahrer»mS Leben ge- koinmen. Die französische Regierung hat jetzt an der gefährliche» Brüttemnauer ei» S cb n tz n e tz anbringe» lassen, welches den auf- laufenden Radler auffängt nnd vor einem furchtbaren Ende in der Tiefe des Abgrundes dewahrt.— rli». Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.