Mnterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 6. Sonntag, den 9. Januar. 1898. (Nachdruck verboien.) e] Allkagsleuke. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. Am Gitter des UferS stand Anna und starrte hinab in das Wasser. Der Jnstizrath musterte sie stüchtig und ging iveiter. Er sann einige Augenblicke darüber nach, welche seit- same Passionen manche Leute haben, zum Beispiel: in diesem Wetter spät abends ins Wasser zu sehen; dann hielt er an und überlegte genauer. Er hatte eigentlich gerade jetzt keinen Grund, sich in fremder Leute Angelegenheit zu mischen, aber einige fragende Worte konnten ja nicht schaden und machten keine Mühe. Er drehte also um, ging die paar Schritte zurück und redete das Mädchen an. Das Mädchen fuhr scheu zusammen. Jetzt sah er, daß sie naß war ivie eine aus dem Wasser gezogene Katze, und er fragte:„Na, was ist los? Was giebt's hier? Hm?"' Da versuchte das arme Ding es noch einmal mit dem Betteln:„Ich habe Hunger, ich weiß nirgends hin, sonst muß ich ins Wasser." Ter Jnstizrath war aus seiner Thätigkeit starke Effekte gewohnt, aber das traf ihn wie ein Peitschenhieb. „Jus Wasser?!" Sie antwortete nicht, denn jetzt zum ersten Mal überfiel sie ein großes Mitleid mit sich selbst, und im Nu kamen ihr die ersten Thränen ins Auge. Man brauchte ivirklich kein großer Menschenkenner zu sein, um zu sehen, daß das einsame von Nässe durchtränkte Ding keine Komödie spielte. „Komm mit", sagte er. Sie schlich neben ihn» her und gab vorsichtig acht, daß sie seinen feinen Mantel nicht mit ihrem Kleide berührte. Der Jnstizrath nahm dann eine Droschke und fuhr mit ihr nach seinem Hanse. Und wie die Menschen sind, so überkam ihn unterwegs eine helle Freude über sich selbst und seinen Edel- mnlh. Er würde sich genau nach dein Mädchen erkundigen lassen, und wenn ihre Angaben auf Wahrheit beruhten, so sollte hier wirklich einmal ein Rettnngswert von ihm durch- geführt werden. Nicht halb wie bei andern, sondern in vollstem Umfange. Er wurde bei diesem Gedanken förmlich heiter. So kam Aenuchen in Eva's Hans. V. Die Dante war Abonnentin der„Vossischen Zeitung", inscrirte in diesem Blatt alle Anfragen nach Mamsells und kündigte hier dem Publikum allmonatlich an, daß in Schwedcr's Trauermngazin, gegründet 1865, Nouveautes de Paris angelangt feien. In dieser Zeitung las sie mit Wonne, daß Herr Krciser zu zwei Jahren Gesäugniß vernrtheilt sei, und sie machte sich dann an ldie Lektüre des haimoverschen Spielerprozesscs, den die„Voisischc" als abschreckendes Beispiel sittlicher Haltlosigkeit ausführlich behandelte. Die Tante, die alleil Dingen ans den Grund ging, wünschte jetzt zu wissen, was Hazard und Roulette genau beschrieben für Tinge seien, aber leider waren Christian, der Theologe, und dessen Mutter ans diesem Gebiete völlig unerfahren. Der Kandidat konnte mir ganz vage Andeutungen geben, und zur Be- lehrung der Tante war es ein glücklicher Zufall, daß der Agent, Ebristians Bruder, Besuch machte. Er wohnte nicht wie Mutier und Bruder im Hanse der Tante und wurde unter gewöhnlichen Umständen auch niemals zu längerem Ver- iveilcn gcnöthigt. Heute kam er indessen gelegen. Er erbot sich sofort, auf Kosten der Tante beim Drechsler z» einer Mark und fünfzig Pfennig ein kleines Roulette zu kaufen, und nie kam der Durst nach genauer Belehrung jemandem theurer zu stehen, als in diesem Falle Fräulein Schweder. Dieser Albert ivar was nian einen leichtsinnigen jungen Man» nennt. In scbivarzen Stunden sagte die Tante:„Er ist unser aller Schandfleck," aber das war übertrieben. Freilich kostete er den, Wiagazin seit frühester Jugend ein schweres Geld, und jedenfalls war er das wunderbarste Beispiel für die Thatsache, daß ein temperanientvoller und kluger Junge durch die Erziehung von Mutter und Tante— der Pater war schon lange rodt— kein Engel zu werde» pflegt. Er war der ärgste Gegensatz seines Bruders Christian, und während dieser in majorem glariam des Trauermagazins zum Theologen sich erziehen ließ, ohne je in Gedanken auch nur dem zu widersprechen, war Albert für die arme Mutter und die reiche Tante eine ewige Sorge. Auf dem Joachimsthal'schen Gymnasium brachte er es nur bis Untersekunda, wurde dann Lehrling im Magazin, liebelte hier mit den jüngeren Damen des Geschäfts in einer im Hinblick ans den würdigen Ort frivolen Weise, wurde in eine Buchhandlung versetzt, dann zum Telegraphen- amt, wo er nur acht Tage blieb, wurde für Amerika alisgestattet, kam aber nur bis Bremen und erhielt nach seiner alle Faniilienmitglicder vernichtenden Rückkehr— man ver- muthete ihn bereits in Kalifornien— die Mütheilung, daß er definitiv verstoßen sei. Er machte sich ans dieser förmlichen Absage aber nie das geringste, besang nach wie vor die Tante zum Geburtstag und zu Neujahr in hübschen Gedichten und verkehrte vier Wochen später in deren Hanse genau wie früher. Er wurde noch zn verschiedenen Rtalen hinaus- gefeuert, kam aber stets einige Tage später vergnügt und munter wieder, beschwatzte eines Tages die Tante, ihm eine Vertretung des Ätagazins zn übertragen und lebte seit dieser Zeit als Agent. Das heißt nicht etwa: deS Magazins, denn da er zum Schaden aller Trauernden ope- rirte, ivnrde ihm dieses letzte Bertraueusvolllin der Taute bald entzogen. „Wenn Christian nicht wäre", pflegte die Taute häufig zn sagen,„so wüßte ich ivirklich nicht, wie die Natur so viel uneigennützige Liebe wie die meine mit schwärzestein Undank belohnen kann. Was wäre ich heute, wenn ich Frau und Kinder meines armen Bruders nicht zu mir genommen hätte! Ich wäre steinreich. Ich hätte eine Villa, in Italien oder am Wannfee. Mein Leben ist freudlos. Andernfalls hätte ich das Magazili längst aufgegeben, so aber muß ich weiter arbeiten, für Euch, immer weiter, immer weiter." Bei solchen Reden saßen Christian«nd die Mutter ge- seilkten Hauptes und waren bewegt und traurig. Der Agent seinerseits nahm, wenn dieses Thema angeschnitten wurde, sofort seinen Hut rnid zog davon. Natürlich brachte das die jungfräuliche Tante jedesmal in rasenden Grimm, und die Zurückbleibenden mußten die Sache ansbaden. Das Roulcttespiel sah wirklich niedlich ans. Drehte man daran, so hüpfte eine kleine weiße Kugel rund im Kreise, ließ sich auf Schwarz oder Roth nieder und erweckte die Neugier, welche der sechsunddreißig Nummern so glücklich sein ivürde, die Kugel in ihrem Schöße auszunehmen. Die Taute drehte verscbiedene Male, ob nicht Ninnmer 18, die Hausnumnier des Magazins, heranskommen würde, und richtig traf dieser Fall beim fünften oder sechsten Male ein. Es wurde infolge« dessen nach dem Abendessen nicht Whist gespielt, sondern das Roulettespiel vorgenommen. Ter höchste Satz sollte zunächst zehn Pfennig sein, und der Agent als Sachverständiger hielt die Bank. Der ungeheuerliche Fall trat ein, daß erst nachts um zwei Uhr die Tante sich zur Ruhe begab, während seit Menschengedenken präzis halb elf Uhr die letzte Lampe in der Schweder'schen Familie gelöscht sein liinßre. Nie sah man aber auch eine chreniverthe alte Dame in gleicher Auf- rcguug. Nie, an diesem ganzen Abend, kam auf dem kleinen Satan voil Roulette die Kugel auf Nummer 18, nie gewann die Tante auch nur ein einziges Mal, außer ivenn sie auf die Farben setzte, und nie seit Jahren war der Agent so brillant bei Kasse als heute beim Heiunvege. Die Tante bestimmte, daß dieses Spiel am nächsten Abend neu aufgenommen werden sollte, denn an Teufelssplik zu glauben, habe sie keine Lust. Was Christian betrifft, so ver- lor er bei der Bataille zwei Thaler zwanzig Pfennig, und die Mutter schuldete nach beendeteni Spiele ihrem wackeren Sohne. dem Agenten, die Riesensnmme von dreizehn Mark, die dieser vernünftigerweise in den Schornstein schrieb. Denn seine gute und bedauernswerthe Mutter wurde von der Taute sehr knapp gehalten, da sie in deren Augen ohne jeden Grund als Ver« schwenderin galt. Die Tante nannte ihren Verlust nicht, aber er betrug nach des Agenten genauer Schätzung mehr als sechzig Mark, und jedenfalls steht so viel fest, daß Fräulein Mathilde Schwcder diese Nacht kaum ein Auge schloß und in den Träumen gegen Morgen nichts als Roth, Schwarz und Nummer 18 nmhertanzen sah. ?![§ sie endlich ausstand, überlegte sie sich, daß sie als Be- sitzerm des Trancrmagazins eigentlich immer ans Schwarz setzen müsse, und mit großer Ungeduld sah sie dem Abend entgegen. Jedenfalls ivolllc sie die sechzig Mark wieder haben, und ihre einzige Angst war die, daß der Neffe diese im Laufe des Tages theilweise schon verausgabt haben könnte. Natürlich gewann die Tante weder an diesem noch einem andern Abende die sechzig Mark zurück. Je ärger aber ihr Pech wurde, um so leidenschaftlicher schickte sie ein Goldstück nach dem andern hinter den sechzig her. Wie nun in Grimui's Märchen die Käse all den Berg hinunter trudeln und keiner den andern zurückholt, so ging es auch mit der Tante Gold- stücken, die der Reihe nach in des Neffen Tasche wanderten. Uebcr den Berlnst hätte sie sich vielleicht nicht so sehr ge- ärgert, wenn nicht just der Agent der Gewinner gewesen wäre. Er schwamm jetzt obenauf. Schon am dritten Abend kam er in einem nagelneuen Anzüge, rauchte kostbare Zigarren und fuhr Droschke. Wieder einige Tage später trug er einen englisch-graueu Paletot und Tnchgamaschen, helle Handschuhe und einen Spazierstock, der hohl war und mit Eau de Cologne gefüllt werden konnte. Alles das ärgerte die Tante bodenlos. Denn erstens war ihr des Neffen Renommiren verhaßt und zweitens war alles verausgabte Geld natürlich nicht wieder zu gewinnen. Ver- liert man tausend Mark an jemand, der Geld hat, so hat man wenigsteus die Chance gehabt, auch ihm wieder etwas abzu- uehmeu,— verliert man aber tausend Mark au jemand, der mit zwei Mark Vermögen die Parthie begann, so ärgerte man fich über alle Maßen. In diesem Falle befand sich die Taute. (Forlsetzung folgt.) Sonnkörgsplnudevei. Vorüber sind die zwölf Nächte, die den neu wachsenden Tag einleite». Von ihrem Grimm habe» wir diesmal nichts gemerkt. Unmerklich fast kommen wir— so scheint es— aus dein Winter heraus, der iu seiner Milde von dem furchtbar strengen Herrn von 1343 absticht. Vorüber sind auch die Tage, in denen im deutsche» Zeitungs- wald die mild-versöhnliche» Betrachtungen vorherrsche», m denen man Umschau über Heimisches und Fremdes z» hatte» pflegt. Es giebt immer brave Preßmenschen, die zum Schluß eine süße HoffnungSthräne gerührt zerdrücke» und dem buckligste» Land, den «lendestc» Berhältiiisseu die bekannte Besserung im neuen Jahre zusagen. Die sich bei»ns großlbuerisch übernommen hatten und frei über neue Welteupläne. neue Weltauflheilungen phautasirte», sind nun doch zienilich ernüchtert und kleinlaut geworden. Sie reden nicht mehr so viel von neuen Argonautenzüge», sie tbnrmen nicht mehr «ine überhitzte Fabel auf die andere, seitdem ihnen das deutsch- chinesische Abkomme» iu feinen Umrisse» bekannt ist. Sie weise» nicht mehr mit solchem Feuereifer auf eine romantische, scegeivallige Politik hin. die de» alten germanischen Waudcr- und Helden- «bentenertrieb wiederum wachruse» soll. Mit phantastische» An- regunge» waren derartige Zeitungsstiminen nie sparsam; ma» speist auch große Kinder gern mit Märchen ab, läßt mit Zander- geschwindigkeit Veränderungen vor sich gehe», denen doch eine lange, lange Eutivickelmig voraiisgcgaiigeu sein muß. Man lenkt so am besten von den heimischen, innere» Sorge» ab. Aber diese bohrcnden, innere» Sorgen melden sich doch. Das Festlied, der phantastische Klang mag so voll und stolz gewesen sein: die Werklagsfrage» heischeu dringende Antwort. Freiheit, die ich meine, sang einst Herr Zelle, und er sang gewiß, frisch wie er immer ivar, mit frendiger Zuversicht in der Natur« durschen-Brust. Aber der heutige Oberbürgermeister des liberale» Berliner Magistrals erwägt allerlei im bedachtsamen Kopf. wenn es sich, wie jetzt, um den Denkstein für die Achtundvierziger handelt. Freiheit, wer wird um Freiheit, dieses herrlichste Gut, nicht erglühen? So heißt es im Berliner Magistrat. Ja, um ein Stück Iiifliger Freiheit, die irgendwo zwischen Mond und Erde schwebt, würde ma» bis zum hellen Morgen heftig debaiiire». Nur darf Freiheit unter uns sich nicht erdreisten, in Frechheit umzuschlagen, fo sagen dieselben Freihcils- fchwärmer, so bald es gilt, zu einer bestimmten Frage Stellung zu uehmeu. Mau diplomatisirt, wo für das Volk jede Diplomatie geradezu unverständlich wird. Die Volksseele empfindet darin ganz instinklw: Sie hält sich an die Schwungkraft, die in großen Er- «ignissen lebt. Alles Kleinliche bleibt vergessen. Was iu der Be- wegung von Achtuiidvierzig unreif war, das beschäftigt und be- unruhigt die Volksphautasie nicht mehr. Aber das Wunder von Achlundvierzig ist lebendig gebliebe»: die herrliche junge Hoffnung, die damals aus gelockertem Erdreich aufsprang; der zukunslfreudigc Muth, der die Blutzeuge» schuf; die große Spannung, die damals durch die europäische Welt bebte. Wie soll der Volksgeist, der das empfindet, laue und ängstliche Beralhnngen, zaghaste Beschlüsse von heute begreifen? Freiheit, die ich meine, sang ja neulich auch Herr Bosse, als man einen greisen Tagesschriftsteller feierte. Wir könne» übrigens insgesomint ziemlich stolz fein. Der Geburtstag des 73 jährigen Frenzcl wurde recht lebhaft gefeiert, und Excellenz Bosse schwang sich sogar z» seiner vielberufenen Freiheitshymne ans. So ehrt man in Preußen-Deutschland den Journalismus i» einem seiner Ver» tieter, innner vorausgesetzt, daß dieser Vertreter ein wohlgesinnter Mann sei.— Dieser Tage hat abermals ei» Schriflsteller seine» 73. Geburtstag gefeiert, ein Mann, der den Essay, insbesondere den kuustgeschichllichen Essay in ähnlicher Weise gepflegt hat, wie Frenzel. Dieser Schriftsteller ist sogar Professor, es ist Hermann Grimm, Sohn und Neffe überdies der beide» großen Sprachforscher und Märchenerzähler Jakob und Wilhelm Grimm; und dennoch ver- lies sein siebzigster Geburlstag stiller, und keine Excellenz stieß aus Geisteefreiheit an, wie bei der Feier des Journalisten Frenzel. Wer an dem heiligen Feuer des Herrn Bosse zu zweifeln ge« wagt hättet Freiheit, die ich meine, so sang er. seine Augen leuchtete», es war lhi» jung ums Herz geworden. Aber am Werk» tag, als die Gelassenheit wieder kam, wurde die schöne G-istcssreiheit wieder unbequem; und der ernüchterte Bosse sagl: man muß zwischen Freiheit und Frechheit ivohl unterscheiden lernen. So ivnrden den» die stildenlisch-sozialistischen Blätter aus den akademischen Leseräumen entfernt, den» es ist nicht Freiheit, sondern Frechheit vom akademischen Bürger, wenn er sich um Sozialismus bekümmert. Der studireude» Jugend wenigstens sei die vettere Unschuld bewahrt. Uebcr solche praktische Auslegung schöner Theorien, wie die von der Geistesfreiheit ist, darf man sich nicht verwundern; und wir sind darin wirklich gut geschult. Wir verwundern uns nicht, so recht nicht einmal in der indifferenten Presse. Mitunter kommt es vor, daß bei einem besonderen Fall lebhaftere Neugierde sich regt. So grübelt die„Köln. Ztg." über das Räthsel im Urtheil wider Herrn v. Tausch. Bei älteren Damen ist solche Neugier begreiflich. Die übrige Welt zerbricht sich nicht de» Kopf darum. Herr v. Tausch will in Zukunft als Privatmann froh genießen, was ihm an Pension beschieden ist. Nicht jeder„Büßer" hat's so wohl. Mancher Freiheilssänger, der niir.Regiernngsgewalt ausgestattet ist, wird zur Zeit mit geheimem Neid nach seiner österreichischen Kollegenschaft ausblicken. Herr v. Gautsch ha! die Freiheit, die ein Minister gewöhnlich meint. Es gewinnt den Anschein, so schreibt ein Z-itungskorrespondent, als ob die österreichische Negierung über» hmipl keinen Kopf, sondern nur einen Paragraph 14 besäße. Herr v. Ganisch, der Ministerpräsident, hat also den Paragraph 14. Mit dieser Nolhverordnung kann er lustig drauflos regieren. Ihn plagen weder Skrupel, noch Ziveifel; ihn hindert kein lästiges Reichs» Parlament. Er verordnet. Was weiß er von Anwürse» und Jnter- pellalionen. wie seine sranzösische» Kollegen, die in die verzwickte leidenschaft-gelrübte Esterhazy-Dreyfus-Affäre gerathen find? Er ver- ordnet. Zu ihm dringt keine laute Klage, kein lärmender Vorivurf. Und doch ist dies idyllisch« Regiernngsbehagen nur von flüchtiger Daner. Auch dort pocht die Sorge an; und sie kommt gleich in ihrer wüsteste» Gestalt, sie deckt die tiefgreifende innere Zerrissenheit bloß. Die deutschen Abgeordnete» Böhmens erwägen, ob sie dem Präger Landtag beiivohnen, oder ihm fern- bleiben solle». Daß sie erst erwägen, ist von hier aus gesehen befremdlich. Wie iveit muß es gekommen sein, daß die deutschen VoKsvertreler ans Unmulh über den überreizte» Fanatismus nationaler Chauvins der Hauptstadt des Landes, in dem sie gewählt sind, ernstlich fernbleiben wollen? Der Abgeordnele Wolf, durch die Lärmszenen im österreichischen Reichsrnth allbekainir, spielt sich heute schon als beldenhafler Märtyrer ans. Er, der wie jeder Chauvin eine stark renommiftische Ader� hat, spricht jetzt schon von Mordanichläge» gegen ihn, wenn er nach Prag käme. Er aber, ein tapferer Recke, der seinerzeit schon dem Grafen Badeni im Zwei- kämpf etwas Blut abgezapft hat, sürchlel sich nicht. Er zitirt Bis» marck'S, seines Götze», Ausspruch und er zittert vor nichts ans der Welt. Er geht»ach Prag»nd wenn Herr v. Gautsch ein ganzes Armeekorps aufbieten müßte,»m sein kostbares Leben zu schützen. Soll der wüste Fanatismus der Podlipny und seiner ansgehetzlen Horde» es wirklich noch verschulde», daß die Landtags-Abgeordnelen Böhmens noch Märtyrer-Lorbeer, gleichgillig od theueren oder wohl- feile», einheimsen sollen? Ein kleineres, aber nicht weniger interessantes Beispiel arger Zerrüttung kommt ans Wien. Dort hat dieser Tage ein Führer der zwiiistisch-jüdischen Gruppe. Herr Herzel, ein Theaterstück„Das»ene Ghetto" aufführen lassen. Die zionistische Beivegung i»;€Uie kindisch- unklare Sache, aus einer Berstimiuung über de» Antisemitisliius ist sie geboren. Ihr Endziel, wenn sie überhaupt eins hat, wäre nicht der aufrechte Kampf gegen das Vorurlheil, sondern die Flucht vor ihm. Ein wirklich sdylockmäßiger Grundgedanke nun lebt in dem seltsamen Drama des Zionisteii. Es predigt nach allen, was man darüber hört und liest, die jüdische Ausschließlichkeit. Der Held in Herzel's Drama ist so eiupsindlich überreizt, daß er es seinem christlichen Freunde bitter nachträgt, weil der nickt mehr in seiner Familie verkehre» mag. Und dieser Freund hat ganz zwingende und reinliche Gründe dazu. Ten» in dieser Familie verkehrt allerhand Jobber- und Wucher- gesindel, und bei diesem Volk will sich geiviß kein an- ständiger Mensch verfrennden. Wer einen, solche Freundschaft auf- zwingt, ist ein närrischer oder ein feindseliger Patron. Trotzdem bchanxtet der Autor: Seht ihr, so sind sie, sie alle, die das neue Ghetto aufbauen. Das könnte der Jrrthum einer einzelnen Person {ein. Das Stück selbst aber wurde bei all seiner krummen Beweis- ührung von Hunderlen mit demoustrativem Beifall ausgeiioiiimen. Hunderlen von Gejmmingsgenossen Herzel's war es aus der Seele gesprochen. Wie grausam verwirrt müssen die Auschauungen in allen bürgerlichen Lagern Oesterreichs geworden sein. Kleines Lfeuilleko». U. Umzug. Vor der hohen Miethskaserne stand ein zwei- räderiger Handwagen. Eine alle Kommode, die darauf stand, drückte ihn nach hinten zur Erde. Die beiden Deichseln ragten zum grauen Winterhimmel empor wie die Arme eines verzweifelten Menschen. Stuf dem Trottoir, neben der Karre, lagen einige Holz- breiter, anscheinend Theile einer Bettstelle, eine zerrissene Pserde- decke und ein halbes Dutzend schadhafte Töpfe und Teller. „Ihr zieht wohl, Kleine?" fragte jemand im Vorbeigehen das kleine, blasse Mädchen, das vergnügt um den Wagen und das Gerümpel tanzte und dabei eine Puppe umherschwenkte. der Kops und Beine fehlten. „I wo! Ransjeschmissen haben se uns", kam es zurück und von neuem sprang das Kind um den Karren. „Wirste»ich so'» Skandal machen, Jöhrc!" rief der Vater. der eben aus der Hauslhür trat n»d ein Bund Stroh und ein Stück Sackleinwand auf den Wagen warf.„Haste nu alles, Marie V" wandte er sich hierauf an die Frau im verwaschenen Kattunkleide, die ihm gefolg: war.„Alles, Fritze," sagte sie, ivädrend sie eine Küchcnlampe neben die Töpfe auf die Pferdedecke stellte und einen Säugling behutsam auf das Stroh im Wagen legte. „Alles! Wenn man jarnischt hat. is man auch»ich viel ärmer wie wir." Der Mann in der grauen, geflickten Arbeiterkleidung warf einen finsteren Blick aus sein armseliges Hab und Gut nnd schmieg.„Wenn mau wcnigsteus mühte: wohin," sagte er nach einer kurzen Pause. „Ja, wohin?" Die Frau begann zu weinen. Langsam luden beide das auf dem Trottoir liegende Gerümpel auf den Wage». Daun nahm die Frau das kleine Kind in ihren rechten Arm und faßte mit der Linken an den Kasten der Karre. Der Mann griff nach oben, drückte die Deichsel» nieder nnd schob, von der Frau unterstützt, das Gefährt vorwärts, die ansteigende Straße hinauf. Das kleine, blasse Mädchen stieß einen Schrei ans, als es den Wagen in Bewegnng sah, schlvenkte seine defekte Puppe doch über dem Kopse und sprang vor dem Karren her. Ans der Höhe der Straße bog die kleine Gruppe rechts ab, in eine Nebengasse. Wohin?——— — Champignon-Ziichtcrcicn in den Pariser Stcinbrlichcn. Die alten Steinbrüche außerhalb Paris— schreibt man der„Köln. Volks-Ztg."— beherbergen mehrere Hundert Pilzzücklereien, mit zusammen tausend bis zwölfhundert Arbeitern. Dank langer Erfahrung und Beobachtung ist der Betrieb ungemein vervoll- kommnet, mit allem versehen. In den zusammen zehn bis zwölf Kilometer langen unterirdischen Gängen wird alter Pserde- Mist in 0.40 Meter breiten Beeten oder Streifen gelegt, fest- getreten und dann mit Pilzbrut bespickt. Sobald diese aus- geschlagen, werden die Beete ganz dünn mit feiner Erde bedeckt, »ölhigenfalls auch begossen. Der Mist muß gähren, sich ans 16 bis 20 Grad erhitze», um die Pilze gedeihen, üppig schießen zu lassen. Die Gänge sind so breit, daß immer niehrcre, selbst bis acht oder zehn dieser stets sehr langen Pilzbeete neben einander liege». Das laufende Meter des Pilzbeetes kommt auf drei tranks zu stehen, muß daher mindestens drei, vier Kilogramm hampignons— zu ein bis zwei Franks— liefern, wenn der Züchter seine Rechnung finden soll. Pilzbnit verschaffen sich die Züchter iinr theiliveise durch eigene Züchtung. Sie kaufen dieselbe von Leuten, welche sich ein Geschäft daraus machen, dieselbe in alten Mistbeeten und Misthaufen zu suchen. Ei» Naturforscher, Repi», behauptet, Pilzbrut durch Sporen des Agaric nach Belieben zu erzeugen. Das Gedeihen der Pilze ist durch fanerstoffreiche Luft und gleichmäßige Wärme. nicht unter 20 Grad, bedingt; andernfalls verkümmern die Pflanzungen, hört alle Fruchtbarkeit ans. Scharfer Lustwechsel und Wärme iverden durch dasselbe Mittel erzeugt. Jede Pilz-Züchterci besitzt mindestens ein senkrecht eingeschlagenes Luftloch, welches zugleich, mittels einer Zapfenleiter, zum Aul- und Abstieg der Arbeiter dient. Unter daffelbe wird ein mächtiger Gilterofen gestellt, der oft bis vier Zentner Koks in viernndzwanzig Stunden verbrennt. Er erzengt Wärme nnd starken Luftzug. Alle faulenden thierischen Stoffe müssen sorgfältig ans den Züchtereie» entfernt werde», weil sie die Pilze absterben mache». Die vielen Natten müssen daher durch Katzen oder Hunde verfolgt werde», welche dieselbe» auch fressen. Im ganze» werde» in der Pariser Bannmeile jährlich für sieben Millionen Champignons gezogen, ivovon der größere Theil nach der Provinz nnd dem Auslände, vielfach i» Gläsern oder Büchsen, versandt wird. Obwohl es überall verlassene Steinbrüche nnd Bergwerke giebt, scheint man nur nm Paris dieselben z» Pilz- Züchlereien zn verwenden. Wie bedeutend der Triverbszweig ist, geht z. B. ans folgender Anzeige in einem Pariser Blatt hervor:„Wegen Znrruhe- setze»? des bisherigen Inhabers ist der Betrieb einer Chainpignoimiere zn verkaufen. Ungefähr 8000 Klafter(boisos) Beete; Kellerei für den Winter(zur Ausbewahrung der Pilze); Pacht 4000 Fr.; Pacht- vertrag noch nenn Jahre lausend; Preis der Betriebzeinrichlungen 40 000 Fr."— Musik. —er—. Konzerte. Herr Mayer-Mahr ist ein Pianist mit vielen gefälligen Verdiensten: Technische Sicherheit, iveicher uns doch kräftiger Anschlag, ein zwischen Feinheit, Leidenschaft nnd An- sprnchslosigkeit pendelnder Vorlrag. So spielte er die 32 Barinlionen von Beelhovcn und kleinere musikalische Gcnrestücke von Rachmanioff und Floersheim, und mit dem Violinisten Witek die Z-ckur-Klavier-Violin-Sonate von Grieg.s Was jedoch den strebsamen Klavierspieler zum Künstler macht. Selbständigkeit des Urtheils nnd der Anffaffnng, sowie begeisterte Wärme der Empfindung, das blieb Herr Mayer° Mahr schuldig. Zluf hoher Reisestnft erschien Herr Witek. Bach's„Ciaconna", die Grieg'sche Sonate und hübsche Bagatellen von Paganini, Mayer- Mabr und Wieniainski brachle er mit dem Reize absoluter Meister- schaft heraus.— Ein Meister, der das Bild einer reichen künst- lerischen Persvulichkcit darbietet, ist Koni ab An sorge. Keine Rümmer seines, alle Höhepunkte der Klavierlileratur umfasseuden Pro- grammes litt unter Mängeln, die seine Jutentione» und die vollständige Ausprägung des musikattfchcn Gehalts zu hindern vermochten. Die Korrekiheil des Spiels und Rhythmus, die Gradationen des Anschlags, welche vom donnernde» korts bis zum aeolsharfeuartigen xumissimo- Verhallen reichen, die destiuimteste technische Durchbildmig— sie sieheu unter der Herrschast eines geistreichen Kopses und einer lebhaft empsiudenden Musikscele. Als zwei nordische Koloratnrsterne be- grüßte das Publikum die Geschwister Emilie und Gabriele C h r i st in a u u aus St. Petersburg. Man wird in nnserer Zeit der peinlichsten mnsikalischen Teklamationsstarre und der zweifel- haflesten Gesaiigsknnst nicht allzu oft solche Slimmen hören, welche, in mittlerer Tonstärke in allen Lage» von bezaubernder Weichheit nnd instrumentaler Reinheit, mit Grazie und Feinheii die ausgesuchtesten Schwierigkeiten spielend überwinden nnd srei von großen nnd kleinen Unarten für jede Musik natürlichen, zum Herzen sprechenden Ausdruck finden. Ei» Duett aus Delibes' Oper„Lakme" und zwei Lieder von Tschaikowsky brachte das anmulhig« Geschwisterpaar zur lebhastesteu Wirkung. Der Geiger Arrigo Serato lieb sich als Meister im Andante und Finale des vierten Bieux- tempS-Konzertes hören; er ist zugleich Sänger, Birtuose und sorglos genialer Zigeuner aus seinem Instrumente.— Das fünfte Symphonie-Konzert brachte als Eröffnnngs- »Ummer Berlioz' selten gespielte Ouvertüre zu den»„Corsaren", in der sich neben dem Ungestüm einer glänzenden mnsikalischen und technischen Intelligenz eine bunt« Reih« melodischer und harmonischer Paradoxe» findet und die schließlich in»ine Trivialität der Blechbläser ausmündet. Als erfolgsicheres und siegcsgewisses Werk war die„Wald- Symphonie" von Raff gewählt worden. I» wenigen Orcheslerwerken> der tG»ach- Beelhovenffche» Zeit vereinigt sich zu solch schönem Bunde die Fülle des rein melodischen Elementes, die Frische, Kraft, Tiefe und An- mulh der musikalischeii Gedanken imt großzügiger Anlage. Den Schluß bildete die o-moU-Symphonie von Beelhoven. In den ersten beiden Nummern glänzte das Orchester durch musterhafte Genauig» keit, leidenschaftlich bewegte Betonung und rastlos vorwärts- drängenden und sich steigernden Ausdruck. Bon Beethoveu's ge- waltigem Werl kam ohne eigentlich materiell störende Verstöße der Geist der Komposition nur mühsam zum Vorschein. Nur im Finale hörte man wieder den ganzen Beethoven.— Kulturhistorisches. — Hotelleben im 16. Jahrhundert. Die Klagen über zu hohe Rechnungen von Wirthen scheinen in früheren Jahrhunderten bereite genau so vorhanden gewesen zu sein wie in unserem Zeit- alter.— Durch Mandat vom 1. Dezember 1S78 bestimmte der Bischos Julius von Würzbnrg: Der Wirth sol jedem Gast sein Zehrung von Stucken zu Stucken vnterschiedtlich rechnen, Volgents auch vber dieselbigen Zehrung, einen viiterschiedtlichen zettel zuzustellen schuldig sein.— Damit scheint also zuerst der heute allgemein geübte Ge- brauch einer spezifizirten schriftlichen Gasthofs-Rechnung eingeführt zu sein.— Zuvor schon hatte der Rath der Stadt Augsburg unterm 4. Februar 1574 eine Ordunng für Wirthe nnd Gastgeber erlassen: „damit uyemandts wider seinen willen mit übermessiger Zehrung beschweret werde"— augenscheinlich eine Folge von Klagen wegen Uevervortheilung.— Interessant ist ferner eine Notiz, die sich im Archiv für Postwesen, 11. Jahrgang, Berlin 1888 findet,»ach welcher der Nürnberger Rath unterm 8. Oktober 1523 eine„Ord- nnng" erlasse» hat: wie es auf sürgenomen reychstag der ankörnende Personen halb von den wirten und gastgcbern gehalten werde» soll, — nach dieser„Ordnung" war der Gast, der in seiner Herberge das Mahl einnahm, für Herberge und Lager nichts schuldig, es sei deuu, daß er besonders vornehme Gemächer beanspruchte.— Wenn ein Gast bei einem Wirth aber nichts verzehrte, sollte er dem Wirth das Lager— indessen nicht mehr denn vier Pfennig— zn zahlen schuldig sein.— Es ist nach dem so sehr billigen Preise zu nrtheilen in diesem Falle wohl nur von einem mit mehreren Personen zu theilenden Raum die Rede.— Wollten Gäste Striden für sich allein haben, so sollten sie sich mit dem Wirth„darum vertragen".— Für die Mahlzeiten ward eine bestimmte Taxt festgestellt, in welcher ein reichlicher Trunk Landwein inbegriffen war. Die feineren ausländischen Weine waren keiner gesetzlichen Preisseflstellung unter» worseu. Unsere üblichen Weinkarten finden»ir zuerst im 17. Jahr- hnndert und zivar in der Fori» rcichireschnitzler mtt Kn>r)>rtiden und Traubenbchang gezierler dnnlbeuialter Holzlnfeln. mit denen im schivarzbeuurlten Untergrund die Ztainen der Weine in nieißer Forde verzeichnet waren und zwar folgende Sorlen: Rdei» Wein. Mosset, Düningerbleichcr. Wertheiiner. Hasslacher, Slei», Lenle». Ätiargräfler, !?räuler,— champagne, weißer und rother.— Burgogne weiß und rolh, Ponlack, Medock, Monscat weiß und roth, Lünel. Froutignant, Mallaga Seck, Alicant, spanischen— so auf der bekannte» ältesten Tafel,— eine andere»»> einige Jahre spätere, verzeichnet noch außerdem: Cortibenedicte», Wurinülh, spa»>sche» Sect und Meth, weiß und rolhen.— Preise der Weine finden sich auf diesen Taseln nicht; es ist aber anzunehinen, daß diese auf dem hinler den Namen freigelassene» Plätzen eingeschrieben wurden.— Gesundheitspflege. t. Was muß man t h u n, um g» t z i, schlafen? Je mehr Aufordcrunge» an die geistige BethStigniig des Menschen durch die Ausgabe» des modernen Lebens gestellt iverde». desto dringlicher wird die Nothwendigkeit, seinen Schlaf nicht un- nöthig zu verlängern, aber auch nicht nnnöthig abzukürzen; das erftere würde einen Verlust an Arbeitszeit, das lcytere einen Verlust an Arbeitskrast herbeisühren. Die Hauptsache ist aber nur der gesunde Schlaf, zu dem natürlich eine vollkommene oder annähernd vollkommene lZcsundheit gehört. Da sich nun aber nur wenige Mensche» einer vollen Gefuudheit er- freuen, so muß man dem Schlaflosen den gesunden Schlaf auf andere Weise zu verschaffe» suchen. Um gesund schlafen zu können, muß man tagsüber die Aufmerksamkeit ermüdet haben, und nicht nur der Körper, sondern auch der Geist muß sich nach Ruhe sehnen, ferner muß da? Willenszentrum beruhigt und der Blutandrang vom Gehini abgezogen werden. Erreicht wird dies am besten durch gleichmäßige und ruhige Gewohnheiten und eine gewisse Einsörmigkeit leichter abendlicher Beschäftigung, während eine große Verschiedenheit abendlicher Pflichten dem Nachtschlafe ungünstig ist. Man darf weder mit leerem noch mit vollem Magen zu Bette gehen, es ist daher klug, vor dein Schlafengehen eine leichte Mahlzeit einzunehmen Die be- kannte englische Wochenschrift„Spectator* giebt den Schlaflosen als vorzüglichstes Mittel das folgende Rezept eines warmen Bades. Das Bad soll in eineni Zimmer mit einer Temperatur von IS bis 20 Grad Celstus genomiuen werden. Man soll sich zunächst vor die Wanne stelle», so daß der Kopf über deren Rand reicht und sich dann den Kopf und das Gesicht mit Wasser von 37 G'ad Celsius besprengen. Die beiße Besprengniig des Kopfes und die gleichzeitige Abkühlung des übrigen Körpers durch die Lnfl treiben zuerst das Blut nach dem Gehirn und eriveitern dessen Blnt- gefäße. Dan» kommt der ganze Körper mit Ausnahme des Kopfes in ein Bad von 36 Grad Celsius, das schnell bis auf 39 oder 40 erhöht wird, das Bad wird nach wenige» Minuten verlassen»nd der Körper in Tücher gehüllt, die die Feuchtigkeit aufnehmen. Der Patient soll dann mit möglichst geringer körperlicher Anstrengung zu Bette gehen und vielleicht ein ivenig warme Flüssigkeit genießen und sich einer Wärmflasche bediene».— Medizinisches. Ic. Pest und Ratten. Die große Bsdentnng der Matten für die Neberlraguug der Pest, illustrirl ein Aufsatz des Gießener Privatdozentc» Dr. Sticker, eines Mitgliedes der vorjährigen deutschen Pestkommission für Indien, in der neuesten.Münchener Med. Wochenschrift". Als uralte Heimath der Pest gelten die großen Alpenländer des Himalaya. Hier haust der Erreger der Pest in den Geschlechtern der Ratten und Mäuse, und begnügt sich geivöhnlich damit, unter diesenThieren Verheerungen anzurichten. Eine Ueberschwemmung. «in Erdbebe», eine lange Dürre treibt die Schaare» der pestkranken Ratten aus den Berge» in die Ebene zu den Wohnungen der Menschen, und giebt so durch das Zusainuienlede» der Hausratten mit de» Mensche» Veranlassung zu den Pestläufen, die von Zeit zu Zeit verderbenbringend über die Erde ziehe». Als Zwischenträger der Pest zwischen Ratten und Menschen dienen vornehmlich Insekte». die a» der lebendigen oder tobten Pestratte sich nähre» und später zufällig auf den Mensche» gelangen: Aiueise», Flöhe, Milben und andere Schmarotzer. Der pestkranke Mensch. die Pestleiche, das Pestgewand sind an sich weit weniger gefährlich und stecken zumeist wieder vermittelst des kleinen Ungeziefers a». Auch kann die Pest von Menschen ivieder ans die Ratten zurück- gehen, wo eine mangelhafte Leichenversorgilng diesen Thieren das Annagen der Pestkadaver erlaubt. Dieser Zusammenhang zwischen Thier- und Menschenpest, der jetzt sicher erkannt ist, macht neben der Jsolirung der Kranken und der Ueberwachung des Handelsverkehrs Maßregel» erforderlich, die sich gegen die thierischen Pest- Verbreiter und ihre Zwischenträger zu richten habe» werden.— Astronomisches. — Der Winnecke'sche Komet ist in einer der letzten Rächte auf der Lick-Slernwarte in Kalifornien von Mr. Perrine am Morgenhimmel wieder aufgefunden worden; er stand im Sternen- bilde der Wage, ö Grad nordöstlich von dem helle» Stern ß, und erschien noch sehr lichtschwach. Dieser Komet hat eine Umlaufszeit von S'/o Jahren um die Sonne, und die scheinbare Verkürzung der- selben hat laiigere Zeit die Ansicht gestützt, daß der Weltram» nicht leer sei, sondern von einem widerstehenden Mittel angefüllt werde. Die»eueite» Uiitersnchungeii über die Umlaufszeit des Winnecke'schen Kometen haben aber ergebe», daß die ungenane Kenntniß der Planeten- Massen die scheinbare Verkürzung des Kometenlauss bewirkte.— Humoristisches. — Ein fürchterlicher Mord steht in dem nahe bei Emden belegene» Dorf Wolthusen bevor, wenigstens droht der Ge» meindevorsteher einen solchen in einem Bekanntmachungs-Gitlerkasten a». Die Bekanntmachung lautet wörtlich:„Wolthusen. 31. De- zember 1897. De» Restanten in Sperlingsköpse wird bekannt ge- geben, daß der Orlsdiener K. de Boer beauftragt ist, bis zum 10. Januar 1898 ihre Köpfe oder auch pro fehlenden Kopf eine Gebühr von 10 Pf. in Empfang zu nehmen. Zugleich wird derselbe nach Maßgabe der vorhandenen Gebühren ab da Käufer sein für Sperlingsköpse pro Stück 10 Pf. Der Gemeindevorsteher. gez. H. Rösiugh jr."— — Bosheit. Aus Erlangen wird geschrieben: Am Eingang zum städtischen Redontenhaus. einem aus der Mark- grafenzeit stammende» Gebäude, in dem in der Konzertsaison Sänger und Klavierkünstler konzertire», fand sich am Morgen des Dreikönigstages eine jener Tafeln angeheftet, wie sie in de» letzten Wochen vielfach an den Grenzmarken umliegender Gemeinden zu sehe» waren. Di- Tafel, die ein Spaßvogel jedenfalls auch von dort in dunkler Nacht weggeschleppt, trug die Ausschrist: „Warnung wegen Ausbruchs der Maul- und Klauenseuche".— — Verblümt.„Glanben Sie, daß der Herr Rath trinkt?" „Ich glaube nicht— aber wissen Sie, wenn ich eine Flasche Kognak wäre, möchte ich nicht allein mit ihm im Zimmer sein."— — Ein gesundes Schloß. Käufer:„... Aber der nahe Sumpf! Gewiß ist das Schloß»ngesnnd!?— Agent: „Gar nicht! Seit dreihundert Jahren spukt'ne Gräfin drin und is noch kerngesund."—(„Flieg. Bl.".) Vermischtes vom Tage. »-> K a lend er- E i g en t h üm l i ch ke i t e n. Der Oktober beginnt stets a» demselben Wochentage mit dem Januar, der April mit dem Juli, der Dezember mit dem September. Februar, März und November sangen stets an demselben Wochentage an. Mai. Juni und August aber unter sich je an einem anderen Wochentage. Jndeß gelten diese beiden Regeln nicht für Schaltjahre. Ei» Jahr- hundert kann»iemals mit einem Mittwoch, eineni Freitag oder einem Sonnabend anfangen. Das gewöhnliche Jahr endet stets an dem Wochenlage, mit dem es beaaa». Die Jahre wiederholen sich insofern, als jedes Mal nach 28 Jahre» derselbe Kalender wieder» kehrt.— — I» der hundert Jahre alte» Kolonie Sandhansen bei Oranienburg ist am 1. Jauuar der erste Nacht ivächler an- gestellt worden.— — F ü n s h u n d e rt H i r s ch e giebt es jetzt in der Rominter Haide.— — In mehreren Gemeinde» bei Groß-Becskerek(Ungarn) ist infolge große» Nothstandcs der Hungertyphus zum Aus- bruch gelangt.— — B-r C o i» p i ö g>, e bemerkte» Jäger vor einem Wasser- durchlas eines Feldweges eine Menge Feder» eines anscheinend von einem Fuchse z-rrupfle» Vogels. Da sie ersteren in dem Durchlaß vernuithelcn, verstopfte» sie ih» ans beiden Seile» mit llieisig und Strob und zündele» dies an, um ihn auszuräuchern. Als sie späler zurückkehrten, um sich von dem Erfolg ihres Beginnens zu über- zeuge», bemerkte» sie m dein Durchlaß die verkohlte Leiche eines Mannes. Dieselbe war diejenige eines schivachsinnigen Bauers, der den Durchlaß zur Lagernalt aneerkoren und vor dem- selben die Federn eines zerrissenen Kopfkissens verloren hatte, welches er mit hiueingenommen.— — In Athen solle» einer 104 Jahre alten„barm- herzigen Schwester" während der letzten zwei Monate vier neue Zähne geivachsen sein.— — Im Londoner Bororte B e d f o r d machte eine Frau am Abend des Drcikönigslages einen kleinen Ausgang. Als sie nach einigen Minuten wieber zurückkehrte, fand sie ihre vier Kinder im Älter von 4 Monaten bis 4 Jahren t o d t i» ihre» Betten. Sie waren lebendig verbrannt.— — Die Londoner„Morning Post" meldet die Entdeckung von großen Goldlager n i» Labrador. Sie seien von einer Reichhaltigkeit, die den Goldfeldern von Klondike nichts nach- gebe.— — Temperenzler-Getränke. Kürzlich wurde in London die Aufmerksamkeit der Wissenschaft aus die Beliebtheit sogenannter Mäßigkeilsgetränke gerichtet, und eine chemische Analyse derselben zeigie, daß sie mehr Alkohol enthielte», als mancher Schnaps. Eine ähnliche Entdeckung hat neulich die Gesundheitebehörde des amerikanischen Staates Massachusetts gemacht in betreff der dort unter dem Namen„Tonicas" oder„Bittere" gebräuchliche» Ge- tränke. Darunter bewiesen besonders diejenigen, die gerade als Mäßigkeilsgetränke anempfohlen wurde», einen Alkoholgehalt von 13.2 bis 41,6 pCt. auf.—_ Beranlwortlicher Redakteur: Angnst Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Vadiug in Berlin.