Mnterhattungsblatt des Horwärts Nr. 12. Dienstag, den 18. Januar. 1898. (Nachdruck v-rbottn.) lLZ Allkergsleuke. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. Es war ein Genuß, unter diesen Umständen Jettchen zu beobachten. Sie lehnte aus dem Wagenfenster, als ob sie Zeit ihres Lebens an ein fürstliches Dasein gewöhnt worden sei, nickte halb gnädig beim Abfahren nach den Zurückbleibenden und machte es sich auf den weichen Polstern sehr bequem. Alle Damen fanden sie reizend und priesen die Tante ihrer niedlichen Tochter wegen glücklich. Das wiederholte sich unterwegs so oft, daß die Tante darauf verzichten mußte, den wahren Sach- verhalt immer von neuem darzulegen. Groß war Jettchen's Unverschämtheit in der Art, wie sie sich an die Tante an- schmiegte und auf jeder Station um ein Butterbrot bat. Die Tante schlug das natürlich rundweg ab, aber sämmtliche Mit- reisenden waren der Ansicht, daß junge Mädchen in Jettchen's Alter einen gesunden und herrlichen Appetit hätten, der unter allen Umständen befriedigt werden müsse. So blieb der Tante nichts übrig, als zu bezahlen. Ferner bekam Jettchen von allen Seiten Kuchen, Chokolade, Bonbons u. s. w. geschenkt, und da dieses kecke Geschöpf fast ganz die Unterhaltung beherrschte, fortwährend lachte, scherzte und sich niedlich zeigte, so schwoll in der Tante ein gewaltiger Zorn. Schließlich ertrug sie das nicht länger und erzählte den wahren Sachverhalt; was und wer Jetlchen eigentlich sei, ein Lehrling, ein Geschöpf aus dem Waisenhause, augenblicklich nur ihre Dienerin und Begleiterin. Aber nie zeigte sich ein Feldherr besser auf der Höhe der Situation als unsere kleine Freundin. Sie gab der Tante einen innigen Kuß und nannte sie ihre einzige und unübertreffliche Wohlthäterin, der sie alles zu verdanken habe und die ein Engel an Güte sei. Hier begann die arme Tante in Verwirrung zu ge- rathen. Tann wußte Jettchen von ihrer traurigen Vergangen« heit zu reden, von dem großen düstern Waiseuhause, wo die kleinen Mädchen Ohrfeigen bekommen und sich Flügel wünschen, um aufs grüne Feld zu fliegen oder in den Himmel, und als sie bei diesem Passus anlangte, heulte und schluchzte das ganze Koupee. Selbst die Tante fing an, in Jettchen, deren Bos- heilen sie aus dem ff kannte, ein verkanntes reines Wesen zu sehen, und als die kleine Künstlerin jetzt ihr schweres Geschütz auffahren ließ, den Direktor des Waisenhauses mit bitteren Anklagen todt schoß und seine graue Festung in Grund und Boden sprengte, da war die Schlacht gewonnen. Die Tante weinte, alle Taschentücher waren naß, und der Schaffner, der vor Leipzig die Fahrscheine nachzusehen hat, konnte längere Zeit sich keine Beachtung ver- schaffen. Mehrere Damen verließen in der Seestadt den Zug und küßten Jettchen unter Thränen, und wenn man den Ver- sprechungen einer solchen Stunde trauen dürfte, so hätte Jettchen alle Aussicht gehabt, in drei Leipziger Familien später die liebevollste Aufnahme zu finden. Das seltsamste aber war, daß die Tante selbst tief bewegt war und jetzt zu glauben begann, daß sie eigentlich Jetlchens Retterin sei und um dieses verkannte und gute Mädchen große christliche Verdienste sich erworben habe. Die beiden aßen demgemäß in Leipzig zwei Portionen Braten mit Salat, und die Tante war von nun an um ihre Begleiterin beinahe niütterlich besorgt. Als es Nacht wurde und das Koupee einsam geworden war, legten sich beide auf die Polster, um zu schlafen. Jcttchen entschlummerte sofort, aber die Tante konnte bei dem Rütteln und Poltern den Schlaf nicht finden. Als Jettchens halbknrze Kleider sich verschoben und die nied- lichen schwarze» Beine zu weit hervorschauten, stand die Tante auf lind deckte eigenhändig mit der großen Reisedecke das schlmnmernde Mädchen zu. Dann sah sie stundenlang zu Jettchen hinüber und zum ersten Mal seit vielen Jahren kam es ihr wie ein Schmerz und wie ein Gefühl der Vereinsamung: wäre das Mädchen da drüben ihre Tochter, ihr eigen!— Große Thränen rollten über die Wangen der Tante; wenn das Magazin und Christian und die Schwägerin und Jettchen selbst das gesehen hätten, sie würden geglaubt haben, die Welt fange an, auf dem Kopfe zu steben. So endete der erste Tag der Berlin-Nizzaer Reise. XI. Die Chancen, Töchter an den Mann zu bringen, sind in den großen Städten mannigfacher Art. Die meistversprechende war allerdings der Geheimräthin genommen, denn die Ge- sellschaften bei von Bäcks und den bekannten Familien hörten jetzt auf. Clara und Hedwig hatten ihr Glück dort bereits sieben oder acht Jahre vergeblich versucht, und wenn man berechnet hätte, was die beiden an Ballkleidern, Blunien, Frisuren, Ballwäsche, Tanzschuhen, Pudei� Droschken und anderen Unkosten zum Zweck des Männerfanges vertanzt hatten, so würde eine Summe herausgekommen sein, die dem spärlichen Haushalte am Plan-Ufer von großem Nutzen ge- wesen wäre. Die Geheimräthin kalkulirte indessen ganz richtig, daß Sparsamkeit bei zwei Töchtern von vier« undzwanzig und sechsundzwanzig Jahren nicht am Platze sein könne, denn wenn die Schönheitsreste beider jetzt nicht energisch ins Treffen geführt wurden, so war die Sache verloren und die Zukunft eine trostlose. Wie der Luftschiffer den letzten Rettungsballast hinauswirft, um nicht mit seinen Pflege« befohlenen ins Meer zu stürzen, so wanderten die Werthpapiere der Geheimräthin zum Bankier und wurden in reizenden Kleidern, neuen Pelzgarnituren und allen den Dingen an« gelegt, die auf einen Unbefangenen keinerlei Eindruck machen, in Liebesangelegenheiten aber als lauter kleine Magnete sich erweisen. Die Geheimräthin verfuhr nicht länger in der lächerlichen Manier, Pariser Kostüme mit miserablem Schuhwerk zu kombiniren, elegante Hüte mit fleckigen Handschuhen, Spitzencapes mit baumwollenen Taschen« lüchern, sondern beide Töchter wurden zu der letzten Ent« scheiduugsschlacht feldmarschmäßig auf das sorgfältigste aus- gestattet. Es hatte das indirekt auch insofern sofort Nutzen, als die durch die Klaus-Affäre stutzig gewordenen Lieferanten auf die begreifliche Vermuthung kamen, die Familie Hönisch habe heimlich geerbt. Klaus wurde in dieser Zeit wenig beachtet. Er erpreßte der Reihe nach eine ganze Anzahl Hundertmarkscheine von seiner verzweifelten Mutter und bewarb sich in einem hübschen englischen Anzüge um ein älteres Fräulein, das mit recht als reich galt. Er hatte in dieser Angelegenheit auch ziemlich viel Glück, und da er dem Fräulein wunderbare Romane betreff? seiner Person erzählte und ihr die nobelsten BouquetS schenkte, so war diese Dame von Klaus' Schönheit und Männlichkeit berückt. Es wäre nicht uninteressant, die Geschichte dieser Werbung ausführlich zu schildern, aber das Fräulein hat, ob« wohl sie später Klaus' Frau wurde, mit unserer Geschichte zu wenig zu thun. Ihre Rettung war glücklicherweis« ein zäher Geiz. Sie hat Zeit ihres Lebens Klaus gut gekleidet und genährt, seine Taschengelder aber immer nur spärlich bemessen und es auf diese Weise dahin gebracht, daß Freund Klaus ihr Alter stets respektirte und sich fügsam zeigte. Die Geheimräthin lenkte jetzt ihr Hauptaugenmerk auf Konzerte, in denen sich, wie jedes Kind weiß, die jungen Herren und Damen theils aus musikalischer Begeisterung, theils aus Langeweile häufig fixiren und in einander verlieben. Namentlich die Sonntagskonzerte im Zoologischen Garten sahen das Trio stets auf dem Kriegspsade, und seit die Geheimräthin geträumt hatte, daß in dem weißen Saale dieses belebten Etablissements Klara ihr Glück finden werde, hielt sie an diesen Konzerten mit eiserner Konsequenz fest. Man besichtigte zunächst die Affen, die Löwenfütterung und � die Seehunde und begab sich dann zum Beginn des Konzerts in den Saal. Die beiden Mädchen wurden so placirt, daß sie vortheilhaft beleuchtet waren, die Musik setzte ein, und beide thaten mit schüchternem Augenausschlag und hübschem Benehmen ihr möglichstes. Es sei beiden zur Ehre gesagt, daß sie in diesen Rollen nicht glücklich waren. Hedwig war ja freilich ein leidlich munteres Ding, die mit ihren vierundzwanzig Jahren noch hoffnungsfreudig in die Zukunft sah und insgeheim über den Eifer der Mama sich lustig machte, bei Klara aber war die Sache doch anders. In den einfachen Kleidern, in denen sie die arme Eva de« sucht hatte, war ihr wohler gewesen als in den neuen enggcschnürten Paradekostümen, und mit welcher Bangigkeit mußte acht gegeben werden, daß der feine helle Handschuh sauber blieb und das theure Kostüm nicht beschädigt wurde! SieZ war gewiß nicht besonders gescheidt, wie das die guten Menschen ja selten zu sein pflegen, aber sie hatte ein lebhaftes Gefühl sür das Rechte und Feine, und diese Rolle des nach Beute spähenden Weibchens paßte für sie recht Unglück- lich. Sie sehnte sich nach einem Manne, der ihr Liebe entgegen- bringen würde, aber sie dachte auch an ihr verblühendes Gesicht, das diese große Frühlingslicbe wohl kaum noch er- warten durste. Mehr aber fast sehnte sie sich, fort zu kommen aus dieser Tyrannei der Mutter, die mit ihr handeln wollte, wie mit einer Waare und die ihr das trostlose Loos des verblühten Mädchens mit realistischer Kunst täglich schilderte. War denn sie schuld daran, daß keiner je sie hatte haben wollen? War es ihre Schuld, daß die Zeit dahinfliegt und die Frische der Jugend vergebt?— Sie starrte vor sich hin. Sie dachte an Eva, die wie eine Freundin, wie eine Schwester zu ihr gewesen war, an Eva's glühende Erregung und die heißen Küsse, die sie auf Klaus' Bild gepreßt harte. Die war glücklich gewesen, und als der vernichtende Schlag kam, hatte sie ihn nicht überleben wollen. „Clara!« Sie fuhr ans aus ihrem Brüten, sie sah, wie die Geheim- räthin sich höflich gegen einen Gentleman verneigte und dem- selben huldvollst gestattete, an dem Tische Platz zu nehmen. Der Herr verbeugte sich auch gegen Klara und bat die Damen, sich durch ihn nicht stören zu lassen. „Alle Tische sind überfüllt, die Damen werden verzeihen/ Die Geheimräthin thcilte unter dem Tische nach rechts und links an ihre Töchter kleine aufmunternde Stöße, während sie wie ein geschickter Schachspieler die Gelegenheit zu einer Fortsetzung des Gesprächs sich nicht entgehen ließ. „Diese Sonntagskonzerte," sagte sie,„sind schon deshalb nicht jedermanns Sache, weil sie erstens von einem sehr ge> mischten und zweitens von einem allzu zahlreichen Publikum besucht werden. Aber man besichtigt die wilden Thicre und will sich doch wenigstens einige Augenblicke ausruhen." Der Fremde lachte, wozu eigentlich kein Grund vorlag, dann sagte er:„Ja, es ist sehr hübsch hier." (Fortsetzimg folgt.) Sudevnmnn�s„Fohattnes" im Deuifichen TTxvsiev. Vor etwa fünf Monaten war es, als Sudermann nach dem Polizeiverbot seines„Johannes" dies Drania vor einem engen Kreis von Kritikern vorlas. Damals schon war das Drama seinem literarischen Wesen nach an dieser Stelle eingehend gewürdigt worden. Nunmehr hat es an» Sonnabend am Deutschen Theater zu Berlin wie am Hof-Theater zu Dresden seine Feuerprobe de- standen. In kürzerer Frist, als es sonst zu geschehen pflegt, wenn man sich an das Verwaltungsgerichtsivender, ist diesmal das Polizeiverbor zurück- genommen worden. Sudermann hat sich an den Minister Necke ge- wandt, und durch diese persönliche Verbindung war das Schauspiel dem Kaiser unterbreitet worden, der zu gunsten von Sudermann's „Johannes" entschied. Auch das Vorkommnis ist ein kleiner Beitrag zur Zeitgeschichte. Ein deutscher Schriftsteller, dessen Name heule Weltruf hat— gleichgiltig, ob mit Recht oder Unrecht—, ein Schriftsteller jedenfalls, der Ernstes will, wird aus de» Gnadenweg gewiesen und vertraut selbst eher der Gnade als dem Recht. Solche Vorgeschichte, wie die des„Johannes", erregt in gewissen Kreisen die unbezwingliche Sehnsucht, bei der Erstauffnhrunp inil dabei gewesen zu sein. Es Hub denn auch ein fürchterlicher Kampf um Einlaßkarten an, und die Billcthändler ballen goldene Tage. Tröpse, die das Theater gleichsam für einen Mittelpunkt gesellschasl- lich geistiger Interessen hallen und außerhalb der schwülen Theater- atmosphäre nicht athmen und nicht denken können, mochten wohl glauben:„Hier habe» wir endlich die„Auslese von Berlin" bei- sammen. Das slimmt nun wieder nicht. Bei uns wird keinerlei Kunstercigniß so geachtet, daß man irgendwann von einer Auslese von ganz Berlin sprechen könnte. Aber lebendiger, umfassender als sonst ivar das ungewöhn- lich erregte Publikum diesmal doch. Selbst der Polizei- Präsident v. Windheim war gekommen und überzeugte sich, ob dieser „Johannes" wirklich so gefährlich sei oder nicht. Die Religiosität ivird Sudermann's„Johannes" gewiß nicht untergraben, und der Kunst im hohen Sinn nicht Stütze noch Pfeiler sein. Man sagt, Sudermann, den die Johannesidee schon seit seiner Jugend beschäftigt, habe in sein Drama «in Stück seiner eigenen Seele versenkt. Danach wäre er gleichsam der Vorläufer, der einen Spätere», einen Größeren verkündige. Aber zu den Pfadfindern wird man doch Suderniann. nicht zählen dürfen, selbst wen» man nur die verhällnißmäßig enge Entwickelung unserer modernen Kunst im Auge behält. Durch verworrenes Gc- strüpp bahnt er keinen Weg; er gehört zu den vermittelnden Naturen, die immer dann auftreten, wen» im Neuen schon halbe Arbeit gethan. Ihnen pflegt die Welt weitaus dankbarer zu sei», als den mühsam Ringenden, die eine Bahn weisen. Das Drama„Johannes" schien ganz danach angethan, eine« starken theatralischen Sieg zu verbürgen. Es enthält die Mischung, die gemeiniglich behagt. In der Tragödie des„Johanne?", der ahnt und vor seinem Ende nicht begreift, der verkündet und nicht wird, der das gelobte Land sterbend schauen, aber nicht betreten darf, findet mau den Kern zu höchsten, dichterischen Problemen; und in dem Haß- und Liebespiel von Salome und Herodias die Elemente, über die Sudermann's theatralische Virtuosität treff- lich zu gebieten weiß. Man kann so diejenigen beschwichtigen, die vom Dichter chohes Wollen verlangen, und diejenige» ergötzen, denen das Spiel, ob in modernen Gewanden, ob in vergangenen, zeitgeschichtlichen Kostümen, von jeher ans dem Theater die Haupt- sacke war. Aber es gelang nur eines, das Theatralische. Das andere ging weit über die Kraft Sudermann's. Und so trug das Publikum zwei Seele» in sich, wie das Stück selber; hier sowohl, wie in Dresden. Die eine gehorchte dem Dichter, der mit kleinlichen Instinkten sür überragende wellgeschichtliche Entwick- lung den Täufer Johannes in das höfische Getriebe des Viersürsten Herodes und in die Liebesraserei der jungen Salome verstrickte, die andere versagte. Als Sudermann's Tragödie seinerzeit schon hier besprochen wurde, da war schon daraus hingewiesen worden, wie es der heuligen Erkenntniß, der heutigen Empfindung widerspricht, eine große geistige Umwälzung und deren Träger von allerhand Aben- leuern, die von außen her hineingetragen werden, abhängig zu machen. Hier herrsche» Nothwendigkeiten, nicht irgendwelche theatralische Zu- fälle. Die geistige Bewegung zu Anfang unserer Zeilrechnung halte ihre Lkonomisch-politischen Ursachen. Auf ihrem Grund er- wuchs sie; auf ihrem Grund entstände» die neuen Lehrer, die sich an die Aermsten und die Elenden wandten; auf ihrem Grund lebte die Sehnsucht nach Erlösung; und auf ihrem Grund entstanden Männer, wie Johannes der Täufer, der in der Wüste predigte. Er war ein Vorläufer; aber seine Persönlichkeit selbst muß doch inner- lich groß gewesen sein, wenn der arme Handwerker sein Zelt verließ und in die Wüste zog und dem Manne lauschte, den die Mächtigen Jerusalems haßten und— fürchteten. Daß er in Kameelhaar sichskleidcte und ivie ein Asket lebte, das macht»och nicht die imponirende Größe aus, vor der man einem ganzen Volk als der große Rabbi, der große Meister erscheint. Alle Menschen, deren Schaffen wir als Höhepunkt irgend einer Entwickelung betrachten, hatten ihre Vorläufer. Sie mußte» dem, der da kommen soll, die schwersten tindernisse auS dem Weg räumen; aber das Menschlich- ragische lag nicht darin, daß sie geringwerthig waren von Wuchs und Natur, sondern darin, daß ihnen die Zeit nicht reis war. Wir betrachten den Tragiker Sophoclee als die reifste Erscheinung hcllenisch-klassischer Literatur. Aber Aeschylos, sein Vorläufer, ist nicht minder groß. Ehe das Genie Shakespeare'? entstehen konnte, mußte ei» Marlow erscheinen, ein Mann von ungewöhnlich kühnem Gedankenflng. Daran ist Sudermann gescheitert, daß man in seinem Schau- spiel wohl viel von dem großen Rabbi reden hört, aber nicht viel mehr von seinem Wesen sieht, als daß er ein bednrfnißloser, ehr- licher Mann ist, der selbst den Lockungen einer Salome wider- stehen kann und die Großen der Erde in seinem Glauben nicht fürchtet. Das ist aufrecht gegangen, das ist viel; es ist nur nicht die überragende Führergröße. Es ist nur nicht genug, um tragische Erschütterung zu wecken, wie sie der Mann erweckt, der sich eines Hohen vermesset durfte, der vor der Zeit zusammenbricht und, was er begann, von Größeren(oder Reiferen) wird vollenden lassen. Warum war Johannes in Sudermann's Drama„der Täufer?" Was ivar seine überlegene Macht über die menschlichen Gemüther? Sudermann verlangt: Das muß geglaubt iverde». Aber die Bühne hat ihr besonderes Leben. Der Hörer muß mit erleben. Erst wenn mich die Größe des Vorlänsers überzeugt, rührt mich seine Tragödie. Johanner schwebl noch an der Grenze zwischen längst Gewordene»' und unklar Werdendem. Noch glaubt er, der Messias werde iomnien wie«in kriegbereiler König, und da wird sein Glaube an sich und seine Sendung erschüttert durch die neue Botschaft, die er von armen Leuten aus Galiläa vernimmt. Besser denn Opfer und Gesetz ist die Liebe, erfährt er; und das Wort: Liebet eure Feinde, trifft sein aufhorchendes Ohr. Jetzt faßt er, feierlich erschüttert, die neue Welt, für die er noch nicht bereit war. Jetzt darf er den Schänder Holoferncs nicht mehr steinigen, denn eine andere Lehre hat Macht über ihn gewonnen. Das Volk, das zu ihm, wie zu dem Meister ausgeschaut hat, versteht ihn nicht mehr, und seine treuesten Jünger fallen ab von ihm. Seine Tragödie ist ersnllt, die innerliche Tragödie. Großes Wollen ist gestürzt, iveil die Zeit zur Ausführung noch nicht gekommen war. Diese Vorläufer-Größe aber sah man auf dein Theater nicht wirke» und so war man nicht er- griffen, als Johannes erkennt, daß seine Verkündigung nur ein Ahnen und Tasten war, daß er im Wahn gelebt habe und nach ihm der ivahre Lichtbriuger erscheine. Hätte Sudermann diese Tragödie geschrieben, dann wäre er auf das merkwürdige Theaterspiel nicht verfallen, daß er die lüstern verwöhnte Prinzeß Salome nach dem düster-schönen Einsiedler Johannes begehrlich werde» läßt, und daß die Hitzige, Verschmähte sür eine» ivilden Tanz vor Herodes den Kops Johannes' fordert. Die Hasseri» Herodias gab Frl. D n m o n t mit starker, lünst- lerischer Energie. Salome, ihre Tochter, wurde von Frau S o r m a gespielt. Sie glich wirklich einem zierlichen Pantherkätzchen. Herr Kainz(Johannes) muß entschuldigt werden. Er war krank, und, nur um die Borstellung zu ermöglichen, trat er auf.——ff. Vlvines Fenillekott. — Ein verschwundenes Torf. Verschwundene Dörfer zahlt man gar viele auf, jedoch aus früherer Zeil. Einzig dürfte ei» erst Ende der vierziger Jahre in unserem Jahrhundert völlig verlassenes Dorf dastehen. In Sespenrod, Amt Wallmerod in Nassau, unweit Montabaur, zählte man noch 1S40 16 Familien, 63 Einwohner in 13 Wohnhäusern. Der Ort, über dem Gehlbach in höchst romantischer Gebirgsgegend gelegen, wurde fast ganz von armen Kesselflickern bewohnt, welche, ihr Handwerk betreibend, von Ort zu Ort zogen und nur in der kalten Jahreszeit zu Hanse sich aus- hielten. Die Umwohnenden sagten scherzhaft, nur zwei Sespenroder blieben zu Hause; der eine davon sei der Bürgermeister und der andere der Flurschütz, und zwar wechselten sie alle Jahre ihre Aemter, indem der frühere Flnrschütz Bürgermeister und der frühere Bürgermeister fürs nächste Jahr Flurschütz werde. Die Gemarkung Sespenrod zählte 364 Morgen Land, Wiesen und Wald; das Feld ist größtentheils nicht sehr fruchtbar und dabei schwer zu bebaue». Ende der vierziger Jahre beschlossen nun die armen Sespenroder, gemeinsam nach Amerika auszuwandern. Sie verkauften ihren Ort und ihre Gemarkung an die benachbarte Gemeinde Heilberscheid und machten sich init ihren wenigen Habseligkeiten aus die große Reise. Die Heilberscheider brachen nach und nach die Wohuhütle» des verlassenen Dorfes ab und verwandte» das branchbare Material für Bauten in Heilder- scheid. Die Siälte, wo das Dorf früher stand, ist mit GraS be- wachsen und Wiese geworden, einige ganz niedrige Gemäuer sind nur für den genauen Beobachter sichtbar. Nur die Dorflinde fleht noch und die Quelle fließt noch, aus der die Sespenroder einst tranken. Diese fanden auch in Amerika das erhoffte Glück nicht und kehrten zum großen Theile nach Europa zurück. Sie»ahmen in Heilberscheid Wohnung. Voil den Auswanderern leben dort jetzt noch zwei alte Männer.— — Altröniischc Feucrwchr. Im Dezeniberheft der„Ntiova Antologia" hat die Gräfin Lovatelli eine feffelnde Abhandlung über die altrömische Feuerwehr veröffentlicht, die alles zusannncnfaßl, ivas die Alterthumssorschnng bis heute über diese» Gegenstand an den Tag gebracht hat. Die Verfasserin nimmt als zweffellos an, daß schon in den ältesten Zeilen der römischen Republik ein nächtlicher Feuerlöschdienst bestand, der von den triurnviri nottm-ni geleitet wurde. Diese Einrichtung war aber noch unvollkommen und genügte den Bedürfnissen der wachsenden Stadt nicht; erst Augustus hat durch seine Neuordnung dieses Zweiges des Sicherheilsdienstes eine stehende Feuerwehrtruppe geschaffen, die aus Freigelassenen bestand, in siebe» Kohorte» eingetheill ivar und von einem Präfekten aus dem Rilterstande befehligt wurde. Jede Kohgrle zählte etwa 1606 Mann und zerfiel ivieder in sieben Zenturien; sie wurde» von Tribunen oder Zenturione» geleitet. Nach und»ach erweiterte» sich die Befugnisse der Vigiles, indem sie außer über Feuersgesahr auch über öffentliche Ordnung, Eigen- thum u. s. w. zu wache» halten; so wurde sie eine städtische Polizei- truppe im weiteren Sinne. Die sieben Kohorten waren mit ihren Kasernen und Stationen so über die vierzehn Regionen der Stadt verlheilt, daß jede bequem de» Dienst für zwei Regionen besorgen konnte. In jeder Region befand sich ein ständiger Wachtposten (exoubitorium). Daß diese ständige Feuerivache bereit war, ans blinden Lärm herbeizueilen, geht aus der Schilderung des Gastmahls des Trimalchio bei Petrönius hervor, wo erzählt wird, daß infolge des wüsten Lärms der Festgäste die Vigiles kamen und die Hansthür zertrümmerten, um den vermeintlich ge- fährdelen Beivohuern Hiffe zu bringen. Der Kommaudant der Feuerwehr war eine einflußreiche Persönlichkeit, die zugleich auch »»ilitänsche und politische Bedeutung halte, wie aus mancherlei Zeugnissen hervorgeht. Die ihm uiilerstehendc» Mannschaften »nterschieden sich vielfach nach Grad und Befugnisse»; ihre Titel sind zum theil durch Inschriften erhallen. Mit der Be- zeichnnug sebamrius, die man erst durch die Wand- inschristeu des 1866 ansgedeckien excuditoriuin der siebente» Kohorte in Trastevere kennen lernte, beschäsligt sich die Gräfin Lovatelli ein- gehender und kommt zu dem Ergebuiß, daß die sebaciari: als Fackelträger beim nächtlichen Ausrücken diente» und die Beleuchtung der Stationen zn besorgen hatten. Ursprünglich wurde die Truppe der Vigiles nur aus Freigelassenen gebckdet. seit der Zeit des Septimius Severus iviegen aber die Freien und Bürger unter ihnen vor; gleichwohl waren die Vigiles im Vergleich zu den übrigen Truppen, die in der Hauptstadt standen, immer eine Zielscheibe des Spottes der Bevölkerung. Ueber die Lage der sieben Stationen giebt die Verfasserin folgendes an. Sic lagen nach der Reiheiisolge der Nummern: bei Piazza S. S. Aposloli, auf dem Esquili», dem V»ni»al, Aventin, Celius(>vo innerhalb der heutigen Villa Mattei»och Steine mit Namensliste der sünslen Kohorte erhalten sind), am Forum und endlich in Trastevere bei S. Crisogono. Die letztere Station ist seit 1366 ausgegraben und lieferte init ihren aus der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderls stämmeudcu Waiidkritzeleicn höchst interessante Auf- schlüsse über den ganzen Dienst der Vigiles im kaiserlichen Rom. Eine besondere Fürsorge widmete» diesen Einrichtungen die Kaiser Severus und Caracalla, unter denen eine Neuordnung der römischen und der in Ostia itationirten Vigiles statlfaud. Die Wache der letzteren ist 1833 ausgegraben worden und gab eine reiche Aus- beute von Statuenbasen mit Ehreninschriflcu.— Kunst. — Ein Kongreß für öffentliche Kunst. Der General- ansschuß des Brüsseler Vereins für die Förderung der öffentlichen Kunst versammelte sich am 9. ds. im Ravensteinhanse zn Brüssel, um die Hauptpunkte des bevorstehenden internationalen Kongresses für öffentliche Kunst sestzustelle». Das Ziel des Kongresses läßt sich wie folgt zusammenfasse»: Verbindung der Industrie mit dem Kunst- und dem Schönheitssinn zur Verfeinerung des Kunstgeschmacks der Massen unter Berücksichtigung der modernen Ansprüche aus billige Bequemlichkeit. Aehnlich wie die Gründer des englischen Vereins.Ä.rt3 and Grafts, William Morris, Waller Crane, Selwyn Image u. a., wollen die Veranstalter des Brüsseler Kunstkongresses das Schöne in allem, was den Mensche» sowohl in seiner Wohnung als in der Oeffentlichkeit nmgiebt, zusammenbringen. Während jedoch die englischen.Arts and Grafts sich besonders auf die Verschönerung des Hausiuner» verlegte», haben sich die belgische» Künstler vornehm- lich die Reform der„Aesthetik aus der Straße", d. h. der Architektur, zum Ziele gesetzt.— Archäologisches. — Bedeutende archäologische Funde sind in den Provinze» Bari und V e n e t o gemacht worden. In ersterer ent- deckte man bei Feldarbeiten in der Gegend vou Torre Castello auf der Stelle des allen Chetium sieben uralte Gräber, die mit großen Tuffplatlcn bedeckt waren und in denen sieben Skelette lagen. Diese waren umgebe» von ungefähr 150 italisch-griechischen Basen und Väschen, auf denen mythologische Szenen dargestellt werden, aus der Zeil, in der die griechischen Kolonien in Italien gegründet wurde». Die Form der Vasen ist eine außerordentlich feine und elegante. In einem der Gräber fand man ferner ein Schwert, i» einem andere» einen silbernen Dreifuß mit wunderschöner Palina. — In der zweiten Provinz wurde in einem zur Gemeinde Lorreo, genannt Cavanillo di Po, gehörigen Orte bei Entwässerungsarbeiten einer versumpften Gegend ein antikes Schiff zu tage gefördert, das »och ans der Zeit stammen muß, wo das Adrialische Meer bis zur Kolonie Adria reichte. Es ist sehr gut erhalte».— Völkerkunde. g. Eine Sammlung merkwürdiger Grabkreuze befindet sich im ethnographischen Museum in der Königgrätzerstraße. Sie wurden gesunde» in— Jndianergräbern des alten I» k a r e i ch s. Die rothhäutige» Bewohner P e r u' s kannten also das Kreuz als Symbol deS Todes, noch ehe eine Botschaft des Christenthums zu ihnen drang. Die peruanischen Grabkreuze haben die Form der unsere», nur sind sie bedeutend kleiner. Aus dünnen Aestchen verfertigt, sind sie etwa 20 bis 25 Zentimeter hoch und mir bunten Fäden umsponnen, die in zierlicher Musterung ein die Kreuzarme deckendes, ans der Spitze flehendes Quadrat bilden. Die Form erinnert so a» Grabkreuze, wie man sie öfter auf den Abbildungen mittelalterlicher Kirchhöfe sieht. Die Farbe» des Gespinnstes wechseln in gelb, weiß, roth und dunkelbrau». Wunderschön hat sich trotz des vielhnndertjährigen Alters das zarte Blaßblau erhallen. Die Verwendung der Krenzchen geschah etwas anders als bei uns, wie man aus den ausgestellten Mumien ersieht. Bekanntlich bestattet der Indianer seine Todten in sitzender Stellung, Der Körper in seinen vielfachen Wickel» und Bändern bildet zuletzt die Gestalt eines Sackes, dem ein künstlicher Kopf mit gemalten Augen und Lippen und ans Holz geschnitzter Nase und Ohre» aufgesetzt wird. Um den Hals dieser Puppe werden ketteuartig die Krenzchen gehängt. Hin und wieder sind sie auch über den Sdzeitel geschlungen. Auch sonst bieten die Funde aus den Jnkagräbcrn des Interessanten sehr viel. Die alten Schmucksachen und Gewänder zeigen von der hohen Kultnr des untergegangenen Sonnenreichcs. Einen äußerst unheimlichen Anblick bieten dagegen die enthüllte» Mumien selbst, die sich wahrhaft bewnndcrns- werlh erhalten habe». Einzelne haben»od; ihren völligen Haar- schmuck, die Körper zeigen noch heute die Tätowirung in aller Pracht der kunstvollen Ornamentik und der schön schattirten Farben.— Gesundheitspflege. t. Desinfizirende Nachtlichter werden jetzt von einer englische» Firma in den Handel gebracht und sollen vor allem im Kraukeuzimmer von Lungenleidenden von wesentlichem Nutzen sein. Dem Aeußere» nach gleichen diese Lichte ganz den gewöhnlichen und werde» auch ebenso angewandt. Dem Wachs des Lichtes ist jedoch eine Phenolverbindnng einverleibt, die mit dem Fett in den Docht hinauf gezogen wird und beim Verbrennen einen Theil der i» ihr ent- halleneu Karbolsäure abgiebt. Nachdem das Licht etwa eine Stunde gebrannt hat, ist das Zimmer mit einem leichte» Karbolgeruch durch- zogen. Ein Theil der Karbolsäure geht allerdings bei der Ver- brennung verloren. Wem der Geruch des Karbols unangenehm ist, kau» auch Nachtlichter bekommen, die denselben Zweck er- fülle», aber mit irgend einem anderen deSinfizirenden Mittel ge» tränkt siitd.— Aus dem Thierleben. — Von der Klugheit des Affens spricht ein Ge- fchichtchen, das unlängst in C h a r t u m passirte. Ein großer abessynischer Affe, der zu den drolligste» Kunststückchen abgerichtet war, wurde von seinem Eigenlhümer in den Straßen der alten uubischen Stadl umhergeführt. Als das Thier gegen Abend ziemlich gleichgiltig und abgespannt wohl zum hundertsten Male die ver- schiedensten Nummern seines Repertoirs zum großen Amusenient der Um- stehenden durchmachte, bemerkte es plötzlich unter den Zuschauern einen Mann, der einen Korb voll Datteln am Arm hatte. Diese Früchte zählten offenbar zu de» Lieblingsspeisen des vierhändigen Artisten, denn er warf ab und zu begehrliche Blicke nach dem Korbe m>t dem süßen Inhalt. Doch schlau genug, um nicht zu auffällig feine innersten Gefühle zu verrathen, nahm er bald wieder eine gleichgiltige Mieue an und führte seine Kunslstücke wie gewöhnlich aus. Dabei rückte er aber, wie zufällig, dem Datlelkorbe, den der Mann vor sich auf den Boden gesetzt hatte, immer näher. Bei einem seiner schwierigsten Tricks schien dem ulkigen Gesellen ganz plötzlich die Luft aus- zugehe»; er warf sich auf die Erde und that, als ob er sterben wolle. Im nächsten Moment aber sprang er mit einem Satz unter fürchterlichem Aufkreischen dicht vor den Besitzer der Datteln hin und starrte den Erschrockenen zähneflätschend mit wild aufgerisseneu Augen an. Der Mann blickte von Entsetzen gelähmt aus das wüthende Thier, jede Sekunde einen Angriff befürchtend. In seiner Angst bemerkte er natürlich nicht, daß sich der eine Hinter- fuß oder vielmehr die Hinterhand des verschmitzien Affen im Dattel- korbe befand, wo sie so viele Früchte zusammenraffte, wie sie nur zu fassen vermochte. Als sich der gerieben« Spitzbube dann langsam zurückzog, nahm der Mann mit einem scheuen Griff seine» Kord auf und schlich surchtbebeud von bannen.— Aus dem Pflanzenleben. — Die Lebensfähigkeit der Sporen. Man beobachtet oft in Wäldern mit regelmäßigem Forstbetriebe, daß ein bis zwei Jahre, nachdem abgeholzt worden war, auf den entstandeneu Lichtungen sich eine reiche Flora entwickelt, die aber mit zunehmen- der Belaubung der aus den Baumstümpfen emporwachsenden schöß- linge wieder verschwindet. Wird nun S— 10 Jahre später da- Unterholz entfernt, so erscheint diese Flora von neuem, ein Beweis, daß die Same» so lange im Boden geschlafen hatten, aber immer noch keimfähig geblieben waren und bei veränderten günstigeren Wachsthums» Bedingungen wiederum aufzuleben vermochten. Einen Beweis von der Anwesenheit dieser ruhende» Samen ün Boden kann man nach E. Druerq auch dadurch erbringen, daß man derartige Walderd« aushebt und an einen feuchten und warmen Ort, etwa in eine» Keimapparat bringt. Alsbald zeigt sich eine lippige Vegetation. Einen hübschen Beleg für die außer- ordentliche Lebensfähigkeit der Sporen bietet die Mittheilung eines Botanikers, der eine besondere Art von Farnen zu erlangen wünschte. An einein Standorte, an dem die Pflanzen früher reichlich anzutreffen gewesen ivaren, fand er nicht ein einziges Exemplar mehr vor. Als er aber die Erde in einen Keimapparal brachte, erhielt er nach kurzer Zeit zahlreiche Pflanzen der gesnchten Art. Druery hält sein Ver- sahren vielfacher Anwendung in der Praxis für fähig.— („Die Umschau».) Technisches. gr. Eine elektrische Straßenbahn in 23 Stunden in Amerika erbaut. In Bound Brook, N.-J., bestanden zwei Gesellschaften, von welchen jede da? Recht zu besitzen behauptete, eine Straßenbahnlinie von 4 Kilometern Länge zu errichte» und zu be- treiben. Wenn aber eine von ihnen den Bau in gewöhnlicher Weise in Angriff genommen hätte, so mußte sie damit rechnen, daß die andere bei den Behörden Einspruch erhoben und dadurch die Fort- führungen der Arbeit verhindern würde. Es blieb aber nichts übrig, alS die Bahn fix und fertig herzustellen zu einer Zeit, wo das Auge deS Gesetzes schlummerte, da? ist von Svnnabeud Mitternacht bis Sonntag Mitternacht; und wirklich hat mau dieses Kunststück fertig gebracht. Nur die Zentralstation wurde vorh-r errichtet, indem man vorgab, sie solle zur Beleuchtung eines Gasthauses dienen. Die Vorbereitungen waren im Geheimen getroffen, Arbeiter waren au- geworben, ohne daß man ihnen gesagt hatte, zu welchem Zweck. 2S0 Mann in Baltimore, 300 in Philadelphia. Ein Sonderzug, der am Sonnabend Nachmittag um S Uhr 30 Min. Baltimore verließ, brachte Arbeiter. Pferde, die mittels Pflugscharen die chaussirte Straße ausreißen sollten, Geräthe und Beleuchtungskörper nach Bound Brook. Zuerst sorgte man für hinreichende Beleuchtung, indem man nach Mittheilungen der„Engineering» in Entfernungen von je 180 Metern groß« Gasfackeln, und zwischen diesen in Abständen von IS bis 30 Metern Gasstosslampen aufstellte. Um 1 Uhr nachts begann die eigentliche Arbeit; um 10 Uhr früh ivaren die Erdarbeiten vollendet, und man konnte beginnen, die Geleise zu legen. Den Schienenlegern, denen das Material durch 30 Gespanne zugeführt wurde, folgte eine Abtheilung, welche die Schienen- Verbindungen herstellte. Gleichzeitig wurde die oberirdische Zu- führimg in Angriff genommen, wobei die Strecke in mehrere Abschnitte zerlegt war, die einzelnen Abtheilungen zugewiesen wurden; serner wurde eine Speiseleitung von 000 Metern Länge verlegt. Um 8 Uhr morgens waren alle Masten und Konsolen au Ort und Stelle, um 10 Uhr begann man, die Drähte zu befestigen. Die gegnerische Gesellschaft war inzwischen auch nicht müssig gewesen; zweimal hatte sie vergeblich versucht, einen rechtskräftigen Erlaß auf Arbeitseinstellung zu erwirken. Schließlich hatte sie am Sonntag Nachmittag mit einer Mannschaft von 100 Arbeitern sich daran gemacht— einen Theil der fertigen Strecke zu zerstören; doch war dieser Angriff abgeschlagen worden. Um 11 Uhr abends konnte bereits der erste Wagen über die neuerbaute Linie laufe». Das dürfte in der That eine Leistung echt amerikani» scher Fixigkeit sein. Die Länge dieser Straßenbahn entspricht etwa der Strecke von der Lindenstraße bis zum Schlefischen Busch unser« elektrischen Bahn Behrenftraße— Treptow.— Humoristisches. — Der„Mörder». Eine englische Schanspiel-Gefellfchaft, die augenblicklich in Irland weilt, gab dort vor kurzem eine Macbeth» Vorstellung, die durch einen irischen Statisten bedenklich unterbrochen wurde. Der junge Mann hatte die Rolle des dritten Mörders zu markiren, und seiner Beschränktheit gelang es, die grauenvolle Bankett- Szene mit einer angenehmen Heilerkeit zu beleben. Schon bei den Proben hatte das schwerfällige Begriffs- vermögen des Statisten den Regisseur zur Verzweiflung ge- bracht. Es konnte dem Mann nicht klar gemacht werden, oaß er, während der erste Mörder dem Macbeth den Tod deS Banquo meldet, nur wenige Schritte vortreten darf. Mit einer Be- harrlichkeit sondergleichen marschirte er stets bis dicht vor die Rampe und verdeckte Macbeth vollkommen mit seiner breiten Gestalt. Als bei der letzten Probe dem Regisseur vollends die Geduld riß, nahm der Darfteller des Macbeth den sich stets und ständig ver- irrenden Mörder am Ann, führte ihn zu der Stelle, auf der er stehen sollte und trieb mit wuchtigen Hammerschlägen einen glänzenden Mefsiugnagel in den Fußboden.—„Werden Sie sich nun de» Fleck da genau merken können?» fragte er dann den aufmerksam zuschauenden Statisten.„Jawohl, Herr.» erwidert dieser mit innigster Ueberzeugung. Nun schien jede Schwierigkeit überwunden; beruhigt erwartete man den Abend. Die Vorstellung nahm ihren Anfang, es ging alles vorzüglich. Da naht die Baukett-Szene; die Mörder treten herein, zuversichtlich schreitet der ungelehrige Statist bis in die Mitte der Bühne. Da bleibt er stehen, blickt auf den Fußboden, geht eine» Schritt»ach rechts, nach links. wird immer unruhiger und bückt sich schließlich, um mit wahrer Todesangst »ach einem Gegenstand zu suche», den er durchaus nicht finden kann. Im Publikum macht sich bereits ein Kichern und Flüstern bemerkbar,'; mit dunkelrothem Gesicht tritt Macbeth an de» unglückseligen Mörder heran, indem er ihm wüthend zuflüstert:„Um des Himmels willen, Mensch, was machen Sie denn?!"—„Hol mich der— entgegnete der Mörder mit iveithin vernehmbarer Stimme,„ich kann den verfluchten Nagel nicht sind«»!"...— — Ein Appenzeller witz. In einer Appenzeller Land« gemeinde war nach alter Vätersitte auch der Weibel, welcher Diebe und dergleichen aus dem Gefängnisse vor Gericht zu führen hat, neu zu wählen. Da drängt sich ein kleines Mannli vor nnd meldet sich auf der Tribüne zur Uedernahme der Stelle. Ter Laudammann, ein großer, stattlicher Mann, fragt ihn spöttisch:„Ja, Du Chline, wie wettisch Du o d'Schelma Vha?"—„O, häb numma nid Chummer," antwortete der Kleine,„es sy drum nid alli so groß wie Du!"— Vermischtes vom Tage. y. Hamburger Kapitalisten planen die Errichtung eineS Riesen-Elektrizitätswerkes in Schulau. Mit der aufgespeicherten elektrischen Kraft soll nicht nur der gesammle Slraßenbahn-Betrieb der Städte Altona und Hamburg be- ivältigt, sondern auch noch die Kraft für Beleuchtu»gs»ivecke nnd die zum Betriebe der Maschinen im Kleingewerbe erforderliche elektrische Energie geliefert werden.— — In Königshütte wüthen Scharlach und D i p h» theritis noch immer. Auch im Liegnitzer Kreise ist der Typhus aufgetreten.— — Die Summe des in diesem Jahre in K l i» g e n b e r g am Main zur Vertheilung kommenden Bürgergeldes belief sich auf 90 000 M., so daß von den 300 Berechtigten jeder 300 M. er- hielt. Der Nutzen wurde aus einem Tho uw aar« n»Geschäft erzielt.— — Steckbrief gegen einen fstühereu Attache. Gegen den ehemaligen Attachö im Geheimen Knbiuet des Fürsten von Bulgarien, Enge» Pfannenstiel, ist von der Münchener Staatsanwaltschaft ein Steckbrief erlassen worden. Es handelt sich um einen Betrug und einen Belrugsversnch.— — I» Bologna und F e r r a r a wurden am Sonntag Ervstöße verspürt.— — Eine große Sendung in Frankreich für Rußland geprägter S i l b e r m ü n z e n ist ans der Eisenbahn zwischen Reval und Petersburg beraubt worden. Mehr als 100 000 Rubel fehlen.— — Infolge von UeberschweiNmungen sind in Uttel bei Valencia(Spanien) dreißig Häuser eingestürzt; weitere Häuser find bedroht.—_ Veranlivortlicher Redakteur: Angnst Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading in Berlin.