Mnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 247. Freitag, den 17. Dezember. 1897. SZ (NachdruS verbolen.) Dev ÄsubevkafkAtt. Roman von Koloman MikszS�th. Im Stadthause entstand großer Schrecken. Die Haidncken liefen in voller Eile von Haus zu Haus, daß man den mächtigen Olaj Beg Brot backe, daß man Holz zusammenscharre, aber am schwersten war es, das Geld herbeizuschaffen, denn die Lade der Stadt stand leer. Einen solchen Aderlaß erträgt man jetzt nicht. Mit verstörten Gesichtern fand sie Michael Lestyak, als er mit Unterivürsigkeit hereinhumpelte. „Nun, was wollen Sie?" fragte Putnoki rauh... „Ich kani wegen des Sohnes, mein großer guter Herr." „Wegen des Sohnes?" „Nun wegen meines Sohnes. Ich werde den Armen nach Hause bringen." „Wenn wir ihn freilassen." „Freilich, freilich," sagte der Alte stolz, und breitete vor Herrn Putnoki den Brief Ibrahim Paschas aus.„Uebrigens wie Euer Guadeu wollen." Ter TriuMvir gab klein bei, als er den Brief des Pascha überflogen hatte; er griff sich sogar au den Hals vor Schrecken, denn der gute Ofner Ibrahim klopfte aus seinem Schreibrohr niemals die Tinte aus, ohne eine kleine Gemüthlichkeit in die ernsten Zeilen zu mischen. Auch jetzt standen dort die wenigen Worte;„Ich sehe, daß Euer Hals Etich stark juckt." „Das ist etwas anderes," sagte der Triumvir, sich duckend. „Wir gehorchen dem Befehle. Jetzt aber ist es schon spät Abend, auch ist der jlerkermeisler nicht hier. Wir werden unseren Bruder uwrgen früh schon herauslassen." Ter Schneider ging nach Hause, aber die Morgendämmerung fand ihn schon vor dem Thore des Stadthauses. Es war ein häßliches Wetter, ein großer Nebel ballte sich zusammen, und auch der Schnee fiel still herab. Die Stadtherren kamen früh genug herein, besonders Putnoki, der über Nacht einen guten Gedanken gefaßt hatte und sich beeilte, ihn seinen Kollegen mitzntheilen. „Es wird nicht gut sein, wenn Lastyak auf freien Fuß gesetzt wird. Sein Schädel ist mit viel Verstand und viel Spitzbüberei gefüttert." „Ein harter Schädel, das ist wahr, aber mit dem Sandschak Pascha können wir doch nicht Finger ziehen." „Das glaube ich auch nicht. Wir lassen ihn frei, ich schicke ihn aber an einen solchen Ort, von welchem er nicht wieder zurückkehrt. Ueberlassen Sie das nur mir!" Die Gassen bevölkerten sich ungewöhnlich früh. Die Be- wohner beförderten theils in Karren, theils in Schicbkarren ihre Sachen ans die naheliegenden Tanyen. Das Erscheinen Olaj Begs am Horizont malte Schrecken auf die Gesichter. Denn Olaj Beg war thalsächlich kein solcher Kleinigkeitskrämer wie Herr Csnda oder Derwisch Beg, welche sich mit dem Raub eines Pfaffen oder eines schönen Mädchens begnügten. Der verständige Olaj Beg arbeitete on groa. Er kam selten, aber wenn er kam, trieb er eine ganze Gasse in Gefangenschaft, sammt Frauen, Kindern, Sack und Pack, sammt Pferden, Rindern, nichts zurücklassend, als die Schweine, welche unreine Thiere sind und mit dem heiligen Zioran in Widerspruch stehen. Ein solcher Mensch war Olaj Beg, das muß man ihm lassen. Bei der Nachricht von seinen Forderungen kamen die ein- flußreichsten Männer schon zeitlich morgens einzeln iy das Rathhaus; der eine brachte ein wenig Geld, der aitdere kam, um Brot und Holz anzubieten. Die schlechte Nachricht ist ein guter Wecker. Viele murrten, als Herr Putnoki den Befehl gab, den jungen Lestyak aus dem Kerker vorzuführen. Er erschien ein wenig blaß, trug aber den 5kopf hoch. „Max Lestyak," sagte der Triumvir feierlich,„Sie sind frei!" Ein unzufriedenes Murren entstand im Saale. „Ter Ofiler Vezir ist Ihr Patron," bemerkte der Vorige satirisch. Lestyak erwiderte nichts. Er machte eine nervöse Be- wegung, als ob er gehen ivollte. „Nicht dort ist Ofen. Warten Sie noch! Der Ofner Pascha ist nicht der römische Papst, mein Herr Ex- Oberrichter, er kann Schlösser aufbrechen und schließen, aber nicht Sünden vergeben. Diese müssen Sie abbüßen." Eine peinliche Stille trat ein, man erwartete das Folgende mit zurückgehaltenem Athem. „An unseren Grenzen steht der grausame Olaj Beg, dort jenseits des Teiches Csalanos. Er hat der Stadt einen großen Tribut auferlegt, welchen man ihm bis heute Mittag über« senden müßte, aber es ist unmöglich. Wissen Sie also, Lestyak, wozu wir Sie jetzt verurthcileu?" „Sie werden es schon sagen, wenn Sie wollen." Balazs Putnoki fuhr mit boshaftem Lachen fort: „Sie haben den berühmten Mantel gebracht, sehen wir nun, was Sie mit demselben anzufangen wissen. Sie werden ihn anziehen und in ihm zum Beg gehen." Das Herz des jungen Mannes zog sich zusammen. DaS kam unerivartet. Seine Füße wankten fast. Aber rasch ge- wann er wieder Kraft. Wie zu sich selbst sagte er:„Ich darf nicht erschrecken, ich darf es nicht..." Sein Herz schlug stark, seine Stimme wurde tonlos, aber die Farbe des Gleich- muths lagerte auf seinem Gesicht. „Und was soll ich dem Beg sagen?" „Sagen Sie ihm, daß er sich mit der Hälfte des Tributs begnüge und auch damit zwei Tage warte, bis wir ihn zu- sammengebracht haben. Oder aber, zum Teufel, bieten Sie ihm den Kaftan an, welcher fünfzig Pferde, hundert Ochsen und ungefähr viertausend Dukaten repräsentirt. Er wird zu« frieden sein. Hehehe! und was noch zurückkommt, das bringen Sie in die städtische Kasse. Hahaha!" „Terwird michja soforträdern lassen oder inKetten schlagen." Putnoki zuckte die Achseln. „Das ist Ihr Malheur." „So?" rief Lestyak bitter aus.„Verurtheilen Sie mich wirklich dazu?" Mit einem Blicke sah er die Triumvirn, die grauhaarigen Greise der Stadt, der Reihe nach an. Diese nickten mit dem Kopfe zum Zeichen, daß das Urtheil gerecht sei. Man muß an den Vergeudern des städtischen Vermögens ein abschreckendes Excmpcl statniren. „Führen Sie mich lieber in den Kerker zurück," sagte er selbstvergessen, bereute es aber sofort. „Wovor fürchten Sie sich denn eigentlich so sehr?" klügelte bissig der Triumvir,„den Kaftan werden Sie ja tragen." Ein großes Gelächter entstand bei diesen Worten, und da? Blut schoß Lestyak ins Gesicht. „Ich pflege mich nicht zu fürchten," sagte er stolz.„Wann soll ich gehen?" „Noch Vormittag, sobald ich die Anordnungen getroffen habe. Wollen Sie bis dahin nicht beichten?" „Nein." Der alte Schneider verkündete es verzweifelt der ganzen Stadt, welch' unerhörtes Unrecht es sei, seinen Sohn in den Rachen des Tartarenhanfens zu schicken. Das ist ein Todes« urtheil ohne Verhör und Vertheidignng! „Denkt daran, wie sehr ihr ihn vor drei Monaten liebtet. Macht einen Ausruhr, ergreift Hacken, Eisengabeln, kommt, ich führe Euch an, damit Ihr das„dreiblätterige Kleeblatt" ab« mäht."(Das war der Spottname des Triumvirates.) Keine Hand rührte sich; Wurzeln haben ja nur die leben» den Bäume... Höchstens in den mit Rosmarin und Mus« katen geschmückten Fenstern ward ein braunes oder blondes Mädchenanllitz traurig, und ein tiefer Seufzer brach viel» leicht durch die Blätter der Blumen:„Armer Max Lestyak!" Dann blieben diese schönen Gesichter auch weiterhin auf der Lauer. „Wann kommt er? Wie gern möchte ich ihn im Kaftan sehen. Wie lange zögert er." � Man sattelte sein Pferd im Hofe des Stadthauses. Leicht schwang er sich in den Sattel, obwohl ihm der grüne Seiden- mantel bis zu den Fersen reichte.. Er pfiff sogar, als er den linken Fuß in den Steigbügel setzte. Auch zwei Trabanten setzten sich zu Pferde und hielten mit gezogenen Säbeln an seiner Seite Wache. Sie hielten aus dem rückwärtigen Thor ihren Auszug, damit die angesammelten Neugierigen nicht schreien und lachen sollten. Das war aber eine Sache zum Weinen! Die Triumvirn sahen zum Fenster hinaus, so lange sie ivegen des immer dichter iverdenden Nebels sehen konnten. Herr Pntnoki rieb sich vergnügt die Hände. „Nun, der ivird das Kecskemeter Horn auch nicht mehr hören!(Denn es war üblich, die Mittagszeit durch Hornrnfe vom Thurni Sankt Nikolaus zn kennzeichnen.) Daun wandte er sich lebhaft den versammelten Bürgern zn:„Jetzt aber be- eilen wir uns, den Tribut auf Wagen zu laden, damit Olaj Beg, wenn er sich erzürnt gegen die Stadt kehrt, die Sendung schon unterwegs finde." Die Trabanten begleiteten Lestyak nur bis ans Ende der Stadt, wie dies bei den Verbannten zu geschehen pflegt. So stand es im Befehl. Es wäre auch schade um die Trabanten gewesen, diese Leute bis ins feindliche Lager zu senden, wo ihrer sicherer Tod harrte. Vielleicht geht Lestyak gar nicht weit, vielleicht schlägt er sich irgendwo seitwärts in die Büsche, die Welt ist ja weit und hat vier Ecken— nun, so mag er es immerhin thun, wenn er nur nicht länger hier lästig fällt. Aber da kam man just an den Rechten. Während er fürbaß über die endlose Schneedecke dahinritt, dachte er beb sich: „Ich zieh' von bannen; ich muß es wohl. Denn wenn ich bleibe, bin ich für immer todt. Geh' ich aber fort, so kann es noch geschehen, daß sie mich zurückrufen. Olaj Beg ist ein kluger Mensch; einen Tobten kann er zn nichts nützen, ein Lebender aber ist ihm stets eine Waare, zumal er mit Sklaven handelt.-Schlinunstenfalls schleppt er mich in die Gefangen- schaft. Das kann man immerhin ivagcn." Mit dem herabhängenden Flügel seines Mantels hieb er dem Ganl eins auf den Rücken, wodurch die arme Mähre einigermaßen angespornt ivurde. Das Roß hatte schöne Karriere gemacht. Gestern noch drehte es sich in der städtischen Tretmühle, und heute sitzt ein Ritter in seinem Sattel.(Gut genug für die Tartareu, spckulirtei» die Trinmvirn.) „Ich werde ans den Richtplatz geschleppt I" murmelte der Reisende, und das Blut kochte ihm vor Ingrimm. Er ballte die Faust. „Ei, könnt' ich nur je wieder heimkehren!" Daim gab er dem Gaul einen derben Stoß, der wohl den Trinmvirn zugedacht war, den aber das Thier crgebungsvoll erduldete. Es erhob sich ein schärferer Wind. Vom Csalanos- Teiche her klang ein fernes Surren und Getöse: der Lärm des Tartaren-Kriegslagcrs. Trabe zu, Mähre, trabe zu? Er kani an einer tragbaren ans Schilf geflochtenen Mauer vorüber, Ivo die Heerden zn überwintern pflegten, die aber nur gegen den Wind Schutz bot. Lestyak müßte vorbeireiten. Vom Pferde herab sah er, daß ein Mann mit breiten:, schwarzem Hut, in einen Mantel gehüllt dort stehe: Vielleicht hatte er sich vor deiii Schneewehen dahin geflüchtet. Der Mann kam näher und sprach: „Stehen Sie mir doch auf ein Wort, Herr Lestyak." Lestyak blickte gar nicht hin und antwortete mürrisch: „Ihr wisset das Wort nicht, das mich zum Stehen brächte!" „Ich bin es— Czinna." Es gab also doch ein Wort, ans welches er stille stand, ja, vom Pferde sprang. „Unglücksmädchen, wie kommst Du hierher? Ei, was Du für ein hübscher Junge, bist." Und dabei lächelte er niatt und traurig. „Es ist gut, daß Sie vom Pferde gestiegen sind, denn ich will es ohnedies besteigen. Konimen Sie doch hierher, hinter die Mauer) aber gleich, und lassen Sie mich den Kaftan um- legen." „Bist Dn wahnsinnig?" „Ich habe alles bedacht, als ich daheim hörte, wohin man Sie schickt. Wenn Sie dahingehen, so tödtet niän Sie oder schleppt Sie in die Sklaverei, nicht?" „Du sagst es, Czinna!... Aber es ist ganz wundersam, daß Du hier bist." Er blickte sie verwirrt an und schien sich an ihr nicht satt- sehen zn können. „Wenn man Sie tödtet, dann gicbt es kaum mehr ein Auferstehen." „Na, das ist wohl wahr." „Keine Späße jetzt! Sie sind ein schrecklicher Mensch! Schleppt man Sie aber weg, so wird Sie gewiß niemand aus- löse». Die Senatoren würden es auch verhindern." : Max biß sich in die Lippen. „Wenn ich aber hingehe und mich als Lestyak ausgebe, und sie mich umbringen wollen, werden sie bemerken, daß ich eine Frau bin und den Frauen thun die Tartaren nichts zu Leide, dann können Sie mich auslösen; wenn sie mich aber nur gefangen mitnehmen, dann können Sie mich um so eher als Lestyak auslösen. Geben Sie also schnell den Mantel her." Und während sie noch dies mit einschmeichelnder, süßer Stimme sagte, hatte sie auch schon den Mantel herabgezogen. Max Lestyak widersetzte sich: „Nein, nein! Wo denkst Dn hin?" Die Argumentation von Czinna hatte ihre Wirkung trotz- dem nicht verfehlt. „Es ist schon möglich, daß es so ist"; und er rieb sich die Stirne.„Ich löse Dich aus, natürlich löse ich Dich ans. Du sagst ja, Dn wärest mir noch ein Leben schuldig. Schweige, man muß das nicht so nehmen. Klügele nicht, Mädchen. Warte ein wenig. Ich weiß selbst nicht, was wir machen sollen." Tns Mädchen aber blieb nicht stehen. Sie hatte den Mantel bereits um ihre schlanke Gestalt geworfen, im nächsten Augen- blick schwang sie sich ans das Pferd. Einen Augenblick später hatte sie bereits der Nebel verschlungen, Lestyak lies ihr wüthend nach. „Bleibe stehen!" schrie er mit donnernder Stimme.„Ich laß' Dich nicht fort. Ich befehle Dir, stehen zn bleiben!" Er konnte schon reden, der Gute. Ein schwacher Augenblick, und der Fehler war begangen. Das Mädchen ging und blieb erst beim Tartarenlager stehen. „Führet mich vor den Feldherr», ich bin Max Lestyak, der Kecskemeter Abgesandte." (Fortsetzimg folgt.) (Nachdruck verbal«».) Otzttv IsvühMck. Aon Franz Kahler. „Ich kanil Dir heute nichts mitgeben, mein Junge. Ich habe nichts ii» Hanse. Sieb' nur zu, daß Du es bis Mittag aushallst." Die Stimme der Frau zitterte. Sie ivandle dem Kleinen den Rücken, daniit er nicht sehe, ivie ihr die Thräne» über die welken Wangen liefe». Sie hätte jedesmal aufschreien mögen vor Schmerz, ivenn sie das Kind ohne einen Bissen Brot zur Schule schicken milßle.'Aber, was half es? Brot schaffte sie damit nicht herbei; und daran fehlte es in der letzten Zeit mir zu oft, trotzdem sie vom Morgengralien bis spät in die Nacht vor der Nähmaschine saß. Bier Mäuler, wenn sie auch noch so klein sind, wollen befriedigt sein! Wenn eine arme Wittive dan» ihre eigene Person auch noch so kärglich bedenkt, reicht es doch oftmals nicht zu. Der Kleine nahm die Miltheilluig der Mutter ziemlich gefaßt hin. In kleiueii Schlückche» trank er den warmen Kaffee, gab seiner Mutter eine» Kuß imd sprang die Treppcn hiiuniter.-- „Schröder! Was starrst Dn denn fortwährend zum Fenster hinaus?" rief der Lehrer dem Sohne der Näherin zu.„Kannst Dir nicht aufpassen? Wenn ich das noch einmal bemerke, stellst Du Dich hier an de« Oje»." Die Drohung schien ans den Kleiueii ivenig Eindruck gemacht zn haben, drei Minuten später schweiften seine Blicke ivieder»ach dem große» Fenster hinüber. Wenn's nur erst Millag ivär', dachte er. Ob die Mutter wohl Kartoffelsuppe kochen würde? Die aß er so gern, ldnd Brot dazu, viel Brot. Hätte er doch nur gleich ein Stückchen gehabt, eine» Bisse», nur einen ganz kleinen Bissen. „Nun stellst Tu Dich an den Ose», Schröder. Schäme Dich, so iinaufuierksain zu seiii.'l Arn Ofen war es schön'.varm. Borhiii fror ihn auch gar zn sehr.... Vielleicht gab's nur Kaffee zn Mittag. Das war ihm gleich, wenn er nur ei» großes Stück Brot dazu bekam. Ach, wenn's mir erst Mittag war!... „Und gelernt hast Du auch nicht?, Schröder. Das kommt davon, ivemi inan in der Schule schon so unaufmerksam ist. Daß mir das nicht wieder vorkommt! Schäme Dich!" Der Jiinge verstand kauin. was der Lehrer sagte. Wen» er nur erst zn Mittag gegessen halte, dann wollte er schön fleißig sei»/ dann wollte er schon alle Frage» deantworten. Er Halle gestern den ganzen Nachmittag gelernt. Aber jetzt ivar ihm so leer im Kopf. Er hätte einschlafe» köinieil, schlafen bis Mittag. Wenn er danii aufwachte, aß er seine Suppe oder trank er seinen Kaffee und kailte Brot dazu, viel Brot, ein ganz großes �Sliick. „Du schläfst wohl gar im Stehen. Dn Faulpelz?" fuhr ihn plötzlich der Lehrer an.„Nun nimm Dich aber zusammen, das ralhe ich Dir!" Das Kind, ivurde ganz munter, starrte den Lehrer mit großen, ansdruckslofen Augen a» n»d hätte ivohl zu weinen angefangen,' ivenn ihm in diesem Augenblicke nicht wieder der Gedanke an das Mittagessen durch den Kopf geschossen wäre. Da lächelte er ver» giiiigt vor sich hin. Der Lehrer schüttelte den Kopf.„Der Junge scheint geistig sehr. zurückgeblieben zu sein", dachte er,„das habe ich noch gar nicht so oemerkt. Wie man sich täuschen kann; ich hielt ihn immer für g.uiz geweckL" Während der Frühstückspause litt Schröder wahre Tautalns- quälen. Fast alle holten ihr Frühstücksbrot hervor und vcrzehrleu es unter Lache», Schwatze» und Lärme». Vor ihm saß ei» dicker, rothbackiger Junge rittlings auf dem Pult, in der einen Hand sei» Butterbrot, in der andere» einen Apfel, und kante mit vollen Backen. Schröder's Augen hiugeu an seinem Munde, als ob er darauf warte. bis ein Bisse» zur Erde falle. Ein paarmal, wenn der Dicke tapfer in die Stulle oder den Apfel bih, bewegte auch der andere un- willkürlich seine Kinnbacken. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Wenn ihm der Dicke doch einen Bissen»bgeben möchte, einen einzigen Bissen, nur einen ganz kleinen. Der sah ihn aber gar nicht an, lachte, kaute, schrie einige Male in den allgemeinen Lärm hinein und schlenkerte voll Wohlbehagen mit seineu kurzen Beinen. „Das> Du mir ja nicht etwa einmal bettelst!" hatte ihm die Mutter gesagt.„Hunger thnt nicht wohl, aber erbetteltes Brot schineckt bitter, ist schlimmer ivie Gift. Veist die Zähne zusammen, mein lieber Junge, bis Mitlag muß es schon gehen!" Aber, er halte doch solche» Hunger. Vielleicht ließ ihn der Dicke einmal abbeiße». Ehe er noch recht wußte warum, war Schröder über das Pult geklettert und saß dem Dicken gegenüber. Er sagte kein Wort, aber seine Augen schiene» den Nest der Stulle und des Apfels verschlingen zn wollen. Der Dicke erschrack, hielt beide Arme hoch in die Höhe, wie eS Kinder machen, wenn ein hungriger Hund nach dem Brote i» ihrer Hand schnappt, und schrie entsetzt:„Stein,»ein, meine Mama hat mir extra gesagt, das; ich die armen Kinder ja nicht abbeißen lassen soll! Ich sag's dem Lehrer, wenn Du nicht gleich weggehst." Beschämt, wie im Traume, halb ohnmächtig kroch der Kleine ans seinen Platz zurück, während der Dicke nach dem entgegengesetzten Theile des Zinnners stolzirle, nicht ohne ein vaar Mal zornige Blicke»ach dem frechen Slörer seiner behaglichen Mahlzeit geworfen zu haben. Die letzte Unterrichlsstilnde neigte ihrem Ende zn. Seit einigen Minuten pochte»nd hämmerte es im.Kopfe des kleinen Schröder, als ob seine säinnillichen Mitschüler mit Händen nnd Füßen ans der Diele und den Pulten herumtrommelteii. Das Pult»ut dem Lehrer, die Landkarte, die Wandtafel, die Pulle vor ihm mit stimmt den Schülern, kurz das ganze Zimmer, drehten sich im Kreise um ihn herum, immer schneller, imm.r rascher, und plötzlich wurde es dunkel UM ihn, finstere Nacht.... � Als er nach einiger Zeit wieder die Augen aufschlug, saß er ans dem Stuhl des Lehrers. Dieser stand mit einem halbvolle» Glase Wasser in der Hand vor ihn, und um ihn herum drängten sich neu- gierig seine kleinen Kameraden, ganz im Vordergründe der dicke Junge. „Geht es Dir besser. Schröder?" frng der Lehrer.„Was fehlt Dir eigentlich? Wenn Du krank bist, hallest Du zu Hause bleiben sollen." „Ich... ich bin ja nicht krank... Herr... Herr... Lehrer. Ich habe nur sdt... solche» Hunger!"--- UUciiic# Iscuillokon „O du fröhliche, o du scclige Weihnachtszeit!" Es nahen die Ltnstlage, nun beginnt die Zeit' der blutenden Herzen. Wie sie glitzern die große» Straßen, in Nässe und Schnee und der sieberhasien Erivartling der Läden! Es ist ei» wärmerer.. Ton in alledem: nicht mehr so gereizt, so nervös wie sonst. Da ans der Leipzigerstraße ein Babrsslore: eine Ammenplsppc mit ihrem Sängling, dessen weißes spitzenreiches Tragekleidchen fast zu Boden hängt, künstliche Betlchen, Schwämme, Puder, Kiuderstühle mit bunlen Kugeln, die den Farbensinn des 5bleineii wecken und den Unterricht im Zählen spielend in die Wege leiten solle». Und davor die dürftigen kleinen Geschöpfe, die ihre Hampel- Männer ivie besessen springen lassen:„Zehn Psennige das Stück, nur zehn Pfennige, die Herrschaften!" Andere wieder biete» bewimpelte Ruthe» seil. Nun, das ist mindestens etwas, ans dessen Genuß sie gern verzichten. Denn auch dieses sind Werlhgegenstände. Arme Geschöpfe, wie wird euch die Riesenstadt noch zerinalmen und verachten, besonders, euch, ihr Mädchen verderben, eh' euch der Tod von ihr erlöst! Da wankt ein großer, schlecht zusammenhängender Mann vor- bei, unter seinem linke» Arme trägt er ein Kinbersärglein. Der bringt seinem Kindlein das beste Weihnachtsgeschenk heim, Peter Hille. Theater. --Wilhelm von Polenz, der Verfasser des Romans: „Der Büllnerbaner", hat ein den Abend füllendes Lustspiel ge- schrieben, das seine erste Aufführung im Dresdener Hof- t h e a t e r erleben wird.—■ Kunst. --t Iii der N a t i o» a l g a l l e r i e ist das Bildivcrk„Der H n n n e" von E r i ch H o e s c l- Dresden änfgeftellt ivorde». Es recht die Erscheinung eines Hunnen, dessen Pferd vor einem am Wege liegenden Schädel ziirückschent. Die Gruppe war 1896 ans der internationalen Jnbiläunis-Ansstellung in Berlin und brachte dem Künstler die kleine goldene Medaille ein. Inzwischen ist sie in Bronze gegossen und während des letzten Sommers in Dresden ausgestellt worden.— Kunstgewerbe. h. Modernen englischen Schmuck und andere Meiallarbeite» hat die Kunsthandlung von Keller u. Reiner ausgestellt. Es sind Arbeiten der Guild ond Schoo! of Hnndicraft in London, die unter der Leitung von C. N. A s h b e e seit ungefähr zehn Jahren die englische Kleinkunst der Metall- bearbeitnng resormirt nnd bereits eine solche Beachlniig sich errungen hat, daß sie gegenwärtig a» 790 Schüler zählt. Bei de» ausgestellten Schmuekgegenständen macht sich eine sehr geschmackvolle Verein- fachung der Formen bemerkbar. Blumen- und Jusektensormen iverde» derartig stilisirt, daß sie karlonchenartig erscheinen. Die Farben sind gedämpft nirgends erblickt man blinkende Flächen oder lebhast schillernde Steine. Leider ist die Größe der meisten Brochen eine »»zweckmäßige. Die in ihren Linien äußerst feine Brache aus drei altgrnuen, silbernen Bienen mit Türkisen wäre halb so groß als jetzt recht branchbar. Bei dem Suchen nach Neileni ist eben manches Experiment mißglückt, so auch die fünf bis sechs Zentiuieler hohe aus Kelch, Blüthenblättern und Staubfäden ans- gebauten Blumen. Schmuck, der wie dieser, wegen seiner Höhe der Trägerin hinderlich sein muß, dürste bei»ns keine Käufer finden. JmmerHi» ist zn wünschen, daß unsere Gold- schmiede sich einige Grundsätze der Engländer aneignen. Denn die jetzt noch hei uns gebräuchliche geschmacklose Ueberladenheit des Schmuckes läßt die Phantasie des Arbeiters erstarre», trotz des Leipziger Allerlei von Slile», das wir in de» Schaufenstern tmserer Goldschmiede finden. Eine Bercinsachung wäre kein Schritt zur Forinenarnittth; sie würde im Gegentheit eine Bereicherung des Forinenschatzcs herbeiführen. Natürlich muß man bei der nnerschöpf- liche» Schöpferin Nainr i» die Schule gehen.— Heber die silbernen Becher nnd Schalen wäre dasselbe zn sagen. Ihre Forme» lehnen sich an altschivcdische nnd auch orientalische Muster an, ebenso die viele» 5inpscrlrcibarbeiten. Vielfach ist der rauhe Hammerschlag sehr wirkungsvoll als Umrahmiing und Grund für das Ornament benutzt. Glatte Flächen hätten sich zn hart und un- organisch abgehoben. Bei einem Pult hat man eine» Fehler be- gange»: Ans die zum Schreiben dienende Fläche hat man gepunztes Leder gcheslet. So schön es in Form und Farbe ist, kein Mensch kann darauf schreiben. Sieht man jedoch von diesen kleinen Ver- irrnngen ab. so kann man unser» Kunstgewerblern doch immer noch die eigenartig- schivnugvolle» Linien znr Beachtung empfehle».— Völkerkunde. ck. x. V e r h e i r a t h» ii g der B ä n in ch e n nennt sich ein merkwürdiger W e i h n a ch l s b r a n ch der ungarischen Zigeuner. Die sonderbare Zeremonie wird am heiligen Slbend und am erste» Festtag vorgenommen. Am heilige» Abend wandern die Zigeuner»ach dem ihrem Lager zunächst gelegenen Hügel nnd schlage» dort kleine Weiden- nnd Tannenbänmchen in die Erde. Die Zweige der Weiden werde» z» Knote» verschlungen, dann legt man um beide Stäimne ein rolheS Band, und die„Ehe" ist vollzogen. In der Nacht liegen die Zigeuner auf der Lauer. denn mit dem Glockenschlage Zwölf erscheinl über be»„verheirathetcn Bäumchsn" der„Allsamenbanm" dessen Anblick Gesundheit n»d ewige Jugend verleiht. Der Allfamenbaum entspricht etwa der germanische» Weltesche Igdrasil. Seine Krone reicht bis in den Himmel, seine Wurzeln ruhe» im Munde einer Niesciischlange, an den Zweige» trägt er den Samen von alle» Pflanzen der Welt. So lange er sichtbar ist(und es giebt Zigeuner, die ih» gesehe» habe» wolle»), darf niemand reden, wer es doch thnt, wird wahnsinnig. Am ersten Weihnachtstag in der Frühe versammelt sich die ganze Zigennerbande auf dem Hügel. Während einige ein Feuer enlzünden und die Bänmche» verbrenne», bilden die andern eine lange Reihe, tanzen drei Schritt vorwärts und drei Schritt nach links nnd singen dabei: „Christlag wird nun balde»ahn— Ach seit lang' kein Holz wir sah'».— Ende Golt des Arme» Noll)— Schick' ihm Holz nnd weißes Brot." Nach Schluß des Liedes bleiben sie stehe», wiegen sich Nach rcchls und links und tanzen chnnn mit dem Ruf:„O rother, o schwarzer, o weißer Vogel, gebt»ns Brot!" einige Schritte vor- wärts. Unier dem rothe», schwarzen und weißen Vogel sind die drei Himmelsvögel der Zigennersage zu verstehen/ die den Menschen bald Schaden, bald Nutzen bringen. Das ganze wird wiederholt. bis der letzte Rest der Bämnchcn verbrannt ist. Die Asche wird unter die verschiedene» Familienhäupter des Stammes vertheilt, die sich damit in ihre Zelte oder Erdhöhlen begeben, sie dort in ihre Stiefel thnn und diese Stiesel dex Nteihe nach von sämmtlichen männlichen Angehörigen anziehe» lassen. Der originelle Brauch soll die Liebe der Fmmtienglieder zn einander stärken.— Embryologischcs. — Die Entstehung und E n t w i ck e l u n g des Auges der W i r b e l t h i e r e behandelte ein, in der„Kölii. Ztg." anszngs- weise mitgetheilter Vortrag,' den Dr P r ö b st i n g im Verein zur Beförderung des Nalnrhistorischen Museums in Köln hielt. Um Material zur Verfügung zu haben. Las in der frühesten Periode und in beliebigen Abschnitten der fortschreitende» Entimckelnng unters»cht werden kann, hat man die Beobachlnnge» an die Entstehung und Ent- Wickelung des Hühnchens augekmipfd Die so gewonnenen Ergebnisse aber sind maßgebend für alle Wirbelthiere und auch mit uubedentende» Abänderungeii für den Mensche». An dem Ei. ans dem das junge Huhn durch Bebrütung entsteht, ist der für die Entwickelung wichtigste Theil das linsenförmige, helle Keimbläschen, das in der sogenannten Keimscheibe aus dem Dotter schwimmt. Aus dem Keimbläschen entsteht das neue Lebewesen, die übrigen Theile des Eies dienen ihm nur zur Nahrung. Die Bildnngszelle zerfällt durch die sog. partielle Furchung in zahlreiche andere kleine Zellen, und diese ordnen sich zu bestimmte» Schichten, die man 5tei»iblätter nennt. An der Bildung des Auges nehmen das obere und das mittlere Keimblatt theil. Zunächst entivickelt sich infolge der Bebrütnng durch komplizirte Vorgänge ans dem äußern Keimblatt das sogenannte Medullarrohr als Beginn des Rückenmarks. Es schnürt sich vom äußern Keimblatt ab und be- findet sich dann im mitllern Keimblatt. Am vorder» Ende des Rohrs bilden sich blasensörmige Anstreibnngen, aus diese» entsteht das Gehirn. An der vordersten Austreibung buchten sich bald die Wände seitlich aus, und diese Ausbuchtung des Gehirns ist die erste Anlage des Auges. Durch einen höchst merk- würdigen Vorgang, nämlich durch eine Wucherung des äußer» Keim- blattes, wird eine Einstülpung dieser Augenblase herbeigeführt, so- daß der sogenannte Augendecher eulstehl, in dessen Höhlung sich die Augenlinse gebildet hat durch Abschnürnng der eingedrungene» Wucherung des äußeren Keimblattes. Bel der Weitereutwickelnng des Auges tritt nun das mittlere Keimblatt besonders i» Thäligkeit. Dadurch, daß Theile desselben durch eine an der Fläche des Bechers entstandene Spalte in das Innere des Auges eindringen, eutivickell sich der Glaskörper, und in diesem bilden sich zahlreiche Blutgefäße wieder ans dein mittleren Keimblatt. Diese Blut- gefäße schwinden vor der Geburt, sie bleiben nur in dem sogenannten Sehnerv, der sich ans dem Stiele des Bechers und Theileu des mittleren Keimblattes gebildet hat. Mit der Umwandlung der ersten Augeublase in den Lmsenbecher, mit der Bildung der Linse und des Glaskörpers ist dann die Anlage des Auges in de» Haupttheile» beendet. Redner besprach dann weiterhin die Veränderungen, die au der Linse und dem Augendecher vor sich gehe», nämlich die Gestaltung der Linsenblase zu einem soliden Gebilde, um das sich allmählich Schichten wie die Schalen einer Ziviebel legen, das Entstehe» des wichligften und kompli- zirteste» Theiles des ganzen Sehorgans, der Netzbant ans dem Augenbecher und die Enlwickelung des Sehnervs. Endlich wandte die Betrachtung sich de» äußer» Hülle» des Auges zu, die nur zur Ernährung und zum Schutze des Auges dienen: es sind dies die Aderhaut, die Regenbogenhaut und die Lederhant, die in ihrem vorder» Abschnitt Hornhaut heißt. Anziehend ist auch die Ent- stehnng und'Ausbildung der Neben- und Hillsapparate des Sehorgans, zunächst der Lider, durch die es bedingt ist, daß die Mensche» wie die meisten Wirbelthiere sehend, Hnnde, Katzen u. a Thier« blind geboren werden, bei den Schlangen die Lider durchsichtig sind. Auch nach der Geburt sind noch mancherlei Veränderungen im Auge zu beobachten; alle Kinder werden z. B. mit blauen Augen gebore», und erst allinälig tritt die bleibende Farbe der Llegenbogenhaut ein.— Gesundheitspflege. — Die Errichtung eines groß angelegten Laboratoriums für Hygiene und ansteckende Krankheiten wird in Schweden vorbereitet. Zu de» Aufgaben des Laboratoriums soll vornehmlich die Herstellnng von Heilserum, Tuberkulin und gleichartigen Mittel» gehören. Von Interesse ist, wie die Nothwendigkeit der staatliche» Förderung dieser Seite der wifsenschaftlich-medizinischen Technik begründet wird. Die Heilserumforschung, so wird in der Begründung gesagt, ist ungemein kostspielig. Der einzelne medizinische Forscher oder die einzelne wissenschaftliche Anstalt kann die großen, dafür erforderlichen Mittel nicht ausbringe». Da muß der Staat ein- springen. Staatseiurichtungen für Heilserumgewinunng seien- auch deswegen zu verlangen, weil sie die wichtige Kontrolle des Serums ganz wesentlich erleichtern. Die Ausgaben, die dem schwedischen «staatslaboratorium für Hygiene zugewiesen werden, decke» sich mit denjenigen, die bei uns das Institut für Jnseklionskrankheiten hat. es sind das Studium der ansteckenden Krankheiten, der Seuchenabwehr und Seuchenbekämpfung. Dazu kommt aber»och die Förderung der gerichtlichen Medizin.— Physikalisches. b. D e r B l i tz a l s M a g n e t i s e u r. Es ist eine längst be- kannte Thatsache, daß Felsen und einzelne lose Mineralprobcn an bestimmten Stellen eine» eigenartigen magnetischen Zustand auf- weisen, und die Gelehrten haben auch schon früher den Blitz für die Ursache dieses Magnetismus gehalten. Beweise dafür, daß das Einschlagen eines Blitzes den getroffenen Felsen in magnelischen Zustand versetzt, sind erst jetzt gegeben worden, und zwar ziemlich gleichzeitig durch einen deutschen und einen italienischen Forscher. Der deutsche Gelehrte, namens Pocket aus Dresden, ist ganz experi- mentell vorgegangeu und hat die natürlichen Verhältnisse i» der Untersuchung nachzuahmen versucht. Er nahm eine große Influenz- Maschine, welche bei der Entladung elektrische Funken von vier bis acht Zentimeter Länge lieferte. Diese Funken stellten die Blitze dar, und es wurden nun Mineralproben diesen Funken derart ausgesetzt, daß die Entladung sie von der Seile traf oder ganz mit Elektrizität einhüllte. Vor und nach jedem Versuche wnrde dann mittelst eines kleineu Kompasses der magnetische Zustand der Mineralien unlersncht. In einer Reihe von Fällen erhielt man wirklich sehr bestimmle Abweichungen der Magnetnadel nach der Einivirkung der elektrischen Funken, gewöhnlich war die Abiveichung zwischen IV und 12 Grad; ein Felsstück aber, das vor dem Versuche nur schwach magnetisch war, veranlaßte nach dem» selben sogar eine Abweichung von 90 Grad. Ein Stück Basalt war und blieb nach der Einwirkung der künstlichen Blitze ein richtiger Magnet. Uebrigens erwies sich die Vertheilung des Magnetismus in dem Gesteinsitück als ebenso ungleichmäßig, ivie sie es bei den natürliche» Proben ist. Die Stärke des erzeugten Magnetisnms hing in der Regel von dem Gedall der Probe an Eisen oder Magnetit ab. Die Proben waren säminllich aus Felsen gewählt, bei denen»atür» liche magnetische Eigenschasten beovacbtet waren, vier unter ihnen stammten sogar ans der Nähe von Maguellagern. Pocke! schließt ans seinen Beobachtnnge», daß der Ursprung der magnetischen Masse» in der Erde überhaupt auf die Einivirkung von Blitzschlägen zurückzuführen sei. Folgheraiter in Rom ist derselben Ansicht, daß das Vorhandensein magnetischer Pole in vielen Mineralproben und besonders in vulkanischem Gestein atmosphärischen Entladungen zu- zuschreiben ist. Er folgerte daraus, daß, wenn diese Annahme richtig wäre, sich ei» solcher Magnetisnitts auch in dem Mauerwerk von Bauten finden müßte, ivelche dein Blche ausgesetzt waren. Dies ist z. B. bei de» Blöcken basaltischer Lava der Fall, deren man sich in der röinischen Kampagna vielfach als Banmaterinl be- diente. Die Untersiichung hat die Verinulhnng Folgherailer's in der That bestätigt, dekln er fand nicht nur in den Mauersteinen vieler alter Ruinen Spuren magnetischer Eigenschaften, sonder» sogar in den Ccmentschtchten zwischen den Mauersteinen. Hmuoriftischcs. — Ein W a i d in a n n. A.: Also der Herr Sommer jagdt jetzt auch! Hat er den» schon etwas erlegt?"— B.:„O ja: das Geld für'u Jagdschein!"— — Unterscheiden wir genau!„Schau, Vater, do isch a Wasser."— Bater:„Dös isch koi Waffer, dös isch a Wässerte.— — Ein Elementarereigniß. Lehrer:„Wir haben also in der letzlen Stunde über Eleincntarereignisse gesprochen. Schulze, nenne mir'mal die hauptsäcklichsten."— Schulze: „Gewitter, Orkane, Wasserhose»—".— Lehrer:„Nun, das wichtigste Elementarereigniß wirst Du doch wisse», was schon Tausende mit einem Schlage ins Verderben gestürzt? Die E—"— Schulze(mit Stentorstimme):„D i e E l e m e n t a r l e h r e r."— („Jiigend.") Beruiischtes von« Tage. y. In Tewel bei Nenenkirche»(Kreis Soltan) wurden sieben Personen, Mitglieder einer Jagdgesellschaft, durch eine» znfällig losgegangene» Schuß theils leicht, theils schwer verletzt.— — In K r e b s j a n ch e wüthen Masern und Scharlach. Die unterste» Klaffen der Schule sind geschlossen worden. Der Kassenarzt wohnt drei Stunde» von Krebsjauche entfernt.— I» K ö n i g s h ü t t e ist die Frau eines Arztes an Blutvergiftung gestorben. Die Bluivergistung entstand dadurch, daß in einen Riß am kleinen Finger, der nicht beachtet wnrde, beim H a s e n h ä u t e n Leichengist eindrang.— — Feudal. Graf P ü ck l e r auf K l e i n- T s ch i r n o bei Glogau hat sich ein„Freikorps" gegründet, mit dein er von Zeit zu Zeit Hnfarenritte in die umliegenden Ortschaften unternimmt. Die Pückler'sche Leibgarde, größtentheils ans Host- Arbeitern bestehend, ist in Uniform gekleidet(Schlappbut mit blauer Bandschleife und rothe Weste), führt als Waffe Lanzen und besitzt eigene Signaltrompeier, die der Graf selber einübt. Arn letzlen Montag wurden von de» Pückler'sche» Freischärlern, dem„Niederschl. Anz." zufolge, wieder verschiedene schneidige Kavallene-Altacke» gemacht und mehrere Ortschaslen, die sich im tiefsten Frieden wähnten, im Sturm genommen.— — In Paris wurde ein Thierbändiger von einem Löwen gepackt und so zerfleischt, daß er mit knapper Roth dem Tode entrann.— — In einem Jahrmarkts-Theater in Grosse bei Cannes(Siidfrankreich) stürzten die Bänke e.in; etwa hundert Personen wurden leicht, einige schwer verletzt.— — London, 15. Dezember. Die amtliche Untersuchung über den letzten großen Brand in der City hat heute begonnen. Es wurden niehrere Zeugen verhört, welche aussagte», daß das Feuer gleichzeitig an zivei Orten i» den Geschäsisräumen des Hauses Waller and Brown ausbrach und daß die Flammen ganz weiß waren. Di« Aussagen der Sachverständigen lautete» dahin, daß unbestreitbar der Brand n i ch l auf einen Zufall zurückzuführen ist. Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn- tag, de» 19. Dezember. Berantivortlicher Redakteur: Anglist Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Nading in Berlin.