Anterhaltungsblait des vorwärts Nr. 26. Sonntag, dcil 6. Februar. 1893. (Nachdruck verbalen.) � Allk-rgsleuke. Noman von Wilhelm M e y e r- F ö r st e r. XIX. Klara fühlte ihre schwere Stunde näber kommen uub sie dachte jetzt so viel an Sterben und irdische Dinge, daß ihr Wesen, wenn das überhaupt möglich war, noch sanfter wurde und ein leichter Heiligenschein sich in den Augen der Frau Ohnesorge um ihr Hanpl ivand. Geschäftsrücksichlen verboten der letzteren, gegen ihre Miethcr, die Studenten, strafend ans- zutreten, andernfalls heitre � sie diesem elenden Prahlhans Schreier und nächtlichen Nnheftörcr Schäfer wahrscheinlich fürchterlich die Wahrheit gesagt. Er kam nachts mit größter Regelmäßigkeit betrunken heim, stolperte die Treppe herauf, warf inn, was nicht ganz fest stand, und vollführte einen Höllenskandal, wenn die Ohnesorge irgend etwas in seinem Zimmer nicht an die rechte, leicht zu findende Stelle gelegt hatte. Das ganze Hans war ans diesen Kannibalen wüthend, namentlich deshalb, weil er nicht ivie andere Studenten UM eins, zwei, drei Uhr oder später eintraf, sondern stets schon nm halb zivölf, wenn alle Leute im ersten und besten Schlafe liegen. Aber in dem lateinischen Viertel am Oranieu- bnrger Thore nähren sich Schneider, Schnstcr, Kaufmann, Barbier, Wirth, Zimmervermiether und überhaupt fast alle Welt von dem Gelde der Studenten, und es gehl deshalb nicht wohl an, mit einem dieser 5krakehler Streit anzufangen. Frau Ohnesorge hatte in ihrer Praxis übrigens schon schlinimere Subjekte als Herrn Schäfer kennen gelernt, nur hatte sie früher ans deren Unarten ans Gewohnheit gar nicht mehr geachtet, während sie jetzt Klara's wegen den großen Muth hatte, mit ihrem Miethcr Rücksprache zu nehmen. Bei Tage war nun Herr Schäfer ein ganz leidliches In- dividnnm, so daß er die bescheidene Strafpredigt der Fran Ohnesorge gnädig aufnahm. Wenn eine kranke Fran neben ihm ivohne, so werde er selbstverständlich ausziehen, natürlich erst am nächsten Ersten. Ans diese Antwort war die arme Obncsorge nicht gefaßt gewesen. Kein Gedanke, in solchem Falle das Zimmer vorm ersten Oktober wieder zu vermicthen! Ein Ausfall von viermal dreißig gleich hnndertzwanzig Mark— das wäre Wahnsi»'»! Ihr Ruin! So mußte sie schweren Herzens Herrn Schäfer beruhigen und die Krankheit der Fran Klara Krciscr als nicht gar so gefährlich hinstellen. Aber der Schalk Schäfer durchschaute diese Hinterlist und erklärte, ans Ritler- lichkeit unbedingt die Wohnung wechseln zu müssen. Nun wurde die arme Klara in Fran Olmcsorgc's Darstellung ein Fiich an Gesundheit, und erst dann bekehrte sie ihren Miether zum Bleiben, als sie ihm die Art der Krankheit zart angedeutet hatte. Berthold Schäfer war oanck. weck, und als solcher natürlich gegen Krankheiten dieser Art von größter Theilnahmlosigkeit. Er hielt der Ohne- sorge von seinem Sofa ans einen Vortrag über das, was der Mensch als Krankheit zu bezeichnen das Recht habe, ging namentlich auf die sogenannten Leiden der Frauen ein und redete über diese Kränkeleien sehr absprechend. Seine Zu- Hörerin gab ihm in allem recht und erhielt dann den Auftrag, für Schäfer eine Bratwurst zu rösten; denn durch de» Vor- trag ivar seine seit Monaten schlnnnncrndc Arbeitslust an- geregt und er beschloß, den Tag Über daheim zu bleiben und zu stndirc». So ergeben sich im Leben bisiveilcn seltsame Konsequenzen, und wer sich die Mühe macht, in seinem Alltags- leben darauf acht zu geben, wird verwundert beobachten, ans welche» merkwürdigen Ursachen oft die guten oder bösen Hand- lnngen der Menschen entspringen. Die viele Einsamkeit war gerade in dieser Zeit für Klara nicht gut. Sie träumte mit offenen Augen und baute ganze Geschichten zusammen, ivie sie sterben und ihr kleines Ding von Mädchen oder Junge dann ganz allein sein würde. Dieser kam in einer schrecklichen Nacht. Wie gewöhnlich hatte man seine Ankunft noch nicht erwartet, und die Ohncsorge war aufs höchste erstaunt, als an ihre Thür geklopft und sie ans ihrer Nachtruhe gestört ivnrdc. Sie ivar dann aber sofort mitten in der Situation und mühte sich um die arme Klara mit mütterlicher Sorgfalt. Draußen ging ein schweres Geivittcr nieder, und als nm dreiviertel zwölf Herr Schäfer nach Hanse kam, hatten Gewitter und Regengüsse ihn zwar leidlich nüchtern gemacht, keineswegs aber für die Nachlässigkeiten seiner Hanswirthin versöhnlich gestimmt. Tie Streichhölzer waren nicht zn finden, die Fenster standen angelweit ans, und der Schäfcr'sche Sommerpaletot, der in der Nähe des Fensters gelegen hatte, war naß wie ein Schwamm. Richard ivar erst spät zn erwarten, da der Bund der Landwirthe im„Genna" ein Liebesmahl feierte, und »im, da Klara glaubte sterben zn müssen, fühlte sie sich grenzenlos vereinsamt. Die gute Ohnesorge ivurde bei dem Gewitter so verwirrt als möglich, und wer um Gotteswillen sollte znm Doktor lausen?! Es war vom Standpunkte der Vermietherin ein Waguiß ohnegleichen, sich nachts um ein halb eins mit Herrn Schäfer in Verbindung zn setzen, aber Roth bricht Eisen, und so riskirte sie es, an seine Thür zn klopfen und ihn zn bitten, er möge aufstehen. Der Kandidat, der sich bereits im ersten Schlummer befand, tränte seinen Ohren nicht, glaubte an Ein- brecher, ulkende Freunde oder sonst dergleichen und schlenderte in der Dunkelheic einen seiner Stiefel mit solcher Wucht an die Thür, daß, hätte sich nicht zwischen dem Stiesel und Frau Ohnesorge's Kopf ein starkes Brett befunden, der letztere nn- fehlbar zerschmettert worden wäre. Kreischend, halb betäubt vor Schreck, stürzte die wackere Frau in Klara's Zimmer, und nur der große Ernst der Situation gab ihr nach einiger Zeit noch einmal den Wageinnth, den Kandidaten znm Ausstehen zn bewegen. Herr Schäfer, der an dem Gekreisch sofort die Person seiner Wirthin erkannt, hatte sich mittlerweile rasch angezogen, da er dachte, der Blitz habe ein- geschlagen oder sonst etwas Fruchtbares sei passirt. Er öffnete also gleich, war aber höchst unangenehm berührt, als ihm die flehende Bitte vorgelegt wurde, schleunigst znm Arzte zu laufen. Da das Gewitter nachgelassen hatte, trat die Wirkung seiner sechzehn abendlichen Schoppen wieder stärker in die Erscheinung, und der Kampf zwischen seiner menschlichen Hilfsbcrcitheit und seiner Faulheit wäre für einen nn- befangenen Beobachter vielleicht leidlich komisch gewesen. Er halte viele alberne Entschnldignngsgründc, eine Erkältung, den nassen Paletot und so weiter, schließlich erbot er sich in einem glücklichen Einfall sogar, seine medizinischen Kennt- nisse hier selbst nutzbringend verwerthen zu wollen. Die geängstigte Fran hatte alle Mühe, ihm diesen unzeitgemäßen Plan auszureden, und so trollte er denn endlich die Treppe hinab auf die Doktorsnche. Das Geivitter war mittlerweile neu zurückgekehrt und ent- lud sich in gräßlichen Schlägen über die große Stadt. Was Wunder, daß Herr Schäfer und der Arzt erst nach längerer Zeit eintrafen, namentlich da der Doktor, des Kandidaten arge Betrunkenheit erkennend, zunächst geglaubt hatte, dieser Mensch erlaube sich einen schlechten Witz! So kam es, daß der kleine Richard unter Blitz und Donner ohne fremde Hilfe in die Welt marschirte. Seine Mutter lag bleich in den Kissen, die gute Ohnesorge wußte nicht, ivo ihr der Kopf stand, und als Herr Kreiser nachts halb drei Uhr nach Hanse kam, fand er auf dem Sofa im„Salon" den dicken Kandidaten sitzen, der ein kleines Wesen im Arme hielt und in dieser Position seit einer Stunde die tiefsinnigsten Betrachtungen angestellt hatte über Leben und Sterben, Ge- borenwerden und Vergehen, über die Medizin und sich im be- sonderen, über seine Faulheit, sein vieles Trinken und die sichere Prognose baldigen moralischen Niederganges. Er war ganz und gar nüchtern geworden und faßte in dieser Stunde Vorsätze, die, wären sie nur znm kleinsten Theile durchgeführt worden, ans ihm eines der nützlichsten Glieder der menschlichen Gesellschaft gemacht hätten. Als er aber nachher im Bette lag, fand er, es sei von dieser Ohnesorge eigentlich doch ein starkes Stück, ihn für fremder Leute Interessen zn wecken und gröblich zn behelligen. Wenn die Sache bei seinen Koin« militonen ruchbar wurde, war er unsterblich lächerlich gemacht, und mit diesem unangenehmen Gedanken schlummerte er lang» sam ein. XX. Den Mai und Juni dieses Jahres verlebte der Justiz- rath Simon mit Abraham am Lnganer See. Wochen- und monatelang nach Evcr's Tode veränderte er sich wenig oder gar; nicht, dann ganz plötzlich trat eine scharfe Reaklion ein. Er begann zn kränkeln, und als er sich eines Tages genauer im Spiegel betrachtete, war er alt geworden. Bei manchen Leuten fällt der Schnee über Nacht. und die gestern noch lustig neben ihnen her marschirende Jugend ist auf einmal weit zurückgeblieben. Das ist ein hartes, stechen- des Schmerzgefühl, wenn diese Erkenntniß zum ersten Male aufdämmert; um so schlimmer, wenn das Alter-gar mit Krankheit einzieht. Der Anwalt war immer ein kerngesunder Mensch gewesen, und als er nun durchs sein Zimmer tastete uud ein merkwürdiges Schwächcgefühl ihn zum Sitzen zwang, da glaubte er ohue weiteres, der Tod stehe vor der Thür. Mit größter Eeschivindigkeit mußte Ricke zum Arzt lausen, und der Anwalt dachte mittlerweile an Testament, Sarg und Abschied von der Erde. Der Doktor fand den Sachverhalt durchaus nicht so arg, aber er stutzte doch über die große Veränderung, die mit dem Justizrath vorgegangen war, und als dieser des Doktors erstaunten und besorgten Blick bemerkt hatte, stand es in ihm fest, daß alle nun folgenden beruh i- gendeu Worte des Sanitätsrathes nichts als gutgemeinte, aber unwahre Trostmittclche» seien. Wie der Herbst, wenn die Blätter fallen, uns traurig und wehmüthig stimmt, so noch viel mehr unser eigener Herbst. Denn auf den Jahres- winter folgt immer wieder und in alle Ewigkeit neu der Frühling, unser Frühling aber ist unwiederbringlich verloren. Wir pilgern in den Winter des Lebens hinein, und hat der sein Ende gefunden, so schlägt auch unser letztes Stüudlein. Mancher erträgt diese Erkenntniß mit gutem Humor, manchem kommt sie überhaupt nicht. Wieder andere sind nach hartem und sorgenvollem Arbeiten müde geworden und begrüßen den Winter ihres Lebens wie einen ersehnten Freund, der ihnen einen Ruheplatz in der Ofenecke zuweist. Aber viele bäumen sich noch einmal verzweifelt auf, rufen klagend nach der ver- lorenen Jugend und sind tief unglücklich. (Fortsetzung folgt.) SonttkctgsplÄttdevei. Wilhelm Meyer, der Versasser des Romans„Alltagslente", der eben im„Vorwärts" veröffentlicht wird, hat vor mehrere» Jahre» ein Schauspiel„Unsichtbare Ketten" geschrieben. Das Drama, das den Autorname» Wilhelm Meyer zum ersten Male bekannt machte, ivar damals im Schauspielhause gegeben worden. Es sollte gleich- sam eine Probe von den« neuen, modernen Geist sei», der ins Hos- Theater einzöge; und es gab damals noch naive Leute, die an solchen Umschwung glauben mochte». Die Zeit hat sie zu nüchleruer Erkenntniß gesnhrt. In dem Drama Meyer's war von jenen Feffeln die Rede, die tief ins Fleisch des Menschen einschneiden und die man dennoch nicht sieht. Von unsichtbaren Ketten sprach auch neulich der sächsische Be- vollmächtigte im Reichstag. I» seiner Anschauung von i,»sichtbaren Ketten offenbarte sich eine ganz eigenlhümliche Empfindung. Was die Außenwelt nicht sieht, thut auch nicht weh, so etwa meinte Herr Krüger. Für Leute, die sonst immer predigen, der Sozialismus werde alle Individualität auflösen, ist das ein bemerkenswerther Aus-. sprnch. Was nur diese sozialdemokratischen Redakteure haben! Da zupst einer Werg im Gefäugniß. Aber das thnt ja nicht iveh und dann, das Publikum sieht es ja nicht. Man hat de» Iiedakteur Schulze gefesselt durch die Stadl geführt; aber man verfuhr dabei mit solchem Zartgefühl, daß die zierlichen Kettche» ja nicht von jedem neugierigen Auge eines Spaziergängers erblickt werden konnten. Mußte chenu der x. t. Schulze seine Fesseln einem Freunde zeigen, der gerade vorüberging? Es schmerzt nicht, was vor der Welt verborgen bleibt. Wer sich erst zu diesem Gedanken emporschwingen und von lächerlicher Empfindsamkeit besreieu könnte! Er würde manche» barschen Ton uud luanche noch barschere Behandlung gelassener er- tragen, wenn er sich geduldig vorhielte: Aber das geschieht ja z. B. auf einer Polizeiwache, in einem inneren, vor müßiger Neugier beivahrte» Räume; das tbut ja nicht weh. WaS sollen die Proteste wegen Slrasbehandluug? Wenn man den sozialdemo- kratischen Schriftsteller so behutsam fesselt und ins Gesängniß über- führt, daß die Fesselung nicht sichtbar ist, warum schreit dann der Mensch noch? Ein Menscheubewußlsei» allerdings giebt es, das sich meldet; ein Ehrgefühl, das wach und reg« ist. gleichgiltig, ob man beobachtet wird oder nicht. Einen brennenden Groll über erlittenes Unrecht giebt es. und wenn auch kein Dritter Zeuge der Unbill war. Allein das sind Aeußerungen eines verzärtelte» Gewissens. Wer sein robustes Noruu.lgewisseii hat und innner nach den Grund- sätzen der„anständigen Herrengesellschaft" handelt, in dessen Fleisch werden die unsichtbaren Kette» auch nicht«iuschneiden. Das gesunde Normalgewissen erschauert erst, wenn die Blicke aller Welt «ine Schmach erkennen. Was in der verschiviegene» Zelle vorgeht, je nun. das berührt die Welt der Gerechten nicht. Man sieht's nicht, also jühlt der Betroffene keinen Schmerz. Man sollle eigeullich schon zufrieden sein, daß die sächsischen Herren, die doch die Gsmiithlichleit selbst sind, nicht noch unwilliger werden, wenn sie so vorlaute Klage» vernehmen müssen, wie die der politischen Sträfl ge. Herr v. Stumm, der neuerdings so warm- und offenherzig lur die Prügelstrafe eintritt, würde aiif oerlei Klagerufe überhaupt nicht erwidern. Sich da noch Plackereien mit Lente» auflade», die sich eines verfeinerte» Selbstgefühls rühmen. Thorheiten über Thorheiten! Ein sozialdemokratischer Redakteur braucht kein Lnxusgefnhl zn haben. Das wäre»och schöner. Es giebt beispielsweise eine Manier gutsttuirler Leute, eine» arme» Teufel zu deinülhigen, die nicht einmal in rauhen Worten liegt. Man kann den Arme» so eigenthümlich anblicken, daß ihn» das Blut in das Gesicht steigt. Warum schafft sich dieser Mensch nicht ein Gewissen an, das derlei Zimperlichkeiteii nicht kennt? Und dieses Gewissen müssen sich eben die Verbrecher aus politischer Ueberzeugung auch anschaffen. Wer konnte beim de» Be- sagte» daran hindern, fröhlich lächelnd zn erklären, er habe einen Morgenspaziergang vorgehabt? Die Leute, die er während des Transports traf, hätten es ihm schön geglaubt. Die Ketten waren ja verdeckt. Nur die verdammte Hnmanilälsduselei unserer Tage kann dabei etwas finde», das den Mensche» niederdrückt. �_ Das ist nun auch wieder solche nichtsnutzige Empfindsamkeit, die sich in Köln an gewisse Polizeilhaten knüpft. Warum mußte auch Frl. Faßbinder in ihrem weibliche» Ehrgefühl gekränkt sei»? De» verseinerle» Luxus können sich Frauen gestalte», die einen Wagen bereit stehen haben, wenn sie aus einer Abendgesellschaft kommen; oder hinter denen wenigstens eine ritterliche Schutzgarde einherlrollet. Aber wer diesen Luxus sich nicht gönnen kann, der darf auch nur mit dem bürgerlichen Normalgesühl kommen, und das richtet sich nach dem Ausspruch: Geschieht Deine Kränkung nicht vor zwei Dutzenden von Zeuge», so hast Dn kein Recht, gekränkt zn sein. Ein»nbeschollencs Mädchen wird wie eine Dirne anfgcgriffeir. Sie ist über die Behandlung, die ihr widerfährt, in ihrer ganzen Persönlichkeit erschüttert."Aber was thut das. Es siehl's ja niemand. Herr Kiefer, der Schutzmann, ist noch erstau»!. wie sich das Fräulein„man so hat," würde man in Berlin sage». In seiner Verwiiiideruiig über das zimperliche Gethne wird er nngednldig uud so erfüllt er denn seine Pflicht mit strengerem Nachdruck. Wenn >vir erst zn einem polizeilich gcaichten Beivußlseiii unserer Persön- lichkeit gekommen sind, dann werden die Bitterkeilen im Uuigang zwischen Polizei und Publikum schon aufhören. Wenn ein junges Mädchen erst nicht ans verletztem Selbstgefühl in thörichle Er- regnng geräth, so wird sie dem sistirenden Schutzmann wie ein Läuun« lein folgen und sich damit trösten:„Esjist ja dunkel am Abend, es siehl's die Menge nicht." Dann wird das Mädchen nicht durch hysterisches Schluchze» und Weinen seinerseits de» Schntzinann aufrege», und Szenen, wie die im Kiefer'scheu Prozeß, werden den Schutzleute» erspart bleibe». Die Mutter der Faßbinder, die es milaiisehen mußte, wie ihre widerstrebende Tochter zur Wache gezerrl wurde, hat gleichfalls nicht die polizeilich gebotene Gemülhsruhe be- wahrt. Ihr Multergefühl war eben überreizt. Wäre das nicht gewesen, sie hätte die Hände nicht über dem Kopf zusammen- geschlagen, sondern sie lieber in Entsagung gefaltet und gesprochen: Folge ruhig, mein Kind, und mnckse nicht. Wir alle stehen in Polizeihand.— Die anfgestörten inneren Gefühle sind an allein Lärm und an aller Unzusriedenheit Schuld. Die Ver- znrtelung der Persönlichkeit geht schon so weit, daß man die Prügelstrafe selbst dann als infamirend betrachtete, wenn der Sträf- ling auch nicht einmal vor seinen Mitgefangenen geprügelt wurde. Damit ihn kein Schmerzensschrei verriethe, könnte man ihm ja ein Knebelchen in den Mund thnn. Früher und»och zur Zeil der gesetzlichen Prügelstrafe bei den Soldaten wurde, der Abschreckung ivegen, die Sache öffenilich abgemacht. Heute thut iiiaii bereits, als sei die Menschenwürde verletzt, wen» ein sozialdemokratischer Re- daktenr so vorsichtig gefesselt wird, daß es andere als er und sein Transporteur nicht merken. Was die Welt nicht sieht! Welche fürchterlichen Kapitel ver» bergen sich oft darniiter! Eins der entsetzlichsten hat dieser Tage in der Schiveiz Aufregung verursacht»»d an düstere deutsche Pro- zesse wider einzelne Reltniigs- und Heilanstalten erinnert. In der Stadt des Kindli-Freffer-Brnttnens und des Bärenzivingers, in der Buudcsstadt Bern, giebt eS eine staatliche Rettungsanstalt für ge- sallene Mädchen. Einer ihrer obersten Verwalter war ein viel- angesehener Bürger, ei» wenig muckerisch wohl, vielleicht aber gerade darum eine besonders geeignete Stütze der Gesellschaft. Das Berner Patriziat hielt große Stücke von ihm; und kein Mensch hätte es seinem glatten Gesicht angesehen, welcher Sturm von Wollust und Bestialität im Inner» dieses Mensche» tobe. Jahre lang hat der Mann nnmenschlich gewüstet; in Bern, der traulichen, der lauschigen alten deutschen Stadt mit ihren schal- tigen Laubengängen, wo Laden an Laden eng sich aneinander reiht, mit ihren Gäßchen und ihrem Winkelwerk, wo doch alles so»ah' zu einander rückt, wurde nichts laut davon. Die Welt hat nichts ge- sehe». Ans den Käfigen der Unglücklichen drang kein schmerzvolles Ge- stöhn auf die Gasse. Mit raffinirler Grausamkeit wurden die Mädchen und Frauen, die das Unglück in die Rettungsanstalt führte, mißhandelt. Es läßt sich nicht erzählen, worauf Wollust und Bestialität im Berein führte». WaS aus dem Prozeßverfahren in die Oefsenl- lichkeit drang, ist entsetzlich genug. Bierzehn- und sünfzehnjährige — 103 Mädchen wurden splitternackt mi einen Stuhlblock pebundcn und geprücielt, als wären sie deutsche Pfandweiber in ZIfrika. Erst durch «ine Mißhandlung, die ganz»»feiig ausfiel, kam das Treiben an den Tag, und ein irrsinniger Verbrecher, ein völlig bestialisirter Un- Niensch wnrde entlarvt. Man muß bedenken, in diese Anstalt wurden besonders Mädchen geführt. deren Jugend und deren Umgebung so erniedrigt war, daß diese verlorenen Fronen im zarten Silier dem„Laster" verfielen. Vom„Laster" sollten sie noch knrirt werden. Das Mnckerthum einer republikanischen Bourgeoisie dachte, die Gefallenen der Frömmigkeit wieder zufuhren zu müssen: durch Buße natürlich, durch Buße und Erbauung, wie das dem Muckerthum schon so eigen ist. I» diese finsteren Seelen leuchtet kein Strahl des freudevollen Erbarmens. Wenn in der Faust- Tragödie um Grethcheu's Schuld gerungen ivird, dann erklingt die heiler- erbarmende Stimme: Gerettet! Amtlich heißen Anstalten, wie die in Bern, gleichsalls Ntettungsanstaltcu. Wenn eine Stimme aber von der Höhe erklingen sollte und sie spräche im Hinblick ans das Schicksal so vieler Mädchen, die da verwarnt und verwahrt werben:„Sie sind gerettet!"— mit welchem schneidend sarkastischen Ton müßte diese Stimme erfüllt sein!—_ Alpha. Dileines JTcmWcfcm. h. d.»Ordensritter".„Kinder! Nu wartet noch'» bisken! Erst woll'n wir uns noch eeue ins Gesichte stecken!" rnst ei» junger Mann dem Schwärm nach, der laut sprechend und lachend die Stille der Nacht aus den dunklen Straßen jagt. Ps— Ps! Das ans- flammende Streichhölzchen beleuchtet einen Augenblick den Sprecher. Die Hitze und Bewegung des Tanzes zittern noch in seinem Gesicht. Unter seinem offen gelassenen Mantel leuchtet etwas ans seiner Brust aus. JSst! Das Streichholz erlischt. Er geht mit großen Schritten dem Schwärm nach. An der nächsten Ecke erreicht er ihn. „Gute Nacht!— Wunsche angenehme Ruhe!— Gute Nacht! Gute Nacht!— Unsinn; es ist ja schon Morgen!"— Winke», Händeschütteln, der Schivarni hat sich an der Ecke zerstreut. Der junge Manu bleibt mit einigen jungen Mädchen und Freunden stehen.„Na. wir geh'n doch noch ins Caso!" „'Ach nein, das wird zu spät!" „Aber, Fräulein Grelhe! Sie werde» uns doch nicht zu guter- letzt iiu Stich lassen!" „Aber nein— das geht doch nicht!" Er faßt sie unter:„Ach was— gehen wir!" Die anderen Paare folgen lachend hinterdrein. Niemand begegnet ihnen; sie sind jetzt die Herrscher in der Straße. Doch, da hinten flackern grelle Lichter ans den, Straßendamm. Helles Pochen und Schlage», dumpfes Stampfe» durchdringt die Nacht. Die vom Ball Heim- kehrenden werden stiller, je mehr sie sich dem Platz näher», an dem so lautes Leben herrscht. In dem hin und her gewehten Schein offener Flanimen arbeiten knochige, schwarze Gestalten. Das Pflaster ist aufgerissen. Der Asphalt und der Zement ist aufgeschichtet neben de» schwarzen Löchern, die wie Wunde» des Straßendammes aus- sehen. Die Männer arbeiten, ohne zu sprechen. Selten sieht einer auf. wenn er ein Stück Werkzeug hochnimmt und die Zwischentheile an die»enen Schienen setzt, die in das Pflaster eingesägt werde». Sei» Blick streift huschend die Umstehenden, die wohl den Mantel- krage» gegs» den kalten Wind hochgeschlagen haben aber die Mäntel selbst ans der Brust offen lassen. Ihre weiße, angeschmutzte Wäsche, ihr schwarzer Rock ist zu sehen— auf der linken Nockseite leuchten blanke Flecken auf. Die Damen sind in lang« Mäntel gehüllt, doch leuchten unten die Ballschuhe und die Kleider, weiß, rosa und hell- blau, hervor. Sie starren stumm auf die Arbeitenden. Sie halten es beinahe vergessen, daß auch sie in wenigen Stunden ivieder ins Geschäft müssen. „Na, mi' aber in's Gase!" Die wenigen Stunden solle» nun auch noch ausgekostet werden.... Die Gesellschaft kommt wieder zurück. Die Arbeiter sind fertig. Der Straßendamm ist ivieder glatt. Die letzten Flammen werden ausgelöscht; der qualmende Asphaltwagcn sährt weiter. Sein bläulicher Dunst mischt sich mit der die Straße durchziehenden Morgeudämuiernng. Die Gesichter der Heimkehrenden sehe» so farblos aus wie die graue Luft. Nur unter den Mänteln sehen die Menschen, die von innen die Häuser ausschließen und zur Slrbeit eilen, blanken Flitter ausleuchte». „Auf den Sonnlag freu' ich mir!" summt einer der„Ordens- ritter". Er blickt stolz und zärtlich auf seine geschmückte Brust und dann auf seine Begleiterin: Sie hat ihm alle ihre Orden an- gesteckt.... Theater. Im Lessing-Theater wurde am Freitag eine gesellschaftliche Satire„Das grobe Hemd" von C a r l w e i s zum ersten Male aufgeführt. Eine Satire ist wohl ein bische» zu viel gesagt; denn vom ehrliche» Ingrimm, der die Satire ausmacht. ist das leichtere, karikircnde Pofsenspiel des Wieners Carliveis meilenweit enl- fernt. Dem Wiener Autor hilft die alle künstlerische Ueberliefernng und giebt ihm einen natürlichen Vorsprung vor de» elende» Volks- stück-Skribente», die im heutigen Berlin dutzendweise emporwachsen. Darum ist Carlweis noch lange kein ursprüngliches satirisches Talent. Hinter dem satirische» Getändel, das manchmal sehr witzig, sehr er- heiterud wirkt, steckt keine Lebenstiese. Nicht eine Zeiterschcinung au sich weckt den Spott von Carliveis, sondern deren modische Eutartungs« sorni. So kehrt sich sei» satirisches Spiel im grobe» Hemd nicht einmal gegen sozialistische Mitläuser und„andächtige Schwärmer". die gleich erschrecke», wenn ihnen die Thalsnchen auf den Leib rücken; sondern es nimmt geradezu das sozialistische Gigerlthum ans Wienerischem Grund aufs Korn. Mit bewußtem Sozialismus hat das Stück denn gar nichts zu schaffen; auf ihn geht Carlweis nicht ein; ihn zu treffe», hütet er sich wohl. Er umgeht ihn und hilft sich mit bequemen Phrasen, wie etwa: Das ist zu ernst, das sind Dinge, mit denen sich nicht spielen läßt. Andererseits darf man von seiner Verklärimg des gesund- bürgerlichen Menschenverstandes im wieuerisch-gemiithlichcn Sinne sich nicht blenden lasse». Wie der alte Schöllhofer dem Sozialisten- gigerl, seinem Sohn, im„groben Hemd" zuruft: Das ist ja. alles unecht, so kau» man dem Autor des Schauspiels zurufen: Du spielst bei Deiner Beweisführung mit falsche» Karten. Ein Mann, der durch Ausbeutung von Kinderarbeit und ähnliche bürgerlich-ehrliche Mittel vom einfachen Arbeiter zun, Millionär sich„emporschwingt". wie der alte Schöllhofer es that, bevor die Gewerbe-Jnspektore» das Geschäft störten. ist jedenfalls ein höchst zweideutiger„guter Kerl". Wenn der alte Schöllhofer sagt: Einen ersparten Tausender (Tausend- Guldenschei») habe ich zum anderen gelegt, ei» einziges Mal habe ich mir ei» Theatervergnügen gegönnt, so lügt er inin- bestens so sehr, wie sein Sohn, das sozialistische Gigerl, der über die Besitzlosen und Enterbte» seufzt, und seine theuren Kostünie fürs Stadeln und Daw»-tsunis- Spiel nicht missen kau». Das sind Taschenspieler-Kunststücke, nicht poetische Lebenserkenntniß und Wahrheit. Geknüpft und gelöst werden die Vorgänge, wie es in alten Volksstück-Mustern üblich war. Der alte Schöllhofer geht ans den Talmisozialismus seines Sohnes ei»; besonders da es ihn empört, daß ihm vorgehalten wird, an seiner Million klebe ein Makel. Auch höchst einfache Weise dozirt der Alte seinem Sohn, daß Geld niemals riecht. Er ersinnt sich die Finte, er habe sein ganzes Vermögen auf der Börse verspielt. Vater, Tochter und Sohn beziehen in der Vor- stadt eine kleine Wohnung, und der sozialistische Sohn ist wie umgewandelt, seit er sich sei» Geld selbst verdienen soll. Ans dieser Komödie der Irrungen erwächst der Spaß. Der Sohn und manch' anderer mit ihm hat die„Goldprobe" nicht bestanden, man kehrt zu den Fleischtöpfen des Alte» zurück. Der Sohn ist„geheilt", er erkennt: „Besitz schändet nicht", und die bourgeoise Ethik ist wieder einmal gerettet. Beim Publikum interessirte am meisten der Akt, in dem in ivitzblatt- mäßigen Einfällen vom alten Schöllhofer„Armuth" ge- spielt wird. Man könnte dem Verfasser einwende»: Auch das ist kein Spielzeug, aber so ernsthast darf man ihn nicht nehmen. Schauspielerisch stand Dr. Tyrolt vom Wiener Volkstheater als Gast im Vordergründe. Sei» alter Schöllhofer war als Wiener Vorstadtbürger eine echtere Studie, als die des Verfassers selber. Von der wienerischen Manier, allzu absichtlich ins Publikum hineinznspielen, ist Dr. Tyrolt freilich auch nicht frei. Der alte Schöllhofer mit den» robust-rothcn, weinfrohen Gesicht und de» kleinen, nicht gerade geistvollen, aber bauernfchlauen Auge»; mit seiner besonderen Protzennoblesse und Gutmüthigkeit in nebensäch- lichen Dinge»; mit seiner schars-realcn Aussassung voui„Recht deS Besitzes" im allgemeinen: das war eine durchaus geschlossene, schau- spielerische Gestalt. Viel vom Beifall galt Herr» Tyrolt.—ff. Musik. -er-. Konzerte. Die musikalische Mittelmäßigkeit hat heuer keinen volleren Triumph gefeiert, als an dem Abende, da uns ein Herr Otto H e r b i g eine Reihe eigener Arbeite» vorführen zu müssen glaubte. Es war von traurigster Lustigkeit, eine Symphonie zu hören, in der mit kläglichster Sorgfalt auch nnr halbe Gedanken, poetische Enipfinduiige», rhythmische Gliederung und ein symphonischer Bau vermiede» sino und auch nicht«ine individuelle Phrase den ver« wegen«» Angriff einer grausamen Talentlosigkeit zu entschnldigen veruwchte. Es gab auch einige kleinere Sachen, eine Streicher- serenade, ein Violonccll- Konzert,«ine„Fidelitas"- Ouvertüre; überall der Eindruck, daß der versagenden Natur von Herrn Herbig schlimme Gewalt angelhan wurde.— Bon dem Pariser Geschwisterpaar M a d« l e i n e und Jean t e n H a v e ist der weibliche, zugleich der künstlerisch stärkere Theil. Madeleine spielte Schmnann's 0-wolI-Sonate und mit ihren» Bruder die erste Klavier-Violin-Sonate von Saint-Saöns mit fließender, durchgearbeiteter Technik, mit intelligentem Erfassen des geistigen und gemüthlicheu Inhalts der Tonstücke und mit be- lebte,» Feinsin» in den Anschlagsarten. Binder Jean'S Geigenspiel hat kleinen Ton, kleine Technik und kleine Seele; so er- schienen die b'-dur- Romanze Beethoven's und Joachim's Violin« Variationen als freundliche Durchschnittsleistungen ohne würdigen, innigen und großen Charakter.— Frl. Ada Osann thut nnrecht, ihre» warmen Mezzosopran zur Sopranhöhe forciren zu wollen. Sie sang einiges von Brahms und Schumann mit wirklicher Empfludiing, die sid) sogar so weit steigerte, daß sie die Sängerin vom Gefuhlsathein Worte zerreißen ließ. In der Kunst steht jedoch der Athen, über der Ueberschwänglichkeit des Gefühls. — Eine wirkliche Sopranistin ist Frl. Else Pöh», deren aus- geprägte Kraft des Ausdrucks nach der Bühne zu verlangen scheint, 'Stimiiitechnische Miingel in der Mittellage und Tiefe ver- hindelten sie zwar, die weiche Aiiiiinlh und die»iclodische Keuschheit Brahuis'schcr»»d Jensen'scher Lieder völlia au?- zuschöpfeu, aber es zeigte sich doch in alle», eine gesaugslüustlerische »ud geistige Bedeutsainkeit, die baldige Reife ankündigte. Mit Frl. Pöhu zusannne» kouzertirte der Pianist Max Landow, der eine Menge seiner künstlerischer Züge durch eine siibgezierte Romantik verdnnkelte. Er spielte Brahms und Schninaun mit de» aus- geprägten Merkmalen»nd mit der Heransfordernng des eigenlhüm- iichen Geistes dieser Meister, aber seine Technik blieb uns dann manches schuldig, wenn seine Empfindung sozusagen sachlich war, und seine Empfindsamkeit verlor dann jede männliche Selbstständigkeit, wenn seine Fertigkeit hervorragend wurde.— Einen klar gestaltenden und hervorragend subjektiven Künstler lernten wir i» Dr. Otto Reitze! kennen. Ist es an sich eine große physisch-technische Leistung, die drei große» Beelhoven'schen Klavierkonzerte C-moll, G-dur und Es-dur an einem Abend zu spielen, so muß die Herausarbeitung der anßerordentlidie» geistigen Mannigfaltigkeit dieser Werke wirk- lich beivnndernngswürdig erscheinen. Besäße Dr. Reitze! wärmere Sinnlichkeit des Anschlags, er wäre ein nach allen bedeutenden Seite» hin idealer Beelhovenspieler. Der„Verein der Freimüthigen" hat gelegentlich eines Wohl- thätigkeitssestes eine verschollene einaktige Bnffo-Oper von F l o t o w: „Wittwe G r a p i»" aufführen lassen. Der Komponist der „Slradella" und der„Martha" war ein melodienreicher Kopf; die in verdienter Vergessenheit schlnmmernde„Wittwe" wird seinem Nuhine nicht schade».— Erziehung«nd Unterricht. — Erste Deutsche Handelshochschule in Leipzig. Seitens der sächsischen Ministerien des Innern sowie des Kultus und vffenllichen Unterrichts ist die Errichtung einer ersten Deutschen Handelshochschule in Leipzig beschloffen worden. Dieselbe wird zu Ostern dieses Jahres eröffnet werden. Junge Kauflente, die für den Besuch der Handelshochschule die erforderliche Reife besitzen, könne» ihre Anmeldungen schon jetzt an die Kanzlei der Handelskammer zu Leipzig richte».— Psychologisches. — Rechenkunst und Schwachsinn, lieber einen Vor- trag, den Dr. Theodor Heller, Leiter der Eiziehnngsanstalt für geistig abnorme Kinder in Wien-Grinzing, über das Thema„Rechenkünstler" gehalten hat. berichten die Monalsblätter des Wiffeiischaftlichen Klubs in Wien. Die Eigenart der Rechenkünstler, so führte der Vor- tragende ans, kei nichts Anderes, als eine Form des a n g e- borenen Schwachsinns. Dr. Heller erinnerle an die Lehren der modernen Psychologie, die kein einheitliches Ge- dächtniß gelten läßt, sondern eine Mannigsaltigkeit von Einzel- gedächtniffen aniiimmt. Diese Theilgedächtnisse stehen unter normalen Verhältniffen im innigste» Zusammenhange. Unter pathologischen Verhältnissen könne» sie hingegen isolirt sein, und das ist bei den Rechenkünstlern der Fall. Entspräche die gesammte geistige Entwickelniig der Rechenkünstler dem ihres Zahle, igcdächt- nisses, so wäre gar nicht auszudenken, wie sich das Bewußtseins- leben eines derartigen Uebermcnschen gestalten könnte. Thalsächlich steht aber deni enormen Zahlengedächtniffe eine Schwäche aller übrigen geistigen Funktionen gegenüber. Wenn wir die Lebens- schicksale der Rechenkünstler verfolgen, so treffen wir immer wieder auf drei Momente. Zunächst entstanimen sie fast immer den ärmlichste» Verhältnissen, ihre allgemeine Bildung ist durchschnittlich auffallend gering; ihr Zahlensinn erwacht, bevor sie eine schnlgemäße Unter- Weisung erhallen haben, und trotz ihres iinmensen Zahlengcdächt- nissesZist ihr Gedächtniß für andere Materien nicht eiitwickeliings- fähig. Der Vortragende bewies dies, indem er den Lebenslauf berühmter Rechenkünstler, wie Jacqnes Jnnandy's und Moriz Frankl's, schilderte. Jnnaudy lernte kaum die Ziffern schreiben, zeigte kein Verständniß für die Geometrie und für die Erscheinungen der Ratnr. Moriz Frankl erwies sich als unfähig zur Erwerbung eines geordneten elementaren Wissens. Der Hamburger Stechen- künstler Zacharias Das« war ein Epileptiker, dem Genuffe alkoho- lischer Getränke besonders ergeben und von überaus sä, wacher Intelligenz. Das Interesse der Rechenkünstler bleibt einseitig auf Zahlen und Zahlenwerth« beschränkt. Hierfür legt«ine Begebenheit aus dem Leben des Rechenkünstlers Bnrton beredtes Zengniß ab. Dieser besuchte ans Veranlassung eines Mitgliedes der königlidien Sozietät der Wissenschaften in London das Thealer, in welchem Barrick König Riäiard III. darstellte. Auf die Frage, was er von dem Drama behalten habe, gab er die Zahl der Schritte, welche die Schauspieler gemacht hatten, und die Zahl ihrer Wörter an. Die letzlere. 12 445, erwies sich bei ihrer nachträglichen Prüfung als richtig. Bemerkensiverlh sei, daß die großen Mathematiker zum lheile gar keinen Zahlensinn aufweisen, zum andern Theile aber ihn mit zunehmendem Alter in demselben Maße verlieren, als sie stch mit hohen mathemalischen Problemen beschäsligen. Der Vor- tragende findet endlich ein enormes Zahlengedächtniß mit Sd>wach- sinn ebenso vereinbar, wie das gute»insilalische Gedächtniß mit ausgesprochenem Idiotismus.— Ans dem Thierlebe». t. Von einem W a l f i s d>. der ein Schiff angegriffen, beridstet der„Zoologist". Vom Schwertfisch ist es bekannt, daß er gelegentlich den Kampf mit einem bemannten Boote anfniinmt, bei Walfischen müssen solche Angriffe selten sein. Neulich passirte es einer englischen Bark von 300 Tonnen Naumgchall zwischen Neu- Seeland und Sydney. daß sie von Walfischen angegriffen wurde. Sie fuhr bei günstigem Winde dem australischen Hafen zu, als zwei Walfische in Sicht kamen, die sehr schnell durch das Wasser schössen. Plötzlich änderten sie ihre Richtung und schwammen gerade auf das Schiff los. Als sie es erreicl>t hallen, tauchte der eine unter, der andere aber warf sich mit mächligem Stoße gegen das Fahrzeug. Dieses wurde beschädigt, erhielt aber dank der Anordnung seiner Fracht, die ans Holz be- stand, kein Leck. Uebler erging es dem Angreifer selbst. Als das Thier nach schwachen Zuckungen in dem Wasser verschwand, färbte sich dieses roth von seinem Blute. Zufällige Znsammenstöße zwischen Walsischen und Booten kommen begrciflicheriveise häufig vor, hier handelte es sich aber zweifellos um eine böse Zlbsicht des Thieres.— Technisches. — Ein neues B r a u v e r f a h r e n hat sich ein Berliner Brailineister patentiren lassen. Das Verfahren beruht ans der Ver- wendnng von Malzniehl, indem das Malz vorher von den Hülsen und Blallkeimcii befreit und vermähle» wird. Dieses Malzniehl wird i»it Hilfe eines in die Würze einzusenkenden Filterbodens von dem verbleibendeii Mehlteig getrennt; letzterer soll zur Herstellnng von Brot Verwendung finden. Der Erfinder der Methode bezweckt mit dieser die Erzielung einer höheren theoretischen Ausbeute, die Gewinnung einer von Reden- geschmack freien Bierivürze, wie nebe» der erwähnten Verarbeitung des verbleibenden Mehlteiges zu Brod auch noch die Hülsen als Viehfntter Verwendung finde» sollen. Ferner würde das Verfahren auch i» den Ländern, wo die Versteuerung nach dem Bolnine» stattfindet, naturgemäß eine dem Wegfall der Hülfen pro- portionale Steilcr-Neduklion zur Folge haben. Da die Hülsen be- kanntlich sehr reich an Diastase sind, das Malzniehl an dieser aber einen zur Verzuckerung schon hinreichenden Gehalt hat, so wären die Hülsen auch für Brennereien zur Eiuleitnng der Verznckernng, an stelle des jetzt üblichen Grünmalzes, mit Vortheil verivendbar.— Humoristisches. — Probat.„Wie»>ad)st Du's den», Bader, daß Dir an den Sonntage» bei dem großen Andrang nicht die Hülste von Deinen Kunden ivieder davonläuft?"— „Ganz einfach! Wenn Einer den Kopf zur Thür'reinsteckt, muß ihm mein Lehrbub' schnell mit dem großen Fanstpinsel voll Seifenschanm ins Gesicht fahre». Da kann keiner mehr sort!"— — Eine gute Seele. Student:„Heilte bleibt mein Schneider aber lange ans!"— Freund:„Willst Dn ih» denn bezahle», daß Dn ihn so sehnsüchtig erwartest?"— Student: „I' beivahre, aber weil er gewöhnllch um diese Zeit konimt, g i e b t i h in meine H a n s>v i r t h i n immer den Kaffee für n» i ch mit Hern u f."— — In der Che wiest u» de. Professor:„Was geschieht mit Gold, wenn man es an der freien Lust liegen läßt?"— Schüler(»ach längerem Nachdenke»):„Es wird g e st o h l c n!"— („Flieg. Bl.") Vermischtes vom Tage. — I» Mainz sind mehrere V e r>v a l t u n g s b e a>» t e» des städtischen Gaswerkes wegen Nnterfchlagnngen verhaftet worden. Die Mißwirlhschast dalirt seil vielen Jahre».— — Die c z c ch i s ch e n Bauern, die jüngst z»»> Landes- Rabbiuer von Mähreu kainen, um zum Jndenlhnni überzutreten, gehören einer spiritistischen S.kle an, die blos da? alte Testament anerkennt und de» Sonnabend statt des Sonntags heilig hält. Ihr Führer ist ein Arzt. Die Leute werden aus der kaiho- lischen Kirche austreten und sich konfessionslos erklären.— — In Budapest fälschte ei» Gntsbcnyer Wechsel in der Höhe von 100 000 Gulden ans den Raine» seiner Frau und den des Ministers Peuzel, begab diese Wechsel und flüchtete»ad) Amerika.— — In L u b l i n k a, Gonvernement Moskau, ist ei» dreistöckiges Gebäude eingestürzt; 21 Personen wurden unlcr den Trüninier» begrabe»; 7 sind sckiiver verletzt.— — In Bombay sind in der vergangenen Woche 927 Personen an der Pest gestorben.— — Eine F e n e r s b r n n st zerstörte in G l o v e r s v i l l e, Staat New-Aork, das größte Hotel. 12 Menschen sind dabei um- gekommen.— — In den Vereinigle» Staaten dürfen in bis jetzt 300 Städten Ii i» d e r unter 15 Jahren sick, im Winter nicht nach 8 Uhr abends, im Sommer nicht nach 9 Uhr ans der Straße sehen lassen. Man will dadurch der Entivickelung des jugendliche» Verbrccherthuuis entgegenarbeite».— — In T a c o m a(Washington, Nordamerika) wurde M i ß Füller, eine Jonrnalisti», zum Hase» m e i st e r ernannt.— y. In der M a g a l h a e n s- S t r a ß e, an der Südspihe von Südamerika, ist der Dampfer„M a l u r a" am 12. Januar g es ck) eitert; 15 Mann von der Besatzung sind»ach Punta Arenas gelangt, von de» übrigen fehlt noch jede Spur.—_ Aergntivortlicher Redakteur: Angnst Jacobey in Berlin. Druck und Verlag von Max Vading i» Berlin.