Hlntcrhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 11. Sonntag, den 16. Januar. 1893. (Nachdruck verbalen.) 11Z Nllkttgslvuke. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. Vielleicht am glücklichsten war des Agenten Mutter. Sie war Zeit ihres Lebens ein unbedeutendes Geschöpf, das des seligen Echweder Tyrannei mit derselben Geduld ertragen hatte, wie jetzt die Herrschaft ihrer Schwägerin. Wenn Albert seine ewigen dummen Streiche geuiacht hatte, auf wen anders fiel das zurück als auf sie? Da ihr die Pflicht oblag, den Schwedcr'scdeu Haushalt zu führen, so war die Sparsamkeit der Tante Ur- fache endloser Kämpfe. Petroleum, Fleisch, Kohlen, Seife, Butter, Gänse— alles kaufte sie nach Ansicht der Tante zu theuer. So kam das alte Geschöpf auf schreckliche Schleich- wege, trug in das Haushaltungsbuch falsche Zahlen ein, be- mogelte die Tante beim Gcldivcchscln und log sich in diesem Hausbaltskampfe um ihrer Seele Seligkeit. Da die Tante in Rücksicht auf das Magazin sehr elegant gekleidet ging, natür lich in Schwarz, so waren ihre abgelegten Kleider für die Schwägerin noch recht wohl zu gebrauchen. Aber Leute, die stets andrer MenschenKostümezuEndc tragen, pflegen nie rechtaufsesten Füßen zu stehen, werden mit der Zeit schlampig und nach- lässig und haben am Leben keine Freude. Nun träumte die alte Person von Albert's Neichthnm, segnete abends im Bett ihren lieben Jungen und die wunder- volle Erfindung der Roulcttcspicle und sah sich im Traume in einem neuen Kleide spazieren gehen; bald war es blau, bald roth, bald schottisch bunt, nur nie schwarz. Das alte verschrumpfte Gesicht lächelte dabei so glücklich wie seit vielen Jahren nicht. Zwei Tage später kam die traurige Depesche, deren Ankunft jeder verständige Leser bereits vorausgesehen hat: .Unglaubliches Unglück. Zwanzigmal Roth hintereinander. Bitte umgehend zweitausend Franks. Noch alles leicht wieder- zugcwinneu. Die zwcilanscud erbitte telegraphisch. Grüße. Albert." Als diese schauerliche Nachricht eintraf, befand sich die Tante gerade im Magazin, wo Elschen Brandenburg, deren gute Mama gestern gestorben war, reizende schwarze Kleidchen anprobirt wurden. Die Kleine sah darin sehr niedlich aus, drehte sich vor dem großen schwarz eingerahmten Spiegel wie ein Bachstelzchcn und brachte durch ihr komisches Wesen die Gonver- nante u'..d sämmllichc Ladenfräulein in die munterste Stimmung. Sogar die Tante lächelte milde. Auch die arme Mama hätte vielleicht gelächelt, wenn sie ihr blondes Töchterchen in der Maskerade voil Schwarz hätte sehen können, aber andrerseits hätte ihr Elschcns Spaßhafligkeit doch wohl einen Stich ins Herz gegeben. Es war ein recht wehmüthigcr Scherz. Jetzt erschien eilenden Laufes das ewig abgehetzte Jettchen, ein hier bereits mehrfach zitirles Waisenkind, das im Magazin mit Klcideransklopfen, geistlichen Büchern, mäßiger Nahrung und häufigen Knüffen als Lehrling herangebildet wurde. Sie war der niedlichste und munterste Backfisch von sechszchn Jahren, den man sich nur denken konnte; da aber sämmtliche weibliche Angehörige und Zugehörige des Magazins wesentlich älter waren und durchweg auch häßlicher, so führte Jettchen seit zwei Jahren ein ivenig bcneidenswerthes Leben. Da sie ferner nicht alle Knüffe ruhig hinnahm, so galt sie als uu- dankbar und boshaft, und in der That machte es dem jungen Wesen Spaß, wenn einer ihrer Peinigerinnen ein Aergerniß widerfuhr. Sie meldete also athemlos, daß eine neue Depesche da sei, daß der Herr Kandidat weine und Frau Schweder in Ohn- macht liege, die Tante möchte sofort heraufkommen. Dabei leuchtete ihr das Vergnügen so deutlich aus den Augen, daß die unglückliche Tante nur durch die Heiligkeit des OrteS und die Anwesenheit von Elschen Brandenburg a» einer excmpla- rischeu Züchtigung dieses schadenfrohen Geschöpfes sich ver- hindert sah. Sie schritt würdevoll lhinans, setzte sich ans dem langen Korridor in Trab und hatte eine Minute später die vernichtende Depesche gelesen. Der Kandidat und seine arme Mutter waren sich über die Situation durchaus klar. Dem Faß mußte mit dieser Katastrophe der Boden ausgeschlagen fein, und das Traner- magazin würde schon ans Selbsterhaltungsgründen jede weitere Unterstützung der drei armen Verwandten abschneiden. Wenigstens hatte die Tante selbst ausdrücklich und wiederholt diese furchtbare Zukunft ihren drei Pfleglingen prophezeit. Ein von Christian zertrümmertes Weinglas oder eine von der Schwägerin besonders miserabel gekochte Suppe brachten es oft dahin, daß die jungfräuliche Tante ihren Wohlthaten ein Ende macheil zu wollen erklärte, und da der Kandidat und seine Mutter mithin beständig auf einem Vulkan saßen(der Ausdruck.tanzten" wäre nicht angebracht), so waren beider Nerven in ewiger Angst so gut wie zerrüttet. Die Tante ging jetzt im Zimmer aus und ab und sagte vielleicht fünfundzwanzig Minuten lang kein Wort. Bis- weilen seufzte sie oder stöhnte unterdrückt, und sie hatte einige halblaute unartiknlirle Laute zur Verfügung, die dem Kau- didaten und Fran Schweder jedesmal durch Älark und Bein gingen. Sie trat auch wohl gelegentlich nahe vor die beiden, that als wollte sie sprechen, drehte aber wieder um und setzte ihre Käfigpromenade fort. Kurz und gut, sie brachte es mit dieser Methode dahin, daß ihre Schwägerin nach einiger Zeit in dem schauerlichen Schweigen von neuem ohnmächtig wurde. Das war man aber an dieser halt- und energielosen Dame bereits so sehr gewöhnt, daß die Tante das nicht weiter beachtete. Allem Staunen sehte es die Krone auf, als die Tante nicht mit einem Zornansbrnch das Schiveigcn endete, sondern mit der einfachen Frage, wann und in welcher Zeit die Reise nach Nizza zu machen sei. Die Tante auf Reisen— undenkbar! Erkner, Potsdam, Rathenow und Lübbenau waren bisher die Endpunkte ihrer wenigen Eisenbahnfahrten gewesen, vier Ortschaften, die von der Neichshauptsladt nicht sehr weit entfernt sind. Die Tante nach Nizza, in ein fremdes Land, Nächte und Tage unter- ivegs,— unter gewöhnlichen Verhältnissen hätte dieser Ge- danke fast komisch gewirkt, jetzt erregte er Grauen. Außerdem wer sollte sie begleiten? Denn daß die Tante allein Nizza nie finden würde, war mehr als gewiß. Ferner ihr Rheuma, die Wärmflasche, die gebratenen Aepfet und das Warmbier mitten in der Nacht! Konnten fremde und täglich wechselnde Friseulen Taute's spärlichen Haarivuchs in Jetlchen's wirklich künstlerischer Manier arrangieren? Wer würde ihr die Schuhe anziehen, wenn das Rheuma im rechten Arm wieder kommen sollte? Ferner der Zoll an der Grenze mit Kosseranspacken und riesiger Hetze? Dan» Nizza, die französische Sprache und die vielen Gauner! Nein, es war unmöglich. Und die Tante that es doch. Das ganze Magazin kam in Aufregung, und maßlos war die Uebcrraschnng, als es zum ersten Male hieß. Jettchen werde wahrscheinlich als Reise- begleiterin besohlen werde». Jcttchen aus Reisen, in der Schweiz, in Nizza, in Hotels— den Damen im Magazin schwindelte. Am Abend vor der Abreise— am dritten Tage nach der Uuglücksdepesche— war die Tante in seltsam feierlicher Stimmung. Von Albert und ihrem Ingrimm auf diesen ge- wissenlosen Agenten sprach sie kein Wort. Mit ihrer Schwägerin redete sie liebevoll oder wenigstens gütig wie nie, und als Christian einen letzten Versuch machte, sie von dieser Reise abzubringen, lächelte sie schivach. Sie hatte sogar Todes- ahnunge» und vcrmuthete, daß sie nicht lebend zurückkommen werde. Die nächstliegende Frage, weshalb überhaupt denn eigentlich diese Reise vor sich gehen sollte oder müsse, wurd» allerseits scheu vermieden. Vielleicht weil sie Albert zurück« holen und retten ivollte, wahrscheinlicher in dem Wunsche, die verlorenen zweitansend Mark zurückzugewinnen, am aller- wahrscheinlichsten aber, weil sie in unmäßiger Weise vom Spielteufel besessen war. Die alte Dame hatte Zeit ihres Lebens in Sachen der Leidenschaften wenig kennen gelernt. Die Liebe mit allen Seligkeiten war ihr ein verschlossenes Buch geblieben, Bier, Wein und Spirituosen liebte sie nicht; so hatte sich in ihrem Leidcnschaftsmagazin eine Fülle un- gebrauchter Explosionsstoffe angehäuft, die jetzt bei der kräftigen Anregung durch des Agenten Nizzaer Feldzug zur Entladung drängten. Wie eine Flamme nach langem, verborgenem Glimme» plötzlich mit elementarer Gewalt hervorbricht, so ist eS mit einer verspäteten Leidenschaft, und wenn das Alter der de- treffenden Person mit der Stärke der Erregung fast komisch kontrastirt, so mag man sich erinnern, daß der Ausbruch scheinbar längst erloschener Krater zerstörende Gewalten mit sich bringt. Rührend war es, wie der Kandidat und seine Mutter auf Jettchrn mit Ermahnungen einzuwirken suchten: wie sie die Tante hüten und pflegen, alle Details beobachten und unter allen Umständen sich anständig benehmen solle. Alles das versprach Jettchen feierlich. Sie trug ein neues graues Kleid, eine kleine schwarze Winterjacke und hochelegante Knöpfstiefel. So sah sie eigentlich feiner aus als die Tante, was diese auch— nicht ohne Mißfallen— sogleich bemerkte. Natürlich sollte die Tante zweiter Klasse fahren und Jettchen dritter; auf dem Bahnhofe aber stellte es sich heraus, daß der Kurier- zug nur für noble Leute berechnet war und mit der gemeinen dritten Klasse sich nicht befaßte.(Fortsetzung folgt.) Sonnkttgsplttuvevei. Arme Schutzleute! Was haben sie zu leiden! Wer die Witz- blätter der jüngsten Tage zur Hand genommen hat, mußte erkenne», wie sie von Mückenstichen gepeinigt werden. Das war doch sonst anders. Was wußte man sonst für freundliche Bildchen zu malen? Da war der Schutzmann der liebe Onkel, der das Kind, das heulend an der Straßenecke stand, oder im Biergartentrubel der Hasendaide seine Eltern verlor, sorgsam behütete und allerlei Zeichen von Zart- sinn aufwies. Bald liebt man die Schönfärberei, bald das gallige Wesen. Ks trifft die Sache nicht. Ter Pfahlbürger freut sich innerlich mit seinem Witzblatt. Sein augenblicklicher Erregungszustand ist befriedigt. Er schmunzelt zu de» Hänseleieu und, ist er besonders gut aufgelegt, so sagt er: Die haben den Blauen einmal gebörig die Wahrheit gegeigt. Ist die Erregung verflogen, so ist der Witzblatt-Rumuiel und alle papierne Entrüstung vergeffen, und gemeiniglich bleibt es beim alten. Als ob die einzelnen Jrrlhümer und Ueberhcbungen. die nach- einander bekannt wurden, die Hauptursache wären! Der preußische Suballernbeamte ist im allgemeinen zu sehr ans tiommando gewöhnt als daß man ihm eine übergroße Verantwortung für das, was er begeht, aufladen sollte. Neulich habe ich ein Geschichtcheu von einem englischen Konstabler gehört. An einer belebten Straßenkreuzung zu London wird eine Radfahrerin vom Policeman angehalle». Es ,var in den Abendstnuden, die Radfahrerin hatte nicht, wie die Vorschrift gebietet, Licht angezündet. Die Dame konnte sich nicht legitimire», meinte aber, sie hätte die Vorschrift erfüllt, das Licht müsse eben, als sie um die Ecke bog, ausgegangen sein. Der Konstabler befühlte das Glas der Laterne, sah, daß es noch erhitzt sei, steckte Licht au und ließ die Dame unbehindert weiter fahren. Das war ein höchst einfaches Anskunstsmittel und sparte beiden Theilen unnütze Scheerereien. Bei uns hätte der Schutzmann im gegebenen Falle vielleicht nicht das Maß von Selbständigkeit bewiesen, sondern sich strikte an den Buchstaben der Vorschrift gehalten. Das Licht brannte nicht. Strafe muß also sein. Wenn die Satire unserer Witzblätter, die freilich bei dem gegenwärtigen Verfolgungssystem eine» harte» Stand haben, schärfer zufassen wollte, sie müßte ihre Pfeile gegen ganz andere Stellen abschnellen. Man braucht kein besouders tiefer Beobachter zu sein, um zu erkennen, wie rasch und leicht der Subalternbeamte bei uns im Unteroffiziers- geist einlenkt. Bei uns und überall da, wo das gleiche militaristische Beispiel anzuziehen ist. Jeder von uns hat es er- lebt, wie auf eine Ordre hin die Schutzmannschaft bei großen Straßenaufzügen, bei Festgebräuchen, durch die Menschen- ansammluugen bedingt find, ihren Ton zu ändern vermag. Ein geradezu klafsisches Beispiel konnte man jüngst bei de» Wiener Äraßeuansammluugen aus Anlaß der parlamentarischen Unruhen beobachten. Am Sonnabend waren die Demonstranten noch eine Rolle mißvergnügter Burschen, denen man barlch de» Herren zeigen mußte; und als am Soilntag der Günstling Gras Badeni gestürzt war, da trat dieselbe Schutzmannschaft unter die beunruhigte Menge und sprach, wie eben der gute Onkel zu spreche» pflegt: Aber bitte, meine Herrschaften, beruhige» Sie sich doch, der Herr Graf sind entlasse»! Die Schutziuanuschast schwenkte aufs Wort ein. Die Agitation darf darum nicht ins Stocken geralheu und nicht den Groll gegen einzelne Subalternbeamte in de» Vordergrund schieben, statt den Kern der Dinge zu treffe». Es ist ein bequemes Schlagwort ausgegeben worden: Schutz gegen die Schutzleute. Bei diesem Schlagwort läßt sich nur verdammt wenig denken. ES riecht ei» wenig»ach thörichtem Blaukoller. Abwehr braucht man. schroffe Ab- wehrgegen den Geist, der nichlin der oderjenerPerson verkörpertist, der vielmehr im allgemeinen betont: Ihr müßt euere Autorität wahren, Schneidigkeit beobacbten in allen Fällen. Dadurch werden die Ge- mülher subalterner Beamten verivirrt. Man kann in einer großen Körperschaft nicht von jedem Einzelnen Feingefühl oder stark ent- wickelten natürlichen Takt erwarten. Um so eindringlicher muß es eingeprägt werden, daß der uniformirte Subalternbeamte nicht i» den Gedanken verfalle, das Publikum sei eben nur.Zivil' in der Bedutung, wie man's im Militärleben aufzufassen liebt. Der Schutzmann, der die Frau im Rachtklcide vom Hausthor weg zur Wache zerrte, war gewiß nicht der intelligenteste Mann. Das Machtgefühl Halle ihn berauscht. Im übrigen zog er nur äußerste Folgerunge»: Was, Frau, d» wagst z» widersprechen? Mir. denr tl»>,onwrte»? Nun muß ich dir erst recht zeige», was Autorität ist. Er dach!« vielleicht insgeheim, eine Belobigung für besondere Schneidigkeit erwarten zu dürfen. Bei allen Nadelstichen, die die Witzblätter ertheilen. bei allen pathetischen Deklamationen: Schutz gegen die Schutzleute, bei aller bürgerlichen Enipörnng über die böse» Dinge, die den an« ständigen Frauen auf der Straße passire» können, wird man die Empfindung nicht los: All der aufgehäufte Aerger entlädt sich, weil selbst die sonst sorgsam behüteten Frauen arg verletzt werden können. In dem Brief an den Vater von Fräulein Koppen, der jetzt im Wortlaut veröffentlicht ist, wird darüber gesprochen, wie über Unbequemlichkeiten, denen eben jeder Mensch ausgesetzt ist. Eine Denunzialion ist erfolgt, man ist verdächtigt, man wird ststirt. Das ist ei» Falum, Kisaiet sage» die Orientalen. Zu prüfen hat der Subalterne nicht. An individuelle Ausübung ist er nicht gewöhnt. Das strenge Reglement ist sein Gesetz. Dazu kommt, unt auf das Thema.Frau" zurückzukehren, die starr reglementirle. durchaus m ä n n i s ch e(nicht männliche) Er- ziehung. Jede Unregelmäßigkeit, jede Ausfälligkeit allein macht ver- dächtig; und wo erst der Verdacht rege geworden, ist der Ver» folgungseifer schon erwacht. Vor wenige» Jahren kam hier in Berlin der Fall vor, daß zwei ausländische Dainen, die bei Tage in ein Cafö gegangen waren und zwar ohne Herrenbegleitung, vom Oberkellner schmählich hinausgeworfen wurden. Die eine verfiel in einen Weinkrampf. Die Frauen trugen sich vielleicht etwas auf- fälliger, als es in Berlin, wo nra» dunkle Farben vorzieht, bei Straßenloiletten üblich ist. Das war ungewohnt, das war verdächtig s also regte sich beiin Kellner die Bulldoggenmanicr. Derselbe Cafetier, der vielleicht bei Nacht mit de» Prostitiiirlen ergiebige Geschäfte macht, glaubte, sittlich eutrüstet sei» zu niüffen. Es stellte sich heraus, daß anständige Frauen, die nachher ihr Abenteuer in ausländische Zeitungen veröffentlichte», beleidigt wurden; also viel Bedauerii. Wenn es aber nicht zufällig wohlsitnirte Frauen ans nngesehenen Faiuilie» geweseu wären? Die Antwort ist immer ei» Achselzucken. Oder der Stiunpssinn antwortet: die„Frau" darf eben nicht den Schatten eines Verdachtes aufkommen lauen. Und schon im Hamlet sagt der Dünenprinz zu Ophelien: Sei weiß wie Schnee und du wirst der Verläumdung nicht entgehen. Da schließt sich denn unheilvoll ein Glied ans andere. Verdacht, Versolgungseiser greife» ineinander und die männische Gedanken- weise bringt erst ihr Opfer zu Falle, um sie dann im Herrenstolz grausam verachten zu dürfen. An de» inneren Zusamiuenhang der Behandlung Verdächtiger mit der Behandlung der„überführte» Prostitution" denkt man nicht allzu oft; und die heute so Helden- »»ithig ihr„Schutz gegen die Schutzleute' in die Lüste schreien, weil einige anständige Frans» schlimm angefaßt wurden, habe» sich fast nie»och darüber entrüstet, wie die Vogelfreien des weibliche» Geschlechtes i» deu bösesten Bann gethau sind. Nun ja, wo eine lex Heinz« gegen die Sünde wüthel, wo sich geistliche I»- qisitoren finde», die im Zeitungsblalt nachspüre», ob nicht dari» von zweierlei Geschlechtern die Rede sei: da darf man sich nicht wunder», daß dieselbe Gesellschaft, die ihre Frauen fallen ließ, die eigenen Opfer mit Dorneurutben schlägt. Was man wie stinkend Vieh behandelt, muß zum Schluß ausarten. Das ist so richtig, wie das Einmaleins; gesetzmäßig, wie Ursache und Wirkung. Sachkenner behaupten dann freilich: In Berlin ist das weibliche Lumpenproletariat samuit seinem männlichen Anhang eben wüster, rüder und rauher, als anderswo. Beobachtungen hier- über können niemals ganz allgemeine Bedeutung habe»." Unglück und Fall üben fast überall auf die Dauer dieselben seelische» Wirkungen auf die Verlorenen. Wen» manches bei uns äußerlich frecher»nd gewallthäliger erscheint, so erntet»ran eben, was man ausgesät hat. I» de» Nachtbörsen für Wecherfleisch, i» einer An- zahl von Grand-Nestaurants, in denen gewiß nur Menschen mit ge- fülllem Geldbeutel verkehren können, herrscht ein ungeheuerlicher Ton. Moralische Prügel kommen zu den leibliche» Schläge»; und hat sich eine Unselige gegen irgend einen Paragraphen vergangen, da wird sie erst vollends wie„ein Stück" behandelt, das aus deu Reihen der Menschheit gestrichen ist.„Das Stück", das ist nämlich solch männischer Lieblingsausdruck für das.gefallene Weib". I» ivenige» Tagen kommt die bekannteste Chausousängerin von Paris, Frau Ivetle Guilbert, nach Berlin. Aus ihrem Repcrtoir stehen Chansons, die, überaus frech und launig zugleich, auch vom Lunipenprolelariat zu erzählen wissen; von seiner dreisten Eigen- hcit, wie von seinem Jammer. Die Leute, dir für Frau Uvette solche Liedchen verfassen, könnten bei uns noch so manches zu dem Thema.Umgang mit dem Stück' zulenien. Frau Ivette könnte manche Strophe noch zu ihren Chansons fügen, von jenem Zynismus voll, bei dem das Herz sich zusammenkrampst, mit dem Kehrreim: Gefalle», vogelsrei, zum Aas geworfen..Aüplra. Vleinrs Fvuillrton h. d. DaS erwachende Berlin. An der Weichbild- grenze. Großstadt»nd Dorf umarmen sich bier. Doch die Liebe der Großstadt ist eine tödlliche Liebe: Die Großstadt verschlingt das Dorf. Und die allen Baracken scheinen zu zittern in dem flackernden, durstigen Schein der wenigen Gaslatcrnen, die de» Weg »ach der Stadt weisen, scheinen zu zittern vor Furcht, daß die großen Häuser sie erdrücken. Auf dein Kolperigen Slraßenpflastcr kommen zwei trübe Lichler angeivackelt. Eine Droschke rattert heran. Der Kutscher steigt ab, schiebt das schadhaste Thor des zerbrochenen Zauiics auf, und das steifbeinige, zottige Pserd folgt ihm ohne einen Zuruf auf de» Hos. Er schließt das Thor. Alles liegt einsam und todt. Die niedrige» Häuschen scheinen sich wieder angstvoll zu ducke». Da leuchtet hinter einzelneu Fenstern Licht auf. Schatte» laufen über die Vorhänge. Nicht lange dauert es, und hier und da huscht ein« Frau in schleppenden Pantoffeln, über die ungekäuiinten Haare ein Tuch geworfen,»>it schläfrigein Gesicht an den Häusern hin. Bald darauf treten Männer heraus. In den Händen halten sie kleine Päckchen und einzelne schlenkern auch Blechkanncn im Takt des Schreilens: das ist ihre Mahlzeit für den ganzen Tag. Wenn es dunkel ist. kommen sie heiin, und wenn noch nichts von» jungen Tag mit seiuei» srischausstrahlenden Sonnenauge zu sehen ist, gehe» sie fort. Langsam lüftet die Däinmernng die nächtliche Decke von der Erde. Die ersten Lichtstrahlen mnzittern die Hänser, die dazwischen liegenden Bauplätze und verwahrloste» Felder. Durch die schivarzen Zweige der blattlosen Akazie» dringen sie und malen deren Schalten über den Nnrath, der auf die wüsten Plätze geworfen ist. Da liegt«in alter Schuh zwischen verregnetem Papier, weiterhin ragt der zerbrochene Hals einer Weinflasche aus einem Aschenhanfen. Auf den, Hof, in den die Droschke eingefahren ist, kräht ein Hahn. Pferdehufe trappen, Kelten klirren. Die Thür wird auf- gezogen. Ein Müllwagen rasselt heraus und nach der Stadt, die im Morgcndnnst wie ein Gebirge aufragt. Die einzelne» neuen Häuser liegen wie mächtige Findlinge als Ankündiger des Gebirges vor ihm zerstreut. Ans de», Platz gegenüber dein Fnhrhofe sammeln sich mehrere Männer. Sie ziehen trotz der feuchte» Kälte ihren Ueberrock ans und fangen a», in den wüste», dürren Boden Löcher zn graben. Es ist noch nicht einmal hell. Bald wird auch hier ei» neuer Hans- riefe aus der Erde wachsen.-- t. Wie lange wirst Tu leben? Neber die Frage, wovon die Lebensdauer des Menschen speziell abhängt und ob man dieselbe bei einem gesunden Menschen annähernd voraussagen kann, hat A. Hägler i» Basel ueulich ein iutercssanles Büchlein veröffentlicht. Zunächst komnien für die Bestimmiing der Lebensdauer beim einzelne» Menschen in betracht die angeborenen Eigenschaften, die durch die Vererbung bestimmt werden, ferner die des Lebensalters, des Geschlechtes und des allgemeinen KörverbefindenS, andererseits sind aber sehr wichtige auch die täglich zu überwindenden Widerstände wie die Einflüsse der Arbeit, der Ernährung und Lebens- weise, des Wohnsitzes, die gesellschaftlichen und Vermögerisverhälliiiffe. sowie seelische Zustände. Für den gesunden Menschen beträgt die durchschnittlich mögliche Lebensdauer etwa 80 bis 84 Jahre, aber diese Zahl schwankt nach Klima, Woblstand und Wohnort bedeutend. In Europa z. B. hat man in Norwegen und England die meiste Aussicht ans ein so hohes Alter. In Deutschland und der Schweiz weniger, aber noch immerhin mehr als in Oesterreich. Von de» Jahreszeiten ist der Winter de», Greffenalter am gefährlichsten, der Sommer de», Kindcsalter, ans der Höhe des Lebens gleichen sich die Einflüsse der Jahreszeilen aus. Die Frauen haben im allgemeinen eine längere Lebensdauer als die Männer, nach der preußischen Slerblichkeits- tabelle sind von 1000 gleichzeitig geborenen Knaben nach so Jahre» noch 403 an, Leben, von 1000 Mädchen dagegen 444. Die inänn» lichc Sterblichkeit überwiegt am bedeutendsten während und bc- sonder» in de» ersten Jahren nach der Geburt. Der Erblichkeit ist eine hohe Bedeutung für die Prophezeiung des Lebensalters bei- zumesscn; wenn beide Ellern alt geworden sind, so darf mau auch dem Kinde ein hohes Alter voraussage». Auch daS Aller der Eltern bei der Geburt des Kindes ist von hoher Wichtigkeit; am gesündeste» sind die Kinder, ivcu» der Vater bei der Geburt zwischen 23 und 45 und die Mutter bis zu 35 Jahre alt war. Nach Brehmer nimmt selbst bei gesunde» Eltern vom sechsten Kinde an die Veranlagung zur Schwindsucht bedeulend zu. Die äußere Erscheinung und das Körpergewicht, ebenso das Aussehen»nd die Farbe des Gesichts sind wichtig zur Voraussage der Lebensdauer. Die Bedeutiing von Haut und Hantfarbe sind noch nicht genau bekannt, aber wir wisse» doch, daß Albinos und rothhaarige Menschen weniger lange leben als andere. Die Unterschiede von Wohnsitz und Klima sind sehr bedent- sam, man braucht nur zu vergleichen, daß in England in den Städten durchschnittlich von bl Einwohnern 1 stirbt, in Vombay dagegen jeder zwanzigste. Beschäftigung und Berns sind ebenfalls von hoher Bedeutung. Wohlstand läßt eine längere Lebensdauer ver- ninthen; für Berlin ist es eine Thatsache, daß von den Reichen die Hälfte das fünfzigste Jahr überlebt, von den Armen die Hülste nur das dreißigste. Vorhandensei» oder Fehle» von Alkohol- und Tabak- mißbrauch wird sich natürlich ebenfalls in der Länge des Lebens er- kennbar machen. Auch das Interesse, da» der einzelne Mensch am Leben nimmt, wirkt verlängernd oder verkürzend ans dasselbe, große Pläne und Lebensa, lsgaben sind mächtige Spannkräste für die Länge des Lebens; es ist bekannt, daß der Mensch, der sich von seiner ge- wohnte» Beschäftigung zur Ruhe setzt, nicht mehr lange zu leben pflegt. Stirbt von zwei allen Eheleute» einer, so folgt der andere auch bald nach.— Literarisciies. -I- Georg Freiherr vonO m pteda:„DerZere- II, o» i c n IN e i st e r". Berlin 1898. F. Fontane u. Ko.— Ompteda ist unter den jungen Berliner Literaten einer der fleißigste». Jede? Jahr' bringt ein oder zwei Novitäten aus seiner Feder, die sich zu- gleich mit ihrem Erscheinen auch die Gunst des Publikums erobern. „Der Zereiiionieumeister" ist eine etwas zn breit angelegte, jedoch flott geschriebene Erzählung, die uns in die intimen Kreise der „feinsten" Dresdener Gesellschaft einführt. Es sind bunte Szenen voll von hohlen, lächerlichen Menschen, die jedoch einen wahren„nd ungekünftelten Eindruck mache». Ompteda kennt diese Gesellschafts- kreise, in denen er selbst früher gelebt und die er uns unvergleichlich in„Unser Regiineiit" geschildert hat. Wen» auch das Buch kein Meisterwerk zu nennen ist, so dürfte es doch entschieden zu den besseren unserer modernen Literatnrerzeugnisse zählen.— Theater. — Paul Schlei, ther ist zum Direkter des Wiener Bnrgtheaters ernannt worden und tritt am!. Februar sein neues Wut an.— Musik. — er— Konzerte und Theater. Das sechste phil- harmonische Konzert brachte als Hauptwerk des Abends die II-moII-(I'atjietigue)-Sylnphonie von TschaikowSki, deren Mannig- faltigkeit des musikalischen Ausdruck?, deren scharfe Kontraste und geradezu dramatisch pnlsirendes Lebe» wieder das lebendigste Jutereffe hervorriefen. Der Solist des Abends war d'Albert. eine fertige abgeschlossene Kniistlererschsinung. Er spielte Beethoven's G- dur- Klavierkonzert mit der poetischen Sorgfalt und warme» Größe, welche dieses, die Anmiith selbst aus- tönende» Werkes würdig sind. Den Anfang bildete die durch Gedanken und rythmischen Schwung gleich erfreuende Ouvertüre zn Schnmann's todter Oper„Genofcva", de» Schluß Liszt's„Todteu- tanz", ein Paradestück raffinirter, kalter Virtuosität ohne jede Spur weihevoller Stimmung für den cantuo firmiis„Dies irae".— In einem Konzert, welches nur Vorträge für zwei Klaviere brachte, führte Herr R i s l er seinen Pariser Kollegen Cor tot sehr vor- theilhaft hier ei». Besonders in den Variationen von Wilhelm Berger, einem Werke, das aus einem einfachen Thema die überraschendsten und geistvollsten Wendungen holt, und in drei kleinen pikanten und harmonisch-witzige» Walzern von Chabrier kamen neben Nisler die Vorzüge Cortot's zum Vorschein, die er in einem eigene» Konzerte als effekt- kundiger und doch nicht künstelnder Chopinspieler noch klarer auf- leuchten ließ.— Herr Viani, a da Motta ist eine schmächtige Erscheinung, der man kann, die monumentale Art ihres Klavier- spiels zutraute. Die an Umfang der Technik und Kraft des An- schlags die höchsten Anforderunge» stellende Es-dur-Fuge samml Präludium von Seb. Bach in der Bearbeitung von Busoui spielte er mit glücklichen» Bewußtsein eines seltene» Könnens und gehobenem Ausdruck.— Ein neues Streichquartelt niiler Führung des Prof. Waldemar Meyer, das mit den billigsten Eintrittspreisen in dankenswürdiger Weise Kammermusik popularisiren will, führte sick, günstig ein. Mozart. Bach, Beethoven bildeten das erste Programm, das in gut musikalischer Weise erledigt wurde. Die Herren spiele» blos an Sonntagen von 3—5 Uhr, kau», die richtige Zeit für die Erfüllung der löblichen Absicht.— Für ein historisch italienisches Konzert des Herr» E m i l i o Pente (Violine)„nd O l g a V a n d e r o(Sopran) brachte der Geschmack unseres modern nervöse» Publikums nickst genügende Antheilnahme auf. Tartini, Marcello, Scarlatti, Stradclla, Cesti— es hängt an diesen Namen gewiß viel Schule, aber noch mehr verstäubte Klassi- zität, für deren Geist uns die Nerven fehlen. Herr Pente ist ein fein- nüancirender Violinist, de», man die Bewältigung bedeutenderer Auf- gaben zutraut, Frl. Vaudero'sSopra» dagegen ist verblühtund hat nichts behalte» als etwas Schule.— Gute Freunde sollen Herrn Dr. Fritz Preliuger gerathen haben, seine stimmliche» Werthe für den Konzertsaal, sogar für die Bühne ausbilde» zu lassen. Diese guten, eifervollen und so schlecht beralhene» Freunde! Der Gegen- stand ihrer Sympathien und Hoffnungen besitzt eine flache, heiser umschleierte Halbtenorslimme von einer geradezu peinlichen Empfindungsleere. Lieder von Schubert, Brahms und Jensen verloren in solchem Munde jede» poetischen Gehalt und verbreiteten die Langeweile einer unerbittliche» Klang- und Gefühls», onolouie.— Als ein vollendeter Gesangskünstler und glänzender Stimmkrösns wurde der Londoner Baritonist D. Ffrangcon-Davies mit außer- ordentlichem Beifalle ausgezeichnet. Er sang Sachsen'? Monolog aus Wagner's„Meistersinger»", eine Arie aus Sullivan's„Jvanhoe" und Wotan's Abschied„nd Feuerzauber aus der„Walküre" mit gesunder Natnrursprünglichkeit und dabei echt künstlerischer Natur- gestaltung.— Im Thalia-Tbeater hat Herr Böte! aus Hamburg wieder cinnial den Manrico, den Fra Diavolo„nd Poftillo» so falsch, so geistlos und baar jedes künstlerischen Anstandes gesungen, wie nur je zuvor. Nicht der talentloseste 5io»iservator>st ivürde so Rezitalive singen, Prosa sprechen und so jedes Jntonationsgebot höhnisch mißachten, wie es dem Hamburger„star" beliebt.— Erziehung und Unterricht. — Lesen desFahrplanes. Die Lndwigsburger B c z i r k s- S ch u l v e.r s a m m l u n g des Jahres 1897 hat in deyz von ihr enlworfenen Lchrplan für die Fortbilduiigsschnlen des Bezirks »Itter anderem verlangt, dah in der Geographie das Lesen des Fahr- plans geübt werden soll. Auch im Tübinger Bezirk wurde schon über die Frage gesprochen und in einer Lehrprobe gezeigt, wie die Schüler in das Verständuiß des Fahrplans einzuführen sind.— Llns dem Thierlebe». — Mageninhalt der Krähen. Professor G. Rörig in Königsberg stellt seit einem Jahre Untersuchungen über den wirth- schaftlichen Werth der Krähen an. Wir haben über diese Unter- suchnngen schon einmal im vergangenen Jahre berichtet; jetzt liegen ausführlichere Mittheilungen vor. Professor Rörig hat im ersten Jahre insgesamml 1080 Krähen ans ihren Mageninhalt untersucht. um die Art der von ihnen bevorzugte» und aufgenommenen Nahrung genau feststellen zu können. Er hat den Mageninhalt sodann in drei Gruppen gelheilt, in Steine, Pflanzenlheile und thierische Neste, und hat außerdem vier Perioden im Jahre unter» schieden, den Winter, die Zeit bis zum Austreten milchreifer Körner, die Zeit bis zum Anftreten gekeimten Roggens und den Spätherbst. Bezüglich der Steine hat er schon jetzt festgestellt, daß die Aufnahme von Steinen seitens der Krähen eine ganz bedeutende ist. Von be- soliderem Interesse ist es, daß selbst junge Krähen, die dem Neste noch nicht entflogen waren, schon Steine im Magen hatten, also von ihren Eltern offenbar mit denselben gefüttert worden waren. Im all- gemeinen ergab sich, daß etwa der siebente Tbeil der überhaupt ans- genommenen Nahrniig ans Steine entfällt. Die Hälfte der Gesammt- Nahrung nehmen die Pflanzentheile ein, die jedoch für die Beurtheiluug de? wirthschaftlichen Werlhes der Krähen nicht gleichwerthig sind, da vielfach auch werthlose Pflanzentheile von den Krähen verzehrt werden. Die vielfach gehegte Ansicht, daß die Krähen durch massen- Haftes Verzehren gekeimte», beziehungsweise Milchreifen Weizens auf die Höhe des Weizenerlrages irgend welchen Einfluß ausüben, hat sich nicht bestätigt; nur bei 7,5 pCt. der einen Gruppe der untersuchten Krähen haben sich überhaupt derartige Weizen- körner in den Nahrnugsresten nachweisen lassen. Aehnliches gilt vom ungekeimten Weizen. Dabei hat eS noch den Anschein, als ob die Krähen von allen Getreidearten den Weizen bevorzugen, dann dürften Roggen und Gerste und zuletzt Hafer folgen. Auch den sonstigen Knlturgeivächsen des Ackerbaues thun die Krähen nur wenig Abbruch, dagegen sind die Krähen, wie bekannt, keine Obstverachter. Außerordentliches leisten die Krähe» durch Vertilgung von Mäusen, die K.S pCt. der Gesammtnahrung ausmachen, allerdings ist diese ihre Thätigkeit hauptsächlich auf die Jahreszeilen beschränkt, während deren die Felder znm Theil wenigstens kahl sind. 13 pCt. der Nah- rung bilden Insekten, dieser Prozentsatz vertheilt sich auf die vier Jahresperioden jedoch sehr verschieden, im Winter repräsentiren die Insekten nur 3.3 pCt., in der zweiten Periode dagegen 36,3 pCt., in der dritten 2ö.6 pCt. und im Spätherbst 3,3 pCt. der Gesammt- nahrung. Nur wenn Insekten nicht in ausreichender Menge vor- Händen sind, decken die Krähen ihren Bedarf an thierischen Stoffen durch das Verzehren von frischem oder altem Fleisch. An der Tödtnng von Thieren betheiligten sich aber von den für diesen Fall in betracht kommenden Gruppen der untersuchten Krähen nur 1.3 pCt., die übrigen begnügten sich mit dem Fleisch von verendetem Wild oder Fleischabfällen.-- — Schwalben in Afrika. Ans Nin-el-Ansek, Provinz Oran, Algerien, schreibt«in Fremdenlegionär dem„Bund der Vogelfreunde":„Entgegen Ihren betrübenden Mittheilnngen aus Europa muß ich auf grund mehrjähriger Beobachtungen hervor- heben, daß hier in Afrika an und in Häusern, wo früher 40 bis SO Schwalbennester waren, jetzt die doppelle Zahl wahrzunehmen ist. So zählte ich an einem Haus« in Tiaret 1395 254 Nester, von denen 30 unbenistet waren, 1396 fand ich 367 und in diesem Jahre sogar Sil, von denen etwa 45 ältere nicht besiedelt wurden. tänser mit 100 biS 150 Schwalbennestern sind keine elteuheit. Daß Platzmangel eintritt, beweist ein Umstand. Früher mieden die Schwalben unsere Soldatenzelte, weil sie doch dem Wüstenwinde ausgesetzt sind und häufig hin und her ge- schaukelt werden. Dieses Jahr aber wurden wir durch das Er- scheinen der Schwalben in unseren Zelten überrascht. Wir be- festigte» an den Zeltstangen Brettchen, und— sieh da— die Pärchen nisteten sich ein. Placirten wir uns abends in das Zelt, so flogen die zierlichen Thierchen zwischen den Füßen durch. Die in den Zelten brütenden traten ihre Reise sechs bis acht Wochen früher an als die an den Häusern nistenden, welche trotz der kalten Tage noch ausharren. Schneeweiße Schwalben mit wunderschönen rothen Augen(also Albinos) beobachte ich im ganzen vier, von denen ich eine so weit brachte, daß sie mir ans der Hand fraß. Nach sechs Wochen hatte ich sie tobt in meiner Schlafdecke liegen."— Technisches. — Jves' Chromofkop. Der.Franks. Ztg." wird ge- schrieben: Ein neuer Apparat ist nnS kürzlich aus England zu- geführt und gezeigt worden, der den Wunsch, nicht blos die Formen. fondern auch die Farben der Gegenstände photograph, sch fest- zuhalten und im Bilde reprodnziren zu können, in einer bisher wirklich noch nicht erreichten Weise erfüllt. Das Prinzip der Farben- wiedergäbe ist dasselbe, wie es seit längerer Zeit im Dreifarbendruck geübt wird: Zerlegung des farbigen Eindrucks in drei Grundfarben durch dreimalige photographische Aufnahme des Gegenstandes durch drei verschiedene, passend gewählte Lichtfilter hindurch, und Wieder« Vereinigung der drei Bilder, indem sie in den entsprechenden Farbe» aufeinander projizirt werden. Während aber beim Dreifarbendruck der Charakter der Druckfarben und des Druckprozesses die Wieder« gäbe der natürlichen Farben erheblich beeinträchtigt, benutzt der Erfinder Mr. Jves in seinem Apparate transparente Glasphoto» gramme, die, durch eine rothe, eine grüne und eine blaue Scheibe hindnrchgesehen und durch Reflexion zu einem Bilde vereinigt, die natürlichen Farben in außerordentlicher Leuchtkraft und Reinheit wiedergeben. Mit diesem Vorzuge vereinigt der Apparat den deS körperlichen Sehens; denn er ist als Stereoskop gebaut und jede? Cbromogramm besteht aus drei stereoskopischen Aufnahmen. Damit wird nicht blos der Vorlheil der Plasticität der Bilder, sondern für die Farbenwiedergabe zugleich der Vortheil des Glanzes, des Farbenschillers und anderer auf dem Sehen mit zwei Augen beruhender Effekte gewonnen. Die Wirkungen dieser Vereinigung von stereoskopischem und farbigem Sehen sind im höchsten Grade überraschend.— Humoristisches. — Eine Kopf waschung. Am 26. September 1759 ließ das Stuttgarter Konsistorium folgenden Erlaß hinausgehen:„An den Pfarrer— in Leonrodt. Nun kommt er auch einmal wieder vor das herzogliche Konsistorium, heilloser Tropf, liederlicher Gesell, Lasier, habiluirtes Laster, sechsnndzwanzigjährig aneinander hängendes Laster, Ignorant von Haus ans, Idiot von jeher, versoffener Zapf, Branntweinkolb, Biertägel, Sündenkloak! Das ist nun das letzte Mal, wir sehen uns nimmer. Bei dem geringsten Exzeß ist er ohne Gnade kasstrt. Er hat zwar diesmal kasstrt werden sollen, das hoch« preisliche, geheime Staatskolleginm hat aber diesmal noch Gnade vor Recht— versteht er mich?— vor Recht ergehen lassen und befohlen, man soll Ihn noch einmal rechtschaffen putzen, waS hiermit geschieht. Jetzt äiximus ob 8alvavnims! Stuttgart, ge« schehe» den 26. September 1759. Fromann, Konsistorialrath."— — Passende Farben. Vorsitzender eines Sport- klnbs:„Es handelt sich jetzt darum, für unseren Klub die Ver» einsfarbe zu wählen— ich bitte um Vorschläge!"— Mitglied:„Ich würde braun und blau empfehlen!"— — Sonderbare Folgerung.„Ja Nazl, was thust denn Du da? Ueber was freust Du Dich denn gar a so?"— Nazl: „Weil sie sich g' f o r ch t e n haben vor mir—'n a u s g' s ch in i s s« n haben s' mich!"—(„Flieg. Bl.") Vermischtes von« Tage. — In Pasietzka verlor ein Steinbrucharbeiter während der Arbeit plötzlich die Sprache. Das Gehör ist gut erhalte». Die Aerzte vermuthen in der außerordentlich seltenen Er- scheinung eine Störung des kleinen Gehirns.— — In Breslau wurde vor einigen Tagen an einer Trödle rswittwe ein Raubmord verübt. Jetzt wurde der Sohn der Wittwe als der That verdächtig in Haft genommen.— z-.Jn Neuß istdieFrau eines Bahnwärters lebendig verbrannt. Sie kam in der Küche dem Herdseucr zu nahe, und ihre Kleider fingen Feuer.— — In Stuttgart ist am Sonnabend früh da? große Garnison-Lazareth in der Nothebühlstraße vollständig niedergebrannt. Die Kranken konnten sämmtlich rechtzeitig gerettet werden.— — Das Ausreißen von Edelweiß nüt de» Wurzeln und den Verkauf derartiger Pflanzen will ein im steierischen Landtag vom Landesausschnß eingebrachter Antrag verbieten.— — Die Zahl der in der Schweiz praktiziren den A e r z t i n n e n beträgt zur Zeit im ganze» 24. Davon sind die meisten, nämlich 10, in Zürich; Genf zählt 4, Lausanne 2, Basel ebenfalls 2 Aerztinnen; in Bern, St. Gallen, Winlerthnr, Baden. Schinznach und Samaden domizilirt je eine Aerztin.— — In Brüssel ist der Botaniker Jean Linden ge- storben. Er hat eine ganze Anzahl bis dahin unbekannter Pflanze», darunter die C a t t l e y a. nach Europa gebracht.— o. o. In Rom ist Giovanni Rombaldo, der Nestor der italienische»„Sitzredaklenre", gestorben. Er zeichnete seit 51 Jahren als verantwortlicher Redakteur der„Opinione".— — Wegen völliger T r u n k e n h e i l der Braut konnte in Orzechowo bei Maryampol(Rußland) am letzten Sonntag die Hoch- zeit des KrugwirlhS P. mit einer Besitzerstochter nicht stattfinden. Des„Wnltki" voll, zerriß die Schöne kurz vor der Trauung ihre» Schleier und sank ihrer Schwiegermutter zu Füßen, wo sie sofort einschlief. Der Bräutigam, der allerdings auch nicht»nehr der Nüchternste war. prügelte seine küustige bessere Hälfte mit dein Kantschu durch.— — DaS Rriegsbureau der Vereinigten Staaten hat den Bau eineS Riese ngeschützes für Küstcnverlheidignngszwecke verfügt, welches ein Gewicht von 126 Tonnen, ein Geschoßgewicht von 2350 Pfund,«ine Pulverladung von 1000 Pfund und eine Trag- weite von 16 englischen Meilen erhalten soll. Ein Schuß ans diesem Geschütz wird auf rund 8000 Mark zu stehen kommen.— Verantwortlicher Redakteur: Anguft Jacobev in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.