Mnterhaltmlgsblatl des vorwärts Nr. 8. Mittwoch, den 12. Januar. 1898. (Nachdruck verbalen.) 8] Allksrgsleuke. Roman von Wilhelm M e y e r- F ö r st e r. Einigemal kam Klara auch mit Evas Freundinnen zu- sammen, aber die verstanden sie nicht. Erstens ivar sie höchst mäßig gekleidet und dem famosen Bruder nicht im geringsten ähnlich, und zweitens war sie langweilig. Sie wußte ja nichts, kannte ja nichts— iveder die Oper, noch Herrn Kainz als Nomeo, noch den neuesten Roman von Bonrget, noch sonst was. Selbst Lilli, die ein gutes Herz hatte, fand den„Stock" schrecklich. Eva war durch diese Benrtheilnng sachverständiger Damen einigermaßen in ihrer Eitelkeit gekränkt, und nicht immer konnte sie diese Stimmung der armen Klara gegenüber ganz meistern. Tie Eeheimräthin war in dieser Zeit sehr thätig. Die v. Bäcks, deren in Berlin drei lebten(der Rentier, der General a. D. und der Chemiker), hielten Familienratd und thaten die Geheimräthin jetzt cudgiltig in den großen Bann. Dieselbe hatte die Verlobung quasi sanktionirt und war durch ihr stets prätentiöses und ganz unangenehmes Wesen ohnehin den v. Bäcks ein Dorn im Auge. Natürlich brachte dieser Bann die arme Frau zuerst ganz aus der Fassung, ihre Thatkrast aber wuchs damit ins Große. Klaus hatte keine ruhige Stunde mehr. Verleugnen konnte er sich nicht lassen, da er ja das Zimmer hüten mußte. Ging draußen die Klingel, und wäre es um Mitternacht gewesen, so fuhr er zusammen und erblaßte, durchaus mit Gruild. Oft schlug die Stimmung der Mama um, und sie fand weineud die Welt grau und alle Mütter kläglich bedauernswerth. Einige Mal versuchte sie, nach schrecklichen Ausfällen gegen Abraham und den Justizrath, auch gegen Eva eine Attacke zu reiten, aber das Gefühl der Ritterlichkeit brachte in solchen Fällen Klaus gewaltig in Harnisch. Er redete sich dann in solchen Zorn hinein und vertheidigte seine Braut so mannhaft, daß er eine wundervolle Hochachtung vor sich selbst bekam. Taßgein Kavalier iu seiner Lage, der ein Mädchen ohne„Fa- nülic" und Geld heirathen und sich damit geradeaus ins Ver- derben jagen will, daß ein solcher Mann jedes beleidigende Wort von diesem Mädchen ohne Familie und Geld mit Emphase abwehrt, faktisch, das ist außerordentlich und groß gedacht. Er kam dann in eine gehobene Stimmung, und seine Mutter, die viel klüger war als sie aussah und diese hohlen Ver- tbeidigungsreden recht wohl durchschaute, gab sich ebenfalls ge- rührt und bedauerte diese arme Eva, die es„wohl verdient hätte, in einer besseren Familie geboren zu sein". Die Verlobung war immer noch nicht offiziell, und von Klaus' Bekannten wußten nnr wenige davon. Aber der Justiz- rath, der gestern dagewesen war, hatte Klans gebeten, die Anzeigen nunmehr in den nächsten Tagen versenden zu dürfen, denn allmälig fing die Sache doch an, etwas lächerlich zu werden. Der entscheidende Entschluß mußte also nun endlich ge- faßt werden, und die Gcheimräthin saß an Klaus' Schreibtisch, um den großen Brief, der seit drei Wochen hätte geschrieben sein solle», zu entwerfen. Aber es dauerte lange, ehe die Ver- bündeten dieses ungemein schwierige Schriftstück halbwegs zustande brachte». Denn ivas mußte dasselbe nicht alles enthalten! Den höchsten Zartsinn gepaart mit ernster Entschlossenheit; die Lebensweisheit eines seines hohen Standes traurig be- wußten Mannes und daneben die trostlose Verzweiflung, die ihr eigenes Todesurtheil schreibt.„Schreiben muß!" Entsetzlich war dabei die Geschmacklosigkeit der Geheim- räthin, die beständig Zitate einflechten wollte:„Behüt Dich Gott, es hat nicht sollen sein,"„wenn sich zwei Herzen scheiden,"„es ist bestimmt in Gottes Rath" u. s. w. Sie wurde dabei förmlich weich, und unr Klaus' größter Energie gelang es, diese Art von Trennungspoesie aus dem Konzept zu streichen. Ter Bursche wurde hinunter geschickt, um extrafeines Briespapier zu kaufen, und über dem Zimmer lag eine merkwürdige Stimmung— vielleicht doch ein wenig Scham und das Gefühl, daß hier eigentlich etwas recht Trauriges und Häßliches geschehe. Klans schrieb das Konzept sauber ab, zu sauber. Das Ganze hatte keinen Stil und die korrekte Form harmonirte nicht recht mit denl stellenweis rührenden Inhalte. Als aber alles fertig war und der Briefbogen in das Kouvert sollte und Klaus ihn vorher noch einmal durchlas, da stieß diesen jungen Mann der Bock derart, daß ganze Thränenströme hervorbrackcn und die Geheimräthin von diesem aufrichtigen Schmerz angesteckt wurde. So weinten Mutter und Sohn lange Zeit, und erst langsam versiegten ihre Thränen. Die Geheimräthin nahm Hut und Mantel, trug dem Burschen auf, Klans ins Bett zu bringen und ihm Kamillenthce zu kochen, klebte auf den Brief eine Marke und nahm Abschied. Als sie an den Briefkasten kam und der letzte entscheidende Schritt geschah, wurde ihr zum erstenmal die feste Hand ein wenig unsicher. Laugsam schob sich der Brief in das breite Maul des Kastens, dann ließen Zeigefinger und Daumen der Geheim- räthin los, und er polterte hinunter. Bald kamen noch andre hinzu, und als nach einer Stunde der Abholer kam, lag Klaus' Brief in fürchterlicher Enge. Wie viele Hoffnungen, tröstende, mitleidige Worte, wie viele Lügen und schlimme Bosheit birgt solch ein vollgepfropfter Briefkasten! Den Extrakt aus klugen und einfältigen, guten und schlechten Ge- müthern, fast ist er selbst einem menschlichen Herzen vergleich- bar. Solche Kästen giebt es in der Stadt viele hundert, in der Welt viele tausend, sie werden immer gefüllt. Klaus saß nn» allein, trank den Kamillenthee und legte sich schlafen. Aber der fromme Beruhigungstrank war heute ohne alle Wirkung. Drüben ans dem Schreibtisch stand in prächtigem Rahmen das wohlgetroffene Bild Eva's, das die Geheimräthiu mitzunehmen oder ins Feuer zu werfen vergessen hatte. Der Lieutenant stand auf und holte es zu sich. Heute sah er nicht mehr den schneeweißen Nacken und das prächtige Ballkleid, das die schöne Gestalt umschloß, er sah nur Eva's Gesicht. Und in diesem Gesicht nicht den süßen Mund, der ihn so verzehrend heiß geküßt hatte, sondern nur die großen Augen, die ihn traurig anschauten— erst weich traurig, dann immer starrer, ivie Pfeile. Er zerriß das Bild. Seine glühende Liebesleidenschaft war in dem Zimmerarrest und den angstvollen Zukunstssorgen dieser Wochen verslogen, und nur die Scham ivar geblieben. Er überlegte noch lauge hin und her, namentlich was die Welt dazu sagen würde. Eigentlich war die Sache ja nicht so schlimm. Jedes Herz kann sich einmal irren, und sieht jemand seine Dummheit rechtzeitig ein, so ist die Ehre gerettet. Schließlich stellte er sich Eva vor, wie die weinen würde, so viel, um ihn. Da kamen auch ihm noch einmal die Thränen, und wie ein armes Kind, das halb zu Tode gequält ist von den Folgen eines thörichteu Streichs, schlief der gute Lieutenant ein. m Der Justizrath war seit einigen Tagen in seinen Schütz- ling komplett verliebt. Er ließ mit der Sachkenntniß des Anwalts alle Gründe ins Treffen marschireu, die als Medizin gegen diese Leidenschaft hätte» wirken müssen: seine sieben- undvierzig Jahre, die Würde des Beschützers, der das Mädchen gerettet hat, seine beiden Kinder, die über diese Liebeslciden- schaft nicht sehr erfreut sein würde», dann den Lieutenant, der seinem künftigen Schwiegervater gleichsam ein Memento gegen unfeine Beziehungen bedeutete, und mehr dergleichen Warnerstimmen. Aber die Thür that sich auf, und das niedliche, runde Ding machte hereinhüpfend alle Gegeumedizin sofort unwirksam. Sie war neuerdings fleißig und wünschte eine gebildete Dame zu werden, verfertigte kleine deutsche Aufsätze über das Wetter, über den letzten Weihnachis- markt u. s. w. und ließ diese von dem Justizrath korrigiren. Sie trug ein ganz reizendes blauweißes Kleid, das ihr etwas zu eng war, und sie lehnte nun neben ihrem Beschützer am Schreibtische und verfolgte mit artiger Aufmerksamkeit dessen Korrekturen. Unter solchen Umständen ist es ein schlecht Ding, die Feinheiten in der Schilderung eines Weihnachtsmarktes zu empfinden; der Anwalt korrigirte nur ganz mechanisch Interpunktion und Orthographie, und wenn er auf die Fehler hinwies und das Mädchen sich dicht zu ihm neigte, begann der Weihnachtsmarkt vor ihm zu tanzen. Einige Zeit lang kämpfte er noch mit sich, dann nahm er eine väterliche Miene an und legte seinen Arm sanft um des Mädchens Taille. Fräulein Aeunchen hatte gegen diese Artig- feit natürlich nichts einzuwenden, aber sie war doch fing genug, zu bemerken, daß der gute Justizrath anfing, Unsinn zu reden. Er sprach verworrenes Zeug über den Weihnachtsmarkt, und wie mau keine Bude dabei zu erwähnen vergessen dürfe, zum Beispiel die Spielwaaren- Händler, die Psefferkuchensrauen u. s. w. Dann müsse es vielleicht schneien und der ganze Schloßplatz weiß aussehen. Allmälig gewann er seine Fassung wieder und redete mehr zusammenhängend. Der famose Anwalt kam in ihm zum Durchbrnch, der Arm löste sich von Aennchens Taille, und ein farbenprächtiges Weihnachtsmarktgemälde wurde entwickelt. Als er dann aber auf die kleinen Kinder zu sprechen kam, die an den Buden umherlaufen, frierend und entzückt, hungrig und glücklich, da wuchs seine Darstellung geradzu ins Poetische, und das wackere Aennchen sah ihr Konterfei von einst so prächtig getroffen, daß sie von der innigsten Rührung ersaßt wurde. Und plötzlich gab sie dem Jnstizrath einen Kuß. Sie war ganz ausgelöst in Bewegtheit und lag schluchzend in seinen Armen. Vielleicht machte der Anwalt in diesem Augenblick das thörichtste Gesicht seines Lebens. Der gerührte Poet, der väterliche Beschützer und der Verehrer weiblicher Anmuth kämpften nicht gerade in ihm, aber sie standen sich alle drei verblüfft gegenüber, bis naturgemäß der letztere die beiden anderen in die Flucht jagte. Er richtete ihr immer noch gerührtes Gesichtchen empor und gab ihr den liebevollen Kuß zurück. Seltsam, wie in solchen wenigen Sekunden Gedanken sich blitzschnell jagen und wie diese bei den betheiligten Parteien so außerordentlich verschieden sind! Der Justizrath addirte und snmmirte, zog 17 Jahre ab von 47, von 60, von 65, von 70, berechnete seinen Geburtstag und kam mit der fabelhafteil Geschwindigkeit eines Rechen- künstlers zu dem Resultat, daß er ein Mann in den besten Jahren sei. Aennchen dachte an die Küsse in der Küche und den mageren Photographengehilfen, der jetzt in diesem wundervollen Moment wie ein Schemen verblaßte. Eine ganze Rosenwolke von künftigem Glück und herrlicher Erwartung umflog sie, und wie die Mädchen immer zuerst ans Heirathen denken, so kam auch ihr dieser schöne Gedanke ans weiter Ferne schleunigst näher.--(Fortsetzung folgt.) lNachdruil oevSoten.) Gefiedovko MinkergÄlte. Wenn die Gewässer vom Eis überspannt und die Fluren vom Schnee bedeckt sind, dann erscheinen bei uns gefiederte Gäste, die, wie die abgezogenen Sänger im Süden, in unseren Breiten ihre» Wohnsitz aufschlagen. Sie stamme» aus dem Norden, von wo sie die Unwirthlichkeit der Natur vertreibt, während bei uns die Witte- rungsverhältnisse noch günstig genug sind, um sie den Kamps ums Dasein bestehen zu lassen. Zwar bieten sie keinen vollen Ersatz für die südwärts gewanderten Schaare», aber sie helfen doch das»Vinter- liche Landschaftsbild bereichern und beleben. Am häufigsten stellen sich von den gefiederten Wintergästen die Leinfinken ein, kleine muntere zeisigartige Vögel, die in ihrer nordische» Heimath die Birkenwälder bewohnen. Im allgemeinen ähneln sie unsere» Hänflingen, nur mit dem Unterschied, daß an Oberbrust, Kehle, Stirn und Scheitel eine schöne karmiurothe Färbung anstritt. Auch bei uns bevorzugen die zierlichen Dinger Birkenbestände. In größeren Schivärmen vergesellschaftet, gehen sie hier eifrig der Nahrungs- suche nach. Lebhaft kletter» sie umher, iviegen sich an den fadendünnen Ziveigen und klaube» in allen möglichen Stellungen den Samen aus den'Fruchtkätzchen heraus. Erscheint ihnen ein Gegenstand ver« dächlig, dann erschallt ein lautes„Tschelt— Tscheck!", und der Schivarm stiebt davon. Das geschäftige Treiben der rothköpsigen Gesellschaft geivährt im Sonnenschein eine» prächtigen An- blick. Die Leinfinken gehören zu den am leichtesten zu fangende» Vögeln, doch sind sie gegen unsere sommerliche Wärme äußerst empfindlich. Ebenso regelmäßig»vandert der Seidenschivanz eil», doch ist er i» strengen Wintern zahlreicher, in milden Wintern seltener. Er erreicht nicht ganz die Größe der Singdrossel. Die Oberseite ist bräunlich, Kehle. Zügel und Augenstreifen sind sch»varz. Die ersten langen Schivnngfedern sind schwarz und roth gespitzt,»vährend die ziveiten kürzeren braun und gelb gespitzt sind. Ebenfalls gelb gespitzt sind die schivarzen Schwanzfedern. Nur vereinzelt erscheinen bei uns die Lasnrmeisen, die etwas schlanker und fast ebenso groß wie unsere Kohlmeisen sind. Oberseite und Schlvingen sind grau, die Schivaiizsedern blau und die Flügel weiß gebändert Die Unterseite ist»veiß mit einem bläulichen Anfluge und die Brust»veist einen blaugranen Längs- flecke» ans. Der Oberkops ist»veiß und zeigt schwarze Zügel und Augenstreifen. � Besonders farbenprächtig ist unter den nordischen Gästen der Katmingimpel. Von der Größe des Hänflings, ist er. ivie schon iftin Name besagt, überwiegend karminrolh gefärbt, die Schwung- federn sind dunkelbraun und gelblich, die Schwanzfedern mehr granbrau» und Heller gesäumt. Unmittelbar nach seiner Ankunft ver- nimmt man seinen ungemein anziehende»,»vechselreichen und klang- vollen Gesang, der zivar an de» Schlag des Stieglitzes, Hänflings und Kanarienvogels erinnert, aber doch so eigenartig ist, daß man ihn mit dem keines anderen Finken verivechseln kann. Dieser Gesang ist ebenso reichhaltig, ivie»vohllautend, ebenso sanft ivie lieblich. In Kamtschatka,>vo er heimisch ist, hat man seinem Liede sinnreich einen russische» Text zrnlergelegt: Tschewitscha widal! Ich habe die Tscheivilscha gesehe»! „Tscheivitscha" heißt aber die größte der dortige» Lachsarten, der geschätzteste von allen Fischen des Landes und somit das vor- nehmste Nahrungsmittel der Bewohner. Die Tscheivilscha kommt ungefähr zn gleicher Zeit mit dem Karmingimpel in Kamtschatka an. Sei» Gesang ivird deshalb so gedeutet, als ob er die Ankunft des Lachses verkündet, und der Karmingimpel ist sonach in einem Lande, dessen Bewohner sich hauptsächlich von Fischen er- nähre», nicht nur der Verkünder der schönsten Jahreszeit, sondern auch des sie begleitenden Erntesegens. In den deutschen Ostsee-Pro- vinzen stellt sich dann zuweilen noch der Hackengimpel ein, der, ebenfalls vorherrschend roth gefärbt, etwas größer wie der Kreuz- schnabel ist und mit diesem in seinen» Wesen viel Aehnlichkeit zeigt. Sein Gesang setzt sich aus Flötenlönen zusammen und ist äußerst wirkungsvoll. Zahlreich vertrete» sind an den offene» Stromsteven niid den mit Seen verbundenen Brüchen die Schwimmvögel. Hier tummeln sich die Stockenten und gehen eifrig dem Fischfange nach, sorgsain bewacht von dem Erpel, der mit seinem goldgrüneii Kopf, der weißen Halsbinde, den gekräuselte» Federn über dem Schwänze und den schönen Spiegeln ans de» Flügeln sich seiner Würde als Familien- oberhanpt wohl bewußt ist. So oft er von seinen Tanchversuchen an die Oberfläche zurückgekehrt ist, hält er vorsichtig Umschau, ob keine Gefahr droht. Zu ihnen gesellen sich Reiher-, Schell-, Eis- und Bergenten für kürzere oder längere Zeit. Auch Lappentaucher sind vereinzelt anzutreffen, die einen spaßhaften Anblick gewähren, iven» sie possirlich auf dem Eise fast aufrecht umher watscheln, ob- gleich ihnen als Stütze der Schwanz fehlt. Kreischend fliege» von der offenen Wasserstelle die Silbermöven auf. Sie schießen etwas in die Höhe, fallen aber sogleich wieder in das Wasser ein, denn es heißt keine Zeit verlieren, da die Nahrung knapp und der Wettbewerb groß ist. Hat die eine oder andere am Rande des Eises ein Fischchen erjagt, so verräth sich der Neid der übrigen durch lärmendes Geschrei. Auch Lachmöven haben sich eingefunden, die sich an der geräuschvolle» Unterhaltung lebhaft betheiligen. Singschwäne und stumme Schwäne vervollständigen die Gesellschaft. Allabendlich kommen die Waldgänse, die den Tag über die Kornäcker nach Saat- körnern absuchten, unter lautem Gack, Gack! herangezogen, um in de» Fluthen ein kühles Bad zn nehmen. Auch Raubvögel fehle» als Wintergäste nicht, wenn sie auch nur vereinzelt auftreten. Selbst der Steinadler dehnt, von der Roth des Winters getrieben, seineAn-flüge bis zn uns aus. Erfahren und klng.wie er ist, vergißt er auch unter dem Drängen des Hungers die Vorsicht nicht, so daß es nur zufällig gelingt, ihn mit dem tödtlichen Blei zn erlegen. Nicht ganz so selten wie die Steinadler sind die Seeadler. Dort, wo sich noch offene Stellen in der Eisdecke der Gewässer er- halten oder Fischer ein Loch eingestoßen haben, wählt er seinen Anfenthalt. Gerade und ausrecht verharrt er gespannt vor dem Eisloch, um blitzschnell die vorbeischwimmende Beute zn erfassen. Aber trotzdem vernachlässigt er die Obhut für sich selbst nicht. Sei» scharfes Auge schiveist umher, und sowie sich eine verdächtige Er- scheinung zeigt, löst er die Schwingen und fliegt, klüglich dem Wasser- lause folgend, davon. Von den Falken ziehen ebenfalls zivei Arten herbei, der kleine Steinfalke und der edle Wanderfalke. Das Jagdgebiet des ersteren bilde» die Landstraße», wo sich Haubenlerchen, Ammern und Sperlinge ansammeln, um sich aus den thierischen Abfällen kärgliche Nahrung zn suche». Unver- muthet stürzt sich der Sleinfalke auf die kleine Schaar, packt mit unfehlbarer Sicherheit sein Opfer und trägt es davon, um es zu verzehren. A» Kraft und Geschicklichkeit dem Adler nicht nach- stehend ist der Wanderfalke. Bald hält er vor gewissen bevorzugte» Bäumen Umschau, bald steigt er jäh zum Himmel auf. bald streicht er pfeilschnell über de» Boden dahin, ei» gefürchteter Feind des Haarivildes, der Krähe», Dohle» und Feldtauben. Ein unliebsamer Rivale erwächst dem Wanderfalken in einem anderen räuberischen Wintergast, im Rauhfußbnssard. Mit Gehölzen abwechselnde Felder behagen ihm besonders, wo er auf einzeln stehenden Bäume», Grenzsteinen und Pfählen niederhockt. Auch er steigt hoch in die Lüfte, so daß er zuweilen de» Blicken entschwindet. Geht er auf Jagd aus, so gleitet er sanst schwebend dahin, und hat er ein Beutestück erspäht, so bleibt er uuter lebhaftem Flattern über demselben stehen, bis er zielsicher ans sein Opfer herabstößt. Der Wanderfalke verachtet ihn. Hat ein Wanderfalke ein Thier geschlagen und naht sich ihm ein Rauhfuß- bussard, so überläßt der Falke dasselbe dem Bussard ohne Kampf und streicht davon, zu stolz, um mit dem plumpen Gesellen in Be« rührung zu treten. Wenn die Lüfte wieder lauer zn wehen beginnen, dann wandern unsere gefiederten Wintergäste nach Norden, wo sie als erste Frühlings- boten mit derselben Freude begrüßt»verde», wie die beschwingten Schaare», die bei uns als Verkünder des nahende» Lenzes aus dem Süden einziehen.— L u d w i g M a a s. 31— Vleittes Feuillokotr — Eine Satire auf den B»rea»kratis»ius. Der„F i g a r o" erzählt:„Der Billetkoutrolleur einer Stalion, in deren Nähe soeben «in gräßlicher Zusaminenftoß zweier Züge stallgefunden hat, sieht einen Reisenden in zerrissenen Kleidern, init bloßem Kopfe, Gesicht und Hände init Blut bedeckt, auf sich zukommen: Bitte um Ihren Fahrschein.— Der Reisende, bestürzt: Meinen Fahrschein?— Der Kontrolleur: Ich bitte um Ihre» Fahrschein.— Reisender: Zum Teufel, ich habe keinen Fahrschein.— Kontrolleur: Dann kann ich Sie nicht durchlassen.— Reisender: Sie wissen wohl nicht, daß ei» furchtbares Unglück passirt ist?— Kontrolleur: Ich weiß nur, daß Sie keine» Fahrschein haben!— Reisender: Sehen Sie sich doch einmal meine Hände, mein Gesichl an: ich wäre beinahe zerquetscht worden!— Kontrolleur: Ich bin nicht dazu da, Ihr Gesicht oder Ihre Hände anzu- schauen, ich bin angestellt um Ihr Billel zu kontrolliren! Reisender: Nun ist es aber genug! Ich muß nach Hanse, um mich verbinden zu lassen!— Kontrolleur: Wo ist Ihr Fahrschein?— Reisender: Kreuzhimmelschockschwerenoth, der Fahrschein ist mir bei dem Zusammenstoß abhanden gekommen. Er ist mir wahrscheinlich weggeschleudert worden, wie mein Hut! Weiß ich's?— Kontrolleur: Wenn man ein Billct hat, so behält man es!— Reisender: Die beiden Züge sind auf einander gerannt, sagte man ihnen doch! Es hat einen fürchterlichen Stoß gegeben!— Kontrolleur: Als der Stoß kam. hätten Sie an Ihren Fahrschein denken müssen. Ein Reisender muß immer an seinen Fahrschein denken, selbst im Falle eines Eisenbahnunglücks. Ich kann Sie ohne Fahrschein nicht durchlassen, kommen Sie mit zum Inspektor!(Er führt den Reisenden in das Bureau.)— — Stockstrciche für MajcstätSbcleidigniigc». Der., Pester Lloyd" veröffentlicht das Tagebuch, das der ungarische Staatsmann Baron Nicolans V a y während seiner sünswöchentlicheu Haft im Pester Neugebäude 1852 geführt hat. Zu bemerken ist. daß in jener Zeit die blutige Härte, mit der nach Niederwerfung der Revolution das Nachewerk in Ungarn vollführt worden, bereits einer„milderen" Praxis gewichen war. Wir setzen eine Notiz des Tagebuches hier- her: 23. August: Die unangenehmste Seite meiner Wohnung besteht darin, daß man vor derselben die Stockstreiche aus« theilt. Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß die anständigsten Mensche» 12, 25, 30 Hiebe bekomme» würden. Eine schreckliche Sache. Heute wurden zwei Brüder, ein Glaser und ein Schneider- meister, bestrast. Es war herzzerreißend. Wir schließen die Fenster, wenn die gottlose» Peinigungen ihre» Anfang nehmen, allein die Wehrnfe der Unglückliche» dringen doch an unser Ohr. Fast Klle erhalle» wegen Majestätsbeleidigung zweiten Grades, das heißt wegen Beschimpfung des Kaisers diese Strafe. Ich gestehe es ein, ich habe die Schilderungen des Publikums über die Peinigungen im Nengebäude für ei» Märchen gehalten. Jetzt kann ich mir aber darüber tagtäglich Gewißheit verschaffen.— — Einst und jetzt im Pharaouenlandc. Am oberen Nil hat man, wie der Londoner Egyptologe Flindcrs Petri soeben mit- theilt, in der Nähe der Steinbrüche von Silsitsch, welche die Bau- steine für die Pyramiden lieferten, nralte Kulturstätten der Mensch- heit entdeckt. Der englische Professor fand Werkzeuge aus Feuer- stein, Waffen mit Feuersteinspitze», Schüsseln und anderes, Dinge, die ein Mcnschenslamm einst benutzt hat. Jene Leute, deren Spuren die Zeit und der Wüstensand für immer verweht hat, hatten schon künstlerische Triebe. Auf den harten Steinflächen der Abhänge findet man Zeichnungen, die sogar eine höhere Gesittung verrathen. Auf einer der in den Felsen eingeritzten Zeichnungen sieht man einen Mann mit einem Stecken einen Ochse» um ein Schöpfwerk treiben, ein anderes Bild ist ein langgestrecktes Schiff mit auf- gespanntem Segel; dann sieht man ein Kameel, Boote ohne Segel mit Rudern, eine Kuh. von einem Manne getrieben. Verschwunden ist jede Kunde von de» Leuten, die dort einst hauste». Und nach taufenden von Jahren kam für die Steinbrüche eine andere Zeit. Die Pharaonen von Ober- und Unter-Egypten schickten ihre Sklaven hinaus, um Steine zu brechen für die Pyramiden. unter denen sie ihre» Todesschlaf halten wollten, für die Obelisken, welche ihren Ruhm der Nachwelt verkünden sollten. Hier, wo heute ei» Feuek, ein schnellfüßiger Wüstenfuchs, haust, haben viele Tausende gearbeitet, angetrieben von der Peitsche der Aufseher. Noch sieht man, ausgehane» aus dem harten Sandstein, die kleinen Tempel, wo sie die Gottheiten verehrten: Isis und Osiris, den Vogel Ibis, de» Stier Apis und den Hnudcgott Anubis. Hier lebten und starben sie, ausgemergelt von der Frohnarbeit und der Wüstengluth. Noch stehen die Pyramiden und leuchten und glühe» in der afrikanischen Sonne, noch künden die Obelisken und die Säulenhallen der Tempel den Ruhm der Pharaonen— aber die Namen der Bauleute sind dahin wie jene ihrer Vorfahren aus der Urzeit. Heute tönt vom Nilflusse herüber das taktmäßige Rufen der Arbeiter, welche die Eisenbahn nach Assuan bauen, und am steinigen Ufer wimmelt es von geschäftigen Menschen, die sich beeifern, einen Eisenweg zu schaffen mitten hinein in das Land der wandernden Söhne des Cham, die dieses Land einst von den Vätern erbten, das heute die Habgier anderer Menschen erringe» will. Der sinkende Tag vernimmt das singende Abendgebet der Araber und die eintönigen Dudeleien der Neger. Mitte» hinein ertönt gellend der Pfiff der Lokomotive und das laute Kommando der Offiziere. DaS Zeilenrad hat wieder einen Umschwung gctha». Und nach weiteren zehntausend Jahre»?— Literarisches. — In einer Preisbewerbung, die das„Deutsche D i ch t e r b e i in" in Wien veranstaltet hat, waren im ganzen 125 Gedichte eingelaufen. Den ersten Preis(500 M.) erhielt Anton L i n d n e r in Wien für sein Gedicht„Der Ton vom Tode". Der zweite Preis(250 M.) wurde Richard D e h in e l in Berlin- Pankow für sein Gedicht„Nach einem Regen" zuerkannt. Der dritte PreiS(150 M) wurde Kurt G e n ck e in Walddorf (bei Eibau in Sachsen) für sein Gedicht„Das Kummerschifflein" zu gesprochen.— Kunst. c. e. Der geniale englische Lithograph James Li n ton ist im Alter von 35 Jahren in New Häven, Connecticut, gestorben. Linton wurde zuerst durch seine trefflichen Illustrationen in der „London Jllustrated News" in weiten Kreisen bekannt. Im Jahre 1351 gründete er den„London Leader." Bei der Chartisten- Bewegung in de» 40er Jahren war er einer der Führer und wirkte mit Stift und Feder für die Sache der Sieform. Seine politische Thätigkeit brachte ihn in Berührung mit Mazzini, Garibaldi, Lonis Blanc und anderen Republikanern. Im Jahre 1867 kam Linton nach den Vereinigten Staaten und gründete in New Häven eine lithographische Anstalt. Unter seinen Werken befindet sich eine illustrirte„Geschichte der Holzschneidekunst".-- Archäologisches. — In der von der Gesellschaft für Alterthllmsforschung ver» öffentlichten Zeitschrist„Archäologia" befindet sich ein Artikel über die Urgeschichte von Japan von W. Gowland, der einen interessanten Bericht über alle Gräber jenes Landes enthält, die er au Ort und Stelle untersucht hat. Das Alter dieser japani- scheu Grabmäler läßt sich mit ziemlicher Genauigkeit festsetzen. Die frühesten stammen ungefähr aus dem dritten Jahrhundert vor Christi Geburt, die spätesten sind aus dem siebenten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. In manchen wichtigen Punkten stimmen diese Grabdenkmäler mit ähnlichen Monumenten überein, die in Westeuropa gesunden werden, und die in England und Schott« land unter verschiedenen Namen, als„barrows«,„crornlechs cairns" und in Irland als„dolinens" bekannt sind. In Japan sind nach Gowland's Darstellung die frühesten Grabhügel ohne so- genannte Dolmen(Steine). Die Steine sind, wenn sie vorkommen. immer bedeckt, und ihre Aehnlichkeit mit den Denkmälern Europa's, des westlichen Asiens und Nordafrila's ist überraschend. Die japanische Arbeit weist größere künstlerische Vollendung auf als die westasiatische. Ueber die in den Grabmäler» gefundenen Gegen- stände meldet der Verfasser folgendes: Die Körper liegen gewöhn- lich in der Richtung vom Norden zum Süden. Die mit ihnen be- grabenen Waffen sind meist aus Bronze, einige aus Eisen. Die Zierrathen sind gewöhnlich ans Stein, Metall oder Glas. Glas« perlen sind zahlreich. Auch Töpferwaaren kommen vor.— (»Voss. Ztg.") Volkskunde. — Das Vielliebchen essen, ein Brauch, der vom Rhein nach Ostdeutschland gekommen ist, stand anfangs in naher Bezieher zu der normannisch-englischen Sitte des Valentin- tages, der am 14. Februar gefeiert wird, später aber wurde es eine Neujahrssilte. Wie in England das am Valentinstage erwählte Paar sich Valentin und Valentine nennt, so wurden früher am Rhein und an der Mosel am Sonntag Jnvocavit die Mädchen den jungen Burschen als„Liebchen" oder Vielliebchen" zngetheilt. Gefiel dem Burschen das Mädchen, so hatte er das Recht, am solgende» Sonntag zu ihm zu gehen, um die„Bretzel zu brechen", oder er brachte wohl ein kleines Geschenk mit, und je nach Gefallen nannten die beiden sich längere oder kürzere Zeit gegenseitig Vielliebchen. Zn Ende des 18. Jahrhunderts wurde am Rhein der Brauch polizeilich verboten; später nahmen ihn dann die„feineren Kreise" wieder auf; und heute ißt man Vielliedchen, wenn es sich gerade so schickt, und man Lust dazu hat.— Ans dem Thierlebe». — Gezähmte Kolibris. Die herrschende Ansicht, daß sich Kolibris garnicht in der Gefangenschast hallen ließen, wird, wie Charles Fredericq Holder in einem längeren Artikel des„Scientific Simerican" darlegt, durch zahlreiche Fälle widerlegt, in denen diese reizenden Vögel in Amerika längere Zeit in Gefangenschaft gehalten werden konnten. Er selbst nahm in Süd- Kalifornien ein Nest mit jungen, ziemlich erzogenen Kolibris, deren Mutter im Garten auf einem Sonnenblumenstamm ihr Nest gebaut hatte und sich ruhig beim Brüten photographiren ließ, ins Haus, und die Jungen wurden bald so dreist, daß sie aus den Ruf herbeikamen und sich mit dickem Zuckersast füttern ließen. Am Morgen weckten sie, um Futter bettelnd, ihren noch schlafenden Pfleger, indem sie sich auf sein Gesicht oder seine Hände setzten und scharfe metallische Töne ausstießen. Sie wurden aus der Hand gefüttert und flogen hinter den Damen des Hauses her; beim Frühstück schwebten sie beständig über dem Frühstückslisch. Aeltere Besucher von Taylor's Restaurant zu Broadway, sagt Holder, werden sich der zahmen Kolibris im Doppel- fcnster desselben erinnern, die stets zahlreiche Bewunderer anlockten. Der deutsche Wirlh ernährte sie mit süßem Waffer, welches in farbige Glasblumen gestillt war, woraus sie es direkt entnahmen. I» naturwifsenschnfllichen Schriften wird wohl mit Recht behauptet, dab die KoUdris hauptsächlich de» Insekten nachstelle», die Honig- fangend an den Blume» beschäftigt seien. Holder kann wemgstens von dein kalifornischen Rothgnrgel-Kolibri versichern, daß er nicht ohne kleine Jnsckrenspeise leben kann. Die Vögel erjagten sich an» Fenster kleine Fliege»» nnd Spinne»; der Blninenuektar, den sie im übrigen sehr lieben, bildet»vohl eigentlich nur ihre» Trank.— („Prometheus.') Aus dem Alterthum. — P a p y r u s f u n d e. Der noch zu Ende des vergangenen Jahres von der„Egypt. Exploration Fund' veröffenllichte ausfuhr- liehe Bericht über die im Jahre 1336/97 in Egypten gemachten großartigen PapyruSfunde gicbr eine» Begriff von der Bedeutung der Funde. Es»vurde» nicht»veniger als 300 literarische Fragmente und 2000 große Schriftstücke geschäftlichen Inhalts gefunden. Unter den literarischen Bruchstücken gehört die Hälfte Homer an, die übrigen Plato, Xeuophon, Thucidides, Jsokrates, Demosthenes. 30 lateinische Papyrus, auch ein Bruchstück aus Bergil. Die große Mehrzahl der Papyrus»vurde unter dein Unrath aller Städte unter dem„alten Papier' gesiuide», so 61 Körbe voll Slkten ans byzau- tinischer Zeit in Behuesa an einer einzigen Stelle. Professor Flinders Petrin hat ferner bei seiner Untersuchung der Akropole von Des- hasheh bei Ehnes in Mitlelegypteu nebe»» Gräbern der sünstcn Dynastie mit Särgen»nd Statue» auch ei» Felsengrab mit der Darstellung eines Krieges zwischen Egypiern und Barbaren entdeckt; es ist dies das älteste bekannte Kampfbild der Egypter.— Meteorologisches. •—Gemittet und stiege» auf der Erde. Das Obser- vatoriuu» in Odessa theilt ans grund gemachter Wahrnehmungen und erhaltener Berichte die Erde in fünf Zonen eiu, über»velcheu Geivitter»md Regen sehr verschieden vertheilt sind. In der zu beide» Seiten des Slcquators 20—25 Grad nördlich und südlich liegenden Zone treten die elektrischen Erfcheinnnge» in der Luft am östesten auf, und diese Zone deckt sich so ziemlich mit der regen- reichste» Zone; man kann hier in» Durchschnitt ans 100 Geivitter- tage im Jahre rechne». Jenseits dieser Zone»vird die Häufigkeit der Geivitter immer geringer, nnd in den gemäßigten Himmels- strichen geht die Zahl der Geivittertage nicht leicht über 30 das Jahr hinalts. Nördlich und südlich von dieser Zone liegt dann je «ine solche,>vo Geivitter nicht auftreten und»vo es auch nicht regnet; hierher gehören Finland, Island, das nördliche Sibirien, das östliche Turkestan, Nvvajasemlja und die arktischen Länder.— Technisches. 5e. Die ersten Versuchsfahrten an f der elektrischen Bahn auf dem Gornergral sind nach„Elektrician" in der Weihnachtsivoche vor sich gegangen. Die vollendete Strecke ist freilich erst 1600 Meter lang mit einer durchschnittlichen Steigung von 12 pCt. Die Fahrten fielen völlig zufriedenstellend aus. indem die elektrische Lokomotive foivohl den Aufstieg»vie den Abstieg ohne die geringste Schlvierigkeit und mit gleichbleibender Geschivindigkeit überivand, auch das Anhalten an der steilsten Stelle bei voller Be- lastung geschah mit großer Leichtigkeit. Die Kraft für den elektrischen Betrieb»vird vo» dem Findelenbach bezogen, desje» Wasser 4 Turbinen von je 250 Pferdestärken treibt. Die Gesanuntlänge der Bahn»vird bekanntlich 3.8 Kilonieter betrage», die äußerste Sleigniig 20 pCt., also etlvas weniger als bei der Pilatusbah».— — Die Lebensdauer der Lokomotive». In der letzten Zeit hört man verhältnißmäßig viel häusiger von Explosionen an Lokomotiven, die entiveder irgend eine Leitung oder auch den ganze» Kessel betreffen. Das liegt einerseits an der bedeutenden Berniehrniig des Materials, dann aber auch an seiner viel stärkere» Inanspruchnahme, ganz abgesehen davoi», daß heute ein höherer Dampfdruck— bis zu zwölf Atmosphären»nd»och mehr— ein- geführt ist. Auf grund vo» Untersilchniigeii, die man in Amerika angestellt hat, ist festgestellt, daß im Durchschnitt eine Lokomotive außer Dienst gestellt werde»»nnß,»venu sie 500000 englische Meilen durchfahren hat. Die Lokomotive ist dann so abgenutzt, daß sich keine Ausbesserungen mehr an derselben lohnen. Selbstverständlich müssen»vährend ihrer Dienstzeit, die sich durchiveg aus mehrere Jahr- zehnte erstreckt, manche Theile erneuert werde», die stärkerer Ab- »utzung durch Reibung und Feuer ausgesetzt sind. So»lüssen im Durchschnilt die Feuerbüchsen dreimal, die Stahlbänder un» die Treib- räder fünf- bis sechsmal, die Federn der Treibachsen drei» bis süns- mal erneuert»verde».— Humoristisches. — E i n e E u l e n f p i e g e l e i hat fich a» einem der letzten Sonntage in der protestantischen Kirche des Städtchens H. im Süden von Schottland zugetragen. Der Gottesdienst hatte bereits begonnen, als ein hübscher, frischer Bursche von»ngefähr achtzehn Jahren die Kirche betrat und sich mit leisen, eiligen Schritten zu einer i» nächster Nähe der Kanzel gelegenen Bank begab. Zum Erstannen der Uinsttzenden machte der junge Mann keine Miene, sein braunes Lockenhanpt zu entblößen. Mit andächtigem Ausdruck in dem blühenden Geficht setzte er sich nieder und legte seine fromm ge- falteten Hände aitf die Rücklehne der vor ihm befindlichen Bank. Ein neben ihm sitzender Herr ersuchte ihn mit höflichen Worten, doch seine Kopfbedeckung abzunehmen— der junge Mensch that, als hörte er nichts. Der Herr»viederholte noch einmal vergeblich seine Allfforderung, und im Glauben, daß der Jüngling vielleicht taub sei, hielt er es für seine Pflicht, diesem de» H»»t eigenhändig vom Kopfe zu entfernen. Mit einer leisen, unauffälligen Bewegung lüftete er den Aergerniß erregenden Gegenstand— da sielen zu seinem größten Entsetzen ein ganzes Schock Wallnüss« laut rasselnd auf die Steiufliesen des Fußbodens nieder. Die Blicke aller Anivesenden richteten sich vorivursevoll aus den Missethäter, dessen schuldbewußte Miene ihn schon verratheu hätte, weiii» sich nicht auch»och im selben Moment der junge Mann zornig zu ihm iimgeivaudt Hütte mit den Worten:„Na, sehen Sie,»vas Sie n»i n gemacht haben!'— — Diese P u in p h o s e n! Ein Radkahrer stieß jüngst in einer Straße von Neiv-Iork mit einem Wagen zusammen und flog in»Veiten» Bogen auf den Bürgersteig. Ohnmächtig werdend, stützte er das Gesicht auf die eine Hand,»vährend er mit der anderen»ach einer Hintertasche feiner Pumphosen langte. Ein Polizeisergeaut suhlte in die Tasche»»nd zog ein silbernes Kognakfläschchen heraus mit der Inschrift:„I. I. Jones. Nr. 400 Boiiton-Avenue.' —„Gehen Sie'— so trug er einem Schutzmann auf—«nach Bonton-Av. Nr. 400 und sagen Mrs. Jones, daß Mr. Jones..-- Der Sergeant hielt inne und zog aus der anderen Hintertasche der Pumphosen einen Handspiegel;„Sagen Sie Mr. Jones, daß Mrs. Jones...'-- In diesem Augenblick berührte ein hilfeleistender Drogist, der zur Weckuug der Lebens- geister unter der Nase des Verunglückten eine Feder anzünden wollte. zufällig mit dieser kitzelnd die Lippen des Verunglückte!». Der Rad- fahrer lächelte unv liiuruielte:„Mein Charlie!"--„Sagen Sie Mr. und Mrs. Jones, daß Miß Jones ein Unfall zu- gestoßen ist!'— Vermischtes vom Tage. � In Ilmsdorf bei Gerdauen hat eine Manrerssrau iin Streit ihren Ehemann erschlagen.— — Ali» 4. Januar legte der Direktor des Kre uzburger L e h r e r s e in i n a r s, Jänicke, freiwillig sein Amt nieder. Einige Tage später reiste er mit seiner Gattin und seiiien zwei Söhnen iiach Breslau,>vo sämmtliche Personell de» Versuch machten, sich durch Einathlnen von Gas zu lödte». Nachdem diese Absicht inißlungeii war, kehrten sie nach Kreuzburg zurück. Au» Sonn- abend wurden s ä in in t l i ch e F a»» i l i en g Ii e d e r vo» Markt- lemen im Walde nahe an dem Wege, der von Lassowitz nach Kulina» führt, todt aufgefunden; sie hatten alle it-elbstmord mitlels Revolver verübt.— — Die Polizeibehörde von M.» G l a d b a ch hat.»vie die „Köln. Zlg.' millheilt, diejenigen Geiverbetreibenden, die Dampf- pfeifen und Nebelhörner in ihrem Betriebe benutzen, auf grund einer Negierungs- Polizeiverordnung von 1373 aufgefordert, sie bis zum 1. Februar' außer Thätigkeit zu setzen. Ans der Bürger- schaft ivaren über den Lärm, der d»lrch diese Zeichengeber verursacht wird, mehrfach Beschwerden eingegangen.— — Der pensionirte Universitäteprofessor Tomascheck, ehemals Mitglied des Frankfurter Parlaments, ist in Wien gestorben.— — Die Stadlverwaltnng von A n t»v e r p e n hat die Steuer- zahler befragt, ob es ihnen genehm iväre, 5 pCt. Zuschlag zu de» Staatssteuern zu zahlen. Die Antwort soll nicht so höflich ausgefallen sein.— — Volkszählung in Italien. Der neue italienische Handels», inister geht mit der Absicht um, im Laufe des Jahres 1833 eine allgemeine Volkszählung vornehnien zu lassen. Die letzte hat 1881 staltgefiinden nnd ergab in den 8239 Geineinden Italiens eine Seelenzahl von 28 459 628 Die statistischen Berechnungen der solgen- den Jahre lieferten für 1894 folgende Ergebnisse: Gesanunt-Ein- ivohnerzahl 30 312 665, Bevölkerung der größten Städte: Neapel 526 797, Rom 463 786. Mailand 443 252, Turin 345 009, Palermo 280 540, Genua 220 046, Florenz 204 280, Venedig 163 886, Bologna 143 096. Messina 143 023, Catania 123147, Lworno 104 484. Die Bevölkernngsziffer Roms»vird gegenwärtig ans ungefähr 430 000 geschätzt.— c. e. 3 5 Portionen Beefsteak soll der„Tammanyt' Kapitän Saundcrs in Neiv-Pork bei einer von dem neugewählten Assembly- Mitgliede Hachemeister veranstalteten Gasterei in zwei Stunden aufgegessen haben. Alle Tammany- Leute essen gern Beef- steak, besonders seit dem bekannt»vurde, baß der neue Mayor Van Wyck es darin zu einer geradezu unheimlichen Virtuosität ge- bracht hat. Deshalb ließ Hachemeister für seine 200 Gäste auch 300 Psund Beef und 600 Pfund Kotcletten auftragen, und alles wurde radikal vertilgt, so daß auf jeden Mann 7 Pfund Fleisch kamen.— — Am 15. Januar soll von Winipeg a»S auf dem Landivege quer durch das nordivestliche Kanada ein R e 1 1 u n g s z u g nach den Goldfeldern von Klondyke abgehen. Die Kosten des Unternehmens tragen zu zwei Dritteln die Vereinigten Staaten»»nd zu einem Drittel Kanada. Voraussetzung ist jedoch, daß bis zum bezeichneten Terii»in die aus Norivegen bestellten Rennthiere in Kanada eintreffen.—_ Aeranlivorllicher Redakteur: August Jacobe») in Berlin. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin.