Anterhaltiingsblatt des Horwürts Nr. 1. Sonnabend, den 1. Januar. 1898. (Nachdruck verbolen.) � Allkagsleuke. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. l. Das Trauermagazin in der Jägerstraße gehörte der Tante Schweder. Jedermann kannte sie unter diesem Namen, und das hatte seinen Grund darin. daß ihre Daseinsthätigkeit eigentlich nur in der Sorge für zwei Neffen bestand. Christian, der Theologe, machte ihr Freude, Albert, der Agent, beständigen Aerger; einer wog den andern auf. Ein Trauermagazin ist schon seinem Namen nach kein Ort des Vergnügens, speziell in Schweder's Magazin aber hielt Aerger aller Art nnverhältnißmäßig häufig Einzug. Vielleicht lag das daran, daß die Tante eine cholerische Natur war und die Kümmernisse des Lebens sehr schwer nahm. Sie konnte über jegliche Person in Aufregung gerathen: über den Agenten, über ihre Schwägerin, des Agenten duldende und immer traurige Mutter, über das Lehrmädchen Jettchen und vor allem natür- lich über Herrn Kreiser. „Meine Geduld ist jetzt am Rande/ sagte sie.„ich ertrage das nicht niehr, ich halte das nicht mehr aus. Dieser Kreiser ist ein Nagel zu meinem Sarge/ Ihre Schwägerin suchte sie zu beruhigen, und der Theologe Christian hatte einige fromme und freundliche Trostworte. Aber die gössen nur Oel ins Feuer. „Lieber," sagte die Tante,„sollen mein eigenes Hans und das ganze Trauermagazin zusammenstürzen, ehe ich das länger niit ansehe. Habeich noch Ruhe, seit dieser Mensch hier wohnt? Habe ich an meinem eigenen Hanse noch Freude? Ich werde nnt dem Justizrath sprechen. Wenn es Gerechtigkeit je ge- geben hat, so muß dieser Schurke aus dem Hause. Ich denke christlich und bin in allen Dingen duldsam, aber das geht über das Maß." Herr Kreiser, der Gegenstand dieser Erörterungen, war Photograph und wohnte im Hinterhause seit bald zwölf Mo- uaten. Gelegentlich einmal hatte die Taute oben im vierten Stockwerk der besseren Ausnutzung halber ein Photographen- atelier bauen lassen, das mehr als sechstausend Mark Unkosten verursacht hatte und allen Hoffnungen zuwider beständig leer stand. Als nun etwa zwei Jahre nach dem Umbau sich end- lich ein Miether in Gestalt des Herrn Kreiser gefunden hatte, erhielt er das kostbare Atelier ohne weiteres zugesprochen und zwar unter der glänzenden und beispiellosen Vergünstigung, daß die Miethe für seine Wohnung im Hinterhause jährlich, die für das Atelier halbjährlich, beide aber erst postnumerando zu zahlen seien. Herr Kreiser war in seiner Art ein Original. Er hatte vom Photographircn nur eine schwache Ahnung, verfügte aber zum Unheil aller Leute, die je mit ihm in Berührung kamen, über ein starkes Rednertalent. Ohne Möbel, Koffer oder irgendwelches Eigenthum hielt er mit seiner Tochter in den» Atelier Einzug, aber der Miethskontrakt verschaffte ihm allent- halben einen weitgehenden Kredit. Es wurden Apparate, Möbel, Teppiche und eine ganze Einrichtung der Reihe nach entliehen, ein Gehilfe wurde angestellt und das eigenartige Ge- schüft ziemlich stilvoll eröffnet. „Schon damals ," sagte die Tante,„hätte ich diesen Menschen durchschauen und merken müssen, daß alles Lng und Trug war. Ich muß völlig besinnungslos gewesen sei». Ich war mein Leben hindurch eine streng und rechtlich denkende Frau, solche Gemeinheit hätte ich nie für möglich gehalten." In einer großen Stadt finden sich immer viele Leute, die für ihr Konterfei Geld auszugeben geneigt sind, und da die Geschäftslage für das Atelier eine gute war, ließ sich die Sacke zuerst leidlich an. Mit der Zeit aber lernte Herr Krciser selbst photo- graphircn, und das war des Ateliers Ruin. Er hatte keinen Geschmack. Er nahm ältere Damen in ganz falschen Stellungen auf und konterfeite Brautpaare in Positionen, die ästhetisch unschön waren. Einmal ließ sich auch die Tante bei ihm photographircn, vielleicht nur deshalb, um auf einen Theil ihrer Kosten zu konnnc». Natürlich glaubte Herr Kreiser in diesem Falle be- sonders originell sein zu müssen. Er hatte einen Hintergrund angefertigt, der eine schwache Aehnlichkeit mit dem Wohnhause hatte, zur größeren Deutlichkeit las man aber an der Front dieses gemalten Hauses mit auffallenden Buchstaben das Wort„Trauermagazin". Vor diesen Hintergrund wurde die nichts ahnende Tante gesetzt. Sie erhielt durch lange Korrekturen das Aussehen einer betrübten Person und mußte ein Taschentuch in der Hand halten, das im Bilde ohne weiteres auf Thränen deutete. Der Hintergrund wurde nach der Aufnahme schnell wieder zugedeckt, um die Ueberraschung der Tante nicht vorweg zu nehmen, und drei Tage später brachte der Prinzipal selbst das erste Dutzend dieser Bilder hinunter. Die Tante war nicht anwesend, und Herr Kreiser forderte das Gutachten der Laden- fräulcin. Das Erstaunen aller war grenzenlos. Natürlich glaubte jedermann, das Arrangement des Bildes sei der Tante eigene Idee, und die Urtheile waren daher zunächst vorsichtig. Die Szene aber, als die Tante kam, ihr Bild in aller Händen sah, dieses Bild betrachtete und halb ohn- mächtig wurde— dann aber sofort Herrn Kreiser hinaus- weisen und sämmtliche Bilder verbrennen ließ, die Szene war grotesk. Seit jener Zeit lebten Herr Kreiscr und die Tante auf dem Kriegsfuße. Die erste Rache des Ateliers war die, daß eines Tages das Bild der Tante unten im Photographen- kästen hing und aus der ganzen Nachbarschaft Lachlustige herbeizog. Die Tante strengte eine Klage an, und nach langen Ver- Handlungen wurde das Bild entfernt. Ein anderes Mal stellte Herr Kreiser in seinem Kasten Bilder vom Ballet aus, nette kleine Mädchen in kurzer Gaze. Da aber der Kasten kontraktmäßig am Eingange des Trauer- magazins hängen durfte und hing, so war die Tante mit Recht darüber empört. Dergleichen Scherze wechselten hin und her, und erst nach sechs verbitterten Monaten fand der Krieg seinen Abschluß. Herrn Kreiser's glänzende Lebensepoche war zu Ende, Gerichts- Vollzieher nahmen im Auftrag der Lieferanten sämmtliche Sachen in Beschlag, und die Tante hatte das Nachsehen. Das Atelier war verwüstet, die Tapeten bekleckst, Glasscheibe» zer- brachen und Oelfarbenflecke an den unmöglichsten Orten. Herrn Kreiser's Nachbarschaft aber wurde die Tante damit keineswegs los, denn die Wohnung im Hinterhause hatte er, wie bereits erwähnt, aus ein ganzes Jahr erhalten. Nie war eine geschäftskluge Frau so schmählich über's Ohr gehauen, und alle Ladenfräulein des Magazins, vor allem der Tante Todfcindin, das Lehrmädchen Jcttchen, verfolgten den Kampf mit Wonne. Natürlich ging es jetzt mit Kreiser schnell abwärts. Arbeit zu suchen war er zu faul geworden,, und seine Tochter Anna, die ihm bisher die Wirthschast geführt hatte, mußte sich eines Tages so weit erniedrige», im feindlichen Lager um ein Al- mosen zu flehen. Glühende Kohlen auf anderer Leute Haupt zu sammeln, ist eine der angenehmsten Handlungen auf weiter Erde, und die Tante gab deshalb Ordre, daß jdem vor Kälte und Hunger zitternden Mädchen warmes Essen verabreicht werden sollte. Man mochte das siebzehnjährige Ding im ganzen Hause gern leiden; sie hatte etwas Weiches in ihrem Wesen, das sich rasch schmiegt und unterduckt. Ihr Gesicht war nicht schön, aber rund und niedlich, und da in allen Küchen erzählt wurde, daß Papa Kreiser sein Töchterchen bisweilen bösartig prügle, so wurde sie allgemein bedauert. Mit diesem Prügeln war das freilich nicht gar so schlimm. Der Photograph führte seiner Tochter gegenüber allerdings eine— wie man optimistisch sagt— ziemlich leichte Hand, aber neben seinen minderwerthigcn Eigenschafte» hatte er doch auch ganz wackere Absichten, und eine derselben war die, auS seinen Kindern bessere Leute zu machen als er selbst war. Als die noch klein waren, ging er mit ihnen Sonntag? spaziren, fing für Aennchen Schmetterlinge und ließ mit dem Jungen Drachen steigen, sparte in der Woche, um mit Frau und Kindern bisweilen in den Zoologischen Garten zu gehen, und war alles in allem eine Art von Jdealvater. Aber die Frau starb, der Junge kam in die Lehre als Kellner und ließ sich faum je noch sehen, und was Acnnchen betrifft, so blieb sie mir zunehmendeit Jahren mich nicht eben der niedliche kleine Kerl von einst. Sie trieb sich viel herum und über- raschte Herrn Kreiser mit vielen herzlichen Küssen, die sie dem Photographengchilfen in der Küche z>l theil werden lieh. Der junge Mann erhielt daraufhin seinen Abschied und Aennchen eine kleine Tracht Prügel, die sie mit solch entsetzlichem Weh- geschrei qnittirte, daß die Dienstniädchen in den Küchen zitterten, und Herr Kreiservon dieserZeil an als ein miserablerTyrann galt. Mit deni Ruin des Ateliers war seine Kraft so ziemlich gebrochen. Die Noth kam ins Hans, und das Mädchen hatte von dem Vater nichts mehr zu fürchten. Eine zeitlang befaßte er sich noch mit allerhand neuen Projekten, aber das Glück war ihm nicht zum zweiten Mal hold. Eigentlich war es um Herrn Kreiser schade. Er besaß einen erfinderischen Kopf und wäre �in besseren Verhältnissen wahrscheinlich ein ganz tüchtiger Kerl geworden. Sein einziger Bruder, der gleich ihm stets ein außerordentliches Talent hatte, Projekte zu ersinnen und in jedem Schutthaufen Gold zn wittern, war als junger Mensch nach Amerika fegangen, wo er steinreich geworden war. Er hatte auch vor anger Zeit einmal Geld geschickt, aber es lag nicht in der Art der Kreiser's, sich viel um einander zu kümmern; man wußte nicht einmal, wo er jetzt ivohnte. Eine Extrasrende wurde der Tante bereitet, als eines Tages der Polizeiwachtmeister bei ihr erschien und allerhand Fragen stellte:„Was Herr Kreiser eigentlich jetzt thnc,— ob er verdächtige Besuche erhalte— wovon er sich ernähre— und so weiter." Die Tante wurde kreidebleich, und der Wachtmeister hatte Mühe, sie zu beruhigen. (Fortsetzung folgt.) ZVoilzenplattvevei. Ein paar Jährchen noch und es hat ausgelitte» das neunzehnte Jahrhundert. Vielbewundert, vielgescholten! Das Wort gilt auch von ihm. Man hat sich in seinem Glan; gespiegelt, als die Welt noch liberal war. Man hat vom Zeilalter der Erfindungen, des Fortschritts, der Zivilisation geschwärmt. Da aber aller Fort- schritt und Gewinn den Einzelnen, alle Mühsal, geistige und leibliche, den Masse» zugefallen war; da aus diesem Zwiespalt«in neues Ideal emporwuchs: so schas man ein anderes Schlagwort für das scheidende Jahrhundert. Müde und verzagt wurden Jene, die ihre alte Anschauung verloren»nd zur neuen sich nicht bekennen n, achten. Sie glichen Chamisso'S Schlemiehl, der um seinen Schatten gekommen war. Sie erfanden das bange, matte Wort vom„frn de siecle", von»„Ausgang des Jahrhunderts", das seither oft in unsinnigster Bedeutung an« gewandt wurde. Ihnen erschien das scheidende Jahrhundert nebelgrau, wie ein Novenibertag. wenn der schwere Negen in den Lüsten hängt. Die entsagungsvolle Stimmung, die in der vielmißbrauchlen Bezeichnung vom„kin de siecle" zum Ausdruck kam, war von den obersten Profitjägern unserer Zeit nie getheilt worden. Nicht bei uns und auch nicht anderSwo. Die voraab an der Tafel des Lebens sitzen, haben kaum Zeit, trüben Stiminungen nachzuhängen. Energischer und rücksichtsloser ist das rastlose Streben»ach Gewi»», massiger und rasfinirter zugleich ihr Genuß geworden. Ihnen bedeutet die Sylvesternacht nicht die jähe kurze Lust, die sie tauseuden von Proletariern bedeutet. Eine alte, schöne Berliner Vtedeusart, die jetzt vcrgeffeu ist. sagte von einem Schlafende»: Er niinmt ein paar„Oogen voll" Traum. Ein paar Auge» voll Train», ein paar flüchtige Augenblicke der Selbftvergessenheit find de» Aller- meisten unter uns in der Sylvefternacht vergönnt; dann kommt sofort das rauhe Erivachen. Denen, die im Besitze find, hat das abgelaufene Jahr im allgemeinen»idst wehe getha». Sie haben kaum einen ernsten Grund, ihn» zu fluchen; die Kohlen- und Eisenbarone im Westen, wie die Großgrundbesitzer im Osten mögen einander in die Ohren raunen: Es geht immerhin vorwärts. Als man das 19. Jahrhundert noch schwärmerisch das Zeit- aller geistiger Befreiung nannte, da kannte man in der sogenannten tonangebenden Gesellschaft von Berlin noch die vielbespöltelte» Thee- abende. Die bürgerliche Welt war damals»och zuknnflsfroh; man war geistig regsam; nnd so konnte» lebhafte Tischgespräche auch bei Thee mit belegten Brötchen geführt werden. In Neu-Berlin hat der prunkende Besitz mit solchen Dingen längst ein Ende gemacht. Die kostbarste Bewirlhung wird zur Haupt- fache; man blendet, man übertäubt einander, und die Geselligkeit in der Emporkömmlingsstadt Berlin, ich meine die Geselligkeit in der sogenannten tonangebenden Welt, hat selbst in benachbarte» Groß- städten, wo ähnliche Zustände herrschen, einen übelen Beigeschmack erhalten. Dem Magen fröhnt man bis zum ekele» Ueberdruß. Besonders markant sind die Sylvester- Gesellschaften in„feinen .Häusern", Die Sylvester- Nacht trug von jeher sür Berlin ein karnevnlislischeS Gepräge. Selbst der mächtige Straßenradau, den die alllvallende Polizei in den letzten Jahren freilich gehörig ein- dämmte, war ein Ausfluß karnevalistischer Laune. Das Volk nun soll inZZüchten am Gängelbande geleitet werden; bei ihm wird jcdcS Aufsprühen von Fafchingslaune höchst ungern gesehen. In den intimen Räumen geldkräftiger Häuser bewahrt die Berliner Sylvesterfeier ihre karnevalistische Würze. Was sich da scheinbar als gemüthliche Familiengesellschast piebt, das gehört zum Prunkendsten, was die Berliner Gastmahl- Geselligkeit kennt. In dieser Sylvesternacht werden die Geldleute ein Uebriges ge- than haben. Die Inventuren waren„leidlich ausgefallen". Die Sylvestertafel biegt sich unter der Last erlesener Weine und köstlichen Champagners. Man hat so sein Profitchen eingeheimst, der vielgerühinte „Aufschwung"ivarzu bemerken, und derPhantasie eines Handelsmannes sind an der Wende des Jahrhunderts große Fernsichteu aufgethan. China wird erschloffen. Hosiaunah! China wird erschloffen! Der kapitalistische Nerv erschauert. Bor spekulativen Sinnen flimmert es, wie es seinerzeit vor den Sinnen der spanischen Eroberer flimmerte, als man auszog, das Goldland zn suchen. Zwar ist der gelbe Mann selber ein höllisch guter Kaufmann; aber wir werden ihn kraft unserer höhere» Knlturentwickelung schon„blössen", wie die amerikanischen Pokerspieler sage», wen» sie ihren Gegner im Karten- spiel gründlich hineinlegen. So gierig die Spekulation sein mag, so leicht sie sich in phantastische Pläne verirrt und au sich selber berauscht: der Spekulant denkt nicht weil vor sich hin. Nach ihm komme die Sinlflulh. so urlheilt er gewöhnlich. So dachte man in allen „Perioden des Aufschwungs der Spekulation". So denkt man jetzt, wenn man vom„Chinamann" spricht. Heute möchte man sich den gelben Mann fast vorstellen, wie den Chinesen, den der Koiniker Tielscher bei Adolf Ernst unter dem Halloh von Berlin spielte. Tschin- tschnn lackst und nickt, war damals ei» viel zitirter Konpletvers. Tschin- tschnn, der vergnügliche Chinese, lacht und nickt immer wieder. Gewiß, was man von der Besetzung von Kmotschau las, das ließ die Tinge wie Vorgänge einer Operette erscheine». Besonders nack dem löst- lichen Schreibe» eines deutschen Malrose», das kürzlich veröffentlicht wurde. Der Chinamann, auch der Soldat, zeigle sich von seiner friedlichsten, liebenswürdigsten Seite.„Tschin-tschnn lacht und nickt." Neugierig und zutraulich musterte der Chiuaman» die deutsche Mauuschaft, er zog mit den Soldaten mit»nd marschirte nach dem Takt der Musik, wie bei uns die Müssiggänger der Friedrichstraße zu thnn pflege»; fast.kollegial räumten die gelben Soldaten den Anköinnilinge» ihren Exerzierplatz ei» und ohne jede» Widerstand verließen sie ihre Forts. Wie ein sriebsamcs Idyll fing die Geschichte a». Wenn aber der gelbe Man» sich die verwunderten, neugierigen Augen reibt, wenn er, der nicht un- gewandt ist und pfiffig von Natur, europäischen Geldkrästen abguckt, wie su in ihrem Sinne Kultur treiben und neue Wunder- quellen> erschließen? Ernste, wissenschaftliche Stimmen er- heben sich jetzt schon gegen die gemüthliche Auffassung vom Tschin-tschun, der da lacht»nd nickt; und ,n Ausgang des Jahr« Hunderts wird an eine tief einschneidende Weltsrage gerührt. Die Leute, die aus alter Hebung noch mit vollem liberalen Vrustlo» vom helle» 19. Jahrhundert zu spreche» pflegen, betonen gerne, wie herrlich weil wir es gebradst haben. Wenn vor Jahren von Petersburg aus eine Zeitung»ach Berlin gelangen sollte, so brauchte das gute Weile. Heute sind wir mit dem fernen Weltmeer verbündet nnd Port Arthur, Heina« nnd Kiaolscha» sind uns geläufige Name». Wie muß es jedem Zeit« genossen schmeicheln, wenn er seine eigene Zeit so hera»sstreid>e» hört. Mag man daheim allerhand Kummer haben; mögen Polizei- Vorkommnisse betrübender Art beweisen, wie wir vor der eigenen Thür»och zu fegen haben; mag man um ein Denkmal für die Achtundvierziger noch feilschen müssen, als Merkmal für die Art unserer freiheitlich gesinnten Bsirgerbehörden; mag unter dein Ministerinm des Geistes, ivie es in Herrn Boffe's Bankettrede so feierlich schön lautete, die Lehrfreiheit denlschcr Hochschulen»ach ähnlichen Richtungen hingedrängt iverden. wie es mit der Preßsreiheit geschah: daS Alles vergißt ein würdiger Zeitgenosse gern, wenn man ihm von ferner Rouianlik, von erhavenec Kultur« trägem spricht. Es giebt nicht nur eiiieu Lokalpatriotisimis, einen Ortsstolz besonderer Art, der Zeitgenoffe voin Dntzendschlag kennt auch seinen vesonderen Zeitslolz. Wie wenig Wirklichkeit steckt hinter diesem romantischen Nebel und dieser Slolzthiierei. Namen, ja, die strömen in Fülle auf uns ein. aber wie wenig wirkliche Begriffe stecke» hinter diesen Namen. Was wisse» wir bei all unserem Stolz auf das 19. Jahrhundert von dem echten innere» Aufbau des Landes, das nun neu erschlossen werde» soll? Wir ahnen nur. daß eine gewallige Menge im dumpfen Druck vom Aulorilätsglaubcn gebannt, dort dahinlebt. Wir ahnen, daß die schroffsten Klaffeiigtgensätze vorhanden, der bedürfnißlosen Last- lrägermenge aber noch nickst bewußt geworden find. Wir ahnen die bureaulratische Mandarinen- und Hierarchen- gewalt; wir ahnen, wie ein zünftig-verzopftes Gelehrten- wese» die Laimmassen von den Quellen des Wissens abwehren möchte. Wie aber, wenn die Berührung mit Europa dort ungemessene Kulikräfte entfesselte? Wir wissen ja heule nur, i» wie schwere geistige Bande ei» Kuli geschlagen ist.„Knli" ist zwar ei» chinesischer Begriff, leider ist er uns in Westeuropa nur zn sehr vertraut, von den Gütern der Großfjerrei� wie von den Werkstätten in der In- dustrie»nd geistiger Arbeit her Kulturfinike» von ganz anderer Art, als die Unternehmer nnd Eroberer heute sich träume» latse», könnten dann aus fernem Loden zünden. Aipna. Mloines Jueuilleso». ■o- Nach den Feiertagen. Der Manrermeister Korn geht mit seiner Frau nach Hause. Er hat den Kragen seines dicken Mantels hochgeschlagen und die Hände tief in die Taschen vergraben. Trotz- dein sie hastig vorwärts schreite», kommen sie doch nur langsam von der Stelle, denn sie sind beide von recht ansehnlicher, abgerundeter Fülle. Der schnelle Gang scheint sie nicht zu erhitzen; beide sehen ganz grau aus. Ein kleines Mädchen läuft nebenher. Die eine Hand hat es in den Aermel seines Jacketts gezogen, während es mit der anderen Wachslichtchen hinhält:»Kausen Sie mir doch was ab— Bios für fünf Pfennig— Ich habe solchen Hunger!" Der Maurermeister achtet nicht aus ihre Biiten. Zuletzt sagt er barsch:„Ich kaufe nichts!" Die Kleine läuft trotzdem weiter nebenher und bittet:„Bios für fünf Pfennig— ich habe solchen Hunger!" Da schreit er zornig:„Ich möchte auch Hunger haben!-- Frau, Du hast doch noch Hasenbraten im Speiseschrank— nnd Rosenkohl— und Torte— und eine Gänsekeule»nch auch noch da» stehen.-- Und das kommt nun alles um, weil einem der Doktor die schweren Speise» verboten hat." „Hä! Warum haste in de» Feiertagen so unmäßig gegessen?" „Nu sei man stille! Dir hat's ja auch geschmeckt."... Als das Mädchen immer noch weiter mitgeht, bleibt er stehen «nd kreischt: „Mädel sei still! Du weißt gar nicht, wie gut Du es hast, daß Du hungern darfst!"... — Tic Jahreszahl 18»8. Die Zahl 1898 ist durch 13 theil- bar, denn 1898: 13— 146. Ferner ist die Quersumme der vier Ziffern unserer Zahl 1698 durch 13 theilbar, denn 1-t-sö+ 9+ 8= 26. Wer untcr de» Lesern hat schon einmal ein Jahr mit solch' eigen» thümlicher Jahreszahl erlebt? Wer von uns wird das aus 1893 folgende Jahr, dessen Jahreszahl dieselben Eigenschaften hat, erleben? Ans beide Fragen gebührt die Antwort: nie- mand. Die letzte Jahreszahl vor 1893, die selbst und deren Quersumme durch 13 theilbar waren, war die Jahreszahl 1651. Denn 1651: 13=- 127 und 1+ 6+ 5+ 1= 13. Das nächste Jahr nach 1893 wird das Jahr 2119 sein, denn 2119: 13— 163 nnd 2+ 1+■ 1+ 9= 13. Die Zahl 1898 gehört ferner zu einer anderen meikirürdigen Gruppe vier- zifferigcr Zahlen: Zieht man nämlich die erste Ziffer voil der dritten ab, so erhält man den Werth der zweiten oder der ihr gleichen vierten Ziffer(9— 1— 8). Diese Eigenschaft hatten seit Christi Geburt erst acht Jahreszahlen, 1898 ist die nennte. Es sind das die Zahlen 1910, 1121, 1232, 1343. 1454, 1565, 1676, 1787 nnd 1893. Die Differenz ziveier aufeinanderfolgender Zahlen dieser llteihe beträgt stets III. Bis zur nächsten Jahreszahl dieser Reihe, d. i. bis zum Jahre 2620. vergehen aber III-l- 11= 122 Jahre. Das folgende Jahrhundert (1966—1999) ,vird keine Zahl dieser Reihe entHallen. Unter den oben genannten neun Zahlen ist 1893 die einzige, in welcher 13 ohne Nest aufgeht.— — Mciisc.hcuhaar im Handel. Daß die Friseure zur Her- stellnng ihrer meist recht kostspieligen Thealerperrücken, falschen Haar- knoten und Stirnfrisuren nicht allein von den ihnen ab»nd zu angebotenen Haarsträhnen irgend einer für den Titnskopf schwärnitn- den Schönen'abhängig sind, sondern ihre bestimmte», sehr zuver- lässige» Quellen haben, die ihnen zu jeder Zeit das nothwendige Quantum an Menschenhaar liefern, dürfte für manchen eine über- raschende Neuigkeit sein. In verschiedenen Ortschaften in den südlichen Pyrenäen finden jeden Freitag die sogenannten Haarmärkte statt. Da wandeln dann zahlreiche Haarhändler mit einer lange», vom Gurt herabhängende» Schecre bcivaffnet, die Dorfstraße auf und ab »nd prüfen hier und da die Flechten oder offen herabivallenden Haarmafsen, die ihnen von den verkaufslustigen Dorfschönen offerirt werden. Sobald Händler und Verkänserinne» handelseinig sind, trennt ein scharfer Schnitt der blanke» Scheere die oft recht üppige Lockenpracht von dem jugendlichen Mädchenkopf; in glänzende» Silberslücken wird dann der Preis dafür in das braune Händchen gezählt, und schmunzelnd wendet sich der zufriedene Händler»veiler. um nach neuer Beule auszuspähen. Auch in Süddeutschland und der Schweiz werden derartige Haarmärkte abgehalten. In der ganzen zivilisirten Well gelangen jährlich etwa 12 666 Pfund Menschen haar zur Verwendung, und davon kommen mindestens 16 666 Pfund aus oben beschriebene Weise in den Handel.— Theater. Im Lefsing-Tbeater machte am Donnerstag der alpine Schwank„I m weißen Röhl", der von unserer großindustriellen Firma Blumenthal nnd Kadelburg zubereitet ist, dem Publikum vielen Spaß. Der dankbare, alte Stoff von dem nörgelnden Berliner in der Sommerfrische wurde in neuer Variante vorgetragen. Bekanntes nnd weniger bekanntes, anekdotisches Materiale. wie man ihm vorzüglich in den„Fliegenden Blättern" zu begegnen pflegt, wird durcheinander gewirbelt. Neben dieser harmlosen Lustigkeit taucht abcr mitunter ein Witz von fauligerer Art hervor, eine Komik, die an die Grenze des Gemülhsrohe» streift. So in dein Ulk mir einem Liebespaar, wo der junge Mann eine völlig kahle Platte, das Mädchen eine» Sprachfehler hat. Jedenfalls kommt dabei nur eine sorcirte Lustigkeit zu stände. Das„Wirthshaus zum weißen Nöß'l" liegt an einem herrlichen Alpensee im Salzkammergut. Dem verärgerten Berliner Glühstrumpf- fadrikanten Giesecke gefällt dieGegendnichl. überalles hat er zu quengeln, über Speisen und Gelränke, nnd der Müggelsee ist ihm lieber, als das herrlichste Gebirgspanorama. Am gefährlichsten ivird Herr Giesecke, als noch sein Todfeind, der Niechisanwalt Siedler aus Berlin, im weißen Röß'l eintrifft. Natürlich ivird der Griesgram kurirt und Siedler selbst freit Gieseckc's reizende Tochter. Bon packender Komik war die trockene Art G u t h e ry's (Giesecke.) Bei den übrigen Figuren fehlen auch die Ansätze zur Charnkterzeichnung; sie haben nur nett zu sei». Die Schauspieler waren denn auch„nett".— Musik. —er—. Konzerte. Der Violinvirtuose Aldo A n t o n U t t i ist noch ein sehr junger Man» und doch besitzt er unter andern er- ivähnenswerlhen Vorzügen den einer freie» Ruhe, womit er die komplizirtesten Gänge spielt und sich von jenen wunderlichen Gri- massen fernhält, womit sonst allerlei kleine Schwierigkeiten den Un- kundigen als recht unüberwindlich vorgestellt werden. Sein nicht allzubreiter Ton strömt warme Innigkeit ans und gerieth nur in de» beiden Adagios des a-inoII-Konzertes von Dvorök und des g-moll von Bruch an die Grenze süßlicher Empfindfanikeit. Seine Intonation ist selbst in den schweren Arten der Doppelgriffe rein, und überall ist ein edleres Streben nach charakteristischem Aus- drucke und wahrhastiger Vermeidung musikalischer Affeklion er- kenubar.— In dem diesmaligen Kompositions- Konzerte deS Herrn E. E. T a n b e r t hörte» wir viel gute und sicher gearbeitete Musik, vernahmen aber keinen einzigen für die musikalische Individualität maßgebenden Gedanken. Am meisten trat noch in den Liedern eine gewisse feine Sinnigkeit und vornehme Mache hervor; in zwei Kainmermusikwerken jedoch, Streichquartett in kis moll und Bläser- Klavierquintett, artete der Mangel an kräftigen, thematisch ver- arbeitungsfähigen Gedanken geradezu zur Uncrträglichkeit ans. Es war schon wohlthuend, wenn im Scherzo des Streichquartetts mit den bekannten beschleunigten Skalenkatarakten ei» Anzeichen rhythmischer Lebendigkeit oder im Finale des Bläserquinletts das anplthema als saftigste Trivialität hervortrat. Eingehendes tndium der Antike uiid imponirende Fonnvollendnng bewies«ine vierstimmige Motette für gemischten Chor. Die fugirten Stellen sind ivirksam und wohlklingend geführt und arten nicht in jene schreckliche musikalische Mathematik ans, welche trockene Talentkosig« keilen so gerne als den Geist des großen Sebastian Bach ausgeben. Siegfried Ochs»nd sein stets siegreicher philharmonischer Chor, Hof- opernsänger Sommer und Frau Sandow- Herms Hollen aus den Gesangskoinposilionen Taubert's alles heraus, was in ihnen an wirklicher Musik ruht. Es giebt noch künstlerische Phänomene, die 11jährige Pianistin Paula Szalit beweist es in bezwingender Art. Nehmen wir diese absolute technische Meisterschaft, womit Mendelssohn's „Spinnerlied" oder Raff's„Tour ä cheval" herauskam, als erreichbare Möglichkeit in solcher Altersstufe an, so stehen wir angesichts dieser Tiefinnerlichkeit des Gefühls nnd einer nach der geistigen Seite hin geradezu kongenialen Jnterpretntionsfeinheit vor einem Räthsel. Mit wehmnthigem Lächeln läßt man die unabsehbare Virtuosenschaar an sich vorüberziehen, welchen sich trotz unermüd- lichem Fleiße die Seele der Musik nie so erschließen wird, wie dies die Natnr in reichster Gebelaune für dieses Kind gethan hat. Sein Vortrag hat weder die ärgerliche Altklugheil dressirter Wunder- kinder noch t e Uebertreibungen frühreifer Intelligenz. Die kleine Szalit ist c: ganz« Künstlerin, welche auf ihre elf Jahre gewiß nicht von einem erhaben ironischen Standpunkte herabschaut. Mit allen Ehre» wurde die Pianistin Frl. Felicia Kirch- dorffer als würdige Brahms- Priesterin aufgenommen. In der d-änr-Violinsonate, welche sie mit Joachim spielte, schöpfte sie den populären Geist des Werkes mit durchgebildeter Technik nnd sym- pathischer Bescheidenheit des Vortrages aus. Auch drei Solostücke — Capriccio d-moll, Intermezzo cis-moll und Rhapsodie g-moll— brachte sie mit Geschmack und Phantasie zur Geltung. Soweit Bradms. dessen spröde Strenge und leidenschaftliche Grübelei dem „mnsikalischen Gafferlhum" des Alltags niemals entgegenkommt. einem allgemeineren Verständnisse zugeführt werde» kann, ist dies Frl. Kirchdorfser vielfach gelungen.— Erziehung»ud Unterricht. — Nach dem Bericht des niederländischen Unter- richtS-Ministeriums besuchen in diesem Winterhalbjahr 169 junge Mädchen die öffentlichen Gymnasien, und zwar vertheilen sich dieselben ans 21 Lehranstalten. Aon der Errichtung besonderer Mädchengymnasien hat die Regierung Ab- stand genommen, da die Zulassung von Mädchen zu den oberen Klassen der allgemeinen Gymnasien bis jetzt keinerlei Unzuträglich- leite» ergeben habe.— Medizinisches. t. Nachträgliche Merkwürdigkeiten von der indischen P e st. Man kann zwar von der Pestepidemie ig Indien noch immer nicht als von etwas Vergangenem spreche», jedoch ist der erste Ansturm der snrchterliche» Krankheit jedenfalls über- wunden, die Bevölkerung erholt sich und die Aerzte veröffentlichen ihre Berichte. Der interessanieste von allen diesen, die bis jetzt er- schienen sind, ist derjenige des Brigade-Generalarztcs Wcir in Bombay vom September dieses Jahres. Wir erfahren daraus, daß dem Aus- bruch der Pest in dieser Stadt und ihrer Umgebung eine außer- ordentliche Ueberschivemmnng vorausging, welche die Abzngswasser aufstnnte und zu Verunreinigungen von Brunnen, Vernichtung von Getr-idelagern und zum Abfaulen zahlreicher Baumbestände führte. Die Pest begann bekanntlich zu Anfang des Monats September IS9S, zunächst hielt man die Erkrankungen für Diphterilis, wogegen Dr. Weir den ersten von ihm untersuchten Fall als Beulenpest erkannte. Anfangs war die Sterblichkeit eine enorm hohe, es muß aber in Anschlag gebracht werden, daß die Sterblichkeit auch in anderen indischen Bezirken zu gleicher Zeit eine Zunahme auf- wies, wo die Pest garnicht austrat. Eine wunderbare Erscheinung bei Pestkranken ist in den ersten Stadien der Ansteckung der Wunsch, zu fliehe» oder zwecklos in die Ferne zu gehe». Im Zu- stände halber Bewußtlosigkeit besteigt der Erkrankte einen Zug, miethet einen Wagen oder geht nach irgend einer Richtung, ohne zu wisse», war»»» oder nach ivelchem Ziele. So wurde auch der erste von der Pest befallene Europäer von diesem Wandertriebe er- griffen und lief von Bombay bis nach Poona. Einige räthselhafte Erscheinungen wurden bezüglich der Einschleppung von Pestkranken über See verzeichnet. Als die Pest in Bombay eben erst im Erscheinen»var,»vurde von einem ans Suez kommenden Dampfer ein Kellner gelandet, der an leichtem Fieber litt, aber bald nachher alle Anzeichen der Beulenpest entivlckelte. Auch ein anderer Europäer bekam auf der Fahrt von Suez nach Boinbay Fieber und Schivellungen der Halsdrüsen und»vurde in Bombay als pestkrank erkannt. Auf welche Weise diese beiden Leute sich»nil der Pest anstecken konnten, da die Krankheit iveder in Suez herrschte, noch die Schiffe irgendivo unterivcgs gelandet»varen, ist vollkomine» unerklärt geblieben. Wie schnell eine Pestkrankheit zu- »veilen verläuft, dafür giebt der Bericht ein Beispiel: Ein Kutscher. der im Dienste der Verivaltung stand, befand sich um 2 Uhr nachmittags eines Tages anscheinend ganz»vohl und verrichtete seine Arbeit ivie sonst. Dann klagte er plötzlich über Schinerzen im Kopf und im ganzen Körper, legte sich nieder, bekam Fieber nnd»var drei Stunden daraus todt. Eine Ansteckung der Menschen durch Ratten hat sich auch bei dieser Epidemie als sicher herausgestellt und es»vurde nachgeiviesen, daß die Ratten friiher von der Pest befallen»verde» als die Menschen. Katzen starben in großer Zahl, jedoch ist die Beulenpest als Ursache davon durch bakteriologische Untersuchnug nicht ermittelt, obwohl bei manchen Drüsenanschwellungen gefunden»viirde». Im allgemeinen besteht der Glaltbe, daß eine emmalige Erkrankung an der Pest de» betreffenden Menschen,>ve»n er mit dem Leben davon kommt, vor späteren Erkranknngen schützt. Dieser Glaube hat sich als Aberglaube eriviesen. In drei Fällen»viude» Leute, die bereits früher die Pest gehabt hatten, von neuem von der Krankheit ergriffen. Die sanitären Verhältnisse in Bombay schildert der Generalarzt als fürchterliche. Sehr interessant sind die Angaben über die Erfolge der Serum- behandlung. Das Haffkine'sche Sern»»,»velcheS nur zur Schutz- impfung verwandt, vurde, soll günstige Ergebnisse erzielt haben, »vährend das Serum von Dr. Iersi» in seiner Anivenduug bei bereits Erkrankten den Erivartunge» nicht enlsprochen hatte. Dr. Nersi» selbst, der gerade jetzt einen Bericht über seine» kürzliche» Besuch in Bombay veröffentlicht hat, ist zivar auch der Ansicht, daß die Auivendnng seines Serums keinen vollen Erfolg aufzuiveisen gehabt habe, daß eine günstige Wirkung trotzdeu» zil verzeichne» sei. Das verivandte Serum»vurde mittels todter Bazillen hergestellt nnd»var außerdem nicht in genügender Menge vorhauden, da unglücklicher- »veise der Leiter des Nersiii'fchen Laboratoriums inzivischen starb. Das Serum,»velches durch Einspritzung lebender Bakterien in die Adern von Pferden geivonnen»vird, ist»ach Nersin viel»virksamer, die Pferde gehen aber bei diese»» Verfahren drauf, und das war der indischen Regierung zu kostspielig(!). Immerhin konnteNersin bei derBe- Handlung nlit seinem Serum eine Verininderuug der Sterblichkeit um LSpCt. erzielen. Zur Schuhimpfung eignet es sich nach seiner Ueber- zeugung vorzüglich, da die geringe Menge von 10 Kubikzentimetern eine gesunde Person 10 bis 1ö Tage laug vor der Pestkrankheit schütze, »vorauf eine ziveite Impfung die Jmnuniilät um eine gleiche Zeit- dauer verlängere. Dr. Nerstn drückt die Ueberzeugnug ans, daß die medizinischen nnd hygienischen Mittel gegenüber der Pest bereits bedeutend genug sind,»»» eine etwaige Epidemie in einem euro- päischen Gebiete, wo alle Bedingungen zur Anivendung dieser Mittel gegeben sind, schnell zu ersticke».— Aus dem Thierreiche. — Der Schwarzstorch kommt in Europa hauptsächlich im Osten nnd Südosten vor. In Deutschland»vird er nirgends häusig angetroffen;»venu Flöricke recht unterrichtet ist, beivohnt er jedoch die großen Waldungen Brandenburgs, Schlesiens und Ostpreußens noch ziemlich zahlreich und läßt sich auch in den übrigen Theilen der norddeutschen Ebene nicht allzu selten sehen. Als sehr ängstlicher und furchtsamer Vogel flieht er die Nähe de? Mensche» durchaus nnd siedelt sich ausschließlich i» einsamen ausgedehnte»» Hoch- »valdnngen an, iiidein er zwischen Laub- und Nadel- Seranlivortlichet Redakteur: Ananft Jacobcy in V holz ivenig Unterschied»nacht. Unerläßliche Bedingung aber ist. daß sich fischreiche Geivässer. Seen, Teiche oder Flüsse mit flachen Ufern in der Nähe befinden. Im allgemeinen nistet auch der Schivarzfiorch einzeln; Mojsifovics berichtet aus eigener An» schauung, daß er nie in dicht gedrängten Kolonien brütet,>vie etwa der Reiher. Nach beendeter Brutzeit zieht er ost in großen Schaaren in die Riede ei». Tagsüber sieht man ihn häufig ohne Flügelschlag hoch in den Lüften kreisen, zur Nahrungssuche streift er»veit weg von dem auch nach der Horftzeit oft noch als Nachtquartier benutzten Horste. I» de» letzte» Tagen des April findet man gewöhnlich in seinen» Neste vier lichtbläulichiveiße Eier, die etivas kleiner als die des Hausstorches sind. Der Schivarzstorch ist überwiegend Fisch- fresser und steht in diesem Punkte den Reihern nahe.— A»ls dem Pflauzenlebe». — Ein botanisches Räthsel stellt ein kleiner Oaetris eclnnoxsis multiplex dar,»velcher iin botanischen Garten zu Berlin in einer sestversiegelten alte» Flasche seit sieben Jahre»»veiler »vächst. Ein Gelehrter in Hannover hatte durch de» enge» Hals einer alten Arzueiflasche ein schmächtiges Pflänzchen jenes Cactus geschoben, nachdem er einen Theil der Flasche mit Erde angefüllt hatte. Das geschah vor sieben Jahren; fünf Jahre später brachte Prof. Schumann diese mit einem Korke»vohl verschlossene Flasche»ach Berlin, wo sie in» Botanischen Garten sorgfältig beobachtet»vird, und»vo in der- selben der Kaktus inunter»veiterivächst. Auf den ersten Blick erscheint dies auch gar nicht so»vunderbar; den» die Erde in der Ffiffche bietet ihm ja auch Nahrung, nnd durch den porösen Kork tritt Lust ein, so daß die Pflanze ivie i» einen» kleinen Gcivächshanse untergebracht erscheint. Allein die Flasche ist versiegelt; von einem Lnftzutritt knnil also keine Rede sein. Und doch braucht die Pflanze Lust zum Athinen und Kohlensäure, ans der sie sich aufbaut. Letztere entstand ihr allerdings dadurch, daß die humusreiche Erde in der Flasche viele Algensporen enthielt, aus»velchen Algen sich entivickelteu, die ebenso»vis der Humus, bei der Verivesung Kohlensänre bildeten. Hinsichtlich des Sauerstoffes aber nimmt man an, daß bei jener Verivesung»vohl auch»vieder Sauerstoff frei geivorden ist, ebenso bei der Zersetzung der Kohlensäure durch die Algen. Auch der Cactus selbst dürfte ein»venig Sauerstoff hervorgebracht habe», und schließlich steht es auch»och nicht unumstößlich fest. ob die Arznei- flasche denn auch in der That völlig luftdicht ist. So versucht man jenes kleine botanische Räthsel zu lösen.— Humoristisches. — Unverfroren. Ein Wanderer läßt sich,»ach Verein- barnng eines Lohnes von 10 Pfennig, über den Slrom setzen. Durch Ungeschick des Fährmannes kentert das Boot. Beide retten sich jedoch ans Ufer. Der Wanderer überhäuft den Fährmann mit Vor- »vürfen; dieser verlangt jedoch kaltblütig 60 Pfennig.—„Woher denn? Sie»liiverschämter Mensch!"—»Ueberfahren 10 Psenuig, baden 50 Pfennig!"— — A u s dem Album des Studiosus B>r»» m e l. „Gerichtsvollzieher sind»vie kleine Kinder: sie»vollen alles haben, »vas sie sehen." � — Fatal.„Erinnern Sie sich noch, gnädigste Frau, an Ihre einstige Schnlfrenndin Grete Hausliuger?" „Ja! Was ist denn aus dem garstigen vorlauten Fratz ge« worden?* „Hm, meine Frau!"— Vermischtes voin Tage. � I» Wulkow(Polinnen») ist ein jungcs Mädchen durch einen schlechten Scherz»vahnsiunig geworden. Mehrere Mädchen kamen des Abends aus der Spinnstube und»varen in fröhlichster Laune. Als sie am Kirchhos vorüber kamen, stürzten hinter einem Grabe zivei»veiße Gestalten hervor. Eines der Mädchen»vurde derart vom Schreck erfaßt, daß sich bei ihm am nächsten Tage Wahn- sinn zeigte, nnd die Unterbringung in eine Irrenanstalt nolhwendig »vurde. Zivei Bursche»» des Dorses hallen sich»veiße Bettlaken um- gehangen und den Scherz a»lsgefnbrt.— — In G o l d m a n n s d o r s(Schlesien)»vurde ein Ritterguts- besitzer von einer umfalleuden Lokomobile erschlagen.— — Der Wiener Koinponist Hugo Wolf, der vor einigen Monaten in eine Heilanstalt gebracht»vurde, dürste diese in kilrzer Zeit gesund verlassen können.— — Die Weihnachtstage brachten einem Theile K r a i n s»vieder heftige E r d e r s ch ü t'l e r u n g e n. Diesmal suchte das Beben, das von einem orkanartigen Getöse begleitet»vcrr, besonders den G e- richtsbezirk Egg heim.— — I» der Nähe von T a r n o p o l(Galizieu)»vurde eine Bäuerin nebst ihrer neunjährigen Tochter von eineu» Rudel Wölfe überfalle» und zerrisse».— — Seit etiva 14 Tage» ist das neue französische Gesetz, das die Frauen als Zeugen bei d e in S l a n d e s a>» l e zuläßt, in kraft, dürfte sich aber nirge»>ds so rasch eingebürgert haben»vie in Marseille. Dort fungirte» bei drei Trauungen, die der Maire am 27. d. vorzunehmen hatte, durchiveg Frauen und Mädchen als Zeuge».— — In den B e r- i n i g t e n S t a a t e n. besonders in K»rli- fornien tritt jetzt vielfach a» stelle des Weizenbaues der Bau von Zuckerrüben.— Etil». Druck und Verlag von Max Vadiua in Berln».