Mnterhaltungsvlatt des Dorwärts Nr. 17. Dienstag, den 25. Januar. 1893. (Nachdruck verboleu.) 17] Allkagsloukr. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. „Denken Sie. Herr Abraham, eben habe ich meinen Bruder gesehen. Er hat sich verlobt mit einem sehr feinen Mädchen." Abraham schaute nur kurz auf und antwortete nicht. Um so mehr interessirte sich der Justizrath beim Mittag- essen für diese Thatsache. Anna möchte ihren Bruder doch einmal einladen, er wäre höchst neugierig, ihn kennen zu lerne». Abraham zog sich zu seiner Arbeit zurück, und die beiden blieben allein. Anna holte den Kaffee, und der Anwalt steckte sich eine Jigarre an. Er verfolgte jede ihrer biegsamen Bewegungen, wie sie die Maschine in Ordnung brachte, die Spiritnsflamme anzündete, Tassen vom Büffet nahm und gleich einer Hansfrau schaltete. Als sie nahe an ihm vorbei kam, ergriff er fast wider Willen ihre Hand, die in der an- genehmen Ruhezeit immer weißer und weicher geworden war, und hielt sie fest. „Sic sind für mich ein großer Trost. Anna, Sie müssen immer bei mir bleiben, das müssen Sie nur versprechen." Sie lächelte etwas verlegen, da stand er auf und küßte sie. Verschwunden waren Trauer und ruhiges Nachdenken, das hübsche Mädchen hatte über Erinnerung und gute Vorsätze gesiegt. Am Abend ließ der Jnstizrath Abraham zu sich rufen. „Ich habe Dir eine Mirtheilung zu machen," sagte er, „die vielleicht nicht allzu überraschend für Dich sein wird: ich beabsichtige mich demnächst von neuem zu verheirathen, und zwar mit Fräulein Anna." Abraham zuckte mit keiner Wimper. „In meinem Hause ist eine Frau nöthig," fuhr der An- walt fort,„und das um so mehr, als ja auch Du in zwei Jahren mich verlässest. Du gehst dann auf die Universität, und von der Zeit an ist Dein Hierherkommen immer nur ein kurzes. Ich habe durch die schweren Schläge, die mich betroffen haben, die Spannkraft verloren, um noch das Leben und Treiben der großen Welt mitzumachen. Ich bedarf der Ruhe, habe ein stilles Heim nöthig und muß jemand haben, der spät.r in meinem Alter um mich sein wird." Hier wurde seine Stimme etwas gerührt. Abraham starrte geradeaus, irgendwohin, und ant- wartete nicht. Der Jnstizrath hatte indessen aus diese Szene sich ge» , lügend vorbereitet, um durch Abraham's unhöfliches Benehmen sich nicht irritiren zu lassen. Er stand auf, ging an die Thür und rief Anna herein. „Ich habe nicinem Sohne, liebe Anna, mitgctheilt, daß wir uns Heirathen werden, und Abraham wünscht Dir seine Glückwünsche darzubringen." Abraham stand auf und reichte dem Mädchen seine eis- kalte Hand, dann ebenso seinem Vater. Ueber beide aber sah er fort, als ob er in ein fernes Land schaue. Ter Justizrath endete die peinliche, aber nothwendige Szene durch eine lange, praktische Unterhaltung mit Anna: wann und wo die Hochzeit stattfinden solle und so weiter. Abraham wurde in die Rede bisweilen hineingezogen und mußte antworten. Immer aber geschah das nur kurz und einsilbig. Als er sich endlich entschuldigte, er müsse noch eine griechische Arbeit beenden, athmelen die beiden Zurückbleibenden auf, und Acunchen deckte den Tisch für das Abendbrot. Abraham nahm das griechische Lexikon und übersetzte die Aufgabe aus dem Thukydides. Immer wieder wollten sich fremde Gedanken dazwischen drängen: Eva, der Vater, die Frenide, aber er zwang sie nieder und arbeitete. Er hatte keine Freunde, kein Elternhaus, niemanden,— nun hieß es: vorwärts auf einsamem Wege, groß werden! So groß, daß er hoch herab auf dieses elende Weltgetriebe werde schauen können. Tage und Nächte arbeitete er mit eiserner Konsequenz. Der schwache, verachtete Abraham Simon wollte emporwachsen und erstarken und mit Simson's Kraft die Säulen der jämmcr- lichsten Weltordnung niederreißen. Der Geist erstarkte und der Körper zerfiel. Wenn drei Sommer ins Land gegangen sind, werden sie ihn hinaustrage» und an Eva's Seite betten. xni. Mehr einer Tobten als Lebenden vergleichbar langte die Tante in Nizza an. Sie hatte sich zweimal auf das sürchter- lichste erkältet, konnte mit dem rechten Bein wegen eines Hefligen Rheumas nicht auftreten und sprach ganz dumpf und röchelnd. Die Freundschaft mit Jettchen war längst wieder in die Brüche gegangen, und niemand anders war an allem schuld, als dieses vertrackte und niederträchtige Mädchen, das, während die Tante zwei Stunden hinter Basel endlich eingeschlafen war, das Fenster entgegen strengstem Verbot geöffnet und hinaus« geschaut hatte. In einem Tunnel wachte die arme Tante auf, erschrak über die Finsterniß und fühlte, wie ein eisiger Luft- zug ihr direkt auf den Kopf blies. Sie war so verscblafen, durchkältet und erschreckt, daß sie erst gar kein Wort fandst als es aber gleich darauf hell wurde, sah sie, wie Jettchen, ihr den Rücken wendend, am offenen Fenster lehnte und Acpfel aß. Glücklicherweise waren beide allein im Koupee und die Tante hatte Gelegenheit, einen Wuthschwall über das gewissenlose Geschöpf zu schmettern. Man wird es nicht für möglich halten, aber Jcttchen hatte die Keckheit, sich das zu verbitten. Jawohl, zu verbitten. Die Tante war ganz entgeistert. Sie wollte sich zu einer That aufraffen, da plötzlich wurde es wieder stockfinster. Tunnels waren ihr ein Greuel. Sie hatte Angst in diesen Dingern und konnte darin nicht athmen. In Berlin und der Mark Brandenburg giebt es diese Löcher nicht, sie sind eine Erfindung fremder Länder. Speziell dieser Tunnel nahm kein Ende. Er währte nach Ansicht der alten Dame ein bis zwei Stunden und sie war nahe am Ersticken. Als es endlich licht wurde, stand Jettchen wieder wohlgemnth am Feilster und fing plötzlich an zu schreien. Die Tante stürzte hinzu und alle Haare begannen ihr zu Berge zu steigen. Mau sauste an einem Abgrunde von unermeßlicher Tiefe vorbei, fuhr die Lokomotive einen Schritt zu weit nach rechts, so lag man unten! In dem Schlund brauste ein Fknß und wohin man sah, waren riesige, fürchterliche Berge. Dabei unternahm eS Jettchcn, sich weit aus dem Fenster zu lehnen und Aepfel in den Abgrund zu lverfen! Die Tante schloß die Augen und fühlte, wie sich alles um sie drehte. So ging das stunden- lang, und Jettcheu rief bei jedem neuen Abgrund die Tante ans Fenster. Diese ivollte nicht kommen, aber sie mußte. Sie ivar wie hypnotisirt. Sie versuchte die Augen fest zu schließen, aber es ging nicht. Sie mußte, wie von höherer Gewalt getrieben, hinausblicken und das Grausige ansehen. Dann wieder kamen Tunnels, und die unglückliche Tante über« legte, ob sie die Nothbremse ziehen uud aussteigen solle."Aber was dann? Sie wäre einsam und allein an diesen Felsen« wänden verloren gewesen. Gegen Abend wurde die Landschaft friedlicher und Jettchen bekam von den zahllosen Aepfeln Leibweh. Sie stöhnte und wimmerte mit einer Zudringlichkeit, die in Hinsicht auf den Zustand der Tante skandalös war. So oft die alte Dame einschlief, wurde sie durch langgezogene Jammertöne neu geweckt, und sie, die kranke, erkältete, rheumatische Frau mußte ausstehen und oben aus dem Handkoffer für dieses abscheuliche Geschöpf Kognak holen. Ja, der beruhigte Jettchen, sie fühlte, wie ihr das gut that. „Das macht einem den Magen warm." Nun schlief die Tante ein. Sie träumte von allerlei Schrecklichem, von Kirch« thünnen, dunklen Verließen und daß sie in ihrem Schlaf« zimmer in der Jägerstraße zu Berlin liege und ein Einbrecher eingestiegen sei. Sie wollte schreien, konnte aber nicht. Endlich riß sie die Augen auf. Der Zug sauste, draußen heulte ein wahrer Sturm, eine kleine Lanipe an der Decke warf ein fahles Licht nieder. Drüben auf der Bank lag Jettchen wie eine Todte, Entsetzt fuhr die Tante aus. „Jettchen!" Aber das Mädchen, kreidebleich und schwer athniend, schlief bombenfest. Die Tante rüttelte, richtete sie aus— mit ihren schwachen Kräften!— alle» vergebens. Jettchen fiel immer wieder um, wie ein Baum. Jetzt entdeckte die Tante die Kognakflasche, diese war bedenklich leer geworden. Es war Mitternacht, der Stnrm heulte immer gräß« licher, wahrscheinlich fuhr man über Abgründe und direkt iu den Tod. So saß sie in wahnsinniger Angst und Aufregung die Nacht hindurch wach, allein, verlasse», in fremdem Lande, vielleicht in Italien, vielleicht in Frankreich, vielleicht in der Schweiz, sie hatte keine Ahnung wo. Plötzlich ging die Lampe ans. Noch einmal rüttelte sie wie verzweifelt an Jettchen herum, stieß, bat, flehte, weinte, hielt sie fest umarmt und sank schließ- lich außer sich zusammen. Es war eine Reise wie eine Höllenfahrt, und als Nizza kam und der Agent die Tante empsing, war selbst er über ihr Aussehen einigermaßen erschrocken. Vian legte sie in ein Bett, wobei alle Menschen in ganz unverständlicher Sprache redeten, lind dann endlich schlief die Aermste ein. (Fortsetzling folgt) Mvette Guilbevk trat Sonntag mittags im Apollolheater vor einem kleinen Kreis ge- ladener Gäste zum ersten Male auf. Bis zum 2. Februar iveitt die Gilbert als Gast des Apollothenters in Berlin. Als seinerzeit über die Chanson> Sängerin Frau Judic an dieser Stelle gesprochen wurde, war auch von Frau Gnilberl die Rede. Was Fran Judic für ihre eigen tbumliche Kunst in der Zeit des dritten Napoleon und in der Zeit Offenbach- scher Musik, Offenbach'schen Nebermulhs wurde, das ist Ivette Guilbert heute: die markanteste Liedersängerin des modernen Paris. Man lebte damals in lustiger Frivolität; man sagte: lebe» und leben lassen, nach uns komme das Verderben! Und so war denn das Genre Judic lustig, elegant, und die Frivolität wurde mit anscheinender Unschuldsmiene vorgetragen. Tas erhöhte die „Piknulerie". Im lief»»künstlerischen Berlin haben wir nichts, womit sich die spezifische Chanson-Kunsl der alten Kulturstadt Paris vergleiche» ließe. Wir haben mir den Gassenhauer und der ist unsagbar roh oder uu- sagbar läppisch; jedenialls kann er nicht als lebendiger Ausdruck einer Zeitstinnnnug gelten, ivie sie in der Seele großstädtischer Be- völkerung sich darstellt. Ans den niedersten Volksschichten heraus, aus dem,>vas man„die Hefe und den Abhub der Großstadt" nennt, ringt sich in Paris noch das Bemühen los, das Erlebte künstlerisch zu geslalten. Das sind Ergebnisse aller Erziehung. Ost ist es ein Stammeln, was so hervorgebracht ivird; kommt glückliche Gelegenheit n»d starke Begabung dazu, so gewinnt es mitunter echte Kniist- form; und da in Paris, dank alter Kiilturlradition, nicht jene Pedanterie vorherrscht, die bei jedem Kuiistcrzeuguiß»ach dem Paß sragt»nd dem Ding anriecht, ob es heilig ist oder profan, so ivird auch dies niedere Genre außerordentlich geschätzt, wenn es nur vollendet ist. Natürlich darf man nicht mit deutscher Hausfrauenmoral, was für jede Kunst das Albernste wäre, an das Genre der Chansons herantreten. Mit der Koketterie und frivolen Grazie der rundlichen Judic hat die schlanke Ivette Gnilbert wenig gemein. Sie ist in ihrer Art Vertreterin einer ernstere» Zeit. Der übermütbig spielerische Zng ist. gewichen; etwas Herberes, ja Böseres ist an seine Stelle getreten: der salyrische, der freche Zug, der sich bis zu heraus- forderndem Zynismus steigert. Man sieht es der Frau Gnilbert an: Hier steht ei» Weib, das viel erlebt und geistig energisch gearbeitet hat. Frauengesichter, auf denen derlei zu lesen ist, sind nicht schön oder hübsch, im glatt gesälligen Sinne. Unter der freien, von rolbeni Haar umrahmten Stirn ei» paar stechende Augen, dazu ein blasses Gesicht mit einem leidenden, manchiiial bitter trotzigen Ausdruck»in den Mund. So markant ist der satirische Grundton in der Weise von Ivetle Gnilbert. daß selbst Schelmenlieder des behaglich-gesunden, lebens- frohen Boranger bei ihr wie mit satirisch-spöttelnder Brühe übergössen erscheinen. Ob sie über Studenten schwatzt, ob sie den Monolog von Moritz Donnay über„alle Herren" und Flaneure der Großstadt vorträgt, immer bricht die zynische Frechheit durch, manchmal trifft ein Wort, wirkt eine unscheinbare Grimasse ivie�ei» Peilschenhieb. Der Begriff Frechheit ist hier nicht im engen Sinn der Zotenhasligkeit oder gar der üblichen Brettelsängerinnen-Manier zu verstehen. Die Lüsternheit der dummen Kerle kommt bei Fran Gnilbert nicht auf ihre Rechnung; der Zynismus ist, in rein geistigem Sinne gebraucht, das Wesen ihrer künstlerischen Natur. Sonst erreicht sie ihr äußerstes Rasfincnient. wie jede Meisterin, mit bescheidenen Mitteln. Im Lied, das nicht dramalisch bewegt ist. macht sie kaum eine Hnndbeivegung. Alle geistige Bewegung ist auf dem Gesicht konzenlrirt. Zur Bitterkeit, zur Schelmen-Satire, zum Zynismus gesellt sich noch ein Beiklang: ein fozial-bewegter Ton, von dem das Lied der Judic keine Spur kannte. Frau Guilbert schrieb neulich einer Berliner Freundin einen Brief, worin sie viel von dem Mitleid mit der ärmsten Kreatur sprach. Der sentimentale Brief wurde veröffentlicht; man muß ihn allerdings nicht zu ernst nehmen. Ihrer Kunst sind die Szenen ans dem Lumpenproletariat willkommen, weil ihreKnnst vom unerschrockenen Cynisinus lebt, weil ihre Zeit gewisse Dinge nüt unerbittlich natura- listischer Schärfe bloßlegt; nicht weil sie sozialistisches Mitleid wecken will. Mit einer Art innerer Wollust wirst sich diese Kunst auf das Traurigst-freche, was es in unserer Welt giebt. Die arme Verlorene, die verlonimen als alte Säuferin, ein Kindergespött, hurch die Straßen wankt, bis sie der Tod erlöst. Die Damen vom Theater, die armseligen; und die schreckhafte„Pier- reuse". die als halbes Kind schon nach den Wällen schleiche» mußte, um ihren Leib zu verkaufen, die später ihrem „Alphons"(Louis) als Lockvogel dient, um Männer zu berauben, und die endlich den Kops ihres Alphons unter der Guillotine fallen sieht: ans all diesen Tragödien aus dem Lumpenproletariat tönt ein krasser, bitter-grcller Klang; und vielleicht reiner, als in diesen tragisch-angehauchlen Szenen, kommt die künstlerische Persönlichkeit der Gnilbert i» ihren zynisch-lustigen Sachen zum Dnrchbrnch, so sehr Einzelnes in der Pierreuse durch Wahrhaftigkeit erschüttert. Ans das Gebiet der düsteren Tragik, wie in der Ballade„La GIu" kann ich mit meiner persönlichen Einpfindung der Guilbert nicht mehr folgen. So berühmt ihr Vortrag von„La Glu" ist, für mich deckt sich da Können und Wollen nicht. Zu sehr mit Satire erfüllt ist das Wesen der Guilbert, als daß sie den naiven Volkston der Ballade erschöpfte. Die Sage von dem Herzen, das der Sohn ans dem Leib der Mutter reißt, das zur Erde rollt und, als es der Sohn fassen will, wimmert: hast Du Dir wehgethan, mein Kind, kommt in der Volksliteratur in mannigfachen Variationen vor. Ueberall versinnbildlicht sie die unendlich erbar- inungsvolle Mutterliebe. Die echte, tiefe Wirkung verspürte ich für mein Theil beim Vortrag dieser Ballade nicht. Für lOülbende erhält Frau Guilbert ein Honorar von 300lX>M. Wie immer in solchen Fälle» ist dann der Eintrittspreis so hoch, daß nicht gerade diejenigen, die eine Künstlerschafl unbefangen würdigen können, in stärkerer Zahl Fran Guilbert werde» sehen können. Den Lüsternen, denen doch»>it Stücken wie„Endlich allein" oder mit den entkleideten Sängerinnen, die mit den Arme» schlenkern können»nd Kußhändchen werfen, bester gedient wäre, und die Moralischen, die»ach dein Pars»»« der Albernheit riechen und sich über die„Schamlosigkeit" gerne entrüsten, werden die Mehrheit haben; und das ist schade.—öl. Vileines Fenillekon. h. d. Taö erwachende Berlin. Im Osten. Em Ende der Straße ragt ein Gebäude breit und protzig wie ein Schloß. Ucber ihm recken sich schlanke Schornsteine in de» schiverdunkle» Himmel. Rauchwolken enlquille» ihnen, die von der feuchten nebeligen Luft zn Bode» gedrückt werden und sich in die Atmosphäre der Straßen drängen — es wird schon wieder angefeuert zur Tagesarbeit. Die elektrischen Monde flammen ans, aus den gleichmäßigen, mit einem Eisengitlcr durchzogenen Fenstcrreihe» der nackten, kahlen Mauern leuchiet das stolze Licht in die dunkle Nacht hinaus. Von allen Seiten strömen Männer und Frauen herbei. Es ist, wie wenn sie nicht rasch genug in das hohe, hellerlcuchtetc Schloß kommen könnte»— als ob sie zir einem Feste, zni» Tanze eilte» Doch das Fest, das sie in dem Schloß seiern wollen, ist kein freiivilliges, es ist ein janiniervolles, zerreibendes und zermalmendes Fest: die Arbeit. Ein gelles, iveit- hin schallendes Glockengetäule läßt sie rascher schreite». Noch wenige Minute», die Fabrikthore werden geschlossen und ein Theil ihres kargen Verdienstes gehl ihnen verloren. Die Straße, die noch vor einer Viertelstunde>»»ächtlicher Stille lag, wird von dem Ge- klapper der vielen, hastende» Schritte durchdrungen. I» der Nähe der Fabrik gehen die Gestallen langsamer, denn vor dem Thore stauen sich die heftig Zliidrängenden. Hier, im enlhüllende» Licht der elektrischen Kugeln kann inail erkennen, daß es keine festlich gekleideten Mensche» sind, die es so eilig habe», in die grell erleuchtete» Säle zn kommen. Nur wenige der Mädchen tragen einen Hut. Die»leisten haben nur ei» Tuch um die Schultern, das sie eng anziehen, denn es feuchtet, feiner, nasser Slanb liegt in der Lust und durchdringt die dünne» Kleider. Die Männer haben die Kragen ihrer alten Röcke hochgeschlagen und die zerknitterten Hüte ins Gesicht gedrückt. Sie haben keinen Schirm, um sich vor dem Regen schützen zn können, doch birgt sie ihr ab- geschabter Mantel besser vor der Feuchtigkeit, als das Tuch die Frauen, denen die flüchtig hochgesteckten Haare getränkt und zerzaust werden. Nirgends sieht man eine Rothe in den Gesichtern. Alle sind bleich und grau. Aus ihren von Arbeit und schlechter Luft gerötheten Augen blicken sie finster und trübe. Die jungen, kuabenhasteil Burschen, die zwischen den zittrige» Greisen gehen, sehen ebenso hohlwangig und greisenhaft vor sich hin, wie wenn sie schon ein Leben voll Sorge» und Gram durchkämpft hätten.... Vor dem Hausflur eines der gradlinigen Hausriesen, die die Straße umstehen, lehnen mehrere junge Burschen. Sie rauchen Zigaretten und rufe» die vorübereilenden Mädchen an. Sie sind arbeitslos und haben es heute»ichl nölhig, nach der Fabrik zu haste». Ehe sie ausgehen aus die Jagd nach Arbeit, erzählen sie einander einiges. Fort und fort treten neben ihnen ans der offene» Thür Männer und Frauen, die nach der Arbeitsstätte eile». Auch schmalbrüstige, magere Kinder kommen heraus. Sie tragen ein Körbchen oder eine Tasche am Arn«, und einen braunen Topf n, der Hand. Mit gebeugtem Kopf und zusammen» gezogenen Gliedern eilen sie nach dem dürftig erleuchteten Lade», der an dem Ende der Häuserreihe neben einem Bauzaun liegt, aus dem die rothe Laterne ivie eine offene Wunde leuchtet.— Ueber den glitschigen, zertretenen Boden am Neitban koniint eine alte Frau. Mit fchlotternden Beinen steigt sie über die Unebenheiten himveg. Ihr spärliches Haar streicht sie ab und zu mit zitternden vertrockneten Händen nuS dem verwitterten, verarbeiteten(Sncht. Ihr ausgefranztes, löcheriges Tuch deckt kaum die zerschllsseneu, viel- fach geflickten Röcke. Schlürfend gehl sie in alle», ausgehelenen Halbschuhen an den Häusern entlang, bis an den Hausflur, vor dem die Burschen stehe». Einer tritt vor:„Na Mutter, haste wieder bis jetzt abwaschen müssen?" „Ach, jeh man! Mach man, deß de Arbcet find'st!" „Jadoch— jleicy!— Wal hafte de»» niitjebrachl?" Er fährt mit der Hand in die alte Bastlasche. „Na;- die alte Frau hält die Tasche zu:„Wenn Du heute Mittag nach Hause kommst un hast Arbeet. kriegfte'» Sticke Schmor- braten. Et sind aber allerlei Rester, Rehbratcn, Schweinskeule, falschen Hasen—" „Na wehßte..." „Na, wat soll ick weiter mitbringen?— Wat anders lassen se nich uss de Teller, als lauter klecne Sticken... Nu mach man, un jeh!" „In. ja!* Die Alte sieht ihrem Jungen nach, wie er, die Hände in den Taschen, mit großeit Schritten davongeht.--- Theater. Das Zentral-Theater nennt seine jüngste Novität „Die Tu g e n d s a ll e". Würde man hinter dem Titel etwas Neues vermuthen, so wäre mau im Jrrlhnm.„Die Tngendfalle" ist das alte„Berlin, ivie es sich ainüsirt", die Posse, die sich im Zentral- Theatcr ewig gleich bleibt»ud für die von den Hansdichlern Freund und Maniistädt nur aktuelle Konpleteinlagen besorgt werden. Wie dankbar ist das Publiknin für jede politische Anspielung; ivie demonstrativ wurde ein harmloser Vers zum Fall ttöppen aufgenommen. Leider bewegt sich unser Konplet im all- gemeinen iveit mehr aus dem Gebiet von Theaterangclegen- Heiken und ähnlichen„Stadtgesprächen"; und die politische Satire wagt sich ans bekannten Gründen nicht hervor. Etwas wie Handlung verlangt man von der Posse des„Zentral-Thcaters", die in einzelne Schaustücke und Auszüge buntfarbig kostttmirler Mädchen zerflackert, nicht mehr. Auch in der Tugendfalle geht nichts vor. Ein reicher Sonderling setzt in seinem Testament denjenigen zum Erben ein, der nachweisen kann, daß er in reiner Unschuld gelebt habe. Schon glaubt der ewig kalauernde Berliner Zippa(natürlich Herr Thomas) die Erbschaft iür seine Tochter, die init 17 Jahren so thut. als glaubte sie au den Storch, gewonnen zu haben: da meldet sich ein Jüngling vom Lande, ein wahres Tugendmuster ans Mecklenburg als entfernter Verwandter des Verstorbenen. Der Spaß dreht sich nun darum, den jungen Düminling noch in letzter Stunde z» verführe». So wird er den» durch ein paar„Vergnügungslokale mit zarten Damen" geschleift. (pa fait toujonrs plaisir, das macht immer wieder Spaß, singt Frau' Guilbert; und ein Theil des Berliner Publikums denkt von der Posse im Zentral-Theater ebenfalls so. und es machte ihm Spaß, die Herren Verfasser, den Direktor, den belieble» Worlivitz-Heldcn Thomas, die drollige Tänzerin Minnie Caß und die Soubrette Paula Worm nach jedenr Akt hervorzurusen.— Musik. —er— T h a l i a- T h e a t e r. Zu den älteste» Possenreqnisiten gehört die fabelhafte itlchnlichkeit zwischen Zwillingsgeschivistern. Das Lachen, welches den Menschen dies Natnrspiel und die daraus entstehende» Komödien der Irrungen seit den ältesten Lnstspielzeilen entlockte», brach auch gelegentlich der letzten, im Thalia-Thealer aufgeführten Variante des Themas aus, die sich„ N i n c t t e»'s Hochzeit" nennt. Das Zwillingsbrüderpaar Dupret besteht aus einem spießbürgerlichen Weinhändler Pierre und dem leichtlebigen Sergeanten Armand. Durch die nur im ulkigsten Possengenre mögliche Zerstreutheit des Bürgermeisters erhält der gute Pierre, der eben mit der kleinen Ninette Hochzeil machen will, eine Einqnarlirung, ivelche eigentlich dem Hause des Bürger- meisters zugedacht ist. Unter der Mannschaft befindet sich selbstvcr- ständlich Don-Jnan Armand, der von der Koinpagnie nach dem trau- lichen Heiin einer kleinen Modistin abziveigr und nun in seinem durch die Androhung des Wachtmeisters erschreckten Bruder, Armand liefe durch seine Abwesenheit Gefahr, erschossen zu werden, recht unfreiwilligen Ersatz findet. Als nuu Armand durch seine Aehnlich- keit mit Pierre von der Braut und aller Welt für diesen gehalten wird, der wirkliche Pierre jedoch auch ans einige Viertelstunde» nach Hanse kommt, entsteht ei» tolles Durcheinander von komischen Mißverständnissen und derbe» Unwnhrscheinlichkeilen, das»niiier wieder die Heiterkeit hervorlockle. Warum der Verfasser, Herr Julius Horst, die Bescheidenheit besitzt, auf dem Zettel anzugeben, daß er blos»ach Charles de Berger gearbeitet habe, verstehen wir nicht recht. Stein, das ist nicht der halbe, das ist der ganze Fran- zose, der i»it traditioneller Bühiienhexerei alle Möglichkeilen aus den Kopf stellt und dem Lachen über den Unsinn keine Zeit zur kritischen Ueberlegnng gewährt. Doch„Ninetten's Hochzeit" ist ja „Operelte" genannt,»nd die Musik rührt von einem Herrn v. Thul her. Auch er hat die Tugend, sich und seine kleinen Erfindungen an graziöse Vaudevillemeistcr anzulchnc». Seine Walzer, Märsche, Ensemblesätze und lyrischen Ergüsse sind mit sympathischer Erinnerung an gute Muster gearbeitet und vermeiden ängstlich, eine aufregende Eigensprache zu führen. Für die dankbare Doppelrolle trat Herr Sachs mit voller, komisch charaklerisirender Natur ein; Herr- Ewald(Wachtmeister) ist ein Konplelsänger guter Wiener Schule, und die Tanten T Heren(Ninette) und Boje singen, spielen und tanzen mit der schätzbaren Vielseitigkeit ihrer Talente.— Knnst. — Plakat-Wettbewerb. Für die deutsche Kunst- ansstellnng zu Dresden im Jahre ISgg ist ein farbiges Pl a ka r herzustellen, das in wirksamer Weise ans diese ausmerksain machen soll. Die Größe der Entwürfe soll in der Hauptausdehnung zwischen 80 und 100 Zentimeter betrage», die Entwürfe müssen so ausgeführt sein, daß sie unmittelbar vervielfältigt werden können. Es werden nicht mehr als fünf Platten ausschließlich der Umriß- platte gewünscht. Die Inschrift hat zu laute»: Deutsche Kunst» ausstellung Dresden 18gg im städtischen Ausstellungspalaste 1. Mai bis lö.Sevtember. Verliehen iverde» zivei Preise von 330 und 300 M., wofür das Eigcnthnm»nd das Recht der Vervielfältigung der beiden Entwürfe an die Ausstcllungskommission übergeht. Der Wettbewerb erstreckt sich ans deutsche Künstler. Die Entwürfe sind mit Nenn- wort und glcichbezeichiietcm verschlossenen Briefumschlag, der den Namen des Bei fassers enthält, bis 1. April 1838 an die Aus- stellnngskommissio», Dresden, k. Kunstakademie, Brühl'sche Terrasse, zu senden.— — Der englische Bildhauer Watts hat dem Staate seine große die„Kraft" darstelleiide Reiterftatue zum Geschenk gemacht. Sie wird a>if Kosten des Schatzamts in Erz gegossen und im Hydepark aufgestellt werden.— Ans der Vorzeit. — Namen und Art der Urbevölkerung des Rhein- t h a l e s war bisher»uter den Gelehrten streitig. Die Frage scheint nun in eine neue Phase einzutrete». An der Hand der nn letzten Jahrzent zwischen Neustadt a.H. und Worms gemachte» neolilhischen Grabfunde, und zwar mit besonderem Bezug auf das Wormser Grabseld hat Pros. Mehlis im„Korrespondenzblalt der deutschen Geschichts- und Alterthumsvereiue" daraus Hingewiese», daß als die ältesten Ansiedler im Rheinlande Stämme der L i g u r i e r an» zunehmen seien, die von der Rhone und Saone aus durch die burgundische Pforte das Rheinthal besiedelt hätten. Prof. Mehlis machte im Okwber und November vorigen Jahres eine Studien- reise nach Italien, um dort aus dem Studium der prä- historische» Gräber Ober- und Mitlelilaliens Stützen für seine Ansicht zu gewinnen. Er ivar, ivie die„Straßb. Post" schreibt, überrascht, in Rom im Museum Kircherianum die ausgesprochenen Seiteustücke zu den mittelrheiuische» Gräbern der neolithischen Zeit zu finden. Beide Serien, die eine von dem Ufer der Riviera, die andere vom Rande des Hardtgebirges, gleichen sich ebenso sehr in der Gestalt der Schädel, i» der Größe der Körper, in der Lage der Skelette(Hocker), wie i» der Art und der Beschaffenheit der Bei» gaben, dem Ornament der Gesäße, der Form der Steingeräthe, der Mahlsteine, der Farbenbeigaben k. Während sich die ligurischen Funde über ganz Oberilalien erstrecken, lassen sie sich im Rhein» gebiet bisher nur ans der linken Thalscite von Basel bis Mainz verfolgen und treten weiter nördlich im Rheiugau bei Wies- baden und an der Lahn bei Sleetcu noch ans. Der Direktor des anthropologischen Jnsiiluts zu Rom, Professor Sergi, hat sich bereits der Ansicht von Professor Mehlis angeschlossen. Die Ligurier-Einwanderuug im Rheinlhale wurde zudem nicht nur durch geographische, anthropologische und archäologische Erwägungen bewiesen, sondern auch durch linguistische Nachweise gestützt, welche die letzte Arbeit Pros. Wilhelm Deecke's, erschienen im 10. Jahrgange des„Jahrbuches für Geschichte, Sprache und Literatur Elsaß- Lothringens", im einzelnen bringt. Der wissenschaftliche Nachweis wird i» einer im Laufe des Souuners im„Archiv für Anthropo- logie" erscheinenden Spezialarbeit geführt werde».— Mit Dcecke ist Mehlis der Ansicht, daß der größere Theil der dunkeläugigen, braun» bis schwarzbnarigeu Bevölkerung von Elsaß und in der Südpfalz auf alle ligurische Abstaninrnng zurückgeht, während im südlichen Schwarz- wald und in der Ostschweiz die Nachkommen der alte» Nhaetier noch seßhaft sich finde».— Physiologisches. ie. Merk würdigeGesichts-Halluci Nationen. Zu den merkwürdigsten Störunge» der Sinneslhätigkeit gehört ohne Zweifel die Hemiauopie, die Halbsichligkeit, bei der auf beiden Augen des Menschen eine Hälfte des Gesichtsfeldes unsichtbar wird. Die Entstehung dieser dopvelscitigen Erscheinung hängt mit der theil- weisen Kreuzung der Sehnerven beim Menschen zusammen. Man hat schon früher als Begleitung dieser Erkrankung subjektive Gesichlstänschnngen beobachtet, niemals aber bisher ist über solche Hallncinationen ein so reiches Material gesammlt worden, wie es Dr. Harris in dem neuesten Hefte der englischen Fachzeitschrift„Brain"(Gehirn) veröffentlicht. Einer der Patienten von Dr. Harris hatte während des Zustandes der Halbsichligkeit für einige Minute» die Erscheinung von Menschen und Pferden, die sich in einer rölhlichen Atmosphäre bewegte»; diese Erscheinung war durchaus auf den blinden Theil des Gesichtsfeldes beschränkt. Ein anderer sah in dem blinden Felde einen Man», der auf seinem interkopfe stand und dabei zwei brennende Kerzen in den änden hielt. Ein dritter, der nur an rechtsseitiger Halb- sichtigkeit litt, wurde 10 Tage lang von der Erscheinung von Menschen, Fliegen und alle» möglichen Insekte» heimgesucht; anfangs ernannte et deren Univesenheit, nach ei» paar Tagen aber glaubie er, diese Erscheinungen wären wirklich vorhanden. Die Gespenster vor seinen Arigen ivurden immer häufiger, so daß er alle Schränke und Ecken seiner Wohnung nach ihneu durchsuchte. Ein anderer Fall von Halbstchtigkeit mit Hallucinationen trat bei einem Manne auf, der plötzlich die Sprache verlor, falsche Worte gebrauchte und die Dinge um ih» herum nicht mehr zu nennen wußte. Während eines erneuten Anfalles von jeweiligem Sprachverluste bemerkte er plötzlich, daß sich beim Lesen sein Gesicht verwirrte und die Buch- fiaben durcheinander gingen, weiterhin fiel eS ihm auf, daß er nach der rechten Seite nicht mehr gut sehen konnte»nd beim Uebergang über Straßen nach dieser Seite hin Zusammenstößen ausgesetzt war Dann stellte» sich auch Hallucinationen von Thieren und Gesichtern ein, die sich von links nach rechts bewegten. Abgesehen von der örtlichen Ursache, welche diese Sinnestäuschungen im Gehirn habe» müssen, kann»mn sich auch sehr ivohl vorstellen, wie dieselben durch die lvahnsinnige Erregung hervorgerufen werde», wen» der Mensch plötzlich einen sich au ihm vorbeibewegenden Gegenstand mitten vor seinen Augen verschwinden sieht. Es scheint ganz natürlich, daß die Phantasie die Bewegung dieses Gegenstandes in das blinde Gesichts« selb hinein fortsetzt.— Aus dem Thierlebe». t. UeberwerthvolleJnsektenerzeugnisse handelte ein am Ende des verflossenen Jahres gehaltener Vortrag von Dr. Howard vor der Vereinigung siir ökonomische Jnsektenknnde in den Vereinigten Staate». Es war in demselben jedoch nur die Rede von denjenigen Insekten, welche werthvolle Farbstoffe, Lack und Wachs(mit Ausschluß des Bienenwachses) erzeugen. Unter den Farbstoffen nimmt bekauutlich das Produkt der Kaktus- schildlaus unter dem Namen Cochenille den ersten Platz ein. Dieses Insekt, dessen Farbstoff schon seit sehr langer Zeit vom Menschen benutzt wird, gehört zu der Familie der Schildläuse und lebt ans den Blättern der Kaktusgattung Opuutia; in Mexiko, Mittel-Amerika, Nord-Afrika, am Kap und auf den Kanarischen Inseln wird das Thier gezüchtet und auch aus da? südliche Europa hat sich die Zucht zeitweilig ausgedehnt, ohne dort jedoch rechten Boden zu finden. Der schöne rothe Farbstoff diese? Insekts hat in letzter Zeit sehr verloren durch die Her- stellung der Anilinfarben aus dem Steinkohlentheer. Daffelbe gilt von der Benutzung des Johannisbluls, einer Purpurfarbe, die man früher aus der sogenannten polnischen oder deutschen Cochenille gewann, einer Echildlaus von scharlachrolher Farbe, die besonders in Rußland und Polen, stellenweise anch in Deutschland vorkommt und an den Wurzeln des Habichtkrautes, des Blutkrantes und einiger anderer Pflanzen nagt. Eine weit größere Bedentung haben noch heute diejenigen Insekten, welche Lack erzeugen. Unter diesen steht an erster Stelle die Gummilack- Schildlans, die auf Feigenbäumen lebt»nd durch ihre» Stich das Ausfließen der zähen Masse verursacht, aus der sänimtlicher Schellack, Siegellack und Knopflack des Handels hergestellt wird. Diese Jnsektenart ist in Asten und besonders in Ostindien heimisch. Howard macht aber darauf aufmerksam, daß in den südwestlichen Gebieten der Ver- einigten Staaten ans der dort sehr gewöhnlichen Krevsotstaude ein verwandtes Insekt lebt, das ebenfalls Lack erzengt, der aber vorläufig noch kaum verwerthet worden ist. Dieses Insekt ist der Wiffenschaft überhaupt erst seit I8Sl bekannt, dagegen kannten die Indianer lange vorher den Wert ihrer Erzeugnisse. Sie smnmelle» den Lack dieser Läuse und kneteten ihn zn mehr oder rveniger«lastischen Kugel» zusammen, besonders wurde dies Ge- schüft von den indianischen Schnelllänfern betrieben, welche diese Lackkugeln mit dem Fuße vor sich her stießen, wenn sie von einem Orte zum anderen reisten. Der dritte Stoff von Handelswerth, der aus solchen Insekten zu gewinnen ist, ist ein reineS weißes Wachs, welches durch Echildlausarien in China, Japan und Indien aus- gesondert wird. Wegen seines hohen Preises und wegen der vielfache» Ersatzmittel gelangt dieses Wachs nur selten nach Europa, im fernsten Orient dagegen wird es sowohl sür Wachs- kerzen als anch i» der Heilkunde viel benutzt. Das chinesische Wachs soll eine zehnfach stärkere Leuchtkraft besitze» als andere Wachssorlen. es ist ein schönes weißes Wachs von durchsichtiger Farbe und gleicht in seiner chemischen Zusammensetzung mehr dem Bienenwachs als den aus Pflanzen gewonnenen Wach-arte». Anch von diesen In« sekten wird jetzt auf einige noch kaum bekannte Arten im südwest- lichen Nordamerika hingewiesen, welche dort auf verschiedene» Eichen- forte» leben. Die Amerikaner glauben, daraus einen Stoff für die dort herrschende Sitte des Gummikauens zu gewinnen, da dieses Wachs Aehnlichkeit mit Guulini besitzt, aber einen besseren Geschmack auuinunt als dieser.— Astronomisches. — Aus Kalkutta wird unterm 22. Januar berichtet: Die Beobachtung der heutigen Sonnenfinsterniß ist auf allen Stationen unter günstige» Umständen und bei ausgezeichneten atmosphärischen Verhältnissen verlaufen. Obgleich über die erzielten Ergebnisse noch keine ausreichende Feststellung möglich ist, so ist doch schon gewiß, daß dieselben sehr werlhvoll sind. In Bukar währte die totale Verfinsterung der Sonnenscheibe eine Minute»nd dreißig Sekunden. Zahlreiche Gruppen von Europäern begaben sich in fünf Eonderzügen nach diesem günstigen Beobachtungspnnkte. Von den Eingeborenen in verschiedenen Theile» Indiens wird das Himmels- ereigniß als eine Vorbedeutung des Sturzes der britischen Herrschaft aufgefaßt; doch sind nirgends Ruhestörungen vorgekommen. In Benares, Kalkutta und anderen Hanptplätzen waren unabsehbare Menschenmengen nach den Ufern des Ganges gezogen und badeten während der Sonnenfinsterniß in den Wassern des heiligen Stromes. Nach einem Telegramm aus Dumons sind die dort ausgesührlen photographischen Aufnahmen mit ausgezeichnetem Ergebniß vor sich gegangen. Während der Totalitätsperiode war 7 gute Bilder der Sonnenkorona erzielt. Der ganze Vorgang wurde als ein Herr- liches Schauspiel, das in den Gemüthern der Zuschauer ein Gefühl bange» Schauers und Staunens hervorrief. Aus Talni in Indien wird über die Ergebnisse der dort von E. W. Maunders und C. Thwaites angestellten Beobachtungen berichtet, daß die allgemeine Beschaffen- heit der Korona gleich der bei den Verfinsterungen von 1896 und 1886 beobachten war. Am größten erschien die Korona am Sonnenäquator. Es gelang mehrfache, ziemlich große Bilder der Korona zn erzielen. Die Beobachtung des Spektrums der Chromosphäre und der Protuberanzen geschah erfolgreich mittels eines Opernglases, in dessen einem Okularstncke ein Prisma angebracht war. Anch von den Spektren wurden gute Photographie» geivonnen. Mr. Eversted photographirte auch das Spektrum der Proiuberanzen mittels einer prismatischen Kamera und eines 6-Zoll'Teleskops. Eine Gruppe von Beobachtern war auch vom College of Science in Poona unter Führung des Professors Nägamvala eingetroffen; anch das Lick-Obfervatoriiim in Mount-Hamilton(Kalifornien) halle eine Abordnung unter Professor Campbell entsandt. Beiden Gruppen gelangen vorzügliche Beob- achlungen bei ganz klarem Himmel; ihre Angaben stimmen mit den von Maunders und Thwaites berechneten Ergebnissen überein. Anch eine Gruppe unter Rev. I. M. Bacon bestätigt, daß während der Totalitätsperiode die Beleuchtung heller als bei Voll- mond war.— Hunioristisches. — Er und Sie.(Ans dem Uebnngshefte eines Berliner Neulöners.) ?" „Wie?" ??" „Nein!"— n» IT* „Dein!"--- — Ein Eanskulotte. Während der Aufführung von „Lola'S Kousin" im Theater in der Joieistadt in Wie» ereignete sich unlängst ein Zwischenfall. Ei» Schauspieler, welcher die Rolle des dicke» Gendarmen innehat, wird i» der Pantomime an einem Haken in die Höhe gezogen. Bei dieser Prozedur riß die Hose des Gendarmen, nnd zwischen Bühne und Schnürbode» hing ein Mann — ohne Beinkleider. Ein Lachslurm segle durch den Saal. Der Darsteller konnte sich von dem Haken nicht losmachen, die Situation war für ihn ein« höchst ungemnthliche. Die Theaterarbeiter hinter der Szene, die von den„Enthüllungen" keine Ahnung hallen, zogen den Manu auf und nieder am Haken und immer tiefer sanken die Hosen. Endlich bemerkte man den Unfall und gab ein Zeichen, worauf der Schausp>eler Gelegenheit saud, sich loszulösen und hinter die Kouliffen zu flüchten.— Ber»»ischtes tiom Tage. y. Das deutsche Schiff„Else", das am 17. Dezember v. I. von Savannah nach Rotterdam abging, ist bei Maaslatke ge» strandet. Der Kapitän und der S t e u er in an n sind er- trunken, die übrige Mannschaft befindet sich noch an Bord des Schiffes.— — In der Konkord ia-Grube zn Zabrze wurde em Schlepper durch den elektrischen Strom getödtet.— — Beim L a» d e s r a b b i» e r in Brünn erschien eine Depu- tation im Rainen von 70 katholischen und czechischen Bauern- familien aus Schreibendorff und Bukoivitz mit dem Ansuche», sie i» de» Verband des I n d e n t h u in s aufzunehmen. Die Mit- glieder der Deputation erklärte», mit allen Vorschriften des Juden- thums einverstanden zu sei», sie wollen jedoch aus Ersuchen des Rabbiners nochmals mit ihre» Genosse» spreche». Auf de» Rad- biner machten die Leute den Eindruck, daß sie«ine Sekte bilden wollen.— — Die unentgeltliche Verbrennung wird sich im Kanton B a s e l st a d l nun anch der seit 1386 bestehenden uuent- geltlichen Beerdigung für die Einwohner anschließen. Ein ent- sprechender Betrag ist bereits in das Budget für 1698 ausgenommen. Das Krematorium, das mit einem Kostenauswand« von 33 000 Fr. aus Staatsmitteln erbaut wurde, ist bereits in Betrieb gesetzt.— — Eine bettelnde Königstochter. In Rouen sprach vor einigen Tagen eine Tochter des einstige» Königs von Dahomey, B e h a n z i n, bei der Armenverwaltung vor und bat um eine Unterstützung.— — Bei N i k o l s k o j e wurde ein W a ch t p o st e n des 6. oft- sibirischen Schützenbataillons von einem Tiger davongeschleppt, zerrissen und a u s g e f r e s s e n.—__ Verantwortlicher Redakteur: August Jncobcti in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.