Hnterhaltungsblalt des Vorwärts Nr. 7. Dienstag, den 11. Januar. 1898. (Nachdruck verboten.) � Nlltttgsloukr. Roman von Wilhelm Wi e y e r- F ö r st e r. Ter ingeniöse Kopf des Agenten ersaun jetzt einen hervor- ragenden Plan. Bei seinem Glück und seinen Erfahrungen in Sachen des Ronlettespicls mußte es ein leichtes sein, ein- mal einen ivirklich großen Schlag ansznführen, und zwar war das nur möglich, wenn er sein Glück in dem Wallfahrtsort an dem Ufer des Wiittelländischen Meeres erproden konnte. Mit den sechshundert Mark, die er allmälig der Tante abgeschröpft hatte, ivar das natürlich nicht durchzusetzen, und nur wenn das Tranermagazin für diesen Feldzug ge- wonneu wurde, stand ein Erfolg in Aussicht. Als er mit großer Zungeufertigkeit uud einem erstaunlichen Maß von Uuver- frorenheit der Tante seinen Plan auseinandersetzte, war diese zunächst ganz starr. Der Agent hatte indesfm Beweise zur Hand. Das Roulette wurde aufgestellt und das mathematisch sein crsonneue System mit Streichhölzern(die je hundert Mark bedeuteten) dargelegt. Der Tante nicht nur, sondern auch Christians uud der Mutter bemäcbtigte sich bei diesem Ex- pcrimeut eine enorme Aufregung. Christian drehte, der Agent setzte. und che eine halbe Stunde vorüber war, hatte der letztere zwölftausend Mark in Streichhölzern gewonnen. Die Tante ließ sich ein Glas Wasser geben, und die Sache nahm ihren Fortgang. Jetzt kam der große Schlag. Auf Roth standen sechstausend Mark, und Roth gewann. Aber der Agent zuckte mit keiner Wimper, sondern ließ den verdoppelten Be- trag stehen. Und noch einmal und zum drittenmal. Er hatte in Zeit von drei Minuten ein Vermögen von hundert- tausend Mark eingesackt. Es sollte sofort weiter probirt werden, aber der Agent erklärte, er habe genug. Tie Tante verlangte kategorisch, er sollte noch einmal setzen, er that es jedoch nicht. So wurde denn an diesem Abend der große Plan aus- gearbeitet und in allen Grnudzügen festgestellt. Alles in allem wurde die Kricgskasse nach langem Handeln und Feilschen auf ziveitauscudsünshnudert Mark bemessen: zweitausend Mark seitens der Tante, vierhunderlsiebzig Mark von Albert, zehn Mark von seiner Mutier und zwanzig Mark von Christian, der neuerdings als lateinischer Lehrer eines jungen Adeligen bedeutende Summen verdiente. Von dem Gewinn sollten zu- nächst die Reisekosten und drei Mark Tagesspesen für Albert abgezogen werden, ferner fünfhundert Mark für die Roth- leidenden in Weißensee— ein zarter Wink für höhere Mächte — und tausend Mark als Reservefonds für künftige Fälle. Der Rest sollte gleichmäßig je nach der Höhe der Einlagen unter die vier vertheilt werden. Allerdings lag ein leiser Vcr- dacht �nhe, daß Albert nnkontrollirbar und durch den Gewinn geblendet den Löivenantheil für sich behalten würde, und die Tante, die kein Blatt vor den Mund nahm, gab dieser Der- inuthung auch ohne iveitercs Ausdruck. Arme Schlucker lassen sich derlei Verdächtigungen eventuell gefallen, nicht aber Leute, die sechshundert Mark in der Tasche tragen und soeben, wenigstens mit Streichhölzeln, ein Vermögen verdient haben. Ter Agent zog mithin Saiten auf, wie sie die Taute noch nicht kennen gelernt hatte, und nur Christians zitatenreicher Ver- söhnungsrede und wahrhaft frommer Milde gelang es, das Einvernehmen iviederherzustellen. Jcllchen mußte ans der Wcinhandlnng nebenan den Fahrplan hole», die Tante entnahm dem eisernen Geld- schranke zwei große graue Scheine, und begleitet von den Segenswünschen aller nahm der Agent Abschied, um in der Frühe des nächsten Morgens, dritter Klasse natürlich, gen Süden zu fahren. Christian war zu ausgeregt, um schon schlafen zu können, und so begleitete er den Bruder, der davon wenig erbaut war, bis vor dessen Thür. Es ivar erst elf Uhr, med mit großem Jugrinim mußte der Agent die dunkle Treppe hinauf- steigen. Aber oben besann er sich eines besseren, trottete wieder hiunnter und verlebte einen wirklich hübschen Abend. m Eva hatte den fremden Schützling wie eine Schwester auf- genommen. Der Justizrath konnte leicht ermitteln, daß die An- gaben Acnnchetl's aus Wahrheit beruhten, uud sehr traurig nahm es sich ans, wenn sie kunstlos schilderte, wie das Atelier in der Jägerstraße hatte geräumt werden müssen und die Roth immer härter kam. Sie blühte in wenigen Tagen prächtig auf, trug die älteren Kleider Eva's mit einer naiven Koketterie und wurde von dem ganzen Hause ivie ein zugelaufenes Hündchen verhätschelt. Alles in allem ivar sie ein famoses Mädchen uiit runden Formen, niedlichen flatternden Locken und einem freundlichen hübschen Ge- ficht. Ueber die einfachsten Dinge hatte sie eine kindliche Freude, und ihre Dankbarkeit, vor allem gegen den Justizrath, war unbegrenzt und aufrichtig. Am wenigsten gut kam sie mit Abraham ans, der nun einmal das Mißgeschick hatte, mit seinen bizarr häßlichen Zügen und seinem ewig schweigenden Ernst keine Freunde zu erwerben. Auch er war freundlich zu ihr, aber in eitler Weise, die sie nicht verstand. Bis- weilen, namentlich in der ersten Zeit, sprach er mit ihr über das Elend armer Leute, aber sie mochte daran nicht mehr erinnert sein und antwortete scheu und verlegen. Sie hatte ja nun alles so schön wie nie; der Justizrath, der sie gern mochte und ihr am zweiteil Tage sogar einen feierlichen Kuß auf die Stirn gedrückt hatte, versprach ihr, sie solle immer bleiben,— was war da noch groß zu reden von den alten häßlichen Tagen! Dieses fast leichtsinnige Vergessen der kümmerlichen Ver- gangenhcit befremdete auch Eva, auch den Justizrath. Uebrigens war Eva dem Mädchen von Anfang an nicht richtig begegnet. In dem jungen Glück der Braut und der Angst nm den kranken Liebsten hatte sie das Komme» der Fremden ivie eine Schicksalssendung betrachtet und sie mit so stürmischer Liebe überhäuft, daß bald eine leise Abkühlung eintreten uilißte. Ein„Schiitzling* soll immer recht behutsam angefaßt werden. Er ist ja kein Spielzeug, dessen man müde werden darf. Alle Menschen haben wohl irgendwann einmal eine solche Schützerlanne, dann wird das arme Geschöpf am ersten Tage mit Leckerbissen überhäuft, am zweiten allen Be- kannten gezeigt, es begeht am dritten Tage eine kleine Unart, wird ani vierten Tag bereits lästig und sieht am fünften Tage die Thür von alißen. So entdeckte auch Eva an ihrem Schützling bald bedenk- lichc Untugenden. Mit der Wahrheit nahm es das gute Aennchen nie recht genau, lind ein hervorragender Fleiß war ihr keineswegs eigenthiimlich. Sie schlief so lange, daß sie immer energisch geweckt werden nuißlc, und sie hatte plebejische Angewohuheiten, namentlich ein bäreilmäßiges Lachen, das verschiedene junge Damen aus Eva's Bekannt- schaft peiillich berührte. Aber sie hing doch auch an Eva niit so großer Dankbarkeit, daß diese über die Mängel sich hinwegsetzte. Und dann ivar ja das Schicksal des Mädchens lediglich von des Justizraths Ermessen abhängig, der von seiner neuen Halisgenossin fast zu sehr eingenommen schien. Er scherzte mit ihr, gab ihr aus seiner Bibliothek Bücher, die sie lesen sollte, und war froh, bei Eva's nicht gerade rosiger Stimmnttg ein immer munteres Mädchen um sich zu haben. Schließlich war er auch ein zu lebenslustiger Mann und der Anziehnngskrast weiblicher Wesen seit alters zu sehr unterthan, um nicht auch an ihrer ganzen Erscheinung Gefallen zu finden. Sie blühte bei dem vortreffliche» Leben anf,„ivie eine „Pfingstrose*, und der enge häusliche Verkehr zeigte dem An- walt seinen hübschen Schützling bisweilen in höchst reizenden Situationen. Er war dann tapfer genug, sofort einen ener- gischen Kampf mit seinem weniger guten Ich aufzunehmen, aber ganz allmälig kam es ihm doch zum Beivnßtsein, daß er das muntere Ding verteufelt gern um sich sah, niid zwar nicht einzig dieser Munterkeit wegen. Die Tage schlichen nur langsam dahin. Es waren jetzt mehr als drei Wochen vergangen seit jenem Abend, da Klaus mit seinen Angehörigen hier gewesen war, und Eva hatte ihn nicht wieder gesehen. Don seineul Krankenlager kamen täglich Briefe, die von dein liebevollsten Herzen als zärtlich gedeutet und stürmisch erwidert wurden, und der Bursche halte bei seinen Botengängen herrliche Tage. Die Familie Simon niachte einen selerlichen Besuch bei der Geheimräthin, und Klara, Klaus' älteste Schwester, ließ sich bisweilen bei Eva sehen. Sie war ein verschüchtertes Ding von sechsundzwanzig Jahren, schmal, schlank, eines von den armen Menschenkindern, die all ihr Leben neben der große» Heerstraße marschiren und nie den rechten Weg wissen. Kein jeltjamerer Kontrast, als wenn die beiden künftigen Schwägerinnen zusammen saßen. Vielleicht war Klara nur heimlich hier, ohne Wissen ihrer Mutter, denn dieses böse ungewisse Spiel, das die Mutter und Klaus, immer noch abwartend und auf einen Ausweg sinnend, mit Eva trieben, hatte ihr weiches und demüthiges Herz so entrüstet, daß wenigstens sie ein wenig das Unrecht gut machen wollte. Sie war über ihren großen Muth selbst erstaunt. Bei Eva hatte sie aber einen schweren Stand, denn die Leidenschaft der Jüdin umklammerte sie oft so stürmisch, wollte derartig viel von Klans erzählt wissen und brach der neuen Freundin gegenüber so in Thränen und Angst und zitterndem Glück hervor, daß die blonde Geheimrathstochter den rechten Gegenton nicht fand. Aber wenn sie heimging oder abends im Bett lag, dann fing es auch in ihr an, lebendig zu werden. Da richtete sie sich halb empor und starrte hinaus in ihre arniselige Zukunft. Jeder neue Tag führte sie langsam weiter in das öde Meer der Verlassenheit. Das Gesicht wird bleicher, die Züge müder, hoffnungsloser, und das alternde Mädchen sieht das Land des Glücks lang- sani in der Ferne verschwinden. Vielleicht kommt von drüben her doch noch einer, holt sie ans seinem Nachen zurück und trägt sie jubelnd mit starkem Arm auf das feste Land. Wie sie den lieben wollte! So dankbar sein! An seiner Seite durch Feld und Wiesen gehen, während am Wegrain tausend Blumen blühen! Fast schaudernd dachte sie zurück an Eva, wie die Klaus' Bild mit Küssen bedeckte und mit leuchtenden Augen von ihrer unermeßlichen Liebe sprach. Aber auch sie will sich aufrichten, wie Eva werden, alle Seele dem Liebsten entgegentragen und ihn küssen! küssen!! Zitternd, aufgerichtet schaut sie weithin, zu den Sternen die durch das halbverhängte Fenster hereinblicken. Dann lang- sam löst sich die Spannung, und sie sinkt müde in die Kissen. Die Geheiniräthin schnarcht in dem großen Bett an der andern Wand, das Nachtlicht glimmt unsäglich trübe und lang- weilig— so wird es immer sein und bleiben. Das Land des Glücks versinkt, und ein nutzloses armes. Leben treibt hinaus in den Ozean. (Fortsetzung folgt) Kann Achilles eine Schildkröte einholen? Eine komische Frage wird hier in der Ueberschrift gestellt; Achilles, der göltergleiche Held, den Homer den schnellfübigen nennt, der also der gewaltigste Wettlänfcr unter de» griechischen Helden war. soll mit der laugsam kriechenden Schildkröte verglichen werden. Wenn das nicht ans einen schlechten Scherz hinausläuft, etwa das Achilles längst gestorben ist, Schildkrölen aber auch heute noch sich lustig ans der Erde herumtumnieln, so hat die Frage überhaupt keinen Sinn und kann ernsthast weder ausgeworfen, noch ernsthaft beantwortet werden. Mit Verlaub, so einfach und klar liegt die Sache nicht; die Frage ist vielmehr sehr ernsthaft gemeint und von vielen theilweis sehr klugen Leuten lang und breit behandelt worden, und gar mancher konnte nicht völlig klar über die richtige Antwort werden. Um das Jahr 450 vor Chrrsti Geburt, also vor mehr als zwei- tausend Jahre», wurde sie zuerst von einem geistvollen griechischen Denker seinen Zeitgenossen vorgelegt und mit einem klaren»Nein" beantwortet. Sein Gedankengang war der folgende: Hat die Schildkröte vor Archilles einen Vorsprimg, steht dieser j. B. am Brandenburger Thor in Berlin, die Kröte dagegen am großen Stern auf der Chanssee zwischen Berlin und Charloltenburg, und laufen beide in der Richtung nach Charlottenbucg. so muß Achilles doch, bevor er sie einholt, den großen Stern passiren, den Ort, an dem sie sich gegenwärtig befindet. In der Zeit, die er zum Durcheilen der Entfernung gebraucht hat, hat die Scliildkröte nicht stillgestanden, sie ist vorwärts gekommen und hat einen neuen Vor- sprung gewonnen, sie sei z. B. bis Station Thiergarten gekommen. Will Achilles sie einholen, so muß er auch diesen Borsprung durchlanfe»; in der Zeit, die er hierzu gebraucht, ist unsere Schildkröle aber wiederum vorwärts gekommen und hat abermals eine» Vorsprung gewonnen. Und so geht die Sache weiter in alle Eivigkeit; jedesmal, wenn Achilles den Vorsprung, den die Schildkröte vor ihm voraus hat, durchmessen hat. hat diese einen neuen Vorsprung gewonnen, den er doch immer erst wieder durch- laufen muß, um sie einzuholen; da sie nnterdessen aber nicht stille steht, sondern ihre Bewegung fortsetzt, so gewinnt sie stets eine» neuen Vorsprung. Man erkennt also klar und deutlich, daß der schnellfüßige Held das langsame Thier nicht einholen kann, sobald es zu Anfang einen Vorsprung vor ihm voraus hat. Das ist ein fauler Witz, ivird vielleicht mancher hier ausrufen; wenn das richtig wäre, dann könnte auch eine Eisenbahn einen Lastwagen nicht einholen, niemand könnte aus der Straße eine» Bekannten. de» er in einiger Entfernung vor sich sieht, durch rascheres Ausschreiten erreichen, und ähnlich in tausend und aber taufend anderen Fälle», in denen uns die alltägliche Erfahrung zeigt, daß der Schnellere de» Langsamen nicht nur einholt, sondern überholt und hinter sich zurückläßt. Zudem kann ja jeder Schüler der zweiten Klasse wohl ganz leicht ausrechnen, wann und wo Achilles die Schildkröte einholt. Beträgt die Entfernung vom Brandenburger Thor bis zum großen Stern 2700 Meter und läuft Achilles nur zehnmal so schnell als die Schildkröte, so holt er sie da ein, wo der von ihr zurückgelegte Weg der zehnte Theil des ganzen Weges ist, den er selbst zurücklegt; nun muß er selbst im ganzen den Vorsprung, 2700 Meter, und den Weg der Schildkröte durchmessen. Da der letztere ein zehntel des ganzen ist, so muß der Vorsprung neun zehntel be- tragen; iveiß man aber erst, daß 2700 Meter neun zehntel des Weges sind, so ist ein zehntel der 9. Theil davon oder 300 Meter, mithin beträgt der ganze Weg das zehnfache davon oder 3000 Meter. Ohne weiteres ist also klar, daß Achilles 3000 Meter durchlaufen muß. um die Schildkröte einzuholen; da sie in derselben Zeit nur 300 Meter durchläuft, so erkennt man, daß er in der That den Vorsprung, 2700 Meter, und noch die weiteren 300 Meter durch- messen Hai, und mit ihr also am gleichen Punkte ankommt. Die Zeil, in der dies geschieht, ergiebt sich auch einfach; braucht er lO Minute» zu dem Vorsprung, also l Minute zu 270 Metern, so folgt, daß er die 3000 Meter in Minuten zurücklegt; denn 270 ist Il'/g Mal in 3000 enthalten. Ist denn aber durch diese Nechnung die vorige Schlußweise widerlegt? Zeno— dies ist der Name des griechischen Denkers, der die Frage aufgeworfen hat— bestreitet das ans das entschiedenste, und mit volleist Recht. Wenn ich durch richtige Schlüsse zu irgend einer Behauptung gelange, so kann ich doch nicht dadurch widerlegt werden, daß eine andere Betrachtungsweise zu einer entgegengesetzten Behauptung führt, sondern in meiner Schlußweise selbst muß man mir einen Fehler nachweisen, wenn ich das Resultat als irrig mier- kennen soll. Infolge dessen behauptet denn auch Zeno, daß seine durch logische Schlüsse gefolgerte Behauptung unfehlbar richtig sei; ivenn daher andere Betrachlniigsweiseu und vor allem der sinnliche Augenschein das Gegentheil lehre», seien diese falsch. Das folgerichtige Denken ist es, was uns vom Thiere unterscheidet; es bildet den göll- lichen Funken in uns, der uns zur Erkennung und Auffassung der Wahrheil befähigt. Zeigt sich ein Widerspruch zwischen den logische» Folgerungen unseres Denkens und desjenigen, was uns der sinnliche Augenschein vermittelt, so haben wir dem letztere» zu miß- trauen und dem ersteren zu glauben. Jetzt erkennt man, daß in der Frage mehr liegt, als ei» geist« voll ersonnener Scherz oder ein oberflächlicher Witz; es ist vielmehr der Gegensatz zweier grundsätzlich verschiedener Auffassnngsiveisen von der Art, wie wir Kenntniß von der Welt und dem Geschehen in der Welt erhalten, der sich in der Beantwortung dieser Frage offenbart. Es handelt sich nicht blos darum, ob Achilles die Schild- kröle einhole» �kann, sondern um die viel umfassendere Frage, ob Bewegung überhaupt möglich ist, und weiterhin um die wichtige Frage, ob die sinnliche Anschauung als der Urquell unserer Erkenntniß betrachtet werden kann. Der Augenschein, die Sinne, zeigen uns überall Veränderung und Bewegung, und wie der rascher Laufende den Langsamen überholt; der Verstand zeigt uns, daß ein solches Verhalten nicht möglich ist, sagt Zeno, und folglich müssen wir unseren Sinnen Überall mißtrauen, sie sind nicht geeignet, uns die Welt, wie sie wirklick ist, erkennen zu lassen. Thalfächlich kann um» ja auch zahlreiche Fälle ausiveisen, in denen der sinnliche Augenscheiu trügt; oft scheint es uns, wenn wir ini Wagen sitzen und rasch dahinfahren. als ob unsere Um- gebung a» uns vorbeisaust, wir aber in llkuhe sind. Ein Beispiel dieser Art ist die Aeivegung der Erde, die wir durch unsere Sinne nicht wahrnehmen können, sondern durch Benutzung unseres Verstandes erschlossen haben. Man darf sich daher nicht allzu sehr wundern, daß Zeno den Sinnen mißtraut, und seinen Verstand als einen besseren Führer zur Wahrheit ansieht. Wir ivolle» ihm aber ans seinen weiteren Gedankengängen über die Natur der Welt nicht solgen, sondern den zuerst angeführten Beweis noch einmal daraufhin prüfen, ob er denn wirklich so unumstößlich ist, wie Zeno behauptet. Achilles durchläuft den Vorsprung, den die Schildkröte vor ihm hat, sagen wir einmal, in 10 Minuten. Da wir angenommen hatten, daß er zehnmal so schnell läuft ivie sie, so hat sie unter- dessen eine» neuen Vorsprung gewonnen, der nur den zehnten Theil des ersten beträgt; diesen wird er daher i» einer Miuule durchlaufen. Den Vorsprung, den sie»»»mehr gewonnen hat. wird er in dem zehnten Theil dieser Zeil durchlausen, also in einer zehntel Minute; den nächsten Vorsprung in dem zchnlen Theil hiervon, in einer Hundertstel Minute; dann folgt eine lnufendstcl, eine zehnlauscndstel Minute u. s. f. So ist also die gesammte Be- ivegnng kunstvoll zerlegt in eine Reihe von einzelnen Bewegungen, zu deren jeder der zehnte Theil der Zeit erforderlich ist, als zu der vorhergehenden, uud nu» behauptet Zeno kühn und leicht, da die Glieder dieser Reihe kein Ende haben, da ihre Anzahl ohne Ende fortschreitet, so ist auch die Summe endlos groß. Achilles kann die Schildkröte n i e einholen, sagt er, er müßte eine endlose Zeit hinter ihr her laufen, und doch hätte sie noch eine» Vorsprung; that- sächlich betrachtet er aber die Bewegung nur innerhalb einer Zeit, in der er sie wirklich nicht einholt. Zahlt man nämlich jene Glieder zufamnie», 10 Minuten, 1 Minute,'/io Minute u. s. w., so wird man finden, daß mau stets, soviel Glieder man auch nimmt, unter IIb'.' Minute bleibt: die frühere Rechnung zeigte aber, daß er sie erst nach UV? Minute einholt; also ist es nicht wunderbar, daß er sie m einer kürzeren Zeit nicht einholen kann. Zeno zerlegt in seiner Echlußweis« die kleine Zeit, innerhalb deren AchilleS die Schildkröte noch nicht eingeholt hat. kunstvoll in eine endlose Reihe von Gliedern, und sagt dann: Diese endlose Anzahl von Glieder» mnß zusominengefügt eine endlos große Snmine ergebe». Das ist ei» klaffender Widerspruch, ein schwerer Verstoß gegen jede Logik, der feiner Behauptung jede Beweiskraft rauben muß. Habe» wir so festgestellt, daß in dicseni einen von Zeno an- geführten Falle das logische Denken und die sinnliche Wahrnehmung völlig mit einander im Einklänge stehen, so dürfen wir uns doch nicht verhehlen, daß wir bei der Zerlegung von Zeno's Beiveis aus eine sehr schwierige Vorstellung gestoßen sind: Eine endlos große Zahl von Gliedern soll bei ihrer Zusainmenfügung nicht über alle Grenzen groß werden. Daß das richtig ist. erkennen wir leicht, wenn wir irgend eine Größe theilen. Nehmen wir etwa eine» Meter, so können wir ihn in 2, 4. 8 Theile theilen, und in immer weitere kleinere Theile; den» jeder Theil kann ja selbst wieder getheilt werden. So erhalten wir also eine unendliche Menge von Theilen, weil wir ja nie mit der Theiluug zu Ende komme» können, sondern jeden Theil immer wieder weiter theilen könne». Folgt aber daraus, daß diese Theile znsammengesügt endlos groß werde» müssen? Doch keineswegs; sondern da sie durch die fortgesetzte Theilnng eines Meters entstehen, so müssen sie bei ihrer Zusammensetzung auch wieder einen Meter, also eine durchaus be- grenzte Größe ergeben. In letzter Instanz kommt Zeno's Behauptung von AchilleL und der Schildkröte also darauf hinaus, daß die Zu- sammensetzung endlos vieler Elemente zu einer begrenzten Größe und umgekehrt die endlose Theilbarkeit einer begrenzten Größe undenkbar sein soll. Würde man ihm das zugeben, so würde man immer noch sagen müssen: Ans dem, was ich mir denken oder nicht denken kann, folgt für die wirkliche Welt noch gar nichts; ich habe mir absolut nicht denken können, daß Polizisten im Parlament die Hand an Abgeordnete legen, und dock ist es in Wien Thatsache geworden; freilich habe ich nicht durch mein Denken, sondern durch meine Sinne Nachricht davon bekomme». Könnte ich mir die unendliche Theilbarkeit und die Beivegnng nicht denken, so geben niir meine Sinne von ihrer Wirklichkeit doch einen sehr deiit- lichcn Beweis. Die moderne Natursorschung stützt sich denn auch durchaus auf die Sinne und sucht die Erscheinungen in ihrem Zusammenhange zu erfasse», wie sie sich uns durch»nsere Sinne darbieten, sie kümmert sich nur um die Welt, wie sie ist, nicht etwa darum, wie wir sie uns denken oder nicht denken können. B. B o r ch a r d t. Mleiaes Ileuillekon — Ein Hofbericht aus dem Jahre 181». In einem Archive zu Heiligenstadt wurde ein Heiligenstüdter Harz-Depnrtementsblatt a»S dem Jahre 1813 vorgefunden. Die Zeitung datirt vom 7. Juli 1313, ist mit der königl. ivestfälischen.Jntelligenz-Taxe" von l5 Centimes abgestempelt und enthalt einen osfiziellen Bericht über die Anwesenheit des Königs I e r o m e, des Bruders Napoleon's, i» der eichsfeldischen Hanplstadt, die ebenfalls dem Königreich Westfalen einverleibt war. Der Bericht lautet wörtlich: „Heiligenstadt, den 4. Julius 1313. Heute genoss die hiesige Stadt das unschätzbare Glück, unseren a l l g e l i e b t e» Monarchen in ihren Ringmauern zu sehe». Se. Majestlit, auf Ihrer Rückreise von Dresden über Nordhause» kommend, trafen früh 10 Uhr unter dein Geläut aller Glocke» und von dem lauten I» b e l r u s der Ein- w o h» e r und dem Donner des Geschützes begrüßt, hier ein, nachdem Zlllerhöchstsie an dem Thor von dem Herr» Maire der Stadt und der gesammlen Munizipalität ehrjurchtsvoll empfangen worden und die Ihne» von de» Zöglinge» des hiesigen Gymnasiums, ivelche nebst der übrigen Schuljugend .an der Hauptstraße, durch welche der Zug ging, versammelt waren, überreichten lateinischen und sranzösische» Gedichte nebst einem Lorbeerkranz huldreichst angenommen hatte». Se. Majestät traten nun mit Ihrem hohe» Gefolge in dem Präseslnrhotel ab, wo- selbst die A n s w a h l d e r hiesige» weiblichen Jugend Allerhöchst ihm Blumen streute und den Ausdruck ihrer Empfindungen in einem freie» französischen Gedichte zu überreichen wagte, während das frohe Vival der herbei ström enden Bürger i» endlosen Wiederholungen vor dem Palaste ertönte. Se. Majestät empfingen hieraus die versammelten Autoritäten des Departements mit der gewohnten ausgezeichneten Huld, die Aller Herzen gewinnt, und reisten, nachdem allerhöchst- dieselben einige Ersrischungen eingenommen, unter den lautesten Frendenebezeugnngeu und Segenssprüchen des Volkes von hier nach Kassel zurück."— Theater. Am Goethe-Theater wurde am Sonnabend ei» neues Schauspiel„Der V o l k s g r a f" von einem Neuling, Sstudolf Rade, gegeben. Es ist gut. daß das Goethe-Theater bald zum Opernhans umgewandelt wird. Wie es jetzt bestand, war es doch nur meist die Stütze schriststellernder Dilettanten. Zu dieser Schaar, von der wir dank der lieblichen Theaterentwickelnng Berlins alljährlich ein paar Dutzend kennen lernen, gehört auch Herr Rabe. Er empfand das Bedürsniß, sich mit der französischen Revolution abzufinden; und wenn dies in kindlichen Formen geschah, so ist das nicht Herrn Rabe's persönliche Schuld. Persönlich hat Herr Rabe nichts zu sagen, er hält sich an das, was ihm wohlgesinnte, bravpreußische Lebrer über die Revolution und die wüsten Zerstörer Danton und Robespierre vorgetragen haben. Mirabean, der„Volksgraf", weil dieser Aristokrat gerade der auserlesene Volksliebling wurde, ist für Rabe der eigentliche Held der Geschichte. In Rabe's Beleuchtung ein»ationalliberaler Jdealtypus etwa! Dieser Mirabean schwärmt für die Könige von Preußen, Friedrich II. hat er in Sanssouci persönlich kenne» gelernt, und sein Grundsatz geht dahin: gäbe es lauter Monarchen wie diesen Friedrich, dann hätte die Monarchie nichls zu befürchten. Wenn Mirabean zu den Schreckens- inäniiern gestoßen ivar, so that er es nicht ans der Absicht, umzu- stürzen; nur leichtsinnigen Herrschern seines Vaterlandes sollte ein Mahnzettel gleichsam vorgehallen werden, daß sie ihrer Pflichten gegen die Monarchie und das Land besser«ingedenk bleiben. Den König Ludivig null Mirabean nicht entsetzen, vielmehr will er ihn mit dem Volk versöhnen. Zu solcher Aufgabe, meint Rabe, müßte man auch selbst keinen Flecken auf der Ehre haben; und leider hat Graf Mirabeau sich an eineni kleinen Bürger- mädchcn. der Chansonsängeri» Toinetle vergangen. Er hat das unschuldige Kind verführt, dafür muß er Gift nehmen, und die Bersöhung Ludwig'» mit seinem Volke fällt ins Wasser Was dafür geschah, weiß man ja. So räche» sich schwache Stunden bei großen Genies. Das Publikum, selbst so unschnldsvoll, wie der junge Herr Verfasser, war für die empfindsame Geschichtsbetrachtung sehr cmpfänglich und klatschte nach jedem'Akt Beifall. Schemenhaft, ivie die Gestalten selber, blieb die Darstellung. Gran und kalt und nüchtern trotz allem Stimmaufwand.— — Den Mitgliedern der„Neuen freien Volksbühne" wurde am Sonnlag ein dramatisirter Gartenlaubestoff geboten: „Die Kinder der E x c e l l e n z" von E. v. W o l z o g e n und W. S ch»>» n» n. Das Stück ist schon an einem öffentlichen Thealer Berlins abgespielt worden, halte also nicht einmal den Reiz der Neilheit. Trotzdem lind trotz der unzulänglichen Besetzung machte es einem Großtheil der Zuhörer großen Spaß. Darüber läßt sich nicht streite». Aber reden läßt sich über etwas anderes. Es wurde gesagt, das Stück hätte zur Rufführung genommen werden müssen, weil die Mittel, künstlerische sowohl wie materielle, zu etwas Besserem nicht reichten. Stimmt das. und ändert sich diese Situation nicht bald, dann dürfte doch wohl ei» Anschluß au die andere Volksbühne zu empfehle» sein.— — Direktor N e»> m a n n- H o f er, der künftige Leiter des L e s s i n g- T h e a t e r S, hat den K ü n d i g u n g s p a r a g r a p h e n überhaupt nicht in seine Kontrakte aufgenommen. Alle Mitglieder, ohne Ausnahme, erhalten feste Verträge auf mindestens ein Jahr.— Kunstgewerbe. — Die in M ü n ch e n im Entstehen begriffene Gesellschaft mi* beschränkter Haftung:„ V e r e i n i g l e Werkstätten f ü r K u n st i nr H a n d w« r k" will folgende Zwecke verfolgen: 1. Die Gesellschaft bezahlt entweder de» Künstlern ihre neuen Entwürfe baar und ermöglicht deren Ausführung unter ihrer Leitung oder sichert den Künstlern die Ausführung mit Gewinnantheil ohne jede GeschästSgefahr für sie zu; 2. sie bestellt und bezahlt den Hand- werlern eine größere Anzahl von Stücken und übernimmt deren geschästlicheu Bertrieb im ganzen Reiche ohne Geschäfts- gefahr für sie; 3. sie liefert den Geschäflslente» die ver- laugten Stücke und sorgt für einen möglichst rührigen, kaufmänuischeu Vertrieb; 4. sie bietet dem Käufer nicht nur oft und an möglichst vielen Orlen und zu mäßigen Preise» Erzeugnisse des neue» Kunsthandwerkes an, sondern giebl ihm durch die prüfende Thäligkeit des Ausschusses die Gewähr für künstlerische und handwerkliche Vollendung; 5. sie giebt Künstlern Gelegenheit. in den Werkstätte» technische Kenntnisse zu erwerben; 8. sie ver- mittelt durch die eingerichtete Auskunftei über alle in das Gebiet des neuen Kunsthandwerkes einschlägigen Fragen die Verbindung zwischen Künstlern, Herstellern und Kauflustigen in der wirksamsten Weise und sucht 7. auf dem Rechtswege oder durch die Presse zu- gleich eine unrechtmäßige Ausbeutung durch unlautere Nachahmung und Verwendung künstlerischer Entwürfe zu verhindern.— Erziehuiig und Unterricht. — Sechs Schulärzte hat die Stadt Nürnberg am l. Januar angestellt. Aus der Dienstordnung für die Schulärzte gehl hervor, daß das Honorar für 50 Schulklassen 400 M., für 50—70 Schulklassen 500 M. und für mehr als 70 Schulklassen 800 M. beträgt. Im Durchschnitt kommen aus jeden Arzt 3400 Kinder. Die Aerzte haben jede Schule monatlich einmal zu be- suchen, im Bedarfsfälle einzelne Klaffen öfter. Sie haben hierbei ans alle für die Gesundheit der Kinder und der Lehrer getroffenen Einrichtungen zu achte», vor allein auf Erwärmung, Lüftung, Beleuchtung und Reinigung der Räume, auf Schulbänke, Aborte, Turnsäle und Schulbäder. Auch die Kindcrbewahraustalten und Kindergärten sind jährlich einmal zu revidiren. Die Schul- ärzte find auch verpflichtet, einzelne Kinder zu untersuchen, z. B. Kinder, die vor dem vollendeten sechsten Lebensjahre in die Schule aufgenomnien werden solle», und Kinder, für die vorzeitige oder zeitweilige Befreiung vom Schulbesuch aus Gesnndheitsrücksichlen beantragt wird, bei ansteckenden Krankheiten zc. Massenunlersuchuugen von Schulkinder» zum Zweck der Lösung hygienischer oder rein wissenschaftlicher Fragen dürfen die Schulärzte nur dann vor- nehmen, wenn der Magistrat im Einverständniß mit dem Bezirksaint und dem Schulvorstande die Erlaubniß dazu erlheilt.— Physiologisches. t. Jod und SB v o in in den menschlichen Haaren. Es ist seit«inigen Jahren bekannt, daß das Jod einen kleinen, aber wichtigen Bestandlheil im menschlichen Organismus ausmacht und daß auf seiner Erzeugung die Haiiptbedenlnug der Schilddrüse be- ruht. Kürzlich erschien in der Zeilschrijt für physiologische Chemie eine Untersuchung über die Frage, ob sich das Jod auch in den Haaren des Menschen nacheveiseu ließe. Im normalen Znstande scheinen die Haare kein Jod zu enthalten, dagegen ist solches stets in ihnen nachzuweisen, wenn die betreffende Person Jodkalium als Medizin eingenommen dat. Nach Gebranch von 20 Gramm dieses Salzes zeigen sich nach Verlans von drei Wochen Milligramm Jod in einem Gewicht von 10 Gramm menschlicher Haare, freilich »ine sehr geringe Menge. Ein Theil dieses Jodgehaltes sitzt in den Haaren selbst, ein anderer und geringerer in dem Fett« derselben. Merkwürdig ist der Umstand, daß das Jod sich nicht nur in den Theileu der Haare findet, die während der Jodkaliumkur gewachsen sind, sondern auch an de» Haarspitzen, die schon vorder bestanden. Der Jodgehalt ist a»ch, nachdem der Gebranch von Jodkali längst ansgehvrt hat. noch längere Zeit nachweisbar, oft noch nach zehn Wochen. Bei Cretins scheint Jod in den Haare» auch ohne Ge- brauch von Jodpräparaten vorzukommen. Wenn einem Hunde die Schilddrüse ausgeschnitten wird, so finden sich nach einiger Zeit in seinen Haaren ebenfalls Spuren von Jod, ebenso wenn ihm größere Mengen Jodkali unter die Haut geimpft werden. Ganz ebenso wie das Jod geht übrigens auch das Brom bei einer Be- Handlung mit Bromkali in die Haare des Menschen über.— Aus dem Thierlebe». — Amerikanische Forellen barsche haben sich, wie am Freitag im„Triton" mitgetheilt wurde, in der Spree bei Stralau wild angesiedelt. Man nimmt an, daß die Thiers zur Zeit der Ausstellung ans dem Fischereigebäude in die Spree gelangt sind. Auch ein kürzlich bei Stralau gcsangener Forellenbarsch konnte dem Verein am Freitag lebend vorgezeigt werden. Der Forellenbarsch ist eine sehr werthvolle Salmonideuart, die vor etwa acht Jahren aus Amerika hier eingeführt ist. Sie gleicht in der Art, vor allem aber auch in der Güte des Fleisches dem LachS. Nach den bisherigen Beobachtungen liebt der Forellenbarsch klares Wasser, und infolge dessen ist man eigentlich erstaunt gewesen, ihn an dieser Stelle der Spree zu finden. Wie aber in der Vereinssitznng konstalirt wurde. ist das Wasser der Spree thatsächlich gar nicht so schlecht, wie man vielfach anzunehmen geneigt ist. Es wurde ein bestimmter Fall mitgetheilt, in dem von Parasiten befallene Teleskop- und Schleier- schwanzfische, in einem Fischkasten dem freien Wasser der Spree ausgesetzt, innerhalb vier Tagen geheilt wurden.— Mineralogisches. -88- Ueber die Temperatur von Meteor st einen hat der Pariser Mineraloge Stanislas Mennier in einer der letzten Sitzungen der Pariser Akademie der Wissenschaften eine intereffante Mittheilung gemacht. Der Ausgangspunkt dafür war die Unter- suchung über ein Meteor, das im Jahre 1831 bei dem OrteJndarck in Transkaukasien niederging. Diese Masse wog beinahe 27 Kilogramm und drang, ohne zu zerbrechen, 18 Zentimeter tief in den Erdboden ein, dabei das Gras desselben in einem Umkreise von 10 Metern verbrennend. Der Fall ereignete sich kurz nach Sonnen- Untergang f als am nächsten Morgen vor Tagesanbruch Leute kamen, um de» Stein herauszuziehe», fanden sie denselben, zehn Stunden nach dem Falle, noch so heiß, daß er nicht mit der Hand berührt werden konnte. Die Leute mußten vielmehr ihre Stöcke nehmen, um den in «inenMantel gewickelten Stein in ihreuHände» zu trage». DieErwärmnng dieser Masse von 27 Kilo mußte danach ursprünglich eine außerordentlich bedeutende gewesen sei». Der Stein war auch ganz schwarz, im Gegensatz zu den viel häufigeren graue» Meteoriten, die sich bei ondauemder starker Erhitzung vielfach ebenfalls in eine schwarze Masse verwandeln. Die Temperatur der Meteorsteine ist nun aber in den einzelnen Fällen außerordentlich verschieden, und man muß fragen, warum die Erwärmung derselben bei ihrem Fluge durch die Atmosphäre eine so ungleichmäßige ist; einige können nach kurzer Zeil ausgenommen werde», während andere stundenlang glühend bleiben So wird von einigen 1866 in Ungarn gefallenen und sofort aufgehobenen Steinen berichtet, sie seinen lauwarm gewesen„wie von der Sonne beschienene Steine". Ein 1835 in Aldsworth in England gefallener Stein von 600 Gramm, der ebenfalls sofort ans- gehoben wurde, fühlte sich überhaupt gar nicht warm a». 1812 fiel in Erxleben ein Stein, der trotz feines bedeutenden Geivichtes von 2 Kilogramm ganz kalt war; dasselbe war bei einem 1843 in Rußland gefallenen Meteor von 3 Kilogramm der Fall. Andrerseits war z. B. ein 1605 in Sibirien niedergekommener Stein von 2 5kilogramm»och nach I'/j Stunden zu heiß, um angefaßt zu werden, und dasselbe wird von einer Anzahl anderer bekannter Meteore berichtet. Merk- würdig ist der Umstand, daß die Erwärmung des Meteorsteins, selbst wenn derselbe ans einem die Wärme gut leitenden Stoffe besteht, sich nur in einer ganz dünnen Rinde geltend macht. So wollte 1864 ein Bauer in dem französischen Orte Orgucil einen auf seinen Acker gefalleneu Stein aufheben und verbrannte sich dabei die Hand und doch erwies die spätere wissenschaftliche Untersuchung, daß innerhalb einer ganz dünnen, durch die Hitze veränderten Rinde der Stein aus einem Stoffe bestand, der bereits bei der Erwärmung über einer gewöhnlichen Spiritusflamme sich vollständig zersetzte, so wenig war also die Hitze, welche die Rinde des Steines schmolz, in das Innere desselben eingedrungen, daß sie anf dasselbe nicht einmal wirkte wie die Flamme einer Spiritnslamp«. Besonders auffallend ist die dünne erhitzte Schicht bei ganz kleinen Meteore», wie solche bei Hcssle i» Schweden 1869 in größerer Zahl niederginge»; diese waren kleiner als 1 Kubikzentimeter und waren doch innerhalb einer von allen Seiten ausgebildeten Rinde vollkommen weiß geblieben. Wie gering die Hitzewirknug im Innern der Meteore sein muß, geht auch daraus hervor, daß daselbst Gas, besonders Wasiersloffgas, eingeschlossen bleibt, welche- bei ciner nur geringe» Erwärmung entweichen würde. Diese merkwürdigen Um- stände sind nun zweifellos a»s der außerordentlich niedrigen Temperatur des Weltraums zu erklären, die von den Meteoren während ihres Aufenthaltes in demselben angenommen wird. Es giebt dafür keinen besseren Beweis, als den einen 1860 in Indien gefallenen Stein. dessen unmittelbar nach dem Fall gesammelte Stücke so kalt waren, daß die Finger davon erstarrten, wenn mau einen dieser Steine nur einen Augenblick in der Hand hielt. Auch der Italiener Bomlicci fand bei seiner Untersuchung über die 1883 bei Brescia gefallenen Meteoriten, daß die Oberfläche eines sofort an einem der Steine vorgenommene» Bruches außerordentlich kalt war.— Humovifiisches. —.Patent-Eiskeller." Um seinen Bedarf an Roheis billig zu decken, trug ein Bierverleger in Prenzlau seinen Keller voll — Wasser,»i der frohen Erwartung, daß recht bald Frostwelter eintreten und sein Eiskeller dann fertig sein werde. Aber, was er erhoffte, trat leider nicht ei», das Wasser blieb Waffer. Es suchte sich weitere Bahn, drang in die Nachbarleller ei», wo die Kar- löffeln, leere Fasttage» und was sonst schwimmfähia war, sich lustig aus den Wellen zu schaukeln begannen. Schluß: Großer Skandal im Hause, Zuhilfenahme des Gerichts wegen Regrexansprüche u. s. w.— — Der Esel von H o h e n k l i n g e n. In der„Andelfinger Zeitung" zeigt der Pächter des Echloßgutes Hodenklinge» seinen Be« lannte» den Tod seines treuen Langohrs an und widmet letzterem folgende Biographie:„Er war gebore» in Savoyen, kam als kleines Efelcin nach Genf, wo er zu einem kräftigen, großen Esel heran- wuchs, also ein Esel covarno il kaut, wurde. Ein Gntsbesitzer aus dem Thurgauischen lauste ihn, aber kam» hatte er dort seine Thälig- keit entwickelt, als sein Besitzer nach Nnßland zog. De» armen Esel traf ein härterei Loos, er kam ans Hohenklinge»; obschon ihm an Speise und Trank nichts fehlte, so war er doch sehr geplagt. Acht Jahre laug mußte er bei Sturm und Schnee den schweren Karren de» steilen Berg hinauf- schleppe», acht Jahre lang wurde von Weiblein und Männlei» aus ihm herumgeriileii, was er alles willig geschehen ließ, williger als sein Meister, den er au Sanftmulh, Geduld und Großmüthigkcil noch übertraf. „Endlich wurde er von seinen Leiden erlöst, darn», soll jetzt auch ein schöner Kranz den Esel jchuincken, wie andere» Eseln auch geschehen, von weniger Verdienste. „Kondolenzbesuche werden freundlich empsangen über Neujahr von dem betrübten Pächter: I. Gras."— Vermischtes vom Tage. — In Gelse nkirche n wurden bei einem Z u s a m m e n- st o ß eines Wagens der elektrischen Straßenbahn mit einem La sts u h rw erk zwei Personen schwer und mehrere leicht verletzt.— y. In Lengefeld im Erzgebirge brach der fünfjährige Sohn eines Arbeiters auf dem Schloßteiche durch das Eis. Die zur Hilfe herbeieilende Mutter fand bei dem Versuche, ihr Kind zu retten, s a m m r dem Knaben den Tod in den Fluthe».—» — In Mali je bei Ctmr wollte ein Wildhüter einen Irr- sinnigen vom Sturze vom Hausdache retten, wurde aber mit in die Tiefe gerissen. Beide Männer wurde» getödtet.— — Der in Paris verstorbene Zahnarzt Evans hinterläßt ein Vermögen von 25 Millionen. In seinem Tistaiuenl vermachte er seine Millionen seiner Vaterstadt Philadelphia unter der Bedingung, ein Evans-Mnseum z» errichten, das feine sämmt- liche» Orden sowie seine Kleider in Schränken ausstellen soll,»nd ihm auf einem öffentlichen Platze Philadelphias ein Denkmal mit Bildsäule ,n setzen, das nicht unler einer»nd nicht über zwei Millionen kosten soll.— — Das Schiff. Louis", das von Cadix nach Marseille unterwegs war, ist g c s u n k e n. Die ganze, 15 Mann starte Besatzung ist mit niitergegaiigeu.— — Der englische Dampfer.Clarissa Radcliffe" hat anf der Fahrt von Odessa nach Rotterdam am 30. Dezember am Kap St. Vrncent Schiffbruch gelitten. 19 Mann der Besatzung sind ertrunken, vier sind gerettet und nunmehr iu Falmoulh angekomme«.— — Der von Madrid kommende Expreßzng ist am Sonntag früh i» der Nähe von Barcelona entgleist. Der Zugsührcr wurde getödtet, mehrere Reisende schwer verletzt.—__ Verantwortlicher Redakteur: Angnst Jarobcy in Berlin. Druck und Berlag von Max Padiug i» Berlin.