Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 25. Freitag, den 4. Februar. 1398. (Nachdruck uerbolen.) AlltNgslvuke. Roman von Wilhelm Meyer-Förster. Sie versuchte e» zunächst durch Liebenswürdigkeit, aber die stand ihr schlecht zu Gesicht und war aus die Dauer trotz guter Vorsätze nicht durchzuführen. Denn selten gab es einen Schwiegersohn, der Achtung, Respekt und Liebe so außer acht setzte. Eine Hochzeitsreise machte er überhaupt nicht, weil das zu theuer sei, und benutzte diese sonst geheiligte Zeit dazu, die Gcheimräthin in schwärzester Weise zu verunglimpfen. Wie dieser Oelfabrikant es zum Lieutenant der Reserve hatte bringen können, muß stets ein Räthsel bleiben, aber er legte gerade darauf ein seinem Stande lächerlich widersprechenden Werth und hatte Hedwig vielleicht in erster Linie deshalb lieb gc- wonnen, weil sie eine nahe Verwandte des Generals v. Bäck war. Ganz grenzenlos war fein Zorn, als er nach der Hochzeit erfuhr, daß die Geheimräthin und der General für einander nicht existirten und daß überhaupt die ganze vornehme Verwandtschaft mit der alten Dame auf dem Kriegsfüße lebe. Ein Glück, daß er in seine junge Frau wirklich leidlich verliebt war und seinen Zorn diese nicht entgelten ließ. Natürlich war die Geheim räthin der Rolle eines Blitzableiters bald müde und beanspruchte nicht n»r eine ehrenvolle Behandlung, sondern auch einen An theil an dem finanziellen Glänze ihres Schwiegersohns, an dem Opernabonneinent, den Spazierfahrten im Thiergarten und der geplanten Sommerfrische im Rieseugebirge. Der Oelfabrikant jagte nicht ja und nicht nein, das praktische Resultat war aber regelmäßig ein negatives, und da nicht einmal zu den Diners für die Schwiegermutter eine Einladung erfolgte, so bemächtigte sich dieser ein rasender Zorn. In Hedwig fand sie keine hervorragende Verbündete. Die blühte in dem Wohlleben prächtig auf und hatte das Geschick, sich vornehm und reizend zu kleiden, da? den Oelfabrikanten entzückte und die Geheimräthin nicht ganz neidlos ließ. Denn nun, da diese einsam geworden war und für niemand mehr zu sorgen hatte, erwachte in ihr eine alberne Eitelkeit, und wenn ein würdiger Herr sich um ihre fünfuudfünfzig- jährige Schönheit beworben hätte, würde er keinen Korb erhalten haben. Das war natürlich unmöglich und undenkbar, wenn sie in den unmodernsten und abgetragensten Kleidern sich präsentirte, und so lange jede Gesellschaft ihr verschlossen war. Aber jeder Appell an die Gnlmüthigkeit des Oel sabrikanten, dem schon die Unkosten ihrer Wohnung und eines mäßigen Lebensunterhalts zu viel waren, verhallte wirkungslos! Bisweilen überkam sie jetzt eine leise egoistische Sehnsucht «ach Klara, die immer das gutmüthigste, wenn auch einfältigste ihrer Kinder gewesen war. Wenn die zu Glück und Reichthum gelangt wäre, so würde ihre Mutter goldene Tage gehabt haben, und hätte die klassische Bildung der Geheimräthin sich auf eine mehr als oberflächliche Kenntniß Shakespeare's erstreckt, so würde sie das Gleichniß Lear-Cordelia sicher auf ihr verlassenes Alter angewendet haben. Wirklich verreisten der Oelfabrikant und Hedwig im Juni nach Schreiberhau im Riesengebirge, ohne die Ge- heimräthin mitzunehmen, da aber Hedwig die in der That arge Verlassenheit ihrer Mutter doch leid that, so kaufte sie ihr aus eigenen Mitteln für sechs Mark eine Abonnementskarte für den Ausstellungspark, der von da an die Geheimräthin zu seinen täglichen Besuchern zählte. Sie hielt sich von vier bis abends bei dem Konzert auf, ohne etwas zu ver- zehren, die übrige Zeit verwendete sie ans Langeweile zum Durchwandern der Bildersäle, so daß sie nach einiger Zeit sämmtliche Gemälde kannte. Sie prägte sich deren Standort so genau ein, daß sie zum Beispiel im stände war, bei dem Gedanken an irgend ein Bild mit sabel- hafter Geschwindigkeit durch fünf, sechs Säle zu eilen und nach Verlans etwa einer Minute das Bild zu finden. Dieses etwas kindliche Vergnügen wurde ihr Sport, und viele Leute wunderten sich, die alte Dame zu verschiedenen Malen an sich vorbeischießen zu sehen. Später machte sie die Bekanntschaft einer anderen alten Dame, die täglich bei den Konzerten das Dreher'sche Restaurant durch Festhalten eines der Stühle schädigte. Sie war eine Majorswittwe aus Pommern und trug stets die Militärrang- liste bei sich. Trotzdem ihr Mann schon lange todt war und sie keinerlei Verwandte in der Armee hatte, sprach sie eigentlich nur von militärischen Angelegenheiten, bekämpfte der Geheimräthin gegenüber die Bedeutung des Beamtenstandes und war ihr— erstaunlich zu sagen!— an Beredsamkeit so überlegen, daß die Geheimräthin beständig besiegt wurde und allmälig vollständig zur Sklavin der Majorin herabsank. Sich frei machen von ihrer Quälerin konnte sie nicht, denn die Majorin erschien pünktlich und nahm sie sofort in Beschlag. Und schließlich war sie auch herzensfroh, überhaupt jemand zur Unterhaltung zu haben. So lernte sie in diesem Sommer nicht nur die modernen Bilder kennen, sondern wurde auch in allen militärischen Dingen bewandert, kannte die Namen der kommandirenden Generale nnd träumte nachts, wenn der Alp sie drückte, von der Konftniktion des Mausergewehrs. Einmal kam Klans in den Ansstellnngspark nnd bezahlte für die beiden Damen Eis, ein Ereigniß, das alle Kellner des Restaurants in Staunen versetzte. Natürlich kam die Rede auf seine Lieutenantszeit und aus den milde verschleierten Grund seines Abschieds. Die Majorin witterte aber sofort den richtigen Sachverhalt und ereiferte sich in höchst unangenehmer Weise gegen die Geldheirathen der Offiziere. Klans vertheidigte sich nnd gerieth dabei dermaßen mit der Majorin in Streit, daß er schließlich aufsprang und ohne Abschied davon ging. Nachher nahm die erbitterte Geheim- räthin ihres Sohnes Partei, wurde aber von der spartanischen Majorin so zugedeckt, daß sie in einer Mischung von Wnth, Verzweiflung und Mangel an Gegengründtn bereits um sechs Uhr aufbrach. Drei Tage erschien sie nicht in der Ausstellung, am vierten hielt sie es nicht länger aus und kam mit dem Vorsatze, der andern durch eisiges Schweigen zu imponiren. Die Majorin hingegen nahm den abgerissenen Faden sogleich wieder ans, und erst nach Verlans etwa einer Woche war das Thema Klaus und Geldheirathen erschöpfend dargelegt. Die Geheimräthin magerte in dieser Zeit vor Kum- mcr und Aerger ab, alle Versuche aber, der Sklaverei der Majorin sich zu entziehen, waren vergebens. Wieder einmal, an einem Sonntage, erschienen Richard Kreiser und Frau in der Ausstellung, er hochvornehm, Klara leidlich hübsch gekleidet. In ihrer Begleitung befand sich Frau Ohnesorge, und natürlich that die Geheimräthin, als bemerke sie Klara gar nicht. Die Majorin aber, die alle Vorbeipromenirenden durchhechelte, studirte das Trio genau und ersuchte ihre Freundin, sich die drei einmal näher an- zusehen. Für wen etwa sie diese Leute halte? Die Geheim- räthin saß bei diesem Gespräche wie auf Kohlen, und keine Ohrfeige, die sie in ihrem wahrhastig mühsamen Leben er- halten hatte, war ärger als die, welche mit folgendem AuS- spräche der Majorin applizirt wurde:.Dieser fein gekleidete Mensch ist ein Kellner, darauf wette ich, nun möchte ich nur wissen, wie der zu der Frau kommt. Manches im Leben be- greift man nicht." Die Musik setzte ein, die drei hatten in ziemlicher Ent- fernnng Platz genommen, nun konnte die unglückliche Geheim- räthin in Ruhe über den Ausspruch ihrer Begleiterin nach- denken. .Kellner!* Also jeder Mensch sah das, nur sie hatte sich blenden und täuschen lassen! Ihr hohes Selbstvertrauen wurde in dieser Stunde auf ein Rtinimum reduzirt, und von nun an ging eS mit ihr entschieden bergab. Sie beendete alle Kämpf« mit Klans' Frau und dem Oelfabrikanten und wurde so de- scheiden, demüthig und wehmüthig, daß Hedwig nach ihrer Rückkehr aus dem Riesengebirge die Mama kaum wieder erkannte. Jeder Mensch hatte diese arme Frau besiegt: erst Eva, die ihr a»f den kunstvoll ersonnenen Brief eine so schreck- liche Antwort gab, dann die v. Böcks, weiter dieser elende heuchlerische Kellner, dann Klaus' Frau, ferner der Oel- fabrikant und nun schließlich diese verhaßte fürchterliche Majorin. Eine solche Folge von Niederlagen mußte auch de» stolzesten Sinn demüthigen, und seit sie daheim keine Klara mehr hatte, an der die Autorität sich beständig üben konnte, mußte ihre Angriffskraft sich ohnehin schwächen. Nichts ist leichter, als Untergebene zu schelten; kommt der de» treffende aber in die Lage, wo er uiemqnd mehr zu» Slustobcn fchui Zornes Hot, so fehlt ihm auf einmal eine der angenehmsten Daseinsgewohnhciten. Er fängt dann gewöhnlich an, auf Gleichgestellte loSznpaffcn, bekommt aber gottlob derartige Prügel, daß er nach einiger Zeit ganz zahm und verschüchtert wird. Möchte dieser segensreiche Fall öfter eintreten. Als Klara später mit ihrem Manne und Fran Ohnesorge wieder vorbeikam, schaute die Geheimräthin sich verstohlen nach ihr nm, und— Ehre wem Ehre gebührt!— sie war durch Klara's Aussehen einigermaßen ergriffen. So blaß, so müde. Die Ohuesorge, eine für die Gcheimräthin ans den ersten Blick sogleich unangenehme Person, legte Klara ihren dicken wollenen gemeinen Shawl um, denn die junge Frau schien zu frösteln. Dann verloren sich die drei im Geivühl und waren wohl nach Hanse gegangen. An diesem Abend erwog die Gehcimräthin, ob sie nicht doch einmal Klara aufsuchen oder sie zu sich einladen solle. Als sie aber in ihrem warmen gemüthlichen Zimmer saß, trat die gute Absicht wieder in den Hintergrund, und der Umstand, daß � diese Majori» in Klara's Mann sofort den Kellner er- kanut hatte, raubte ihr stundenlang den Schlaf. Nein, die Kellnerfamilie existirte für sie nicht, und„es giebt Dinge, über die man nicht hinweg konintt." Dieser Spruch hielt sie in ihrem Widerstande gegen sentimentale Anwandlungen aufrecht._(Fortsetzung folgt.) Di- Ausst-ilung der Kiittstlerhmen. In den Liäninen der Akademie Unter de» Linden ist der Böcklin- Ausstellung eine Ausstellung des Vereins der Künstlerinnen gefolgt. Sie trägt diesmal«in wesentlich anderes Gepräge, als die vorige Ausstellung desselben Vereins. die vor zwei Jahren veranstaltet wurde. Die Zahl der Künstlerinnen, die mo- derne» Tendenzen huldigen, hat beträchtlich zugrnonune». reilich nehme» die allbekannten, ständig wiederholten Lieblinge des ublikums: die sinnende» Mädchen und die ehrivürdige» Herreu mit de» langen Bärten, die herzigen Buben und Mädel, die reizenden Kätzchen und Hündchen, und vor allem die schönen Blume» noch immer viel zu viel Platz fort. Aber sie sind wenigstens in die hinleren Säle zurückgedrängt, und man könnte sehr schnell an ihnen vorbeikomme», wenn die Sache nicht auch eine sehr ernste Seit« hätte. Die Zahl der malenden Frauen ist verhältnißmäßig sehr grob und sie wächst noch mit jedem Tage. Im allgemeinen ist aber ihre Wirksamkeit für die Entwickelung der Knnft sehr gefährlich. Sie liefer» die gangbarste Verkausswaar«. Gerade bei ihnen siudet sich am öftesten jene Kunslauschanung, die in dem Worte„fiih" ihren prägnanten Ausdruck gesunden hat. Der Begriff des„Schönen". den sie kultiviren, umsaht das Leichtverständliche, das auf den ersten Blick ivohlgcfälll und keinerlei geistige?liispannu»g erfordert. Es ist die Kunst für den wohlhabende» Bürger, der, oft in bester Absicht, die Verpflichliing fühlt, als Mäcen etwas für die Kunst zu thun. Er ist von den Berussdingen zu sehr erfüll!, als daß er sich wirklich in ernste Kunst hineinleben könnte, und er nimmt, was seinem Geschmack nm beste» liegt. So schlichl sich ein verhängnibvollcr Zirkel. Weil diese Malerinnen meist aus dürger- lichen Verhältnissen heraus zur Malerei gekommen sind— sie sehen in ihr die ausländigste Form des BroterivcrbS— bringen sie die Neigung für diese Art Kunst schon mit und lernen nur sie ausüben. Ihr« niedliche» Sachen befriedigen dann, da sie am besten angepaht sind, das Kunst- bedürfuih der breiten Schicht der Käufer vollständig und führen ihm neue Nahrung zu. Das Auge dieser Käufer ist nicht genügend geschult, nm die oft ungeheuerliche Univahrheit derartiger Bilder und die Unvollkonuncnheit ihrer Technik zu sehen. So wird der ringende» Kunst der Markt verschlossen. Und da sie einem solchen Begriff der Schönheit nichts zu bieten vermag. wird ihr Ab- trttnnigkeit von den„Idealen" der Kunst vorgeworfen, und das Schicksal der Künstler, die um einer solchen Knnit willen leiden, als ein verdientes empfunden. Natürlich giebt es auch Maler genug, die dem Geschmack der Masse der Käufer entgegenkommen; aber ihnen gegenüber haben die Malerinnen«ine» traurige» Vorzug, durch de» sie ihre männlichen Konkurrenten schlagen: sie sind bedeutend billiger. Man setzt in letzter Zeit große Hoffnungen auf eine Wandffing in den Liebhabereien der Dilettanten. Nachvem die Malerei uulcr allen heutigen Künsten bisher die glänzendste Eisiivickelung genommen, steht sie jetzt auch im Begriff, die Musik «n ihrer Nolle als Licbhaberkunst abzulösen. Heute lernt die höhere Tochter auch malen. Wei>» man aber davon «iue Besserung des Geschmacks der Käufer erivartet, so giebt man sich>vohl einer Illusion hin. Die höhereu Töchter, die später vielleicht einmal Käuferinnen sind, iverden sich wahrfchciulich ebenso im Kreise jener„süßen" Bildchen bewegen wie die überwiegende Masse der Malerinnen— es sei denn, daß sie eine gute Anleitung von erfahrenen Kunstkennern genießen. Das Beispiel eines Dtlettanlenvereins in Hamburg, der unter der Leitung des Direktors der„Kunsthalle", Alfred Lichltvark, äußerst günstige Resultate erzielt hat, zeigt, daß aus diesem Wege eine Schulung deS Gechmacks wohl zu erreiche» ist. Es hat den Anschein, als ob der Verein der Künstlerinnen es sich zur besonderen Aufgabe gemacht hat, daS Niveau der Malerinnen gerade in dieser Richtung zu heben und in seinen Mitgliedern«in« ernste Auffassung von ihrem Beruf zu wecken. Unter den Ausstellerinnen beftndet sich eine ganze Anzahl von solchen, die auch in den all- gemeinen Kunstausstellungen durch bedeutende Werke längst bekannt geworden sind. Sehr erfreulich ist es, daß man dieses Mal auch Werth darauf gelegt hat, die Räume mit großer Sorgfalt zu dekoriren. Die Knnstierinnen haben sich die Anregungen, die de- sonders von der Dresdener Kunstausstellung des vorigen Jahres ausgingen, wohl zn»ntze gemacht und den höchst ungünstigen Sälen ein angenehmeres Aussehen verliehen. Blumen und Blattgewächse begrüßen den Eintretenden im Treppenflur. Die Säle sind in einem einfache» graublauen Ton gehalten. Ein besonders schönes kleines Kabinet hat Marie K i r s ch n e r ein- gerichtet. Die Wände sind mit einem freundlichen goldgelben Stoff bekleidet; nur unten zieht sich ein mattgrüner Fries entlang, auf dem in dunkleren Tönen Lilien ausgemalt sind, während die großen iveißen Blüthe» bereits aus der gelben Fläche aufgestickt sind. Unter der Decke zieht sich ein schnialer plastischer Fries entlang, und die helle Decke selbst ist mit malt- grünem Bandwerk geschmückt. In dieser Ausstattung wirkt das kleine Zimmer so licht und freundlich, daß mau den düsteren Raum kaum wieder- erkennt. Vielleicht weist dies daraus hin, daß gerade das Gebiet der dekorativen Kunst für die künstlerische Bethätignng der Frauen besonders geeignet ist. Die Entwürfe für Tapeten von Maria v. Brocken sind freilich keine Bestätigung dafür, denn diese machen einen geradezu hilflosen Eindruck. Sie sind zwar einfach in den Farben, aber die Stilisirung der Blattornamente ist äußerst willkürlich, und von einer eigentlichen Komposition ist überhaupt nichts zu erkennen. Hier stößt ein Blatt fast gegen ein anderes. dort bleibt die Fläche für die Empfindung leer. Eine Tapete mit diesen Mustern würde an der Wand einen verwirrenden Eindruck machen. Schon bei einem flüchtigen Rundgange fällt es auf, wie sehr fast alle modernen Malerinnen»ach berühmten Mustern gearbeitet haben. In den letzten zwei Jahren sind die Künstlerinnen sehr viel- seitig geworden. Es giebt kaum eine neue Richtung in der Malerei, die nicht auch bei ihnen eine Vertreterin gesunde» hätte. Das gehl aber so weit, daß manche der Künstlerinnen auch den durchaus eigenartige», sofort zn erkennende» Stil eines Malers ein- fach übernommen habe». Man sieht zum Beispiel eine Winterlandschast in einem stark blauen Ton gemalt. Man denkt so» fort an Paul Baum ans Dresden. Es ist aber, wie der Katalog ausweist, Bertha Schräder aus Dresden, die das Bild gemall hat. I» einer Hinsicht ist diese AbHäiigigkeil von den gegenwärtigen Strömungen der Malerei besonders beinerkenswerth. Nachdem die naturalistische Malerei sich in ihrer erste» Zeil nicht genug thu» konnte, grelles Sonnenlicht zu malen, ist man heute der allzustarken Wirkungen müde geworden. Man zieht die Natnrstiuiuiungen vor, die in zarten, weichen Farben ansklingen. Das ist auch das charakteristische Merk- mal dieser Ausstellung der Künstlerinnen. Gerade die Tüchtigsten haben eine solche ost übergroße Zartheit der Farben. Der„auf- gehende Mond" und die„untergehende Sonne" kehre» in den Land- schafte» sorlivährend wieder. Auch dadurch hat sich der Verein der Künstlerinnen ein großes Verdienst' erworben, daß er einige hervorragende ausländische Maleriimen zur Betheiligung eingeladen hat. Ihre Bilder de- iveisen, daß im Ausland auch die Malerinnen in der Technik ivie in der ltultur des Geschmacks noch immer>veit höher als die deulsche» Malerinnen stehen. Eine Erinnerung an Marie B a s h k i r t s e s f, die bekannte Schülerin von BasUen-Levage, bietet ein Bild von ihr aus dem Jahre 1883. Ein derbes kleines Mädchen, das sröitelnd in seinem großen schwarzen Tilch« unter einem mächtigen schwarzen Ztegenschirm steht. Es ist eln'ns hart in der Farbe, aber kräftig gemalt. In bellftci»„Freilichi" strahlen zwei Landschaften von Jnliette Wytslnanu(Brüssel). Im Bordergrunde siehe» hohe üppige Blumen, dahinter siebt man ein Feld, das von Weiden nmsäumt wird. Ans dein anderen Bilde treffen letzte Sonnenstrahlen in einen stillen Garteiuviukel, der von einer Hauswand, von Sträuchern und Blumen eingeschlossen ist. Die graugrünen Töne der Blätter gehen mit den rolhgrauen Blumen zu einer feinen Harmonie znsainmeti. Weich und außerordentlich lebendig legt sich die flimmernde Luft Über die Dinge. Aehnlich, aber nicht von gleicher künstlerischer Kraft sind die Bilder von Mnrie de Bievre(Brüssel). Die Landschaften der Holländerinnen habe» ein ähnliches Ans- sehe» ivie die ihrer männlichen Landslente. Sie haben dieselbe typische branne Farbengcbung. Ans dem Bilde der Sieutje Piesday van Honten sinkl eben der Sonnenball unter den Horizont. J» tiefein, braunen Schatten liegt bereits die weite Haide; »ur nm die hohe» braunen Hütte» vorn spiel)»och das letzte Sonnengold, und die Wölkchen am Himmel flammen gelbrolb auf. Eine feierlich stille Natur.— Ans cincr großen blaueil Truhe, einem gelblichen Kissen ll»d einem schwere» Vorhang in Grauroih baut dieselbe Malerui auf-einem anderen Bilde enr prachtvolles Slillleben in dem trübe», aber tiefen holländischen Farbe». Von-einer wundervollen Tonschönheit sind. die Landschaflen der Marie BilderS van Bosse. Herbstlich gelbrothe Buchen mit silbern« und grünschillernden Stämme». Auf dem dunkleren Grün deS Waldbodens liegt schon viel welkes Laub. Eine Dänin, Bertha W e g m a n n, hat ein schönes Bild stillen Mutterglücks gesandt, eine Frau, die mit ihren beiden Kinder» in Heller Sonne sitzt. Von den deutschen Malerinnen ziehen besonders D o r a H i tz, Julie W olf-TH orn, Sabine Lepsin s. Ernestine Schultze-Naumburg und die Radiererin Cornelia Paczka-Wagner die Aufmerksamkeit auf sich. Gerade von ihnen gilt die Bemerkung, daß anch die Malerinnen heute ihre Bilder in ganz zarten Farben malen. So sind die aus früheren Ausstellungen bereits bekannten Porträts von Sabine Lepsius und das Kinder- bildniß von Dora Hitz in blassen Tönen gehalten. Etwas frischer im Tone und kräftig gemalt iit das Bildniß eines Mädchens von E. Schnitze- Naumburg. Julie Wolf-Thorn ist durch ein Damen- Bildniß der letzten Berliner Ansstellung sehr bekannt geworden. Sie malt in der Regel mit Pastellfarben nnd hat sich«ine grobe Meisterschaft in dieser Technik erivorben. Diese weichen, trockenen Farben gestatten es, eine Fülle von einzelnen Farben ineinander zu verreiben nnd mit äußerst feinen Zwischentöne» zu arbeiten. Ans einem kleinen Bilde steht der Kops„Eva's" dicht vor dem Be- trachter gegen den Spiegel eines kleinen Sees, in dem das Bild der Bäume am Ufer und des gelben Abendhimmels in verschwimmende» Farben auftaucht. Von dem Bildchen in den gelblichen und grünen Tönen geht ein geheimnißvoller Zauber ans. Cornelia P.>czka-Wagner hat eine Sammlung von Alnmino- graphicn nnd Radirnngcn ausgestellt. Das neue Verfahren, das die Lithographie ersetzen soll, wirkt nach diese» Versuchen nicht so kräftig als diese, weil die Schnltengebnng weniger grobkörnig wird, ist aber sehr gut geeignet, die Wirkung des Weichen, Runden hervorzubringen. Für Frau Paczka mußte dieses Verfahren sehr willkommen sein, da sie anch in ihren Radirunge» vor allem diese Wirkungen erstrebt. Die Künstlerin arbcilel seil längerem an einem Zyklus, der das Leben des Weibes zum Gegenstand hat. Unter den ausgestellten Drucke» ist eine Reibe interessanter Charakter- köpfe nnd weiblicher'Akte; unter den letzteren sSllt der schlanke, hagere Körper einer Psyche, die die Arme erhebt, nnd der volle, reise Körper einer„Eva", die sinnend den Apfel betrachtet, besonders auf. Indessen machen diese Werke wie anch die anderen einen etwas un- lebendigen, starren Eindruck. Das Fleisch ist nicht weich. Es ist oft. als habe die Künstlerin nach einer Statue und nicht nach einem lebenden Mensche» gearbeitet.— Oskar Kühl. M lein es Iscmllrftm. ie. Tic Pflauzeuwclt der Honierifchc» Gesänge. Nachdem der Genuß t.n der Hoinerischen Dichtkunst anch in Deutschland längst zum Volkseigenthnin geworden ist, wird es gewiß für viele einen Reiz haben, auch die Pflanzenwelt derjenigen Gegenden, in welche Homer die Kämpfe und Leiden seiner Helden versetzt, kennen zulernen. Diesem Zivecke dient eine interessante kleine Broschüre, die von Fellner kürzlich veröffentlicht wurde:„Ueber die Homerische Flora". Fellner gehl von der Voraussetzung ans, daß die Westküste Klcinasicns den»isiste» Anspruch daraus hat, aus dem bekannte» Wettstreite»in die Gebnrlsslelle des Homer als Sieger hervorzugehen. Infolge deffen wird die Pflanzenwelt dieser kleinasiatischen Küste nach ihrem heutigen Zustande stndirt nnd ihre Zusammensetzung mit den in den homerischen Liedern eiwähnten Pflanzen verglichen. Man kann annehmen, daß die Pflanzenwelt der Insel» im Griechischen Meere eine gleiche gewesen ist, wie die der kleinasialischen Küsten, la zwischen Kleinnsien nnd der Oilküste von Griechenland sicher ei» steter nnd reger Pflanzen anstaufch stattfand. Zunächst der Küste Kleinasiens zieht sich ein Streifen immergrünen Landes dahin. Dort wächst der wilde nnd veredelte Oelbanm, ferner der Lorbeerbaum, der Nationalbaum der Griechen und das .Heiligtlmm des Apollo, ferner immergrüne Eichen, die düsteren Cypressen, verschiedene Nadelhölzer, die. Tamariske, Manna-Esche ze. .An den Ufern stehen besonders Uinien, Erlen, Weiden und Pappeln, wie bei uns zu Lande anch. I» lichten Wäldern und Hainen wuchs ein üppiges Slranchiverk als Unterholz, darunter besonders Oleander nnd Myrlhen. Man darf � aber nicht die hculige Vegetation dieses Landes vollständig ans die daninlige Zeil übertragen, denn im homerischen Zeitalter gediehen dort manche Pflanzen noch nicht, die jetzt eingeführt sind, n. a. Orangen und Zitronen, Kaktus- arten, Agaven, der Johannisbrodbanm, der weiße Maulbeerbaum. Zwergpalmen und Daticlpnlmen, die veredelten Rosen n. s. w.'Ans de» Bergen standen Wälder ans Kastanien, Eichen, Buchen, Kornel- kirsche» und Nadelhölzein. In de» Snnipfen wnchS besonders das Pfeilrohr(�Vrunclo donax), daneben das Schilf, Binse» und Seggen- Gras. Die Wiesen einhielten als Gräser nach der Erwähnung Homer's nur das Agrostis nnd Poie, daneben aber zahlreiche Blumen rvie den(der sich anch aus der glücklichen Wiese in der Uiiterwell findet), Narzissen, Hyazinthen. Safran, LoloS, Sellerie zc. Der ziveit« Theil der genannten Broschüre derichiel über die Pflanze»- welk des bebanlen Landes: Getreide, Wein, Obst, endlich»och über die danials werlhvvllen Kräuter.— Theater. — Die„Freie Volksbühne"— nicht die„Neue Freie 'Volksbühne"/ wird am Sonntag im' Friedrich-Wilhelm städtischen Theater„Die lustigen Weiber von W i n d s o r" zur Aus« führuiig bringen.— — Ii» Schausvielhause kommt Anfang März das drei- aktige Lustspiel:„Der Vielgeprüfte" von Wilhelm Meyer-Förster zur Aufführung.— Kunstgewerbe. — Das Aluminium in der Lithographie. Ans Wien berichtet das dortige„Fremdenblatt" vom 29. Januar: In der Plenarversammlung des Niederösterreichischen Gewerbcvereins hielt Regierungsralh Georg Fritz, Vizedirektor der Hos- und Staats- druckerei, einen Vortrag über die Verwendiing von Ä l u in i» i n in- platten stalt der Steine für künstlerische Lithographie. Der Vortragende gab zunächst einige statistische Daten über die rapid steigende Aluininiumfabrikation im verflossenen Dezennium, den beispiellos großen Preisrückgang dieses- Metalles, und er- läuterte sodann in eingehender Weise die Verivendnng des- selben bei der lithographischen und Lichtdruck-Technik. Ein Ersatzmittel für den schweren, thenren nnd unhandlichen Lithographie-Slein zu finden. beschäftigle die Fachkreise seit Bestehen der Lithographie, aber keines mit Ausnahme der Zink- platle» konnte es über das Versuchsstadim» hinausznbriugen. Das Verdienst, das Almnininm den graphischen Künsten dienstbar gemacht und damit ein vollkommen verwendbares Ersatzmittel für den Stein gesunde» zn habe», gebührt dem Drnckereibesitzer Josef Scholz in Mainz, der damit»ach vieljähriger Arbeit zn außergewöhnlich gute» Resuliaten gelangt ist. Die Vortheile des Aluminiums gegenüber teni bis jetzt i» Gebranch befindlichen Stein bestehen in dem be- deutend billigeren Preis, in dem leichte» Gewicht, der Raumersparniß bei Aufbewahrung der Platten und i» der sehr einfachen Bchand- lnngsweise seitens des Zeichners und Druckers. In Denlschland, Frankreich, England, Amerika ist das Aluminium bereits i» vielen großen Anstalten mit bestem Erfolge eingeführt.— Geographisches. — Ueber den Bergschatten nnd seine gra» phifche Ermittelung hielt Dr. P e nck e r am Jenenser deutschen GeograpKenlage eine» sehr interessanten Vortrag, der jetzt samml den graphischen Beilagen in den Verhandlungen des 12. deutschen Geographenlags in Druck vorliegt. Der„Globus" theilt daraus folgendes mit: Der außerordentlich hohe Einfluß, welch«» Sonne nnd Schatten auf die Eis- und Schnceverhältnisse eines Ge- birges, ans die Lage nnd Form der Siedelungen, den Anbau von KnUurgewächse», ja überhaupt auf das ganze Pflanzen- nnd Thier- lebe» in den Bergen haben können, ist bekannt genug, und hat nicht nur in der Wissenschaft, sonder» auch beim Volke stets Beachtung gefunden. Aber es fehlt bisher an einer Methode,»ach welcher man Zahlenwerthe für den Bergschatten(im weiteren Sinne) er- Mitteln konnle. Indem nun Pencker von der Erkenntniß ausging, daß die jährliche Dauer der Bergbeschattung für einen Ort eine Funk- tion der perspektivische» Projeklion des Bergprofils auf die sphärische Fläche der Jahres- Sonnenbahn a» der Himmelskugel bildet, ist es ihm gelungen, die gesuchten Bergschatteuwerthe sür Jahr nnd Jahresabschnitte ans Stunden und Minuten zu ermitteln nnd graphisch darzustellen. Ans de» zahlreiche» Beispielen, welche der Verfasser aufführt, wählen wir einige besonders prägnante Fälle. I» Schwnrzbnrg, Thüringen, werde» durch den Bergschalten vo» der milttcren Tagcsdaner im Jahresmittel 1�/« Stunde» entzogen, in Brotterode südöstlich vom Juselberg,»nr 1 Stunde, in Gastein 4 Stunde», in Meran 23/4 Stunden, in Hallstadt 43/4 Stunde». Während aber in Gastein die Tagesverkürzung des Sonnenscheins am geringste» im Sommer(3 Uhr nachm.), am stärksten im Winter (4>/2 Uhr nachm.) ist, ist der Verlust an Sonnenstrahlung in Meran in allen Jahreszeiten gleich groß, nnd die mittlere Morgenverspälimg der Sonne gerade im Winter am geringsten(iveniger als halb so groß wie in Gastein). In Hallstatt aber«nlzicht der Berg- schalten in de» Eoniinermonaten dem Ort 6 Sinnden Sonnenschein, nnd die Sonne verschwindet bereits nm 23/4 Uhr nachmittags hinter den Berge». Exlrei» hohe Verluste an direkier Sonnenstrahlung zeichnen besondcrs die»ach Norde» ausliegenden Kare aus, namentlich im Winter; so dringt ans den Boden der großen Schnee- grübe im lltiesengcbirge, die»nr so viel direkte astronomische Sonnenstrahlung erhält, wie ein horizontfrei gelegener Punkt unter 87 Grad nördl. Br., vo» Milte Oktober� bis in de» März hinein durch volle 4'/2 Monate hindurch kein Strahl der Sonne. Da ist es dann nicht zn verwinidern, wenn sich während des Winters der Schnee bis wenige Meter unterhalb des 190 Meter hohe» Randes dieses eiszeitlichen Glctscherbelles ansammeln kann.— Ans der Urzeit. — Fossile fliegende H»» d e i n Europa. Wie Claude Gaillard unlängst der Pariser Akademie mittheilte, haben die von dem Lyoner Museum veranstalteten Ausgrabungen in den tertiären Thonlagern vo» Grive-Saint-Alban(Jsöre) jüngst zu einem seltenen Fnndc geführt, dem Oberarmbein einer miocänen frncht- fressenden Fledermaus von der Größe eines egyptischen Nachlhundes. Es ist, so viel bekannt, das erste Beispiel eines fossilen Ueberrestes dieser Thiere, durch ivelches nun der Beweis erbracht wird, daß ihr Stammbnni» bis ins Miocnn hinaufreicht. Der miocäne Flughund hatte noch nicht die Größe der gegenwärtig lebende», ans die östliche Halbkugel beschränkten größeren Flughiinde erreicht, und das Ober- nrmbein, obivohl es demjenigen der Rachthunde von Egypten und Madagaskar»ahekommt, war noch nicht so verschieden von dem» jeiiigen der damals lebenden, insektenfressenden Flugsäuger(Fleder- uiäuse), als dies bei den lebenden Arten der Fall ist. Die Trennung der beiden Abtheilungen scheint damals erst im Beginne gestanden zu haben.—(.Promelhens") Slus dem Thierrciche. — D i e San Jose-Schildlaus. In Hamburg hat man auf auierikanischein Obst San Jofs-Schildläuse gesunden, und darauf hin ist die Einfuhr frischen Obstes ans Amerika verboten worden. Die genannte Schildlaus(�sxiäiotas xernieiosos) soll ein Pflanzenschädling nicht minder verheerender Art wie der Koloradokäfer und die Reblaus sei». Er sncht namentlich die Obstbäume heim, ver- schont aber auch andere Bäume und Slräucher nicht. So fand man die San Joss-Schildlans ans Linden, Spindelbaum, Spiräen, Weißdorn, Coioneaster, Akazien, Ulmen, einzelnen Weidenarten und andere» mehr. Das Thier vermehrt sich in Amerika mit ungeheurer Schnelligkeit und richtet die von ihm befallenen Gewächse in kurzer Zeil zu gründe. Die eigentliche Heimath des Schmarotzers ist nicht bekannt. Zuerst wurde sie nach Chile eingeschleppt, von ivo sie sich die Westküste entlang nordwärls ausbreitete. In den achtziger Jahren trat sie in Kalifornien auf und verivüftete dort die Obstpflanzungen. Namentlich machte sie sich an Birnbänmen, Pfirsichen und Pflaumen bemerkbar, und da sie sich zunächst in der Umgebwig der Sladt Sa» Jose verbreitete, so erhielt sie davon ihren Namen. Später kamen Nachrichten über ihr vereinzeltes Borkommen in den Oststaate», bis schließlich unzweifel- Haft winde, daß auch die vierzehn Staaten östlich der Stocky Monntains völlig verscncht sind.— Nstronomisches. t. Die Himmelsbeobachtungen mit dem größten Ferwrohre der Welt habe» nach einem Berichte des Leiters der Derkes-Sternwarte G. E. Haie, ausgezeichnete und für die Wissenschast höchst bedeutende Ergebnisse gehabt. Um die auslösende Kraft der Riesenluise zu prüfe», wurde das Fernrohr auf Doppel- steine gerichtet, die sehr nah« an einander stehen. Die Sterne eines DoppelsterneS im Bilde des Pegasus, welche nur Vio Bogenseknnde von einander entfernt sind, waren bei einer LOSVfachen Vergrößerung zwar nicht einzeln zu sehen, bildeten aber eine deutlich längliche Scheibe. Nun wurde die Vergrößerung ans das 3750 fache eingestellt, die stärkste Vergrößerung, welche überhaupt je von einem Fernrohre erzielt worden ist; hierbei konnten die Doppelsterue, deren Körper ga»z nahe zusammenstehen, scharf getrennt und ihr Abstand mir Leichtigkeit gemessen werden. Der be- kannte Astronom Barnard, früher an der Lick- Sternwarle in Kali- foruien, hat mit dem Vierzigzöller der Ierkes> Sternwarte auch bereits mehrere neue Doppelsterue von sehr geringem Abstände ent- deckt. Di« Auffindung eines selbst durch das große Fernrohr der Lick-Sternwarte nicht gesehenen Begleiters der Bega wurde bereits gemeldet und kann als ein Beweis vorzüglicher Lichtstärke des neuen Fernrohres dienen. Auch Nebelflecke sind besser sichtbar als am Lick- Fernrohre. Barnnrd erhielt bald einen Beweis davon. indem er auf der Sternwarte von Chicago ohne eigent- liche Absicht etwa 20 neue Nebel am Himmel entdeckte. Auch der berühmte„veränderliche Nebel' im Slernbilde des Stiers, der neulich von der Lick- Sternwarte aus nicht gefunden werden konnte, ivar gut sichtbar. Hale prüfte das Fem- rohr auf seine Leistungsfähigkeit zur photographischen Aufnahme von Sternspektren und fand diese so deutlich, daß eine kürzere Dauer der photographischen Aufnahmen ermöglicht ist. Der feine Meßapparat des Fernrohres scheint ebenfalls vorzüglich ausgefallen zu fein, da einige, an verschiedenen Abenden hinler einander vorgenommene Messungen Ergebnisse von guter Uebereinstimniung lieferten, was auch zugleich ein Beweis für die sichere Aufstellung des großen Instruments ist. Besonders genau fielen die Messungen des Neptuns- mondes und eines planetarischen Nebels aus. Ganz besondere Aus- klärungen verspricht das Riesenfernrohr mit bezug ans die Sonnen- beobachtung zu geben. Man konnte die Chromosphäre und die Protuberanzen der Sonne noch bei KdOfacher Vergrößerung sbe- obachten, die sonst dafür als unanwendbar gilt. I» der Chromo- fphäre wurden verschiedene helle Linien entdeckt, die bisher un< bekannt waren. Das Spektrum der Chromosphäre wird durch diese zahlreichen neuen Funde ein ganz anderes Bild für die Wissenschaft geivinnen.— Technisches. — Di« erste Lokomotiv-Eisenbahn in Oester- reich. Vor 60 Jahren, im Januar 1838, erfolgte die feierliche Er- öffnung der ersten österreichischen Lokomotiv-Eisenbahn, nämlich der Strecke der Kaiser Ferdinands«Nordbahn von Wien nach W a g r a m. Im Frühjahr 1837 hatten die ersten Arbeiten auf der Strecke von Wien nach Lundeuburg begonnen, und am 23. November desselben Jahres konnte bereits die Probefahrt bis Wagram statt- finden. Doch nahm die Bahn nicht in Wie», sondern in Floris- dorf ihren Anfang, weil die Hölze»« Donaubrücke nicht so rasch fertiggestellt werden konnte. So konnte erst am 6. Januar 1838 die eigentliche Eröffnung der Nordbahnlinie Wien— Wagram erfolgen. Schon einige Tage vorher wurden dem Publikum die näheren Be- stimmnngen durch Plakate bekannt gegeben. ES solle an Wochen- tagen zweimal, au So»»- und Feiertagen dreimal gefahren werden und man behielt sich vor, wenn Witternngsverhältnisse oder sonstige - � Veranlwortlicher Redakteur: Augnst Jacobey in B Hindernisse eintreten solllen, dies rechtzeitig bekanntzugeben. Das Publikum wurde ersucht, sich eine Viertelstunde vor Abgang der„Kolonne" ans dem Bahnhose einzufinden. Zur Bestellung der Billets, welche für eine Toursahrt in der I. Klaff« 50 kr., in der II. Klasse 30 kr., in der III. Klasse 15 kr. C-M. kostete», wurde ein eigenes Lokal in der Stadt eröstuct. Auch hatte die Direktion zur größeren Bequemlichkeit des Publikums die Veranstaltung getroffen, daß durch einen Fialerverei» eigene,„recht elegante" Gesellschafts- wagen gestellt wurden, welche die Fahrenden bis an den Bahnhof führte». Auf de» Billels war die Nummer des Wagens und des Platzes darin angegeben, sodaß„jedermann sich gleich zurechifinden konnte". Am 6. Januar 1838, pünktlich um l/i10 Uhr setzte sich der Zug, welcher ans zehn Personenwagen und zwei Lokomotiven(an der Spitze die Lokomotive„Moravia", am Schlüsse die Lokomotive „Herkules") bestand, in Bewegung. Man legte bei dieser ersten Fahrt die Sirecke von Wie» bis zum Stationsplatze in Deutsch- Wagram, beinahe dritthalb denlsche Meilen, in 40 Minuten zurück. Der zweite Zug desselben Tages brauchte für die Rückfahrt nach Wien sogar nur 34 Minnlen. Die Wagen I. lind II. Klasse enthielten drei Abtheilungen je zu sechs Personen. Der Bau derselben und ihre Einrichtung ließ nach damaligen An- schauungen nichts z» wünschen übrig. Bäuerle's„Theaterzeitung" schrieb hierüber:„Eleganz und Bequemlichkeit ist ans die an- sprechendste'Art in diese» Wagen vereinigt. Jeder der wohl- gepolsterten Sitze ist mit Armlehnen und'Ohren verschen. Die Wagen III. Klasse sind ganz offen und mit Sitzbänken versehen, übrigens von ebenso solider und eleganter Bauart, wie die übrigen. Die Beivegnng selbst ist für die Fahrende» von angenehmster Art. In den bequemen Sitze» ruhend, ohne die geringste Erschütterung, so daß man ivährend der Fahrt bequem lesen kann, gewahrt man die außerordentliche Schnelligkeit nur an dem magischen Vorüber- gleiten der an der Bahn stehenden Zuschauer, welche wie in einer llatoma magica erscheinen und verschwinden."— Hiiinorisiisches. — Im Wirthshaus. Kellner, was ist das? Ich habe doch ein Kalbskotelett bestellt, und Sie habe» mir ein Rinderkolelett gebracht!"—„Was wollen Sie? In der Küche geht es so langsam zu, daß das Kotelett Zeit gehabt hat, alt zu werden l— — Moderne Musik. Mann: Himmel Donnerwetter. Frau! Das halle ich nicht länger ans mit Deiner Tochter da und ihrer modernen Musik im Nebenzinnner!" — F r a ll:„Aber lieber Freund, Tu irrst, das ist ja Pauline, die die Tasten reinigt."— — Unter Eheleuten. Frau Scharf(beim Lesen eines „Magazin".Artikels>:„Hier wird sehr interessant auseinandergesetzt, daß Wittwen die allerbesten Frauen geben." Herr Scharf: Aber, Herzchen, Du kannst doch nicht ver- langen, daß ich mich hinlege und sterbe— blos aus dem Grunde, daß Du eine gute Frau wirst?!"—(„Jugend.") Bmmschies vom Tafle. y. Im vergangenen Jahre sind 1249 Schiffe verloren gegangen, und zwar 950 Segelschiff« mit 381041 Registertons und 2b9 Dampfschiffe mit 253 703 Registcrlons. Unter den Segelschiffen befanden sich 48 deutsche mit 22 377 Regisierlous und unter de» Dampfschissen 18 deutsche mit 14 724'Registertons.— y. In H e ck l i n g e» bei Siaßfurt wurden drei Kinder eines Bergnianus von einem einstürzenden Hausgicbel erschlagen.— — lieber Köln und Umgebung ging am Mittwoch Nachmittag ein heftiges Gewitter nieder.— — In Graz bat sich der S t a a t s a» w a l t Müller erschossen. Soll geistesgestört gewesen sei».— — In Neapel haben am Mittwoch die Studenten die Fenster der Uniuersität eingeworfen und in den Hörsälen Katheder und Bänke zerstört. Die Professoren wurden gewaltsam gehindert, Vorlesungen zu halten.— — London, 3. Februar. Während des Sturmes, der gestern früh herrschte, fuhr ein Windstoß in die Laterne des Leuckt- t b u r m s zu C r o s b y nahe bei Liverpool. Das Holzwcrk fing Feuer, und der Lenchtthurni brannte nieder. Ter Ansseher des Thnrmes sowie seine Frau und eine zu Besuch anwesende Frau sind in de» Flammen umgekommen.— — In Denver(Colorado. Nordamerika) sollte am 28. Januar eine n n e» t g e l l l i ch e V o l k s s p e i s u n g stattfindeii. Es kamen aber zehnmal mehr Personen, als ma» erwartet hatte. I» dem Kampfe um die Vorräthe wurden 3 Polizisten, ferner 11 männliche und 5 weibliche„Festtheilnehmer" lheiis getödtet, theils� ledeiis- gefährlich verwundet; die Zahl der Leichtverwundeten beläust sich auf mehrere Hundert.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint Sonn- tag, den 8. Februar._ rli». Druck und Verlag von Max Nadiug in Berlin.