Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 27. Dienstag, den 8. Februar. 1898. (Nachdruck verbalen.) 27] Allkssslouke. Noman von Wilhelm Meyer-Forster. Nun auf einmal beginnen sie nachzudenken und alles das zu bereuen, was den Verfall der Jugend beschleunigte. Wie aber alles im Leben feine zwei Seiten hat, so liegt auch in dieser fast tragischen Verzweiflung ein komisches Element. Vor allem schon in dieser angstvollen Sorge um das„Ich". Wer sein Leben recht ausgefüllt hat, der dachte immer inehr an seine Kinder und Angehörigen und an alle die, welche seiner Sorge unterstellt waren, als an sich selbst. Der wird den großen Uebergang zum Alter mit Ruhe ertragen und wird ihn kauni schmerzlich empfinden. Wer aber wie der Auwalt seine kostbare Person stets in den Vorder- grund gestellt hat, merkt und bereut das erst jetzt, und leise, trübe wird man lächeln dürfen, wenn man die ängstliche Art sieht, wie der betreffende nun rasch alles gut machen uiöchte. Der Justizrath fuhr mit Abraham zum Kirchhof und be- suchte Emrs Grab. Das hatte er in oen vielen Monaten nur sehr selten gethan, jetzt ivollte er täglich hinaus kommen. Am Abend hatte er mit Abraham eine lange Unterredung, in der er ihn gleichsam um Verzeihung bat für die nicht immer väterliche Art, init der er ihn behandelt habe. Ter Junge war tief bewegt, und der Justizrath infolge dessen doppelt, es gab eine Rührszene, die stark nach Senti- Mentalität schmeckte. Daun kam Aennchen an die Reihe. Schon die feierliche Art, in welcher sie gerufen und von ihrem Beschützer empfangen wurde, hatte etwas Bizarres, und als der kranke Amvalt sie nun mit leiser Stimme bat, in dem Sessel da drüben Platz zu nehmen und ihm aufmerksam Gehör zu schenke», da machte das gute Aennchen ein so dummes, ängstliches Gesicht, und der Anwalt eine so über allen irdischen Jrrthum erhabene Grciscnmiene, daß niemand in diesem seit- samen Paare Brautleute vermuthet hätte. „Ich reise Ende der Woche nach dem Süden, mein liebes Aennchen", begann der Justizrath,„mein Arzt hat mir dort längeren Aufenthalt verordnet und— erschrick nicht— es scheint mir mehr als fraglich, ob ich von dieser traurigen Reise zurückkehre." Aennchen erschrak allerdings, aber den Sinn dieser Worte verstand sie falsch und dachte dabei allen möglichen Unsinn; der Anwalt wollte sich da ansiedeln, sie sitzen lassen, nicht wiederkommen und so weiter. „Abraham wird mich begleite». Es wird ihm gut thun, einmal einige Monate sich auszuspannen und für seine Ge- sundhcit zu leben." Er erhob sich und trat zu ihr. Seine Stimme klang umflort, aber doch würdig und fest, als er nun das ent- scheidende Wort sagte:„Ich habe unrecht gethan, Anna, Dein junges Leben mit dem meinigen verknüpfen zu wollen. Fast dreimal bist Du jünger, und ich— Anna, ich bin ein alter Mann. Ja." Sie war ganz wie betäubt. Im nächsten Moment, dachte sie, wird er die Thür öffnen und sagen:„Und nun adieu, leb wohl und laß Dir's gut gehen." Da faßte sie eine schreckliche Angst, und sie umklammerte bittend seine Hände. Das legte natürlich wiederum der Anwalt falsch aus, und es fehlte garnicht viel, daß er sich noch rasch eines anderen be- sonnen hätte. Aber er hielt sich fest und würdig. „Tu bleibst hier im Hause, Anna, und sorgst für alles während unseres Fernseins. In meinem Testament wirst Du Dich so reichlich bedacht finden, daß Du keine Sorgen mehr zu fürchten hast. Dann eines Tages wird auch der Rechte kommen, meine liebe, gute Anna, der Dich glücklicher machen wiro, als ich alter Mann es gekonnt hätte. Nicht wahr?" Er richtete saust ihren Kopf empor, aber mit den in Thränen schwimmenden Augen sah sie gar nichts. Der rechte? Etwa der Photographeugehilfe von damals? Ach, wie traurig war das alles! Erst ganz allniälig begriff sie, was der Justizrath beab- sichtige, daß er es jedenfalls gut mit ihr meine und daß sie nach wie vor eine elegante und wohl beköstigte junge Dame bleiben dürfe. Im Uebcrlegcn war sie jedoch nicht schnell genug, um sich bereits jetzt zu sagen, daß sie mit diesem Tausche höchst zu- frieden sein könne, unh erst nachher, als sie allein war, ivurde ihr die Sachlage klar: daß sie nun wieder frei sei, keinen Ring mehr am Finger trage, und— ach, das Leben ist doch wunderschön! Nachher saß der Justizrath noch lange mit ihr und Abraham bei der Lampe zusammen. Abraham mußte sich auf die dringende Bitte des„greisen" Vaters mit der entlobten Anna aussöhnen, und wenn nicht den ganzen Abend hindurch von des Anwalts Krankheit und nahem Tode die Rede ge- wesen wäre, so hätte die Stimmung eine ganz hüsche sein können. Jedenfalls gab es selten eine friedlichere und würdigere Entlobimg als diese, und der Amvalt ivar nachher, als er allein ivar, auf die guten Thaten dieses Tages und seine un- ermeßliche Hochherzigkeit so stolz, daß er die Bitternisse des Alters und der Krankheit nicht mehr schwer empfand. Am andern Morgen wachte er nach einer traunilosen Nacht merkwürdig wohl und gesund auf, trat an den Spiegel, zog die Vorhänge vom Fenster, trat wieder vor den Spiegel, rieb sich die Augen und traute kaum seinem Blick. Er sah im Spiegel zivar keinen Jüngling, natürlich nicht, jedenfalls aber einen Mann, der sich von dem Justizrath, wie er vor Wochen und Mofiatm ausgesehen, eigentlich wenig unterschied. Gesunde Gesichtsfarbe, helle Augen— hm. Vielleicht war das gestern mir ein rasch vorübergehender Anfall gewesen, der die Menschen momentan schrecklich entstellt. Hm! Er kleidete sich in den hübschen, neuen Anzug, band eine helle Krawatte um und trat wieder vor den Spiegel: ein Gentleman. Er drehte sich rechts, links, immer ein frisches, erfreuliches Bild. Er kniff mit den Zähnen in die Lippe, öffnete das Fenster, durch das die frische Frühlingsluft einströmte, setzte sich in jugendlicher Pose auf das Fensterbrett und begann die Dumm- heilen des gestrige» Tages an seinem Geiste vorüberziehen zu lassen. Schließlich überwog aber neben einem Aerger das an- genehme Beivnßtsein der neu erwachten Lebenskraft, und über die Entlobung tröstete er sich sophistisch mit der Ueberzeugung, eine edle That vollbracht zu haben. Ueber kurz oder lang mußte der Sommer des Lebens ja jedenfalls dem Herbst und dem Winter weichen, und da wäre es doch nicht gut und recht gehandelt, die Kleine mit seinem Schicksale zu verknüpfen. Freilich war es nicht angenehm, Aennchen beim Kaffee- tisch in der reizendsten Laune anzutreffen, und es kostete dem wackern Justizrath eine harte Ueberwindung, den gewohnten Morgengruß heute in einen Händedruck umzuwandeln. Sie sah in dem hellen Morgeukleide so niedlich ans und hatte sich bei dem Gange zur Markthalle in der Frühlingssonne so rothe Backen geholt, daß der entlobte Justizrath bisweilen über die Zeitung fort nach ihr hinschielte und seine gestrige Ueber- eilung verwünschte. Aber auch Abraham sah ein wenig frischer auS als sonst, und als er nun hereinkam, dem Vater die Hand gab— was sonst nie vorkam— und sich aufrichtig freute, ihn so gesund zu sehen, da verflog des Anwalts üble Laune und es machte ihm Freude, sich mit Abraham— das war nun wirklich seit Jahren nicht passirt— stundenlang zu unterhalten und nach- her mit ihm spazieren zu fahren. Acht Tage später reisten Vater und Sohn nach dem Süden. Abraham, der in seiner Klaffe einer der besten war, hatte auch zwei Monate Urlaub erhalten, und er war schon vorher durch die sorgfältig studirten Rcisepläne in eine Stimmung gekommen, wie man sie an ihm gar nicht kannte. Aennchen begleitete die beiden zum Bahnhose, und als der Justizrath, der sich heute wieder schlechter befand, ihr zum Abschied die Hand reichte und ans dem Fenster des langsam hinausrollenden Zuges sie in ihrem eleganten weißen Kartun« kleide in der Ferne noch stehen und winken sah, da war ihm wirklich, als ob die Jugend von ihm Abschied genommen habe und er nun hinausfahre in den traurigen Rest seines Lebens. Weniger tragisch dachte Aennchen über den Abschied. Es war reizend, daß sie jetzt monatelang allein Herrin im Hause sein und jeden Mittag ihre Lieblingsspeiscn bestellen durfte. Am Ausgange des Bahnhofs traf sie den Agenten, der sie ein Stück Wegs begleitete und sich erkundigte, ob die vor zehn Monaten erfolgte Hochzeit ihres Bruders ihr gut de» kommen sei. Er sah ein wenig schäbig aus, denn dies Tante hatte neuerdings jede Hand von ihm adgezoge». Als er die Abreise des Justizrathcs erfuhr und die wichtige Mittheilnng, daß Aeunchen jetzt unbeschränkte Herrin im Hanse sei, verkaufte er ihr sogleich fünfzig Pfund Butter, strich die Kosten in Höhe von sünfundsünfzig Mark ein, und versprach selbst den Transport des Fasses leiten zn wollen. Er .thante jetzt ordentlich auf und erzählte allerlei Anekdoten. Als er sich schließlich verabschiedete, heuchelte er größte Eile, wollte nach der Uhr sehen, unterließ diese nmvill- kürliche Bewegung aber noch rechtzeitig und sagte, er sei jetzt einer der mcistbeschäftigtcn Leute Berlins. Sie ging nun nach Hause und meinte, daß dieser Agent, den sie ja schon seit Jahren kannte(aus der Zeit her, wo Papa Kreiser sein Atelier bei der Tante hatte), eigentlich doch ein netter Mensch sei. Nur der etwas abgeschabte Anzug war nicht schön, sonst könnte man diesen munteren Agenten wirklich gern haben._(Fortsetzung folgt.) Spaziergänge eines Naturfreundes. F e b r n a r. Es war ein milder trüber Tag. an dem Herr Tanzmann dies- mal seine Schrille hinaus ins Freie lenkte. Der Himmel war gleich- farbig grau, und die Luft so dicht mit Wasserdamps gesättigt, daß der Horizont wie mit Nebel verschleiert lag, und die Feuchtigkeit sich aus die Kleidung und den grimmigen Bart des Herr» Tanz- mann setzte. DaS ,st schon die Frühjahrsüberschwennnung, sagte dieser ge- lassen. Heute Maiwärme und morgen Eis und so fort ein Viertel- jähr. So ist das nun in unserer gemähigten Zone. Man kommt nicht von der Stelle. Verwünscht gemäßigte Zustände bei nns! Er schritt jetzt zum Ufer eines langgestreckten Sees hinab, wo die hohen, dürren Schilsstengel eine stille seichte Wasserbncht dicht überzogen halte». Der See lag, mit anderen Seen eine iveile Wasserkelte bildend, im Innern einer langen Thalniedernng, welche, au ihren ticssten Stellen mit Wasser ausgefüllt, in das große Spree- thal mündele. Diese Niederung schnitt tief in das Land ein, und ihre Längsränder, die an einigen Stellen kilometerweit von einander entfernt waren, mußten die Uferwände eines ehemaligen recht be- deutenden Wasserlauses sein, der seine Flnthen in das freilich noch beträchtlich breitere Strombelt der alten Spree gewälzt halte. Schade, sagte Herr Tanzmann, von all' der Wasserherrlichkeit nur noch ein paar armselige Seen und die paar Flüßche», wie die Dahme und die Spree, in deren nusgetrocknelem Flußbett jetzt Groß- Berlin Seehafen-Träume hegt. Jawohl, als die einzige sichere Erb- schalt von dem alten Spreeslrome haben wir nur noch den modderigen, wackeligen Untergrund, den Hausschwannn und die Rallen! Als er am See-Ufer entlang ging, bot sich ihm die Gelegenheit, «inen Blick in die Erdznsannnensetznnq des ehemaligen Slromrandes zu thu». Es befanden sich in jener Gegend eine Menge Ziegeleien, deren Schächte wie steile Felsenschluchlen tief in die Erde ein- gegraben waren. An ihren Wänden konnte man deutlich die Lagerung der einzelnen Erdschichten erkennen. Es waren verschiedenartige Zonen von Sand, Kies, Lehm, Mergel und Thon, alles Produkte der großen Eiszeit, welche nordisches Steinmaterial hierher geführt und mannigfach umgeändert halte. Herr Tanzmann sah es zwar als eine besondere Böswilligkeil der Natur an, daß sie den sterilen Sand obenauf gepackt und den kostbaren Thon gerade nach untcn vergraben halle, aber er ergab sich drei», da er es doch nicht ändern konnte. Zum Glück für ihn fand er eine Strecke weiterhin die Erdvcrhältnisse mehr nach seinem Wunsche. Dort breitete sicii neben dem See eine Wiese ans, deren dürrgelbe Grasfläche von kleinen Gruben hier und da unterbrochen war. Die Wiese war zwar jetzt außerordentlich naß, so daß Herr Tanzmann sie nicht zu überschreiten ivagte. Er kannte diese moorigen Scewieseu, die mit ihrem schwankende» Boden selbst ini Hochsominer kaum zu betreten waren. Eine dieser Gruben lag jedoch ziemlich nahe am Rande. Ihre schwarzen Wände bestanden aus einem guten recht sandfreien Torf, der ein sehr molliges Heizmaterial abgeben mochte. Man konnte in diesem Torfe noch deutlich die Pflanzenüber- reste, selbst große Wurzeln und Baiunsiämine erkennen, die einst auf dieser silmpsigcn Wiese gewachsen, umgefallen und dann in den kohlenartigen Znstand übergegangen waren. An den oberen Rändern der schivnrzen Wände wurde die Erde moorig, und ans dem Moor ragten die Wiesengräser und Kräuter hervor, die jetzt eine ivinterlich gelbe Farbe zeigten. Da können Sie sehen ,. Herr Tanzmann, sagte der Wanderer zn sich, wie die Kohle früher gewachsen ist. Ganze Wälder ver- sumpften und wurden unter Gestein und Schutt begraben ivie da drüben der Thon. Das schwere Gewicht preßte sie zusammen zu einer harten Masse, während unser neuzeitiger Torf nur seicht ein- gebuddelt und deshalb eine schwamniige, leichte Waare ist, wie alles Moderne. Das Wasser, das in der Torfgrube stand, ivar fast ganz mit einer dünnen, grünen Decke von Wasserlinsen bedeckt, kleinen Plänz- chen, deren ganzer Leib aus einem einzigen linsengroßen Blatte be- stand. Herr Taiizmaim dachte bei ihrem Anblick a» die Frau Tanz- mann, seine Mutter, oder noch mehr an ihre Enten, die diese Wasserlinsen höher schätzten, als Recht und Gerechtigkeit, und jeden Morgen heimlich ausrückten in den Wassertümpel, wo man sie ohne Stulpstiesel und die Gefahr, im Moore zu ver- sinke», nicht herausbringen konnte. Und die Frau Tanzmann stand dann wie eine Henne, die Enten ausgebrütet hat, am Teichrande und lockte und lockte und schrie sich heiser: Hüle, Hüle, Hüle! Die „Hüleken" kamen aber nicht, sondern bliebe» bei den Wasserlinsen und hielten große schnatternde Reden, bei denen freilich auch nichts herauskam. Herr Tanzman» ging um die Wiese herum und kam zu einer Stelle, wo die alte Thalwand dicht und ziemlich steil an den jetzigen Uferrand des Sees heranstieß. Hier machte der See ein Knie, hier war er auch tief. während an dem gegenüber- liegenden flache» Ufer gelbes Schilf wieder auf eine stille Bucht mit seichtem Wasser hinwies. Ohne Ziveifel wurde die Uferwand von der Wasserströmung auf der steilen Seite immer weiter abgerissen und der abgeschwemmte Boden nach den schilfigen Stellen des Sees getragen. Herr Tanzmann konnte ganz genau er- kennen, wie sehr der See seit der jüngsten Erdepoche bis aus die Gegenwart das umliegende Gebiet verändert hatte. Da an einer Seile hatte er viele Morgen Landes angespült und der an- geschiveinmle Boden war sofort als Wiese, an der oberen Seite so- gar als.Kohlgarten" in Anspruch genommen worden. Dagegen hatte der See an anderen Stelle» sich redlich Mühe gegeben, den Ackerboden hinwcgzureißen. Was doch die Natur für ein oller Revolutionär ist, sagte Herr Tanzmann, hier reibt sie ein und dort spendet sie wie ein Äer» schwender. Ma» hätte sie längst eingesperrt, wenn man das dazu »öthige Geld nicht für andere ähnliche Lkulturzwecke brauchte! Eine Strecke weiterhin war der Seerand mit Gebüsch be- wachsen. Weiden, deren schneeweiße Filzkätzchen bereits zur Hälfte ans den dicken Knospen hervorlugten, gemahnten schon an den kommenden Frühling. Ueberhaupt konnte Herr Tanz- mann zu seiner Freude sehen, daß bereits das erste Leben in die Natur zurückkehrie. Hier und da regten sich auch an anderen Bäumen und Sträuchen, die Knospen. Eine gigantische Schwarzpappel, die an einem zum See führenden Wege stand, und eine graustämmige Espe, die mit ihren Ausläuiern ein wüstes Gesträuch bildete, hatten ebenfalls bereits ihre dicken Blüthenstände hervorgesandt. Das ist der allererste Frühling, sagte Herr Tanzman». Der kommt noch vor dem Vorsrühling. Aber von dem weiß nur der Neunhttndertneunundneuuzigste von Tausend. Und nur wer so ein alter Znkunstsspintisirer ist wie Sie, Herr Tanzmann, hat seine Freude daran mitte» in der Winterleere des Februar. Unter dem Gesträuch befand sich ei» breiler Schneeballstrauch, über und über mit knallrothen Früchten behängen, die sich vom Herbst her gut durch den Winter gerettet hatten. Der Heckenrosen- dusch, der daneben stand, halte dagegen seine Hagebutten bereits fast alle abgeworfen oder den Vögel» abgegeben. Herr Tanzman» konnte nur noch zwei davon erbeuten. Er sah sie an, drückte die Kerne heraus und ließ die fleischige Schale zwischen den Zähnen ver- schwinden, eine Leidenschasl, die er noch von der Zeit her hatte, wo er bei der Frau Tanzman» wohnte, seiner Mutter, und ei» tüchtiger achtjähriger Galgenstrick war. O. wie oft war ihm dann ein solcbes vcrinünsckites kratziges Härchen, mit denen die Fruchtkerne eingehüllt waren, im Halse stecken geblieben. Dann war guter Rath theuer. Frau Tauzmann empfahl: Wasser trinken, aber das Härchen kratzte iveiter, dann empfahl sie: ein Stückchen„Broikirstc" essen, aber das Härchen kratzte iveiter in Herr» Tanzmann's 5rel>le. Erst wen» sie init der großen Flasche Himbeer- sns, ans dem Keller hervorkam, wurde das Härchen und der junge Herr Tanzmann sanfnnüthiger. Nu» ging er schnellen Schrittes weiter a» einem kleinen Graben entlang. Dieser verband den See, de» er eben verlasse», mit dem anderen, zu dem er sich jetzt wenden ivolltc. Da, wo der Graben in den zweiten See mündete, stand ei» kleines, einsames Gehöft. Eine schwarze Baunnnasse umrahmte die kleinen Gebäude aus Fach- werk und Lehm. Die Dächer innren mit dem Schilf gedeckt. daS der Besitzer des Hofes selbst aus dem See geschnitten niid auf seine Gebäude gelegt halte. Herr Tanzmanii kannte ihn, es war sein alter, lieber Freund Mewis, der hier, eine halbe Stnnde von dem am jenseilige» Ufer liegenden Dorfe entferut, sein Land in all- gewolnilcr Weise bebaute. Mewis stand gerade im Garten nud schnitt mit seinem blitzenden Tascheiinlesser an seilten Obstbäumen hermn, und zivar gründlich. Als er den Wanderer koinmen sah, setzte er das Messer ab, steckte es schnell ein und rief fröhlich hinüber: Kiek' mal, der Herr Tanzmann! Na nu. Du oller Junge? Daran erkannte Herr Tanzmann, daß sein Freund noch der Alte geblieben>var, im übrigen halte er daran sehr geziveifelt. da er ihn inmitten einer Anpflanzung junger, geradstäminiger Obst- bäume sah. die er offenbar, aller ländliche» Gewohnheit zuivider, aus einer Baumschule bezogen hatte. Menschenskind! rief ihn Herr Tanzmann an. Ja, sagte Mewis, die habe ich mir voriges Jahr zugelegt. Ich will doch mal sehen, ob's nicht mit dem Obstdau geht. Und hast die Bäume da in den Sand hiueingescharrt, was? Na, versteht sich, ivohin denn sonst? Mewis, Mewis, sagte Herr Tanzmann, Du bist noch gerade so dumm, wie vor Jahre», als ich das letzte Mal von Dir ging. 6o? sägte Mewis. Giebst Du Deinen zwei Pferden Sand zu essen, giebst Du Deinen drei Kühen(oder wie viele Du jetzt hast) Sand, giebst Du Deinen Schweine» Sand? Das ja gerade nicht, sagte Mewis kleinlaut. Und Deinen Bäumen willst Du Sand gebe». Du nichtswürdiger Kerl? Da hast Du nun den Seeschlamin vor Deiner Thür und den Schutthaufen mit Kalk und Lehm hinter der Scheune. Und das hast Du Deine» Bäumen vorenthalte»! Da kann ich Dir schon sagen, von denen wirst Tu auch nicht eine Handvoll Aepfel ernten. Ja, sagte Mewis. möglicherweise kann das stimmen, die alte» Bäume haben auch nie was Rechtes getragen. Da stehst Du's. Wer was leisten soll, der mich auch was zu essen kriegen. Das ist die erste und letzte Weisheit in der Natur. Mein Vater, Herr Tanzmann, sagte Meivis feierlich, hat die Bäume auch stets so gepflanzt. Na ja. daran stehst Du, daß Dein Vater auch nicht klüger war wie Du. Das ist eben das schlimme, Ihr Landbewohner seid noch nicht genug Herren der Natur, Ihr steht»och zu sehr unter ihr, und wir Großstädter, wir sind zu sehr außerhalb von ihr, und das ist freilich vielleicht das allerfchlimmste! Du, Herr Tanzmann, ein Großstädter? sagte Mewis jetzt mit wachsender Ueberlegenheit. Dn, ein Großstädter? Du stammst doch auch aus dem Niederbarnimer Kreise wie wir anderen. Herr Tauzmann schwieg gekränkt. Sie schritten durch den Garte». in dem bereits die ersten Unkräuter, die rothe Taubnessel, das gelbe Kreuzkraut und die Vogelmicre ihre zu dieser Zeil sehr unausfälligen, unscheinbaren Blüthen entfaltet hatten. Von eine»» alle» Kastanien- bäum ließ ein Finkenweibchen ein munteres Pink-Pink-Pink er- schalle». Daun kamen ste au eine kleine, mit Bnchsbaum eingefaßte Rabatte, in der die Schneeglöckchen bereits unzählige, zarlweiße Blüthen getrieben hatten. Ach, das ist wirklich schön! sagte Herr Tanzmann. Mitte» im Februar schon solche Blumen, wie st? der Sommer kaum schöner hervorbringt. Kannst Tu Dir denken, Mewis, wie man sich über solche lachenden Frühlingsvorläuser srcut, wenn man mitten aus der düster» Großstadt kommt? Mewis sagte nichts, sondern pflückte einige der Blumen ab und fleckte sie Herrn Tauzmann ins Knopfloch. Damit war der Frieden zwischen beiden wieder hergestellt.— Curt Grotteivitz. Vlcmes IseuilloZon — Tic deutsche Presse im Jahre 1897. In der neuesten Nummer der„Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker" ist eine statistische Zlbhandlnug über die deutsche Presse enthalten, die in mehrfacher Hinsicht Interesse erregt. Abgeseher. von den Fachzeit- schriflen erschienen im Jahre 1697 im Deutschen iHciche 3477 politische bez. Jnsertionsblätter, verlheilt ans l7S2 Erscheinungsorte. Im ganzen genommen trifft im Deutschen Reich auf je 12 992 Einwohner oder ans 157 Quadral-Kilometcr eine Zeitung. In Oesterreich trifft eine Zeitung erst auf 72 299 Einwohner oder 1167 Qnadrat-Kilomcler, in der Schweiz schon eine ans 7531 Einwohner oder 197 Quadrat- Kilometer. Man kann aus diesen Ziffern die Einwirkungen der Preßgesetze deutlich erkennen. Wahrend die Schweiz, deren Presse unter den zum Vergleiche herbeigezogenen Länder» sich der größten Freiheit erfreut, auch den größte» Konsum an Lesestoff aufweist, bleibt Oesterreich infolge seines Preßgesetzes und seines Zeitungs- stempels weit zurück. Das Deutsche Reich zählt neun Zeitungen, die öster als täglich zweimal erscheine»; Oesterreich hat kein derartiges Blatt aufzuweisen, die Schweiz besitzt eins. Zln wöchentlich 12 bis 13 mal erscheinenden Zeitungen besitzt Deutschland 79, 6— 7 mal wöchentlich erscheinen 1135, 2—5 mal 1745 Blätter. Der Jnsertions- Zeilenpreis in diesem Blätterwalde variirt zwischen 5 Pf.»nd 3 M.; in bezug ans die politische Richtung bezeichnet sich reichlich die Hälfte der Zeitungen als„parteilos". Außerdem erscheineir im Deutsche» Reiche iwch 3956 Fachzeitschriften, die sich auf alle Zweige des uicuschlichen Wissens und Slrebens verlheilen.— Theater. Im Thalia-Theater wurde am Sonnabend„DaS neue Ghetto" von Theodor H e r z I zum ersten Male aus- geführt. Nach der Wiener Ausführung war an dieser Stelle schon von dem Stücke, als einer der wirrsten Zeilerscheiunnge», die Rede. Bon seilen der Wiener Presse aus war freilich dem Schauspiel eine schivindclhafte Reklame gemacht worden. DaS Stück ist literarisch völlig ohne Belang, und als«streilrnf betrachtet ist es demagogisch im bösen Wortsinn und rabulistisch zugleich. Das neue Ghetto selber, ivie der trampelnde Beifall, der ihm von Börsen- und Bankjnuglingen im Tdalia-Theater zu theil wurde, sind nur ans überhitzter Leidenschaftlichkeit und aus den» Trotz vcr- ivundeler Eitelkeiten zu verstehen. In seinem innersten Kern ist das Drama der Ausdruck nationa- lislischer Bourgeoisie; an und sür sich bleibt es gleichgiltig, ob diese Bourgeoisempfindung sich jüdisch-national. französich und deutsch äußert. Für den Mann von sozialistischer Empfindung sind die Reden und Debatten in dem Stücke tönende Worte ohne Inhalt. Der Bode», auf dem solch' Schauspiel gedeihen konnte, liegt ans einer Welt, die der Welt von Lessing's Nathan diametral entgegengesetzt ist. Aber richtig, es kommt im neuen Ghetto doch ein sozialistisches Moment vor. In das behagliche Arbeitszimmer des Advokaten Dr. Samuel in Wien tritt ein ller Grubenarbeiter. Er ist aus seiner Heimath bei Laibach nach Wien gereift, um sich im Austrag seiner Arbeitsgenosseu wegen unleidlicher Zustände ans den Gruben des Herrn v. Schromm zu berathen. Der Advokat erfährt von grauenhaftem Elend. Bescheiden, ja demülhig vertrauend ivar ibm der alte Bergarbeiter genaht: ein Mensch dem anderen. In keinem Blick, in keiner Miene war das Juden.» thum des Dr. Samuel gekränkt worden. Der Arbeiter vertraut, weil er hört, dieser Samuel sei ein anständiger Manu. Tausende und Abertausende seiner Mitbürger empfinden so, ivie dieser alte, durchaus nicht sozialdemokratische Bedink.(So heißt der Slovene.) Aber was diese Tausende denken, ivie sie handeln, das berührt den Dr. Samuel nicht. De» Leuten giebt er wohl gern das Almosen seiner Hilfe, sonst sind sie Lust für ihn. Nur was ein relativ kleiner Theil seiner Klassengenoffcn über die Juden denkt, verbittert ihn und bewirkt, daß er ewig einherschreitet wie ein Märtyrer. Ihn selber achten viele seiner christlichen Mitbürger ans gleicher gesellschaftlicher Kaste. Das ist ihm nicht genug. Auch seine Verwaudtschast und seine Umgebung sei gewissermaße» heilig! Man hat in Wien gerade die Wirklichkeitsdarstellung in den jüdischen Fainilienscenen gerühmt. Mir kommt schon die Voraus- sctzung unwahrscheinlich vor Eine Familie ohne jede» Gemeiusin», ohne jenes Gefühl für Welt- und Slaatsbürgerthum, wird ihre Tochter nicht an einen Mann verheirathen, der ein„unpraktischer Schwärmer", ein Rechtskämpfer und Idealist sein will. Zumal wenn diese Tochier in Ucppigkeit erzogen ist. Nach den Vorstellungen solcher Menschen muß das schleichende Raublhier. der Börsen- könig Rheinberg, im Stücke der würdige Schwiegersohn sein. Wie käme der zur Verschivägeruug mit dem Habe- und TangenichtS Dr. Jacob Samuel? Nun, vielleicht ist ein Wunder geschehe», oder die würdige Familie hofft, nach der Ehe würde der Advokat schon vernünftig werde», wie andere Advokaten auch. 'Aber der Samuel fährt lieber nach Laibach und stellt seine Kraft halbverhungerte» Bergleuten zur Verfügung, als daß er an- rüchige Geschäfte machte. Sehr schön! Wenn der Mann so empfindet, wie verträgt er es, seinen Schwager Rheinberg und das ganze Gesindel immer um sich zu haben? Reinliche Scheidung vor allen Dingen! Wie verlangt er nur, daß sein christlicher Freund, der Dr. Wurzlechncr, als sauberer Manu nicht rieche, waS eben übel riecht? Er ivirft dem Rittmeister v. Schromm, als er diesem das Un- recht vorhält, was er an seinen Bergarbeitern verbrochen, mit bezug ans seine eigene Thätigkeit das voll klingende Wort ins Gesicht: „Der Jude that die Christenpflicht!" Es handelt sich aber nicht um Juden- und Christeupflicht, sondern um Menschlichkeit; und wenn Herr v. Schromm nicht, wie ihn Herzl darstellt, der verkommene Junker wäre, so könnte er dem Dr. Samuel gelassen erwidern:„Schreien Sie nicht so, Verehrlesler. Was"Sie mit ihren guten Rathschlägen und ihrer Einzelhilfe an den Arbeitern in Dubnitz getha», ist eine Bagatelle gegen die Ver- Wüstungen, die ihre schwägerliche Kanaille, der Herr Rheinberg mit seinen Schwindcloperntioncn in demselben Dubnitz angerichtet hat. Ich bin ei» leichtsinniger Kavallier»nd wußte nicht, wie's da draußen in Dubnitz zugeht. Das ist meine Schuld. Ihr Schwager aber handelt mit offenen Augen, wie ein sprungbereites Raubwild." Allein für die Gallerie, wenn sie so besetzt war, wie jüngst am Sonnabend, ist solch' löneudcs Wort: Der Jude that die Christen» Pflicht, ein willkommener Borwand zur Demonstration. Baron Schromm, der durch Rheinberg gänzlich ruinirt ist, läßt sich in seiner Erregung zu dem Wort„Judenpack!" hinreißen. Nun wird Dr. Samuel völlig wütbend. Er nimmt gar keine Rücksicht darauf, daß ein zu gründe Gerichteter so gesprochen hat. Er vcr- langt, wo möglich, daß dieser Schromm wie der alte Gobbo zum Shylock spreche: Verehrter Herr Jude! und giebt dem Baron eine Maulschelle. Es folgt das übliche Duell, Dr. Samuel wird lödtlich verwundet und predigt allerlei Jndenstaatlichcs, er, der immer auf kleinlich äußere Würde, nie auf den Eigcnwerlh einer freie» Persönlichkeit gebaut hat. Um solcher reaktionäre» Verirrnng willen war so viel Lärm geschlagen worden! Das ist das Ergebniß kraukhaster Zustände. Das Stück wurde recht wacker gespielt. Eine hübsch karrikirte Rolle, die des naiven Vörscnhallunken Wasserstei», gab Herr Sachs dem Publikum sehr zu Dank. Herr Wirt aus München gab den Samuel so geschickt, daß die hölzerne Figur wenigstens nicht lächer- lich wurde; und Herr Eggling in der Episode des alten Vednil ergriff durch seinen schlichte», warmen Vortrag.— Das Neue Theater führte am Sonntag in einer Mittags- Vorstellung das Schauspiel„Die Komödie" von Friedrich E l« bogen, einem Wiener Rechtsanwalt, auf. Diese Mittagsvorstellungen, mit denen Direktor Lautenburg uns droht, sind unerfreulich. Sie zieheir kein Publikum heran, die über- müdetc Kritik und ihr Anhang sitzt zu Gaste, und den Autoren wird Sand in die Augen gestreut. Man bringt die Stücke heraus, weil man kontraktlich verpflichtet ist; aber man bringt sie mit belasteten Schauspielern und nicht vor voll empfänglichem Publikum an Sonntags-Mittagen heraus. Man hat sie einmal aufgeführt: dann sind sie i» der Regel begrabe». Das Klügste wäre, die Krttll« streikten, wie sie zum größte» Theil den„Theuter-Probir-Vereinen" gegenüber es thnn. die zur Zeit überwuchern. Zu den begrabenen Stücken wird das Elbogen'sche gehören. Darum sei ihm keine lange Leichenrede gehalten. Herr Elbogeu hat inaucherlei schon dilettantisch getrieben, auch die Bekämpfung des Sozialismus durch den frei- herrlichen Individualismus. So hat er denn auch dilettantisch ein Stück geschrieben, worin ein seltener Fall aus der Praxis eines Anwalts geschildert wird..Buchstäblich wahr", sagte die Reklame. Das kann schon stimmen: aber was nutzt die wahrste Geschichte, wenn sie kein Draniakiker behandelt? Die Seltsamkeit ist die: Ein alter Major will sich von seiner Frau scheiden lassen, weil die ihn vor dreißig Jahren mit einem Schauspieler betrogen hat. Früher konnte er sich nicht scheiden lassen, wegen seiner Familienverhältnisse: da war ein Kind, später eine Enkelin zu erziehe»; die sollten nicht in de» Familienschmntz gezerrt werden. Das seltsamste kommt aber noch: Gerade jener Advokat, dem der Major den Scheidnnsprozeß überträgt, hat mit der vcr- heirathete» Enkelin des Majors ein ehebrecherisches Berhältniß. Vielleicht hat sie die Ehebrucügelüste von der Großmutter geerbt. Natürlich giebt's die übliche Schießerei, und die Frau des Majors tödtet sich selber; sie kann de» neuen Skandal nicht überleben. Frau Reisen hofer und Herr Jarno bemühten sich ver- gebens. Sie konnte» das spitzfindig ertüstelte Drama nicht lebendig machen.— — U. Die„Freie Volksbühne" hat am Sonntag im Friedrich. Wilhelmstädtischen Theater die erste ihrer Aufführungen der„Luftigen Weiber von Windfor" von Shakespeare veranstaltet. Man hat von vornherein einige Zweifel hegen können, ob das Stück die rechte Aufnahme finden würde, und es ist auch jetzt noch schwer, die Art der Wirkung festzustellen. Daß die derbe, nnvcrwüstlich« Komik der Situationen, in die der edle John Falstaff bei seinen Abenteuern gebracht wird, eine große Heilerkeit entfeffeln würde, war freilich vorauszusehen. Durch die neue Bearbeitung des Lustspiels, die von Herrn Halm besorgt war und die es technisch gewiß zur Anfsührung geeigneter gemacht hat, ist aber die grob sachliche Wirkung gar zu stark in de» Vordergrund gedrängt. Das Fremde, das eine getreue Uebersetzung für unser Ohr haben würde, war möglichst vermiede», die Sprache nnferem Gesprächston angepaßt. Nicht gut übersetzbare oder unverständliche Wortspiele hatte der Bearbeiter einfach gestrichen, längere Reden überhaupt stark gekürzt. einzelne Ausdrücke und Bilder des Originals durch andere, die uns vertrauter klinge», ersetzt. Dadurch war die Sprache zwar ver- ständlicher und flüssiger geworden, aber die künstlerische Eigenart oes Shakespeare'schen Dialogs, die zugespitzte, feingeschliffene Form, das Spielen mit den Worten und allen mög- lichen, oft verfänglichen Beziehungen, die witzigen Pointen, all das hatte zu sehr gelitten. Da die Schauspieler ohne Ausnahme überdies im Ton« stark übertrieben wid stellenweise geradezu karikirten, so wurde aus dem Lustspiel fast nnr das herausgearbeitet, was es an possenhaftem Charakter in sich trug. Wenn daher auch die übermüthigen Tollheiten des Lustspiels viel belacht wurde», so ist doch zu bezweifeln, daß diese Aufführung der„Freien Volks- bühne" einen nachhaltigen Eindruck hervorgerufen hat. Man hörte schon in den Pansen ans vielen Gesprächen heraus, daß ziemtich schnell eine gewisse Ernüchterung eingetreten.— Knnst. Dem städtischen Museum in Leipzig wurde von einem reichen Leipziger Bürger ein von Sascha Schneider herrührender großer Karton als Geschenk angeboten. Das Museum aber hat, wie die„Leipz. Volksztg." mitlhellt, die An- nähme— verweigert.— Es scheinen„Sittlichkeitsgründe" maß- gebend gewesen zu sein.— Archäologisches. — Ans einem Ziegelfelde in Zülpich wurde ein interessanter tu n d römischer Wafseu gemacht. Es fanden sich in einer litferiiimg von etwa ll) Metern von der jetzigen Etraßenkaiite der alten Zülpich-Kölner Römerstraße in einer Tiefe von 1 Meter die Waffen zweier römischer Soldaten(hastati), bestehend aus den Spitzen zweier Wurflanzen(pilurn), zwei Schwertern, drei Lanzen- spitzen(hasta), einem Dolch, zwei Schildbuckeln und verschiedenen kleineren Eiseiitheilen, sowie versilberten Kupferblechstücken. Die letzteren scheinen Berzierimgcn der Wehrgehänge und Schwerlscheiden gewesen zu sein. Die Fuiidstücke sind fast alle sehr gut erhalten, besonders die 80 Centiineler langen Schwerter, die Wursianzen und die beiden Schildbuckel. Letztere sind ans Eisen und mit kleinen Sitberplältchen von der Größe eines Markstücks verziert, die trotz ihrer fast lauseudjäbrigeii Ruh« in der Erde eine so frische Politur zeigen, als wäre» sie eben ans der Hand des Waffenschmiedes ge- kommen.— Technisches. — Karten aus Aluminium sind in letzter Zeit in England ein sehr beliebter Artckel geworden; und zwar bedient« man sich dieses leichten Materials in großen Mengen zur Neber- mitieliing des dort üblichen WeihnachtsgrußeS als„Christinas card". Die große Beliebtheit. deren sich diese Neuerung erfreut, hat ihren Grund uickit nur in der großen Leichtigkeit des Alnniiniuuts, die sür einfaches Porto die Versendung von 2—3 Karten gestaltet, sonderu vorzugsweise in dem prächiigen Eindruck, den das bemalte glänzende Melall macht. Dicke Wasserfarben eignen sich besonders zur Be- maluug. Die Karte machl in einer schwarzen und goldenen Um- rahmuug einen entzückenden Eindruck und der Glanz ihrer Farben erinnert an Seide.— Humoristisches. — Die wirkungsvollste Hamlet-Aufführung, die ein Theater je erlebt zu haben jicki rühmen dürfte, kam vor einigen Tagen in einer kleinen englischen Provinzstadt zu stände. Eine reisende Schauspielertrnppe halte für den Abend eine Hamlet- Vorstellung angesagt, und da die Leute wirklich gut spielten, war schon am Nachmiltag das ganze Haus ausverkauft. Nun erkrankte plötzlich die Darstellerin der Königin. Ratblos irrte der Direktor umher und brachte schließlich in Erfahrung, daß in dem Orte eine Schauspielerin lebte, die seit einigen Monaten ohne Engagement war. Sofort wurde zu der Dame hin- geschickt, und sie erNärte sich auch gern bereit, die Rolle der Königin zu übernehmen. Ihre Garderobe hatte sie zwar motten- sicher verpackt, doch schnell waren die iiothwendigen Kleidungsstücke hernnsgesiicht, und eben noch rechtzeitig erschien die imposante Figur der Mutter Hamlel's auf der Bühne. Ihr stolzes, siegesgewiffes Auftreten machte auf das Piibtikiim den besten Eindruck, üble aber auf die anderen Btthiieiimitglieder eine höchst originelle Wirkung ans. Der König schien emiae krainpfhafle Versuche zu machen, seine Würde zu bewahren, brach aber plötzlich in so heftiges Niesen ans, daß die nick l allzu festen Bretter, ans denen er stand, bedenklich erzitterten. Sämmtliche Höflinge, die Ehrendamen. alle folgten sie dem königlichen Beispiel. Nun erschien Hamlet mit einer tief tragischen Miene, doch nach einigen konvulsivischen Be- ivegnngen, die feine prinzlichen Züge verzerrien, verhüllte er das Haupt mit seinem düstcre» Gewände, und Niesen ans Niesen war alles, was das verblüffte Pnbliknm zu hören bekam. Dnntelroth vor Zorn trat zn guierletzl noch der Regisseur hinter den Kouliffe» hervor, um nach der Ursache der eigenartigen Epidemie zn forschen. Aber ehe der Gestrenge noch zu Worte kommen konnte. brach mich er in markerschiitlerndes Niesen aus. Zwischen den Lachsalven der stürmisch applaudirende» Zuschauer und dem immer noch nicht endeiiwolleiiden Niesen auf vor Bühne senkte sich der Vorhang. Wie sich dann herausstellte, halte die fremde>schmi- spielerin es in der großen Hast versäumt, ihre königliche Robe, die sie zum Schutz gegen die Motte» stark eiligepsesjert hatte» ge- iiügeud auszuschütteln.— Vermischtes vom Tage. y. In der Ortschaft D ü d r a u(Mark) sind die drei Kinder eines FiillerkiiechleS, die von den Eltern während der Arbeitszeit in der Wohnung allein gelassen waren, erstickt. Sie hatten mit Streich- hölzern gespielt und die Wohnung in Brand gesteckt.— — In Gera wollte ein Geizhals seine Freunde um die übliche „Schlachischüffel" bringen. Damit das Schwei» feinen Tod nicht durch Schreien verriethe, lieb er es kurz vor dem Schlachten ch l o r o s o r m i r e n. Das Sänlein empsiiig denn auch still den Todesstoß. Die Geschichte aber kam doch Heraiis, die„Schlacht- schlisset" mußten geliefert werden, und den Spott halte der Filz noch obendrein.— — Dr. Rudolf Leuckart, Profeffor der Zoologie und Zootomie an der Universität in Leipzig, ist gestorben.— y. In der Nähe von Helgoland wurde am Freitag ein lebender Walfisch angetroffen, der wahrscheinlich von den letzte» Slürinen dorthin verschlagen wurde. — Reste einer römischen Wasserleitung wurde» ia Langenlonsheim bei Kreuznach in etwa 1 Meter Tiefe aus- gedeckt.— — In Mannheim hat der H o f o p e r n s ä n g e r A b e l eine R e c e n s e n t i ii, die sich über seine Leistiingeii ungünstig aus- gesprochen, in ihrer Wohnung mißhandelt.— — Bon der Präger Polizcidirektion ist die Anfsührung von Siiderinann'S„Johannes" im Prager Laudestheater ver- boten worden, weil der der Bibel entiiominene Stoff Aergerniß konfessioneller Natur erregen könnte.— — In Währing bei Wien wurde die Frau eines Kon- d n k t e u r s von ihrem elfjährigen Sohne, der mit einem ge« ladenen Kugelstutzen hantirte, erschossen.— c. e. An die El« nientarlehr«rinnen im I a r a n sk e r Kreise, Gouvernement Wjalka(Rußland), wurde vom Volksschul- inspckior das Ansinnen gestellt, falls sie heirathen wollten, nur Lehrer der Volksschule zu nehmen.— — Ein vierzehnjähriger Othello hat in London ans ein zehnjähriges Mädchen, dem er„den Hof machte", ge- schössen und sie verletzt, weil sie einen anderen„erhörte".— — In London hat ein Millionär das Gemälde des fran- zösischen Maers Dagnan Bouveret„Christus und seine Jünger in Emmans" für 20 000 Pfd. Sterl.(ca. 400 000 M.) angekauft.— Verantwortlicher Redakteur: August Jacobcy in Berlin.' Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.