Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 23. Mittwoch, den 2. Februar. 1398. (Nachdruck verdoten.) 881 Nllkassseuke. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. „Ruhe!" rief der Agent. „Ter Bräutigam darf doch keinen Toast ausbringen," meinte Herr Baum und lachte. „Ich bitte nm's Wort," sagte Richard. Er suchte nach Worlen und fand sie nur mühsam, bis allmälig seine Zunge freier wurde und erregt die Sätze herausstieß. „Ich möchte den anwesenden Herrschaften nur einiges heute sagen, weil es mich dazu drängt. Namentlich um meiner Braut willen--" „Frau!" sagte der Agent. „Meiner Frau willen. Meine Fran ist von besserem Stande als ich, aber Menschen sind Menschen, und die Haupt- fache ist, daß man sich lieb hat—". '„Bravo I" Herr Baum war begeistert. „Meine Frau.gehört jetzt zu mir, vor ihr brauche ich meinen Mund nicht zuzuhalten, denn sie gehört nicht mehr zu ihrer Familie, sondern zu mir. Meiner Frau Familie glaubt, ich sei zu gering für sie, aber ich werde ihr das zeigen, jawobl?" Er schrie förmlich, Klara klammerte sich an ihn, und Hedwig war bleich geworden vor Schreck. „Wer es hören will," fuhr er fort,„kann das erfahren. Bon klein habe ich mich emporgearbeiter und habe gelernt, was es nur zu lernen giebt: Französisch, Englisch und noch vieles mehr. Bin ich deshalb zu schlecht? Etwa zu schlecht? Wer will das behaupten?!" Klara stand auf und suchte ihn nieder zuziehen:„Richard, ich bitte Dich, schweig." „Laß mich reden!" herrschte er sie an, und fügte dann ruhiger hinzu:„Ich sage das nur um Deinetwillen, liebe Klara." Sie setzte sich nieder und klammerte ihre Hände in das Tischtuch. „Ich habe das alles erst jetzt erfahren," fuhr er fort, „vor allem das von meinem Schwager, Herrn Klaus Hönisch, diesem Herrn, dem hier meine Hochzeitsgesellschaft nicht gut genug ist, dem seiner eigenen Schwester Hochzeitsgesellschaft nicht gut genug ist, der hingeht und ein Mädchen sitzen läßt, weil sie nicht Geld hat oder nicht genug hat, und die sich dann todtfchießt. Dem bin ich nicht gut genug?!' Er hieb auf den Tisch, daß die Gläser klirrten und um- stürzten, aber da kam sein berufsmäßiges Orduungsgefühl nlerkwnrdig dazwischen und er griff hastig nach den Gläsern und stellte sie wieder zurecht. Es entstand eine unheimliche Stille, bis Herr Baum als überlegener Mann und Patron des Bräutigams in die Sache eingriff. „Weißt, Schani, sagte er, ich meine, nun ist davon genug geredet. So was soll nicht sein, und ich will da» nicht. Rede jetzt so dergleichen nicht mehr." Richard schnappte mit den Lippen nach einer Antwort, aber er bezwang sich. Herr Baum sah auf einmal so feierlich und düster und herrenmäßig aus, daß sein Untergebener trotz aller Trunkenheit den Respekt fand. Klara's Blicke irrten hin und her, von ihrem Manne zu dem Sprecher und zurück, dann sah sie Richard sich niedersetzen, und in diesem Moment wurde ihr zum ersten Mal recht klar, daß der kleine fette Herr da drüben ihr und ihres Mannes Brotgeber und Prinzipal sei, und daß ihr Mann nicht den Muth fand und finden durfte, ihm zu widersprechen. Jetzt stand Herr Baum auf, sah nach seiner goldenen Uhr und erklärte, es sei für ihn hohe Zeit heim zu gehen. Er nahm etwas förmlich Abschied, denn er war zioar ein guter Kerl, glaubte aber nach seiner wirkungsvollen Strafrede eine ernste Haltung beibehalten zu muffen. „Also morgen Mittag, Schani, bist im„Genna". Loa. Nun wünsche ich der jungen Frau und allerseits eine gute Nacht." Die Kellner sprangen herbei und legten dem Genua-Baum mit großer Ehrfurcht seinen Mantel um. Als er fort war, versuchte der Agent noch einige Zeit die Gesellschaft im Gange zu halten, indem er viele Thierstimmen nachahmte und in höchst mangekhasler Weise einen Bauchredner imitirte. Hedwig saß still und niedergeschlagen, und nur Asnnchen war fiir den Agenten und seine Späße ein dankbares Publikum. Schließlich brach man auf. Die beiden Schwestern lagen sich lange in den Armen und schluchzten beide leise, was niemand von den andern recht begriff. Dann nahmen sie Ab- schied. Ter Agent zog Aennchen rechts und Hedwig links an den Arm, entlieh von Richard drei Mark für die Nachtdroschke und beförderte seine beiden Damen in Instiger Manier nach deren Wohnungen. Er fand diese nächtliche Fahrt mit zwei reizenden jungen Damen entzuckend und hatte allerlei Spaße, die Aennchen ebenso sehr begeisterten wie sie Hedwig noch scheuer machten. Daß junge Paar hatte eine kleine Wohnung in der Borsig- straße gemiethet. Die Zimmer waren in ivenigen Tagen mit Möbeln ausgestattet und heute in der Frühe von Hedwig mit Blumen ausgeschmückt worden. Die Tische und Stühle, der Spiegel und die Schränke waren alle hübsch gearbeitet, Fabrik- waare, die nicht allzuviel taugt, die aber äußerlich einen gesälligen Eindruck macht. Die Aufwartefrau, die man gemiethet hatte, war natürlich nicht mehr anwesend, aber die Lampe brannte, der Ofen war hübsch warm, Hedivigs Hpacinthen dufteten, und auf dem Tische stand die prachtvolle Theemaschme, die Anna, das heißt der Justizrath, dem jungen Paare als Glanzstück in dem HaushaU geschenkt hatte. Das alles war fast schöner und reicher als Klara's bis- heriges Heim, und Richard seinerseits fand die Wohnung groß- artig. So war denn Klara Hönisch in den Hafen der Ehe eingelaufen. Ein Meer von Häusern lag zwischen ihr und der Mutter, ein Meer auch zwischen der Vergangenheit und der Zukunft. XVII. Es ist ein merkwürdiges Ding, wenn jemand von der Gntmüthigkeit anderer zu leben hat. Schani-Richard führte wahrhaftig kein leichtes Amt, aber sein Lohn wurde ihm nur in Gestalt von Trinkgeldern ausbezahlt, und daß gerade jetzt der„Verein gegen die Trinlgelder" immer weitere Dimensionen annahm, traf ihn und seine Kollegen nicht ganz unempfindlich. Sein Hauptthema daheim war dieser Verein, und erst ans diesen erbitterten Reden erfuhr Klara, daß ihr Mann kein festes Gehalt bezog, sondern aus die Geschenke der Reisenden angewiesen war. FrüherhättedieseEntdeckungihr sehrweh gethan, jetzt setztesie sich darüber bald hinweg. Es kam wiederholt vor, daß es ihr an barem Geld fehlte, und Richard hatte mit der Abzahlung der Möbel, der Miethe, der Hochzeitsunkosteu, seines Schneiders und anderer Leute so viele Ausgaben, daß er mit dem besten Willen für den Haushalt nicht viel erübrigen konnte. Er selbst empfand das auch nicht sonderlich hart, denn von früh bis spät hatte er sein freies und gntes Essen im Hotel, und Klara klagte nicht, wenn sie Tage hindurch sich in kümmerlichster Weise nährte. Schlimmer als das war diese tödtliche Einsamkeit. Richard kam Tag für Tag erst spät nachts heim, todtmüde, oft in schlechter Laune. Früh um fünf Uhr ging er bereits wieder von Hause fort, und dieses anstrengende Leben spannte ihn ab und schadete seiner Gesundheit ersichtlich. Bisweilen, wenn es allzuviel zu thun gab, kam er gar nicht heim, sondern schlief im Hotel. Dann fand sie sich in der Frühe bei ihm ein und durste zusehen, wie er— um sich vor seiner Frau zu zeigen— die kleinen Kellner in Trab brachte und ihre verschlafenen Augen hell machte. Das erste Mal. als sie ihn im Speisesaal traf im schwarzen Frack, die Serviette über dem Arm, war e» ihr gewesen, als wenn alles Männlich«, Tüchtige, was sie um ihn zurechtgewoben hatte, wie Spinnwed zerstatiere. Aber auch daran hatte sie sich bald gewöhnt, und sie mußte sich eingestehen, daß Richard ein fleißiger, tüchtiger Mensch sei, der einen ehrenwerthen Beruf mit aller Anstrengung ausfüllte. Wenn nur diese Einsamkeit nicht gewesen wäre! In dem kleinen Hanshalt war wenig zu thun, und die Aufwarte« fran hatte sie abgeschafft. Die Wäsche besorgte sie selbst, und da ihr Mann stets in tadellosem Leinenzeug sich zu präsentire» hatte, gab es damit Arbeit in Fülle. Aber doch blieben zahl- lose Mußestunden, namentlich abends und nachts, wenn sie auf ihren Manu wartete. Sie holte sich ans der Leihbibliothek Romane, was die Gcheimräthin ans einem ihr eigcnthümlichen spartanischen Grundsätze nie gelitten hatte, und diese fremde, schillernde Welt der Bücher weckte in der einsamen Frau nie gekannte Gedanken. Sie begann zu vergleichen, ihr einförmiges, sreuden- loses Leben mit den romantischen Schicksalen der Bücher- Heldinnen; glücklicher machten die Bücher sie nicht. Die dicke Nachbarin, Frau Ohnesorge, schickte ihr nach- mittags das Tageblatt herüber, und bisweilen fand sie darin bekannte Namen: daß Alma v. Bardewitz sich mit einem Leutnant von den Lünebnrger Dragonern verheirathet babe, daß der General v. Böck erkrankt sei, daß die kleine Lena v. Böck bei Hofe vorgestellt werden solle. Diese kleine Lena ivar immer ein niedliches Ding gewesen, acht Jahre jünger als Klara, aber die beiden hatten sich immer gut verstanden. Nun traf sie Lena ein- mal Unter den Linden und beide sahen sich groß an. Freilich nur einen Augenblick, dann war Fräulein v. Böck vorbeigegangen. Bisweilen in der ersten Zeit kam Hedwig und berichtete, Klaus habe sich nun endlich mit der reichen Wittwe ver- heirathet und sei mit der in Italien, Mama leide an Asthma, und die reiche Schwiegertochter würde wahrscheinlich Mama und Hedwig freie Wohnung in einem ihrer Häuser in der Lindenstraße geben. Aber inimer seltener kam Hedivig, und eines Tages traf eine Karte ein, auf der milgerheilt wurde, daß Herr Kaufmann Gustav Brück, Lieutenant der Reserve im 16. Jnfanterie-Rcgiment, sich mit Fräulein Hedwig Hönisch, Tochter der Geheimen Regiernngsräthin Franziska Hönisch, geborenen v. Böck, verlobt habe. (Fortsetzung folgt) (Nachdrua verboten.) Srhnellphokograplzie. Wenn man ein Bild gewinnen will von dein raschen Tempo, in dein die Entwickclung unseres Jahrhunderts sortgeschritten ist, so kann ina» nichts besseres lhu», als«inen Blick ans die Geschichte der Photographie zil werfeii, die als solche im Jahre 1839 das Licht der Welt erblickte. Als Maßstab aber für die Entivicklung dieser Kunstwissenschaft kann man die Schnelligkeit annehmen, in der es ihr gelingt, einen Lichtcindrnck sestzustcllen. Ansangs war es damit aller« dings nur schlecht bestellt, aber man war zufrieden, daß ma» über- Haupt eine» Eindruck erhielt. Seit dem Jahre 1814 hatte sich Joseph Nicsphore Niepce aus Chslons mit der Aussnhrnng des Problems beschäftigt, das Bild der Oamora obsem-s. sestjnhalteii. Der kindliche Gedanke, das Bild eines Spiegels z» bannen, mag ihn dazu geführt haben, versilberte Kupferplatten in seine Camera zu bringen. Aber seine Versuche bliebe» lange Zeit erfolglos, bis er die Bemerkung machte, daß Judenpcch oder lyrische Asphalt, der in Lavendelöl löslich ist, diese Eigenschaft einbüßt und i» diesem Oel unlöslich wird, so- bald er einige Zeit dem Sonnenlichte ausgesetzt war. Diese Beobachtung brachte ihn 1824 dahin, daß er ein Bild der Camera obscura festhalten konnte. Er überzog eine versilberte Knpferplalte ganz dünn mit einer Asphaltlösnng und fetzte sie dann acht Stunden in der Camera der Lichtivirkung ans. Als Modell war selbstverständlich ein lebendes Wesen ausgeschlossen und es mußte ein Knpserstich dazu dienen, der willenlos' stillhielt. Wurde nnn nach dieser Belichtung die Platte mit Lavendelöl gewaschen, so löste sich der lleberzug an de» Stellen. die im Bilde schwarz waren, auf, während er a» den iveißen Stellen haften blieb. Es ergab sich also ein Bild des Kupferstiches, dessen Grund Asphaltlack war, während die Zeichnung sich in blankem Silber nachgebildet zeigte. Um das Bild besser sichtbar zu machen, verwendete Niepce nnter anderem Jod. Er hatte demnach alle Materialien in der Hand, die später eine praktische Venvend- barkeit der Idee ermöglichten, aber er kannte noch nicht ihre richtige Anwendung, und so strebte er vergebens danach, die Empfindlichkeit des Verfahrens zn erhöhen. Im Jahre 1829 verband er sich mit dem Dekorations- und Landschaftsmaler Daguerre, um mit ihm gemeinschaftlich die Arbeit fortzusetzen. Aber schon 1833 starb Niepce, an der Ausführbarkeit seiner Idee verzweifelnd. Daguerre setzte nnn allein seine Versuche mit Metallplalten und Jod fort und fand im Quecksilberdampf ein Mittel, einen verhältnißmäßig kurze» Lichteiudrnck aus der mit Jod geräucherte» Metallplaite zn einem sichtbaren Bilde zu entwickeln. Aber es waren immer noch etiva vier Minuten, die erforderlich waren, um ein Bild zn erhalte»; allerdings ein bedeutender Fort- schritt gegen die acht Stunden des Niepee'schen Asphaltverfahrens. Nachdem im Jahre 1833 eine Subskription eröffnet war, um die Daguerre'sche Erfindung zn vollenden, nahte das Jahr 1339, in dem fich die photoaraphische» Ereignisse drängte». Am 6. Januar machte Arago der französischen Depuiirlen- kaminer Mittheilungen über das Daguerreotyp-Verfahren. Aber wen» eine Idee in der Lust liegt, so wird sie meist an mehreren Orten zugleich befruchtet, und so kündigte schon am 25. Januar Iaraday die Erfindung der xbotoZevic: drawings von Fox Talbot an. Am 31. Januar veröffentlichte Fox Talbot seinen Chlorsilberdrnck in England und am gleichen Tage Daguerre die Vollendung seiner Erfindung in Paris. Am 15. Juni legte Duckätel der französischen Deputirtenkammer einen Gesetzentwurf betreffend den Ankauf des Daguerre'schen Verfahrens vor, der am 80. Juli genehmigt wurde, und am 19. August wurde das Verfahren zu Nutz und Frommen der ganzen zivilisirten Welt veröffentlicht. Daguerre erhielt von» Staate eine lebenslängliche Pension von 6lX)y Franks und Niepce's Sohn eine solche von 4009 Franks. Fox Talbot vervollkommnete sein Verfahren ans Chlorsilber- Papier erst in den Jahren 1340 und 1341. Es konnte aber vor» läufig nicht gegen das Daguerreotyp aufkommen, weil es etwa die dreifache Belichtungszeit erforderte. Das Daguerre'sche Verfahren wurde zwar weiter ausgebildet und in seiner Empfindlichkeit bedeiltend erhöht, es haftete ihm aber der Uebelstand an, daß jede Aufnahme nur ein Bild gab, und diesem Umstände ist es wohl zuzuschreiben, daß der Eifer der Forscher sich der Weiterbildung des Talbot'schen Versahrens zuwandte— und nicht ohne Erfolg. Niepce de Saint-Victor, der Neffe des verstorbenen Niepce. überzog 1847 Glasplatten mit jodkaliumhaltigen Schichten, die aus Stärke oder Eiweiß bestanden, machte sie mit Silberlösung lichtempfindlich und sehte sie kurze Zeit dem Bilde der Camera ans. Sie nahmen dann den Lichteindrnck auf, ohne daß derselbe schon für das Auge sichtbar war. Wenn die Platten dann aber in Gallussäure getaucht wurden, so schwärzten sich alle Theile der Platte, die eine Lichtivirkung erfahre» hatten, es erschien also ei» Bild, das aber dem natürlichen entgegengesetzt war, indem z. B- der helle Himmel schwarz»nd die dunkle Erde weiß erschien und das man daher ein negatives Bild nannte. Wenn man dieses Negativ auf ein mit Chlorsilber überzogenes Papier legte und in helles Licht brachte, so schwärzte sich das Chlorsilber nur an den Stellen, ivo das Negativ hell ivar und Licht durchließ, also z. B. wo die Erde der Landschaft ivar. Es entstand also hierdiach eine Umkehrung des Negativs, also ein Bild, das der Natur entsprach. Bei diesem Versahren hatte man den großen Vortheil, daß man von dem in einer Aufnahme hergestellten Negativ beliebig viele Kopien mache» konnte. Die Bilder nach diesem Verfahren ivaren sehr viel schöner, als die nach dem Fox Talbot'schen mit Papiernegativen. Das Daguerreotyp sollte aber erst verdrängt werden, als 1850 Legray das nasse Zkollodionverfahren mit einer viel höheren Empfindlichkeit erfand. Hiernach war es ermöglicht, in'/is bis'/so der Zeit einer Daguerreotyp-Anfnahme ein Negativ zu erhallen, wonach man die Bilder mit leichter Mühe dutzendweis herstellen konnte. Nun begann der Bildersturm. An stelle des Stammbuches, das damals schon in die Sphäre des Backsischthiiins gedrängt war, trat das Pbotographie-ÄIlbum, und der Austausch der photographischen Visitenkarte wurde zum Sport. Es war die Zeil, da man ein photographisches Atelier im Finstcn, mit der Nase suche» konnte, den» schon im untersten Flur des fünf Treppen hoch gelegenen Knnstlempels duftete ihr der ätherische Geruch von Hoffmanns Tropfen entgegen. Oben aber wurde man von dem geiiiale» Sonnen- bruder mit ivaschechten Negerfingern empfangen, bei schlechtem Wetter aber erbarmungslos wieder in den Kampf der Elemente zurückgeschleudert, weil die Lichtverhältniffe keine phvtographische Aufnahme gestalteten. Der Umstand, daß die Kollodionplatte im nassen Zustande verwendet werden mußte, weil sie nach dem Trocknen ihre Empfindlichkeit einbüßte, und das Bild auch gleich im Dunkelzimmer hervorgerufen werden mußte, bewirkte, daß die Photographie nur aus wenige Fachleute beschränkt blieb. Landschaftsaufnahmen ivaren mit Schwierigkeilen verknüpft, weil ma» gcnöthigt war, ein trans» portables Dnnkelzelt und die»öthigen Flüssigkeiten mit sich herum- zuschleppe». Da trat die Photographie in ei» neues Stadium, als im Jahre 1871 der englische Arzt Dr. Maddox das»äffe Kollodion durch trockene Gellatinc ersetzie, wodurch die Empfindlichkeit der photo- graphischen Platte zunächst um das Vierfache, dann um das Dreißig« bis Sechzigfache des nassen Verfahrens gesteigert wurde. Ein Hauptvortheil bestand darin, daß die empstndliche Plate trocken war und daß der unsichtbare Lichteindruck des Kamerabildes nicht sofort hervor- gerufen zu werden brauchte, sondern so haltbar war, daß er noch nach Monaten zu einem Bilde entwickelt werden konnte. Mit der Erfindung der Trockenplatte erschlossen sich der Photographie ganz neue Gebiete. In den Schaukästen der Photographen las man Plakate mit der Inschrift:„Aufnahme» bei jeder Witterung", und es bildete sich ei» Heer von Amateure» heraus, das die Lichtbild- kunst zum Gemeingut des Volkes machte. Schon heute ist sie häufig an die Stelle des zeitraubenden Zeichnens getreten. Die geschäftige Technik ersann Apparate, die so handlich sind, daß sie jeder in der Rocktasche mit sich herumtragen kann, und die ivissenschaftliche Optik lieferte Linsengläser, die ein so licht- starkes Bild geben, daß die Aufnahmen in dem Bruchtheil einer Sekunde gemacht werden können, so daß jedermann in den Stand gesetzt ist, eine Kaniera als Hilssauge bei sich zn haben, das die flüchtigen Eindrücke des menschlichen Auges festznhallen vermag. Durch die neuere Entwickelung der Photographie ist unsere Er- kenntniß der Natur um ein Bedeutendes gefördert worden, iveil die Kamera, das mechanische Auge, korrekter sieht als das menschliche. Die außerordentlich kurze Zeit, die nnter günstigen Umständen, z. B. im Sonnenlichte, erforderlich ist, einen bleibenden Lichteindrnck ans die photographische Platte zn machen, hat dahin geführt, daß man sciuielle Bewegungen, wie den Galopp eines Pferdes, die man mit dem Auge nicht mehr verfolgen kann, in ihre einzelnen Phasen zerlegt hat Man machte zu diesem Zweck sogenannte Serienaufnahme», das heißt Aufnahmen von einem bewegten Körper, die sich in außer- ordentlich kurzen Zwischenräumen folgten. Edison machte für sein Kinetoskop 36 neben einander liegende Anfnahiiieii in einer Sekunde. Die größten Verdienste um die Studien über den Gang der Menschen und Thier« habe» sich nach dieser Methode Muybridge, Marey und Anschütz erworben, so daß unsere Zeit ganz andere Anschanunge» über die mechanischen Vorgänge der Fortbewegung hat, als frühere Epochen. Die größte Leistung unserer Momeutpholographen aber ist die Photographie fliegender Geschosse, wie sie von den Professoren Mach in Prag und Vernou>Boys in England ausgeführt worden find. Die Genannten pholographirten eine Flintenkugel, die in der Sekunde einen Weg von sechshundert Meter» zurücklegt. Um diese scharf aufzunehmen, war eine Belichtungszeit von weniger als dem zweimillionsten Theil einer Sekunde erforderlich, und diese kurze Lichtquelle fand sich im elektrische» Funken, der ausgelöst wurde in dem Moment, als das Geschoß bei der Platte vorbeiging, so daß sich dessen Schatten abbildete. Die hochinteressanten und wichtigen Ergebnisse dieser und anderer Arbeiten müssen hier übergangen werden, wo es nur darauf ankam, ei» Bild zu geben von der Steigerung der Schnelligkeit der photographischen Aufnahmen. Es gereicht unserer Wissenschaft zum höchsten Ruhme, in einem Zeitraum von etwas über fünfzig Jahren fortgeschritten zu sein von dem Niepce'schcn Asphaltbilde, das acht Stunden erforderte, bis zn Mach's Flintenkugel im zwei- millionsten Theil einer Sekunde. Das ergiebt eine Steigerung der heutigen photographischen Schnelligkeit auf das Sechzigmilliarden- fache des Anfangsstadiums. Damit dürfte man an der Grenze des Erreichbaren angelangt sein, und der Photographie ist es jetzt ge- boten, sich an die Erfüllung anderer Aufgaben zn machen.— I. G a e d i ck e. Dtleincs Isouillekon. — Schiller«nd Alexander v. Hnmboldt. Der„Franks. Ztg" wird geschrieben: Man entsinnt sich vielleicht des Brieses Schiller's an seinen Freund Körner aus dem Jahre 1797, worin der Dichter sehr abfällig über Alexander v. Hnmboldt urlheill. Er meint dort, daß dieser trotz seines Wissens und seiner Talente in seiner Wiflenschaft niemals etwas Großes leisten werde. Er tadelt seine» „nackten schneidenden Verstand, der schamlos»nd frech die immer unsaßliche Natur ausgemessen haben will"». s. w. In einer An- merkung zu seiner unlängst fertig gewordenen Ausgabe der Schiller- bliese erzählt nun Fritz Jonas, ei» Herr Ulrich, der Erbe Minna Körner's, hatte, als er zur Veröffentlichung der Briefe gedrängt wurde, im Sinne des verstorbenen Ehepaares Bedenken getragen. diese von einem noch Lebende» handelnde Stelle der Ocffenllichkeit zu übergebe». Da man ihm aber zusetzte, so hätte er Alexander v. Humboldt offen sein Bedenken vorgetragen. Dieser hätte den betreffenden Brief zn lese» verlangt und nach der Durchsicht habe er erklärt, weder Schiller noch ch» könne dieser Brief in den Augen Verständiger herabsetze». Die Verschiedenartigkeil ihrer Naturen und sein damals noch jugendliches Alter erklärte alles zur genüge. Er befürwortete die Veröffentlichung des Brieses.— ie. Was Sugland an Kanariciivögcln verbraucht, darüber veröffentlicht die französische Zeilschrift„Chaffe et Peche" inter- esiante Einzelheiten. Jährlich werden in Engtand eliva 400 000 Kanarienvögel verkauft, welche einen Preis von nicht weniger als 2 Millionen Mark erzielen. Von diesen 400 000 gefiederte» Sängern stammen 100 000 auS Deutschland, den» der Vorrang der deutschen Zucht von Kanarienvögeln wird noch immer von aller Welt anerkannt, insofern als die deutschen Züchter die besten Ueberliefernngen be- sitzen und die Vögel am beste» im Gesang zu unterrichten verstehen. Aber die englische Zucht hat auch bedeutende Fortschritte gemacht, denn die übrigen 300 000 der jährlich verlausten Vögel find einheimisches Erzeugniß. Der Hauvtsitz für de» Handel mit Kanarienvögeln ist die Stadt Norivkb. Manche Vögel werden um »ine bedeutende Summe verkaust. So erzielte» neulich sechs Stück zu gleicher Zeit über S000 M., und Preise von 100—800 M. sind »ich: so gar selten.— Theater. . t. L n i s e n t h e a t e r. Bisher war es ein nnbestrilteues Recht des Herrn Direktors Samst vom Friedrich Wilhelmslädtischen Theater, unter festgelegten Bedingungen verkannte Genies aus die Büvne zn bringen. In so einer Premiere, die auch meist die letzte Aufführung war, regte» sich je nachdem hundert oder»och mehr fleißige Hände, um dem dramatischen Meisterwerke ein mit donnern- den Beisallssalven ansgestattetes Begräbniß zn bereiten. An diese schönen Gepflogenheiten erinnerte der gestrige Abend im Luisen- theater. Es wurde ein Berliner Sittenbild aufgeführt:„Im vierten Stock". Eine recht verzweifelte Geschichte. Bisher lebte» sie in ihrer glücklichen Ehe trotz der vielen Treppen- stufen so ziemlich frei von Athembeklemmungen. Da fällt es ihr just am Gebnrtstagsmorgen ein, dem guten Gatten zn beichten. Ihr kleiner Neffe nämlich, den sie mit in die Ehe ge- bracht hat, ist, trotz Standesamtsregister, garnicht ihr Neffe, sondern ihr Sohn. Das ginge noch an, aber das unter lautem Beifalls- klatschen des Parketts hereinbrechende Verhängniß verkündet uns, daß der Vater dieses Sohnes zugleich der Vater ihres Gatten ist. So komplizirle Familienverbälluiffe können am allerwenigsten ans einer an das Enifache gewöhnten Bühne fortbestehen, und daher stürzt„sie" sich ans den Hof hinab, während„er" an einem sehr draniatischcn Herzschlage zn gründe geht. Das zurückbleibende Kind aber hat den Trost, daß es von den, natürlichen Vater dereinst ein schönes Geschäft erbt. Der Verfasser, Herr O. F. Paul, quittirt, persönlich über den kolossalen Applaus, den gefällige Leute ihn während und»ach jeder Szene gespendet hatten. Das Publikum der nächsten Abends wird trotz des hübschen Spiels, in dem sich namentlich Frau M ü l l e r- L i n k e auszeichnete, nicht so beisalls- lustig sein, vorausgesetzt, daß die Direktion den schaurigen Einakter überhaupt noch weiter aufführt. Zwei alte Schivänke „Monsieur Herkules" und„Sonntagsjäger" be- schloffen den Abend recht amüsant.— Musik. — Wann wurde das Pinn in o erfunden? Cesar« Ponsicchi, Konservator der Jnstrnmentensaunnlung des königl. Musik- instilutes in Florenz, hat in diesen Tagen eine interessante Schrift, betitelt„II xriino pianokorbs vertieale"(Das erste Pianino), ver- öffentlicht. Wie schon seit geraumer Zeit feststeht, ist der erste Er- siuder des Piauoforte- Mechanismus Bartolommeo Cristofori, Kon- servator der Jnstrumentensammlung des Großherzogs von Toscana. Er gab seine Erfindung im Jahre 1711 bekannt, und damit ivaren alle wesentlichen Bestandtheile des Tafelklavicrs und des Flügels festgestellt. Freilich wurde die Florentiner Erfindung im Auslände nur langsam bekannt, so daß der sächsische Orgelbauer Gott- fried Silbermann ums Jahr 1740 selbständig die Klavier- meckanik ein zweites Mal erfand. Auch Ch. G. Schröter in Nordhansen veröffentlichte 1763 einen angeblich von ihm selbst- ständig erfundenen Entwurf zu einem Taselklavier. Was nun das Pianino, das aufrecht stehende Klavier, anlangt, so weist Cesare Ponsicchi nach, daß es von dem Priester Do» Domenico del M e l a zu Gagliano in Toscana im Jahre 1739 erfunden wurde. Das erste von dem musikkundigeu Priester erbaute Pianino befindet sich»och heute in dem Besitze der Familie del Mela. Die Mechanik ist im wesentliche» dieselbe wie die gegenwärtig angewandte. Es dauerte achtzig Jahre, che das Pianino die Alpen überschritt und auch in Dentschland gebaut wurde. Uni das Jahr 1320 beginnen Schmidt in Salzburg und Grüueberger in Halle»iit dem Ba» der ersten deutschen Pianinos, die wegen ihrer Bequemlichkeit rasch be- liebt wurde».— Erziehung und Unterricht. — Die im Jahre 1343 gegründete Prager Universität war bis zni» Jahre 1409 eine selbständige Körperschaft der Studenten, die sich selbst verwaltete n»d ihren Vorstand, den Rektor, selbst wählte. Die Studenten waren»ach der Stiflungsurkuade»ach ihrer Heimath in vier Gruppen eingetheilt, welche„Nationen" hießen. Es gab eine„Bayerische Nation" für die Studenten aus Bayern, Oester- reich und den übrigen Alpenländern, eine„Sächsische" für Nord- dentschland, eine„Polnische" für Polen, Schlesien n. s. iv.. und eine „Böhmische Station" für Böhme», Mähren und Ungarn. Jede„Nation" halte in alle» Universitntsangelegenheilen statutenmäßig eine Stimme. Aber aus Andringen der Czechen und. der deutschfeindlichen Adels- partei erließ König Wenzel U1. im Jahre 1409 eine Verordnung, welche das Uuiversitätsprivilegium umstieß und der„Böhmischen Nation" drei Stimmen, den drei anderen„Nationen", welche die große Mehrheit ver Studenten umfaßten, zusammen nur eine Stimme geivährte. Die Deutschen wollten sich diese Verletzung der Univcrsitätsrechle nicht gefallen lassen und schwuren, von Prag weg- zuziehen, wenn die rechtsividrige Verordnung nicht zurückgenonnnen würde. Als nun der Rath des Königs, Nikolaus v. Lobkowitz, die neue Verordnung mit Gewalt durchsetzte, den bisherigen deutschen Rektor aus dem Amte verdrängte und einen neuen Rektor ans der czechischen Minorität als gewählt erklärte, erfolgte der Auszug von etwa 6000 deutschen Studenten aus Prag. Zweitausend wandten sich nach Leipzig, wo es noch in demselben Jahre zur Gründung einer neuen deutschen Universität kam.— Ans dem Pflanzenlebe».- b. Die Lebensfähigkeit von Samenkörnern bei äußerster Kälte. Drei englische Naturforscher Horan, Brown und Esconibe habe» der Königlichen Gesellschaft in London die Er- gebnisse ihrer Forschungen über den Einfluß niedriger Temperaturen auf das Keimvermögcn von Samenkörnern vorgelegt. Für diese Versuche wurde flüssige Luft gewählt, die eine Temperatur von—133 bis—192 Grad erzeugte. Die Samenkörner wurden in dünne Glasröhren eingeschlossen, welche man erst langsam abkühlte und dann in einen wohlumhüllten Behälter mit flüssiger Luft eintauchte; dieser Behälter faßte etwa zwei Liter flüssige Luft, welche immer wieder nachgefüllt wurde, so daß die Samen bei einem Verbrauch von zehn Litern flüssiger Luft 110 Stunden lang hinter einander einer Temperatur von fast— 200 Grad unterworfen blieben. Die Sanienkörner waren vorher in der Luft getrocknet worden und enthielten nur noch 10 bis 12 pCt. ihrer natürlichen Feuchtigleit. Nach dem genannlest Aufenthalte in flüssiger Luft waren sie natürlich gefroren. Man thaute sie langsam und sorgfältig auf, wozu etwa SO Stunden erforderlich waren, dann wurden sie gesät und ihre Keimkraft mit derjenigen anderer Samen vergliche», welche diese Behandlung nicht auszuhalten gehabt hatten. Tiefer Untersuchung unterlagen Samen von folgenden Pflanzen: Gerste, Hafer, Kürbis, Lzrelcmtchora ex- plodens(ein zu der Knrbisfainilie gehöriges Gewächs aus dem tropischen Amerika, dessen reife Früchte mit einem starken Knall explodire» und so ihre Samen ausstreue»), eine Art Hornklee, eine Erbsenart, das sogenannte„griechische Heu" oder Siebengezeit oder auch Bockshoruklee, die Garten- dalsamine(in Ost-Jndien heimisch), Bärenklan, Winde, eine Art der bekannten oftasiatische» Zierpflanzengattmig Fnnkia. Es stellte sich heraus, daß die Keimfähigkeit der Samen durch den 110 Stunden langen Aufenthalt in einer Temperatur von fast 200 Grad unter dem Gefrierpnnkie kaum merklich gelitten hatte, denn die Pflanzen entwickelten sich ans ihnen fast ebenso gut, als aus gewöhnlichen Samenkörnern, und waren, als sie zur Reife gelangten, ebenso ge- sund.— Es scheint überhaupt, als ob die Keimfähigkeit unier Umständen durch unbegrenzte Zeit hindurch von den Samen bewahrt werden kann. Es sei dabei an die schon 1S90 veröpentlichten Untersuchungen Kochs erinnert, welcher getrocknete Sanien mehrere Monate lang in dem luftleeren Raum einer Geisler'schen Röhre hielt, ohne daß dies der Keimfähig- teit Eintrag gelhan hätte; es war durch speklroskopische Prüfung des Inhalts dieser Stöhre sicher nachweisbar, daß die Samen während dieser Monate keine irgendwie erkennbare Menge von Kohlensäure oder von Stickstoff ausgeschieden halten. Es war dadurch bewiesen, daß irgendwelche Athmung der Samen während ihres Ruhe- znstandes nicht stattzufinden braucht. Der italienische Forscher Giglioli brachte Samenkörner von Wicke in alle möglichen gesähr- lichen Atmosphären, z. B. Stickstoff, Chlor. Wasserstoff, Arsen- Wasserstoff und Salpetersäure, alle diese giftige» Gase schadeten den Same» nicht, sogar wenn sie 16 Jahre lang in denselben blieben. Auch ein 16 Jahre langes Eintauchen in konzentrirten Alkohol oder in einer alko- Holischen Lösung von Sublimat tödtcte eine große Zahl von Samen nicht. Giglioli glaubt danach, daß die geheime Lebenskrast von Samenkörnern bei Beobachtung der nöthigen Vorsicht»n- begrenzte Zeit hindurch erhalle» werden kann. Die lebende Materie könne in vollständig passtvei» Zustande cxiftiren, ohne eine chemische Veränderung und eine Einbuße ihrer besonderen Eigenschaften zu erleide», ganz wie ein Mineral und andere leblose Stoffe. Giglioli ist daher anch von der Möglichkeit überzeugt, daß das Leben von anderen Weltkörpern durch den Weltenraum hindurch mit Meteoren auf die Erde gelangt sei.— Astronomisches. — Ein« Beschreibung der totalen Sonne»- s i n st e r n i ß(22. Jannar 1898) giebt jetzt der Astronom E. M. Mander'S in einem ausführlichen Bericht aus Tain! in Vorder« indien, wohin er sich als Leiter einer von der„British Rstronomical Association" entsandten Expedition begeben hatte. Die erste Be- rührung deS dunklen Mondkörpers— so heißt es in dem Bericht— gab uns IV, Stunde» Zeit bis zur gänzlichen Verfinsterung und langsam in der That verstrich der erste Theil dieser Zeit. Ein prächtiger Zug scharf umgrenzter Flecken lag quer über der Sonnenscheibe und einer nach dein anderen wurde von der eindringenden Finsterniß verschlungen. Die Luft, die sehr heiß gewesen, winde kühl, das unheimliche Gefühl eines herannahenden Unheils, das die Sonnenfinsterniß stets be- gleitet, bedrückt« die Nerve», und dann, wie mit einem plötzlichen Heransansen, fiel der Schatten ans u»s. Ich beobachtete die Finsterniß mit einen, Doppelfernrohr, deffen eine Linse mit einem Okular-Prisma versehsn war. Als die gänzliche Verfinsterung herannahte, erschien das brennende Sonne»- Spektrum mit dunklen Halbkreisen gekrönt— den Frauenhoferschen Linien. Diese wurden feiner und schärfer und verwandelten sich dann plötzlich in helle Flammen an jedem Ende der Halbkreise. Das konlinnirliche Epektrnm wurde schmaler, der helle Bogen ivnchs mit über- raschender Plötzlichkeit, eine laiige Reihe glitzernder Punkte funkelten während des Brnchtheils einer Sekunde.„Los!" rief ich.— Die Signaluhr wurde in Gang gesetzt, und laut ertönte ihr deutlicher Sekundenschlag, markirt bei jeder zehnten Sekunde durch den hellen Klang ihrer Glocke und die Stimme des Zeitbeobachters, der„hundert",„neunzig",„achtzig" u. f. w. rief, je nach der Anzahl der noch bleibenden Sekunden. Hinter inir wechselten Kapitän Molesworth und meine Frau mit ruhiger, durch lange Uebiuig erworbener Sicherheit die Platten an einem Lquatorialeii Fernrohr mit zwei photographischen Apparaten. In jeder K-unmer sollte» sechs Platten ausgesetzt werden, und alle? ging auch schön ohne Störung, doch gerade als das Kommaudo für die sechste Ausnahme gegeben war, da brach eine überwältigende Flnth von Sonnenlicht hervor. Die Verfinsterung endete vier Seknudeu eher, als wir erwartet hatten... Während unserer Bsschästigung blickten wir zu dem prächtigen Schauspiel über uns empor. Die Dunkelhnl kam derjenigen bei den Finsteruiffen von 1Sö6 und 1S96 nicht gleich, aber die Korona leuchtete am Himmel wie ein ungeheurer silberner Stern, heller und ausgedehnter, als ich sie vor elf Jahren gesehen. Zwei feine, blatt- förmige Ausläufer streckten sich fall horizontal nach Osten und Westen ans, während beinahe, aber nicht ganz am Sonnen-Aequaior. nach Südwesten gerichtet, die größte von allen Strahlen lag, fast zwei Millionen englische Meilen(etwa 500 000 geographische Meilen) lang nach einem fnnkelnde» Stern am Himmel mehrere Grade vo» der Sonne entfernt hindeutend."— Humoristisches. — Die Konkurrenz der Anstreicher. Der Wiener Hofschaiispieler Ludwig Ga billon hatte zeitlebens eine Leiden- schaft, mit Pinsel und Farbe zu haiitiren. Sein Ehrgeiz verstieg sich aber nicht allzu hoch. Er begnügte sich, alles anzustreichen. was eines Anstrichs bedürftig erschien. In seiner Villa am Grundelsee freute er sich ordentlich, wenn er eine Bank oder sonst ein Hans- und Gartengerälh anstreichen konnte. Eines Tages traf ihn Hans Makart, als er einer etwas verwitterten Gartenbank zu hellem Grün verhelfen wollte. Makart nahm ihm den Pinsek aus der Hand und sagte:„Das schlägt in mein Fach, das müffen Sie mir üdertaffen." Gabivon ließ de» Meister gewähren; aber als er später die Geschichte erzählte, setzte er stolz hinzu:„Der Makart war ja nicht ohne, aber so wie ich hat erkeineBauk a Ii st r e i ch e» können!"— — Abgewnnken. Alter Sünder(ans der Straße ein Mädchen ansprechend):„Schönes Fräulein, waS haben Sie denn in Ihrer Schachtel?" Mädchen:„Etwas, was Sie brauchen können— gute Manieren."— — Ein Politiker: A.:„I moan alleiveil, Krämer, es giebt bald an Kriag!"— B.:„Dös war recht, uacha wurden do d' Leni' amal weniger!"— A.:„Aber geh', dös is do a recht frevelhast« Red!"— B.:„No warum? I brauch ja»öt mit."— („Simplicissimus".) Vermischtes vom Tage. — Der Sturm, der gester» und vorgestern Über Berlin weg- gegangen, hat in ganz Mitteleuropa gewülhet.— Durch ein Boot der Reitnngsstation Warnemünde wurden vo» zwei in hilfloser Lage befindlichen Schiffen 9 Personen gerettet.— Der mit Holz vo» Kolberg nach Haderslebeu bestimmte S ch u n e r„Hermann und Maria" ist beim Wittower Posthanse gestrandet. Drei Personell wnrden durch ein Boot der Rettungsstation Dranske gerettet.— Auf einem Gute bei Posen ivurdeu zwei Kinder von einer umstürzenden Pappel erschlagen.— Bei Görlitz wurde durch den Sturm das Dach einer Ziegelei abgedeckt; es siel aus drei Arbeiter, die ihre» Tod fanden.— Ju Wien wurden große Berwüstnugen angerichtet, viele Menschen sind verletzt worden.— — Auf der Maxgrube bei Michalkowitz(Ober- schlesien) stürzte sich ei» Dienstmädchen wegen unglücklicher Liebe in den 200 Meter tiefen Förderschacht. Der Körper wurde vollständig zerschmettert.— — In Hirschberg hatte eine Frau bei ihrem Hauswirth, einem Handelsmann, aus Aerger über die Kündignng während der Kirche n zeit ein Pfund Salz holen lasse» und ihn dann angezeigt. Der Händler erhiell einen Strasbefehl über 3 M., die Denunziantin, als Verleileriii zur Uebertretung, einen solche» über - 6 M.- y. Bei einem Neubau in Grabow a. O. ist das Keller- g e>v ö l b e»nd das Treppenhaus eingestürzt. Zwei Maurer- lehrlinge wurden dabei verschüttet und getödtet.— — In Lodz(Aufl. Polen) wird eine Spinnerei (Aktien- Gesellschaft) mit einem Anlagctapitai von 20 Millionen Rubel ins Leben gerufen.— — Das Operntheater Solodownikow in Moskau ist am Montag bis aus die durch den eisernen Borhaug geschützte Bühne ausgebrannt. Acht Feuerivehrleute ivurden mehr oder weniger schwer verletzt.— — Im hohen Norden gewinnt das elektrisch« Licht als Straßenbeleuchtung immer inehr Boden. H a n»», e r f e st hatte schon elektrisches Licht; jetzt hat auch in Tromsö die Beleuchtungs- probe stnttgesnnde».— — In Marburg(Steiermark) hat ein Oberlieut«» n a n t einen Studenten iin Duell erschossen.— — Bor dem Bern er Schwurgericht wurde der Vorsteher einer staatlichen Mädchen rettungs- A n st a l t zu 5 Jahre» Zuchthaus verurtheilt, weil er verbrecherische Handlungen an seinen Pflegebefohlenen begangen und das Z ü ch- tigungsrecht in barbarischer Weise mißbraucht hatte. Mädchen von 14 bis IS Jahren wurden nackt aus einen Stuhl gespannt und mit vierfachem Seil geschlagen, andere wachen- lang zusammengekettet oder in Zwangejacken gesteckt, mitten im Winter mit eiskaltem Waffer übergössen». s. w. Ein Mädchen hat 10 Wochen laug eine schwere eiserne Kugel am Bein nach- schleppen, ein anderes wochenlang fortwährend eine Larve tragen mnffeil.— — Unter den in den europäischei, Kolonien Ostafiens geborenen Chinesen ist eine Bewegung zur Abschassung der Zöpfe, zur Erziehung der Frau e» und zur Durchführung anderer Reformen im Gange. Verantwortlicher Redakteur: Angnst Jacobcy in Berlin. Druck und Verlag vo» Max Badiiia in Berlin.