Mnterhaltungsbsatt des Vorwärts Nr. 16. Sonntag, den 23. Januar. 1898. (NachvruS oerboten.) iel Allkttgsleuke. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. Er athmete tief auf. Es war eine anständige Stelle, die in dem etwas mäßig besuchten Hause ivohl keine glänzende sein und viel Arbeit erfordern würde, die dann aber auch der Ausgangspunkt für eine gute Karriere werden konnte. Jedenfalls aber brauchte er sich Klara gegenüber dieser Stellung nicht allzusehr zu schämen, denn daß seine Braut auf keine glänzende Heirath Anspruch machen konnte, hatte er gestern in den fast ärmlichen Wohnräumen der Gehcimräthin zur genüge erkannt. Er tvar auf das höchste erstaunt gewesen, als diese Wohnung gar so sehr mit den feinen und theuren Kleidern der Damen kon- trastirte, und er war zu naiv, um zu wissen, daß die Welt namentlich beim Männerfang betrügt und betrogen wird. Eigentlich war er sogar froh, daß die Familie seinen be- scheideuen Verhältnissen keine Pracht entgegensetzen konnte, denn daß er in diesem Falle Klara überhaupt nicht erhalten würde, war mehr als klar. Auch konnte er unter den bestehenden Umständen die Univahrheiten betreffs seiner Person jedenfalls leichter korrigiren, und schließlich tröstete es ihn, daß er irgendwo einmal gelesen hatte, wie ehrenvoll es sei, wenn der Mann ein armes Mädchen heimführe. Er ging ins Royal und wttrde mit dem Besitzer über sein Fortgeheti nach einigem Hin» und Herreden einig. Tann schleuderte er etivas beklommen dem Halleschen Thore zn, nm Klara zn besuchen. An der Ecke der Kochftraße hing sich plötzlich eine Dante an seinen Arm, und er war nicht sehr erfreut, in dem elegant gekleideten Mädchett seine Schwester zu erkeititc». Aber mit einem Schivall von Worten zerstreute sie sofort seine Bedenken und halte in fünf Minuten ihre neueste Geschichte erzählt: von ihrer Verzweiflung, von ihrem Lebensretter, von der armen Eva Simon, um die sie Trauerkleider trage— wunderhübsche Kleider, nicht wahr?— und welch entzückender Mann der Jnstizrath sei. Sie brancke nie mehr in die Armulh zurückzugehen mtd man könnte überhaupt nicht wissen, was noch geschehen würde. Richard war natürlich auf das angenehmste überrascht. Die Geschwister, die sich eigentlich wenig oder gar nicht kanittcn. gingen znsaininen in ein Restaurant und plauderten. Er ließ Bier und Hummersalat auftragen und freute sich, die gut sitnirle Schivcster traktircn zn können. Wenn Papa Kreiser von seiner Zelle in Plotzcnscc aus die beiden hätte sehen können, gekleidet wie Erafenkinder, vergnügt schnianscnd und plandernd, er hätte nebeit Stolz mtd Freude doch auch ein wenig Acrger und Neid empfuude». „Dtt mußt mich besuchen, Richard, auf jeden Fall. Ich habe dem Justizrath schon von Dir erzählt, er wird sich riesig freuen." Er berichtete dann von seiner Verlobung, und Aennchen ivar ganz außer sich vor Freude und Theilnahme. Kurz, die beiden, die sich in der dürftigen Zeit um einander tticht gekümmert hallen, fanden sich jetzt gegenseitig reizend und schloffen eine prächtige Geschwislerfreundschast. Sie wollten jetzt treu zu einander hallen, ganz gewiß. Richard begleitete die Schwester noch ein Stück Wegs, da er es mit seinem Brantbesnche aus erklärlichen Gründen mcht allzu eilig hatte, mtd sie trennten sich mit dem Versprechen baldigen Wiedersehens. Als Aennchen nach Hanse kam, nahm ihr Rike dienst- beflissen den Mantel ab. Das„Fräulein" war zur Ver- walterin des Hanfes ernannt und spielte ihre ucne Rolle mit Grattdczza. Bisweilen, ivenn es einmal sehr langtveilig war, ging sie wohl in die Küche, setzte sich aus den Stuhl in der gemüthlicheti Herdccke und plauderte mit den beiden Mädchen, im allgemeiiiett hielt sie aber ans Würde und trug Eva's Echlüsselbnnd mir guter Haltung. Im Eßzimmer, wo bereits gedeckt war, fand sie nur Abraham; der Justizrath ivar noch nicht zn Hanse. Sie nahm eine Handarbeit vor, und beide saßen schweigend. An Abraham hätte wohl nur ein sehr scharfer Beobachter eine Verättdernng wahrnehmen können, und doch hatte er mehr gelitten als alle. Auf den Schmerz waren bei ihm wilde abenteuerliche Pläne gefolgt. Er wollte den Mörder seiner Schwester fordern und to'dtschießen wie einen Hund. Aber, lieber Gott, ivas hätten wohl£.,§)., der Lieutenant und alle Welt gesagt, wenn ein dummer Junge aus Sekunda, der noch dazu Abraham Simon hieß und ein jämmerlicher, schwächlicher Bursche war, mit solchem Platt hervorgetreten wäre! Er kaufte sich einen Revolver, um dem Lienteuant aufzulauern und ihn über den Haufen zn schießen. Seine Hand zitterte vor Erregung, wenn er sich diesen Moment ausmalte. Der Zeigefinger zuckle mechanisch hitt und her, als ob er alle sechs Kugeln aus dem Revolver jagen ivollte. Er ging auch wirklich und ivartete stnndenlang vor des Lieutenants Hause. Aber der kam nicht, und in schwerem Fieber schlich der Junge heim. Herr Klans hätte vielleicht ohne Furcht des Weges kommen und an dem Versteck seines Todfeindes vorbeigehen können, im entscheidenden Motnettt wäre die Waffe wohl doch in Rtthe geblieben. Das sind immer trübe Rachepläne, die schließlich keiner Fliege cht Leid thim und den armen Ver- folger nur noch viel mtglücklicher machen. Abraham hatte au Eva alles verloren, seine einzige Schützerin, die ihn gegen Verwandte und Bekannte vertheidigte, wenn Frau Silberstein oder Ottkel Jakob auf diesen„ewig verbitterten und unangenehmen Jungen" schalten; seine lreneste Freundin, der er alles anvertrauen und seine schweren Gedanken sagen konnte, ohne von ihr wie vott dem Vater für frühreif und überspannt erklärt ztt werden; sein Ideal, zu dem er atifblickte, seinen Halt, seine Stütze. Er ging in die Schule und schrieb seine Arbeiten, sprach noch tveniger als früher und war allein. In den allerersten Tagen nach Eva's traurigem Ende hatte sich der Jnstizrath eng an seinen Sohn geschlossen, aber Abrahant war nicht der Tröster, den sein Bater suchte. Der Jnstizrath bildete sich dann eitt, Abraham's Hinstarren und fremdes Wesen habe seinett Grund in der peinlichen Szene, die zivischen ihm, dem fremden Mädchen und seinem Sohne stattgefnitden hatte, während der Tod im Hause schon einge- kehrt ivar. Er war außer sich über eine solche Gehässigkeit lind Ungerechtigkeit, und statt zu erwägen, daß allerdings diese Szene unverlöschlich Eva's Bruder vor Augen stehen mußte, fand er in Abraham's Wesen eine unerhörte Anflehnnng und eine Kritik, die kein Sohn das Recht hatte, dem Vater gegenüber auszuüben. Er that Abraham in jeder Weise damit nurecht. Der Schmerz nm Eva hatte alle andern Gedanken in ihrem Bruder wenigstens momentan vergehen lassen. Was kümmerte ihn in diesen Tagen die Fremde! Mit ganzer Seele hätte er sich dem Vater in die Arme geworfen und Trost bei ihm gesucht, ivenn nicht die Scheidewand längst zivischen beiden er» richtet gewesen wäre. Bruder und Schwester hatten zusammen- gehört, die Kinder und der Vater aber waren seit Jahren einander halb fremd geivorden, Abraham noch mehr als Eva. Das Mädchen hatte immer wieder das Band geknüpft und sich an den Vater gelehnt, der Junge fand dazu nicht die warmen Herzcnstöne. Sie hatte zwischctt Vater und Bruder wie ei» Bindeglied gestanden, nun ivar sie fort, und die Kette hätte nur durch große Liebe und viel Nachsicht neu zusammengefügt werden körnten. Da ivar es denn ein trübes Vcrhängniß, daß jene pein- liche Szene in dem schlimmsten Moment daztvischen getreten ivar, und wenn Abraham sie in dem alles tödtcnden Schmerz kurze Zeit vergaß, der Vater behielt sie immer ängstlicher im Gcdächtniß. Er maß ihr für seines Sohnes Benehmen eine entscheidende Bedettlitng bei, und damit zerriß das letzte schwache Band. Wie ein Trotz kam es über den Jnstizrath. Von seinem eigenen Sohne sich moralisch maßregeln zu lassen, dazu batte er denn doch nicht Lust. So wurden die beiden an Eva's Leiche einander fremder als je. Abraham sprach mit Anna fast nie mehr, und der Justiz- rath suchte umgekehrt die UnHöflichkeit und Rücksichtslosigkeit seines Sohnes ihr gegenüber doppelt weit zn machen. Sie ihrerseits halte Eva's Tod mit so aufrichttgem Schmerze empfttuden, wie das ja auch durchaus natürlich war, daß sie damit des Anwalts Herz noch mehr erobert hatte. Er war jetzt in der Tranerzeit stets abends zn Hause, und so trostlos einsam starrten ihm die Wohnräume entgegen, daß er froh sein dnrfte, in ZIennchcn jemand um sich zu haben, mit dem man Worte tauschen konnte. Freilich der Liebcsrausch war au der Bahre verflogen, und der Jnstizrath hatte in den ersten Tagen sogar die Absicht gehabt, Anna wieder aus dem Hause zu geben— natürlich in gesicherte Verhältnisse— und den Rest seiner Tage als Ein- siedlcr hinzubringen, einzig der Erinnerung an Eva lebend. Aber es ist seltsam, wie bald die Alacht derer vergeht, die nie mehr unter uns treten. Wir meinen im ersten Schmerze, nun sei alles zu Ende und wir könnten nicht wieder froh werden. Aber die jämmerlichen Alltäglichkeiten sind die Feinde der Dahingeschiedenen: sie rütteln uns aus dem dumpfen Brüten auf und zwingen uns, ganz allmälig in das Leben zurückzu- kehren, zu vergessen. Der stets nahe Verkehr brachte den Anwalt ,md seinen Schützling immer mehr zusammen. In sentimentaler Regung redete er sich vor, das fremde Mädchen sei ihm als Ersatz für Eva von der Vorsehung gesendet; nur hätte die Logik ihm dann sagen sollen, daß nicht eben väterliche Gefühle das Ver- hältniß bedingten. Anna wurde sich ihrer merkwürdigen Stellung nie recht beimißt. Ein besonders feines Empfinden oder ein leidlich scharfer Verstand mangelten ihr durchaus, und neben aller Trauer um die arme Eva war sie ihres Lebens jetzt von Herzen froh. Sie hatte alles, was sie bedurfte, in bester Weise und verstand nur eines nicht recht, weshalb Abraham sich so wirklich häßlich ihr gegenüber benahm. Sie saß anch jetzt schweigend und nähte, während Abraham las oder lernte. Die große Neuigkeit ließ ihr jedoch keine Ruhe und sie mußte da- von sprechen.__(Fortsetzung folgt.) Sounksg-splauvvvei. Man soll ihn nicht schelten, unsere» Magistrat? Ein König sah sich vor einen, halben Jahrhundert genölhigt. den Märzgefallene» eine letzte Ehrenbezeugung zu erweise». Unser« Herren vom Magistrat fürchten nichts aus der Welt. Ruft ihnen immer zu: Hut ab vor denen, die iu junger Begeisterung für den Gedanken, aus Unterthanen endlich Bürger zu schaffen, ihr Blut hingegeben habe». Sie erwidern, wie es sich bei mannhaften Herrschasten auch gebührt: Und wenn die ganze Stadtbürgerschaft sich die Kehlen heiser schreit, wir beugen n»S nicht, wir weichen und wanken nicht, wir vom Magistrat. Ja, sie haben Mark in den Knochen. Jeder einzelne fühlt sich heut«, wie ein Coriolan, der dem sreiheilslüsterne» Pöbel schroff emgegentritt. Es sind ja jetzt mannigfach Prunk- gewänder Mode geworden. Vielleicht werden sich demnächst die aufrechten Magistratsherren, die dem Drängen der eigenen Bürger- schaft so tapfer widerstanden, in die Toga der Senaioren hüllen dürfen, so wie unsere Kunstprosefsore» bei öffentlichen Festen in alt- venelianischem Purpurkostüm einherstolziren; was sich zu», Beispiel bei der winzigen Exzellenz Adolf Menzel ganz köstlich macht. Um den schlenkert und schliddert der Purpurmaulel, und das Männchen darunter ist ganz ratblos. Andere Zeiten andere Bilder! Die Freiheitsänge sind ver- stummt; es schmettert keine eiserne Nachtigall mehr ihre befeuernde Weise. Das Wort von den Menschenrechten ist für die überlegenen Köpfe, die ihre Zeit und ihren Portheil verstehen, zum Spott ge- worden. Man lächelt über die thörichten Idealisten, über die sonderbare» Schwärmer von achtuudvierzig. Wie leben in de» Tage» realpolitischer Begebenheiten. Wer sich mächtig fühlt, rege seine Pranken und greife zu. Recht hat, wer sich sein Recht nimmt und das Eroberte behauptet. In solchen Tagen wäre empfindsame Pietät eigentlich unzeitgemäß; und unmodern will unser Magistrat nicht sei». Darum keinen Denkstein für die Schwarmgeister, die «inst ausgezogen waren, um ihren Mitbürger» den Frühling zu bringe», den sie iu der eigenen Brust klingen hörten. Männer von Geschmack trage» sich nie anders, als alle übrige Welt. Bor mehr als hundert Jahren hat man in Frankreich das Wort von den gleichen Menschenrechten gemünzt. Heut: treibt die slndirende Jugend dort«inen lärmend-nationalistische» Sport und verbündet sich mit Elementen, die immer dabei sind, wo es einen Radau giebt. Je unduldsamer, desto bester, das ist die Losung im neuen Sport. Ein Jude hat Verralh geübt, vielleicht ist er auch unschuldig; klar erwiesen ist die Sache nicht, und mau ver- allgenreinert und plündert etliche Judenläden. Ein Schriftsteller, wie Zola, nimmt an, daß der erwähnte jüdische Offizier zu unrecht verurlheilt sei; und die Leute, die sich sonst ihres besonderen Esprits rühmen, vergessen, was ihnen dieser Zola an geistiger Arbeit gegeben. Mau kann über die Drcysus-Geschickte denke» wie man wolle. Man kann sich fragen: Wenn verletztes Rechlsgefühl aufreizt, wie nichts Ziveiles ans der Welt, warum hat jener Thcil der öffentlichen Meinung, der wegen des heutigen Radan's und der trüben Erschetiiungcn in Paris und in anderen Großstädte» am liebsten die ganze große französische Bevölkerung in Acht und Bann thätc, nicht einmal zum zehnten Theil so kräftig rcagirt, als der Berg- arbeiter Schröder zu Zuchthaus verurlheilt wurde? Das war doch eine öffentliche Berhandlung; da wird jeder Rechlsirrlhum, jede Vaffendefangeuheit klarer. Und dort kann man doch höchstens sagen:„Wir wissen nicht!" Aber Zola glaubt. Das ist sein gutes Menschenrecht. Er kann irren, aber persönlich ist er überzeugt. Er spricht die Sprache eines Ueberzengteu; und grüne Junge» be- handeln ihn, als hätte er selbst sei» Bolk verkaufr. Das bedauerlichste an dem trüben Spektakel ist die Sensation, die es erregt. Die Sensation lenkt gern vom Wesentlichen aufs Unwesent» liche ab. Nachrichten wandern übertriebe» hin und her. Falsches und Richtiges schwirrt durcheinander, die Gemüther werden auf» geregt, in Spannung erhalten und das paßt den Machthaber» mit- unter recht gut. Die Aufmerksamkeit wird von tiefeinschneidenden Fragen leise abgeleitet. In Deutschland will man der engen Bewegungs- freiheit der Arbeiter einen schweren Nackenschlag versetzen.dergroßeKampf der englischen Maschinenbauer geht zu Ende: Es sind Kultursragen von eminenter Wichtigkeit: Allein der sensationelle Sport geht drüber. Jeder Krawall, jeder Exzeß in Frankreich, wird sorgsam notirt. Die Liberalen seufzen, welch' edler Sinn ist hier zerstört. Die Konservativen höhnen:„Das ist eure Welt, das ist e»re Republik, die nach einem kriegsbereiten Diktator lechzt; nun heißt es, ans der Hut sein vor dem Nachbar. Waffen her!" und in- mitten des aufgeregten Getümmels kann man stiller und bequemer jenen Errungenschaften zu Leibe gehen, die in zäher Mühsal, im harten jahrzehntelangen Kamps erstritten wurden. Man griff eben zu. Nur keine Empfindsamkeit in Machtfragen. Ueberzärtlicher Empfindsamkeit hingegen konnte man im rück- schrittliche» Lager begegnen, als neulich im Reichstag künstlerische Angelegenheiten berührt wurde». Unser Reichstag sollte sich wirklich nicht auf Lkunstdebalten einlassen; es kleidet ihn nicht. Wer von der 5iunst so viel begreift, wie ein Tapezierer etwa, der mit dem schönen Spruch„Schmücke Dein Heim!" vertraut ist, lasse die Hand davon! Was die arme Kunst nicht alles sollte, immer sollte. Zum Glück kümmert sie sich nicht um Kommandorufe. Längst hat man ihr gegenüber die historisch- wissenschaftliche Methode angewandt; man weiß, daß sie eine nothwendige Lebensänßernng ist, daß sie, im große» gefaßt, keine Willkür be- deutet, daß sie vielmehr an Zeiterscheinungen, politische und soziale, innig gebunden ist. Ob sie einer segnet, ob er ihr flucht, sie ist da und fragt den einzelnen nicht um seinen Willen. Aber sie soll fromm sein und keusch und erbaulich, wen» ein srommer Herr es will. Sie soll in Skandinavien Früchte erzeugen, wie sie im allen Hellas geschaffen wurden, meint ein anderer und glaubt, man braucht derlei nur tüchtig herbei- znsehnen, so kommt es auch. Kunsrberathungen ans deutschem Parlamentsboden sind unerquicklich. Man streitet über Elementar- begriffe, die erledigt sind. Ein Abgeordneter spricht von Sudlern und elenden Piuslern. Und jeder Mensch, der sich je darum gef kümmert, weiß, daß dieser Vorwurf kaum jemals einem starken Temperament, nie aber«ineni heranwachsende», auf neuen Zeit- begriffen fußenden Künstlergeschlecht erspart geblieben ist. Heute, wie immer, läßt sich's an verhällnißmäßig jungen Männer» nach- weisen. Als vor etwa zwölf Jahren Max Klinger in Berlin auszustellen begann, da lachte man, lachte ans voller Kehle über den tollen Hecht, der so sonderbare Schmierereien entwerfe. Nicht alle Welt lachte so, aber immerhin eine ansehnliche Mehrheit. Und heute sind die Bildungsheuchler so weit, daß sie au» liebsten jedem Steine nachwerfen möchten, der nicht jedes Klinger'sche Werk gleich genialisch findet und sich seine Objektivität dewahrt. Vordem ging ma» zu Böcklin, wie mau zu einem Klown geht, und jetzt waren SOOtK) Berliner in der Böcklin-Ausstellung, ließen sich drängen und schieben, sahen wenig und schrien doch:„ach, wie herrlich", wenn sie Männer, und„wie süß", wenn sie Damen waren. „Süß" ist das Lieblingsbeiwort der Berliner Damenwelt; sie findet Beelhoven's neunte Symphonie auch„einfach süß". Viel Rührsamkeit ohne innere Theilnahme, wird jetzt eben wiederum für einen„Mann der Kunst" verzapft, für Karl Holter, der vor hundert Jahren an« 24. Januar in Breslau geboren wurde. Man hat ihn gern einen Volkssänger genaniit, und gewiß war er eine der populärsten Erscheinungen in Deutschland und insbesondere in seiner schlesischen Hcimath. In seinem„Gruß-Brassel" kannte jedes Kind de» Bater Holtet mit dem laug herabwallenden grauen Haar. Und doch knüpst seine Popularität nicht an künstlerische Bedeutung höherer Art an. Er stieg hernieder, er zog nicht in die Höhe. Unser Schiller kennzeichnete das dopelte Wesen des Bollssängers in seiner Kritik über Bürger's Gedichte in einer Form, die heute noch Werth und Geltung hat. Ei» Volks- sänger hat danach zwischen dem Allerlcichtesten und dem Aller- schwerste» die Wahl. Entweder er bequemt sich ausschließend der Fassungskraft des große» Haufens au, oder er versucht, den Abstand zwischen dem großen Haufen und der geistigen„Auswahl der Nation" durch die Größe seiner Kraft aufzuheben. Das ist seine schwere Aufgabe. Ihre glückliche Auslösung, „dem ekeln Geschmack des Kenners Genüge zu leisten, ohne dadurch dem großen Hansen ungenießbar zu werden", ist dann nach Schiller der höchste Triumph des Genies. In Schiller's Geist bedeutet die Popularität Holtei's nicht allzu viel. Seiner Lyrik, der schriftdentsche» wie der mundart- lichen, haftet ein Zug von spießbürgerlichem Behagen an. Das ge- winnt ohne Frage, aber es wiegt nicht viel. Holtet war überaus fruchtbar. Er schrieb Dramen über Dramen mit unheimlicher Leichtigkeit. Heute sind die meisten verschollen, wie ihre Roinaulik und ihre Thränenseligkeit, die durchaus mit dem Grundllang des Spießbürgerlichen sich vereinigen. Nur e i n Traina von Holtei sah ich auf der Bühne, das weinerliche Schauspiel„Lorbcerdaui» und Betlelstab"; es ist i» Eenlimenlalitäl über nnd über geraucht und ganze Philistergeiierntionen haben die„edelsten Thränen" über den Dichter vergoßen. der im Jaunuer endet. Ach. ach, rvie schlecht hal�s doch so ein Genie, denkt der brave Mann, bevor er sein Abendbrot ißt. Schon Lessing wies in seiner gesunden Manier auf das Thörichle hin, jeden Lebensschmerz eines Künstlers als den Kainsstempel des Genies bezeichnen zu wollen. Manches Gedicht Hollei's ist übrigens heute noch populär(Denkst du daran, mein tapferer Lagienka, Schier dreißig Jahre bist dn alt».s.w.); umncher Leser erbaut sich noch an der romantischen Polcnschwärmerei n»d an den„fahrenden Zigeunern", wie sie Hollei zum theil ebenfalls in romantischer Berklärung in seinem Roman„Vagabunden" geschildert hat. Eni Zigeuner war er ja selber lroh seines kleinbürgerlichen Wesens. Als Zigeuner hat er auf seinen Wanderfahrten daeZStärkste geleistet, was ihm zu leiste» gegeben war. wenigstens nach Aeußerungen seiner Zeitgenossen. War er selber nicht im großen Sinne produktiv, er begriff die Größe und wurde so ein hervorragender Vorleser Shakespcare'scher Dramen. Da wurde er mehr als populär im Schilier'schen Sinn. Er wirkte, er erläuterte. Der Wandersinann verbrachte im Kloster- frieden der Barmherzigen Brüder zu Breslau seinen Lebensabend. 1880 starb er hochbctagl. Die Bürgerschaft Breslaus, deren schlesische Gemülhlichkeit nnd deren schlesische Sentimentalilät ja Holtei in sich vereinigle, bereitete ihm ein feierliches Begräbnis!. J'n Schlesien ollein wird noch länger hasten bleiben, was Holtei gesonnen und gedichtet hat.—_ Alpha. Vleines Fe«ille?on. — Ucbcr die Entwiiklung der Leuchtfeuer sprach Baurath Veitmeyer im Berliner Jugemeurverei». Die Schiffer waren in älterer Zeit schon sehr zusriede», wenn sie ein Leuchtfeuer bei mittlerer Lust sechs Seemeilen weit sahen, während sie gegenwärtig eine Sichtbarkeit von mindestens 20 Seemeilen noch bei mäßigem Nebel verlangen. Die Befeuerung der deutscheu Küste» wurde i» der Zeit der Hansa zunächst von Lübeck in die Hand genonimeu, das auf Falsterbo für die Heringssischer am Anfange des 13. Jahrhunderts einen Leuchtthurm baute. 1226 folgte der Leuchtlhurm von Travemünde. Sodann sind befeuert worden 1236 Nenwerk, 1306 Hiddensöe, 1408 Warnemünde. 1482 Weichselmünde. 1532 Köslin. 1562 Pillan, 1602 Wangerog, 1666 Kolbergermüude, 1673 Helgoland, 1750 Memel. Ursprünglich diente Holz als Brennstoff, dann Talgkerzen, auch ein- fache Oellampen. Um 1600 kamen in England die Steinkohlen zur Verivendung, 50 Jahre später wurden sie in Hamburg eingeführt nnd dann immer allgemeiner als Brennstoff für Leuchtfeuer in Ge- brauch genommen— obichon z. B. in Eddystone bis 1315 Kerzen brannten—, bis die Erfindung der Oellampen mit doppeltem Luft- zuge(Argoudbrenner) sie rasck allenthalben verdrängte, wozu die Erfindung der parabolischen Hohlspiegel, 1327, das ihrige beitrug. Später trat dann das Petroleum und zuletzt die Elektrizität als Leuchtmittel auf.— Theater. — Von Hermann S u d e r m a n n dürfte das DeutscheTheater im nächsten Jahre eine Marchendichlung:„Die drei Reiher- federn" bringen.— Musik. —er— Konzerte. Herr Siegfried Ochs hatte für das zweite Konzert seines philharmonischen Chores ein intereffanles Novitäten-Programm zusannnengestellt, dessen erstes Stück ein weit- liches Oratorium„Sylvesterglocken" von dem an der Budapester Musikakadcmie wirkenden Kompositionslehrer Hans K o e ß l e r war. Ein worteschweres Gedicht Max Kalbeck's hat mit feinem zwischen Traner nnd Pesfimismns liegenden Inhalt nicht gerade anregend diese Musik beeinflußt. Der in harmonischer und besonders kontrapunktischer Hinsicht sehr verdienstvollen Arbeil wird stets behufs breiler allgemeiner Kunstwirkung der Mangel an wirklichen Gedanken, an Mannigfaltigkeit des vokalen und orchestralen Aus- drucks nnd an beglückender Schaffensfreude vorgehalten werden. Schöpferische Fülle durchzog die nächste Nummer:„Snöfrid", Musik von Sten hau, mar, Gedicht von Rydberg. Nebe» symbolischen Gemeinplätzen enthält das Poem seine Stimmungen und dramatische Lebendigkeit, welchen der sehr begabte schwedische Musiker nicht ohne ein gewisses, gesuchte Harmonien und Rhythmen, bizarre Effekte liebendes Originalitätsstreben beigekomme» ist. Dasselbe führt ihn znivcileii i» eiue sehr erkennbare Gedanken- und Allsdrucksnähe Wagner's, was einem lebhaften Juteresse eben nicht hinderlich ist. Im ganzen ein wirkungsvoll und klangschön gearbeitetes Stück, dessen Schöpfer nach der Bühne schaut»ind horcht, ein sehr weit- liches Balladen-Oratorium. Nach Hugo Wolfis hier schon gehörtem „Feuerreiter", einem bis ins kleinste genial konzipirten Tongemälde. folgte als Schluß eine zahme Humoreske von Arnold Mendelssohn,„Der Hagestolz", Gedicht aus Herder's„Stimmen der Völker". Die Heiterkeit dieser Musik gehört weder der niederen Gattung des Liedertafelhninors an,»och schwingt sie sich zu freier poetischer Höhe empor. Ohne Prätension huscht diese lustige, nett gearbeitete Belanglosigkeit vorüber und erhält nur dann künstlerische Physiognomie, wen» sie in solch vollendeter Wiedergabe erscheint, ivie sie ihr, gleich den andern Programilinnminern, seitens des ans der Höhe seines Ausdriicksvermögens stehenden philharmonischen Chores zu theil wurde.— Neben Beethoven's„Pastoralsymphoiise" hörte man im 6. S y in p h o n i e- K o n z e r l e der lönigl. Kapelle die seilen gespielte ck- moll- Symphonie von 3!ob. Volkmann. Das Publikum halte Scharsrichler- Auivandlnugen nnd zischte »ach derselben selbst den Achtungsapplans nieder. Und doch welch tonlicher Inhalt, wie viel poetische Empfindung lebt in dem Werke, wie ragt es im Wirrwarr unserer modernen Orchester- knnstprinzipien an Gedanke», Form und Stil empor! Die Einleitung machte Cornelius' Witz und Geist sprudelnde Ouvertüre zum„Barbier von Bagdad", das Hauptinteresse jedoch galt Tschaikowski's Phantasie-Ouverlure„Romeo und Julia". Anregnngslose Musik schrieb dieser russische Tonkünstler nie, aber diesmal blieb er wohl weit hinter dem poetischen Vorwurf zurück. Anstatt melodischer Gedanken giebt es viel oratorische und toumalerische Künste, rhythmische Künsteleien nnd interrffante Aeußerlichkeite».— Fräulein M a r c e l l a P r e g i hat ihre volumenkleine, schlanke Sopraustimme in seltener Schule herangebildet. Ihre Technik be- handelt mit derselben beruhigenden Leichtigkeit zierlichen Koloratur- stil, wie sie die Forderungen eines warmen getragenen Liedergesanges zu erfüllen vermag. Ihr eigenstes Gebiet ist neckische Grazie und seine Schelmerei, nnd so gelangen ihr einige allilalienischc Lieder und des sonst so monumental ernsten Bach nuividerstehlich lustiger „Streit zwischen Pböbus und Pan" in ausgezeichneter Weise.— Ist Fräulein L i z z i e S o» d r r m a n u aus Dresden auch nicht mehr im Besitze einer völlig unberührten Stimme, so ersetzt sie dies durch ein sehr respektables Können, einen guten musikalischen Geschmack, schöne Innigkeit und geistige Schmiegsamkeit des Vortrages. Schumaun's„Franenliebe und Leben" erklang aus ihrem Munde im vollen Zauber melodischer Anmuth und gemüthlicher Tiefe.— Fräulein Wauda Laudowska ist eine sehr jugendliche Pianistin, die selbst für Sebastian Bach schon hinreichende Technik nnd geistiges Vermögen besitzt. Mit naiver Ilugesuchiheit faßt sie alles an und vermag mit ihrer ungebrochenen Einpfiudnng selbst Beethoven's Sprache trefflich wiederzugeben. Auch als Komponistin zeigte dieses kleine Fräulein feinkünstlerische Züge.— Die russische Pianistin Wera Maurina ist eine bescheidene nnd geschickte Künstlerin, die mit großer Fertigkeit und schönem Anschlag, mit Verständniß und Liebe in de» Geist der vorgetrageneu Toustücke eingeht. Sie spielte Bach, Beethoven. Brahms, Chopin, alles gewandt dargeboten und reif durchgearbeitet, aber auch alles ohne energisch bezwingende Individualität.— Die Prager Violinistin A d e l e S a n d t n e r besitzt neben bedeutenden technischen Vorzügen«ine fast übergesunde Fülle temperamentvollen Ausdrucks, welche sie bisweilen an die Grenze überstürzter Derbheit führt. Mit ihrem großen, innige Empfindung wie absichtlich meidenden To» wurden Arbeiten von Rnbinstei», Vienxtemps und Wieuiawski mit fast renommirendem Uebermänner- lhume wiedergegeben.-» Kunst. — Preisausschreiben. Die Redaktion der Wienee Wochenschrift„Die Wage" setzt einen Preis von 200 Krone» aus für den beste» Umschlag-Entwurf(Formal 24 x 33, Feder- oder Tuschzeichnung ans einsarbigem Grunde). Die Be- dingungen sind die usuellen: Name in geschlossenem, mit Motto versehenem Konvert. Die Eiusendunge» sind bis spätestens 15. Februar 1833 an die Redaktion der„Wage"(IV., Hengasse 18) zu richleu.— Ans dem Altevthnm. — Ueber antike Theaterbiklets sprach in der letzten Sitzung des deutschen archäologischen Jnstilnls in Athen der Numis> maliker Svoronos. Diese Billets oder Symbola sind Kupfcrplältchen mit den Buchstaben des Alphabets von A bis S2 oder auch von AA biS S2S2 oder selbst mit drei gleichen Buchstaben des Alphabets(AAA). Die Erllärnng, die Svoronos diesen Ausschriften giebt, macht nicht blos die bisher unbekannte oder bezweifelte Bedeutung der Schrist« zeichen klar, sondern enthüllt auch völlig neue Thatsachen über das Dionysos-Theater. dessen architektonische Eintheilung in dreizehn„Keile" mit der Kleisthenischen Staatsverfaffung Athens zusammenhängt. Das Dionysos- Theater wurde von dem be- kannten Redner und Staatsmann Lyknrgos(338—326 v. Chr.) erbaut, nni auch als V e r s a in m l u n g s p l a tz d c s D e m o s zu dienen. Der Hohlraum des antike» Theaters wurde, von unten nach oben aufsteigend, durch drei breite Zwischengänge in drei große Haupt- abschnitte oder Zone» zerlegt, die gewiffermaße» dem Parterre, ersten Rang und zweiten Rang entsprechen würde»; eine Anzahl von Radien theilte wieder das ganze Theater in 13 Keile. Die 13 Keile der an der Orchestra gelegenen ersten Zone des Theaters waren für die stimmberechtigten Bürger der kleisthenischen Verfaffung. etwa 6000 an der Zahl, be- stimmt; in der Mitte dieser Zone, wo die Ehrenplätze sich befanden, saß direkt an der Orchestra die Körperschaft der Boulcuten, direkt über diesen die Ephebe» und die Stadtaufseher. Zu beiden Seiten von diesen Mittel- und Ehrensitzen waren in drei Etagen auf dem Raum von je fünf Keilen den zehn Phylen von Athen ihre Plätze zugeiviese». Diese drei Etagen der ersten Zone entsprechen den drei Trityen(Küstenbewohner, Binnenbewohner und Sladtumwohner), in welche die Phylen von Athen eingetheilt waren. Diese An- ordnung der Sitze im Theater hatte eine praktische Bedeutung für die bei Volksversanunlungen stattfindenden Abstimmungen, die aus diese Weise sehr genau vorgenommen werden konnten. Die Urnen standen vor der erste» Sitzreihe au der Orchestra, wo die Sessel für bis Prytan«», Archonten nnd Priester cms Marmor gemacht wäre», und man konnte so der Reihe nach aus den Keilen hernniersleige», um die Stimme abzugebein Jeder Sitz der ersten Zone mar durch einen Buchstaben des Alphabets bezeichnet; dagegen erhielte» die Billets für die zweite Zone zwei Buchstaben des Alphabets(zum Beispiel BB), die der drille» Zone drei Buchstaben(AAA).— Völkerkunde. — Die auf der niedrigsten Kulturstufe stehende lebende Menschen- rasse sind ivohl die auf einer Insel destkalisornischen Meerbusens hansenden Seri-Jndianer. Sie sind nach den Schilderungen eines amerikanischen Geologen, der sie vor nicht langer Zeit niit nicht geringer Gefahr besuchte, ein uralter Menschenstamm, von dem jedoch, weil er sich streng abgeschlossen hielt, wenig bekannt ist. Die Seri's sind Kannibale», mit bedeutender Energie begabt, die dem Kriege, in welchem sie sich vergifteter Pfeile bediene», Handwerks- mäßig obliegen. In ihren Einrichtungen hat sich entschieden anstatt der Vatergewalt das System der Multergewall ausgebildet. Ur- sprünglich die Monogamie anerkennend, sind sie jetzt der Vielweiberei verfalle». Vom Ackerbau hatte» sie bis in die neuesten Zeiten hinein keine Vorstellung und besitzen auch jetzt noch nicht einmal einen be- sondereil Namen für die steinerne» Pfeilspitzen, deren sie sich dabei bedienen. Sie leben immer noch fast ausschließlich von Jagd und Fischfang. Ihre Gerälhschaflen sind gewöhnliche Feldsteine, die im Gebrauche allinälig zweckmäßigere Formen erhalten. Ob der Slam», wegen des herrschenden Kannibalismus im Aussterben begriffen ist, läßt sich bei der völlige» Unzugänglichleit jener Wilden nicht er- Mitteln.— Gesundheitspflege. ie. Schreibmaschine und Gesundheit. Das Ma- schinenschreiben ist jetzt so allgemein geworden, daß sein Einfluß auf die Gesundheit Beachtung verdient. Die Möglichkeit eines Ein- tretens von Kramps infolge dieser Beschäftigung wird vielfach be- stritten, und daher hatte eine englische Zeitschrift die Frage anfge- stellt:„Kennt jemand eine» Fall von Maschinenschreibkrampf bei einem sonst gesunden Menschen und beim Gebrauch einer guten Maschine?" Daraufhin wurden drei Fälle von unleugbarem Krampf dieser Art festgestellt. Dieser Kramps gehört zu den sogenannten Berufskrankheiten und besteht in dauernd wiederkehrenden Be- wegungen der Hände und besonders der Finger, ähnlich den Krampf- erscheinungen, die als Pianisten-, Komponisten- und Schneiderkrampf bekannt sind. Wahrscheinlich wird dieser Krampf jetzt, wo einmal die Aufmerksamkeit auf denselben gelenkt ist, häusiger zur Kennlniß der Aerzte gelange».— Geologisches. — Die natürlichen Kohlensäurequellen Nord- .und Mitteldeutschlands haben in neuerer Zeit, seitdem ma» die Kohlensäure verflüssigen kann, eine nicht unbeträchtliche wirth- schaflliche Bedeutung erlangt. Neuerdings ist in Sondra im Thüringer Wald wieder ein« Kohlensäurequelle von anßerordent- licher Leistungsfähigkeil entdeckt worden. Sie liegt in der Gemeinde Sondra, Kreis Waltershausen des Herzogthums Sachsen-Kobnrg- Gotha, und ist im Jahre!S9S beim Niederstoßen eines Bohrloches aufgeschlossen worden, mit dem man Kalisalze aufsuchen wollle.'Als das Bohrloch gegen 190 Meter tief war, begann ein« stetige Zu- »ahme der Kohlensäure-Enlwickelung, und bei 196,7 Meter strömte das Gas unter starkem Drucke aus und ist dreiviertel Jahr lang»übe- helligt ins Freie getreten, ehe die Abdichtung des oberen Theiles des Bohrloches und die Anbringung eines geeigneten Verschlusses gelang. Nach einer Schilderung Dr. C. Schnabel's in der„Berg- und Hüttenmännischen Zeitung" steht das Auftreten der Kohlensäure dort im Zusammenhange mit vulkanischen Ereignissen, welche in der Tertiärzeit in der Gegend des Thüringer Waldes, besonders am nordwestlichen Ende und in der Rhön eintraten und das Empor- dringen basaltischer Gesteine veranlaßten. Als Nachwirkungen der- artiger Ereignisse sind die heißen Quellen, die kohlensäurehallige» Wasserquellen(Säuerlinge, Eisensäuerlinge) und die Kohlengas- ausdlasungen zu betrachte», wie sie in der nähereu und weiteren Umgebung erloschener Vulkane auftreten. Bei dem hohen Druck (bis zu 17 Atmosphäre»), welchen die Gase nach dem Ver- schließe» des Bohrloches zeigten, muß angenommen werden, daß die Kohlensäure aus großer Tiefe stammt. Seit Entdeckung der Quelle strömt sie immer noch mit der gleichen Stärke aus. und für absehbare Zeiten ist keine Abnahme zu fürchten. Jetzt, nachdem sie abgedichtet ist. kann man diesem unerschöpfliche» Behälter durch zwei am Verschlußkopfe angebrachte Ventile»acb Bedarf Kohlen- säurcgas entnehmen. Beim Oeffnen entweicht die Kohlensäure nnier betäubendem Geräusch, denn in der Stunde entströinen dem Rohr- stutzen gegen 1066 Raummeter Gas. Es ist völlig trocken und frei von übelriechenden und übelschmeckenden Bestaudtheilen und enthält kaum 1 pCt. Stickstoff. Die Kohlensäure des Bohrlochs findet bis jetzt Verwendung zur Herstellung von flüssiger Kohlensäure und als Kraftquelle zum Betriebt der Kohlensäurepressen und elektrische» Lichtmaschine».— Technisches. — Ein Riefen-Dampfbagger. Der Hafen von Liverpool, von dem die meisten großen englische» Postdampser nach transatlantischen Plätzen abgehen, hat das Unangenehme, daß er häufig versandet. Um diesem Nebel abzuhelfen, haben die Be Hörden eine» Dampsbagger in Bau gegeben, der schon i» der nächsten Zeit fertig werden und ein wahres Ungelhüm von einem Bagger sein wird. Dieser Bagger wird 166 Meter Länge haben bei iO Meter Breite; er wird ganz aus Stahl gebaut und bekommt an den Seiten ein doppeltes System von je 4 Hebern, mit denen er im stände sein wird, per Stunde 3000 Tons Sand heraufzubringen. Außerdem ist i» der Mitte des Baggers eine Art Pumpe, deren Rohr von 93 Zentimetern Durchmesser auf eine Tiefe von mehr wie 15 Meter in den Schlamm heruntergelassen werden kann. Diese »ach einem neuen Modell konstruirte Pumpe hebt mit Leichtigkeit per Stunde 4000 Tons Sand oder Schlamm. Dieser Liverpooler Bagger wird das größte Fahrzeug dieser Art sein, das jemals ge» baut worden ist.— — Das Sln st reichen mittels komprimirterLnft gewinnt in Nordamerika und besonders bei den Eisenbahn- gesellschasten immer mehr au Ausdehnung. Bei mehreren großen Eisenbahngesellschasten werden daselbst die Lastwagen, die Unter- gestelle der Personenwagen, kurz alle Arbeiten, die nicht größere Sorgfalt erfordern, nunmehr ausschließlich mit Hilfe von kom- primirter Luft angestrichen. Die Sache geht in der Weise vor sich, daß der in einem Gefäß befindliche Farbstoff durch einen Schlauch zu einem Mundstück gelangt; zu letzterem wird außerdem durch einen zweiten Schlauch komprimirte Luft zugeleitet, welche nun, ähnlich wie bei einem Injektor oder bei einen» Sandstrahlgebläse, den Färb- ftoff in einem Sprühregen ans das Objekt wirst, welches angestrichen werden soll. Die Arbeit geht außerordentlich schnell vor sich. Das Anstreichen mit dem Apparat kommt mit Einschluß der Amorti- salion der Anlagekosten um 50 pCt. billiger als das Anstreiche» mit Pinsel.— Htiinorisiislhes. — Nur ein Wort.„... Herr Förster, die Dame, die hinler mir sitzt, ist meine frühere Braut... Denken Sie sich. ivegeu eines einzigen Wortes sind wir auseinander ge- kommen!"—„Ja, wie war denn das möglich?"—„Als ich sie gefragt Hab', ob sie mich h e i r a t h e n will, hat sie.nein" gesagt!"— — EingutesGeschäft.„... Du, Hnberbauer, ich ver- kauf' Dir mein Roß. Was giebst D' niir dafür?"—„A' große Fuhr' Heu!—„Ja, was mach' ich den» nachher mit dem Heu. wenn ich kein Roß mehr Hab'?—„Deffcntwegen mach' Dir koane Skrupel. I' leih Dir dann das Roß so lang, bis die Fuhr' Heu aufg'sressen is!— — Ein moderner Junge.„Die Schulaufgaben, Hans, kann ich Dir heut' nicht machen— das Zeug versteh' ich nicht!"— Aber Vater, wie konntest Du da nur— h e i r a t h'e u?!"— („Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — In Nr. 5 des„Anz. für das Havelland" verkündet jemand- „Liege mit einem Rest Preßkohlen ein Torsgraben und ver: kaufe 100 Stück zu 55 Pf."— y. Sprotten- und Krabbenfang. Bei H a f k r u g (Ostyolstein) sind i» den letzten Tagen gewaltige Mengen Sprotten gefangen worden. Eine einzige Wade enthielt über 60 000 Pfund. Wie ans Tönning berichtet wird, kehrten die Porrensischer bereits mit den ersten diesjähligen Krabben zurück. Ein so frühzeitiger Fang ist seit Menschengedenken nicht dagewesen.— — Ii» Beamlcnhanse der Breslau er Spritfabrik fand eine Explosion von Gr üben pulver statt. Das Pulver war in der als Brennmaterial verwendeten Kohle zurückgeblieben. Eine 70jährige Frau wurde, mit Brandwunde» bedeckt, ausgesunden; sie starb alsbald.— — In Karlsruhe ist ei» Theil der Werkzeug- m a s ch i n e n- F a b r i k Schwindt u. Co. niedergebrannt.— — Wie aus London gemeldet wird, hat ei» Mann bei der Kirche zu Shoredilch in einen Sack gebunden eine weibliche Leiche mit abgetrennten Beinen gesunden. Die Spuren des Mörders sind entdeckt worden.— — Von einen» See-Unglück, das den Walsischsänger „Navarh" in» Eismeer auf der anderen Seite der Behniigilrnße getroffen hat, berichten norivegische Zeitungen. Als das Schiff sich 120 Seemeile», nordöstlich von Point Barroiv befand,»vnrde es im Eise festgeschroben. so daß die Besatzung dasselbe in Booten ver- lassen mußte. Bald aber geriethei» auch die Boote fest, so daß man auf großen Eisschollen Ausenthall nebnie» niiibte. Dem Kapital» mit seiner Frau und sechs Mann glückte es, Capper Island zu er- reichen, aber 30 Mann verblieben bei den» Schiffe, und von diesen starben 14 Mann vor Ermaltung. Das Schiff ging kurz daraus zu Grunde und hinterließ die»och übrigen 16 Mann aus einer nackten Eisscholle, ohne irgend ivclchen Schutz und fast ohne Proviant. Aus dieser Eisscholle triebe» die armen Menschen zwölf Tage lang un»- her, bis sie endlich von einem Walfänger gerettet»vurdcn. Als sie von diesem Schiffe an Bord genommen wnrden.»var die Eisscholle nur noch 20 Quadratfuß groß. Von den 19 Männer»»varcn vier irrsinnig geivorden und der Liest»var durch Hunger und Kälte dem Tode nahe.— Berantwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag von Max Bading in Bert»».